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Sonntag, 30. Oktober 2016

354 »Heinrich II., Napoleon, Adolf Hitler und die Lanze des Longinus«,

Teil  354 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein
                       

Foto 1: Die Marienpforte
Nachdem wir die beiden »Domkröten« ausgiebig betrachtet haben, wenden wir uns der »Marienpforte« am Ostchor des Bamberger Doms zu. Was sofort auffällt: Anders als bei vielen christlichen Sakralbauten sind die Skulpturen im Tympanon der Marienpforte nicht durch ein störendes Netz geschützt.

Im Zentrum thront majestätisch Maria, die Gottesmutter.  Auf ihrem Schoß sitzt das Jesuskind, ein Miniatur-Erwachsener mit lockigem Haar. Maria ist im Begriff, Jesus als Symbol seiner Autorität eine Weltkugel auszuhändigen. Maria wirkt wie eine mächtige Herrscherin, mehr wie eine Kaiserin, weniger wie die bescheidene Mutter Jesu, über die wir im Neuen Testament der Bibel nur so wenig erfahren. Die Pose der Mutter Jesu wirkt weltlich. So hat man sonst Kaiser wie den Gründer des Bamberger Doms Heinrich II. mit der Weltkugel in der Hand dargestellt. Und wenn ein irdischer Regent wie Heinrich II. die Insignien seiner Macht erhielt, dann ist es häufig Jesus Christus selbst, der das Ritual vollzieht. Eine sehr schöne Darstellung dieses Akts findet sich im Perikopenbuch Heinrich II., das in der Bayerischen Staatsbibliothek zu München verwahrt wird. In diesem kostbaren Werk ist es Jesus höchstpersönlich, der Heinrich II. und Gemahlin Kunigunde krönt.

Foto 2: Die Marienpforte mit dem Tympanon

Foto 3: Das Tympanon

Im Tympanon der Marienpforte stehen an Marias rechter Seite die beiden Patrone des Doms, Georg und Petrus. Petrus (rechts im Bild) hält ein Buch und trägt seinen Schlüssel am Gewand.

Foto 4: Petrus und Georg

An Marias linker Seite machen wir die zu Heiligen  erklärten Heinrich II  und Gemahlin  Kunigunde.

Foto 5: Heinrich II und Kunigunde

Aus den ersten Jahren des 11. Jahrhunderts entstand eine Buchmalerei, die die Krönung Heinrich II. durch Christus zeigt. Die kunstvolle Darstellung aus dem »Sakramentar« Heinrichs zeigt den Herrscher als Günstling des Himmels. Zwei Engel, aus dem Himmel kommend, überreichen ihm ein Schwert und eine Lanze. Bei der Lanze handelt es sich um eine Reliquie der besonderen Art. Nach einer frommen Legende soll einst der römische Hauptmann Longinus mit just jener Waffe in Jesu Seite gestochen haben, um auf diese Weise zu überprüfen, ob denn der Gekreuzigte auch wirklich tot sei. Nur im Evangelium nach Johannes finden wir einen Hinweis auf  den Lanzenstich, erfahren freilich weder den Namen noch den genauen militärischen Rang des Mannes (1): 

»Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht; sondern einer der Soldaten stieß mit dem Speer in seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus.«

Foto 6: Maria mit dem Jesuskind
Im Evangelium nach Matthäus wird der Lanzenstich nicht erwähnt, es taucht aber ein Hauptmann auf (2): »Als der Hauptmann und die Männer, die mit ihm zusammen Jesus bewachten, das Erdbeben bemerkten und sahen, was geschah, erschraken sie sehr und sagten: Wahrhaftig, das war Gottes Sohn!« Auch im Evangelium nach Markus taucht der anonyme Hauptmann auf, ohne allerdings den ominösen Lanzenstich zu erwähnen. Wie bei Matthäus bekundet der Römer auch bei Markus Anerkennung der Sohnschaft Gottes (3): »Als der Hauptmann, der Jesus gegenüberstand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.«  In der Theologie ist man sich weitestgehend einig, dass es eben jener Hauptmann war, der in Jesu Seite stach.

