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Sonntag, 15. Dezember 2019

517. »Von einer Wüstenstadt zu ›fremden‹ Erden«

Teil 517 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Warum heißt die mysteriöse Ruinenstadt in einem weiten Talkessel im Bergland von Edom auf halbem Weg zwischen dem Golf von Akaba und dem Toten Meer Petra? Der Name der einstigen Metropole im Reich der Nabatäer im heutigen Jordanien ist rasch erklärt: »Petra« geht auf das altgriechische Πέτρα, zu Deutsch, »Fels«, zurück. Der Name Petra ist für die antike Hauptstadt Petra sehr gut gewählt. Wurden doch ihre imposanten Gebäude aus gigantischen Steinformationen herausgearbeitet. Wie die Ruinenstadt von den einstigen Erbauern genannt wurde, das ist umstritten.

Foto 1: Die mysteriöse Stadt in Stein Petra, Jordanien.

Vielleicht wird die geheimnisvolle Stadt bereits im »Alten Testament« erwähnt. Im Buch Richter (1), aber auch im 2. Buch Könige (2) taucht der Name »Sela« auf. »Sela« lässt sich mit »Fels« oder »Stein« übersetzen. Sollte damit »Petra« gemeint sein? Ist überhaupt eine von Menschen gebaute Stadt oder eine natürliche Felsformation gemeint?

Beim jüdisch-römischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus (* 37 oder 38 n.Chr.;† nach 100 n.Chr.) wird Petra »Reqem«, »Reqmu« oder »Rakmu« genannt. Der Name lässt sich mit »die Rote« übersetzen. Tatsächlich ist der Sandstein von Petra rötlich. Darf dies als ein Hinweis auf den ursprünglichen Namen Petras verstanden werden?

Von Petra zu Petrus. Warum nannte Jesus seinen Jünger Simon »Petrus«? Im Evangelium nach Matthäus lesen wir eine Begründung (3): »Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels.« So steht es in der berühmten Luther-Bibel. So lesen wir in der Elberfelder Bibel: »Und er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sprach: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du wirst Kephas heißen - was übersetzt wird: Stein.« Eine Fußnote verrät uns, dass »Stein« im Griechischen »petros« und im Lateinischen »petrus« heißt.

Foto 2: Die mysteriöse Stadt in Stein Petra, Jordanien.

Zahlreiche Namen werden in der Bibel erklärt. Oftmals sind die Begründungen für Namen sprachlich nicht so ohne weiteres nachvollziehbar und eher Eselsbrücken ohne echte linguistische Legitimation. Eine der wichtigsten »Erklärungen« für einen biblischen Namen bezieht sich auf die Umbenennung von »Simon« in »Petrus«. Warum macht Jesus aus Simon den Petrus? Die Luther-Bibel von 2017 lässt Jesus im  Evangelium nach Matthäus sagen (4): »Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.« Die »Einheitsübersetzung« von 2016 geht einen Schritt weiter: »Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.« In der »Einheitsübersetzung« wird aus Jesu »Versammlung« die »Kirche Jesu«.

Der folgende Vers (5) soll Petrus als Nachfolger Jesu legitimieren: »Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.« Auf diesem »Stein« basiert das Papsttum, hat doch Jesus selbst Petrus die Schlüssel zum Himmelreich gegeben. Petrus, der erste Papst, kann den Gläubigen das Tor zum Himmel öffnen. Ist es denn nicht Petrus, dem Jesus die Macht schlechthin überträgt? Was Petrus entscheidet, das gilt, so legt der Vers doch nahe, auf Erden wie im Himmel.

So einleuchtend die Erklärung auch anmutet, so unlogisch ist sie aber auch. Jesus sprach Aramäisch und nicht Griechisch oder gar Lateinisch. Jesus hätte einem Jünger nie einen griechischen oder lateinischen, sondern natürlich einen aramäischen Beinamen verliehen. Erinnern wir uns: Die Römer waren die Herren im »Heiligen Land«, die Besatzungsmacht. Von ihrem Messias erwarteten die Juden zu Lebzeiten Jesu den Sieg über die verhassten Römer.

Foto 3: Wollte Jesus seine »Kirche«
auf Petrus bauen?
Ich muss meine Frage wiederholen: Warum nun nannte Jesus seinen Jünger Simon »Petrus«? Die Antwort findet sich im Aramäischen. Sie ist weit weniger schmeichelhaft als katholische Theologen den Bibeltext gern interpretieren.

George Mamishisho Lamsa (*1892; †1975), profunder Kenner der Sprache Jesu, führt aus (6): »Der Name ›Simon‹ (aramäisch ›Schimun‹) wurde von vielen Müttern gewählt, die um einen Sohn gebetet hatten und erhört worden waren. Dankbar nannten sie ihr Kind dann Schimun, nämlich im Sinne von ›Gott hat mich erhört!‹ Schimun bedeutet nämlich ›gut hörend‹, allerdings auch ›schnell begreifend‹.«

Nun war aber »Simon«, George Mamishisho Lamsa weist darauf hin, alles andere als schnell von Begriff, sondern schwerfällig und langsam im Denken. Deshalb wurde er von Freunden offensichtlich spöttisch »Kepa«, also »Steinblock«, gerufen, eben, weil er träge im Denken war.

Die theologische Erklärung »auf diesen Felsen baue ich meine Gemeinde« muss als Interpretation im Nachhinein gesehen werden. Jesus hat Simon nicht in Petrus umbenannt. Simon trug den Beinamen »Kepa«, »Steinblock«. Und dieser Spitzname wurde ins Griechisch-Lateinische Petrus übersetzt. In östlichen Evangelientexten gibt es übrigens den Namen »Simon Petrus« nicht, sondern nur »Schimun Kepa«, weil man offensichtlich den Namen eben nicht ins Griechisch-Lateinische übertragen hat.

Theologie greift gern auf althergebrachte Texte zurück und interpretiert sie auf ihre Weise. Rückwirkend werden Lehrmeinungen und Dogmen bestätigt, auch wenn dabei die alten Texte verbogen werden müssen. Zurückgegriffen wird auf ältere Texte, denen allein schon ob ihres Alters Respekt entgegengebracht wird. Was schon lange überliefert wurde, hat sich nach und nach ins Bewusstsein der Menschen eingegraben und wird von vielen als »richtig« empfunden. Deshalb wird von Theologen gern auf ältere Texte und Bilder zurückgegriffen, die in neue religiöse Bilder eingebaut werden.

Es gibt Monstermauern aus Stein, die aber in der Regel nur befristet Feinde abhalten konnten. Es gibt Mumien als konservierte haltbar gemachte Leichname. Aber anders als steinerne Mauern und erstarrte Tote ändern sich Ideen und Gedanken auch der religiösen Art im Verlauf der Jahrtausende, führen aber grundsätzliche Vorstellungen aus uralten Zeiten nur fort. Es lohnt sich, zu den Monstermauern dieser Welt zu reisen, die Mysterien unseres Planeten von Ägypten bis Vanuatu zu erforschen. Es lohnt sich erst recht, unsere Wurzeln zu ergründen. Was in »Heiligen Büchern« wie Bibel und Koran steht, das sind keine Neuschöpfungen aus dem Nichts, da wurden vielmehr sehr viel ältere Bausteine aus sehr viel älteren Mythenwelten übernommen, mehr oder minder stark bearbeitet und wieder eingesetzt.

