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Sonntag, 15. Juli 2018

443 »Die goldene Füchsin und die Pyramide«

Teil 443 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Ruine mit Rampe
Von Lima nach Pachacamac ist es nur ein Katzensprung. Für meinen ersten Besuch beim einstigen Orakel nutzte ich ein Taxi. Ich empfand die Straße streckenweise als katastrophal. Mein Taxifahrer allerdings war anderer Ansicht. »Seitdem die gröbsten Schäden beseitigt worden sind, ist es ein Genuss hier zu fahren!« Und wenn gewaltige Löcher ein Weiterkommen unmöglich machten, wich der Lenker des arg ramponierten Pontiacs eben aus und fuhr ein Stück neben der Straße. »Gleich sind wir da!«, strahlte mein Chauffeur. Wir parkten im Nirgendwo und gingen ein Stück zu Fuß. »Zwei Kilometer sind es zum Meer!« wurde ich informiert. Kein Lüftchen wehte vom Südpazifik. Die Luft war schwer wie Blei. Es roch muffig. Schatten gab es nirgendwo. Wir näherten uns dem traurigen Rest eines einst wohl stolzen Bauwerks. Es war womöglich eine Pyramide. Zur ersten Plattform führte eine Rampe. Diesen Aufgang haben Archäologen ebenso wie ein Stück Mauer restauriert.

Taxifahrer Pedro winkt verächtlich ab. »Niemand weiß, ob das Ding früher wirklich so ausgesehen hat! Vielleicht haben die Archäologen einfach ein Fantasiegebilde in die Wüste gesetzt.« Wir stapften weiter durch Sand und Geröll. Mein Fotoapparat gab seltsamste Geräusche von sich. Beim Weiterdrehen des digitalen Films knirschte es verdächtig. Schließlich gab die Kamera ihren Geist auf. Wütend öffnete ich die Kamera, um einen neuen Film einzulegen. Der »alte« Film war ruiniert, nachdem ich einen neuen eingelegt hatte, tat sich gar nichts mehr. Zum Glück konnte ich bei einem zweiten Besuch mit neuer Kamera einige Fotos machen.

Über die Geheimnisse von Pachacamac war mein stolzer Chauffeur bestens informiert. Irgendwo, so raunte er mir zu, ganz in der Nähe, habe einst eine Pyramide gestanden. Und »hoch oben« auf der Pyramide wurde ein goldenes Idol verehrt, eine »goldene Füchsin«. Später wurde die Statue der »goldenen Füchsin« in einer »Tempelhöhle« verwahrt.

Foto 2: Die Rampe.


Wenig Geduld hat mein kundiger Führer mit mir. Er reagiert zunehmend verärgert. Immer wieder weiderholt er, immer eindringlicher werden seine Worte. »Die Füchsin war ein Huaca, der die Gestalt des klugen Tieres angenommen hat. Und dieser Huaca war Pachacamac!« Also ist Gott Pachacamac, ein Huaca, in Gestalt einer goldenen Füchsin erschienen? »Pachacamac ist ein Huaca!« Ich wagte einzuwenden: »Aber ein huaca ist doch eine Pyramide!«

Mir scheint, dass die plündernden Eroberer nie so recht verstanden haben, was mit huaca gemeint war. Die Wissenden haben die Barbaren aus Europa wohl kaum in ihre großen Geheimnisse eingeweiht. Und wenn einige Europäer doch etwas erfahren haben, so haben sie es wohl nicht wirklich verstanden. Fast babylonische Sprachverwirrung herrscht in Sachen huaca. Nach Conquistador Pedro de Cieza de León (*um 1520; †1554) war ein huaca eine Begräbnisstätte. Vermutlich bezeichneten die entsetzten Opfer gegenüber ihren »Entdeckern« tatsächlich Gräber als huaca, als etwas Heiliges. So wurden auch Pyramiden als huaca bezeichnet.

Für die heutigen Quechua und Aymara sind »heilige Kultobjekte« huaca, aber offenbar gilt auch der Zustand nach dem Tod als huaca. Nach dem altehrwürdigen »Merriam Webster« Lexikon bedeutete im »Alten Peru« huaca dreierlei: ein Gott oder Geist, eine präkolumbische Ruine wie eine Pyramide oder ein Begräbnishügel und schließlich etwas, dem ein Gott oder Geist innewohnt. Eine christliche Kirche, eine jüdische Synagoge oder eine Mosche wäre dann huaca.

Während mein Guide, immer grimmiger werdend, mir vorauseilte, versuchte ich möglichst Schritt zu halten.

Foto 3: Das alte und das neue Pachacamac

Wie Fata Morganas tauchten Ruinen auf. Die Luft flimmerte, es war kaum abzuschätzen, wo sich Mauern und Mauerreste befanden. Teilweise gingen das alte und das neuzeitliche Pachacamac ineinander über. Es ist unmöglich zu sagen, aus welcher Zeit die einzelnen Ruinen stammen. Wurden sie zu Zeiten der Inka erbaut oder schon früher? Entstanden einige von ihnen erst nach Eintreffen der Europäer im 16. Jahrhundert oder noch später?

Mich faszinierte der Terminus huaca. Je intensiver ich recherchierte, desto klarer wurde mir, wie umfassend dieser alte Ausdruck ist, der auf die Quechua-Sprache der alten Andenvölker zurückgehen soll. Noch heute spricht fast jeder vierte Peruaner eine Form von Quechua. Die Quechua-Völker glaubten an zwei geistige Kräfte, eine aufbauende und eine zerstörende. Und wirklich allem wohnt eine geistige Kraft inne: dem Wasserfall ebenso wie dem massigen Felsbrocken. Alles, wirklich alles ist nach diesem Glauben »beseelt«. Man versicherte mir in Lima, allem wohne huaca inne.

Ich zitiere den Wikipedia-Artikel zum Thema (Stand 10.4.2019): »Wak'a (Quechua; in kolonialen Dokumenten meist huaca geschrieben) ist in der Kultur der Anden die Bezeichnung für lokale Gottheiten wie auch für den Ort, wo eine solche Gottheit angebetet wird. Sie ähneln den Kamuy der Ainu oder den Kami Japans. Die Wak'a waren und sind teilweise bis heute wichtige Götter, haben jedoch – anders als panandine Gottheiten wie Pachacamac oder Wiraqucha – nur lokal begrenzte Bedeutung, da praktisch jede Dorfgemeinde ihre eigenen Wak'as hat. Obwohl die Anbetung der Wak'a nach der Conquista im Zuge der Christianisierung bekämpft wurde, werden sie bei den Quechua und Aymara in Teilen des südlichen Peru und in Bolivien bis heute verehrt. Im Huarochiri-Manuskript wird der Begriff Wak'a für Berggottheiten (z. B. Paryaqaqa und Wallallu Qarwinchu) verwendet, die heute in Südperu Apu oder Wamani heißen und in der Hierarchie über den Wak'a stehen.« 

Foto 4: Mauerreste im Sand.
Die Krieger der Inka haben Peru erobert, die Religion der Besiegten aber weitestgehend respektiert. Oder die Besiegten hielten am »alten Glauben« so intensiv fest, dass die Inka nachgaben. Allerdings gaben sie offenbar alten Göttern neue Namen. So wurde aus Ychsma Pachacamac. Pachacamac war ein Huaca. Pachamac ist die spanische Schreibweise von Pacha Kamaq, wurde als Schöpfergott verehrt. Pacha Kamaq kreierte die erste Frau und den ersten Mann. Dem Paar ging es aber bei weitem nicht so gut wie Adam und Eva. Während Adam und Eva bis zum »Sündenfall« im Paradies leben durften, litten die Geschöpfe von Pacha Kamaq Hunger. Der erste Mann starb. Daraufhin verfluchte die erste Frau Pacha Kamaq und bekam als »Entschädigung« Fruchtbarkeit.

