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Sonntag, 2. Juli 2017

389 »Von Pyramiden und von der Angst vor den Toten«

Teil  389 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Eine der mysteriösen Pyramiden

Die Pyramiden wirken wie im Lauf der Äonen zerflossene Bauwerke. Es kommt mir so vor, als hätte die Ewigkeit einst gigantische stolze Monumente fast zur Unkenntlichkeit verformt. Ich fühle mich an die biblische Geschichte vom Turmbau zu Babel erinnert, als die Menschen nach einem alten Mythos zu Gott emporsteigen wollten. Das soll den Himmlischen wütend gemacht haben, so dass er aus seinen überirdischen Sphären herabstieg und das eitle Menschenwerk zerstörte.

Die Sonne brennt höllisch vom Firmament, die Konturen der einstigen Pyramiden – und Pyramiden waren es – verschwimmen im gleißenden Sonnenlicht. Erde und Pyramiden gegen in schmutzigem Grau-Braun fließend ineinander über. Wo hört Planet Terra auf, wo beginnt künstliches Bauwerk? Ist wieder versunken, was einst weit in den Himmel ragen sollte?

Foto 2: Eine der Monstermauern
Lehnten sich Pyramiden im Lauf der Zeit an einen von der Natur geschaffenen Hügel? Sank in sich zusammen, was einst in den Himmel ragte, um mit Hügeln und kleinen Bergen zu verwachsen? Gaukeln mir meine Augen Mauern und Treppen vor, wo Wind und Wetter willkürliche Plastiken aus Erde und Dreck formten? Oder ist das ganze komplexe Gebilde aus Rampen und zerflossenem Mauerwerk alles von Menschenhand geschaffen worden? Zu welchem Zweck? Zum Lob Gottes wäre die christliche Antwort, die gern gegeben wird, wenn sich das Warum und das Wozu nicht klären lassen.

Stiegen einst Priesterastronomen auf Rampen empor, um auf Plattformen astronomische Beobachtungen zu machen? Verfolgten die hohen Geistlichen den Lauf von Sonne, Mond und Sternen, um das Geheimnis der Zeit zu ergründen? Wollten sie Zyklen erkennen, um aus den Zeitläufen der Vergangenheit die der Zukunft zumindest zu erahnen?

Die Pyramiden Ägyptens – speziell die nach Cheops benannte – lassen uns staunen. Wir rätseln, wie wohl derlei meisterliche Bauwerke mit solcher Präzision errichtet werden konnten. Staunen lassen uns die millimetergenau zugeschnittenen Steinblöcke, wie sie oft in so manchem »Totentempel« Ägyptens bearbeitet wurden: ohne Mörtelmasse, und das so präzise, dass keine Zwischenräume zu erkennen sind. Zwischen so manche Fuge passt nicht einmal eine Rasierklinge.

Foto 3: Eine uralte Monstermauer
Im Sommer 1798 rief Napoleon angesichts der Gizeh-Pyramiden aus: »Denkt daran, dass von diesen Monumenten 40 Jahrhunderte auf euch herabblicken.« Ein altes ägyptisches Sprichwort besagt: »Alles fürchtet sich vor der Zeit, aber die Zeit fürchtet sich vor den Pyramiden.« Die Pyramiden Ägyptens machen bescheiden und demütig, geheimnisvolle Pyramidenwelten Perus lösen – besonders bei Nacht – ein nicht wirklich in Worte zu fassendes Unbehagen, ja mehr als das aus. Wenn die scheinbar äonenalten Bauten aus Millionen und Abermillionen von Steinen im fahlen Mondlicht schlummern, sich irgendwo in der Endlosigkeit einer Staub-Dreck-Sand-Hölle verlieren, entsteht eine gruselige Stimmung.

