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Sonntag, 15. Dezember 2019

517. »Von einer Wüstenstadt zu ›fremden‹ Erden«

Teil 517 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Warum heißt die mysteriöse Ruinenstadt in einem weiten Talkessel im Bergland von Edom auf halbem Weg zwischen dem Golf von Akaba und dem Toten Meer Petra? Der Name der einstigen Metropole im Reich der Nabatäer im heutigen Jordanien ist rasch erklärt: »Petra« geht auf das altgriechische Πέτρα, zu Deutsch, »Fels«, zurück. Der Name Petra ist für die antike Hauptstadt Petra sehr gut gewählt. Wurden doch ihre imposanten Gebäude aus gigantischen Steinformationen herausgearbeitet. Wie die Ruinenstadt von den einstigen Erbauern genannt wurde, das ist umstritten.

Foto 1: Die mysteriöse Stadt in Stein Petra, Jordanien.

Vielleicht wird die geheimnisvolle Stadt bereits im »Alten Testament« erwähnt. Im Buch Richter (1), aber auch im 2. Buch Könige (2) taucht der Name »Sela« auf. »Sela« lässt sich mit »Fels« oder »Stein« übersetzen. Sollte damit »Petra« gemeint sein? Ist überhaupt eine von Menschen gebaute Stadt oder eine natürliche Felsformation gemeint?

Beim jüdisch-römischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus (* 37 oder 38 n.Chr.;† nach 100 n.Chr.) wird Petra »Reqem«, »Reqmu« oder »Rakmu« genannt. Der Name lässt sich mit »die Rote« übersetzen. Tatsächlich ist der Sandstein von Petra rötlich. Darf dies als ein Hinweis auf den ursprünglichen Namen Petras verstanden werden?

Von Petra zu Petrus. Warum nannte Jesus seinen Jünger Simon »Petrus«? Im Evangelium nach Matthäus lesen wir eine Begründung (3): »Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels.« So steht es in der berühmten Luther-Bibel. So lesen wir in der Elberfelder Bibel: »Und er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sprach: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du wirst Kephas heißen - was übersetzt wird: Stein.« Eine Fußnote verrät uns, dass »Stein« im Griechischen »petros« und im Lateinischen »petrus« heißt.

Foto 2: Die mysteriöse Stadt in Stein Petra, Jordanien.

Zahlreiche Namen werden in der Bibel erklärt. Oftmals sind die Begründungen für Namen sprachlich nicht so ohne weiteres nachvollziehbar und eher Eselsbrücken ohne echte linguistische Legitimation. Eine der wichtigsten »Erklärungen« für einen biblischen Namen bezieht sich auf die Umbenennung von »Simon« in »Petrus«. Warum macht Jesus aus Simon den Petrus? Die Luther-Bibel von 2017 lässt Jesus im  Evangelium nach Matthäus sagen (4): »Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.« Die »Einheitsübersetzung« von 2016 geht einen Schritt weiter: »Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.« In der »Einheitsübersetzung« wird aus Jesu »Versammlung« die »Kirche Jesu«.

Der folgende Vers (5) soll Petrus als Nachfolger Jesu legitimieren: »Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.« Auf diesem »Stein« basiert das Papsttum, hat doch Jesus selbst Petrus die Schlüssel zum Himmelreich gegeben. Petrus, der erste Papst, kann den Gläubigen das Tor zum Himmel öffnen. Ist es denn nicht Petrus, dem Jesus die Macht schlechthin überträgt? Was Petrus entscheidet, das gilt, so legt der Vers doch nahe, auf Erden wie im Himmel.

So einleuchtend die Erklärung auch anmutet, so unlogisch ist sie aber auch. Jesus sprach Aramäisch und nicht Griechisch oder gar Lateinisch. Jesus hätte einem Jünger nie einen griechischen oder lateinischen, sondern natürlich einen aramäischen Beinamen verliehen. Erinnern wir uns: Die Römer waren die Herren im »Heiligen Land«, die Besatzungsmacht. Von ihrem Messias erwarteten die Juden zu Lebzeiten Jesu den Sieg über die verhassten Römer.