Sehr interessant ist eine Überlieferung, die mir mein Guide erzählte. Nach einer gewaltigen »Sintflut« (zu Deutsch »große Flut«, nicht etwa »Sündflut«) landeten auf dem Berg Pariacaca »fünf große Eier«. »Wesen« kletterten aus diesen fliegenden Vehikeln. Der Pariacaca liegt in den peruanischen Anden, in der Huarochiri-Gebirgskette, die auch Cordillera Pariacaca genannt wird. Stolze 5750 Meter hoch ist der Berg, auf dem angeblich die mysteriösen »Eier« niedergingen.

Auf einem Flug von Tokyo nach Guam kam ich mit einer älteren Japanerin ins Gespräch. Bald unterhielten wir uns über die Welt der Mythen und Legenden. Meine Gesprächspartnerin, eine Lehrerin aus Tokyo, freute sich sehr über mein Interesse. So berichtete sie mir ausführlich über den legendären »Kitsune«, den mythologischen Fuchs. »Kitsune«-Stauen werden bis heute vor jedem Tempel der Göttin Kami platziert. Davon gibt es tausende. Kami ist nämlich die Göttin der Füchse und der Fruchtbarkeit.

Foto 5: Von der Gottesmutter ...
Ganz ähnliche goldene Statuetten der Füchsin wurden in Pachacamac verehrt und angebetet. Zur Göttin der Fruchtbarkeit Pachamama gehörte die goldene Füchsin. Und Pachamama war die Göttin der Erde. In seinem Essay »Der Fuchs als Tier der Gottheiten Altperus« (2) zitiert Klaus Mailahn Pachamama wie folgt (3): »Ich bin die Heilige Erde. Ich bin die, die nährt, die stillt. Ihr werdet mich in drei Personen anrufen und anhauchen: pacha tierra, pacha nustra, pacha virgen. An jenem Tag werde ich sprechen. Berührt nicht die heilige Erde.«

Ganz richtig schlussfolgert Klaus Mailahn (4): »Aus diesem Zitat geht eindeutig hervor, dass die Göttin Pachamama sowohl als Erdmutter als auch mit einer dreigestaltigen Göttin identifiziert wurde. Demgemäß ist in ihr, gewiss unter einem ursprünglicheren Namen, die Große Göttin selbst zu sehen, aus er sich im Lauf der Zeit unter verschiedenen Namen zahlreiche Formen abspalteten.«

Die weibliche Dreifaltigkeit der Göttin Altperus erinnert doch sehr an die göttliche Maria, Mutter der Erde (pacha tierra), unser aller Mutter (pacha nustra) und jungfräuliche Mutter (pacha virgen). Offensichtlich gibt es Glaubensbilder, dem gläubigen Katholiken wohl vertraut sind, die aber sehr viel älter als das heutige Christentum sind.

Die Göttin von Pachacamac trat in Gestalt einer Füchsin auf, so wie die japanische Fruchtbarkeitsgöttin Inari auch in Gestalt einer Füchsin in Erscheinung trat. Die japanischen Kitsunes werden mit wachsendem Alter immer mächtiger. Im Endstadium sind sie unsterblich und unbesiegbar. Die Füchsin von Pachacamac ist mit dem Mond verbunden, so es wie Maria als Gottesmutter auch ist. Und Maria wurde im Verlauf der vergangenen zwei Jahrtausende auch immer mächtiger: von der Maria, über die sich die Autoren des Neuen Testaments weitestgehend ausschweigen hin zur Himmelskönigin, die in den Himmel aufgenommen wurde. Längst weilt Maria, wie in der Antike die Göttinnen und Götter im Himmel. Längst wird sie nicht mehr nur als Gottesgebärerin gepriesen, sondern als »Miterlöserin« neben Jesus.

Foto 6: ... zur Miterlöserin und Himmelskönigin
Es geht mir ganz und gar nicht um die Verbreitung konfessionellen Glaubensgutes, ganz im Gegenteil. Vielmehr will ich auf den steten Wandel innerhalb der Glaubenswelten hinweisen. So löste in Pachacamac der patriarchalische Sonnengott der Inkas die matriarchalische Mondgöttin der Völker, die aus den Hochanden ans Meer gewandert waren. Im jüdisch-christlichen Kulturbereich erleben wir im Katholizismus mit der Erhöhung der Gottesmutter zur Miterlöserin eine Rückkehr zur matriarchalischen Religion. Dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen. Eine Gegenströmung gibt es auch: Es ist der patriarchalische Islam ist auf dem Vormarsch. 

Fußnoten
(1) Dedenbach-Salazar Sáenz, Sabine: »Die Stimmen von Huarochirí. Indianische Quechua-Überlieferungen aus der Kolonialzeit zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Eine Analyse ihres Diskurses«, »Bonner Amerikanistische Studien«, Band 39, Aachen, 2007.
Trimborn, Hermann: »Dämonen und Zauber im Inkareich. Quellen und Forschungen zur Geschichte der Völkerkunde«, Leipzig 1939.
(2) Mailahn, Klaus: »Der Fuchs als Tier der Gottheiten Altperus«, eBook, GRIN Verlag, 1. Auflage 8. September 2009
(3) Ebenda, Pos. 417
(4) Ebenda, Pos. 420
(5) Ott, Ludwig: »Grundriss der Katholischen Dogmatik«, 10. Auflage, Freiburg 1981 (1. Auflage1952), S. 256.


Zu den Fotos
Foto 1: Ruine mit Rampe. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Die Rampe. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Das alte und das neue Pachacamac. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Mauerreste im Sand. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Von der Gottesmutter ... Ikone. Archiv Langbein
Foto 6: ... zur Miterlöserin und Himmelskönigin. Ikone. Archiv Langbein


444 »Wer war zuerst da: Gott oder Göttin?«,
Teil 444 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 22.07.2018

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Sonntag, 16. Juli 2017

391 »Unterwegs in Túcume«

Teil  391 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Fotos 1 und  2: Modelle von Sipan und Túcume

Die Inka eroberten »feindliches Land«, um ihr Reich zu vergrößern, heißt es in den Werken der Geschichtsforscher. Und die Gelehrten fabulierten nicht einfach, sie studierten Aufzeichnungen der Spanier, sie führten archäologische Ausgrabungen durch. So brutal die Militärs auch manchmal vorgingen, sie vernichteten keine ältere Kultur. Vielmehr respektierte sie die Leistungen der militärisch unterlegenen. Bauwerke aus älteren Zeiten zerstörten sie nicht.

Die Verteidiger von Túcume, im Lambayeque-Tal, Peru, fürchteten die marodierenden Spanier, die Tod und Verderben brachten. Waren diese goldgierigen Räuberbanden vielleicht eine Strafe der Götter? Schickten die Himmlischen die Mörder aus fernem Land jenseits des großen Meeres, weil ihnen in nicht genügendem Umfang Respekt gezollt wurde? Konnte man die eigenen Götter noch besänftigen? Würde so das Ende noch verhindert werden können? Also ließen die Herren von Túcume den Göttern Menschenopfer bringen. Wer als Opfer ausgewählt wurde? Nach welchen Kriterien man wen mit wuchtigen Beilhieben erschlug? Waren es vielleicht Freiwillige aus der Oberschicht, oder doch Mordopfer?

Foto 3: Der Fürst von Sipan lässt sich über den Fortschritt der Bauarbeiten informieren

Ein Doktorand der Archäologie erklärte mir vor Ort in Túcume im Gespräch, dass es wohl die Edelsten der Edlen waren, die sich für das Wohl der Gemeinschaft den Göttern opfern ließen. »Man wollte natürlich die Götter bestechen, indem man ihnen Vertreter aus ›Adelskreisen‹ schenkte. Die Himmlischen würden sich doch nicht mit niederem Volk zufriedengeben!« Drängten sich vielleicht Opferwillige geradezu vor, um mit ihrer vermeintlich heroischen Tat die Zerstörung der eigenen Kultur noch einmal abzuwenden?