Wobei ich sagen muss, dass gruselig nicht das passende Wort ist. Bei meinem ersten nächtlichen Besuch der Pyramiden von Túcume versuchte ich vergeblich die gespenstische Stimmung in Worte zu fassen. War es Angst vor unbekanntem Unheimlichem? Oder vor einem wenig verständnisvollen Grabräuber, der sich bei seiner Arbeit gestört fühlen mochte. Während ich für mein Tagebuch vergeblich nach einem im Kern zutreffenden Vokabular suchte, kam mir der von mir seit Jugendjahren verehrte Schriftsteller Howard Philips Lovecraft in den Sinn. Lovecraft (* 20. August 1890; † 15. März 1937) war so lesen wir bei »Wikipedia« ein »amerikanischer Schriftsteller. Er gilt als einer der weltweit einflussreichsten Autoren im Bereich der phantastischen und anspruchsvollen Horrorliteratur.«

Foto 4: Gruselig
H.P. Lovecraft schrieb in einer Abhandlung über das »Übernatürliche in der Literatur«: »Die älteste und stärkste Emotion des Menschen ist Furcht, und die älteste und stärkste Form der Furcht ist die Angst vor dem Unbekannten. Diese Tatsachen wird kaum ein Psychologe bestreiten.«  Mit aller Wahrscheinlichkeit war ich bei meinem nächtlichen Besuch in Túcume zu mitternächtlicher Stunde sehr viel sicherer als heute zur Mittagsstunde an einem S-Bahnhof in Berlin. Und doch wuchs, je länger ich die mysteriöse Atmosphäre auf mich einwirken ließ, so etwas wie eine tiefe Beklommenheit in mir, die mit logischem Denken nichts zu tun hatte. Was löste meine undefinierbare Angst aus? War es das ahnungsvolle Wissen, von Menschenopfern, die vor vielen Jahrhunderten dargeboten wurden? War es das wissenschaftlich fundierte Wissen von schauerlichem Brauchtum, von Menschen, die in großer Zahl bei lebendigem Leibe mit ihrem toten Herrscher im fulminant mit edelsten Schätzen ausgestatteten Grab beerdigt wurden?

Die Reichtümer sollten den Toten auch im Jenseits zur Verfügung stehen, genauso wie die Menschen, die die toten Herrscher im Jenseits zu umsorgen und zu bedienen hatten. Nicht nur an einer Stätte Perus beschlich mich diese seltsame Beklommenheit, die den nüchtern-logisch denkenden Menschen unserer Tage allenfalls herablassend lächeln lässt. Aber Hand aufs Herz: Hat uns die Aufklärung wirklich die diffuse Angst genommen, die von Friedhöfen ausgeht? Wagt sich wirklich jeder Zeitgenosse zu nächtlicher Stunde auf einen Friedhof?

Foto 5: Der Vergangenheit entrissen
Wir haben den Tod so gut es geht verdrängt, aus unserem Bewusstsein, aus unserem Lebensraum. Gestorben wird heute viel in Altenheimen und Krankenhäusern, in Sterbezimmern und seltener zuhause.

Und Tote werden so schnell wie möglich aus der Welt der Lebenden entfernt, von tüchtigen Bestattungsunternehmern professionell – fast hätte ich formuliert – entsorgt. Sie werden bis zur Feuer-, See- oder Erdbestattung verwahrt. Selbst die in meiner Jugend noch häufig im Straßenbild zu sehenden Leichenwagen werden heute weitestgehend so neutral gehalten, dass schon gar nicht mehr auf den ersten oder zweiten Blick zu erkennen ist, wer da eine letzte irdische Reise angetreten hat. Aus Angst vor dem unausweichlichen Ende, das uns allen blüht, wollen wir in einer Zeit wachsenden Jugendwahns möglichst gar nicht mehr an das Ende allen Lebens erinnert werden, schon gar nicht des eigenen.

Ich habe mir viele Jahre überlegt, ob ich meine so ganz persönlichen Eindrücke, die ich an Stätten des Todes gewonnen habe, lieber verschweige. Zeitweise trug ich mich mit dem Gedanken, in einem letzten Buch über diese »letzten Dinge« zu schreiben. So lang will ich nicht warten. Ich will stattdessen versuchen, so gut ich kann zu berichten – über meine Eindrücke im Umfeld der mysteriösesten Pyramiden unseres Planeten.

Foto 6: Da gruselt's gewaltig...