Foto 4: Sollte Petrus Jesu
»Nachfolger« werden?
Mich fasziniert es schon seit Jahrzehnten, archaischen Bildern, die wir in der Bibel, speziell im »Alten Testament« finden, auf den Grund zu gehen und nach ihren Ursprüngen zu suchen. Seit Jahrzehnten versuche ich die alten Quellen zu erforschen, aus denen geschöpft wurde. Es wird in der vermeintlich wissenschaftlichen Theologie meiner Meinung nach viel zu wenig beachtet, welches alte Material verformt und was beim Verfassen der neueren Texte weggelassen wurde. Aus reichem Quellenmaterial aus alten und uralten Zeiten wurde übernommen. Manches wurde fast unverändert abgeschrieben, viele Informationen ließ man unter den sprichwörtlichen Tisch fallen.

Manches, was aus alten Quellen übernommen wurde, findet sich noch im hebräischen Text des »Alten Testaments«, verschwindet aber in den Übersetzungen. Der erste Satz des »Alten Testaments« verkündet im Hebräischen, dass Gott am Anfang Himmel und Erde schuf. Die »Neue evangelistische Übersetzung« von Karl-Heinz Vanheiden verdeutlicht in einer Fußnote die Problematik der falschen Übersetzungen besonders gut: »Im Hebräischen steht das Verb bara (schuf) in der Einzahl, Gott und Himmel aber in der Mehrzahl. Bara im Sinne von Schaffen wird im Alten Testament nur für das Schaffen Gottes verwendet. Nie wird dabei ein Stoff erwähnt, aus dem Gott schafft.« Die »Elbefelder Bibel« spricht eindeutig von Himmel und von Gott in der Einzahl: »Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.« Andre Übersetzungen wie die »Elberfelder« lassen den Artikel weg und blieben zweideutig: »Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« In dieser Version erkennen wir nicht, ob »Himmel« in der Einzahl- oder in der Mehrzahlform verwendet wird.

Als besonders bibeltreu darf die vom Theologen Franz Eugen Schlachter (*1859; †1911) erarbeitete Übersetzung der »Heiligen Schrift« gelten. Sie wurde erstmals im Jahr 1905 veröffentlicht. 1951 erarbeitete die »Genfer Bibelgesellschaft« mit Zustimmung der Familie Schlachter eine revidierte Fassung der Schlachter-Übersetzung von 1905. Die heute gängige Ausgabe wurde als »Schlachter 2000« publiziert. Und hier lesen wir den ersten Satz des »Alten Testaments« korrekt übersetzt so: »Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde.«

Unbeeindruckt vom Originaltext verfälschen die »Menge Bibel« und »Neues Leben/ Die Bibel« im ersten Satz des Alten Testaments »die Himmel« (Mehrzahl!) zu »den Himmel«. Den gleichen Fehler macht auch die englische »King James Version« (7), während »The New International Version« korrekt die Mehrzahl wiedergibt: »the heavens« (Mehrzahl) und nicht »the heaven« (Einzahl).

Religiöse »Denker« sehen den Menschen als die Krone der Schöpfung, als das Nonplusultra schlechthin an. Da wird extreme Nabelschau betrieben und die Existenz von anderen »Erden« mit anderen »Himmeln« wird kategorisch verneint. Wir müssen nach diesem »Denken« ganz einfach die »allergrößten« Kreaturen der Schöpfung sein? Der religiöse »Denker« sieht das so, weil er über sich als höher stehendes Wesen nur noch Gott selbst dulden mag. Wenn Gott das Allerhöchste schlechthin ist, dann kommen wir – nach diesem »Denken« – in der Rangfolge schon auf Platz 2. In diesem religiösen Weltbild hat über uns nur Gott einen Platz, der Rest aber hat sich unter uns einzuordnen.

»Wissenschaftlicher« Hochmut ist allerdings nicht angebracht. Denn auch im »wissenschaftlichen« Weltbild der Evolution ist der Mensch die »Krone«, wenn auch nicht als das Ergebnis einer göttlichen Schöpfung, sondern einer erstaunlichen Verkettung von Zufällen. Im »wissenschaftlichen« Weltbild gibt es keinen Gott. Der Mensch steht ganz oben, wo im religiösen Weltbild Gott herrscht.

Die umfangreichen »Legenden der Juden« freilich wissen von Himmeln (Mehrzahl!) und von fremden »Erden« (Mehrzahl!) zu berichten, auf denen – wie auf Terra – auch »Menschen« leben, nur ganz andere. 

Zur Lektüre empfohlen
Bourbon, Fabio: »Petra/ Die geheimnisvolle Felsenstadt«, Köln 2004
Taylor, Jane: »Petra und das versunkene Königreich der Nabatäer«, Düsseldorf 2002

Bibelausgaben
Die im Text zitierten und die erwähnten diversen Bibelausgaben sind im Internet leicht auffindbar. Wer ernsthaft die Texte der Bibel studieren möchte, der sollte sich nicht auf eine bestimmte Übersetzung beschränken, sondern alle möglichen Übersetzungen vergleichend heranziehen.

Fußnoten
(1) Buch Richter Kapitel 1, Vers 36
(2) 2. Buch der Könige Kapitel 14, Vers 7
(3) Das Evangelium nach Johannes Kapitel 1, Vers 42 in der »Lutherbibel 2017«
(4)  Das Evangelium nach Matthäus Kapitel 16, Vers 18 in der »Lutherbibel 2017«
(5) Das Evangelium nach Matthäus Kapitel 16, Vers 19 in der »Einheitsübersetzung« von 2016
(6) Lamsa, George Mamishisho: »Die Evangelien in aramäischer Sicht«, St. Gallen 1963, Seiten 364 und 365
(7) »In the beginning God created the heaven and the earth.«

Zu den Fotos
Foto 1: Die mysteriöse Stadt in Stein Petra, Jordanien. Foto wikimedia commons, Berthold Werner (Ausschnitt).
Foto 2: Die mysteriöse Stadt in Stein Petra, Jordanien. Foto wikimedia commons, Berthold Werner (Ausschnitt).
Foto 3: Wollte Jesus seine »Kirche« auf Petrus bauen?
Foto 4: Sollte Petrus Jesu »Nachfolger« werden?

518. »Reise ins Vorgestern«,
Teil 518 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 22. Dezember 2019



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Sonntag, 12. Februar 2017

369 »Auf der Suche nach Alexanders Himmelfahrt«

Teil  369 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2: »Schönster Turm« und das Portal

Das »Münster Unserer Lieben Frau« zu Freiburg im Breisgau wurde anno 1827 zur Bischofskirche und somit zur Kathedrale. Die »Kathedra« ist als Bischofsthron Symbol der hohen Stellung des Bischofs. Bereits um 1200 wurde der sakrale Bau begonnen, 1513 wurde er offiziell abgeschlossen. So präsentiert sich das mächtige Gotteshaus im romanischen, aber auch im gotischen Stil. Anno 1869 pries der Kunsthistoriker den 116 Meter hohen Turm als Schönsten auf Erden. Noch älter als das »Freiburger Münster« sind Reste des steinernen Fundaments einer Pfarrkirche, die wohl um 1130 errichtet wurde. Bald aber wurde das Gotteshaus zu klein. Berthold V, er starb im Jahr 1218 ordnete den Bau einer großen Kirche im Stil des Basler Münsters an.

Marktfrauen bieten geschäftstüchtig Gemüse an. Kaufwillige rempeln Fotofreunde an, die einen imposanten Brunnen im Bilde festhalten wollen. Sie bleiben geduldig mitten im Gedränge stehen, hoffen auf einen freien Blick auf den Brunnen. Ob sie für einen Augenblick freie Sicht auf den Brunnen haben können? Doch schon schieben sich wieder Menschen vor die Linsen. Andere Fotografen möchten ein Stück näher an den Brunnen rücken, brave Müßiggänger möchten sich auf den Rand des Brunnens setzen. Und dazwischen drängen sich Marktbesucher, die ihre großen Taschen mit frischem Gemüse füllen wollen.