Wie dem auch sei: Dutzendweise wurden anno 1533 Menschen erschlagen, doch die Götter ließen sich nicht besänftigen. Sie unternahmen nichts, um ihre Anhänger zu retten. Ungehindert folterten, massakrierten und plünderten die Spanier. Der Zweck – Gold, Gold, Gold – heiligte die Mittel. Die Herrscher von Túcume müssen verzweifelt gewesen sein, als sie erkannten, dass die feindlichen Eroberer auch durch Blutopfer für die Götter nicht aufzuhalten waren. Der riesige Pyramidenkomplex von Túcume sollte ihnen aber nicht in die Hände fallen. So steckten sie das Heiligtum in Brand, legten die Zeugnisse ihrer Kultur und Schutt und Asche.

Foto 4: Riesige Rampen führten einst zu den Bauten auf den Pyramiden

Es heißt, dass einst ein Heros namens Naymlap die Kultur von Túcume begründete. »Mein« Doktorand, der anonym bleiben wollte, spekulierte: »In Tempeln auf riesigen Pyramiden mögen Reliquien des legendären Naymlap verehrt worden sein. Es mag auch schriftliche Dokumente über die Gründerzeit gegeben haben. Wenn die Tempel von Túcume Artefakte enthielten, die uns Ñaymlap näher bringen könnten, so fielen sie den Feuern von 1533 zum Opfer!« Hätte es diese Brände nicht gegeben, so wären die Spuren des Ñaymlap mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von den Spaniern zerstört worden.

Die Spanier vermuteten in den Pyramiden von Túcume Gräber hoher »Fürsten« und »Könige«. Sie dürften reiche Grabbeigaben vermutet haben. Zerstörten die Spanier die einst stolzen Bauwerke? Allein im Tal von Túcume gab es einst mindestens 26 künstlich aus Adobe-Ziegeln geschaffene Pyramiden. Hoch oben auf den Plattformen der Pyramiden mögen einst die Herrscher von Túcume gelebt haben. Vielleicht waren da aber auch Astronomen stationiert, die den Lauf der Sterne und Planeten verfolgten. Tatsächlich sind allen Zerstörungen zum Trotz auf manchen der Pyramiden noch heute Reste von Gebäuden zu erkennen.

Foto 5: Schutzdächer für archäologische Ausgrabungen

Welche Verwüstungen gehen auf wen zurück? Schon im 11. Nachchristlichen Jahrhundert soll es klimatische Katastrophen im Tal von Túcume gegeben haben. Nach Ewigkeiten der Trockenheit sollen sintflutartige Regenfälle dafür verantwortlich gewesen sein, die zumindest einige der Pyramiden fast bis zur Unkenntlichkeit beschädigten. Wie sollen da heute, ein Jahrtausend später, seriöse Archäologen das ursprüngliche Aussehen der Pyramiden rekonstruieren können?

Reste von Rampen, die einst zu den Spitzen der Pyramiden hinauf führten, sind heute noch da und dort zu erkennen. Waren es nur Aufgänge? Oder dienten sie wie Rampen an speziellen indischen Tempelpyramiden astronomischen Zwecken? Mein Informant, so versicherte er mir, hielt sich strikt zurück mit der Veröffentlichung von Grabungsberichten, so die Zweifel an der aktuell gültigen Lehrmeinung aufkommen lassen könnten.

Foto 6: Einer der Tunneleingänge

An archäologischen Stätten trifft man oft Wissenschaftler aus unterschiedlichen Bereichen, vor allem natürlich Archäologen. Im vertraulichen Gespräch erfährt man oft, was gar nicht zur gängigen wissenschaftlichen Lehre passt. »Mein« Archäologe zum Beispiel favorisierte die Vorstellung von sehr frühen matriarchalen Gesellschaftssystemen. Vorsichtig formulierte er: »Ich halte es zum Beispiel für wahrscheinlich, dass in Sipán wie in Túcume Frauen eine ganz dominante Rolle spielten, im religiösen Bereich als ›Oberpriesterinnen‹, im weltlichen Bereich als ›Fürstinnen‹. Womöglich gab es harte Auseinandersetzungen zwischen Anhängerinnen der Oberpriesterin und dem Gefolge des Oberpriesters.« Konkrete Beweise für eine solche Spekulation konnte mir »mein« Archäologe freilich nicht benennen. »Vielleicht zerstörte die eine Fraktion die Pyramiden der anderen.« Entbrannte ein Kampf der Geschlechter?

Foto 7: Das Werk von Grabräubern
»Was heißt hier ›Beweise‹!«, mokierte sich der noch junge Mann.« Vieles was der Laie für wissenschaftlich bewiesen halte, sei reine Spekulation. Rein spekulativ sei zum Beispiel die interessante These vom Menschenopfer als Ursache für den Niedergang der Kultur der Pyramidenbauer von Sipán und Túcume: Weil den Göttern die Edelsten und Besten geopfert wurden, verschwand die Elite, verlor man das Führungspersonal. Schwächten die Menschenopfer das Volk schon so, dass die Spanier im 16. Jahrhundert ohne größere Probleme gegen eine zahlenmäßige Übermacht gewinnen konnten? Oder führte El Niño schon vor Jahrhunderten zu Naturkatastrophen, denen die Menschen in der Wüstenregion hilflos ausgeliefert waren? (1)

Auf meinen Reisen durch die Gefilde von Túcume und Sipán fühlte ich mich in eine fremde Welt versetzt. Die Reste der einst gigantischen Pyramiden machten einen traurigen Eindruck. Millionen von Adobe-Steinen waren einst, wann auch immer, an der Sonne gebrannt und zu komplexen Systemen von Plattformen und Pyramiden aufgetürmt worden. Unbezweifelbar sind gewaltige Wasserschäden. Sind sie alt oder jung? Ich muss nochmal »meinen« anonymen Archäologen zu Wort kommen lassen: »Auch Archäologen sind an zum Teil erheblichen Schäden an den Pyramiden verantwortlich. Sie müssen die äußere Schicht der Pyramiden entfernen, um zu erforschen, was sich darunter verbirgt. Dann sind die Pyramiden schutzlos den Wetterunbilden ausgeliefert. Auch sind die an der Sonne gebrannten Lehmziegel nicht sehr durabel. So kann es sein, dass einige der Pyramiden so aussehen, als seien sie seit Jahrtausenden Wind und Wetter ausgeliefert. In Wirklichkeit geschahen die massiven Beschädigungen erst in den letzten 100 oder 120 Jahren.«

Seit mindestens 100 Jahren sind auch Grabräuber zugange, die Tunnel in die Pyramiden treiben, in der Hoffnung, so auf Grabkammern mit Mumien mit kostbarem Schmuck zu stoßen. Bei meinen Besuchen sah ich mehrere solche bergwerksartig in Pyramiden hineingetriebene Stollen gesehen. Deren Ausmaße, ich habe nachgemessen, hielten mich davon ab, in den Leib der Pyramiden vorzudringen. Ein Beispiel soll genügen: Höhe 95 Zentimeter, Breite 89 Zentimeter. Man wollte wohl so schnell wie möglich so weit wie möglich in der Pyramide vorankommen. Wie lang der Stollen war, das weiß ich natürlich nicht. Ob er von Grabräubern angelegt worden ist,  ich weiß es auch nicht. Ob der Gang zu einer Entdeckung führte, zu einer Grabkammer? Oder endet er irgendwo im Inneren der massigen Pyramide blind? Die Vorstellung, mich auf allen Vieren durch diesen engen Tunnel zu quetschen, die war mir alles andere als angenehm. Was mich dann letztlich davon abhielt, den Schacht zu erkunden, war der Gedanke an den Rückweg. Die Vorstellung, auf allen Vieren rückwärts wieder durch die Enge des Tunnels ans Tageslicht zurückzukehren, fand ich gruselig. Kurz, ich verzichtete auf ein mögliches Abenteuer. Mir fehlte der Mut, den H.P. Lovecrafts Held aufbrachte, um in die furchteinflößende »Stadt ohne Namen« (2) zu gelangen.