H.P. Lovecraft schildert schaurig schön (s)eine »Stadt ohne Namen«. Seine einleitenden Worte kamen mir immer wieder in den Sinn, als ich in Peru unterwegs war, um Pyramiden aufzusuchen, die lange, viel zu lange keine Pyramiden sein durften. Lovecraft schreibt – und ich zitiere die wunderbare Version des FESTA-Verlags (1):


Foto 7: Grabräuber plünderten die Mumien

»Als ich mich der Stadt ohne Namen näherte, wusste ich, dass sie verflucht ist. Ich reiste im Mondschein durch ein ausgedörrtes und grässliches Tal, und in der Ferne sah ich die Stadt schaurig aus den Dünen ragen, so, wie Leichenteile aus einem hastig geschaufelten Grab ragen mögen.«

Lovecrafts fiktive »Stadt ohne Namen« ist irgendwo in der »Arabischen Wüste« angesiedelt, »verfallen und stumm, ihre niedrigen Mauern beinah versunken im Sand nie gezählter Zeitalter.« (2) »Verfallen und stumm« sind auch einst kolossale Pyramiden in Peru. Und auch in Peru gibt es Mauern, die im Boden zu versinken scheinen, die auf geheimnisvolle Weise zerfließen und formlos werden. Monstermauern von einst sind kaum mehr von natürlichen Formationen zu unterscheiden. Und überall gibt es Hinweise auf Mumien, die von Grabräubern ans Tageslicht gezerrt und gefleddert wurden. Da liegen bleiche Knochen im Sand, da weht der Wind Stofffetzen umher, die einst zu Mumienhüllen gehört haben.

Foto 8: Eines von Lovecrafts Meisterwerken
Einige Einheimische erzählten mir von Phänomenen, die man als Spukerscheinungen bezeichnen könnte. Ein katholischer Priester meinte: »Viele würden um nichts in der Welt die Region der verfluchten Pyramiden betreten, aus Angst vor den Toten! Die Grabräuber, so wird gemunkelt, haben die lebend Begrabenen wieder in unsere Welt gebracht. Wer sie nachts besucht, muss ihren Zorn fürchten!«

Fußnoten

1) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seite 7, Zeilen 1-5 von oben. »Necronomicon« ist Teil einer sechsbändigen Ausgabe der »Gesammelten Werke« von H.P. Lovecraft. Diese Ausgabe aus dem Hause FESTA ist meiner Meinung nach die beste überhaupt.
Sehr empfehlenswert sind auch die eBook-Ausgaben von H.P. Lovecrafts
»Chronik des Cthulhu-Mythos 1« und »Chronik des Cthulhu-Mythos 2«, jeweils mit einem Vorwort und Erläuterungen des führenden Lovecraft-Experten Deutschlands Marco Frenschkowski. Band 1 enthält Lovecrafts »Stadt ohne Nehmen«, Originaltitel »The Nameless City«.
Beide Bücher sind auch als Print-Ausgaben im Festa-Verlag erschienen.
2) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seite 7, Zeilen, Zeilen 15 und 16 von unten



Fotos 9 und 10: Fantastische Welten, erschaffen von H.P.Lovecraft


Zu den Fotos 

Foto 1: Eine der mysteriösen Pyramiden. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Eine der Monstermauern - zur Unkenntlichkeit verwaschen.... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Eine uralte Mosntermauer...Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Gruselig. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Der Vergangenheit entrissen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Da gruselt's gewaltig... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Grabräuber plünderten die Mumien. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Eines von Lovecrafts Meisterwerken. Foto Verlag/ Archiv Langbein
Fotos 9 und 10: Fantastische Welten, erschaffen von H.P.Lovecraft. Foto Verlag/ Archiv Langbein
Foto 11: Ich bin Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft, Foto Walter-Jörg Langbein

 
Foto 11: Ich bin Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft


390 »Im Tal der 300 Pyramiden«,
Teil  390 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 9.7.2017



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Sonntag, 30. Oktober 2016

354 »Heinrich II., Napoleon, Adolf Hitler und die Lanze des Longinus«,

Teil  354 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein
                       

Foto 1: Die Marienpforte
Nachdem wir die beiden »Domkröten« ausgiebig betrachtet haben, wenden wir uns der »Marienpforte« am Ostchor des Bamberger Doms zu. Was sofort auffällt: Anders als bei vielen christlichen Sakralbauten sind die Skulpturen im Tympanon der Marienpforte nicht durch ein störendes Netz geschützt.