Foto 3: Wollte Jesus seine »Kirche«
auf Petrus bauen?
Ich muss meine Frage wiederholen: Warum nun nannte Jesus seinen Jünger Simon »Petrus«? Die Antwort findet sich im Aramäischen. Sie ist weit weniger schmeichelhaft als katholische Theologen den Bibeltext gern interpretieren.

George Mamishisho Lamsa (*1892; †1975), profunder Kenner der Sprache Jesu, führt aus (6): »Der Name ›Simon‹ (aramäisch ›Schimun‹) wurde von vielen Müttern gewählt, die um einen Sohn gebetet hatten und erhört worden waren. Dankbar nannten sie ihr Kind dann Schimun, nämlich im Sinne von ›Gott hat mich erhört!‹ Schimun bedeutet nämlich ›gut hörend‹, allerdings auch ›schnell begreifend‹.«

Nun war aber »Simon«, George Mamishisho Lamsa weist darauf hin, alles andere als schnell von Begriff, sondern schwerfällig und langsam im Denken. Deshalb wurde er von Freunden offensichtlich spöttisch »Kepa«, also »Steinblock«, gerufen, eben, weil er träge im Denken war.

Die theologische Erklärung »auf diesen Felsen baue ich meine Gemeinde« muss als Interpretation im Nachhinein gesehen werden. Jesus hat Simon nicht in Petrus umbenannt. Simon trug den Beinamen »Kepa«, »Steinblock«. Und dieser Spitzname wurde ins Griechisch-Lateinische Petrus übersetzt. In östlichen Evangelientexten gibt es übrigens den Namen »Simon Petrus« nicht, sondern nur »Schimun Kepa«, weil man offensichtlich den Namen eben nicht ins Griechisch-Lateinische übertragen hat.

Theologie greift gern auf althergebrachte Texte zurück und interpretiert sie auf ihre Weise. Rückwirkend werden Lehrmeinungen und Dogmen bestätigt, auch wenn dabei die alten Texte verbogen werden müssen. Zurückgegriffen wird auf ältere Texte, denen allein schon ob ihres Alters Respekt entgegengebracht wird. Was schon lange überliefert wurde, hat sich nach und nach ins Bewusstsein der Menschen eingegraben und wird von vielen als »richtig« empfunden. Deshalb wird von Theologen gern auf ältere Texte und Bilder zurückgegriffen, die in neue religiöse Bilder eingebaut werden.

Es gibt Monstermauern aus Stein, die aber in der Regel nur befristet Feinde abhalten konnten. Es gibt Mumien als konservierte haltbar gemachte Leichname. Aber anders als steinerne Mauern und erstarrte Tote ändern sich Ideen und Gedanken auch der religiösen Art im Verlauf der Jahrtausende, führen aber grundsätzliche Vorstellungen aus uralten Zeiten nur fort. Es lohnt sich, zu den Monstermauern dieser Welt zu reisen, die Mysterien unseres Planeten von Ägypten bis Vanuatu zu erforschen. Es lohnt sich erst recht, unsere Wurzeln zu ergründen. Was in »Heiligen Büchern« wie Bibel und Koran steht, das sind keine Neuschöpfungen aus dem Nichts, da wurden vielmehr sehr viel ältere Bausteine aus sehr viel älteren Mythenwelten übernommen, mehr oder minder stark bearbeitet und wieder eingesetzt.

Foto 4: Sollte Petrus Jesu
»Nachfolger« werden?
Mich fasziniert es schon seit Jahrzehnten, archaischen Bildern, die wir in der Bibel, speziell im »Alten Testament« finden, auf den Grund zu gehen und nach ihren Ursprüngen zu suchen. Seit Jahrzehnten versuche ich die alten Quellen zu erforschen, aus denen geschöpft wurde. Es wird in der vermeintlich wissenschaftlichen Theologie meiner Meinung nach viel zu wenig beachtet, welches alte Material verformt und was beim Verfassen der neueren Texte weggelassen wurde. Aus reichem Quellenmaterial aus alten und uralten Zeiten wurde übernommen. Manches wurde fast unverändert abgeschrieben, viele Informationen ließ man unter den sprichwörtlichen Tisch fallen.