Foto 3: Bunte Figuren erzählen die Geschichte Jesu

Einige Marktfrauen beäugen uns Fotografen skeptisch bis missmutig, weil wir die potentielle Kundschaft behindern. Die Einkäufer fühlen sich durch uns Fotografen behindert, weil sie den Zugang zu den Buden erschweren. Nicht sonderlich beliebt sind geführte Menschengruppen, weil die nichts kaufen und viel Platz einnehmen. Die meisten Marktfrauen aber sind gut gelaunt, lachen fröhlich und preisen ihre Erzeugnisse an. Unbeliebt macht sich der eine oder der andere »Störenfried« mit Fahrrad.

Endlich sind wir durch das Getümmel hindurch zum Portal vorgedrungen. Wir stehen vor dem Turmportal. Das mächtige Tor ist »taubensicher« gemacht. Ein feinmaschiges Netz verhindert das Eindringen der symbolträchtigen Vögel. Ob der »Heilige Geist« – er wird in zahlreichen Darstellungen gern als Taube gezeigt – trotzdem eingelassen wird? Freilich war die heilige Taube schon das Sinnbild der Liebesgöttin Venus. Und: der »Heilige Geist« war ursprünglich weiblich. Wir betreten die Vorhalle zum Münster im Turmerdgeschoss. Hoch über unseren Köpfen nehmen wir eine Fülle von Figuren wahr, die uns die biblischen Geschichten näherbringen sollen. Zahlreiche bunte, liebevoll detailreich herausgearbeitete Figuren erzählen uns die Geschichte Jesu. Da sehen wir die Hirten auf dem Felde, denen die Geburt des Heilands verkündet wird. Da liegt Maria, die Mutter Jesu, auf einer Liegestatt, die so gar nicht in einen Stall von Bethlehem zu passen scheint.

Foto 4: Hirten auf dem Felde, die Geburt Jesu.

Wir haben uns durch das Menschengetümmel vor dem Münster hindurchgezwängt. Langsam nähern wir uns dem Haupteingang. Säulenheilige fallen kaum auf. Grimmige Blicke ziehen wir uns zu, weil wir uns zwischen Buden auf womöglich verbotenen Wegen dem Gotteshaus nähern. Ich geb’s ja zu: Ich kann es nicht abwarten, endlich die in Stein verewigte Himmelfahrt von Alexander dem Großen zu sehen.

Wir durchschreiten die Vorhalle und betreten das eigentliche Gotteshaus. Wir bleiben kurz stehen, orientieren uns. Aus der Hektik des Markts kommend tut die Stille im Münster gut. Der hektische Alltag ist außen vorgeblieben. Wir sehen, zwischen imposanten Säulen, den Hochaltar. »Wo ist denn hier die Nikolauskapelle?«, frage ich flüsternd. »Gibt’s gar nicht mehr!«, lautet die Antwort einer hageren älteren Frau. »So ein Unsinn!«, widerspricht ein Herr in dunklem Anzug. »Sie müssen in Richtung Hochaltar gehen, immer geradeaus, dann halten Sie sich rechts, gehen in Richtung Sakristei. Wenn Sie kurz vor der Sakristei stehen, dann wenden Sie sich nach links. Dann sehen Sie auch schon den Eingang zur Nikolauskapelle!« Die ältere Frau widerspricht, fast etwas energisch. »Die Nikolauskapelle gibt es doch schon seit ewigen Zeiten nicht mehr!« Mächtiges Orgelgebraus setzt ein, übertönt jedes Gespräch.

Foto 5: Unterwegs zur Nikolauskapelle.

Gehen wir gemeinsam weiter, und zwar nach rechts, vorbei am Lammportal, weiter in Richtung Hochaltar. Nach meinem Grundriss vom Münster, sind wir auf dem richtigen Weg. Vorbei an der Kanzel. Vorbei an der wunderschönen Madonna mit Mondsichel. Königlich wirkt sie, die »Gottesmutter«, stolz trägt sie ihre Insignien, Krone und Zepter. Auch das kleine Jesuskind hat eine Krone auf dem Haupt. Aber weiter geht es in Richtung Sakristei, zur Nikolauskapelle.

Um das Jahr 1200 wurde die Nikolauskapelle angelegt: im Untergeschoss des »südlichen Hahnenturms«. Anno 1507 freilich wurde die Stirnwand der Kapelle entfernt, aus der Kapelle wurde ein Durchgangsraum zwischen Querhaus des Münsters und dem Umgangschor. Der Kapellencharakter ging so verloren. Somit gibt es die Nikolauskapelle seit einem guten halben Jahrtausend nicht mehr als geschlossenen Raum. Erhalten geblieben ist allerdings das Portal zur einstigen Nikolauskapelle. Und das hat es wirklich in sich! Warum hat man diese mysteriösen Kunstwerke am Portal zur einstigen Nikolauskapelle belassen und nicht entfernt? Die Motive, die wir an den Kapitellen, etwa in Kopfhöhe, sehen, sie sind alles andere als »christlich«. Sie sind wohl die ältesten sakralen Kunstwerke im Münster zu Freiburg. Hat man aus Respekt vor dem Alter nicht gewagt, diese geheimnisvollen Darstellungen zu zerstören? Hat man sie aus einem älteren Bau übernommen?

Foto 6: Schlüssel zu den Geheimnissen
Fotografieren lassen sich die faszinierenden Kunstwerke nicht so ohne weiteres. Blitzlicht darf nicht eingesetzt werden, schärft mir ein aufmerksamer Wächter ein. Ein Großteil des Eingangs in die Nikolauskapelle liegt im Halbdunkel. Eines der Reliefbilder wird von einem kleinen Strahler erleuchtet. Das Licht an der einen Stelle lässt die Dunkelheit an den anderen noch intensiver erscheinen. Ein Reliefbild  liegt vollkommen im Dunkel. Durch das Gittertürchen in die ehemalige Kapelle fällt Licht, wirft Schattenmuster auf die zwei übrigen Reliefs. Sie wirken dadurch noch geheimnisvoller, ja irgendwie magisch. Es kommt mir so vor, als würden wir in eine heidnische Vergangenheit blicken, in eine Zeit vor der Christianisierung. Die Reliefs könnten aus einem uralten Tempel stammen, als Überbleibsel eines religiösen Kults, über den wir überhaupt nichts wissen. Sie wirken wie Momentaufnahmen aus einem Film, der an willkürlich gewählter Stelle gestoppt wurde. Wir sehen die Bilder, verstehen sie aber nicht. Können wir versuchen, sie zu interpretieren?

Theologische Interpreten neigen dazu, auch heidnische Motive in der sakralen Kunst so zu deuten, dass die eigene Lehrmeinung bestätigt wird. Christliche Theologen sehen gern auch in heidnischen Symbolen christliches Gedankengut. Jeder meint, über den richtigen »Schlüssel« zu verfügen, mit dem man die »wahre Bedeutung« sakraler Kunstwerke wie einen Geheimcode dechiffrieren kann. Die Reliefs am Eingang zur ehemaligen Nikolauskapelle freilich haben so gar nichts Christliches zu bieten: ein Familienidyll mit Monstern, die Himmelfahrt Alexander des Großen, kämpfende Mischwesen und einen Wolf, der keine Lust hat, die Kunst des Schreibens zu erlernen. 