Im Zentrum thront majestätisch Maria, die Gottesmutter.  Auf ihrem Schoß sitzt das Jesuskind, ein Miniatur-Erwachsener mit lockigem Haar. Maria ist im Begriff, Jesus als Symbol seiner Autorität eine Weltkugel auszuhändigen. Maria wirkt wie eine mächtige Herrscherin, mehr wie eine Kaiserin, weniger wie die bescheidene Mutter Jesu, über die wir im Neuen Testament der Bibel nur so wenig erfahren. Die Pose der Mutter Jesu wirkt weltlich. So hat man sonst Kaiser wie den Gründer des Bamberger Doms Heinrich II. mit der Weltkugel in der Hand dargestellt. Und wenn ein irdischer Regent wie Heinrich II. die Insignien seiner Macht erhielt, dann ist es häufig Jesus Christus selbst, der das Ritual vollzieht. Eine sehr schöne Darstellung dieses Akts findet sich im Perikopenbuch Heinrich II., das in der Bayerischen Staatsbibliothek zu München verwahrt wird. In diesem kostbaren Werk ist es Jesus höchstpersönlich, der Heinrich II. und Gemahlin Kunigunde krönt.

Foto 2: Die Marienpforte mit dem Tympanon

Foto 3: Das Tympanon

Im Tympanon der Marienpforte stehen an Marias rechter Seite die beiden Patrone des Doms, Georg und Petrus. Petrus (rechts im Bild) hält ein Buch und trägt seinen Schlüssel am Gewand.

Foto 4: Petrus und Georg

An Marias linker Seite machen wir die zu Heiligen  erklärten Heinrich II  und Gemahlin  Kunigunde.

Foto 5: Heinrich II und Kunigunde

Aus den ersten Jahren des 11. Jahrhunderts entstand eine Buchmalerei, die die Krönung Heinrich II. durch Christus zeigt. Die kunstvolle Darstellung aus dem »Sakramentar« Heinrichs zeigt den Herrscher als Günstling des Himmels. Zwei Engel, aus dem Himmel kommend, überreichen ihm ein Schwert und eine Lanze. Bei der Lanze handelt es sich um eine Reliquie der besonderen Art. Nach einer frommen Legende soll einst der römische Hauptmann Longinus mit just jener Waffe in Jesu Seite gestochen haben, um auf diese Weise zu überprüfen, ob denn der Gekreuzigte auch wirklich tot sei. Nur im Evangelium nach Johannes finden wir einen Hinweis auf  den Lanzenstich, erfahren freilich weder den Namen noch den genauen militärischen Rang des Mannes (1): 

»Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht; sondern einer der Soldaten stieß mit dem Speer in seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus.«

Foto 6: Maria mit dem Jesuskind
Im Evangelium nach Matthäus wird der Lanzenstich nicht erwähnt, es taucht aber ein Hauptmann auf (2): »Als der Hauptmann und die Männer, die mit ihm zusammen Jesus bewachten, das Erdbeben bemerkten und sahen, was geschah, erschraken sie sehr und sagten: Wahrhaftig, das war Gottes Sohn!« Auch im Evangelium nach Markus taucht der anonyme Hauptmann auf, ohne allerdings den ominösen Lanzenstich zu erwähnen. Wie bei Matthäus bekundet der Römer auch bei Markus Anerkennung der Sohnschaft Gottes (3): »Als der Hauptmann, der Jesus gegenüberstand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.«  In der Theologie ist man sich weitestgehend einig, dass es eben jener Hauptmann war, der in Jesu Seite stach.

Erst im apokryphen »Nikodemusevangelium«, das nicht in die Bibel aufgenommen wurde und frühestens 310 n.Chr. entstanden, werden »Annas und Kaiphas« als vermeintliche Zeugen der Kreuzigung zitiert. Ihre Aussagen gehen in einem entscheidenden Punkt über die der biblischen Evangelien hinaus (4): »Wir sahen, wie er Backenstreiche erhielt, wie man ihm ins Gesicht spie, daß die Soldaten ihm eine Dornenkrone aufsetzten, daß er gegeißelt und von Pilatus verurteilt wurde und dann auf der Schädelstätte gekreuzigt wurde; man tränkte ihn mit Essig und Galle, und der Soldat Longinus durchbohrte mit einer Lanze seine Seite.«

