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Sonntag, 9. August 2015

290 »Die Wahrheit?«

 »Die Wahrheit«,
Teil 290 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Jesus wird verhaftet

Die Frage nach Wahrheit scheint eine einfache zu sein, wenn man nicht theologisch denkt. Vermelden die Evangelien die Wahrheit über Jesu Verhaftung, Prozess, Misshandlung und Hinrichtung Jesu die historische Wahrheit? Hans Conzelmann (1915-1989) verwundert den Laien mit einer befremdlich anmutenden Antwort (1): »Die Frage, ob die Auferstehung Christi ›ein historisches Ereignis‹ sei, ist theologisch abwegig.« Conzelmann, 1954 Extraordinarius an der Uni Zürich, 1956 ordentlicher Professor, von 1960 bis 1978 Inhaber des Lehrstuhls für »Neues Testament« an der Georg-August-Universität Göttingen, schreibt weiter (2): »Die Frage nach der Historizität der Auferstehung muß als irreführend aus der Theologie ausgeschieden werden. Wir haben andere Sorgen.«

Worüber aber macht sich der Theologe Sorgen in Sachen Glauben, wenn die Frage nach der historischen Wahrheit des für das Christentum bedeutsamsten Ereignisses »theologisch abwegig« ist?

Foto 2: Jesus wird vor Kaiphas gezerrt

Erstaunlich ist, wie rapide theologische »Erkenntnisse« über historische Hintergründe wachsen. So stellte Conzelmann 1983 im »Arbeitsbuch zum Neuen Testament« (3) noch lapidar fest: »Der historische Grundbestand der gesamten Passionstradition erweist sich also als relativ schmal: Viel mehr als die Tatsache der Verurteilung und der Kreuzigung läßt sich historisch nicht absichern.« 2004 erschien die 14. Auflage des gleichen Opus, von Andreas Lindemann fortgeführt. Jetzt heißt es: »Der historisch gesicherte Grundbestand der Passionstradition erweist sich als relativ schmal. Unbezweifelbar ist die Tatsache der Verurteilung Jesu, ferner seine Kreuzigung und sein Tod, überaus wahrscheinlich ist die Beisetzung des Verstorbenen durch einen Fremden.«

Weltweit wird in christlichen Predigten die Leidens- und Sterbegeschichte Jesu als historisch gepredigt. Mich hat auf meinen Reisen der naive Glaube an die Wahrheit der biblischen Schriften beeindruckt, im kleinen Kirchlein auf der einsamsten Insel der Welt, der Osterinsel, ebenso wie in der riesigen Basilika der »Jungfrau von Guadalupe« am Stadtrand von Mexico-City in »Villa da Guadalupe«.

Fotos 3 und 4: Jesus wird gedemütigt und gepeinigt

In der kleinen Kirche der Osterinsel erklärte mir der örtliche Geistliche voller Überzeugung: »Die Evangelien vermelden die Wahrheit über Jesu Leben, Wirken, Leiden und Sterben! Der Verlauf der Geschehnisse wird ja auch in außerbiblischen Quellen bestätigt!« Auf meine Frage hin, wo man denn in außerbiblischen Werken etwas über Jesus erfahren könne, wurde prompt und voller Überzeugung beantwortet: »Lesen Sie bei Tacitus nach! Da werden Sie fündig!« Bei Tacitus freilich erfahren wir nur, dass Nero die »Christianer« für den Brand Roms von 64 n.Chr. verantwortlich machte.

Foto 5: Jesus wird gegeißelt

Tacitus erklärt da lediglich, dass der Name »Christianer« auf Christus zurückgehe, der »unter der Herrschaft des Tiberius durch den Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden war.« Als weitere Lektüreempfehlung legte mir der Geistliche den Historiker Sueton nahe. Von Sueton erfahren wir aber nur, dass Kaiser Claudius (10 v. Chr. bis 54 n. Chr.) »die Juden, die von Chrestus aufgehetzt, ständig Unruhe stifteten« aus Rom vertrieben hat. Es ist aber fraglich, ob mit »Chrestus« tatsächlich auch Jesus gemeint war. Chrestus könnte sehr wohl ein Jude gewesen sein, der in der ersten Hälfte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts in Rom agierte und seine Glaubensgenossen gegen die römischen Autoritäten aufhetzte.

Ob denn auch jüdische Historiker Jesus erwähnen, wollte ich von meinem Gesprächspartner wissen. Der Geistliche legte mir Flavius Josephus ans Herz. Flavius Jopsephus allerdings erwähnt  nur einen gewissen Jakobus, der anno 62 (6) mit einigen Gesinnungsgenossen hingerichtet wurde. Und dieser Jakobus sein »ein Bruder Jesu, des sogenannten Christus« gewesen.

Foto 6: »Kreuzigt ihn!«
Schließlich zitierte der belesene Gottesmann noch eine weitere Stelle aus Flavius Josephus (7). Da geht es wiederum um Auseinandersetzungen zwischen Juden und Römern zu Zeiten des Pontius Pilatus. In diesem Zusammenhang wird Jesus in höchsten Tönen gepriesen und die Kreuzigung Jesu erwähnt (8): »Um diese Zeit lebte Jesus, ein weiser Mensch, wenn man ihn überhaupt einen Menschen nennen darf. Er war nämlich der Vollbringer ganz unglaublicher Taten und Lehrer aller Menschen, die mit Freuden die Wahrheit aufnahmen. So zog er viele Juden und auch viele Heiden an sich. Er war Christus. Und obgleich ihn Pilatus auf Betreiben der Vornehmsten unseres Volkes zum Kreuzestod verurteilte, wurden doch seine frühesten Anhänger ihm nicht untreu. Denn er erschien am dritten Tage wieder lebend, wie gottgesandte Propheten dies und tausend andere wunderbare Dinge von ihm vorherverkündet hatten. Und noch bis auf den heutigen Tag besteht das Volk der Christen, die sich nach ihm nennen, fort.« Heute gilt allerdings dieser Passus als ein später eingefügter Text aus christlicher Feder, also als ein nicht von Flavius Josephus stammender Einschub (9).