Foto 7
Zu den Fotos
Foto 1 Der »schönste Turm der Welt«. Foto wikimedia commons/ Daderot
Foto 2: Das Portal mit dem Tympanon. Foto wikimedia commons Foto Todor Bozhinov
Foto 3: Bunte Figuren erzählen die Geschichte Jesu. Foto wikimedia commons/ dr. avishai teicher
Foto 4: Hirten auf dem Felde, die Geburt Jesu. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Unterwegs zur Nikolauskapelle. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 6: Wer hat den Schlüssel zu den Geheimnissen? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Grundriss des Münsters, Weg zur Nikolauskapelle, gelb eingezeichnet. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein (links)

370 »Familienidyll mit Monstern«,
Teil  370 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 19.02.2017


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Sonntag, 6. November 2016

355 »Kunigundes Kopf«

Teil  355 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2: Das Sonnenloch
Wir stehen vor dem Ostchor des Bamberger Doms. Zu unserer Linken sehen wir die »Adamspforte«, zu unserer Rechten die »Marienpforte«. Betrachten wir die steinerne Wölbung des Ostchors genauer, so fällt uns in der Mitte zwischen zwei »Säulen« eine kreisrunde Öffnung im Mauerwerk auf. Man bezeichnet dieses lukenartige Fensterchen auch als »Sonnenloch«. (Siehe Fotos 1 und 2!) Wikipedia definiert den Ausdruck »Sonnenloch« wie folgt: »Als Sonnenloch wird eine Öffnung in manchen alten Kirchen und Kapellen bezeichnet, die an der Ostseite angebracht ist und durch die zu bestimmten Zeiten des Jahres (meistens ist es die Tagundnachtgleiche im März und September) das Sonnenlicht auf eine bestimmte Stelle der gegenüberliegenden Kirchenwand fällt und dort einen hellen Fleck oder auch ein Kreuz bildet.« Wikipedia illustriert diesen kurzen Artikel mit einem Foto des Sonnenlochs am Bamberger Dom.

Vor Ort erkundigte ich mich bei einem Geistlichen, der eine Gruppe japanischer Touristen führte, nach der Bedeutung des »Sonnenlochs«. Er erklärte mir: »Am 29. Juni, dem Namenstag des heiligen Apostels Petrus« strahlt die Sonne für wenige Minuten durch diese kleine Öffnung und es taucht dann ein gleißender Lichtfleck auf dem Hauptaltar des Paulus im Westflügel auf!« Ich bat den Priester um ein kurzes Interview zum Thema, was er aber vehement ablehnte. Er erklärte mir, immer ärgerlicher werdend, dass »Sonnenlöcher« in christlichen Gotteshäusern für so manchen Theologen ein Tabuthema seien. »Sonnenlöcher werden oft als heidnisch angesehen, als Hinweis auf eine astronomische Ausrichtung der Kirchen, Kapellen und Dome.«

Foto 3: Die Belsener Kirche

So gab es zum Beispiel, wie ich erfuhr, in der Belsener Kirche, auch Belsener Kapelle (1) genannt, ein »Sonnenloch«.  Das rätselhafte kleine Gotteshaus entstand um 1150, und zwar auf den Fundamenten einer wesentlich älteren Kapelle.  Anno 1752 zierten einen Giebel der Kapelle gleich drei Sonnen. Sie sollen die Auferstehung Christi symbolisieren. Anno 1784 erschien in Stuttgart das Buch »Topographische Geschichte des Herzogthums Würtemberg« von Christian Friedrich Sattler. Es enthielt vor Seite 309 eine präzise Zeichnung des Giebels. Freilich wird da die Kapelle als »Tempel« bezeichnet und die merkwürdigen Darstellungen wurden als »Götzenbilder« tituliert.

Unverkennbar ist der Hinweis auf eine ursprünglich heidnische Bedeutung der Darstellungen. Auf der Homepage der »Ev. Kirchengemeine Belsen« lesen wir: »Bekannt ist die jetzige Kirche vor allem durch die geheimnisvollen und viel gedeuteten Reliefs am Westgiebel. Die drei »Sonnen« fielen den Witterungseinflüssen zum Opfer und sind längst verschwunden. Das Sonnenloch selbst wurde von außen geschlossen, von innen ist es aber noch zu erkennen. Computersimulationen bestätigten die Realität der Lichterscheinung. Zur Tag- und Nachtgleiche zauberte es auf der gegenüberliegenden Seite im Westen ein »Kreuz aus Lichtbalken«. Auf heidnische Wurzeln deutet eine keltische Viereckschanze im Süden von Belsen.

Von Belsen zurück nach Bamberg: Nach offizieller Lesart diente das »Sonnenloch« vom Bamberger Dom nicht, wie der Name suggeriert, um Sonnenstrahlen durchzulassen. Ein Reliquienschrein habe sich im Inneren des Doms direkt hinter der Öffnung in der Mauer befunden. Licht konnte also nicht von außen in das Gotteshaus fallen. Vielmehr sollen aus dem Inneren des Gotteshauses ganz besondere »Strahlen« auf Bamberg gefallen sein. Und die gingen nicht von der Sonne aus, sondern kamen aus dem Reliquienschrein, der den Schädel der heiligen Kunigunde beherbergte. Kunigunde, etwa 980 im heutigen Luxemburg geboren, um 1033 verstorben, Gattin Heinrich II., Mitbegründerin des ursprünglichen Doms, wurde im Jahr 1200 von Papst Innozenz III. heiliggesprochen. Erst anno 1513 vollendete kein Geringerer als Tilman Riemenschneider im Dom zu Bamberg das Grabmal des kaiserlichen Paares.

Fotos 4 und 5: Der Kaisersarg
Im Gespräch mit einer Pilgergruppe aus Altötting wurde mir klar, welch großer Beliebtheit sich die Heilige Kunigunde auch heute noch erfreut. Sie überstrahlt ihren bei weitem nicht so verehrten Gatten Heinrich II. (2). Im Lauf der Jahrhunderte rückte sie fast an die Seite der Gottesmutter Maria, als »Königin und Jungfrau« nimmt sie eine ganz besondere Position im Himmel ein. Der Legende nach bezichtigte man die Kaiserin der ehelichen Untreue. Um ihre Unschuld zu beweisen, bestand sie auf einem Gottesurteil. (Siehe Fotos 6 und 7!)

Sie lief, so heißt es, über rotglühende Pflugscharen – und blieb unverletzt. Nach einer Variante der Legende schritt sie nicht über Eisen, sondern über glühende Kohlen.

Im Volksglauben sah man wohl schon früh zwischen der Gottesmutter Maria und Kunigunde Parallelen. Letztere konnte als irdische Herrscherin durchaus ein wenig mit Maria (»Himmelskönigin«) verglichen werden. Ob freilich Kunigunde tatsächlich – wie dem katholischen Glauben nach Maria – ewige Jungfrau blieb, das sei dahingestellt. Kinderlos war die Ehe von Heinrich II. und Kunigunde allerdings. Ob freilich das kaiserlich Ehepaar wirklich aus religiösen Gründen auf Intimitäten verzichtete, oder ob es medizinische Gründe für den fehlenden Nachwuchs gab? Wir wissen es nicht.

