Posts mit dem Label Stadt ohne Namen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Stadt ohne Namen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 16. Juli 2017

391 »Unterwegs in Túcume«

Teil  391 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Fotos 1 und  2: Modelle von Sipan und Túcume

Die Inka eroberten »feindliches Land«, um ihr Reich zu vergrößern, heißt es in den Werken der Geschichtsforscher. Und die Gelehrten fabulierten nicht einfach, sie studierten Aufzeichnungen der Spanier, sie führten archäologische Ausgrabungen durch. So brutal die Militärs auch manchmal vorgingen, sie vernichteten keine ältere Kultur. Vielmehr respektierte sie die Leistungen der militärisch unterlegenen. Bauwerke aus älteren Zeiten zerstörten sie nicht.

Die Verteidiger von Túcume, im Lambayeque-Tal, Peru, fürchteten die marodierenden Spanier, die Tod und Verderben brachten. Waren diese goldgierigen Räuberbanden vielleicht eine Strafe der Götter? Schickten die Himmlischen die Mörder aus fernem Land jenseits des großen Meeres, weil ihnen in nicht genügendem Umfang Respekt gezollt wurde? Konnte man die eigenen Götter noch besänftigen? Würde so das Ende noch verhindert werden können? Also ließen die Herren von Túcume den Göttern Menschenopfer bringen. Wer als Opfer ausgewählt wurde? Nach welchen Kriterien man wen mit wuchtigen Beilhieben erschlug? Waren es vielleicht Freiwillige aus der Oberschicht, oder doch Mordopfer?

Foto 3: Der Fürst von Sipan lässt sich über den Fortschritt der Bauarbeiten informieren

Ein Doktorand der Archäologie erklärte mir vor Ort in Túcume im Gespräch, dass es wohl die Edelsten der Edlen waren, die sich für das Wohl der Gemeinschaft den Göttern opfern ließen. »Man wollte natürlich die Götter bestechen, indem man ihnen Vertreter aus ›Adelskreisen‹ schenkte. Die Himmlischen würden sich doch nicht mit niederem Volk zufriedengeben!« Drängten sich vielleicht Opferwillige geradezu vor, um mit ihrer vermeintlich heroischen Tat die Zerstörung der eigenen Kultur noch einmal abzuwenden?

Wie dem auch sei: Dutzendweise wurden anno 1533 Menschen erschlagen, doch die Götter ließen sich nicht besänftigen. Sie unternahmen nichts, um ihre Anhänger zu retten. Ungehindert folterten, massakrierten und plünderten die Spanier. Der Zweck – Gold, Gold, Gold – heiligte die Mittel. Die Herrscher von Túcume müssen verzweifelt gewesen sein, als sie erkannten, dass die feindlichen Eroberer auch durch Blutopfer für die Götter nicht aufzuhalten waren. Der riesige Pyramidenkomplex von Túcume sollte ihnen aber nicht in die Hände fallen. So steckten sie das Heiligtum in Brand, legten die Zeugnisse ihrer Kultur und Schutt und Asche.

Foto 4: Riesige Rampen führten einst zu den Bauten auf den Pyramiden

Es heißt, dass einst ein Heros namens Naymlap die Kultur von Túcume begründete. »Mein« Doktorand, der anonym bleiben wollte, spekulierte: »In Tempeln auf riesigen Pyramiden mögen Reliquien des legendären Naymlap verehrt worden sein. Es mag auch schriftliche Dokumente über die Gründerzeit gegeben haben. Wenn die Tempel von Túcume Artefakte enthielten, die uns Ñaymlap näher bringen könnten, so fielen sie den Feuern von 1533 zum Opfer!« Hätte es diese Brände nicht gegeben, so wären die Spuren des Ñaymlap mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von den Spaniern zerstört worden.

Die Spanier vermuteten in den Pyramiden von Túcume Gräber hoher »Fürsten« und »Könige«. Sie dürften reiche Grabbeigaben vermutet haben. Zerstörten die Spanier die einst stolzen Bauwerke? Allein im Tal von Túcume gab es einst mindestens 26 künstlich aus Adobe-Ziegeln geschaffene Pyramiden. Hoch oben auf den Plattformen der Pyramiden mögen einst die Herrscher von Túcume gelebt haben. Vielleicht waren da aber auch Astronomen stationiert, die den Lauf der Sterne und Planeten verfolgten. Tatsächlich sind allen Zerstörungen zum Trotz auf manchen der Pyramiden noch heute Reste von Gebäuden zu erkennen.

