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Sonntag, 6. November 2016

355 »Kunigundes Kopf«

Teil  355 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2: Das Sonnenloch
Wir stehen vor dem Ostchor des Bamberger Doms. Zu unserer Linken sehen wir die »Adamspforte«, zu unserer Rechten die »Marienpforte«. Betrachten wir die steinerne Wölbung des Ostchors genauer, so fällt uns in der Mitte zwischen zwei »Säulen« eine kreisrunde Öffnung im Mauerwerk auf. Man bezeichnet dieses lukenartige Fensterchen auch als »Sonnenloch«. (Siehe Fotos 1 und 2!) Wikipedia definiert den Ausdruck »Sonnenloch« wie folgt: »Als Sonnenloch wird eine Öffnung in manchen alten Kirchen und Kapellen bezeichnet, die an der Ostseite angebracht ist und durch die zu bestimmten Zeiten des Jahres (meistens ist es die Tagundnachtgleiche im März und September) das Sonnenlicht auf eine bestimmte Stelle der gegenüberliegenden Kirchenwand fällt und dort einen hellen Fleck oder auch ein Kreuz bildet.« Wikipedia illustriert diesen kurzen Artikel mit einem Foto des Sonnenlochs am Bamberger Dom.

Vor Ort erkundigte ich mich bei einem Geistlichen, der eine Gruppe japanischer Touristen führte, nach der Bedeutung des »Sonnenlochs«. Er erklärte mir: »Am 29. Juni, dem Namenstag des heiligen Apostels Petrus« strahlt die Sonne für wenige Minuten durch diese kleine Öffnung und es taucht dann ein gleißender Lichtfleck auf dem Hauptaltar des Paulus im Westflügel auf!« Ich bat den Priester um ein kurzes Interview zum Thema, was er aber vehement ablehnte. Er erklärte mir, immer ärgerlicher werdend, dass »Sonnenlöcher« in christlichen Gotteshäusern für so manchen Theologen ein Tabuthema seien. »Sonnenlöcher werden oft als heidnisch angesehen, als Hinweis auf eine astronomische Ausrichtung der Kirchen, Kapellen und Dome.«

Foto 3: Die Belsener Kirche

So gab es zum Beispiel, wie ich erfuhr, in der Belsener Kirche, auch Belsener Kapelle (1) genannt, ein »Sonnenloch«.  Das rätselhafte kleine Gotteshaus entstand um 1150, und zwar auf den Fundamenten einer wesentlich älteren Kapelle.  Anno 1752 zierten einen Giebel der Kapelle gleich drei Sonnen. Sie sollen die Auferstehung Christi symbolisieren. Anno 1784 erschien in Stuttgart das Buch »Topographische Geschichte des Herzogthums Würtemberg« von Christian Friedrich Sattler. Es enthielt vor Seite 309 eine präzise Zeichnung des Giebels. Freilich wird da die Kapelle als »Tempel« bezeichnet und die merkwürdigen Darstellungen wurden als »Götzenbilder« tituliert.

Unverkennbar ist der Hinweis auf eine ursprünglich heidnische Bedeutung der Darstellungen. Auf der Homepage der »Ev. Kirchengemeine Belsen« lesen wir: »Bekannt ist die jetzige Kirche vor allem durch die geheimnisvollen und viel gedeuteten Reliefs am Westgiebel. Die drei »Sonnen« fielen den Witterungseinflüssen zum Opfer und sind längst verschwunden. Das Sonnenloch selbst wurde von außen geschlossen, von innen ist es aber noch zu erkennen. Computersimulationen bestätigten die Realität der Lichterscheinung. Zur Tag- und Nachtgleiche zauberte es auf der gegenüberliegenden Seite im Westen ein »Kreuz aus Lichtbalken«. Auf heidnische Wurzeln deutet eine keltische Viereckschanze im Süden von Belsen.