Kunigundes Schädel wurde jedenfalls als besonders kraftvolle Reliquie angesehen, die durch das vermeintliche »Sonnenloch«  hindurch segensreichen Einfluss auf die Bewohnerinnen und Bewohner von Bamberg haben sollte. Eine andere Reliquie der Heiligen Kunigunde – vermutlich ein Stück des Oberschenkelknochens – gelangte irgendwann auf unbekanntem Wege nach Florenz und wird im Museum der Medicikapellen  in einem kostbaren Reliquiar aus geschliffenem Bergkristall verwahrt. Vorübergehend stellte das Museum die Reliquie dem Bamberger Dom als »Leihgabe« zur Verfügung.

Fotos 6 und 7: Kunigundes Gottesurteil
Polykarp von Smyrna (etwa 69-155) wird von der katholischen und orthodoxen Kirche als Märtyrer verstanden und als Heiliger verehrt. Nach kirchlicher Überlieferung kannte Polykarp die Jünger Jesu noch persönlich. Wie Jesus war er den Römern suspekt, wurde verhaftet und der grölenden Menge zur Ermordung ausgehändigt. Er sollte auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden, so besagt es die fromme Legende. Als aber die heißen Flammen keinerlei Wirkung bei dem 86-jährigen Greis zeigten, wurde er kurzerhand erstochen. Die sterblichen Überreste Polykarps wurden von der jungen christlichen Gemeinde als heilig angesehen. Sie wurden zu den ersten  Reliquien der Christenheit. Heute befinden sie sich auf dem Hochaltar der Kirche Sant’Ambrogio della Massima.

Luther wetterte 1524 gegen Reliquien in seiner Schrift »Wider den neuen Abgott und alten Teufel«. Auslöser für Luthers Tiraden war die Verehrung, die den Gebeinen des heiliggesprochenen ehemaligen Bischofs Benno von Meißen (1010-1106) zuteilwurden. Derlei Knochen waren für Luther nur »tot Ding« (tote Dinge). Ob Luther nicht bekannt war, dass die segensreiche Wirkung von Reliquien bereits im Alten Testament beschrieben wird? Im 2. Buch Könige (3) lesen wir: »Als aber Elisa gestorben war und man ihn begraben hatte, fielen streifende Rotten der Moabiter ins Land Jahr um Jahr. Und es begab sich, dass man einen Mann zu Grabe trug. Als man aber einige Leute von ihnen sah, warf man den Mann in Elisas Grab. Und als er die Gebeine Elisas berührte, wurde er lebendig und trat auf seine Füße.«

Fotos 8-10: Kunst am Kaisersarg
Im Lauf der Jahrhunderte wurden Reliquien klassifiziert. Als Reliquien erster Klasse gelten die toten Leiber von Heiligen oder Teilstücke davon, zum Beispiel Haare oder Knochen. Reliquien zweiter Klasse sind Gegenstände, die in direkten Kontakt mit lebenden Heiligen hatten, zum Beispiel Gewänder oder Folterinstrumente. Reliquien dritter Klasse sind Objekte, die in Kontakt mit Reliquien erster Klasse gekommen sind. Mit solchen Reliquien wurde zeitweise ein schwunghafter Handel betrieben. Sie konnten beliebig hergestellt werden, indem man – zum Beispiel – Papier-  oder Stoffschnippselchen  kurz auf Knochen eines Heiligen legte. Speziell in Südeuropa werden derlei Reliquien von niederem Rang an Wallfahrtsorten an Pilger – etwa in Verbindung mit Heiligenbildchen – verkauft.

Heilende Wirkung von Reliquien der zweiten Klasse wird im Neuen Testament beschrieben. Ob auch dieser biblische Beleg dem Reformator Luther unbekannt war? Dem Stoff, der mit dem Paulus in Berührung gekommen war, haftete nach frühchristlichem Glauben noch dessen Heiligkeit an und ließ Kranke gesund werden (4): »So hielten sie auch die Schweißtücher und andere Tücher, die er auf seiner Haut getragen hatte, über die Kranken, und die Krankheiten wichen von ihnen und die bösen Geister fuhren aus.«

In Sachen »Heiligenverehrung« unterschied sich die junge christliche Kirche stark von der heidnischen Konkurrenz. Ein Mensch mochte zu Lebzeiten noch so heilig gewesen sein, nach seinem Tod galt für die Menschen der heidnischen Antike sein Leichnam als unrein, ja als gefährlich, und zwar aus Gründen der Hygiene.

Foto 11: Vitus-Reliquiar von Corvey

Mir begegneten Reliquien immer wieder auf meinen Reisen, zum Beispiel in Corvey. In Kairo wurden mir gar mehrere kleine einige Lederfetzen zum Kauf angeboten, die angeblich einst zum Schuhwerk des Apostels Paulus gehörten. Angeblich würden sie Fußbeschwerden jeder Art heilen. Angeblich wurden diese »Reliquien« zuletzt in koptischen Klöstern versteckt. Ich sei doch viel zu Fuß unterwegs, da würden gesundheitliche Probleme unweigerlich auftreten. Die angeblichen »Paulusreliquien« würden aber nicht nur mir gut tun, sondern der Allgemeinheit. »Tun Sie sich das Paulusleder in Ihre Schuhe. Ihre Füße werden niemals schmerzen. Und wo immer Sie entlang gehen, heiligen Sie den Boden, auf dem Sie wandeln!«

Als ich dankend ablehnte, wurden mir – zu erheblich günstigerem Preis – Reste von Cheops Mumie offeriert. »Auch das sind Reliquien! Sie schützen vor Flüchen jeglicher Art! Und sie verleihen die Weisheit des Pyramidenbauers!« Wieder nahm ich Abstand vom Erwerb der »Kostbarkeiten«. Derlei Schätze, so erklärte ich mit todernster Miene, müssten doch unbedingt in Ägypten bleiben.

Foto 12: Klosterkirche Corvey
Fußnoten

1) Belsen ist ein Stadtteil von Mössingen im Landkreis 
Tübingen, Baden-Württemberg , nicht zu verwechseln 
mit dem anderen, weltweit »bekannten« Belsen. 
Im KZ Bergen-Belsen, Kreis Zelle, starben bis zur 
Befreiung durch britische Truppen am 15. April 1945
mindestens 52.000 Häftlinge auf Grund der 
unsäglichen Haftbedingungen.
2) Heinrich II.  wurde bereits 1146 heiliggesprochen.
3) 2. Buch Könige Kapitel 13, Verse 20 und 21
4) Apostelgeschichte Kapitel 19, Vers 12

Zu den Fotos
Foto 13: Klosterkirche Corvey
Fotos 1 und 2: Das Sonnenloch. Der gelbe Pfeil deutet 
auf das Sonnenloch. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Die Belsener Kirche. Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 4 und 5: Der Kaisersarg. Fotos Walter-Jörg Langbein.
Fotos 6 und 7: Kunigundes Gottesurteil. 
Foto 6 Walter-Jörg Langbein. 
Foto 7 wikimedia commons public domain Johannes Otto Först
Fotos 8-10: Kunst am Kaisersarg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Vitus-Reliquiar von Corvey. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Klosterkirche Corvey. Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 13: Klosterkirche Corvey. Foto Walter-Jörg Langbein

356 »Wurde Papst Clemens II. ermordet? Teil I«,
Teil  356 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 13.11.2016

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Sonntag, 15. Februar 2015

265 »Von der Heiligen Taube zum Schlangenmonster«

Teil 265 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Der Dom zu Bremen. Foto Walter-Jörg Langbein

Es war ein verregneter Nachmittag im November gegen 15 Uhr. Düster hingen pechschwarze Wolken über dem Dom zu Bremen. Düster wirkte auch das massive Mauerwerk. Wie die Monstermauern einer mittelalterlichen Burg aus bösen Zeiten scheinen vor einem Jahrtausend massive Steine bis in den Himmel aufeinander getürmt worden zu sein. Setzten die Bauherren, die im 11. Jahrhundert den Bremer Dom St. Petri errichten ließen, eine alte Tradition fort? Wollten sie, um einige Beispiele zu nennen, so wie die Architekten von Babylon, Indien, Zentralamerika und Ägypten seit Jahrtausenden, Erde und Himmel miteinander verbinden? Wurde der Dom wie einst die Zikkurats von Babylon von christlichen Himmelsstürmern geschaffen?