Fußnoten
Foto 8: Ein Stolleneingang
Foto 9: Ob die Grabräuber fündig wurden?
1) Literaturempfehlung! Sehr ausführlich hat sich der amerikanische Geograph Jared Diamond mit dem Untergang von Kulturen und Zivilisationen auseinandergesetzt. Sehr empfehlenswert ist sein Buch »Kollaps«. Diamond, Jared: »Kollaps/ Warum Gesellschaften überleben oder untergehen«, erweiterte Neuausgabe, Frankfurt am Main, Oktober 2011
2) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seiten 7- 24. »Necronomicon« ist Teil einer sechsbändigen Ausgabe der »Gesammelten Werke« von H.P. Lovecraft. Diese Ausgabe aus dem Hause FESTA ist meiner Meinung nach die beste überhaupt.

Zu den Fotos
Fotos 1 und  2: Modelle von Sipan und Túcume. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Der Fürst von Sipan lässt sich über den Fortschritt der Bauarbeiten informieren. 
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Riesige Rampen führten einst zu den Bauten auf den Pyramiden.
Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 5: Schutzdächer für archäologische Ausgrabungen.
Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 6: Einer der Tunneleingänge. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Das Werk von Grabräubern. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Ein Stolleneingang. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Ob die Grabräuber fündig wurden? Foto Walter-Jörg Langbein

392 »Von Tunneln, verborgenen Schätzen und Legenden«,
Teil  392 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        

  von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 23.7.2017


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Sonntag, 11. Juni 2017

386 »Nichts als heiße Luft«

Teil  386 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Der legendäre Inka-Gott Viracocha am Sonnentor von Tiahuanaco, Bolivien

Seit vierzig Jahren bekomme ich immer wieder zu hören: »Was du nur immer mit dieser komischen Ebene von Nazca hast! Da ist nichts geheimnisvoll! Das war ein Ballonstartplatz!« Und erst vor wenigen Tagen, Anfang Juni 2017, knallte mir ein wütender Besucher nach meinem Vortrag ein Buch aufs Rednerpult. Eine kurze Textpassage war gelb markiert (1): »›Glaubst du nun, der Gott Viracocha könnte zur Sonne zurückgeflogen sein, wie die Legenden sagen?‹ fragte ich. ›Nun, das haben wir zu meiner Zufriedenheit bewiesen, daß er das konnte‹, erwiderte Julian. ›Weißt du, da oben hatte ich das Gefühl, daß wir nicht die ersten sind, die mit dem Wind über Nazca geflogen sind. Hast du das auch gespürt?‹«

Was genau hat Jim Woodman mit seinem Experiment bewiesen? Beweise liefert er letztlich keine. Er stellt nur Behauptungen auf, wie diese (2): »›Ich weiß ganz genau, daß in Nazca jemand geflogen ist‹, behauptete ich immer wieder. ›Man kann vom Boden aus einfach überhaupt nichts sehen. Man kann nirgends etwas erkennen – nur von oben. Niemand kann mir erzählen, daß sich die Baumeister von Nazca die Mühe mit diesen Monumenten gemacht haben, ohne sie jemals zu sehen.‹« Und wenn die riesigen Bildwerke und kilometerlangen Bahnen gar nicht für menschliche Augen bestimmt waren? Wenn sie für die himmlischen Götter gedacht waren?

Foto 2: WJL in Nazca

Nach Jim Woodman flogen die Meisterkünstler von Nazca über der riesigen Ebene umher, um sich an den gigantischen Scharrzeichnungen von Tieren und kilometerlangen »Bahnen« zu ergötzen? Und wie? Nach Jim Woodman bauten sie Heißluftballone. Beweise? Mit einem Grabräuber und einer »Lisa« unternimmt er eine Exkursion zur uralten »Nazca-Friedhöfen«. Natürlich gräbt man nicht, plündert nicht, sondern sammelt auf, was Archäologen und andere Grabräuber liegen gelassen haben. Womöglich Jahrtausende alte Stoffreste werden gefunden, später wissenschaftlich untersucht. Und siehe da: Das Gewebe war noch feiner gewebt als heutige, moderne Stoffe, die bestens geeignet sind, um daraus Hüllen für Heißluftballons zu fertigen. Nur: datiert wurden die Stoffe nicht.

Mag ja sein, dass die Bewohner von Nazca extreme feine Stoffe weben konnten. Sie verwendeten sie als »Säcke« für Mumien. Aber fertigten sie daraus auch Heißluftballons? Jim Woodman fabuliert fantasiereich (3): »Die alten Textilien, Tonwaren, Legenden, Mythen und die Nazcalinien und – zeichnungen führten ganz von selbst zu einer neuen, ständig wachsenden Sammlung von Artefakten und Luftfahrtartikeln.«

Fotos 3 und 4: Sieht so ein Ballonstartplatz aus?

Leider enthüllt Jim Woodman in seinem Buch nicht, was er als »Luftfahrtartikel« identifizieren zu können meint. Sollten sie gar aus den Zeiten der Nazca-Künstler stammen? Woodman beschreibt sie nicht und in seinem reich bebilderten Buch findet sich kein einziges Foto eines »Luftfahrtartikels«. Auch fehlt jeder Hinweis auf die – hier und immer wieder – erwähnten »Legenden«. An einer Stelle wird’s konkreter (4): »Die meisten Legenden sagen, der Inka flog zur Sonne – und wir nehmen an, daß er allein flog. Manche Legenden sagen, der Inka sei nach dem Tod zur Sonne gesandt worden – ein aufsteigender Scheiterhaufen – ein Wagen zur Sonne.«

Sollten die Inka also per Luftfracht – pardon – entsorgt worden sein? Das »einfache Volk« von Nazca wurde in Erdgräbern bestattet. War es den toten Inka-Herrschern vorbehalten, im Heißluftballon zur Sonne zu schweben? Gibt es dafür Belege? »Ein aufsteigender Scheiterhaufen – ein Wagen zur Sonne« heißt es nach Woodman in »manchen Legenden« könnte tatsächlich so verstanden werden, dass der verstorbene Inka mit Hilfe eines Heißluftballons gen Himmel schwebte. Leider fehlt jegliche Quellenangabe. Leider wird nicht verraten, welche Legenden denn so eine Himmelfahrt eines toten Inka schildern.

Foto 5: Cover von  Woodmans Buch »Nazca«
Endlich wird es bei Woodman einmal konkret (5): »Nach der Antarquilegende haben die Inkas einen kleinen Jungen zum Fliegen benutzt – das heißt, daß sie sich der Bedeutung des Verhältnisses zwischen Last und Auftrieb bewußt waren. Nach den meisten Darstellungen von Antarqui handelt es sich um einen Jungen, der kaum mehr als 35, 36 Kilogramm wog. Sein Gewicht, dazu ein leichter Binsenkorb als Gondel ergaben keine große Last.« Ich habe nach der Antarquilegende gesucht und bin fündig geworden. Bei Pedro Sarmiento de Gamboa bin ich fündig geworden. Pedro Sarmiento de Gamboa (* etwa  † 1592), ein spanischer Seefahrer, Abenteurer und Kosmograph verfasste eine »Geschichte der Inkas«, die mir in englischer Übersetzung vorliegt (6). In seinem faszinierenden Werk geht er auch auf die von Jim Woodman bemühte Antarquilegende ein.

Freilich ist in besagter Legende weder von einem Heißluftballon, noch von einem 35 oder 36 Kilogramm leichten Knaben die Rede, der mittels so eines Ballons fliegen musste. Nach der Antarquilegende (7) erhielt der »Tupac Inca« – gemeint sein könnte Túpac Inca Yupanqui, der 10. Inka-Herrscher – Ende des 15. Jahrhunderts Hinweise von Seefahrern auf »Inseln«. Der Herrscher, er wird als »Mann mit hochtrabenden, ehrgeizigen Ideen beschrieben, wollte diese »Inseln« ausfindig machen. Um das Risiko zu minimieren konsultierte der Inka »einen Mann, der ihn auf seinen Eroberungszügen begleitete, mit dem Namen Antarqui«.