Foto 7: Pilatus gibt nach
Ernst Bammel (1923-1996) wurde anno 1953 Privatdozent an der Universität Erlangen und 1984 Professor an der Universität Münster (»Wissenschaft des Judentums und neutestamentliche Theologie«). Der sympathische Gelehrte war auch im europäischen Ausland tätig. In den neunzenhundertsechziger und neunzehnhundertsiebziger Jahren hat er mehrere Gastprofessuren in Cambridge wahrgenommen. Sehr gern denke ich an mehrere Seminare, die ich bei Professor Bammel besuchte. Wir übersetzten damals Texte der »Qumran-Bibliothek« aus dem Hebräischen ins Deutsche. In kleiner Runde erörterten wir interessante Themen. Intensiv beschäftigten wir uns mit der Frage, ob Jesus in rabbinischen Texten erwähnt wird. Professor Bammel verwies auf einen in rabbinischer Literatur beschriebenen jüdischen Katzer namens »Jeschu«. Besonders konkret wurde der »Babylonische Talmud« (10):

»Am Vorabend des Pesahfestes hängte man Ješu. Vierzig Tage vorher hatte der Herold ausgerufen: Er wird zur Steinigung hinausgeführt, weil er Zauberei getrieben und Jisraél verführt und abtrünnig gemacht hat; wer etwas zu seiner Verteidigung zu sagen hat, der komme und sage es. Da aber nichts zu seiner Verteidigung vorgebracht wurde, so hängte man ihn am Vorabend des Pesahfestes.« Sollte damit wirklich Jesus gemeint sein? Das ist mehr als fraglich. Schließlich wurde Jesus weder gesteinigt, noch gehängt.

Was die »Wahrheit« über Jesu Leben, Wirken, Leiden und Sterben angeht, so ist unklar, ob die rabbinische Literatur überhaupt brauchbare Informationen bietet. Nach Professor Bammel wissen wir nicht, ob mit dem Ketzer Jeschu überhaupt der Jesus des Neuen Testaments gemeint ist. Wir sind bei unserer Wahrheitssuche auf die vier Evangelien angewiesen. Und bieten die uns »die Wahrheit«? So erweckt das Evangelium nach Markus (11) den Eindruck, als ob die Verhandlung gegen Jesus vor dem jüdischen Synedrium unmittelbar nach der Verhaftung in der Nacht stattfand. Das wäre rechtlich nicht möglich gewesen. Erweckt wird auch der Eindruck, als ob Jesu Behauptung »Sohn des Hochgelobten« zu sein nach jüdischer Rechtsprechung damals eine Gotteslästerung gewesen sei und somit als ein Kapitalverbrechen mit der Todesstrafe geahndet werden musste. Auch das ist falsch.

Foto 8: Jesus wird gedemütigt und vorgeführt

Seltsam mutet das Verhör Jesu durch Pilatus an (12). Es ist wohl kaum historische Wahrheit, dass Pilatus Jesus als »König der Juden« titulierte, so wie im Evangelium nach Markus behauptet wird (13): »Pilatus aber antwortete ihnen: Wollt ihr, dass ich euch den König der Juden losgebe?... Pilatus aber fing wiederum an und sprach zu ihnen: Was wollt ihr denn, dass ich tue mit dem, den ihr den König der Juden nennt?« Diese Worte wurden dem Römer wohl von Anhängern des jungen Christentums in den Mund gelegt.

Wenn Jesus gekreuzigt wurde, dann können das keine noch so mächtigen Juden veranlasst haben, sondern nur Vertreter der römischen Staatsbehörde. Die Kreuzigung war römische, nicht jüdische Hinrichtungsart. Das Todesurteil Kreuzigung muss von der römischen Justiz verhängt und ausgeführt worden sein. Demütigung, Misshandlung und Hinrichtung am Kreuz können also sehr wohl der historischen Wirklichkeit entsprechen. Sollten die Römer als religiös motivierten Aufständischen gesehen haben? Das ist möglich. Fürchteten die Römer eine religiös verbrämte Rebellion der allerdings machtlosen Juden? Wollten sie eine potentielle Gefahr schon im Keim ersticken? Dann machte es aus römischer Sicht Sinn, wenn sie sich über den »Messias« lustig machten und ihn folterten und durch die Straßen Jerusalems zur Hinrichtungsstätte trieben. So sollte den Juden jede Hoffnung auf einen Messias genommen werden, der sie von den Römern befreien würde.

Foto 9: Tod am Kreuz
Außerbiblische Quellen bieten nichts Brauchbares über Jesu Leben und Tod. Die Evangelien weisen den Juden die Schuld am Tode Jesu zu, sprechen die Römer von der Verantwortung frei. So muss Pontius Pilatus dem hasserfüllten Begehren der Juden nachgeben. Warum wird die Tragödie um Jesu Tod so römerfreundlich und vermutlich historisch nicht korrekt dargestellt? Das »Arbeitsbuch zum Neuen Testament« (14) bietet eine plausible Antwort:»Besonders bei Lukas, zumal in dessen Apostelgeschichte, wird deutlich, daß die sich ausbreitende christliche Gemeinde auf eine Duldung durch die römischen Behörden angewiesen ist; dabei geht es offenbar nicht um die Furcht vor römischen Verfolgungen, sondern Lukas will zeigen, daß die christliche Gemeinde für Rom keine Gefährdung darstellt.«

Für mich war die Diskrepanz zwischen gepredigtem Glauben einerseits und »wissenschaftlicher Theologie« andererseits der ausschlaggebende Anlass, mein Studium der evangelischen Theologie abzubrechen.