Erst im apokryphen »Nikodemusevangelium«, das nicht in die Bibel aufgenommen wurde und frühestens 310 n.Chr. entstanden, werden »Annas und Kaiphas« als vermeintliche Zeugen der Kreuzigung zitiert. Ihre Aussagen gehen in einem entscheidenden Punkt über die der biblischen Evangelien hinaus (4): »Wir sahen, wie er Backenstreiche erhielt, wie man ihm ins Gesicht spie, daß die Soldaten ihm eine Dornenkrone aufsetzten, daß er gegeißelt und von Pilatus verurteilt wurde und dann auf der Schädelstätte gekreuzigt wurde; man tränkte ihn mit Essig und Galle, und der Soldat Longinus durchbohrte mit einer Lanze seine Seite.«

Foto 7: Das Tympanon der Marienpforte

Erst im apokryphen Nikodemusevangelium, dessen erster Teil auch als »Pilatusakten« bekannt ist, wird das Bild wie wir es aus den biblischen Evangelien kennen, vervollständigt. Der Soldat Longinus stach mit seiner Lanze Jesu Seite, Blut floss heraus. Das Nikodemusevangelium schildert ausführlich Prozess und Kreuzigung Jesu, wobei der Eindruck erweckt wird, dass der Text auf ein in hebräischer Sprache verfasstes Dokument zurückgeht, verfasst von einem gewissen Nikodemus. Dieser Nikodemus war laut dem Evangelium nach Johannes ein bedeutender Pharisäer, der heimlich Jesus aufsuchte, um theologische Fragen zu erörtern (5). Und eben dieser Nikodemus soll, wieder nach dem Evangelium nach Johannes zugegen gewesen sein, als Jesus starb (6). Sollte dieser Nikodemus nicht der ideale Zeuge sein, der die letzten Augenblicke im Leben des Jesus von Nazareth beschreiben kann? Macht das die Überlieferung von Longinus glaubwürdig? Wir müssen bedenken, dass das angeblich in Hebräisch verfasste Nikodemusevangelium bis heute nicht gefunden wurde. Es liegt lediglich die »Übersetzung« ins Griechische vor. Wie dem auch sei: Das Nikodemusevangelium wird als Quelle herangezogen, wenn es um den legendären Lanzenstich des Longinus geht.

Foto 8: Blick Richtung Kaisergrab
Als heiligste Reliquie schlechthin gilt im Katholizismus das Blut Jesu. Die Lanze des Longinus aber ließ Jesu Blut fließen, saugte Blut des Gekreuzigten auf. So wurde die legendäre Lanze zum sakralen Objekt. Von der Wirkung der Lanze soll Otto III. überzeugt gewesen sein, der das blutige Objekt immer mit sich führte. Als Otto anno 996 sein Heer nach Rom marschieren ließ, war auch die Lanze dabei. Anno 1002 wurde der Leichnam Otto III nach Aachen geschafft. Heinrich II. ließ den Leichenzug unterwegs überfallen, um in den Besitz der Reichskleinodien und der Lanze zu gelangen. Groß war die Enttäuschung, als ausgerechnet die Heilige Lanze nicht erbeutet werden konnte. Daraufhin nahm Heinrich II.  Heribert, Erzbischof von Köln, gefangen. Als Lösegeld forderte er die Heilige Lanze. Es wäre Heribert womöglich an den frommen Kragen gegangen, hätte nicht Bischof Heinrich von Würzburg, ein Bruder Heriberts, die Auslieferung der Longinus-Lanze zugesagt. Der Kirchenmann hielt Wort und so kam die begehrte Lanze in den Besitz Heinrich II. Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Heilige Lanze in Aachen beherbergt.