Foto 5: Schutzdächer für archäologische Ausgrabungen

Welche Verwüstungen gehen auf wen zurück? Schon im 11. Nachchristlichen Jahrhundert soll es klimatische Katastrophen im Tal von Túcume gegeben haben. Nach Ewigkeiten der Trockenheit sollen sintflutartige Regenfälle dafür verantwortlich gewesen sein, die zumindest einige der Pyramiden fast bis zur Unkenntlichkeit beschädigten. Wie sollen da heute, ein Jahrtausend später, seriöse Archäologen das ursprüngliche Aussehen der Pyramiden rekonstruieren können?

Reste von Rampen, die einst zu den Spitzen der Pyramiden hinauf führten, sind heute noch da und dort zu erkennen. Waren es nur Aufgänge? Oder dienten sie wie Rampen an speziellen indischen Tempelpyramiden astronomischen Zwecken? Mein Informant, so versicherte er mir, hielt sich strikt zurück mit der Veröffentlichung von Grabungsberichten, so die Zweifel an der aktuell gültigen Lehrmeinung aufkommen lassen könnten.

Foto 6: Einer der Tunneleingänge

An archäologischen Stätten trifft man oft Wissenschaftler aus unterschiedlichen Bereichen, vor allem natürlich Archäologen. Im vertraulichen Gespräch erfährt man oft, was gar nicht zur gängigen wissenschaftlichen Lehre passt. »Mein« Archäologe zum Beispiel favorisierte die Vorstellung von sehr frühen matriarchalen Gesellschaftssystemen. Vorsichtig formulierte er: »Ich halte es zum Beispiel für wahrscheinlich, dass in Sipán wie in Túcume Frauen eine ganz dominante Rolle spielten, im religiösen Bereich als ›Oberpriesterinnen‹, im weltlichen Bereich als ›Fürstinnen‹. Womöglich gab es harte Auseinandersetzungen zwischen Anhängerinnen der Oberpriesterin und dem Gefolge des Oberpriesters.« Konkrete Beweise für eine solche Spekulation konnte mir »mein« Archäologe freilich nicht benennen. »Vielleicht zerstörte die eine Fraktion die Pyramiden der anderen.« Entbrannte ein Kampf der Geschlechter?

Foto 7: Das Werk von Grabräubern
»Was heißt hier ›Beweise‹!«, mokierte sich der noch junge Mann.« Vieles was der Laie für wissenschaftlich bewiesen halte, sei reine Spekulation. Rein spekulativ sei zum Beispiel die interessante These vom Menschenopfer als Ursache für den Niedergang der Kultur der Pyramidenbauer von Sipán und Túcume: Weil den Göttern die Edelsten und Besten geopfert wurden, verschwand die Elite, verlor man das Führungspersonal. Schwächten die Menschenopfer das Volk schon so, dass die Spanier im 16. Jahrhundert ohne größere Probleme gegen eine zahlenmäßige Übermacht gewinnen konnten? Oder führte El Niño schon vor Jahrhunderten zu Naturkatastrophen, denen die Menschen in der Wüstenregion hilflos ausgeliefert waren? (1)

Auf meinen Reisen durch die Gefilde von Túcume und Sipán fühlte ich mich in eine fremde Welt versetzt. Die Reste der einst gigantischen Pyramiden machten einen traurigen Eindruck. Millionen von Adobe-Steinen waren einst, wann auch immer, an der Sonne gebrannt und zu komplexen Systemen von Plattformen und Pyramiden aufgetürmt worden. Unbezweifelbar sind gewaltige Wasserschäden. Sind sie alt oder jung? Ich muss nochmal »meinen« anonymen Archäologen zu Wort kommen lassen: »Auch Archäologen sind an zum Teil erheblichen Schäden an den Pyramiden verantwortlich. Sie müssen die äußere Schicht der Pyramiden entfernen, um zu erforschen, was sich darunter verbirgt. Dann sind die Pyramiden schutzlos den Wetterunbilden ausgeliefert. Auch sind die an der Sonne gebrannten Lehmziegel nicht sehr durabel. So kann es sein, dass einige der Pyramiden so aussehen, als seien sie seit Jahrtausenden Wind und Wetter ausgeliefert. In Wirklichkeit geschahen die massiven Beschädigungen erst in den letzten 100 oder 120 Jahren.«