Antarqui war kein Kind von 35 oder 36 Kilogramm Gewicht, sondern ein Erwachsener, ein Nekromant, ein Geisterbeschwörer. Antarqui, am ehesten als Schamane zu bezeichnen, beherrschte, so die Legende, die Kunst der »Seelenreise«. Dank seiner »Künste« flog er die von den Seefahrern beschriebene Reise nach und fand tatsächlich die »Inseln«. Ein Heißluftballon wird nicht erwähnt. Naheliegender ist eine andere Erklärung: Schamanen kannten auch zu Inka-Zeiten das Geheimnis der Pflanzen, die halluzinogene Substanzen enthalten. Die nahmen sie zu sich und traten dann – high vom Rauschgift und losgelöst vom physischen Leib –  zu sich »Seelenreisen« an.

Foto 6: Túpac Inca Yupanqui
»Tupac Inca«, so heißt es weiter in der Legende (8), bekam von Antarqui bestätigt, dass es die Inseln tatsächlich gab und erfuhr offenbar auch ihre Position. Daraufhin soll sich der Inkaherrscher mit einer gewaltigen Flotte von Balsaflößen mit insgesamt mehr als 20.000 Mann Besatzung auf die Reise gemacht haben. Tatsächlich, so heißt es weiter, wurden die Inseln »Avachumbi« und »Ninachumbi« entdeckt. Erbeutet wurden »schwarze Menschen, Gold, ein Messingstuhl, Haut und Kiefer eines Pferdes«. Alles wurde nach Cuzco, in die Inkafestung, geschafft.

Ob die Legende auf Tatsachen beruht, das sei dahingestellt. Wenn es denn so eine Entdeckungsreise gegeben haben sollte, dann ist die Größe der Flotte mit Sicherheit maßlos übertrieben. Bei den Eilanden könnte es sich um die Galapagosinseln gehandelt haben. Oder hatte man gar die Osterinsel entdeckt?  Schwarze Menschen gab es da freilich nicht. Hat es die Expedition gegeben? Tatsächlich gibt es auf der Osterinsel ein steinernes Monument, eine Mauer, ganz im Stil der Inkabaukunst. Thor Heyerdahl sieht diese Mauer als Beweis für Kontakte zwischen Peru und der Osterinsel an.

Angeblich sollen neun oder zwölf Monate verstrichen sein, bis der Inka wieder in der Heimat auftauchte. Mag sein, dass es die legendäre Expedition gegeben hat. Sicher ist: ein Heißluftballon mit Antarqui kam definitiv nicht zum Einsatz. Es befremdet, dass Jim Woodman eine Legende so falsch wiedergibt. Es wundert mich nicht, dass er auch hier kein Zitat anzubieten hat.

Ich glaube Jim Woodman, dass er nächtens mit einem Grabräuber unterwegs war und tatsächlich Stoffreste gefunden hat. Im Gebiet von Nazca gibt es tatsächlich unzählige alte Gräber aus unterschiedlichsten Zeiten. Stoffreste aus diesen Gräbern können 20, aber auch 2.000 Jahre alt sein. Erst ein Bruchteil wurde bislang archäologisch untersucht. Sehr viele alte Grabstätten wurden von Grabräubern geöffnet, bevor Archäologen Untersuchungen vornehmen konnten. Mumien wurden aus ihren Hüllen gerissen, die sterblichen Überreste warf man achtlos beiseite. Man suchte – und sucht – nach Kostbarkeiten wie Schmuck und gut erhaltenen Stoffresten, möglichst mit farbigem Muster.

Ich glaube auch, dass die Stoffreste, die von Jim Woodman zur Untersuchung gegeben wurden, feiner gewebt waren als Hüllen von Heißluftballons. Aber sie müssen keineswegs aus der Zeit der Nazca-Linien stammen, können auch wesentlich jünger sein. Bewiesen ist damit nicht, dass die Nazca-Künstler Heißluftballone betrieben haben.

Foto 7: Riesiger Kolibri im Wüstenstaub.

Was mich ärgert: Jim Woodman führt als »Beweis« für seine Heißluftballon-Theorie eine Legende an, die es so gar nicht gibt. Die – gelinde gesagt – fantasiereich veränderte Legende lässt eben keinen Heißluftballon steigen, vielmehr schickt der Inka (s)einen Schamanen auf Geistreise. Jim Woodman aber bleibt bei seiner – angeblich bewiesenen – Theorie, wonach die Inka per Heißluftballon zur Sonne geschickt wurden. Und das soll die Ebene von Nazca erklären. Die Inka aber hatten keinerlei Verbindung zu Nazca und den fantastisch anmutenden Riesenzeichnungen. Zwischen Túpac Inca Yupanqui (Ende des 15. Jahrhunderts) und der Herstellung der mysteriösen Kunstwerke auf der Nazca-Ebene aber liegen mindestens 1.000, wahrscheinlich sogar 1.500 Jahre.

Foto 8: Kleine Inseln vor der Küste der Osterinsel.

Die Behauptung, tote Inka-Herrscher seien von Nazca aus auf die Reise in die ewigen, himmlischen Jagdgründe geschickt worden, kann ich nur als absurd bezeichnen. Gibt es doch nicht den Hauch eines Beweises dafür, dass irgendein Inka-Herrscher etwas mit der Ebene von Nazca zu tun hatte. Die Kultur der Nazca-Bewohner war zu Zeiten der Inka schon mindestens 1.000 Jahre erloschen.


Foto 9: Die »Inkamauer« auf der Osterinsel
Fußnoten
1) Woodman, Jim: »Nazca/ Mit dem Inka-Ballon zur Sonne«, München 1977, S. 208, Zeilen 4-7 von unten
2) ebenda, S. 36, Zeilen 13-19 von unten
3) ebenda, Seite 90, Zeilen 9-12 von unten
4) ebenda, Seite 94, Zeilen 12-16 von unten
5) ebenda, Seite 94,  Zeilen 4-11 von unten
6) de Gamboa, Pedro Sarmiento: »History of the Incas«, eBook,
Hakluyt-Society, Cambridge
7) ebenda Seite 116/ Pos. 1976
8) ebenda Seite 117/ Pos. 1983


Zu den Fotos
Foto 1: Der legendäre Inka-Gott Viracocha am Sonnentor von Tiahuanaco, Bolivien. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: WJL in Nazca. Foto Willi Dünnenberger, Oktober 1992
Fotos 3 und 4: Sieht so ein Ballonstartplatz aus? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Buchcover von  Jim Woodmans Buch »Nazca«
Foto 6: Túpac Inca Yupanqui, mächtiger Herrscher. Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Riesiger Kolibri im Wüstenstaub. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Kleine Inseln vor der Küste der Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Die »Inkamauer« auf der Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10:  Wurde die Inkamauer auf der Osterinsel von »alten Peruanern« gebaut? Foto Walter-Jörg Langbein


Foto 10:  Wurde die Inkamauer auf der Osterinsel von »alten Peruanern« gebaut?
387 »Heißluftballons für tote Inkas oder Bohnen?«,
Teil  387 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 18.6.2017













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Sonntag, 4. Juni 2017

385 »Die ›Augen der Wüste‹ - und eine ›neue‹ Erklärung«

Teil 385 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Bahnen kreuz und quer.

Das Kreuz und Quer der Linien von Nazca, Peru, erinnert mich an die Bahnen, die Flugzeuge an den Himmel zaubern. Ihre Kondensstreifen muten manchmal wie das Gewirr auf der mysteriösen peruanischen Ebene an. Sollte es eine Verbindung geben zwischen den geheimnisvollen Riesenbahnen, den Tierdarstellungen in gigantischer Größe? 1992 flog ich zum ersten Mal in einer kleinen Propellermaschine über das bei Nazca in den trockenen Wüstenboden gescharrte Riesenbilderbuch.