Foto 7: Das Tympanon der Marienpforte

Erst im apokryphen Nikodemusevangelium, dessen erster Teil auch als »Pilatusakten« bekannt ist, wird das Bild wie wir es aus den biblischen Evangelien kennen, vervollständigt. Der Soldat Longinus stach mit seiner Lanze Jesu Seite, Blut floss heraus. Das Nikodemusevangelium schildert ausführlich Prozess und Kreuzigung Jesu, wobei der Eindruck erweckt wird, dass der Text auf ein in hebräischer Sprache verfasstes Dokument zurückgeht, verfasst von einem gewissen Nikodemus. Dieser Nikodemus war laut dem Evangelium nach Johannes ein bedeutender Pharisäer, der heimlich Jesus aufsuchte, um theologische Fragen zu erörtern (5). Und eben dieser Nikodemus soll, wieder nach dem Evangelium nach Johannes zugegen gewesen sein, als Jesus starb (6). Sollte dieser Nikodemus nicht der ideale Zeuge sein, der die letzten Augenblicke im Leben des Jesus von Nazareth beschreiben kann? Macht das die Überlieferung von Longinus glaubwürdig? Wir müssen bedenken, dass das angeblich in Hebräisch verfasste Nikodemusevangelium bis heute nicht gefunden wurde. Es liegt lediglich die »Übersetzung« ins Griechische vor. Wie dem auch sei: Das Nikodemusevangelium wird als Quelle herangezogen, wenn es um den legendären Lanzenstich des Longinus geht.

Foto 8: Blick Richtung Kaisergrab
Als heiligste Reliquie schlechthin gilt im Katholizismus das Blut Jesu. Die Lanze des Longinus aber ließ Jesu Blut fließen, saugte Blut des Gekreuzigten auf. So wurde die legendäre Lanze zum sakralen Objekt. Von der Wirkung der Lanze soll Otto III. überzeugt gewesen sein, der das blutige Objekt immer mit sich führte. Als Otto anno 996 sein Heer nach Rom marschieren ließ, war auch die Lanze dabei. Anno 1002 wurde der Leichnam Otto III nach Aachen geschafft. Heinrich II. ließ den Leichenzug unterwegs überfallen, um in den Besitz der Reichskleinodien und der Lanze zu gelangen. Groß war die Enttäuschung, als ausgerechnet die Heilige Lanze nicht erbeutet werden konnte. Daraufhin nahm Heinrich II.  Heribert, Erzbischof von Köln, gefangen. Als Lösegeld forderte er die Heilige Lanze. Es wäre Heribert womöglich an den frommen Kragen gegangen, hätte nicht Bischof Heinrich von Würzburg, ein Bruder Heriberts, die Auslieferung der Longinus-Lanze zugesagt. Der Kirchenmann hielt Wort und so kam die begehrte Lanze in den Besitz Heinrich II. Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Heilige Lanze in Aachen beherbergt.

Foto 9: Das Kaisergrab
Als anno 1796 französische Truppen den Rhein überquerten, befürchtete man, Napoleon wolle in den Besitz des Speers gelangen. Auf Umwegen gelangte sie so schließlich nach Wien. Anno 1938 ließ Adolf Hitler die Reichsinsignien nebst Lanze ins Deutsche Reich holen. In der Katharinenkirche konnten die Kostbarkeiten bestaunt werden. Als im II. Weltkrieg der so oft beschworene »Endsieg« immer unwahrscheinlicher wurde, sollte vor allem die Lanze dem Zugriff der feindlichen Truppen entzogen werden. Sie wurde in einem Luftschutzbunker versteckt. 1945 wurde sie von US-Soldaten gefunden und gelangte 1946 wieder zurück nach Wien. Dort befindet sie sich auch heute noch, und zwar in der Schatzkammer der Wiener Hofburg. Sie wird unter der Inventarnummer XIII/19 geführt und ausgestellt. Dort fristet sie ein eher kümmerliches Dasein, gilt doch inzwischen als gesichert, dass sie nicht aus Jesu Zeiten stammt. Sie wurde von Experten wie Peter Paulsen, Michael Hesemann weist darauf hin (7), als »karolingische Flügellanze aus dem 8. Jahrhundert identifiziert. Michael Hesemanns Fazit: »Eine Passionsreliquie ist sie nicht.«