Fußnoten

(1) Conzelmann, Hans: »Grundriß der Theologie des Neuen Testaments«, Tübingen, 6. Auflage 1979, S. 227, Orthographie wurde unverändert übernommen
(2) ebenda, S. 228, Orthographie wurde unverändert übernommen
(3) Conzelmann, Hans: »Arbeitsbuch zum Neuen Testament«, Tübingen, 7. Verbesserte und ergänzte Auflage, S. 390, Orthographie wurde unverändert übernommen, Orthographie unverändert übernommen
(4) Conzelmann, Hans: »Arbeitsbuch zum Neuen Testament«, Tübingen, 14., durchgesehen Auflage, S. 505, Orthographie wurde unverändert übernommen
(5) Tacitus: »Annalen«, XV 44,2 und folgende
(6) Flavius Josephus, »Jüdische Altertümer«, XX 200
(7) Flavius Josephus, »Jüdische Altertümer«, XVIII.
(8) Theißen, Gerd und Merz, Annette: »Der historische Jesus/ Ein Lehrbuch«, 3 Auflage, Göttingen 2001, S. 75
(9) Siehe hierzu auch… Theißen, Gerd: Der historische Jesus/ Ein Lehrbuch, 3. Auflage, Göttingen 2001
(10) »bSanh43« zitiert nach Theißen/Merz, Der historische Jesus. Ein Lehrbuch. Göttingen, 3. Auflage 2001, S. 83.
(11) Evangelium nach Markus Kapitel 14, Verse 53, 55-64
(12) Evangelium nach Markus Kapitel 15, Verse 1-20
(13) Evangelium nach Markus Kapitel 15, Verse 9 und 12
(14) Conzelmann, Hans: »Arbeitsbuch zum Neuen Testament«, Tübingen, 14., durchgesehen Auflage, S. 508, Orthographie wurde unverändert übernommen

Alle Fotos: Altar Bad Segeberg - Walter-Jörg Langbein

291 »Mariae Himmelfahrt - Teil 1«,
Teil 291 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 16.08.2015

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Sonntag, 21. Juni 2015

283 »Der Ritt auf zwei Eseln«

Teil 283 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Blick auf die Marktkirche

Es war ein düsterer Novembermorgen, als ich zusammen mit meinem Kollegen Peter Hoeft die »Marktkirche St. Georgii et Jacobi« in Hannover besuchte. Direkt vor dem altehrwürdigen Gotteshaus herrschte emsiges Treiben. Der Weihnachtsmarkt wurde vorbereitet. Ein großer Kran hob Verkaufsbuden durch die Luft und platzierte sie nur wenige Meter von der ältesten Kirche Hannovers. Anno 1238 wird sie erstmals urkundlich erwähnt. Archäologische Ausgrabungen in den Jahren 1952 und 1989 förderten aber Reste eines Vorgängerbaus zutage, der schon in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts bestand. Kunstvoll bearbeitete Steine, darunter ein prachtvolles Säulenkapitell mit Akanthus-Blättern aus dem 12. Jahrhundert, wurden entdeckt.

Schon vor mehr als zwei Jahrtausenden tauchten Akanthus-Blätter als sakrales Motiv in Verbindung mit Buddha-Statuen auf. Im Mittelmehrraum kannte man Akanthus als Symbol für Leben und Unsterblichkeit. »Unsterblichkeit« hatte freilich in vorchristlichen Zeiten häufig eine andere Bedeutung. Im zyklischen Denken gab es die ewige Wiederkehr des Lebens, Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt. Das Leben wurde als ewig angesehen, weil es immer wieder kam, blieb und ging. In heidnischen Kulten gab es Riten, die diese dem Christentum fremde Vorstellung darstellten.

Vorbereitungen für den Weihnachtsmarkt

So erfährt Inanna von Schöpfergott Enki, dass sie die Geheimnisse von Tod und Leben nur ergründet kann, wenn sie selbst Leben, Tod und Wiedergeburt erfährt. Inanna musste heiraten und die Unterwelt hinab steigen. Unzählige Varianten der »Heiligen Hochzeit« gibt es schon seit Jahrtausenden. Sie sind oftmals sehr komplex, basieren aber in der Regel auf dem gleichen Ritual. Himmelskönigin und weltlicher König heiraten, der Gemahl der Göttin stirbt und wird von der Göttin aus der Welt des Todes wieder ins Reich der Lebenden zurückgeholt.

Unvoreingenommen betrachtet spielt sich im zyklischen Kirchenjahr Ähnliches ab: Geburt Jesu, Leben, Sterben und Wiedergeburt. Man kann noch einen Schritt weitergehen und die Lebens- und Leidensgeschichte Jesu so sehen: Geburt, Leben, heilige Hochzeit mit Maria Magdalena, Tod Jesu, Maria Magdalena besucht das Grab Jesu (»Unterwelt«), Jesus kehrt aus der Unterwelt in die irdische Welt des Lebens zurück.

Der Drachentöter

Diese Interpretation mag strenggläubigen Christen unserer Tage als ketzerisch erscheinen. Wie weitestgehend alle Theologen lehnen sie derlei Überlegungen zum Thema »Ewiges Leben« ab. Leider wissen die meisten Zeitgenossen im christlichen Abendland ein Privileg nicht hinreichend zu würdigen. Wir leben in einer säkularisierten Welt, in der Religionsfreiheit herrscht. Bei uns gibt es keine fanatischen Fundamentalisten, die alle Andersdenkenden vor »Gericht« zerren können, wo die Todesstrafe droht. Religion ist bei uns Privatangelegenheit und wird nicht von staatlicher Seite überwacht, schon gar nicht bestraft. Unbestreitbar sind unsere christlichen Wurzeln, auch kulturell. Allerdings scheint auf christlicher Seite das Wissen über die nach wie vor größte Weltreligion rapide zu schwinden. Es besteht fraglos die Gefahr, dass immer mehr Zeitgenossen zunehmend die Orientierung verlieren.

Jacobus der Ältere pilgert

Imposant ragt der auf uralten Fundamenten stehende rote Backsteinbau der »Marktkirche St. Georgii et Jacobi« von Hannover in den Himmel. Über dem Westportal besiegt zur Linken ein reichlich martialischer Heiliger Georg den Drachen. Zur Rechten pilgert Jacobus der Ältere. Die Statuen beider Namenspatrone der Marktkirche wurden 1992 vom Braunschweiger Bildhauer Jürgen Weber geschaffen. Der »alte« Jacobus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Dem »alten« Drachentöter hatte der Zahn der Zeit so stark zugesetzt, so dass man ihn »aufs Altenteil« in den nördlichen Chor versetzte. Man wollte ihn nicht länger der giftigen Umwelt aussetzen, die selbst Stein zersetzt.

