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Sonntag, 3. November 2013

198 »Elefanten, Tempel und die Göttin«

Teil 198 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Erinnerungen an einen Mord - Foto: Ingeborg Diekmann
Die Welt der Göttinnen und Götter Indiens ist uns fremd. Wie einfach und übersichtlich ist doch der monotheistische Eingottglaube im Judentum, im Christentum und Islam! Besonders einfach haben es wir Christen. Namen müssen wir uns nur einen merken: Jesus hat als Sohn Gottes zu gelten. Gottvater hat keinen Namen, der »Heilige Geist« auch nicht. Wer oder was der »Heilige Geist« ist, das weiß in der Regel auch der eifrigste Kirchgänger nicht wirklich.

Das »Alte Indien« hingegen kennt eine nicht zu überblickende Fülle von weiblichen und männlichen Gottheiten, deren Namen für uns unaussprechbar kompliziert sind. Ich habe vor Ort in Indien manch blasierten Westler erlebt, der sich über »dummen Aberglauben um Elefanten, barbusige Göttinnen und mächtige Kriegergötter« mokierte. »Die Inder wissen doch selbst nicht, wie viele Göttinnen sie anzubeten haben!« Bei etwas gründlicherem Hinsehen wird aber deutlich, dass es immer die gleiche Göttin ist, die in unterschiedlichsten Gestalten mit unterschiedlichsten Namen auftaucht.

Wir westlichen Besucher uralter indischer Tempel freuen uns, wenn wir auf mächtige, geduldige Dickhäuter treffen. Die zum Teil gewaltigen Kolosse sind sehr oft reich geschmückt. Wir dürfen sie streicheln und genießen es, wenn uns so ein Riese mit dem Rüssel sanft unser Gesicht streichelt. Wo sonst kommt man schon in den Genuss, das weiche Rüsselende eines Elefanten so deutlich zu spüren? Wo sonst darf man so einem tonnenschweren Dickhäuter in die listig blinzelnden Äuglein schauen? Man darf die Riesen füttern. Und sie nehmen Spenden in Form von Münzen, aber auch Scheinen geschickt mit dem Rüssel entgegen und reichen sie an ihren Menschen weiter, vermutlich für »Wo am nötigsten!«

Ganesha hat einen Elefantenkopf - Fotos: W-J.Langbein

Parvati, Gattin des Supergottes Shiva, soll – so besagt es ein uralter heiliger Mythos – einst aus Schlamm und Wasser einen Mann erschaffen haben, Ganesha. Die sakrale Überlieferung ist sehr viel älter als der Schöpfungsbericht der Bibel. Alberner Aberglaube? Mancher Christ lächelt herablassend über eine Göttin, die einen Mann aus Wasser und Schlamm kreiert. In der Genesis wird der erste Mensch vom männlichen Gott aus Lehm erschaffen. Was ist nun Aberglaube, was wahre Religion?
Als Shiva den offenbar recht attraktiven Adonis nackt im Schlafzimmer antrifft, so wird überliefert, schlägt er ihm in rasender Eifersucht den Kopf ab ... dem eigenen »Stiefsohn«. Von tiefer Reue gepeinigt verspricht er, dem Kopflosen ein neues Haupt zu schenken ... Das nächste Lebewesen, das des Wegs kommen würde, soll dann ebenfalls geköpft werden. Kurz darauf trottet ein Elefant vorbei, verliert seinen Kopf ... und Ganesha erhält auf seinen menschlichen Leib einen Elefantenkopf.

Als kurios, ja grotesk empfinden wir eine Gottheit mit dem Leib eines Menschen und dem Haupt eines Elefanten. Gewöhnt haben wir uns aber an die sogenannte »Trinität« im Christentum: Gottvater, Gottsohn und Heiliger Geist als eine Einheit. Die »heilige Trinität« ist allerdings Jahrtausende älter als das Christentum. Im »Alten Indien« gab es im ganzen Land zahlreiche Heilige Plätze der Göttin, die so viele Namen hatte. In Kanchipuram wurde und wird »Sri Kamakshi« verehrt, eine Verkörperung von Shivas Gattin Parvati alias »Sri Kamakshi«.