Foto 10: Blick auf das Kaisergrab
Sakrale Objekte wie die Bundeslade des Alten Testaments, aber auch der »Heilige Gral«, Splitter vom »wahren Kreuz Jesu« und Nägel, mit denen Jesus ans Kreuz geschlagen worden sein soll, faszinieren seit vielen Jahrhunderten. Ihnen wird von vielen Gläubigen wundersame Wirkung nachgesagt. Ob sie freilich wirklich magische Kräfte besitzen, das sei dahingestellt. Ob die diversen Mächtigen, die im Lauf der Jahrhunderte immer wieder die Heilige Lanze einsetzten, an ihre Zauberkraft glaubten? Oder nutzten sie nur den Volksglauben für ihre Zwecke aus? Wenn die Lanze einem Heer vorangetragen wurde, mag das die gegnerischen Truppen beeinflusst haben. Wer glaubt, dass die »andere Seite« magische Reliquien besitzt, kämpft womöglich gar nicht mit voller Kraft.

Ich selbst lernte in Bamberg einen auf mich eher bieder wirkenden Schatzsucher der besonderen Art kennen. Er stand vor dem Kaisergrab im Dom und fotografierte emsig die Reliefs am marmornen Sarkophag, der in den Jahren 1499 bis 1533 von keinem Geringeren als Tilman Riemenschneider geschaffen wurde. Es ist anzunehmen dass Riemenschneider selbst Hand anlegte und das wichtige Hochgrab nicht seinen Angestellten überließ.

Foto 11: Eines der Reliefs am Kaisergrab

Als ich ebenfalls Aufnahmen des Sarkophags machte, da zischte mir der Möchtegern- Indiana-Jones fast ein wenig ungnädig zu: »Sie suchen wohl auch nach der wahren Lanze des Longinus?« Er ließ mich wissen, dass seiner festen Überzeugung nach Heinrich II. wirklich die echte Lanze besaß. Allerdings ließ er eine Kopie anfertigen, die er als die echte ausgab. Die zwei Jahrtausende alte »Originallanze« aber bewahrte er angeblich in einem Versteck auf. So wollte Heinrich II., der übrigens kinderlos starb, verhindern, dass die mächtige Reliquie mit echtem Blut des Jesus von Nazareth, in »falsche Hände« geriet. Ob man sie dem toten Herrscher ins Grab legte? Ob die Reliefplatten an der Tumba Kaiser Heinrichs II und der Kaiserin Kunigunde verschlüsselte Hinweise auf die Lanze enthalten?

Fußnoten
(1) Evangelium nach Johannes Kapitel 19, Verse 33 und 34
(2) Evangelium nach Matthäus Kapitel 27, Vers 54
(3) Evangelium nach Markus Kapitel 15, Vers 39
(4) Nikodemusevangelium  Kapitel XVI, Vers 7, zitiert nach Schneemelcher, Wilhelm: »Neutestamentliche Apokryphen«, Band I, »Evangelien«, 6. Auflage, Tübingen 1990, Seite 413
(5) Evangelium nach Johannes Kapitel 3, Verse 1-7
(6) Evangelium nach Johannes Kapitel 19, Vers 39
(7) Hesemann, Michael: »Die stummen Zeugen von Golgatha/ Die faszinierende Geschichte der Passionsreliquien Christi«, München 2000, Kapitel 5. »Der Speer des Schicksals«, S. 104-116, Zitat S. 116

Foto 12: Petrus, Maria, das Jesuskind und Heinrich II im Tympanon

Zu den Fotos:

Foto 1: Die Marienpforte. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Die Marienpforte mit dem Tympanon. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Das Tympanon. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Petrus und Georg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Heinrich II und Kunigunde. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Maria mit dem Jesuskind. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Das Tympanon der Marienpforte. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Blick Richtung Kaisergrab. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Das Kaisergrab. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Blick auf das Kaisergrab. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Eines der Reliefs am Kaisergrab. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Petrus, Maria, das Jesuskind und Heinrich II im Tympanon. Foto Walter-Jörg Langbein

355 »Kunigundes Kopf«,
Teil  355 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 06.11.2016



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