Manches, was aus alten Quellen übernommen wurde, findet sich noch im hebräischen Text des »Alten Testaments«, verschwindet aber in den Übersetzungen. Der erste Satz des »Alten Testaments« verkündet im Hebräischen, dass Gott am Anfang Himmel und Erde schuf. Die »Neue evangelistische Übersetzung« von Karl-Heinz Vanheiden verdeutlicht in einer Fußnote die Problematik der falschen Übersetzungen besonders gut: »Im Hebräischen steht das Verb bara (schuf) in der Einzahl, Gott und Himmel aber in der Mehrzahl. Bara im Sinne von Schaffen wird im Alten Testament nur für das Schaffen Gottes verwendet. Nie wird dabei ein Stoff erwähnt, aus dem Gott schafft.« Die »Elbefelder Bibel« spricht eindeutig von Himmel und von Gott in der Einzahl: »Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.« Andre Übersetzungen wie die »Elberfelder« lassen den Artikel weg und blieben zweideutig: »Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« In dieser Version erkennen wir nicht, ob »Himmel« in der Einzahl- oder in der Mehrzahlform verwendet wird.

Als besonders bibeltreu darf die vom Theologen Franz Eugen Schlachter (*1859; †1911) erarbeitete Übersetzung der »Heiligen Schrift« gelten. Sie wurde erstmals im Jahr 1905 veröffentlicht. 1951 erarbeitete die »Genfer Bibelgesellschaft« mit Zustimmung der Familie Schlachter eine revidierte Fassung der Schlachter-Übersetzung von 1905. Die heute gängige Ausgabe wurde als »Schlachter 2000« publiziert. Und hier lesen wir den ersten Satz des »Alten Testaments« korrekt übersetzt so: »Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde.«

Unbeeindruckt vom Originaltext verfälschen die »Menge Bibel« und »Neues Leben/ Die Bibel« im ersten Satz des Alten Testaments »die Himmel« (Mehrzahl!) zu »den Himmel«. Den gleichen Fehler macht auch die englische »King James Version« (7), während »The New International Version« korrekt die Mehrzahl wiedergibt: »the heavens« (Mehrzahl) und nicht »the heaven« (Einzahl).

Religiöse »Denker« sehen den Menschen als die Krone der Schöpfung, als das Nonplusultra schlechthin an. Da wird extreme Nabelschau betrieben und die Existenz von anderen »Erden« mit anderen »Himmeln« wird kategorisch verneint. Wir müssen nach diesem »Denken« ganz einfach die »allergrößten« Kreaturen der Schöpfung sein? Der religiöse »Denker« sieht das so, weil er über sich als höher stehendes Wesen nur noch Gott selbst dulden mag. Wenn Gott das Allerhöchste schlechthin ist, dann kommen wir – nach diesem »Denken« – in der Rangfolge schon auf Platz 2. In diesem religiösen Weltbild hat über uns nur Gott einen Platz, der Rest aber hat sich unter uns einzuordnen.

»Wissenschaftlicher« Hochmut ist allerdings nicht angebracht. Denn auch im »wissenschaftlichen« Weltbild der Evolution ist der Mensch die »Krone«, wenn auch nicht als das Ergebnis einer göttlichen Schöpfung, sondern einer erstaunlichen Verkettung von Zufällen. Im »wissenschaftlichen« Weltbild gibt es keinen Gott. Der Mensch steht ganz oben, wo im religiösen Weltbild Gott herrscht.

Die umfangreichen »Legenden der Juden« freilich wissen von Himmeln (Mehrzahl!) und von fremden »Erden« (Mehrzahl!) zu berichten, auf denen – wie auf Terra – auch »Menschen« leben, nur ganz andere. 