In Kanchipuram residierte »Sri Kamakshi« an einem heiligen Ort, genannt  »Nabisthana Ottiyana Peetam«. Die Göttin, so heißt es, stellt die Verbindung zwischen Göttern und Menschen her. Sie ist wunderschön und gütig. Auf ihrem Haupt trägt sie eine Krone aus Mondstein. Von diesem kostbaren Schmuck gehen göttliche, heilsame Strahlen aus. Der Name der Göttin, »Sri Kamakshi«,setzt sich zusammen aus »Ka« (Göttin der Erziehung und Bildung), »Ma« (Göttin des Wohlstands) und »akshi« (zu Deutsch: »Auge«). Was das zu bedeuten habe, erkundigte ich mich wiederholt in Kanchipuram. Meine Frage löste immer wieder Erstaunen aus.

Teil des Kamakshi-Tempels
Foto: W-J.Langbein
»Sie sind Christ?«, fragte mich ein Physikstudent aus Kanchipuram zurück, als ich mich  nach dem Sinn von »Kamakshi« erkundigte. Der junge Mann blieb sehr höflich, verbarg aber nicht seine Verwunderung über meine aus seiner Sicht wohl nicht eben intelligente Frage. Kennt doch jedes Kind die Antwort! »Wenn Sie Christ sind, dann sind Sie doch mit der Trinität vertraut! Die Göttin Kamakshi ist eine weibliche Dreifaltigkeit. Die Göttin ist eins mit zwei weiteren Göttinnen ... Die Göttinnen ›Ka‹ und ›Ma‹ sind in ihr.«

So exotisch-fremdartig mir die Göttinnen und Götter Indiens auch anmuten mögen ... so glaube ich doch die religiöse Weisheit Indiens zu verstehen. Götter und Göttinnen stehen für die Kraft, die hinter allem steckt. Parvati, Gattin Shivas, Schöpferin von Ganesha, ist die »Mutter des Universums«. Sie zeigt sich auch ... als schwarze Göttin Kali. Kali ist die Verkörperung von Zeit und Natur. Kali hat drei Funktionen: Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung.

Der atheistische Wissenschaftler, der heute mehr über die Entstehung des Kosmos weiß als alle seine Vorläufer zusammen, kann nach wie vor die Frage nach dem »Warum?« nicht beantworten. Warum kam es zum »Big Bang«? Warum dehnt sich das Universum aus, nachdem es zu Urzeiten auf einen Punkt konzentriert war? Wird sich die Ausdehnung irgendwann umkehren? Wird sich das Universum wieder zusammenziehen? Wird es wieder implodieren ... um neu zu explodieren? Dehnt es sich aus, schrumpft es wieder zusammen ... wie ein pochendes Herz oder eine atmende Lunge?  Welche Kräfte verursachen die Entstehung des Universums? Die modernen Wissenschaftler von heute wissen letztlich nicht mehr als die Weisen Indiens vor vielen Jahrtausenden. Die »Alten Inder« gaben den Kräften, die wir bis heute nicht begreifen können, Namen: die Namen von Göttinnen und Göttern! Die Himmlischen erschaffen, erhalten, zerstören und rufen eine neue Schöpfung ins Leben.

Kali, die Göttin, verkörpert Zeit und Natur. Kali hat die Funktionen Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung... Ist das nicht das Prinzip, für das unsere hochmoderne Wissenschaft nur keinen Namen gefunden hat... das Prinzip vom Entstehen, Werden und Vergehen? Kali verkörpert den unendlichen Prozess der Entstehung, des Seins, der Zerstörung... und neuerlichen Entstehens. In der Unendlichkeit der Zeit werden und vergehen Galaxien ... In der Unendlichkeit der Zeit wirken die Kräfte der Natur.

Eine schwarze Madonna
Foto: Heidi Stahl
Seltsam: In der christlichen Kunst taucht auch immer wieder eine schwarze »Heilige« auf. Sie wird von evangelischen wie christlichen Christen eher diskret behandelt ... die »schwarze Madonna«. Ich bin davon überzeugt, dass die »schwarze Madonna« nichts anderes ist als eine Göttin aus heidnischen Zeiten in christlichem Gewand! Welcher Gläubige, der im Lugenser Wald (Bad Birnbach) zur »Schwarzen Madonna« betet, denkt dabei wohl an die schwarze Göttin Kali aus Indien?