Von Belsen zurück nach Bamberg: Nach offizieller Lesart diente das »Sonnenloch« vom Bamberger Dom nicht, wie der Name suggeriert, um Sonnenstrahlen durchzulassen. Ein Reliquienschrein habe sich im Inneren des Doms direkt hinter der Öffnung in der Mauer befunden. Licht konnte also nicht von außen in das Gotteshaus fallen. Vielmehr sollen aus dem Inneren des Gotteshauses ganz besondere »Strahlen« auf Bamberg gefallen sein. Und die gingen nicht von der Sonne aus, sondern kamen aus dem Reliquienschrein, der den Schädel der heiligen Kunigunde beherbergte. Kunigunde, etwa 980 im heutigen Luxemburg geboren, um 1033 verstorben, Gattin Heinrich II., Mitbegründerin des ursprünglichen Doms, wurde im Jahr 1200 von Papst Innozenz III. heiliggesprochen. Erst anno 1513 vollendete kein Geringerer als Tilman Riemenschneider im Dom zu Bamberg das Grabmal des kaiserlichen Paares.

Fotos 4 und 5: Der Kaisersarg
Im Gespräch mit einer Pilgergruppe aus Altötting wurde mir klar, welch großer Beliebtheit sich die Heilige Kunigunde auch heute noch erfreut. Sie überstrahlt ihren bei weitem nicht so verehrten Gatten Heinrich II. (2). Im Lauf der Jahrhunderte rückte sie fast an die Seite der Gottesmutter Maria, als »Königin und Jungfrau« nimmt sie eine ganz besondere Position im Himmel ein. Der Legende nach bezichtigte man die Kaiserin der ehelichen Untreue. Um ihre Unschuld zu beweisen, bestand sie auf einem Gottesurteil. (Siehe Fotos 6 und 7!)

Sie lief, so heißt es, über rotglühende Pflugscharen – und blieb unverletzt. Nach einer Variante der Legende schritt sie nicht über Eisen, sondern über glühende Kohlen.

Im Volksglauben sah man wohl schon früh zwischen der Gottesmutter Maria und Kunigunde Parallelen. Letztere konnte als irdische Herrscherin durchaus ein wenig mit Maria (»Himmelskönigin«) verglichen werden. Ob freilich Kunigunde tatsächlich – wie dem katholischen Glauben nach Maria – ewige Jungfrau blieb, das sei dahingestellt. Kinderlos war die Ehe von Heinrich II. und Kunigunde allerdings. Ob freilich das kaiserlich Ehepaar wirklich aus religiösen Gründen auf Intimitäten verzichtete, oder ob es medizinische Gründe für den fehlenden Nachwuchs gab? Wir wissen es nicht.

Kunigundes Schädel wurde jedenfalls als besonders kraftvolle Reliquie angesehen, die durch das vermeintliche »Sonnenloch«  hindurch segensreichen Einfluss auf die Bewohnerinnen und Bewohner von Bamberg haben sollte. Eine andere Reliquie der Heiligen Kunigunde – vermutlich ein Stück des Oberschenkelknochens – gelangte irgendwann auf unbekanntem Wege nach Florenz und wird im Museum der Medicikapellen  in einem kostbaren Reliquiar aus geschliffenem Bergkristall verwahrt. Vorübergehend stellte das Museum die Reliquie dem Bamberger Dom als »Leihgabe« zur Verfügung.

Fotos 6 und 7: Kunigundes Gottesurteil
Polykarp von Smyrna (etwa 69-155) wird von der katholischen und orthodoxen Kirche als Märtyrer verstanden und als Heiliger verehrt. Nach kirchlicher Überlieferung kannte Polykarp die Jünger Jesu noch persönlich. Wie Jesus war er den Römern suspekt, wurde verhaftet und der grölenden Menge zur Ermordung ausgehändigt. Er sollte auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden, so besagt es die fromme Legende. Als aber die heißen Flammen keinerlei Wirkung bei dem 86-jährigen Greis zeigten, wurde er kurzerhand erstochen. Die sterblichen Überreste Polykarps wurden von der jungen christlichen Gemeinde als heilig angesehen. Sie wurden zu den ersten  Reliquien der Christenheit. Heute befinden sie sich auf dem Hochaltar der Kirche Sant’Ambrogio della Massima.