Zur Lektüre empfohlen
Bourbon, Fabio: »Petra/ Die geheimnisvolle Felsenstadt«, Köln 2004
Taylor, Jane: »Petra und das versunkene Königreich der Nabatäer«, Düsseldorf 2002

Bibelausgaben
Die im Text zitierten und die erwähnten diversen Bibelausgaben sind im Internet leicht auffindbar. Wer ernsthaft die Texte der Bibel studieren möchte, der sollte sich nicht auf eine bestimmte Übersetzung beschränken, sondern alle möglichen Übersetzungen vergleichend heranziehen.

Fußnoten
(1) Buch Richter Kapitel 1, Vers 36
(2) 2. Buch der Könige Kapitel 14, Vers 7
(3) Das Evangelium nach Johannes Kapitel 1, Vers 42 in der »Lutherbibel 2017«
(4)  Das Evangelium nach Matthäus Kapitel 16, Vers 18 in der »Lutherbibel 2017«
(5) Das Evangelium nach Matthäus Kapitel 16, Vers 19 in der »Einheitsübersetzung« von 2016
(6) Lamsa, George Mamishisho: »Die Evangelien in aramäischer Sicht«, St. Gallen 1963, Seiten 364 und 365
(7) »In the beginning God created the heaven and the earth.«

Zu den Fotos
Foto 1: Die mysteriöse Stadt in Stein Petra, Jordanien. Foto wikimedia commons, Berthold Werner (Ausschnitt).
Foto 2: Die mysteriöse Stadt in Stein Petra, Jordanien. Foto wikimedia commons, Berthold Werner (Ausschnitt).
Foto 3: Wollte Jesus seine »Kirche« auf Petrus bauen?
Foto 4: Sollte Petrus Jesu »Nachfolger« werden?

518. »Reise ins Vorgestern«,
Teil 518 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 22. Dezember 2019



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Sonntag, 9. August 2015

290 »Die Wahrheit?«

 »Die Wahrheit«,
Teil 290 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Jesus wird verhaftet

Die Frage nach Wahrheit scheint eine einfache zu sein, wenn man nicht theologisch denkt. Vermelden die Evangelien die Wahrheit über Jesu Verhaftung, Prozess, Misshandlung und Hinrichtung Jesu die historische Wahrheit? Hans Conzelmann (1915-1989) verwundert den Laien mit einer befremdlich anmutenden Antwort (1): »Die Frage, ob die Auferstehung Christi ›ein historisches Ereignis‹ sei, ist theologisch abwegig.« Conzelmann, 1954 Extraordinarius an der Uni Zürich, 1956 ordentlicher Professor, von 1960 bis 1978 Inhaber des Lehrstuhls für »Neues Testament« an der Georg-August-Universität Göttingen, schreibt weiter (2): »Die Frage nach der Historizität der Auferstehung muß als irreführend aus der Theologie ausgeschieden werden. Wir haben andere Sorgen.«

Worüber aber macht sich der Theologe Sorgen in Sachen Glauben, wenn die Frage nach der historischen Wahrheit des für das Christentum bedeutsamsten Ereignisses »theologisch abwegig« ist?

Foto 2: Jesus wird vor Kaiphas gezerrt

Erstaunlich ist, wie rapide theologische »Erkenntnisse« über historische Hintergründe wachsen. So stellte Conzelmann 1983 im »Arbeitsbuch zum Neuen Testament« (3) noch lapidar fest: »Der historische Grundbestand der gesamten Passionstradition erweist sich also als relativ schmal: Viel mehr als die Tatsache der Verurteilung und der Kreuzigung läßt sich historisch nicht absichern.« 2004 erschien die 14. Auflage des gleichen Opus, von Andreas Lindemann fortgeführt. Jetzt heißt es: »Der historisch gesicherte Grundbestand der Passionstradition erweist sich als relativ schmal. Unbezweifelbar ist die Tatsache der Verurteilung Jesu, ferner seine Kreuzigung und sein Tod, überaus wahrscheinlich ist die Beisetzung des Verstorbenen durch einen Fremden.«