Foto 9: Das Kaisergrab
Als anno 1796 französische Truppen den Rhein überquerten, befürchtete man, Napoleon wolle in den Besitz des Speers gelangen. Auf Umwegen gelangte sie so schließlich nach Wien. Anno 1938 ließ Adolf Hitler die Reichsinsignien nebst Lanze ins Deutsche Reich holen. In der Katharinenkirche konnten die Kostbarkeiten bestaunt werden. Als im II. Weltkrieg der so oft beschworene »Endsieg« immer unwahrscheinlicher wurde, sollte vor allem die Lanze dem Zugriff der feindlichen Truppen entzogen werden. Sie wurde in einem Luftschutzbunker versteckt. 1945 wurde sie von US-Soldaten gefunden und gelangte 1946 wieder zurück nach Wien. Dort befindet sie sich auch heute noch, und zwar in der Schatzkammer der Wiener Hofburg. Sie wird unter der Inventarnummer XIII/19 geführt und ausgestellt. Dort fristet sie ein eher kümmerliches Dasein, gilt doch inzwischen als gesichert, dass sie nicht aus Jesu Zeiten stammt. Sie wurde von Experten wie Peter Paulsen, Michael Hesemann weist darauf hin (7), als »karolingische Flügellanze aus dem 8. Jahrhundert identifiziert. Michael Hesemanns Fazit: »Eine Passionsreliquie ist sie nicht.«

Foto 10: Blick auf das Kaisergrab
Sakrale Objekte wie die Bundeslade des Alten Testaments, aber auch der »Heilige Gral«, Splitter vom »wahren Kreuz Jesu« und Nägel, mit denen Jesus ans Kreuz geschlagen worden sein soll, faszinieren seit vielen Jahrhunderten. Ihnen wird von vielen Gläubigen wundersame Wirkung nachgesagt. Ob sie freilich wirklich magische Kräfte besitzen, das sei dahingestellt. Ob die diversen Mächtigen, die im Lauf der Jahrhunderte immer wieder die Heilige Lanze einsetzten, an ihre Zauberkraft glaubten? Oder nutzten sie nur den Volksglauben für ihre Zwecke aus? Wenn die Lanze einem Heer vorangetragen wurde, mag das die gegnerischen Truppen beeinflusst haben. Wer glaubt, dass die »andere Seite« magische Reliquien besitzt, kämpft womöglich gar nicht mit voller Kraft.

Ich selbst lernte in Bamberg einen auf mich eher bieder wirkenden Schatzsucher der besonderen Art kennen. Er stand vor dem Kaisergrab im Dom und fotografierte emsig die Reliefs am marmornen Sarkophag, der in den Jahren 1499 bis 1533 von keinem Geringeren als Tilman Riemenschneider geschaffen wurde. Es ist anzunehmen dass Riemenschneider selbst Hand anlegte und das wichtige Hochgrab nicht seinen Angestellten überließ.

Foto 11: Eines der Reliefs am Kaisergrab

Als ich ebenfalls Aufnahmen des Sarkophags machte, da zischte mir der Möchtegern- Indiana-Jones fast ein wenig ungnädig zu: »Sie suchen wohl auch nach der wahren Lanze des Longinus?« Er ließ mich wissen, dass seiner festen Überzeugung nach Heinrich II. wirklich die echte Lanze besaß. Allerdings ließ er eine Kopie anfertigen, die er als die echte ausgab. Die zwei Jahrtausende alte »Originallanze« aber bewahrte er angeblich in einem Versteck auf. So wollte Heinrich II., der übrigens kinderlos starb, verhindern, dass die mächtige Reliquie mit echtem Blut des Jesus von Nazareth, in »falsche Hände« geriet. Ob man sie dem toten Herrscher ins Grab legte? Ob die Reliefplatten an der Tumba Kaiser Heinrichs II und der Kaiserin Kunigunde verschlüsselte Hinweise auf die Lanze enthalten?

Fußnoten
(1) Evangelium nach Johannes Kapitel 19, Verse 33 und 34
(2) Evangelium nach Matthäus Kapitel 27, Vers 54
(3) Evangelium nach Markus Kapitel 15, Vers 39
(4) Nikodemusevangelium  Kapitel XVI, Vers 7, zitiert nach Schneemelcher, Wilhelm: »Neutestamentliche Apokryphen«, Band I, »Evangelien«, 6. Auflage, Tübingen 1990, Seite 413
(5) Evangelium nach Johannes Kapitel 3, Verse 1-7
(6) Evangelium nach Johannes Kapitel 19, Vers 39
(7) Hesemann, Michael: »Die stummen Zeugen von Golgatha/ Die faszinierende Geschichte der Passionsreliquien Christi«, München 2000, Kapitel 5. »Der Speer des Schicksals«, S. 104-116, Zitat S. 116