Hoch oben auf der Spitze des Turms zu Babel begegneten sich vor Jahrtausenden Mensch und Gott. Im Tempel hoch oben zelebrierten Gott und Mensch die »Heilige Hochzeit«. In den ältesten Überlieferungen war es eine Göttin, die vom Himmel kam, um sich einen Irdischen als Gemahl zu erwählen. In christlichen Zeiten wurde eine derartige »heidnische« Überlieferung natürlich verabscheut, als blasphemische Unzucht verurteilt. Übersehen wird dabei allerdings, dass es diese uralte Tradition noch im »Neuen Testament« gibt (1): »Da komm die Taube vom Himmel herab und verbindet sich mit Jesus. Und es begab sich, als alles Volk sich taufen ließ und Jesus auch getauft worden war und betete, da tat sich der Himmel auf, und der Heilige Geist fuhr hernieder auf ihn in leiblicher Gestalt wie eine Taube, und eine Stimme kam aus dem Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.« Bei Markus lesen wir (2): »Und alsbald, als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass sich der Himmel auftat und der Geist wie eine Taube herabkam auf ihn.

Wilhelm II als Karl der Große

Und da geschah eine Stimme vom Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.«  Selbst im Evangelium nach Johannes fehlt der Hinweis auf die himmlische Taube nicht (3): »Und Johannes bezeugte: Ich sah, dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb.«

Die Taube war von Alters her das Sinnbild von Göttinnen wie der Venus. So lässt sich die heute merkwürdig anmutende Szene von der himmlischen Taube, die sich mit Jesus »verbindet« als Reminiszenz an den uralten Mythos der heiligen Hochzeit zwischen Göttin und auserwähltem Menschen verstehen. (4)

Löwe und Spieler. Foto Walter-Jörg Langbein

Tatsächlich fühlt man sich dem Himmel so nah, wenn man die 256 Stufen – vorbei an den vier Glocken des Geläuts – erklommen hat. 99 Meter über dem Boden erscheint einem die Hektik der Menschen weit unten auf dem Marktplatz wie das konfuse Treiben verwirrter Insekten. Anstrengend ist es, den quadratischen Südturm zu besteigen, doch der Blick nach unten und in die Ferne belohnt für die Mühen. Es lohnt sich auch, in den Bleikeller des Doms hinab zu klettern.

Adler und Eitelkeit. Foto W-J.Langbein

Der Name erklärt sich so: Einst wurden im gespenstischen Keller die Bleiplatten gelagert, die man für die Domdächer benötigte. Zufällig stieß man im unheimlichen Gewölbe auf die Mumien von neun (nach anderen Quellen sechs) Menschen. Seit 1984 befindet sich der »Bleikeller« in einem Nebengebäude des Doms zu Bremen.

Da liegt zum Beispiel Georg Bernhard von Engelbrechten (1658 bis 1730), der letzte schwedische Domverwalter. Einst glaubte man annehmen zu dürfen, dass das Gift der Bleiplatten zur Mumifizierung der Toten führte. Inzwischen weiß man aber, dass die Körper der Toten einfach nur auf natürliche Wiese austrockneten. Makaber-unheimlich mutet es an, wie ein Zimmermann, ein schwedischer General, eine schwedische Gräfin, ein englischer Major und ein Student scheinbar den ungebetenen Besucher in ihrer Gruft mustern. Es kommt dem leicht (?) beklommenen Eindringling so vor, als stützen sich die trockenen Mumien ab, um gleich aus den weit geöffneten Särgen zu klettern.

Löwe und Lüsternheit. Foto W-J.Langbein

Eine der Mumien könnte einem heutigen Horrorfilm entsprungen sein. Der männliche Tote hat den Mund wie zu einem Schrei weit aufgerissen. Man nahm lange Zeit an, dass es sich bei dem Mann um einen Dachdecker handelte, der beim Sturz vom Turm zu Tode kam. 1985 wurde die Mumie geröntgt. Es zeigte sich, dass die erstarrte Leiche keinen einzigen Knochenbruch aufwies, wohl aber eine Kugel in der Wirbelsäule. War der vermeintliche »Dachdecker« also ein Soldat, der vor Jahrhunderten erschossen wurde… oder ein Mordopfer?

Ich jedenfalls würde mich zu nächtlicher Stunde auf keinen Fall in jenen unheimlichen Keller wagen. Was dort zu sehen ist, ist wirklich makaber. Die sterblichen Überreste von sechs Menschen wurden in der Unterwelt des Doms zu Bremen gefunden. Wusste man vom natürlichen Mumifizierungsprozess, als man die Toten unter dem Dom beisetzte? Wollte man bewusst diese – etwas pietätlos formuliert –  Konservierung durch Eintrocknung der Leichen herbeiführen? So manche Frage ist bis heute nicht wirklich beantwortet worden! Hat man die Toten, sie stammen aus unterschiedlichen Jahrhunderten –  im Verlauf von Jahrhunderten nach und nach in die »Krypta« geschafft? Oder wurden sie aus Friedhöfen und Krypten geholt und nach und nach unter dem Dom zur letzten Ruhe gebettet?

Blick in den Bleikeller. Foto um 1900. Archiv Langbein

Wurden die Mumien zur Schau gestellt, um die Gläubigen an ihr künftiges Schicksal zu erinnern? Solle der Christ, angesichts der doch erschreckend aussehen Toten an christlichen Lebenswandel erinnert und zur Frömmigkeit angehalten werden?

Völlig unklar ist nach wie vor, wer die Toten auswählte, die in der Gruft unter dem Dom zu Bremen bestattet wurden. Ein System ist nicht zu erkennen. Menschen aus unterschiedlichen Schichten der Bevölkerung kamen auf gruselige Weise zu besonderen »Ehren«. Dahingestellt bleiben muss, ob die Toten alle mit der Zurschaustellung einverstanden wären? Das Problem des pietätvollen Umgangs mit sterblichen Überresten von Menschen ist weltweit nicht gelöst. Genauer gesagt: Menschen, die schon vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden das Zeitliche segneten, finden sich in Vitrinen der unterschiedlichsten Museen, und das weltweit! Die eigene Großmuter oder den eigenen Urgroßvater möchte wohl kaum jemand so zur Schau gestellt sehen.

Und was hat es zu bedeuten, dass auch die Mumien eines Äffchens und einer Katze im Bleikeller von Bremen scheinbar für ewige Zeiten »konserviert« wurden? Der Stubentiger mag sich dort unten zu den Toten verirrt haben und zugrunde gegangen sein. Aber Affen gehörten zu keinem Zeitpunkt zur Population von Bremen. Waren beide Tiere Opfer experimentierfreudiger Menschen? Galt es den natürlichen Mumifizierungsprozess zu studieren? Oder waren Katze und Äffchen einst Haustiere, die seit Jahrhunderten mit ihren Menschen unter dem Dom zu Bremen auf den »Jüngsten Tag« warten?
Stolz, ja majestätisch präsentiert sich heute der Dom zu Bremen. Was viele Zeitgenossen heute nicht wissen:  Wie viele andere Gotteshäuser, so wurde auch der Dom zu Bremen offenbar von den Alliierten als kriegswichtiges Ziel angesehen.