Betritt man die Marktkirche, so fällt der Blick auf  den Altar, der wohl schon 1470 bis 1485 fertiggestellt werden konnte. Wer ihn geschaffen hat, wir wissen es nicht. Es sind keinerlei Dokumente aus seiner Erstehungszeit erhalten geblieben. Mindestens drei Künstler schnitzten biblische Bilder in Lindenholz. Im Zentrum steht die Kreuzigung Jesu zwischen den beiden »Räubern«. Zwanzig kleinere Kunstwerke erzählen Jesu »Geschichte« vom Einzug in Jerusalem bis zu Jesus als Richter über die Lebenden und die Toten am Ende der Zeit. Angeordnet sind die fast gleichgroßen Einzelbilder in zwei Reihen zu je zehn Feldern  übereinander.

Jesus reitet in die Stadt
Jesus reitet – siehe die Evangelien nach Johannes (1) und Matthäus (2) – auf einem Esel in die Stadt Jerusalem ein. Studiert man eine der beiden biblischen Vorlagen genauer, fällt ein Kuriosum auf. Im Evangelium nach Matthäus lesen wir (3): » Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf und er setzte sich darauf.« Die schnitzenden Künstler von Hannover konnten diese Szene nicht eins zu eins umsetzen. Nach Matthäus setzte sich Jesus nicht auf einen, sondern auf zwei Esel – gleichzeitig! Des Rätsels Lösung: Der Evangelist formulierte den Text so, um eine alte biblische Prophezeiung in Erfüllung gehen zu lassen (4): »Siehe, dein König kommt zu dir...und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin.« Reitet der König bei Sacharja nur auf einem Esel, so macht er sich bei Matthäus auf zwei Eseln gleichzeitig bequem.

Die Unsinnigkeit dieser Behauptung ist augenscheinlich. Niemand kann auf zwei Eseln gleichzeitig sitzen, geschweige denn reiten. Als ich in Erlangen evangelische Theologie studierte, fragte ich »meinen« Professor nach diesem Widerspruch. Der verwies mich auf den Kirchenlehrer Thomas von Aquin (etwa 1225 bis 1274). »Lesen Sie mehr Thomas von Aquin als diesen Däniken! Thomas von Aquin war zwar Dominikaner und leider kein Lutheraner, hat aber vieles richtig gesehen! Das Ganze ist symbolisch zu verstehen! Die Eselin steht für die Synagoge, das Eselfohlen für das freie Heidenvolk. Jesus wird sinnbildlich sowohl vom alten Judentum als auch vom noch nicht bekehrten Heidentum getragen!« Sehr überzeugend ist die Erklärung von Thomas von Aquin nicht!

Die Evangelien schildern den Einzug Jesu wie den Empfang eines heutigen »Superstars«. Aus Platzmangel müssen sich die Künstler mit zwei Männern am Tor Jerusalems begnügen, die das jubelnde Volk darstellen. Einer der beiden breitet seinen Umhang am Boden aus. Drei weitere Männer werden als Jesu Jünger Petrus, Jakob und Johannes identifizieren. Jacobus der Ältere (links im Eck stehend) trägt bereits die Mütze, die erst viele Jahrhunderte zur Standardausrüstung jedes männlichen Pilgers gehören sollte. Die berühmte »Jakobs-Muschel« indes fehlt.

Vertreibung der Geldwechsler

Auf den »Einzug in Jerusalem« folgt als nächste, kunstvoll geschnitzte Szene, die »Vertreibung der Geldwechsler aus dem Tempel durch Jesus«. Wir sehen den wütenden Jesus. Mit einer Art Geißel bedroht er drei Geldwechsler, die ihr Geld zusammengerafft haben und vor dem zornigen Jesus fliehen. Auf eindrucksvolle Weise illustriert der Altar von Hannover, was im Evangelium nach Johannes steht (5): »Und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern und schüttete den Wechslern das Geld aus und stieß die Tische um.«

Die Darstellung von Hannover… welchem Evangelium folgt sie eigentlich? Es gibt nämlich eklatante Widersprüche in den vier Evangelien, auch was die Chronologie der Ereignisse angeht. Wann kam es zur »Vertreibung der Geldwechsler aus dem Tempel in Jerusalem«? Professor Helmut Merkel antwortet kurz und bündig (6): »Bei den Synoptikern (Markus, Matthäus und Lukas) steht sie am Anfang der letzten Lebenswoche Jesu, während Johannes sie an den Anfang der Wirksamkeit Jesu stellt.«

Es war ein düsterer Novembermorgen, als ich zusammen mit meinem Kollegen Peter Hoeft die »Marktkirche St. Georgii et Jacobi« in Hannover besuchte. Im Gotteshaus herrschte emsiges Treiben. Es wurde musiziert und gesungen. Vor dem Gotteshaus wurden Buden für den Weihnachtsmarkt aufgebaut. Die Händler würden bald vor der Kirche agieren und Geschäfte machen, nicht mehr im »Haus des Vaters« selbst. Die Geldwechsler gehörten auch noch zu Jesu Zeiten zum Tempelkult. Im Tempel selbst galt eine besondere Währung, die tyrische Doppeldrachme. Nur in dieser Währung konnte die Tempelsteuer bezahlt werden. Besucher des Tempels mussten also ihr Geld in Tempelwährung umtauschen. Wahrscheinlich benötigte man das »Tempelgeld« auch, um im Tempel Opfertiere zu kaufen. Die »Geldwechsler« waren fester Bestandteil des Tempelkults.

Kann man den Altar wie ein Buch lesen?
Fußnoten

(1) Evangelium nach Johannes Kapitel 12, Verse 12 bis 19
(2) Evangelium nach Matthäus (Kapitel 21, Verse 1-11)
(3) Evangelium nach Matthäus Kapitel 21, Verse 6 und 7
(4) Der Prophet Sacharja Kapitel 9, Vers 9, vom Verfasser aus dem Hebräischen ins Deutsche übertragen
(5) Evangelium nach Johannes, Kapitel, Vers 15
(6) Merkel, Helmut: »Bibelkunde des Neuen Testaments«, Gütersloh 1978, Seite 100

Zu den Fotos:

Kann man den Altar wie ein Buch lesen?: gemeinfrei Bernd Schwabe
Alle übrigen Fotos: Walter-Jörg Langbein

284 »Judas war kein Verräter«,
Teil 284 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 28.06.2015