Foto 12: Petrus, Maria, das Jesuskind und Heinrich II im Tympanon

Zu den Fotos:

Foto 1: Die Marienpforte. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Die Marienpforte mit dem Tympanon. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Das Tympanon. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Petrus und Georg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Heinrich II und Kunigunde. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Maria mit dem Jesuskind. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Das Tympanon der Marienpforte. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Blick Richtung Kaisergrab. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Das Kaisergrab. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Blick auf das Kaisergrab. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Eines der Reliefs am Kaisergrab. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Petrus, Maria, das Jesuskind und Heinrich II im Tympanon. Foto Walter-Jörg Langbein

355 »Kunigundes Kopf«,
Teil  355 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 06.11.2016



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Sonntag, 16. Oktober 2016

352 »Kröte, Löwe, Dämonen«

Teil  352 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Der Dom im August 2016
Als Kind starrte ich ehrfurchtsvoll zur steinernen Statue empor, die da hoch über mir zu schweben schien. Mit 16 unternahm ich meine erste Fahrt auf meinem Mofa vom oberfränkischen Michelau nach Bamberg. Für die knapp dreißig Kilometer benötigte ich zwei Stunden. Natürlich besuchte ich auch den geheimnisvollen »Bamberger Reiter«. Und als ich im Sommer 2016 wieder ins Frankenland fuhr, machte ich in Bamberg Station. Im ICE von Hannover nach Würzburg blättere ich in den fleckigen, eingerissenen Seiten eines Buchs über die Sagenwelt von Bamberg (1) entziffere ich: »Bambergs größter Stolz ist schon seit jeher der schon aus weiter Ferne sichtbare, hoch über der Stadt thronende Dom.«

Vom Bamberger Bahnhof aus benötigte das Taxi nur wenige Minuten bis zum hoch über dem idyllischen Städtchen gelegenen Dom. Wie eine mächtige Burg steht der Jahrtausendbau auf dem Domberg, eine massive steinerne Festung – von der unterirdischen Krypta bis hin zu den vier imposanten Türmen. So mächtig, wie uns zu Beginn des dritten Jahrtausends erscheint, so unbegreifbar war das sakrale Bauwerk den Menschen vor Jahrhunderten. Sie konnten es nicht glauben, dass der Dom mit seinen – ich zitiere noch einmal das Sagenbuch – »über fünfhundert Fuß hohen Türmen« ein Werk biederer Baumeister gewesen sein soll. Und so wurde der Teufel ins Spiel gebracht.

Foto 2: Der Dom etwa 1920
Vor einem Jahrtausend hatte man gerade mit dem Bau des Doms begonnen. Der Dombaumeister war ein bedächtiger Mann, auf Sicherheit bedacht. Da soll ein junger Bursche seine Hilfe angeboten haben. Er hatte das Bauhandwerk angeblich in Frankreich erlernt. Man ließ ihn gewähren, auch der eigentliche Dombaumeister war einverstanden. Doch nach Wochen zeigte sich, dass man einem unfähigen Prahlhans aufgesessen war. Der alte Meister konnte stolz auf die Fortschritte seiner Arbeiter sein, der junge »Fachmann« kam kaum voran. Es war abzusehen: Der Angeber würde wohl scheitern. Das ging dem jungen Mann, sein Name ist nicht überliefert, sehr nahe. Schlaflos wälzte er sich in seinem Bett. Ein Scheitern ließ sich mit natürlichen Mitteln nicht mehr abwenden. Da aber bot sich ihm der Teufel selbst als letzte Rettung an. Die Bezahlung würde erst nach dem Tod des unfähigen Baumeisters fällig werden: seine unsterbliche Seele. Von Stund‘ an wendete sich das Blatt. Wo sich lange nichts geregt hatte, wuchsen mächtige Mauern in den Himmel. Kein Wunder, es waren ja auch teuflische Dinge im Spiel. Zwei furchteinflößende Dämonen arbeiteten nachts auf der Baustelle, wenn die Arbeiter schliefen.