Ziel alliierter Brandbomben... Foto W-J.Langbein

Anno 1944 wurden Brandbomben auf das altehrwürdige Gotteshaus abgeworfen, die allerdings – zum Glück – nur verhältnismäßig geringen Schaden anrichteten. Es barsten »nur« einige kostbare Scheiben der großen Kirchenfenster. Damit begnügten sich die Angreifer nur vorübergehend. Im März des Jahres 1945, wenige Wochen vor der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 7. Mai 1945, explodierte an der Nordseite des Doms eine Sprengbombe, die große Teile einstürzen ließ. Das gesamte Gebäude war einsturzgefährdet. Schon 1945 wurden gewaltige Anstrengungen unternommen, um die sakrale Kostbarkeit wieder instand zu setzen. Wer denkt schon an diesen Teil der Geschichte Deutschlands, der vor dem Dom zu Bremen steht?

König David mit Harfe. Foto W-J.Langbein

Betrachten wir die Domfassade, dann fallen fünf steinerne Figuren auf. Kann man sie wie ein Buch lesen? Da blicken König David (Kennzeichen: Harfe) und Moses (Kennzeichen Gesetzestafeln und »Hörner«) vom linken Portal herab. Vom rechten Portal grüßen Petrus (Kennzeichen Schlüssel) und Paulus (Kennzeichen Schwert). In der Mitte thront Karl der Große, als steingewordene Propaganda. Bewusst wurde der Sachsenschlächter mit den Gesichtszügen Kaiser Wilhelms II. versehen. Auf diese Weise sollte der Monarch als »wiedergeborener« Karl der Große gepriesen werden.

Moses mit Gesetzestafeln. Foto W-J.Langbein

Zu Füßen der fünf Fassadenfiguren geben fünf Fassadenfiguren Rätsel auf. Die mächtigen Ungeheuer passen auf den ersten Blick nicht so recht zu einem christlichen Gotteshaus. Doch eine christliche Interpretation liegt nahe! Löwe und Adler symbolisieren das Christentum. Da brüllt ein mächtiger Löwe triumphierend über sein Opfer, das er mit mächtigen Pranken hält und zu Boden drückt. Der Mann hält Würfelbecher und Würfel in den Händen. Dargestellt werden soll offensichtlich der Sieg des Christentums über die Sünde der Spielsucht. Als Sieger wird ein Adler mit mächtigen Klauen und gewaltigem Schnabel dargestellt: über eine recht attraktive Frau. Sie hält einen Spiegel, als allegorische Darstellung der Eitelkeit und Zügellosigkeit. Nicht auf Anhieb zu verstehen ist der Löwe als Sieger über einen Bock.

Dr. Ingrid Weibezahn erklärt (5): »Mit dem Mann mit Würfeln und Würfelbecher ist wohl die Spielsucht, mit dem Bockskopf die Lüsternheit, mit der Schlange das Böse schlechthin und bei der Frau mit Spiegel die Eitelkeit gemeint«

Adler und Schlangenmonster. Foto Walter-Jörg Langbein

Ein stolz dreinblickender Adler – Darstellung des siegreichen Christentums – hat eine gewaltige Schlange besiegt. Besiegt? Tatsächlich windet sich das nach wie vor kraftstrotzende Reptil noch in den mächtigen Klauen des Adlers. Es hat den Schlund weit aufgerissen und beißt mit scharfen Zähnen in eine der mächtigen Pranken des Adlers, die eher zu einem Löwen als zu einem Vogel passen. Und das Schlangemonster hat, im Gegensatz zu den in der Natur vorkommenden Artgenossen, Zähne im Maul. Die Schlange – in fast allen alten Kulturen unseres Planeten positives Symbol  – wurde erst im Christentum im sprichwörtlichen Sinne verteufelt.

Ausblick auf Folge 266... Foto W-J.Langbein
Fußnoten

(1) Evangelium nach Lukas, Kapitel 3,
Rätsel gelöst? Foto W-J.Langbein
Verse 21 und 22
(2) Evangelium nach Markus, Kapitel 1,
Verse 10 und 11
(3) Evangelium nach Johannes,
Kapitel 1, Vers 32
(4) Siehe hierzu auch – weniger deutlich –
Evangelium nach Matthäus Kapitel 17, Vers 5.
Der Verfasser des Evangeliums lässt die
ursprünglich heidnische Taube weg.
(5) Weibezahn, Dr. Ingrid:
»Rätsel der Fassadenfiguren gelöst«,
»Domnachrichten« Nr. 4/ 2001, S. 10 und 11

266 »Tod und Leben«
Teil 266 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 22.02.2015

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Sonntag, 18. Mai 2014

226 »Das Paradiestor und seine Sphingen Teil 1«

Teil 226 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Das »Rote Tor« zum Dom von Paderborn.
Foto: Walter-Jörg Langbein

Von der Bartholomäuskapelle gehe ich durch das »Rote Tor« an der Nordseite des Doms ins Gotteshaus. Vor der blutroten Tür soll früher Gericht gehalten worden sein. So mancher Angeklagte wurde hier, nach grausamer Folter, vor den Richter geschleppt. So manches Todesurteil wurde hier gesprochen. Ich durchquere den Hohen Dom und komme auf der gegenüberliegenden Seite des Kirchenschiffs in eine kleine, eingewölbte Vorhalle. Hier haben sich früher die Pilger eingefunden, die den langen und vor allem gefährlichen Weg nach Santiago de Compostella antreten wollten. Viele von ihnen wurden unterwegs von auf Pilger spezialisierten Banden ausgeraubt, nicht wenige wurden ermordet oder verschleppt und bei weitem nicht alle kamen in Santiago de Compostella im Nordwesten Spaniens an. Auf dem Rückweg blieben wieder Pilger auf der Strecke.

Im Mittelalter war der Drang, zum Grab des Heiligen Jakobus zu pilgern, zeitweise enorm. Das ließ nach, und der »Warteraum für Pilger« wurde anno 1859 deutlich verkleinert, etwa halbiert.

Südseite des Doms, links im Bild: Das Paradiesportal.
Foto Walter-Jörg Langbein

Ich gehe durch den »Vorraum der Pilger« und verlasse den Dom durch das Paradiesportal. Vor mir sehe ich eine kleine Treppe. Sie führt zum höher gelegenen Markt. Oben angekommen, drehe mich um. Vor mir liegt der Dom. Ein Teil der Südseite ist hinter Gerüsten verborgen. Ich bin enttäuscht, denn so bekomme ich die Statuen von König Salomo und der Königin von Saba nicht zu sehen. Wie lang das Gerüst noch stehen wird, kann mir niemand sagen. Jetzt wende ich mich dem Paradiesportal zu.

Zwei weitere Ansichten vom Paradiesportal.
Fotos W-J.Langbein
Das steinerne Portal ist mit zahlreichen Plastiken und mit mysteriösem, gemeißelten Zierrat geschmückt. Vor vielen Jahrhunderten wurden wohl alle Darstellungen von den Menschen, die meist Analphabeten waren, verstanden. Könnte man doch noch heute die steinernen Bildnisse wie ein Buch lesen! Leider geriet aber die Bedeutung manches Reliefs inzwischen in Vergessenheit.