Seit mindestens 100 Jahren sind auch Grabräuber zugange, die Tunnel in die Pyramiden treiben, in der Hoffnung, so auf Grabkammern mit Mumien mit kostbarem Schmuck zu stoßen. Bei meinen Besuchen sah ich mehrere solche bergwerksartig in Pyramiden hineingetriebene Stollen gesehen. Deren Ausmaße, ich habe nachgemessen, hielten mich davon ab, in den Leib der Pyramiden vorzudringen. Ein Beispiel soll genügen: Höhe 95 Zentimeter, Breite 89 Zentimeter. Man wollte wohl so schnell wie möglich so weit wie möglich in der Pyramide vorankommen. Wie lang der Stollen war, das weiß ich natürlich nicht. Ob er von Grabräubern angelegt worden ist,  ich weiß es auch nicht. Ob der Gang zu einer Entdeckung führte, zu einer Grabkammer? Oder endet er irgendwo im Inneren der massigen Pyramide blind? Die Vorstellung, mich auf allen Vieren durch diesen engen Tunnel zu quetschen, die war mir alles andere als angenehm. Was mich dann letztlich davon abhielt, den Schacht zu erkunden, war der Gedanke an den Rückweg. Die Vorstellung, auf allen Vieren rückwärts wieder durch die Enge des Tunnels ans Tageslicht zurückzukehren, fand ich gruselig. Kurz, ich verzichtete auf ein mögliches Abenteuer. Mir fehlte der Mut, den H.P. Lovecrafts Held aufbrachte, um in die furchteinflößende »Stadt ohne Namen« (2) zu gelangen.

Fußnoten
Foto 8: Ein Stolleneingang
Foto 9: Ob die Grabräuber fündig wurden?
1) Literaturempfehlung! Sehr ausführlich hat sich der amerikanische Geograph Jared Diamond mit dem Untergang von Kulturen und Zivilisationen auseinandergesetzt. Sehr empfehlenswert ist sein Buch »Kollaps«. Diamond, Jared: »Kollaps/ Warum Gesellschaften überleben oder untergehen«, erweiterte Neuausgabe, Frankfurt am Main, Oktober 2011
2) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seiten 7- 24. »Necronomicon« ist Teil einer sechsbändigen Ausgabe der »Gesammelten Werke« von H.P. Lovecraft. Diese Ausgabe aus dem Hause FESTA ist meiner Meinung nach die beste überhaupt.

Zu den Fotos
Fotos 1 und  2: Modelle von Sipan und Túcume. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Der Fürst von Sipan lässt sich über den Fortschritt der Bauarbeiten informieren. 
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Riesige Rampen führten einst zu den Bauten auf den Pyramiden.
Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 5: Schutzdächer für archäologische Ausgrabungen.
Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 6: Einer der Tunneleingänge. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Das Werk von Grabräubern. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Ein Stolleneingang. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Ob die Grabräuber fündig wurden? Foto Walter-Jörg Langbein

392 »Von Tunneln, verborgenen Schätzen und Legenden«,
Teil  392 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        

  von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 23.7.2017


Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 2. Juli 2017

389 »Von Pyramiden und von der Angst vor den Toten«

Teil  389 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Eine der mysteriösen Pyramiden

Die Pyramiden wirken wie im Lauf der Äonen zerflossene Bauwerke. Es kommt mir so vor, als hätte die Ewigkeit einst gigantische stolze Monumente fast zur Unkenntlichkeit verformt. Ich fühle mich an die biblische Geschichte vom Turmbau zu Babel erinnert, als die Menschen nach einem alten Mythos zu Gott emporsteigen wollten. Das soll den Himmlischen wütend gemacht haben, so dass er aus seinen überirdischen Sphären herabstieg und das eitle Menschenwerk zerstörte.

Die Sonne brennt höllisch vom Firmament, die Konturen der einstigen Pyramiden – und Pyramiden waren es – verschwimmen im gleißenden Sonnenlicht. Erde und Pyramiden gegen in schmutzigem Grau-Braun fließend ineinander über. Wo hört Planet Terra auf, wo beginnt künstliches Bauwerk? Ist wieder versunken, was einst weit in den Himmel ragen sollte?