»Mein« Pilot, ein gewisser Eduardo, machte mich auf die »Augen der Wüste« aufmerksam. Aus der Luft betrachtet wirken sie weniger wie »Augen«. Sie kommen mir wie gestanzte Löcher oder wie kleine »Wendeltreppen« vor, die ins harte Erdreich gebohrt wurden. An anderen Stellen sehen sie wieder ganz anders aus, so als habe es einen unterirdischen Raum gegeben, der eingebrochen sei.

»Welchem Zweck dienten diese ›Augen der Wüste‹?«, wollte ich von Eduardo wissen. »Schau’n Sie sich die Dinger doch an, lassen Sie sich hinfahren! Sie werden staunen!« Das habe ich auch getan. Ich war der erste Sachbuchautor, der über das Geheimnis der »Löcher« geschrieben hat, anno 1996 in meinem Buch »Bevor die Sintflut kam« (1).

Foto 2: Ein »Auge der Wüste« reiht sich ans andere.

Am Boden studierte ich diverse dieser »Wüstenaugen«. Man kann sie tatsächlich am ehesten mit in den Boden gegrabenen Wendeltreppen vergleichen. Und wohin führen sie? Zu einem unterirdischen Tunnelsystem, zu einem Röhrensystem unter dem Wüstenboden. Das – ich konnte mich davon überzeugen – kristallklare Wasser fließt in einer Tiefe von bis zu 19 Metern.Was ich nach mehreren Besuchen vor Ort zutiefst bedaure: Leider habe ich mich nicht sehr viel tiefer in das unterirdische System gewagt. Naja, das Wasser war schon recht kalt. Wer mutiger ist möge ruhig einmal in so einen Tunnel krabbeln, bäuchlings in kaltem Wasser. Wer weiß, wo er wieder ans Tageslicht kommt?

Ich berichtete 1996 (2): »Ich selbst habe mehrere Schächte inspiziert. Sie lagen etwa fünf Meter tief. Die unterirdische Wasserleitung hatte einen Querschnitt von 60 mal 120 Zentimetern. Die Teilstücke verliefen in Zickzacklinien von Schacht zu Schacht.

Ich könne ruhig hineinkriechen, meinten Einheimische. Auf dieses Abenteuer verzichtete ich lieber. Ich nahm auch keinen Schluck vom kristallklaren Wasser, das angeblich sauberer als das Leitungswasser in der Stadt sein soll. Fische, ich glaube es sind Welse, gedeihen jedenfalls prächtig darin. Wer hätte gedacht, daß unter dem Wüstenboden von Nazca Fische in einem Tunnelsystem leben, das vor mehr als zwei Jahrtausenden angelegt wurde.«

Foto 3: Eines der »Augen der Wüste«. Foto Walter-Jörg Langbein

Die Bahnen, Linien und Riesenbilder im Wüstenboden von Nazca sind in der Tat bis zu 2.000 Jahre alt. Das Wasserleitungssystem darunter muss älter sein, denn sonst wären ja die Scharrzeichnungen beim Bau beschädigt worden. Die Röhren, so tief sie auch liegen, wurden nicht gebohrt. Vielmehr hat – wer auch immer – Gräben ausgehoben, unten dann die wasserführenden Schächte angelegt und mit massiven Steinplatten abgedeckt und anschließend die Gräben wieder verschüttet. Die berühmten Bilder von Nazca wurden später angelegt.

Die »Wendeltreppen« - zu welchem Zweck mögen sie angelegt worden sein? Eine Vermutung liegt zumindest nahe. Gehen wir einmal davon aus, dass wir unter der Ebene ein Bewässerungssystem vorgefunden haben. Dann könnten die »Wendeltreppen« genutzt worden sein, um zum fließenden Wasser hinab zu steigen und Wasser zu schöpfen. Dieser Gedanke drängt sich auf. Nun liegt aber oft ein solcher Zugang direkt neben dem anderen, reiht sich ein »Auge der Wüste« unmittelbar an das andere. So viele »Wasserschöpfstellen« nebeneinander machen nicht wirklich Sinn.

Bei zwei meiner Erkundungstouren in Nazca »Unterwelt« machte ich eine Beobachtung, die mir kurios vorkam. Ich maß ihr aber keine Bedeutung zu. Die Sonne stand hoch über mir am Himmel. Ich hockte schwitzend vor einem der »Wassertunnel«. Und plötzlich spürte ich so etwas wie einen Lufthauch, einen Windzug. Woher er wohl kam? Aus dem Röhrensystem im Untergrund etwa, oder von oben?

Foto 4: Windfang oder Eingang?

Dieser Tage flatterte ein sehr interessanter, aufschlussreicher Artikel auf meinen Schreibtisch. Er stammt aus der wissenschaftlichen Publikation des »Archaeological Institute of America«, erschien am 19. April 2016. Rosa Lasaponara arbeitet am angesehenen »Institute of Methodologies for Environmental Analysis«. Dort widmet man sich systematisch der Erforschung von Methoden der Analyse von Umwelteinflüssen. Sie geht davon aus, dass die »Wendeltreppen« nicht in erster Linie dem Wasserschöpfen dienten, sondern einem ganz anderen Zwecke erfüllten, nämlich einer ganz konkreten Umweltbeeinflussung. Demnach sollten die über den Wüstenboden dahin streichenden Winde in die Tiefe, in die Wasserröhren gelenkt werden, um das Wasser in Bewegung, im Fluss, zu halten.

Ich darf noch einmal aus meinem Buch »Bevor die Sintflut kam« zitieren (4): »Pater Bernabe Cobo beschäftigte sich schon Ende des 17. Jahrhunderts intensiv mit der Kosmologie des Inka-Volks. 1653 schrieb der Kirchenmann, daß darin die Milchstraße eine besonders wichtige Rolle spielte.

Fotos 5-8
Bis in unsere Tage haben sich Glaubensinhalte aus Inka-Zeiten erhalten, die im Kern bis in jene Zeiten zurückreichen, als die Riesenbilder von Nazca entstanden sein mögen. So glaubten die Quechua, daß es einen geheimnisvollen Kreislauf gebe – zwischen Himmel und Erde. Sie sahen die Milchstraße als einen himmlischen Fluß, der sich nachts über das Himmelszelt ergießt. Die Gewässer am Himmel finden ihre Entsprechung in Strömen und Flüssen der Erde.«

Meiner Überzeugung nach hat das Tunnelsystem mit seinen »Augen« (Fotos 5-8) unter dem Wüstenboden zumindest auch eine religiös-spirituelle Bedeutung! Nachts fließt das Wasser der Milchstraße über den Himmel, am Tag strömt es in dem technisch perfekten Röhrensystem wieder zurück. Gott Qhatuylla hatte sein Reich im Sternbild des »Großen Bären«. Er entnahm mit einem Krug Wasser aus dem Strom der Milchstraße und ließ es auf die Erde regnen. Qhatuylla, auch Apu Illapa genannt, das – nebenbei erwähnt, trug einen »glänzenden Anzug«.

Die Milchstraße als Wasserstrom? Dieses Bild gab es auch bei den »Alten Ägyptern«. In ihrem Mythos floh Göttin Isis in den »himmlischen Nil«, verfolgt vom Monster Typhon. Schlicht »der Fluss« ( »Al Nahr«) nannte man die Milchstraße in Arabien, »Himmelsfluss« (»Tiene Ho«) in China und »Fluss von Nana« in Indien. Die Inka schließlich kannten die Milchstraße als »Mayu«, als den »Fluss des Himmels«.