Zwei hohe hölzerne Türen tragen je eine hölzerne Heiligenfigur. Links steht Kilian, rechts Liborius (mit Buch). Die Statuen der beiden Dompatrone wurden im zwölften Jahrhundert geschnitzt. Vor dem Mittelpfosten begrüßt Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm die Besucher des Doms als Himmelskönigin. Ein unbekannter Künstler hat die Figur vermutlich im frühen dreizehnten Jahrhundert erschaffen.

Heilige, die Himmelskönigin, zwei Türen aus Holz...
Foto Walter-Jörg Langbein

Auf den beiden Portalgewänden links und rechts vom Tor haben sich Apostel versammelt. Die steinernen Statuen sind immerhin fast zwei Meter groß. Von den drei Heiligen links können wir nur zwei identifizieren: Jakobus der Ältere (in der Mitte) hat die Jakobs-Muschel an der Brust. Neben ihm, zur Tür hin, steht mit auffällig gelocktem Haar Petrus. Auf der rechten Seite stehen (von links nach rechts): Paulus mit hoher Stirn, der Jüngling neben ihm soll wohl Jesu Lieblingsjünger darstellen. Den dritten Apostel (von links) kennen wir nicht. 

Von links nach rechts:
Julian, unbekannter Apostel, Jakobus, Petrus.
Foto Walter-Jörg Langbein



Ganz rechts außen genießt die Heilige Katharina ihren Triumph. Sie steht stolz in die Ferne blickend auf dem zappelnden Kaiser Maxentius. Auf diese Weise soll Katharinas Überlegenheit deutlich zum Ausdruck gebracht werden. Die fromme Legende weiß zu berichten, dass sich Katharina im dritten oder vierten Jahrhundert dem Christentum verschrieb. 


Von links nach rechts:
Paulus, Johannes, unbekannter Apostel, Katharina.
 Foto Walter-Jörg Langbein









Als Kaiser Maxentius (nach anderen Überlieferungen Kaiser Maximus, Vater von Maxentius) Christen zum Tod verurteilte, setzte sich Katharina furchtlos für ihre Glaubensgenossen ein. Anstatt von seinen Untertanen Opfer für Götzenbilder zu fordern, könne er doch selbst zum Christentum übertreten. Das scheint dem Kaiser – nach frommer Legende – imponiert zu haben. Er ließ die fünfzig klügsten Wissenschaftler gegen Katharina debattieren, sie zogen alle den Kürzeren und wurden ihrerseits zum Christentum bekehrt. Fasziniert machte der Herrscher Katharina einen verlockenden Vorschlag: Als seine Gattin würde sie zur mächtigsten Frau im Reich werden. Doch Katharina lehnte ab. Weil sie ihrem Glauben hätte ablegen müssen schlug sie das Angebot des Kaisers ab. Der war bitter enttäuscht. Hatte er doch gehofft, mit einer Christin an seiner Seite auch von widerspenstigen Christen anerkannt zu werden.

An den hölzernen Türen: Kilian und Liborius, Patrone.
Foto Walter-Jörg Langbein

Nachdem Worte versagt hatten, wurde Katharina in einen finsteren Turm gesperrt und immer wieder gefoltert. Hunger und Schmerzen sollten sie mürbe machen. Sie blieb aber bei ihrem Glauben. Zwölf Tage und Nächte sollte Katharina, das haben ihre Peiniger beschlossen, ohne Nahrung ausharren. Eine weiße Taube sorgte aber für Speis‘, so dass Katharina bei Kräften blieb. Engel kamen immer wieder ins schreckliche Verließ und behandelten auf wundersame Weise die schlimmen Wunden der standhaften Christin. Christus selbst soll im Kerker erschienen sein, um Katharina auf den Märtyrertod vorzubereiten.

Katharina sollte schließlich gerädert werden. Bei dieser höchst qualvollen Todesart sollten ihr alle Knochen im Leib mit einem schweren Rad gebrochen und schließlich sollte sie zerteilt werden.  Zahlreiche Schaulustige trafen ein, um sich am blutigen Schauspiel zu ergötzen. Aus heiterem Himmel fuhr aber ein Blitz hernieder und rettete Katharina – vorerst. Nach einer anderen Überlieferung kam ein Engel vom Himmel und zerstörte das grausame Folterinstrument. Das tat er – so die fromme Sage – mit solcher Heftigkeit, dass gleich viertausend neugierige Gaffer, die Katharina sterben sehen wollten, selbst getötet wurden. Schließlich wurde Katharina geköpft. Aus der Wunde sprudelte kein Blut, sondern Milch. Ihr geschundener Leib, so heißt es weiter, sei ins Heilige Land geschafft worden, wo er erst 500 Jahre später wieder entdeckt wurde.

Der Dom zu Paderborn auf Notgeld von 1921.
Foto: Walter-Jörg Langbein


Katharina ist eine der beliebtesten Heiligen überhaupt. Und das, obwohl es keinen Beweis dafür gibt, dass sie wirklich gelebt hat. Für den heutigen Zeitgenossen, dem Leidenstheologie nicht einleuchtet, mutet die Märtyrerideologie des Christentums befremdlich an. Wieso müssen gerade die besonders Gläubigen grausamen Todes sterben? Warum wird – zum Beispiel – Katharina zunächst auf wundersame Weise geholfen? Warum bringt ihr eine mysteriöse Taube – der Heilige Geist? – Nahrung, wenn böse Menschen sie hungern lassen wollen? Warum lindern, ja heilen Engel ihre Wunden, wenn ihr doch wieder neue zugefügt werden sollen? Letztlich scheint ihr Schicksal von Anfang an besiegelt zu sein. Warum wird keine der Heiligen durch ein Mirakel das Leben gerettet?

Vom Markt aus betrachtet fällt ein Detail nicht auf, das umso mehr stört, je näher man sich dem Paradiesportal nähert. Dann erkennt man nämlich, dass alle Heiligenfiguren von einem dichten, eng anliegenden Netz bedeckt sind. Sollte es als Schutz gegen Tauben gedacht sein, damit sie sich nicht auf den altehrwürdigen Statuen niederlassen? Wirklich abhalten könnte das Netz Tauben allerdings nicht, sie könnten sich ohne Probleme auf das dicht anliegende Netz setzen. Wirksamer Schutz gegen menschlichen Vandalismus ist das Netz auch nicht. Ist es vielleicht als Teil einer Alarmanlage gedacht, die die kostbaren Statuen vor Entführung durch Diebe schützen soll?

Katharina steht auf dem Kaiser. Foto W-J.Langbein

Fotografiert man mit automatischer Schärfeneinstellung, so ist in der Regel das störende Netz stechend scharf abgelichtet, während die Heiligen leicht verschwommen aussehen. Besonders beim Fotografieren mit Blitzlicht ergibt das wenig erfreuliche Aufnahmen. Dann dominiert das Netz, verdrängt förmlich die Heiligen. Manuelle Schärfeneinstellung ist wegen der oft ungünstigen Lichtverhältnisse kaum möglich. Am besten sieht man die viele Jahrhunderte alten Kunstwerke mit dem Auge, ohne den Umweg Fotografie!

Heilige unter einem dichten Netz.
Foto Walter-Jörg Langbein

Betrachtet man das Paradiestor aber näher, entdeckt man - unterhalb des Netzes - Mysteriöses, Sphingen und missgestaltete Kreaturen, wie sie dem Labor eines verrückten Gentechnikers entsprungen sein könnten ... oder Jahrtausende alten Darstellungen von Mischwesen. Was haben diese Wesen an einem frommen Kirchenportal zu suchen?

» Das Paradiestor und seine Sphingen Teil 2«,
Teil 227 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 25.05.2014


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