Foto 2: Eine der Monstermauern
Lehnten sich Pyramiden im Lauf der Zeit an einen von der Natur geschaffenen Hügel? Sank in sich zusammen, was einst in den Himmel ragte, um mit Hügeln und kleinen Bergen zu verwachsen? Gaukeln mir meine Augen Mauern und Treppen vor, wo Wind und Wetter willkürliche Plastiken aus Erde und Dreck formten? Oder ist das ganze komplexe Gebilde aus Rampen und zerflossenem Mauerwerk alles von Menschenhand geschaffen worden? Zu welchem Zweck? Zum Lob Gottes wäre die christliche Antwort, die gern gegeben wird, wenn sich das Warum und das Wozu nicht klären lassen.

Stiegen einst Priesterastronomen auf Rampen empor, um auf Plattformen astronomische Beobachtungen zu machen? Verfolgten die hohen Geistlichen den Lauf von Sonne, Mond und Sternen, um das Geheimnis der Zeit zu ergründen? Wollten sie Zyklen erkennen, um aus den Zeitläufen der Vergangenheit die der Zukunft zumindest zu erahnen?

Die Pyramiden Ägyptens – speziell die nach Cheops benannte – lassen uns staunen. Wir rätseln, wie wohl derlei meisterliche Bauwerke mit solcher Präzision errichtet werden konnten. Staunen lassen uns die millimetergenau zugeschnittenen Steinblöcke, wie sie oft in so manchem »Totentempel« Ägyptens bearbeitet wurden: ohne Mörtelmasse, und das so präzise, dass keine Zwischenräume zu erkennen sind. Zwischen so manche Fuge passt nicht einmal eine Rasierklinge.

Foto 3: Eine uralte Monstermauer
Im Sommer 1798 rief Napoleon angesichts der Gizeh-Pyramiden aus: »Denkt daran, dass von diesen Monumenten 40 Jahrhunderte auf euch herabblicken.« Ein altes ägyptisches Sprichwort besagt: »Alles fürchtet sich vor der Zeit, aber die Zeit fürchtet sich vor den Pyramiden.« Die Pyramiden Ägyptens machen bescheiden und demütig, geheimnisvolle Pyramidenwelten Perus lösen – besonders bei Nacht – ein nicht wirklich in Worte zu fassendes Unbehagen, ja mehr als das aus. Wenn die scheinbar äonenalten Bauten aus Millionen und Abermillionen von Steinen im fahlen Mondlicht schlummern, sich irgendwo in der Endlosigkeit einer Staub-Dreck-Sand-Hölle verlieren, entsteht eine gruselige Stimmung.

Wobei ich sagen muss, dass gruselig nicht das passende Wort ist. Bei meinem ersten nächtlichen Besuch der Pyramiden von Túcume versuchte ich vergeblich die gespenstische Stimmung in Worte zu fassen. War es Angst vor unbekanntem Unheimlichem? Oder vor einem wenig verständnisvollen Grabräuber, der sich bei seiner Arbeit gestört fühlen mochte. Während ich für mein Tagebuch vergeblich nach einem im Kern zutreffenden Vokabular suchte, kam mir der von mir seit Jugendjahren verehrte Schriftsteller Howard Philips Lovecraft in den Sinn. Lovecraft (* 20. August 1890; † 15. März 1937) war so lesen wir bei »Wikipedia« ein »amerikanischer Schriftsteller. Er gilt als einer der weltweit einflussreichsten Autoren im Bereich der phantastischen und anspruchsvollen Horrorliteratur.«

Foto 4: Gruselig
H.P. Lovecraft schrieb in einer Abhandlung über das »Übernatürliche in der Literatur«: »Die älteste und stärkste Emotion des Menschen ist Furcht, und die älteste und stärkste Form der Furcht ist die Angst vor dem Unbekannten. Diese Tatsachen wird kaum ein Psychologe bestreiten.«  Mit aller Wahrscheinlichkeit war ich bei meinem nächtlichen Besuch in Túcume zu mitternächtlicher Stunde sehr viel sicherer als heute zur Mittagsstunde an einem S-Bahnhof in Berlin. Und doch wuchs, je länger ich die mysteriöse Atmosphäre auf mich einwirken ließ, so etwas wie eine tiefe Beklommenheit in mir, die mit logischem Denken nichts zu tun hatte. Was löste meine undefinierbare Angst aus? War es das ahnungsvolle Wissen, von Menschenopfern, die vor vielen Jahrhunderten dargeboten wurden? War es das wissenschaftlich fundierte Wissen von schauerlichem Brauchtum, von Menschen, die in großer Zahl bei lebendigem Leibe mit ihrem toten Herrscher im fulminant mit edelsten Schätzen ausgestatteten Grab beerdigt wurden?