Wasser ergoss sich über die Milchstraße, kam zur Erde und floss unter dem Wüstenboden zurück. So entstand ein Kreislauf des Wassers und des Lebens, im übertragenen Sinne Symbol für Tod, Leben und Wiedergeburt? Die Tunnels wären in diesem Bild die Unterwelt, die Ebene von Nazca das Reich der Lebenden und der Himmel das der Jenseitigen. Wollten die Menschen von Nazca mit ihren gigantischen Riesenzeichnungen etwa von Tieren die himmlischen Götter kontaktieren, auf sich aufmerksam machen? Ist das die Erklärung für die unterirdischen Tunnels von Nazca? (Fotos 9-11)

Unzählige Erklärungen für das mysteriöse Nazca wurden bislang angeboten. Immer wieder kommen neue hinzu. Und immer wieder tauchen Schlagzeilen in den Medien auf, etwa: »Das Rätsel von Nazca – endgültig gelöst!« Langlebig waren derlei Theorien bislang nie. Erich von Däniken schreibt zutreffend (5): »Was also hat es mit dem Rätsel Nazca auf sich? Ist irgendeine der vielen Nazca-Theorien die richtige? Oder ist uns allen etwas Entscheidendes entgangen?«

Fotos 9-11
Einst soll es Jahrhunderte lang so gut wie überhaupt nicht geregnet haben. Einst war die Wüste von Nazca wirklich eine Wüste. Die klimatischen Verhältnisse scheinen sich aber rapide zu ändern, so dass inzwischen doch Niederschlag zu verzeichnen ist. Unzählige Rinnsale bahnen sich ihren Weg und bedrohen das Weltwunder von Nazca, das mit Recht zum Weltkulturerbe gehört.

Um in profanere Bereiche unseres Lebens zurückzukommen: Ich erinnere mich noch sehr gut an eine Nacht in Nazca, unter herrlich klarem Himmelszeit. Mit einigen Freunden trank ich ein mysteriöses Mixgetränk mit reichlich Pisco. Leider war irgendwann die Flasche leer. Damals hatte ich das Gefühl, mit noch etwas mehr von dem Zaubertrunk im Blut würde ich wie im Traum über der rätselhaften Ebene von Nazca fliegen können. Und das ganz ohne Flugzeug.

Leben wir, wie viele Forscher glauben, am Anfang einer klimatischen Apokalypse? Ist die nahende Katastrophe, die vehement angekündigt wird, so sie denn kommt, menschengemacht oder ein Ereignis, dass sich auf unserem Planeten immer wieder wiederholt, regelmäßig? In einer zunehmend agnostischen Welt beichten und bekennen wir die Sünden, die zur Klima-Erwärmung führen. Oder erleben wir einen natürlichen Zyklus als Gegenbewegung zur letzten Kälteperiode? Wie dem auch sei: Auch die Azteken glaubten – wie die Mayas – an eine sich zyklisch wiederholende Geschichte, zu der auch »Weltunterhänge« gehörten. Erleben wir den Beginn der nächsten Apokalypse?

Fußnoten
Foto 12: Die Wüste von Nazca …
1) Langbein, Walter-Jörg: »Bevor die Sintflut kam«, München 1996, Kapitel 25,
     »Ein Bilderbuch für die Götter«, S. 284-295 (Rechtschreibung  im Zitat
     unverändert übernommen, nicht an die Rechtschreibreform angepasst!)
2) ebenda, Seite 292 unten und Seite 293 oben (Rechtschreibung  im Zitat
     unverändert übernommen, nicht an die Rechtschreibreform angepasst!)
3) »Archaeology/ A publication of the Archaeological Institute of America«,
     Tuesday, April 19, 2016
4) Langbein, Walter-Jörg: »Bevor die Sintflut kam«, München 1996, Kapitel 25,
     »Ein Bilderbuch für die Götter«, Seite 291 (Rechtschreibung  im Zitat
     unverändert übernommen, nicht an die Rechtschreibreform angepasst!)
5) Däniken, Erich von: »Zeichen für die Ewigkeit/ Die Botschaft von Nazca«,
     München 1997, S. 115



Literaturempfehlung
Däniken, Erich von: »Zeichen für die Ewigkeit/ Die Botschaft von Nazca«, München 1997

Foto 13: … birgt noch viele Geheimnisse.

Zu den Fotos
Foto 1: Bahnen kreuz und quer. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Ein »Auge der Wüste« reiht sich ans andere. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Eines der »Augen der Wüste«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Windfang oder Eingang? Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 5-8: »Augen der Wüste«. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 9-11: Blick in die Unterwelt von Nazca. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Die Wüste von Nazca … Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 13: … birgt noch viele Geheimnisse. Foto Walter-Jörg Langbein

»Nichts als heiße Luft«,
Teil  386 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 11.06.2017




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Sonntag, 2. März 2014

215 »Jesus, Atahualpa und die Pyramiden von Cochasquí«

Jesus von Cochasqui.
Foto: Ingeborg Diekmann
Teil 215 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                    
von Walter-Jörg Langbein


Jesus ist von den Toten auferstanden. Er fährt auf zum Himmel. So ist es beim Evangelisten Markus zu lesen  (1). Nach einem der Petrusbriefe (2) ist Jesus der, »der in den Himmel gegangen ist, dort ist er zur Rechten Gottes und Engel, Gewalten und Mächte sind ihm unterworfen.« Ein unbekannter Künstler, vermutlich aus Quito, Ecuador, hat diese berühmte Szene in Stein verewigt. Man sieht Jesus gen Himmel schweben, zahlreiche Hände versuchen noch, nach ihm zu greifen.

In Cusco erklärte mir ein katholischer Geistlicher: »Vor rund 2000 Jahren hofften Jesu Anhänger, ihr Messias werde sie erlösen – von der Knechtschaft der Römer. Die Anhänger Atahualpas setzten ihre Hoffnungen in den letzten Herrscher der Inkas. Sie wurden aber enttäuscht. Atahualpa wurde – wie Jesus – hingerichtet. (3) Und das, obwohl die Inkas aus dem gesamten Reich gigantische Gold- und Silberschätze als »Lösegeld« herbeischafften. Herrlichste Kunstwerke aus Gold und Silber wurden tonnenweise zu Barren geschmolzen… etwa fünf Wochen lang! Man schätzt, dass rund 200 Tonnen Preziosen geraubt und vernichtet wurden. Aber die »zivilisierten« Spanier brachen ihr Versprechen, Atahualpa freizulassen. Sie befürchteten wohl mit Recht, der Inka-Herrscher Atahualpa könnte nach seiner Freilassung doch noch ein riesiges Heer aufstellen die entscheidende Schlacht gewinnen. Zahlenmäßig waren die Inka-Truppen den spanischen haushoch überlegen. Aus Sicht der Spanier war Inka-General Ruminahui.


Mauerreste eines angeblichen Palasts von Atahualpa.
Foto Walter-Jörg Langbein

Gold- und Silberschätze trafen auch nach der Ermordung Atahualpas aus allen Teilen des riesigen Reiches ein. Unzählige Karawanen mit unvorstellbaren Reichtümern schafften gewaltige Gold- und Silbermengen zu den spanischen Verbrechern. Noch so mancher Transport wurde in entlegenen Regionen des Inkareichs beladen und losgeschickt, als die Spanier ihren Gefangenen nach einem Scheinprozess längst ermordet hatten. So trafen weiter Teile des Lösegeldes ein, sollen aber noch rechtzeitig vor den Spaniern versteckt worden sein! Aber wo?

In den kilometerlangen unterirdischen Gängen von Cusco, zum Beispiel. Noch heute soll es ein gigantisches Netz von unterirdischen Tunneln geben: unter der alten Stadt Cusco ebenso wie im Umfeld der alten Metropole. Aus Zeiten der spanischen Eroberung sind Berichte überliefert. Demnach sollen einzelne Zeugen in der mysteriösen Unterwelt tatsächlich Gold- und Silberschätze aus Atahualpas Lösegeld gesehen haben.


Einige der Pyramiden von Cochasqui, Ecuador.
Foto Walter-Jörg Langbein

Es gab leider offenbar schon vor Jahrhunderten das Gerücht, die mysteriösen Pyramiden von Cochasquí in Ecuador würden in ihrem Inneren unvorstellbare Kostbarkeiten bergen. Cochasquí liegt rund 50 Kilometer nördlich von Quito, Ecuador, in der Pichincha-Provinz – in einer Höhe von 3100 Metern über dem Meeresspiegel.