Foto 3: Domkröte an der Marienpforte

Diese beiden Diener des Teufels bewirkten wahre Wunder. Der junge Baumeister konnte es gar nicht abwarten, von den Bambergern als Genie gefeiert zu werden. Sein Dom war ja nun vollendet und der Teufel hatte noch lange kein Anrecht auf seine Bezahlung. Die wurde ja erst nach dem Tod des jungen Mannes fällig. Doch der Teufel gedachte, den Prozess rapide zu beschleunigen. Er forderte die ihm zustehende Seele: »Es ist Zahltag junger Meister!« Der widersprach, er sei ja doch noch am Leben. Der Teufel stieß ein grässliches Lachen aus. »Ihr lebt noch!«  und beendete abrupt das Leben des Baumeisters, indem er ihn aus einem Dachfenster des Doms schleuderte. Sein Körper zerschmetterte auf den Stufen des Doms.

Foto 4: Domkröte an der Marienpforte
Dann gab Satan der Legende nach eine eindrucksvolle Abschiedsvorstellung. In Marco Kirchners »Sagen und Legenden aus Bamberg« (2) lesen wir: »Das Volk, das auf dem Domplatz versammelt stand, erschrak fürchterlich als es dies sah und seine Angst wurde noch größer, als kurz darauf der Teufel, einen langen, feurigen Schweif hinter sich herziehend aus dem Fenster flog und über dem Domplatz schwebte. Die Menschen wussten sogleich, dass er es gewesen war, der dem jungen Baumeister beim Bau geholfen hatte.« Nach einer anderen Sage (3) waren die beiden Dämonen alles andere als hilfreich beim Bau des Doms, ganz im Gegenteil! Sie sollen immer nachts, wenn die Arbeit am Dom ruhte, versucht haben, das mächtige Gotteshaus zu untergraben. Beide Kreaturen sollen furchteinflößende Monster gewesen sein, rätselhafte Mischwesen aus Kröte und Löwe.

Die beiden Gehilfen des Teufels wurden in Stein verewigt und vor dem Eingang zum Dom platziert. Und da stehen sie heute noch. Sie werden, wie ich beobachtet habe, kaum beachtet. Ich habe diese geheimnisvollen Kreaturen emsig fotografiert. Es kommt mir so vor, als seien sie besonders alt. Im und vor allem außen am Dom gibt es eine Vielzahl von Statuen und Statuetten aus Stein. Keine einzige von ihnen ist auch nur annähernd so stark verwittert wie die beiden dämonischen. Sollten sie also vielleicht älter als der heutige Dom selbst sein, auf seinen Vorgängerbau zurückgehen, oder gar auf einen heidnischen Tempel aus vorchristlichen Zeiten?

Wie dem auch sei: Die beiden Wesen aus Stein sind vom Zahn der Zeit extrem stark angenagt und mit Fantasie kann man so mancherlei darin erkennen. Mich jedenfalls faszinieren beide Kreaturen. Mischwesen, in Stein verewigt, sind mir auf meinen Reisen immer wieder begegnet. Mein Vorschlag: Beginnen Sie Ihre Dombesichtigung nicht direkt am Dom, fahren Sie nicht wie ich mit dem Taxi direkt auf den Domplatz. Nehmen Sie sich mehr Zeit, und wandern sie durch die verwinkelten Gässchen Bambergs den Domberg hinauf. Schließlich kommen Sie auf dem Domberg an, stehen auf dem Domplatz. Vor Ihnen erhebt sich majestätisch der herrliche Dom. Sie stehen vor dem Ostchor des Doms. Zur Rechten befindet sich die Marienpforte, zur Linken die Adamspforte. Bevor Sie in den Dom hineingehen – mein Vorschlag: Besuchen Sie zunächst an der Marienpforte am Nordostturm des Doms den Löwen-Kröten-Dämon Nummer 1.