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Sonntag, 28. September 2014

245 »Maria und die Schlange«

Teil 1
Teil 245 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 28.09.2014


Die Doppelmadonna im Dom. Foto W-J.Langbein

Eine Gruppe von Frauen folgt einem Führer, der sie durch den Dom zu Paderborn führt. Ein Murren kommt auf, als der Guide von Maria und dem Sündenfall im Paradies berichtet. »Das richtet sich gegen uns Frauen! An allem Übel sollen wir Frauen schuld sein!« Die streitbare Dame stößt in ihrer Gruppe auf Zustimmung. »Die Schlange hat nun einmal Eva dazu gebracht, den Apfel vom verbotenen Baum zu pflücken. Sie hat ihn Adam gereicht, und der hat abgebissen!« Die Dame schimpft in gedämpftem Ton weiter: »Aber immer sind es wir Frauen, die angeblich die Sünde in die Welt gebracht haben….« Sie fährt fort: »Und wenn ich schon höre.. ›Unbefleckte Empfängnis‹! Empörend! Das heißt doch nichts anderes, als dass bei allen anderen Geburten eine Beschmutzung durch uns Frauen erfolgte!«

Der Führer seufzt. »Aber meine Damen, dies hier ist nur eine Führung durch den Dom. Wir haben wirklich nicht die Zeit, die zentralen theologischen Themen durchzudiskutieren! Ich möchte Ihnen nur kurz aufzeigen, was Sie hier im Dom sehen können!« Murrend folgen die Damen dem Führer. »Herr X von unserem Bibelkreis hat sich doch gut auf den Dom vorbereitet!«, meint eine der Damen anerkennend. »Wir hätten doch lieber einen offiziellen Führer nehmen sollen!«, widerspricht eine andere. Die kritischen Stimmen verstummen. Man will wohl die Führung nicht zu sehr in die Länge ziehen.

Ich folge den Damen und ihrem Führer, der leise flüsternd erklärt, den Dom könne man wie ein Buch lesen. Wirklich? Verstehen wir die Bilder aus Stein oder Farbe wirklich? Oder stülpen wir ihnen nur unser Verständnis von biblischen Schriften über? Lassen wir uns zu sehr von der »amtlichen Theologie« leiten? Von zentraler Bedeutung ist die Mutter Gottes. Die berühmte »Doppelmadonna« hängt hoch über dem Mittelschiff unter dem Schlussstein des Langhausjoches. Das beeindruckende Kunstwerk ist um 1480 entstanden.

Von zentraler Bedeutung ist im christlichen Glauben katholischer wie evangelischer Prägung das Wunder der jungfräulichen Geburt Jesu. So heißt es im großen Credo: »Wir glauben...an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit, gezeugt, nicht geschaffen, hat Fleisch angenommen, durch den Heiligen Geist, von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.« Weniger blumig, aber genauso konkret heißt es im apostolischen Glaubensbekenntnis: »Ich glaube...an Jesus Christus, geboren von der Jungfrau Maria.«

Karl Barth (1886–1968) alles andere als ein schwärmerischer Katholik, sondern protestantischer Theologe aus der Schweiz, stellte in seinem Werk »Die christliche Dogmatik« fest(1): »Die Kirche weiß wohl, was sie getan hat, indem sie dieses Dogma sozusagen als Wache vor die Tür zu dem Geheimnis der Weihnacht stellte. Sie wird als kirchliche Ordnung verkündigen: Es gehört zum wirklichen christlichen Glauben auch die Bejahung der Lehre von der Jungfrauengeburt.«

Katholiken wie Protestanten bekennen auch heute in den Kirchen betend, wovon in Wirklichkeit ganz offensichtlich allenfalls nur noch eine Minderheit der Gläubigen überzeugt ist. 1999 ergab eine Umfrage unter deutschen Katholiken, dass 60 Prozent nicht mehr an das Dogma von der Jungfrauengeburt glauben (2).  Weit höher noch ist vermutlich der Prozentsatz der Christen, die keine Ahnung davon hat, was das Neue Testament über »geboren von der Jungfrau Maria« bekundet.

Die ältesten Dokumente des »Neuen   Testaments«, Jahrzehnte vor den vier Evangelien verfasst, sind die diversen Briefe des Apostel Paulus. Paulus ist somit der früheste Zeuge. Er nennt weder Maria noch Joseph als Eltern Jesu. Der Name der Mutter Jesu ist heute auch bibelunkundigen Zeitgenossen geläufig, weniger den Verfassern der Evangelien des »Neuen   Testaments«. Bei ihnen spielt sie eine eher untergeordnete Rolle. Evangelist Markus erwähnt Jesu Mutter nur am Rande, ohne ihren Namen zu nennen. Jesus behandelt sie aus heutiger Sicht eher geringschätzig (3). Beim Evangelisten Johannes kommt Jesu Mutter nur zweimal vor, in beiden Fällen (4) wird ihr Name nicht genannt.

Anbetung des Neugeborenen im Stall zu Bethlehem. Foto W-J.Langbein

Ein Kuriosum am Rande: Johannes weist darauf hin (5), dass bei Jesu Kreuzigung seine Mutter (deren Name nicht genannt wird) und deren Schwester zugegen waren. Und die hieß angeblich Maria. Sollte Jesu Großmutter ihre beiden Töchter beide Maria genannt haben?

Maria als Name taucht in der Form Mirjam gelegentlich bei Matthäus und bei Lukas auf. Die entsprechenden Verse sind bei Matthäus vielleicht, bei Lukas aber mit großer Wahrscheinlichkeit erst später eingefügt worden.

Es muss gefragt werden, ob Jesu Mutter wirklich »Maria« hieß. Oder handelte es sich ursprünglich gar nicht um einen Eigennamen, sondern um ein höchst bedeutsames Wort oder ein Wortspiel? Um es zu begreifen, benötigt man freilich einige Hintergrundinformationen.

Jesu Mutter war offensichtlich bereits schwanger, bevor Joseph sie ehelichte (6) und zwar, so Matthäus, »vom Heiligen Geist« (7). Aus der Sicht profan denkender damaliger wie heutiger Zeitgenossen musste ein vor-, somit also außerehelicher Geschlechtsverkehr stattgefunden haben. Das aber galt als höchst verwerflich. Denn zu Jesu Zeiten gab es nicht die Unterscheidung zwischen Verlobung und Heirat. Sobald eine Frau einem Mann versprochen war, war sie verlobt mit ihm und musste treu sein. Starb der Mann noch vor der Eheschließung, galt sie als Witwe. So war Jungfräulichkeit selbstverständliche Voraussetzung für die Heirat. War die Frau nicht mehr unberührt, galt dies als Ehebruch.