Pyramide mit »Narbe«. Foto Walter-Jörg Langbein

Das Gerücht führte dazu, dass teilweise mit brachialer Gewalt Schatzsucher den Pyramiden von Cochasquí zu Leibe rückten. Fünfzehn Pyramiden-Stümpfe und etwa genau so viele Grabstätten sind von Archäologen katalogisiert worden. Wie mir ein katholischer Geistlicher schmunzelnd erzählte, suchen seit Jahrhunderten Archäologen und Grabräuber um die Wette. Gold und Silber wurden bislang so gut wie nicht gefunden. »Pyramide 9« machte auf mich einen besonders traurigen Eindruck. Es sieht so aus, als habe man ihr mit einem riesigen Messer eine klaffende Wunder zugefügt. Hier waren Grabräuber, keine Archäologen, am Werk. Zu ihrer großen Enttäuschung stießen sie aber nur auf massives Mauerwerk. Und das diente nicht als Schutz für Preziosen aus Inkazeiten, sondern als inneres »Skelett«, das dem künstlichen »Berg« Halt verleihen sollte.

Zu welchem Zweck wurden die Pyramiden von Cochasquí gebaut? Archäologie war oft  von Doktrinen bestimmt. So galten die Pyramiden Ägyptens als Grabanlagen, die von Mexiko als Plattformen für Tempel. Es zeigte sich allerdings, dass eine Stufenpyramide einen Tempel tragen und eine Gruft enthalten kann (bekanntes Beispiel: »Tempel der Inschriften«, Palenque, Mexiko).


 »Tempel der Inschriften«, Palenque, Foto W-J.Langbein
  



Die Pyramiden von Cochasquí erinnern am ehesten an die Bauten von Mexiko. Sie sind oben flach. Als Grabanlagen dienten sie offenbar nie. Runde Grabbauten gab es separat von den Pyramiden. Zum Teil führten eins recht lange Rampen nach oben auf die abgeplatteten Pyramiden. Die längste Rampe dürfte fast 300 Meter gemessen haben. Ein derart langer Weg auf eher niedrige Pyramiden macht keinen praktischen Sinn.

Mich erinnert diese Bauweise an Observatorien im Alten Indien. Dort beobachteten und studierten Priester-Astronomen die Planeten unseres Sonnensystems, aber auch ferne Sterne. Trotz der Verwüstung der Pyramiden von Cochasquí konnte inzwischen bewiesen werden, dass zumindest einige der mysteriösen Bauwerke ganz eindeutig astronomische Bedeutung hatten. Es wurden von den Pyramidenbauern astronomische Beobachtungen durchgeführt, laut Lehrmeinung auch um einen möglichst präzisen Kalender erstellen zu können. Die langen Rampen waren offenbar erforderlich, um unter einem bestimmten Winkel zu bestimmten Zeiten Planeten und Sterne anzupeilen.

Cochasquí muss ein ganz besonderer Ort gewesen sein. Wer heute zu Fuß das weiträumige Areal ergründet, erahnt, wie riesig es einst gewesen sein muss ... Und wie eindrucksvoll! Wie viele Pyramiden mögen im Verlauf der Jahrhunderte ganz abgetragen worden sein? Manche der noch erhaltenen Pyramiden sind nur mit einiger Mühe als künstliche Bauwerke zu erkennen.


Eine der gut erhaltenen Pyramiden von Cochasqui. 
Foto Walter-Jörg Langbein


Unzählige Pyramiden mit langen schmalen Rampen waren auf dem rund 100 Hektar großen Gebiet verteilt. Wie viele Pyramiden mögen im Verlauf der Jahrhunderte ganz abgetragen worden sein? Manche der noch erhaltenen Pyramiden sind nur mit einiger Mühe als künstliche Bauwerke zu erkennen.

Einigkeit herrscht weitestgehend: Einst widmeten sich die Wissenschaftler von Cochasqui der Astronomie. Von den Pyramidenplattformen starrten sie in den Himmel, peilten Gestirne und Planeten an. Wie? Sie müssen eigentlich schon über  Hilfsmittel zur Anpeilung von Planeten und Sternen gehabt haben, vielleicht gar Fernrohre! Unwillkürlich muss ich an die Steingravuren aus dem Museum von Prof. Dr. Javier Cabrera denken. Nach Prof. Dr. Cabrera stammen diese Darstellungen aus der Vorinkazeit. Offiziell gelten sie aber als Fälschungen.

»Sterngucker«, Sammlung Cabrera,
Foto Walter-Jörg Langbein

Aber wo lebten die Menschen von Cochasquí, die Gelehrten, die Geistlichen, die Arbeiter? Von ihren Quartieren wurde bislang keine Spur gefunden. Nach Carl Niemann, Dresden, gab es schon vor Jahrtausenden in Südamerika eine ausgesprochen hoch entwickelte Astronomie. Diese Gelehrten peilten nicht nur – zum Beispiel – die Plejaden an, sondern auch die dunklen Zonen unserer Milchstraße. Auch die ältesten Grundmauern von Cusco sind, so Carl Niemann, astronomisch ausgerichtet. Warum? Vermutlich spielten die Sterne eine bedeutende Rolle, bei den Inkas, aber auch schon bei deren Vorfahren.

Mysteriöser Pyramiden-Schacht (li),  
Massives Mauerwerk in einer der Pyramiden (re) 
Fotos: Ingeborg Diekmann



Aus Kostengründen wurde erst ein kleiner Teil der Pyramiden von Cochasquí wirklich archäologisch untersucht. Massives Mauerwerk wurde in einer der Pyramiden freigelegt. Ein massiver Schacht wurde gegraben ... von Grabräubern? Von Archäologen? Oder stammt er gar von den Erbauern der Pyramiden? Viele Fragen sind bis heute unbeantwortet geblieben ...

Auch in Ecuador habe ich vor Ort immer wieder festgestellt, dass alte Glaubensvorstellungen aus Zeiten lange vor der »Christianisierung« nur offiziell in Vergessenheit geraten sind. Tatsächlich  werden aber auch heute noch neben Jesus und seiner Mutter Maria, der Himmelskönigin, alte Gottheiten wie Pacha Mama und Pacha Papa verehrt und angebetet. Die Priester vor Ort haben es in der Regel längst aufgegeben, gegen vermeintlich »heidnisches« Brauchtum anzukämpfen. Sie dulden die Verehrung der alten Muttergöttin, solange die Anhänger auch getauft sind. Dann werden Kerzen für Maria und für Pacha Mama angezündet.

Jesus von Cochasqui.
Foto Ingeborg Diekmann
Mein Informant, ein katholischer Geistlicher: »Es wird wohl noch Jahrhunderte dauern, bis der alte Glauben vergessen sein wird, bis sich der Katholizismus wirklich durchsetzen wird. Ich freue mich schon, wenn heidnischen Kulten etwas versteckt und heimlich gefrönt, dem Katholizismus öffentlich gehuldigt wird. Mir ist klar, dass für die Menschen hier kein Widerspruch besteht zwischen alten und neuen Riten. Manchmal werde ich sogar zu heimlichen Kulthandlungen eingeladen. Das sehe ich als großen Vertrauensbeweis an!«

In Rom, so versicherte mir der Priester, interessiert das niemanden. Da zählt nur die Zahl in der Statistik. Man will möglichst viele Gläubige der eigenen Konfession vorweisen können, sprich Katholiken. Dass so mancher Nachkomme der Inkas kein echter Katholik ist, sondern auch noch an alte Göttinnen und Götter glaubt, erfährt dort niemand, zumindest nicht offiziell.




Die Wunde in der Pyramide ... 
Foto Walter-Jörg Langbein
 Fußnoten
1) Evangelium nach Markus Kapitel 19,
Vers 19
2) 1. Petrus Brief Kapitel 3, Vers 22
3) Siehe hierzu Prem, Hanns J.:
»Geschichte Altamerikas«, Oldenbourg
Wissenschaftsverlag 2007,
besonders Kapitel 8!







216. Maria-Mama, Pacha-Mama
Teil 216 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 09.03.2014


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