Luther wetterte 1524 gegen Reliquien in seiner Schrift »Wider den neuen Abgott und alten Teufel«. Auslöser für Luthers Tiraden war die Verehrung, die den Gebeinen des heiliggesprochenen ehemaligen Bischofs Benno von Meißen (1010-1106) zuteilwurden. Derlei Knochen waren für Luther nur »tot Ding« (tote Dinge). Ob Luther nicht bekannt war, dass die segensreiche Wirkung von Reliquien bereits im Alten Testament beschrieben wird? Im 2. Buch Könige (3) lesen wir: »Als aber Elisa gestorben war und man ihn begraben hatte, fielen streifende Rotten der Moabiter ins Land Jahr um Jahr. Und es begab sich, dass man einen Mann zu Grabe trug. Als man aber einige Leute von ihnen sah, warf man den Mann in Elisas Grab. Und als er die Gebeine Elisas berührte, wurde er lebendig und trat auf seine Füße.«

Fotos 8-10: Kunst am Kaisersarg
Im Lauf der Jahrhunderte wurden Reliquien klassifiziert. Als Reliquien erster Klasse gelten die toten Leiber von Heiligen oder Teilstücke davon, zum Beispiel Haare oder Knochen. Reliquien zweiter Klasse sind Gegenstände, die in direkten Kontakt mit lebenden Heiligen hatten, zum Beispiel Gewänder oder Folterinstrumente. Reliquien dritter Klasse sind Objekte, die in Kontakt mit Reliquien erster Klasse gekommen sind. Mit solchen Reliquien wurde zeitweise ein schwunghafter Handel betrieben. Sie konnten beliebig hergestellt werden, indem man – zum Beispiel – Papier-  oder Stoffschnippselchen  kurz auf Knochen eines Heiligen legte. Speziell in Südeuropa werden derlei Reliquien von niederem Rang an Wallfahrtsorten an Pilger – etwa in Verbindung mit Heiligenbildchen – verkauft.

Heilende Wirkung von Reliquien der zweiten Klasse wird im Neuen Testament beschrieben. Ob auch dieser biblische Beleg dem Reformator Luther unbekannt war? Dem Stoff, der mit dem Paulus in Berührung gekommen war, haftete nach frühchristlichem Glauben noch dessen Heiligkeit an und ließ Kranke gesund werden (4): »So hielten sie auch die Schweißtücher und andere Tücher, die er auf seiner Haut getragen hatte, über die Kranken, und die Krankheiten wichen von ihnen und die bösen Geister fuhren aus.«

In Sachen »Heiligenverehrung« unterschied sich die junge christliche Kirche stark von der heidnischen Konkurrenz. Ein Mensch mochte zu Lebzeiten noch so heilig gewesen sein, nach seinem Tod galt für die Menschen der heidnischen Antike sein Leichnam als unrein, ja als gefährlich, und zwar aus Gründen der Hygiene.

Foto 11: Vitus-Reliquiar von Corvey

Mir begegneten Reliquien immer wieder auf meinen Reisen, zum Beispiel in Corvey. In Kairo wurden mir gar mehrere kleine einige Lederfetzen zum Kauf angeboten, die angeblich einst zum Schuhwerk des Apostels Paulus gehörten. Angeblich würden sie Fußbeschwerden jeder Art heilen. Angeblich wurden diese »Reliquien« zuletzt in koptischen Klöstern versteckt. Ich sei doch viel zu Fuß unterwegs, da würden gesundheitliche Probleme unweigerlich auftreten. Die angeblichen »Paulusreliquien« würden aber nicht nur mir gut tun, sondern der Allgemeinheit. »Tun Sie sich das Paulusleder in Ihre Schuhe. Ihre Füße werden niemals schmerzen. Und wo immer Sie entlang gehen, heiligen Sie den Boden, auf dem Sie wandeln!«

Als ich dankend ablehnte, wurden mir – zu erheblich günstigerem Preis – Reste von Cheops Mumie offeriert. »Auch das sind Reliquien! Sie schützen vor Flüchen jeglicher Art! Und sie verleihen die Weisheit des Pyramidenbauers!« Wieder nahm ich Abstand vom Erwerb der »Kostbarkeiten«. Derlei Schätze, so erklärte ich mit todernster Miene, müssten doch unbedingt in Ägypten bleiben.