Maria und ihr toter Sohn. Foto W-J.Langbein

Zurück zu Joseph. Seine Verlobte war schwanger. Wer kam als potenzieller Vater in Frage? Etwa gar Joseph selbst? Er war sich keiner Schuld bewusst und vermutete seinerseits unkeuschen Lebenswandel seiner Verlobten. Er dachte daran, sie zu verlassen (8).War ihm die junge Frau schon vor der Eheschließung untreu geworden? Man bedenke: Es ging nicht nur um Josephs eventuell verletzte Eitelkeit als Mann! Vor-  wie außerehelicher Geschlechtsverkehr wurde mit dem Tod bestraft!

Um Klarheit zu gewinnen, musste in solchen Fällen ein merkwürdiger »Test« durchgeführt werden. Die seltsame Prozedur ist angeblich von Gott selbst ersonnen und seinem Propheten Moses diktiert (9) worden. Demnach wurde die verdächtigte Braut oder Ehefrau vor den örtlichen Priester gezerrt. Der füllte einen irdenen Krug mit Wasser, gab Staub vom Boden der Stiftshütte hinzu und sprach: »Hat kein Mann bei dir gelegen und bist du deinem Mann nicht untreu geworden, dass du dich unrein gemacht hast, so soll dir dies bittere Wasser nicht schaden.« Dann musste die Frau, die der Untreue beschuldigt wurde, die ekelhafte Brühe trinken. Überstand sie das ohne Schaden zu nehmen, galt sie als unschuldig. Die aus heutiger Sicht mehr als merkwürdige Prozedur hieß »mar jam«, bitteres Wasser. Wurde Jesu Mutter in der beschriebenen Weise geprüft? Ist ihr vermeintlicher Name nichts anderes als eine Verballhornung von mar jam – Mirjam?

Wenig Handfestes wissen wir über die Mutter Jesu, die uns in schönen Darstellungen auch im Dom zu Paderborn immer wieder begegnet. Aus der schlichten Maria des »Neuen Testaments« wurde im Verlaufe der Kirchengeschichte die Himmelskönigin. Die hoch unter dem Schlussstein des zweiten Langhausjoches hängende Doppelmadonna wird gerade von zwei Engeln mit goldenen Flügeln gekrönt. Die fliegenden Himmelsboten senken gerade eine mächtige goldene Krone auf das Haupt der Himmelskönigin.

Im Domführer  von Margarete Niggemeyer (10) lesen wir: »Wer durch das Mittelschiff in den Dom hinein- oder wieder herausgeht, hat Maria im Blick: Sie ist Weggefährtin für alle, die auf dem Pilgerweg des Lebens und des Glaubens unterwegs sind. Inmitten der Apostelfiguren an den Pfeilern (des Paradiestores, Ergänzung Langbein) erscheint sie als Königin der Apostel.«

Königin der Apostel. Foto W-J.Langbein

Die Doppelmadonna im Kirchenschiff schwebt über allen Besuchern des Gotteshauses. Ehrfurchtsvoll blickt der Gläubige zur Himmelskönigin empor.

Noch einmal darf ich Margarete Niggemeyer zitieren (11): »Zwei Engel halten eine Krone über dem Haupt Mariens, die auf einer Mondsichel und einer Schlange steht, deren Kopf sie als ›neue Eva‹ zertritt.«

Bei jedem meiner Besuche im Dom zu Paderborn habe ich lange das geheimnisvolle Bildnis der Doppelmadonna sorgsam studiert. Durch mein 400-Millimeter-Teleobjektiv erkenne ich kleinste Einzelheiten, zum Beispiel Risse im Gesicht der Himmelskönigin. Deutlich ist die Mondsichel auszumachen, auf der die Madonna mit einem Fuß steht. Die Mondsichel stellt die christliche Himmelskönigin in eine uralte Tradition von Himmelsköniginnen und Göttinnen, die gern mit der Mondin identifiziert wurden.

Ich erkenne auch die Schlange, die einen menschlichen Kopf hat. Soll die alte Wissensbringerin mit dem Satan gleichgesetzt werden? Nicht erkennen kann ich den zweiten Fuß Mariens, mit dem Maria angeblich den Kopf der Schlange zertritt! Groß und beschuht ist der rechte Fuß Marias, ein zweiter Fuß ist nirgendwo auszumachen, schon gar nicht in der Nähe des Schlangenkopfes!

Marias Fuß auf der Mondsichel. Foto W-J.Langbein

Ein Mönch hastet an mir vorbei. Ich frage ihn nach dem »zweiten Fuß« der Madonna. »Den können Sie von hier unten nicht erkennen!«, erklärt er mir milde. »Suchen Sie die Marienkapelle hier im Dom auf, betrachten Sie sorgsam die Maria an der Tür zur Kapelle. Alle ihre Fragen werden dort Antworten finden!« Dem Rat des Mönchs folgend mache ich mich auf die Suche nach der Marienkapelle. Wenige Minuten später stehe ich vor dem Bildnis an der Tür, auf Holz gemalt. Werde ich wirklich die Antworten auf meine Fragen finden?


Fußnoten

1) Barth, Karl: Die kirchliche Dogmatik, Band I,2, 8. Auflage, Zürich 1990, S. 198
2) Augstein, Rudolf: Jesus Menschensohn, 3. Auflage, Hamburg 1999, S. 50
3) Siehe Das Evangelium nach Markus Kapitel 3, Verse 31-35
4) Das Evangelium nach Johannes Kapitel 2, Verse 1-12 und Kapitel 19, Verse 25-27
5) Das Evangelium nach Johannes Kapitel 2, Vers 25
6) Das Evangelium nach Matthäus Kapitel 1, Vers 18
7) ebenda
8) ebenda, Vers 19
9) Das 4. Buch Mose Kapitel 5, Verse 12-31
10) Niggemeyer, Margarete: »Der Hohe Dom zu Paderborn«, 3. Auflage, Paderborn 2012, S. 23 rechts oben

Tür zur Marienkapelle. Foto W-J.Langbein
Zur Lektüre empfehle ich…

Sorger, Karlheinz: »Was in der Bibel wichtig ist/
Grundthemen des Alten und
     Neuen Testaments«, München 1992
Theissen, Gerd: »Die Entstehung des Neuen Testaments als
     literaturgeschichtliches Problem«, Heidelberg 2007

Alle Fotos wurden vom Verfasser
im Dom zu Paderborn 
aufgenommen.