Foto 5: Domkröte an der Adamspforte

Christine Conrad schreibt in »Bamberger Dom/ Ein Rundgang« (4) im Kapitelchen über die Marienpforte: »Ein mächtiger Steinkoloss bewacht das Portal. Es ist ein Löwe, dem der Zahn der Zeit ordentlich zugesetzt hat. Wegen seines robusten Aussehens wird er gern als Domkröte bezeichnet. Dieser Löwe gehörte schon zum ersten Heinrichs-Dom und ist damit gut 1000 Jahre alt. Sein Pendant befindet sich an der Adamspforte.« Für den Namen »Domkröte« gibt es eine mögliche Erklärung. Die Statuen stehen in der Nähe von Stufen. Die hießen »Greden«. Daraus soll der Volksmund »Kröten« gemacht haben.

Foto 6: Wesen an der Adamspforte
Beide Statuen wirken auf mich sehr viel monströser als majestätische Löwen, eher wie Mischwesen aus uralten Zeiten. Wie klassische Wappentiere sehe sie auf gar keinen Fall aus. Beide sind seltsam deplatziert, niemand vermag zu sagen, welche Plötze sie am oder im Heinrichs-Dom innehatten. Und wir wissen schon gar nicht, ob die Baumeister des ersten die beiden steinernen Kolosse nicht doch von einem noch älteren, womöglich heidnischen Tempel, übernommen haben. Entscheiden Sie selbst: Sind die beiden Steinstatuen Darstellungen stark verwitterter Löwen oder doch von Mischwesen, von albtraumhaften Kreaturen aus den Urzeiten von Fabeln und Mythologie? Übrigens: Wenn Sie sich etwas mehr Zeit bei der Besichtigung des Doms nehmen, werden sie allerlei Mischwesen entdecken.

Fakt ist: Im Jahr 1004 wurde mit dem Bau des ersten Doms begonnen . Der Sakralbau wurde dem Heiligen Petrus geweiht.

Fakt ist: Heinrich II. und Gemahlin Kunigunde gründeten am 1. 11.1007 das Bistum Bamberg.

Fakt ist: Ostern 1081 brach im Dom ein Feuer aus, der massive Bau musste in erheblichem Umfang renoviert, konnte aber gerettet werden. Ein Neubau war nicht erforderlich. Noch nicht …

Fakt ist: 1185 brach wieder ein Feuer im Dom aus. Die Katastrophe machte einen Neubau 

Foto 7: Löwe oder Mischwesen?

erforderlich. Im gleichen Jahr wurde nach Abriss der Domruine sofort mit der Errichtung des heutigen Doms begonnen. Am 6. Mai 1237 konnte die feierliche Schlussweihe vollzogen werden. Zwei monströse Steinplastiken überstanden die Katastrophen und stehen noch heute an der Marien- und an der Adamspforte: von der Zeit verstümmelte Löwen oder doch Mischwesen? Michwesen gibt es viele im Dom zu Bremen.

Foto 8: Die Kreatur von der Marienpforte
Fußnoten

1) Nähere Angaben zum zitierten Werk kann ich keine machen. Es lag mir als Buchfragment vor.
2) Kirchner, Marco: »Sagen und Legenden aus Bamberg«, 1. Auflage, 26. März 2015, Pos. 310, als eBook erschienen im  John Verlag
3) Schöppner, Alexander: »Bayrische Sagen/ Sagenbuch der Bayerischen Lande«, Band 1, München 1852
4) Conrad, Christine: »Bamberger Dom/ Ein Rundgang«, Bamberg, Heinrichs-Verlag, 2011, S. 5

Zu den Fotos

Foto 9: Kreatur an der Marienpforte - mit Krötenmaul?

Foto 1: Der Dom im August 2016. Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 2: Der Dom etwa 1920. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein 
Foto 3: Domkröte an der Marienpforte. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Domkröte an der Marienpforte. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Domkröte an der Adamspforte. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Wesen an der Adamspforte. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Löwe oder Mischwesen? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Die Kreatur von der Marienpforte. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Kreatur an der Marienpforte - mit Krötenmaul? Foto Walter-Jörg Langbein

»353 Boten der Göttin«,
Teil  353 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 23.10.2016

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