Weltweit wird in christlichen Predigten die Leidens- und Sterbegeschichte Jesu als historisch gepredigt. Mich hat auf meinen Reisen der naive Glaube an die Wahrheit der biblischen Schriften beeindruckt, im kleinen Kirchlein auf der einsamsten Insel der Welt, der Osterinsel, ebenso wie in der riesigen Basilika der »Jungfrau von Guadalupe« am Stadtrand von Mexico-City in »Villa da Guadalupe«.

Fotos 3 und 4: Jesus wird gedemütigt und gepeinigt

In der kleinen Kirche der Osterinsel erklärte mir der örtliche Geistliche voller Überzeugung: »Die Evangelien vermelden die Wahrheit über Jesu Leben, Wirken, Leiden und Sterben! Der Verlauf der Geschehnisse wird ja auch in außerbiblischen Quellen bestätigt!« Auf meine Frage hin, wo man denn in außerbiblischen Werken etwas über Jesus erfahren könne, wurde prompt und voller Überzeugung beantwortet: »Lesen Sie bei Tacitus nach! Da werden Sie fündig!« Bei Tacitus freilich erfahren wir nur, dass Nero die »Christianer« für den Brand Roms von 64 n.Chr. verantwortlich machte.

Foto 5: Jesus wird gegeißelt

Tacitus erklärt da lediglich, dass der Name »Christianer« auf Christus zurückgehe, der »unter der Herrschaft des Tiberius durch den Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden war.« Als weitere Lektüreempfehlung legte mir der Geistliche den Historiker Sueton nahe. Von Sueton erfahren wir aber nur, dass Kaiser Claudius (10 v. Chr. bis 54 n. Chr.) »die Juden, die von Chrestus aufgehetzt, ständig Unruhe stifteten« aus Rom vertrieben hat. Es ist aber fraglich, ob mit »Chrestus« tatsächlich auch Jesus gemeint war. Chrestus könnte sehr wohl ein Jude gewesen sein, der in der ersten Hälfte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts in Rom agierte und seine Glaubensgenossen gegen die römischen Autoritäten aufhetzte.

Ob denn auch jüdische Historiker Jesus erwähnen, wollte ich von meinem Gesprächspartner wissen. Der Geistliche legte mir Flavius Josephus ans Herz. Flavius Jopsephus allerdings erwähnt  nur einen gewissen Jakobus, der anno 62 (6) mit einigen Gesinnungsgenossen hingerichtet wurde. Und dieser Jakobus sein »ein Bruder Jesu, des sogenannten Christus« gewesen.

Foto 6: »Kreuzigt ihn!«
Schließlich zitierte der belesene Gottesmann noch eine weitere Stelle aus Flavius Josephus (7). Da geht es wiederum um Auseinandersetzungen zwischen Juden und Römern zu Zeiten des Pontius Pilatus. In diesem Zusammenhang wird Jesus in höchsten Tönen gepriesen und die Kreuzigung Jesu erwähnt (8): »Um diese Zeit lebte Jesus, ein weiser Mensch, wenn man ihn überhaupt einen Menschen nennen darf. Er war nämlich der Vollbringer ganz unglaublicher Taten und Lehrer aller Menschen, die mit Freuden die Wahrheit aufnahmen. So zog er viele Juden und auch viele Heiden an sich. Er war Christus. Und obgleich ihn Pilatus auf Betreiben der Vornehmsten unseres Volkes zum Kreuzestod verurteilte, wurden doch seine frühesten Anhänger ihm nicht untreu. Denn er erschien am dritten Tage wieder lebend, wie gottgesandte Propheten dies und tausend andere wunderbare Dinge von ihm vorherverkündet hatten. Und noch bis auf den heutigen Tag besteht das Volk der Christen, die sich nach ihm nennen, fort.« Heute gilt allerdings dieser Passus als ein später eingefügter Text aus christlicher Feder, also als ein nicht von Flavius Josephus stammender Einschub (9).