Die Reichtümer sollten den Toten auch im Jenseits zur Verfügung stehen, genauso wie die Menschen, die die toten Herrscher im Jenseits zu umsorgen und zu bedienen hatten. Nicht nur an einer Stätte Perus beschlich mich diese seltsame Beklommenheit, die den nüchtern-logisch denkenden Menschen unserer Tage allenfalls herablassend lächeln lässt. Aber Hand aufs Herz: Hat uns die Aufklärung wirklich die diffuse Angst genommen, die von Friedhöfen ausgeht? Wagt sich wirklich jeder Zeitgenosse zu nächtlicher Stunde auf einen Friedhof?

Foto 5: Der Vergangenheit entrissen
Wir haben den Tod so gut es geht verdrängt, aus unserem Bewusstsein, aus unserem Lebensraum. Gestorben wird heute viel in Altenheimen und Krankenhäusern, in Sterbezimmern und seltener zuhause.

Und Tote werden so schnell wie möglich aus der Welt der Lebenden entfernt, von tüchtigen Bestattungsunternehmern professionell – fast hätte ich formuliert – entsorgt. Sie werden bis zur Feuer-, See- oder Erdbestattung verwahrt. Selbst die in meiner Jugend noch häufig im Straßenbild zu sehenden Leichenwagen werden heute weitestgehend so neutral gehalten, dass schon gar nicht mehr auf den ersten oder zweiten Blick zu erkennen ist, wer da eine letzte irdische Reise angetreten hat. Aus Angst vor dem unausweichlichen Ende, das uns allen blüht, wollen wir in einer Zeit wachsenden Jugendwahns möglichst gar nicht mehr an das Ende allen Lebens erinnert werden, schon gar nicht des eigenen.

Ich habe mir viele Jahre überlegt, ob ich meine so ganz persönlichen Eindrücke, die ich an Stätten des Todes gewonnen habe, lieber verschweige. Zeitweise trug ich mich mit dem Gedanken, in einem letzten Buch über diese »letzten Dinge« zu schreiben. So lang will ich nicht warten. Ich will stattdessen versuchen, so gut ich kann zu berichten – über meine Eindrücke im Umfeld der mysteriösesten Pyramiden unseres Planeten.

Foto 6: Da gruselt's gewaltig...

H.P. Lovecraft schildert schaurig schön (s)eine »Stadt ohne Namen«. Seine einleitenden Worte kamen mir immer wieder in den Sinn, als ich in Peru unterwegs war, um Pyramiden aufzusuchen, die lange, viel zu lange keine Pyramiden sein durften. Lovecraft schreibt – und ich zitiere die wunderbare Version des FESTA-Verlags (1):


Foto 7: Grabräuber plünderten die Mumien

»Als ich mich der Stadt ohne Namen näherte, wusste ich, dass sie verflucht ist. Ich reiste im Mondschein durch ein ausgedörrtes und grässliches Tal, und in der Ferne sah ich die Stadt schaurig aus den Dünen ragen, so, wie Leichenteile aus einem hastig geschaufelten Grab ragen mögen.«

Lovecrafts fiktive »Stadt ohne Namen« ist irgendwo in der »Arabischen Wüste« angesiedelt, »verfallen und stumm, ihre niedrigen Mauern beinah versunken im Sand nie gezählter Zeitalter.« (2) »Verfallen und stumm« sind auch einst kolossale Pyramiden in Peru. Und auch in Peru gibt es Mauern, die im Boden zu versinken scheinen, die auf geheimnisvolle Weise zerfließen und formlos werden. Monstermauern von einst sind kaum mehr von natürlichen Formationen zu unterscheiden. Und überall gibt es Hinweise auf Mumien, die von Grabräubern ans Tageslicht gezerrt und gefleddert wurden. Da liegen bleiche Knochen im Sand, da weht der Wind Stofffetzen umher, die einst zu Mumienhüllen gehört haben.