Foto 12: Klosterkirche Corvey
Fußnoten

1) Belsen ist ein Stadtteil von Mössingen im Landkreis 
Tübingen, Baden-Württemberg , nicht zu verwechseln 
mit dem anderen, weltweit »bekannten« Belsen. 
Im KZ Bergen-Belsen, Kreis Zelle, starben bis zur 
Befreiung durch britische Truppen am 15. April 1945
mindestens 52.000 Häftlinge auf Grund der 
unsäglichen Haftbedingungen.
2) Heinrich II.  wurde bereits 1146 heiliggesprochen.
3) 2. Buch Könige Kapitel 13, Verse 20 und 21
4) Apostelgeschichte Kapitel 19, Vers 12

Zu den Fotos
Foto 13: Klosterkirche Corvey
Fotos 1 und 2: Das Sonnenloch. Der gelbe Pfeil deutet 
auf das Sonnenloch. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Die Belsener Kirche. Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 4 und 5: Der Kaisersarg. Fotos Walter-Jörg Langbein.
Fotos 6 und 7: Kunigundes Gottesurteil. 
Foto 6 Walter-Jörg Langbein. 
Foto 7 wikimedia commons public domain Johannes Otto Först
Fotos 8-10: Kunst am Kaisersarg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Vitus-Reliquiar von Corvey. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Klosterkirche Corvey. Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 13: Klosterkirche Corvey. Foto Walter-Jörg Langbein

356 »Wurde Papst Clemens II. ermordet? Teil I«,
Teil  356 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 13.11.2016

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Sonntag, 16. Oktober 2016

352 »Kröte, Löwe, Dämonen«

Teil  352 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Der Dom im August 2016
Als Kind starrte ich ehrfurchtsvoll zur steinernen Statue empor, die da hoch über mir zu schweben schien. Mit 16 unternahm ich meine erste Fahrt auf meinem Mofa vom oberfränkischen Michelau nach Bamberg. Für die knapp dreißig Kilometer benötigte ich zwei Stunden. Natürlich besuchte ich auch den geheimnisvollen »Bamberger Reiter«. Und als ich im Sommer 2016 wieder ins Frankenland fuhr, machte ich in Bamberg Station. Im ICE von Hannover nach Würzburg blättere ich in den fleckigen, eingerissenen Seiten eines Buchs über die Sagenwelt von Bamberg (1) entziffere ich: »Bambergs größter Stolz ist schon seit jeher der schon aus weiter Ferne sichtbare, hoch über der Stadt thronende Dom.«

Vom Bamberger Bahnhof aus benötigte das Taxi nur wenige Minuten bis zum hoch über dem idyllischen Städtchen gelegenen Dom. Wie eine mächtige Burg steht der Jahrtausendbau auf dem Domberg, eine massive steinerne Festung – von der unterirdischen Krypta bis hin zu den vier imposanten Türmen. So mächtig, wie uns zu Beginn des dritten Jahrtausends erscheint, so unbegreifbar war das sakrale Bauwerk den Menschen vor Jahrhunderten. Sie konnten es nicht glauben, dass der Dom mit seinen – ich zitiere noch einmal das Sagenbuch – »über fünfhundert Fuß hohen Türmen« ein Werk biederer Baumeister gewesen sein soll. Und so wurde der Teufel ins Spiel gebracht.

Foto 2: Der Dom etwa 1920
Vor einem Jahrtausend hatte man gerade mit dem Bau des Doms begonnen. Der Dombaumeister war ein bedächtiger Mann, auf Sicherheit bedacht. Da soll ein junger Bursche seine Hilfe angeboten haben. Er hatte das Bauhandwerk angeblich in Frankreich erlernt. Man ließ ihn gewähren, auch der eigentliche Dombaumeister war einverstanden. Doch nach Wochen zeigte sich, dass man einem unfähigen Prahlhans aufgesessen war. Der alte Meister konnte stolz auf die Fortschritte seiner Arbeiter sein, der junge »Fachmann« kam kaum voran. Es war abzusehen: Der Angeber würde wohl scheitern. Das ging dem jungen Mann, sein Name ist nicht überliefert, sehr nahe. Schlaflos wälzte er sich in seinem Bett. Ein Scheitern ließ sich mit natürlichen Mitteln nicht mehr abwenden. Da aber bot sich ihm der Teufel selbst als letzte Rettung an. Die Bezahlung würde erst nach dem Tod des unfähigen Baumeisters fällig werden: seine unsterbliche Seele. Von Stund‘ an wendete sich das Blatt. Wo sich lange nichts geregt hatte, wuchsen mächtige Mauern in den Himmel. Kein Wunder, es waren ja auch teuflische Dinge im Spiel. Zwei furchteinflößende Dämonen arbeiteten nachts auf der Baustelle, wenn die Arbeiter schliefen.