»Maria und die Schlange«
Teil 2
Teil 246 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       

erscheint am 05.10.2014



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Sonntag, 27. April 2014

223 »Das Monster und der Mann mit dem Schlüssel«

 Teil 223 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Das Kreuzabnahmerelief. Foto:
Walter-Jörg Langbein
Das Kreuzabnahmerelief der Externsteine – 3,60 Meter breit und 5,50 Meter hoch –  zeigt eine der tragischsten Szenen des »Neuen Testaments«. Jesus, vor Tagen noch in Jerusalem mit »Hosianna«-Rufen begeistert empfangen, ist tot. Man hat ihn gefoltert und gedemütigt, schmählich war sein Tod zwischen zwei Verbrechern (so die Bibel) am Kreuz. Die Römer haben ihn hingerichtet, gekreuzigt. Diese grausame Todesart war für aufständische Rebellen vorgesehen, die die Obrigkeit der Römer herauszufordern wagten. Jetzt haben Jesu Jünger Angst, Todesangst. Sie fürchten, dass sie von den römischen Häschern ergriffen, verurteilt und hingerichtet werden. Sie sind geflohen, verstecken sich.

Das Evangelium nach Matthäus (1) waren es vor allem Frauen, die Jesus auch dann noch die Treue hielten, als er sterbend am Kreuz hing. Matthäus erwähnt ausdrücklich: »Unter ihnen waren Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus und des Josef und die Mutter der Söhne des Zebedäus.« Im Evangelium nach Markus lesen wir (2): »Und es waren auch Frauen da, die von ferne zuschauten, unter ihnen Maria von Magdala und Maria, die Mutter Jakobus‘ des Kleinen und des Joses, und Salome, die ihm nachgefolgt waren, als er in Galiläa war, und ihm gedient hatten, und viele andere Frauen, die mit ihm hinauf nach Jerusalem gegangen waren.« Bei Lukas (3) wird der für die männliche Jüngerschaft peinliche Sachverhalt in nur einem Vers abgehandelt. Die mutigen Jüngerinnen werden anonymisiert, zu »Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren«.

Johannes, Jesu Mutter und
Maria Magdalena beweinen Jesus.
Klosterkirche Marienmünster.
Foto Walter-Jörg Langbein

Im Evangelium nach Johannes begegnet uns wieder Maria Magdalena unter dem Kreuz (4): »Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebhatte, spricht er zu seiner Mutter: ›Frau, siehe, das ist dein Sohn!‹«

Nur das nach Johannes benannte Evangelium vermeldet, dass der Jünger, den Jesus liebhatte, zugegen war, als Jesus starb. Gewöhnlich wird dieser Lieblingsjünger mit Johannes identifiziert. Im Externstein-Relief sehen wir Jünger Johannes am Kreuz stehen, sowie seine Mutter Maria. Maria hält den Kopf des geliebten Sohnes, Nikodemus steht erhöht und übergibt den Toten Joseph von Arimathäa.

Im Evangelium nach Johannes lesen wir (5): »Nachdem das alles geschehen war, bat Josef aus Arimathäa um die Erlaubnis, den toten Jesus vom Kreuz abnehmen zu dürfen. Er glaubte insgeheim an Jesus, doch hatte er das bisher aus Angst vor den Juden verschwiegen. Pilatus erlaubte es ihm, und so ging er zum Kreuz und nahm den Leichnam ab. Auch Nikodemus, der Jesus einmal nachts aufgesucht hatte, kam und brachte etwa dreißig Kilogramm einer Mischung aus Myrrhe und Aloe.«

Detail des Reliefs:
Josef von Arimathäa übernimmt den toten Jesus.
Foto: Walter-Jörg Langbein

Nach Johannes war es Josef von Arimathäa, der Pilatus um die Freigabe von Jesu Leichnam bat. Pilatus, der laut Bibel angeblich heimlich an Jesus glaubte, gestattete das. Josef von Arimathäa »nahm den Leichnam ab«. Dass Nikodemus Jesu toten Körper vom Kreuz löste und Josef von Arimathäa reichte – wie im Externsteinrelief dargestellt – findet keinerlei Bestätigung in den Schriften des »Neuen Testaments«. Das so präzise gemeißelte Kunstwerk ist also in diesem konkreten Punkt alles andere als bibeltreu. Was besonders auffällt: Maria Magdalena fehlt auf Golgatha, wo sie nach drei von vier Evangelien des Neuen Testaments unter Lebensgefahr zu Jesus stand.

Im ausführlichen Wikipediartikel über das Kreuzabnahmerelief lesen wir (6): »Im unteren Register knien zu Füßen des Kreuzes ein nackter, bärtiger Mann und eine in ein langes Gewand gehüllte Figur mit einem Halsschmuck, die vom Schwanz und Hals eines zweibeinigen geflügelten Drachen umschlungen werden.«

Das »untere Register«. Foto Walter-Jörg Langbein

Das Monstermotiv unterhalb der Kreuzabnahme-Szene ist so stark verwittert, dass Einzelheiten wie Drachenflügel nicht wirklich zu erkennen sind. Ich mache vielmehr einen muskulösen Körper mit Füßen aus. Oder sehe ich das Bild falsch? Sollte es sich beim »Leib« des Monsters in Wirklichkeit um einen nach unten geklappten Flügel einer gewaltigen Schlange handeln? Das geheimnisvolle Wesen wird gelegentlich als »Baselisk« bezeichnet. Baselisken waren monströse Mischwesen, die meist aus einer Kombination verschiedener Tiere mit einer Schlange bestanden. Die Kreatur vom Kreuzabnahmerelief regt die Fantasie an. Berühmt ist der Baselisk von Basel, der in einer Höhle gehaust haben soll.