Foto 8: Eines von Lovecrafts Meisterwerken
Einige Einheimische erzählten mir von Phänomenen, die man als Spukerscheinungen bezeichnen könnte. Ein katholischer Priester meinte: »Viele würden um nichts in der Welt die Region der verfluchten Pyramiden betreten, aus Angst vor den Toten! Die Grabräuber, so wird gemunkelt, haben die lebend Begrabenen wieder in unsere Welt gebracht. Wer sie nachts besucht, muss ihren Zorn fürchten!«

Fußnoten

1) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seite 7, Zeilen 1-5 von oben. »Necronomicon« ist Teil einer sechsbändigen Ausgabe der »Gesammelten Werke« von H.P. Lovecraft. Diese Ausgabe aus dem Hause FESTA ist meiner Meinung nach die beste überhaupt.
Sehr empfehlenswert sind auch die eBook-Ausgaben von H.P. Lovecrafts
»Chronik des Cthulhu-Mythos 1« und »Chronik des Cthulhu-Mythos 2«, jeweils mit einem Vorwort und Erläuterungen des führenden Lovecraft-Experten Deutschlands Marco Frenschkowski. Band 1 enthält Lovecrafts »Stadt ohne Nehmen«, Originaltitel »The Nameless City«.
Beide Bücher sind auch als Print-Ausgaben im Festa-Verlag erschienen.
2) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seite 7, Zeilen, Zeilen 15 und 16 von unten



Fotos 9 und 10: Fantastische Welten, erschaffen von H.P.Lovecraft


Zu den Fotos 

Foto 1: Eine der mysteriösen Pyramiden. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Eine der Monstermauern - zur Unkenntlichkeit verwaschen.... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Eine uralte Mosntermauer...Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Gruselig. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Der Vergangenheit entrissen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Da gruselt's gewaltig... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Grabräuber plünderten die Mumien. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Eines von Lovecrafts Meisterwerken. Foto Verlag/ Archiv Langbein
Fotos 9 und 10: Fantastische Welten, erschaffen von H.P.Lovecraft. Foto Verlag/ Archiv Langbein
Foto 11: Ich bin Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft, Foto Walter-Jörg Langbein

 
Foto 11: Ich bin Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft


390 »Im Tal der 300 Pyramiden«,
Teil  390 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 9.7.2017



Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Labels

Walter-Jörg Langbein (656) Sylvia B. (105) Osterinsel (79) Tuna von Blumenstein (46) Peru (34) Karl May (27) Nan Madol (27) g.c.roth (27) Maria Magdalena (22) Jesus (21) Karl der Große (19) Make Make (19) Externsteine (18) Für Sie gelesen (18) Bibel (17) Der Tote im Zwillbrocker Venn (17) Rezension (17) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Apokalypse (15) Vimanas (15) Atlantis der Südsee (13) Der hässliche Zwilling (13) Weseke (13) Blauregenmord (12) Nasca (12) Palenque (12) meniere desaster (12) Krimi (11) Pyramiden (11) Malta (10) Serie Teil meniere (10) Ägypten (10) Forentroll (9) Mexico (9) National Geographic (9) Straße der Toten (9) Lügde (8) Briefe an Lieschen (7) Monstermauern (7) Sphinx (7) Tempel der Inschriften (7) Winnetou (7) Lyrik (6) Marlies Bugmann (6) Mord (6) Märchen (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) Mexico City (5) Mord in Genf (5) Satire (5) Thriller (5) Atacama Wüste (4) Cheopspyramide (4) Dan Brown (4) Ephraim Kishon (4) Hexenhausgeflüster- Sylvia B. (4) Leonardo da Vinci (4) Machu Picchu (4) Sacsayhuaman (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Meniere (3) Mondpyramide (3) Mord im ostfriesischen Hammrich (3) Mysterien (3) Sakrileg (3) Shakespeare (3) Bevor die Sintflut kam (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Friedhofsgeschichten (2) Goethe (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Münsterland-Krimi (2) Vincent van Gogh (2) Alphabet (1) Bestatten mein Name ist Tod (1) Hexen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen Hexenhausgeflüster (1) Mord Ostfriesland (1) Mord und Totschlag (1) Münsterland (1) einmaleins lernen (1) meniére desaster (1)