Viele, vielleicht die meisten, indischen Tempel aus uralten Zeiten sind längst verschwunden. Sie wurden im Verlauf der Jahrhunderte abgetragen. Aus ihren Steinen wurden neue sakrale Bauwerke geschaffen. So gut wie unbekannt ist die wahrscheinlich älteste Tempelkultur Indiens ... unter den heiligen Städten, in der sprichwörtlichen Unterwelt! Für mich gibt es keinen Zweifel, dass unter der alten Stadt Mahabalipuram ein verzweigtes Netz von unterirdischen Tunneln darauf wartet, wissenschaftlich entdeckt zu werden. Vor Ort erhielt ich immer wieder Hinweise auf diese für Fremde verbotene Welt. Selbst Einheimische, so heißt es, wagen sich nicht in die unerforschte Welt. Vom Varagha-Tempel aus soll man in die Unterwelt hinab steigen und in breiten Tunneln bis nach Kanchipuram gelangen können – unterirdisch! Zwischen beiden Städten liegen fast 70 Kilometer!

»Wenn es noch irgendwo die ältesten Tempel der Göttin gibt, dann sind es unterirdische Höhlentempel, in Mahabalipuram und in Kanchipuram, zum Beispiel!«, diese Information wurde mir bei intensiven Gesprächen mit Ortskundigen immer wieder gegeben, vor Ort in Mahabalipuram und Kanchipuram. »Warum darf man die unterirdischen Gänge und Tempel nicht besuchen?«, wollte ich immer wieder wissen. Teils erntete ich hilfloses Achselzucken als Antwort, teils wurden »Sicherheitsprobleme« als Begründung genannt. Und von »Entweihung heiligster Orte« war die Rede ... »Begnügen Sie sich doch mit den überirdischen Tempeln!«, riet mir ein Reiseleiter.

Ein Tempelturm ragt in den Himmel ...
Foto: W-J.Langbein
Meiner Information nach sind es die ältesten Shiva-Tempel, die Verbindung zu den unterirdischen Tempeln haben, zu den Tempeln von Shivas Frau, zur Muttergöttin, zur Urgöttin.

Thomas Ritter, Weltreisender und Autor, bestätigt die Existenz der unterirdischen Anlagen. Ritter schreibt (1): »Mahabalipuram birgt auch unterirdische Geheimnisse, die bislang kaum bekannt sind. Im Süden des Ortes errichteten die Engländer um 1910 den modernen Leuchtturm, der bis heute seinen Dienst versieht. Unterhalb dieses Leuchtturms auf der Landseite des Felsplateaus wurde in ferner Vergangenheit ein Höhlentempel aus dem harten Gneisgestein herausgearbeitet. Dieser Varagha-Mandapam wird noch heute von einer Brahmanen-Familie betreut und ist eigentlich nur für Hindus zugänglich ... Nicht nur die ausgezeichnet erhaltenen Skulpturen und Reliefs machen den Mandaparam so interessant, sondern sein Eingang zu dem geheimen Labyrinth von Tunneln und unterirdischen Straßen, das von hier bis in die alte und heilige Hauptstadt Kanchipuram führt.«

Leider ist es mir nicht gelungen, in diese Unterwelt zu steigen. Von »amtlich versiegelten Eingängen« bekam ich zu hören, von »eingestürzten Tunneln«, von »religiösen Wächtern« wurde mir erzählt, die nur strenggläubige Hindu einlassen. Ganz aufgegeben habe ich aber das Projekt »Indiens Unterwelt« noch nicht ... Werde ich je in einen der Eingänge zur Welt unter den prachtvollen Tempeln gelangen? Wo könnte ich um eine entsprechende Erlaubnis ansuchen? Seit bekannt ist, dass Indiens Tempelkeller Milliardenwerte an Gold und sonstigen Schätzen zu bieten haben könnten ... wird die »Unterwelt« strikter denn je bewacht!
Vor rund fünf Jahrtausenden blühte im fruchtbaren Indusgebiet eine uralte Kultur, deren Wurzeln sich in der mystisch anmutenden Frühzeit verlieren. Wir wissen wenig Genaues über die Religion dieser städtischen Kultur. Bei archäologischen Ausgrabungen wurden Amulette und Phallus-Symbole entdeckt. Vermutlich herrschte damals das Matriarchat, das Mutterrecht.