Foto 3: Domkröte an der Marienpforte

Diese beiden Diener des Teufels bewirkten wahre Wunder. Der junge Baumeister konnte es gar nicht abwarten, von den Bambergern als Genie gefeiert zu werden. Sein Dom war ja nun vollendet und der Teufel hatte noch lange kein Anrecht auf seine Bezahlung. Die wurde ja erst nach dem Tod des jungen Mannes fällig. Doch der Teufel gedachte, den Prozess rapide zu beschleunigen. Er forderte die ihm zustehende Seele: »Es ist Zahltag junger Meister!« Der widersprach, er sei ja doch noch am Leben. Der Teufel stieß ein grässliches Lachen aus. »Ihr lebt noch!«  und beendete abrupt das Leben des Baumeisters, indem er ihn aus einem Dachfenster des Doms schleuderte. Sein Körper zerschmetterte auf den Stufen des Doms.

Foto 4: Domkröte an der Marienpforte
Dann gab Satan der Legende nach eine eindrucksvolle Abschiedsvorstellung. In Marco Kirchners »Sagen und Legenden aus Bamberg« (2) lesen wir: »Das Volk, das auf dem Domplatz versammelt stand, erschrak fürchterlich als es dies sah und seine Angst wurde noch größer, als kurz darauf der Teufel, einen langen, feurigen Schweif hinter sich herziehend aus dem Fenster flog und über dem Domplatz schwebte. Die Menschen wussten sogleich, dass er es gewesen war, der dem jungen Baumeister beim Bau geholfen hatte.« Nach einer anderen Sage (3) waren die beiden Dämonen alles andere als hilfreich beim Bau des Doms, ganz im Gegenteil! Sie sollen immer nachts, wenn die Arbeit am Dom ruhte, versucht haben, das mächtige Gotteshaus zu untergraben. Beide Kreaturen sollen furchteinflößende Monster gewesen sein, rätselhafte Mischwesen aus Kröte und Löwe.

Die beiden Gehilfen des Teufels wurden in Stein verewigt und vor dem Eingang zum Dom platziert. Und da stehen sie heute noch. Sie werden, wie ich beobachtet habe, kaum beachtet. Ich habe diese geheimnisvollen Kreaturen emsig fotografiert. Es kommt mir so vor, als seien sie besonders alt. Im und vor allem außen am Dom gibt es eine Vielzahl von Statuen und Statuetten aus Stein. Keine einzige von ihnen ist auch nur annähernd so stark verwittert wie die beiden dämonischen. Sollten sie also vielleicht älter als der heutige Dom selbst sein, auf seinen Vorgängerbau zurückgehen, oder gar auf einen heidnischen Tempel aus vorchristlichen Zeiten?

Wie dem auch sei: Die beiden Wesen aus Stein sind vom Zahn der Zeit extrem stark angenagt und mit Fantasie kann man so mancherlei darin erkennen. Mich jedenfalls faszinieren beide Kreaturen. Mischwesen, in Stein verewigt, sind mir auf meinen Reisen immer wieder begegnet. Mein Vorschlag: Beginnen Sie Ihre Dombesichtigung nicht direkt am Dom, fahren Sie nicht wie ich mit dem Taxi direkt auf den Domplatz. Nehmen Sie sich mehr Zeit, und wandern sie durch die verwinkelten Gässchen Bambergs den Domberg hinauf. Schließlich kommen Sie auf dem Domberg an, stehen auf dem Domplatz. Vor Ihnen erhebt sich majestätisch der herrliche Dom. Sie stehen vor dem Ostchor des Doms. Zur Rechten befindet sich die Marienpforte, zur Linken die Adamspforte. Bevor Sie in den Dom hineingehen – mein Vorschlag: Besuchen Sie zunächst an der Marienpforte am Nordostturm des Doms den Löwen-Kröten-Dämon Nummer 1.