Foto 7: Pilatus gibt nach
Ernst Bammel (1923-1996) wurde anno 1953 Privatdozent an der Universität Erlangen und 1984 Professor an der Universität Münster (»Wissenschaft des Judentums und neutestamentliche Theologie«). Der sympathische Gelehrte war auch im europäischen Ausland tätig. In den neunzenhundertsechziger und neunzehnhundertsiebziger Jahren hat er mehrere Gastprofessuren in Cambridge wahrgenommen. Sehr gern denke ich an mehrere Seminare, die ich bei Professor Bammel besuchte. Wir übersetzten damals Texte der »Qumran-Bibliothek« aus dem Hebräischen ins Deutsche. In kleiner Runde erörterten wir interessante Themen. Intensiv beschäftigten wir uns mit der Frage, ob Jesus in rabbinischen Texten erwähnt wird. Professor Bammel verwies auf einen in rabbinischer Literatur beschriebenen jüdischen Katzer namens »Jeschu«. Besonders konkret wurde der »Babylonische Talmud« (10):

»Am Vorabend des Pesahfestes hängte man Ješu. Vierzig Tage vorher hatte der Herold ausgerufen: Er wird zur Steinigung hinausgeführt, weil er Zauberei getrieben und Jisraél verführt und abtrünnig gemacht hat; wer etwas zu seiner Verteidigung zu sagen hat, der komme und sage es. Da aber nichts zu seiner Verteidigung vorgebracht wurde, so hängte man ihn am Vorabend des Pesahfestes.« Sollte damit wirklich Jesus gemeint sein? Das ist mehr als fraglich. Schließlich wurde Jesus weder gesteinigt, noch gehängt.

Was die »Wahrheit« über Jesu Leben, Wirken, Leiden und Sterben angeht, so ist unklar, ob die rabbinische Literatur überhaupt brauchbare Informationen bietet. Nach Professor Bammel wissen wir nicht, ob mit dem Ketzer Jeschu überhaupt der Jesus des Neuen Testaments gemeint ist. Wir sind bei unserer Wahrheitssuche auf die vier Evangelien angewiesen. Und bieten die uns »die Wahrheit«? So erweckt das Evangelium nach Markus (11) den Eindruck, als ob die Verhandlung gegen Jesus vor dem jüdischen Synedrium unmittelbar nach der Verhaftung in der Nacht stattfand. Das wäre rechtlich nicht möglich gewesen. Erweckt wird auch der Eindruck, als ob Jesu Behauptung »Sohn des Hochgelobten« zu sein nach jüdischer Rechtsprechung damals eine Gotteslästerung gewesen sei und somit als ein Kapitalverbrechen mit der Todesstrafe geahndet werden musste. Auch das ist falsch.

Foto 8: Jesus wird gedemütigt und vorgeführt

Seltsam mutet das Verhör Jesu durch Pilatus an (12). Es ist wohl kaum historische Wahrheit, dass Pilatus Jesus als »König der Juden« titulierte, so wie im Evangelium nach Markus behauptet wird (13): »Pilatus aber antwortete ihnen: Wollt ihr, dass ich euch den König der Juden losgebe?... Pilatus aber fing wiederum an und sprach zu ihnen: Was wollt ihr denn, dass ich tue mit dem, den ihr den König der Juden nennt?« Diese Worte wurden dem Römer wohl von Anhängern des jungen Christentums in den Mund gelegt.