Was mag unter diesem Tempel
zu entdecken sein?
Foto: W-J.Langbein
Vor rund dreieinhalb Jahrtausenden drang ein fremdes Volk aus dem Nordwesten ein. Die Invasoren nannten sich selbst »Ayra«, »die Edlen«. Jahrtausende später eigneten sich die Ideologen des III. Reiches diesen Namen, verdeutscht zu »Arier«, an. Mit den Invasoren kamen neue Gottheiten. Zwei religiöse Welten prallten aufeinander: die der Göttinnen der Urbevölkerung (Harappaner) des Indusgebiets und die männlichen Gottheiten der Eroberer (Ayra). Eigentlich sind es immer die militärischen Sieger, die die Geschichte schreiben ... und die bestimmen, woran „man“ im Volke zu glauben hat. So schien es auch in Indien zu geschehen. Die Ayra kämpften sich unaufhaltsam in Richtung Osten vor. Sie verwüsteten die Ur-Kultur auf ihrem Vormarsch. Sie versuchten anfangs wohl auch, den Besiegten ihren Glauben aufzunötigen. Doch je weiter sie in fremdes Terrain vorstießen, je länger sie gegen die Nachfahren der heimischen uralten Kultur kämpften, desto weniger konnten sie selbst sich der alten Religion der Einheimischen entziehen.

Gibt es bis heute geheim gehaltene Relikte des Matriarchats in der Unterwelt ... unter den prächtigen Tempeln Indiens?

Fußnote:
1 Ritter, Thomas: »Unterirdische Geheimnisse in Südindien – Spuren aus dem Untergrund«, veröffentlicht in Knörr, Alexander und Roth, Roland: »Terra Divina«, Groß Gerau, Oktober 2012, S. 15-25

Literaturempfehlung:

Walter-Jörg Langbein: »Die Geheimnisse der sieben Weltreligionen«, Köln 2007

Der Spuk von Gangaikondacholapuram,
Teil 199 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 10.11.2013

Sonntag, 17. März 2013

165 »Nach Indien, der Götter wegen ...«

Teil 165 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Autor Langbein in
Vijayanagara - Foto:
Ingeborg Diekmann
Mich haben uralte »Heilige Texte«, wie das Mahabharata, und eine mysteriöse Stadt nach Indien gelockt. Altindische Texte berichten von riesigen walzenförmigen Städten, die sich um die eigene Achse drehten ... und das im unendlichen All. Aus diesen Monsterschiffen sollen kleine Vehikel geflogen und zur Erde hinabgestiegen sein. Sie pendelten zwischen »Mutterschiff« und Erde.

Was wie Sciencefiction klingt ... wurde in altindischen Epen bereits vor Jahrtausenden geschrieben. Sollte das »Alte Indien« tatsächlich vor Jahrtausenden von Außerirdischen besucht worden sein? Kamen sie in gigantischen Generationen-Raumschiffen? Pendelten sie in Zubringervehikeln zwischen Mutterstation und Erde? Den altindischen Epen zufolge waren es Götter, die den Weltraum bereisen konnten. Und die über fürchterliche Waffen verfügten. Auch wenn es unglaublich klingt, so ist es doch real: Zwischen Gruppen von Göttern gab es im Himmel über Altindien regelrechte »Starwars«. Dabei wurden Raketen abgeschossen. Diese Götter lockten mich nach Indien! Und da war noch ein ganz besonderes Reiseziel ...

Hatte ich doch gelesen, dass sich dort einst Menschen und Götter getroffen haben sollen. Sie hieß Vijayanagara. Touristen verlaufen sich selten hierher ... in den Nordwesten von Hopset, auf halbem Weg zwischen Penukonda und Bijapur. Der Weg zu einer der geheimnisvollsten Stätten unserer Erde ist beschwerlich, führt über extrem schlechte Straßen.

Teil der Stadtmauer
von Vijayanagara
Einst war diese mysteriöse Stadt von einer wahren »Monstermauer« umgeben, die heute nur noch in Teilen erhalten ist. Noch heute lässt die Präzision der einstigen Steinmetze staunen. Wuchtige Steinquader wurden so präzise bearbeitet, dass sie fast fugenlos auf- und ineinander passen. Da passt auch heute noch keine Messerklinge dazwischen. Bei meinem Besuch löste mein Interesse an der »Monstermauer« Befremden unter den Einheimischen aus. Sollte denn dieser bleiche Fremdling mit einigen Gefährten aus dem fernen Europa nach Vijayanagara gekommen sein, um dicke Steine zu bestaunen?