Foto 5: Domkröte an der Adamspforte

Christine Conrad schreibt in »Bamberger Dom/ Ein Rundgang« (4) im Kapitelchen über die Marienpforte: »Ein mächtiger Steinkoloss bewacht das Portal. Es ist ein Löwe, dem der Zahn der Zeit ordentlich zugesetzt hat. Wegen seines robusten Aussehens wird er gern als Domkröte bezeichnet. Dieser Löwe gehörte schon zum ersten Heinrichs-Dom und ist damit gut 1000 Jahre alt. Sein Pendant befindet sich an der Adamspforte.« Für den Namen »Domkröte« gibt es eine mögliche Erklärung. Die Statuen stehen in der Nähe von Stufen. Die hießen »Greden«. Daraus soll der Volksmund »Kröten« gemacht haben.

Foto 6: Wesen an der Adamspforte
Beide Statuen wirken auf mich sehr viel monströser als majestätische Löwen, eher wie Mischwesen aus uralten Zeiten. Wie klassische Wappentiere sehe sie auf gar keinen Fall aus. Beide sind seltsam deplatziert, niemand vermag zu sagen, welche Plötze sie am oder im Heinrichs-Dom innehatten. Und wir wissen schon gar nicht, ob die Baumeister des ersten die beiden steinernen Kolosse nicht doch von einem noch älteren, womöglich heidnischen Tempel, übernommen haben. Entscheiden Sie selbst: Sind die beiden Steinstatuen Darstellungen stark verwitterter Löwen oder doch von Mischwesen, von albtraumhaften Kreaturen aus den Urzeiten von Fabeln und Mythologie? Übrigens: Wenn Sie sich etwas mehr Zeit bei der Besichtigung des Doms nehmen, werden sie allerlei Mischwesen entdecken.

Fakt ist: Im Jahr 1004 wurde mit dem Bau des ersten Doms begonnen . Der Sakralbau wurde dem Heiligen Petrus geweiht.

Fakt ist: Heinrich II. und Gemahlin Kunigunde gründeten am 1. 11.1007 das Bistum Bamberg.

Fakt ist: Ostern 1081 brach im Dom ein Feuer aus, der massive Bau musste in erheblichem Umfang renoviert, konnte aber gerettet werden. Ein Neubau war nicht erforderlich. Noch nicht …

Fakt ist: 1185 brach wieder ein Feuer im Dom aus. Die Katastrophe machte einen Neubau 

Foto 7: Löwe oder Mischwesen?

erforderlich. Im gleichen Jahr wurde nach Abriss der Domruine sofort mit der Errichtung des heutigen Doms begonnen. Am 6. Mai 1237 konnte die feierliche Schlussweihe vollzogen werden. Zwei monströse Steinplastiken überstanden die Katastrophen und stehen noch heute an der Marien- und an der Adamspforte: von der Zeit verstümmelte Löwen oder doch Mischwesen? Michwesen gibt es viele im Dom zu Bremen.

Foto 8: Die Kreatur von der Marienpforte
Fußnoten

1) Nähere Angaben zum zitierten Werk kann ich keine machen. Es lag mir als Buchfragment vor.
2) Kirchner, Marco: »Sagen und Legenden aus Bamberg«, 1. Auflage, 26. März 2015, Pos. 310, als eBook erschienen im  John Verlag
3) Schöppner, Alexander: »Bayrische Sagen/ Sagenbuch der Bayerischen Lande«, Band 1, München 1852
4) Conrad, Christine: »Bamberger Dom/ Ein Rundgang«, Bamberg, Heinrichs-Verlag, 2011, S. 5

Zu den Fotos

Foto 9: Kreatur an der Marienpforte - mit Krötenmaul?

Foto 1: Der Dom im August 2016. Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 2: Der Dom etwa 1920. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein 
Foto 3: Domkröte an der Marienpforte. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Domkröte an der Marienpforte. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Domkröte an der Adamspforte. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Wesen an der Adamspforte. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Löwe oder Mischwesen? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Die Kreatur von der Marienpforte. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Kreatur an der Marienpforte - mit Krötenmaul? Foto Walter-Jörg Langbein

»353 Boten der Göttin«,
Teil  353 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 23.10.2016

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