Wenn Jesus gekreuzigt wurde, dann können das keine noch so mächtigen Juden veranlasst haben, sondern nur Vertreter der römischen Staatsbehörde. Die Kreuzigung war römische, nicht jüdische Hinrichtungsart. Das Todesurteil Kreuzigung muss von der römischen Justiz verhängt und ausgeführt worden sein. Demütigung, Misshandlung und Hinrichtung am Kreuz können also sehr wohl der historischen Wirklichkeit entsprechen. Sollten die Römer als religiös motivierten Aufständischen gesehen haben? Das ist möglich. Fürchteten die Römer eine religiös verbrämte Rebellion der allerdings machtlosen Juden? Wollten sie eine potentielle Gefahr schon im Keim ersticken? Dann machte es aus römischer Sicht Sinn, wenn sie sich über den »Messias« lustig machten und ihn folterten und durch die Straßen Jerusalems zur Hinrichtungsstätte trieben. So sollte den Juden jede Hoffnung auf einen Messias genommen werden, der sie von den Römern befreien würde.

Foto 9: Tod am Kreuz
Außerbiblische Quellen bieten nichts Brauchbares über Jesu Leben und Tod. Die Evangelien weisen den Juden die Schuld am Tode Jesu zu, sprechen die Römer von der Verantwortung frei. So muss Pontius Pilatus dem hasserfüllten Begehren der Juden nachgeben. Warum wird die Tragödie um Jesu Tod so römerfreundlich und vermutlich historisch nicht korrekt dargestellt? Das »Arbeitsbuch zum Neuen Testament« (14) bietet eine plausible Antwort:»Besonders bei Lukas, zumal in dessen Apostelgeschichte, wird deutlich, daß die sich ausbreitende christliche Gemeinde auf eine Duldung durch die römischen Behörden angewiesen ist; dabei geht es offenbar nicht um die Furcht vor römischen Verfolgungen, sondern Lukas will zeigen, daß die christliche Gemeinde für Rom keine Gefährdung darstellt.«

Für mich war die Diskrepanz zwischen gepredigtem Glauben einerseits und »wissenschaftlicher Theologie« andererseits der ausschlaggebende Anlass, mein Studium der evangelischen Theologie abzubrechen.


Fußnoten

(1) Conzelmann, Hans: »Grundriß der Theologie des Neuen Testaments«, Tübingen, 6. Auflage 1979, S. 227, Orthographie wurde unverändert übernommen
(2) ebenda, S. 228, Orthographie wurde unverändert übernommen
(3) Conzelmann, Hans: »Arbeitsbuch zum Neuen Testament«, Tübingen, 7. Verbesserte und ergänzte Auflage, S. 390, Orthographie wurde unverändert übernommen, Orthographie unverändert übernommen
(4) Conzelmann, Hans: »Arbeitsbuch zum Neuen Testament«, Tübingen, 14., durchgesehen Auflage, S. 505, Orthographie wurde unverändert übernommen
(5) Tacitus: »Annalen«, XV 44,2 und folgende
(6) Flavius Josephus, »Jüdische Altertümer«, XX 200
(7) Flavius Josephus, »Jüdische Altertümer«, XVIII.
(8) Theißen, Gerd und Merz, Annette: »Der historische Jesus/ Ein Lehrbuch«, 3 Auflage, Göttingen 2001, S. 75
(9) Siehe hierzu auch… Theißen, Gerd: Der historische Jesus/ Ein Lehrbuch, 3. Auflage, Göttingen 2001
(10) »bSanh43« zitiert nach Theißen/Merz, Der historische Jesus. Ein Lehrbuch. Göttingen, 3. Auflage 2001, S. 83.
(11) Evangelium nach Markus Kapitel 14, Verse 53, 55-64
(12) Evangelium nach Markus Kapitel 15, Verse 1-20
(13) Evangelium nach Markus Kapitel 15, Verse 9 und 12
(14) Conzelmann, Hans: »Arbeitsbuch zum Neuen Testament«, Tübingen, 14., durchgesehen Auflage, S. 508, Orthographie wurde unverändert übernommen

Alle Fotos: Altar Bad Segeberg - Walter-Jörg Langbein

291 »Mariae Himmelfahrt - Teil 1«,
Teil 291 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 16.08.2015

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