Über die Geschichte von Vijayanagara, heute Hampi, am Tungabhadra gelegen, ist wenig bekannt. Im Jahr 1443 besuchte Abdul Razzaq, ein berühmter persischer Reisender, die mysteriöse Stadt. Staunend stellte er fest, wie er in seinem Tagebuch notierte: »Ich sah, dass sie (die Stadt) von enormer Größe mit riesiger Bevölkerung war, mit einem König von perfekter Herrschaft. Er besaß tausend Elefanten. Sie findet nicht ihresgleichen in der Welt!«

1565 fielen marodierende muslimische Armeen ein, mordeten und verwüsteten. Was wurde aus den Siegern? Was geschah mit den Verlierern? Wir wissen nicht viel. Ihre Vergangenheit verliert sich im Dunkel der Geschichte. Mag sein, dass in gewaltigen Archiven Indiens bis heute nicht erfasster schriftlicher Texte die genaue Historie von Vijayanagara erfasst wurde ... Bis heute imponieren die Reste der einstigen Monstermauer um Vijayanagara. Wer aufmerksam das riesige Areal durchstreift, steht immer wieder staunend vor Beispielen höchst präziser Steinmetzkunst.

»Von der einstigen Verteidigungsmauer ist so gut wie nichts mehr übrig geblieben ... « erklärt mir fast wehmütig ein einheimischer Guide. »Die muslimischen Truppen haben bei der Eroberung sehr viel zerstört.«

Reste einer Präzisionsmauer
Foto: W-J.Langbein
John M. Fritz hat zusammen ein großformatiges Werk über Vijayanagara geschrieben. Erschienen ist es bei »Aperture« in New York, gedruckt und gebunden wurde es in Würzburg ... und gekauft habe ich es vor Ort in Vijayanagara. Die Autoren fassen die besondere Bedeutung der Stadt in einer Kapitelüberschrift zusammen (1): »Where Kings and Gods Meet« ... Wo sich Könige und Götter treffen. Die beiden Autoren führen aus: »Wie andere antike Städte, wo menschliche Geschicke nicht von Mythen getrennt werden können, kann Vijayanagara nicht vollständig begriffen werden, wenn wir uns nur an historische und archäologische Fakten halten!« Weiter heißt es da: »Über zwei Jahrhunderte erfüllte die Stadt die militärischen, verwaltungstechnischen und hauptstädtischen Bedürfnisse von Herrscher und Hofstaat. Seine Funktion war aber eine wichtigere als die einer Hauptstadt eines Hindu Imperiums.

Tatsächlich war Vijayanagara die städtische Verwirklichung von kosmischen Prinzipien, die den Herrscher mit göttlicher Macht ausstattete.« Die Autoren erklären dass die Reiche von Königen und Göttern nicht separat voneinander existierten. Göttliches und Irdisches gingen ineinander über. Götter waren keine Geistwesen, sondern reale hoheitliche Wesen, wie zum Beispiel Gott Ganesha (»Herr der Scharen«), der sich in Vijayanagara großer Beliebtheit erfreute. Ganesha, häufig mit einem mächtigen Elefantenkopf dargestellt, wurde – wie der biblische Adam – aus Lehm erschaffen. Allerdings formte ihn kein männlicher, sondern ein weiblicher Gott, nämlich die Göttin Parvati, »Göttin der Berge«.

Ganesha darf in keinem Haus eines Hindu fehlen, gilt er doch heute noch als Gottheit des Glücks, als »Beseitiger der Hindernisse«, der Weisheit und des Neuanfangs. Es gibt kaum eine Situation im Leben eines Hindu, in der nicht Ganesha angerufen werden kann!

Ein Ganesha in Vijayanagara
Foto: W-J.Langbein
Vijayanagara war einst ein Wunder der prachtvollen Baukunst. Und warum? Wollten die Baumeister nur Prunk bieten für eingebildete Herrscher? Nein! Es galt nicht, nur mächtigen Irdischen zu huldigen. Die Göttlichen waren genauso real wie die Irdischen! Was ist das besondere von Städten wie Vijayanagara? Antwort (2): »Die antiken Sanskrittexte waren Anleitungen (Handbücher) für den Bau von heiligen und säkularen Monumenten. Sie legen fest, wie man Hauptstädte anlegt, definieren den angemessenen dreidimensionalen Rahmen für Begegnungen von Königen und Göttern.«

Aus jener längst vergangenen Zeit der Vorgeschichte, als sich Götter und Menschen trafen, gibt es einige interessante Überlieferungen. Eine dominante Rolle spielte einer der bedeutendsten Götter Indiens überhaupt, der mächtige Shiva. Shiva wurde nicht als körperloses, unsichtbares Geistwesen angebetet. Er wurde als reales, mächtiges Wesen angesehen ... mit durchaus »irdischen« Gelüsten! So fand er Gefallen an hübschen Menschentöchtern. Und wenn eine Schöne nackt badete, wendete er sich nicht verschämt ab. Man könnte Shiva als »göttlichen Spanner« bezeichnen ... und als eitlen Geck. Selbstgefällig beobachtete Shiva, dass ihm eine junge, sehr attraktive Frau regelmäßig Opfer darbrachte.

Die Schönheit hieß Pampa und war eine Tochter des weisen Mantanga. Shiva begnügte sich nicht mit einer platonischen Beziehung. Er verliebte sich und heiratete die attraktive Menschentochter. So paarten sich Gott und Mensch. Der Eheschließung wohnte die Creme der irdischen Gesellschaft und Götter bei!

Noch heute gedenkt man in der indischen Stadt Hampi, dem heutigen Vijayanagara, dieser Hochzeit. Man feiert im »Virupaksha Tempel« (Virupaksha ist der örtliche Name Shivas). Tausende von Pilgern strömen alljährlich im Frühjahr herbei, um den rituell nachgestellten Zeremonien beizuwohnen. So wie Christen das Leben ihres Gottes Jesus Jahr für Jahr im Gottesdienst von der Geburt bis zu Tod und Auferstehung feiern, so erinnert man sich möglichst plastisch an die Zeit, als sich Götter und Menschen paarten. Das uralte Fest, so wird überliefert, soll es schon gegeben haben, als Vijayanagara noch eine blühende Metropole war. Schon die allerersten Herrscher der Stadt verehrten Shiva als »den« Beschützer schlechthin. Sie dankten in pompösen Feiern Shiva und anderen Göttern für die Aufmerksamkeit, die ihnen von den Himmlischen zuteil wurde.

Gott Shiva, Bangalore
Foto: Deepak Gupta
Die Sensation aus Indien wurde rasch von anderen Meldungen aus anderen Teilen unseres Globus verdrängt. So dauerte es dann noch Jahre, bis Gelder für archäologische Ausgrabungen zur Verfügung standen. Erst 1917 führte A. L. Longhurst einige Ausgrabungen vor Ort durch. In den 20er Jahren versuchten einige Experten, die Metropole als Musterbeispiel für antike Städteplanung zu erforschen. Doch auch ihr Interesse ließ rasch nach ... und so blieben die bis in jene Tage halbwegs gut erhaltenen Baudenkmäler schutzlos der »modernen Zivilisation« ausgeliefert. Kostbare Denkmäler verfielen, andere mussten der modernen Städteplanung weichen.

Dabei müsste doch Vijayanagara jeden Erforscher der »grauen Vorzeit« faszinieren! Meiner Meinung nach ist Vijayanagara das indische Pendant zu Tiahuanaco in Südamerika. Hier wie dort sollen himmlische Wesen zur Erde herabgestiegen sein. Und – ich wiederhole dieses Faktum – diese Götter waren für die Inder reale Wesen aus himmlischen Gefilden ... aus Fleisch und Blut! Daran ändert auch nichts die Tatsache, dass sie – für uns Mitteleuropäer manchmal befremdlich, auch als Tiere oder Mensch-Tier-Mischwesen dargestellt werden.

Ein Kuriosum für Nicht-Inder stellen die häufig anzutreffenden Tempel-Äffchen dar. Geschwind sausen sie in den steinernen Heiligtümern umher ... ersteigen Statuen und Tempeldächer, bestaunen kamerabehängte Touristen und lassen sich beim Mittagsschläfchen ungern stören.

Indische Tempeläffchen - Fotos: W-J. Langbein


Fußnoten
1: Fritz, John: »City oft Victory«, New York 1991, S. 11
Literatur
2: ebenda, Seite 11 unten und 15 oben (Hinweis: Seiten 12-14 sind reine Bildseiten!)

Literatur
Fritz, John: »City oft Victory«, New York 1991
Langbein, Walter-Jörg: »Bevor die Sintflut kam«, München 1996
Langbein, Walter-Jörg: »Das Sphinx-Syndrom«, Berlin 1997
Langbein, Walter-Jörg: »Reisenotizen Indien 1996«, unveröffentlichtes Manuskript
Marco-Polo-Reiseführer: »Indien«, Ostfildern o.J.
Michell, George: »Der Hindu-Tempel«, Köln 1991
Nelles Guides: »Indien Nord«, ohne Ortsangabe, 2. Auflage

»Hanuman, der Göttliche Affe«,
Teil 166 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«,
erscheint am 24.3.2013


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