Der Baselisk von Basel. Wiki commons, Foto Rynacher

Wie auch immer: Da sind zwei Menschen dargestellt, die von einem furchteinflößenden Monster gewürgt werden. Nach meiner gründlichen Untersuchung des Reliefs »Kreuzabnahme« bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass die Menschen-Monster-Gruppe noch vom ursprünglichen Relief stammt. Der Rest ist neueren Datums. Der untere Teil ist höher als der obere, weil oben das ursprüngliche Relief abgetragen und das christliche Motiv eingemeißelt wurde. Wo das alte Motiv weggemeißelt wurde, musste eine Schicht Stein abgetragen werden.

2 Menschen und 1 Monster. Foto Walter-Jörg Langbein

Ich vermute, dass der ältere Teil des Reliefs gar nicht christlich, sondern heidnisch ist, aber stehen gelassen wurde. Warum? Warum hat man nicht auch diesen Teil zerstört? Weil man ihn auch christlich interpretieren kann, nämlich als Adam und Eva mit Schlange!

Hermann Hamelmann (1526 – 1595), lutherischer Theologe und Historiker, veröffentlichte 1564 eine »Einfache und kurze Beschreibung der Städte Westfalens« in lateinischer Sprache (7). Lobend heißt es da, dass »Karl der Große aus jenem Elsternstein (Externsteine), der ein heidnisches Stammesheiligtum gewesen war, einen gottgeweihten Altar gemacht« habe. Mit anderen Worten: Karl der Große hat aus einem heidnischen Felsheiligtum ein christliches gemacht. Sollte damals das Relief »Kreuzabnahme« entstanden sein… als eine Überarbeitung eines sehr viel älteren, heidnischen Motivs? Walter Matthes verweist in seinem Werk »Corvey und die Externsteine – Schicksal eines vorchristlichen Heiligtums in karolingischer Zeit« (8) auf Erzählungen vom Teufel an den Externsteinen: »In alten Fassungen dieser Sagen wird davon ausgegangen, dass der Ort ursprünglich eine Städte der heidnischen Götter gewesen sei. In jener Erzählung, die den Teufel als Baumeister auftreten lässt, kommt die zentrale Bedeutung des alten Heiligtums … gut zum Ausdruck.« Und weiter: »Ebenso wird dort ein gewaltiges Zerstörungswerk geschildert, das den heidnischen Felsentempel zugrunde gehen ließ.«

Auf diesem alten Foto ist der mysteriöse Steintisch
noch zu sehen.
Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein

Bleibt die Frage: Was ist vom »heidnischen Felsentempel« übrig geblieben? Was entging der Zerstörung? Vor dem Kreuzabnahmerelief stand einst ein megalithischer Steintisch. Auf zwei massiven Steinen ruhte eine gewaltige, tonnenschwere Steinplatte. Stammt dieser Tisch wie Dolmentische aus der Steinzeit? Wann wurde er zerstört? Dass er zerschlagen wurde, bestätigte mir ein Heimatforscher, der nicht genannt werden möchte. Fakt ist: Es hat ihn gegeben, denn auf einer alten Ansichtskarte ist er noch zu sehen. Laut dem von mir konsultierten Heimatforscher wurde der steinerne Tisch zerschlagen. Zumindest ein Teil der Bruchstücke soll vor dem Relief vergraben worden sein.


Der Mann mit dem »Schlüssel«... Foto Walter-Jörg Langbein

Neben dem Eingang zur Kuppelhöhle, die heute mit einem Eisengetter versperrt ist, steht »Petrus«. Das heißt: Wir meinen Petrus zu erkennen. Warum? Weil wir von christlichen Bildern geprägt wurden. Die Person, die da neben den Eingang zur Kuppelhöhle in den Stein gemeißelt wurde, hält einen Schlüssel in der Hand. Aber ist es wirklich ein Schlüssel? Und wenn es ein Schlüssel ist, muss die Gestalt keineswegs Petrus darstellen. Es könnte ein Wächter sein, der den Eingang zur Höhle sichert.

Sie sind und bleiben geheimnisvoll ...
die Externsteine! Foto Walter-Jörg Langbein


Die Gestalt ist recht flach aus dem Stein gearbeitet, sie wirkt seltsam konturlos. Obwohl er relativ  gut vor der Witterung geschützt ist, scheint der Zahn der Zeit sehr viel länger an dem mysteriösen Kunstwerk genagt zu haben als am Kreuzabnahmerelief. Die Person scheint sich auf einen Stock zu stützen und hält etwas in der Hand.. einen Schlüssel.. oder eine Keule, vielleicht ein Schwert oder eine sonstige Waffe? Könnte es sich um eine sehr alte heidnische Darstellung einer Gottheit handeln? Auf mich wirkt sie fast wie ein Gespenst.

Der Mann mit dem Schlüssel… wir wissen nicht, wer oder was er ist. Wir neigen dazu zu »erkennen«, was wir sehen wollen.
Alte Aufnahme vom Relief.
Foto: Archiv W.-J.Langbein

Fußnoten

1) Evangelium nach Matthäus Kapitel 27, Verse 55-56

2) Evangelium nach Markus Kapitel 15, Verse 40-41

3) Evangelium nach Lukas Kapitel 23, Vers 49

4) Evangelium nach Johannes Kapitel 19, Verse 25-2

5) Evangelium nach Johannes Kapitel 19, Vers 38

6 http://de.wikipedia.org/wiki/Kreuzabnahmerelief_an_den_Externsteinen

7) Hamelmann, Hermann: »Simplex et brevis delineatio urbium et oppidorum Westfaliae«, 1564

8) Matthes, Walther: »Corvey und die Externsteine – Schicksal eines vorchristlichen Heiligtums in karolingischer Zeit«, Stuttgart 1982, S. 237


Literatur

Andree, Julius: »Die Grabungen an den Externsteinen 1934«, erschienen im »Nachrichtenblatt für Deutsche Vorzeit« II, 1935, S. 13-19


Winkelmann, Wilhelm: »Die Frühgeschichte im Paderborner Land« in »Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern«, Band 20, Wiesbaden 1971, S. 87-121

»Der Teufel, die Fratze und die Säule«,
Teil 224 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 04.05.2014




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Sonntag, 3. Juli 2011

76 »Was flog da über Golgatha?«

Teil 76 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


In dieser Kathedrale befindet
sich das mysteriöse Gemälde
Foto: Robert Ingham USMC
»Da habe ich was für Sie!« raunte mir Professor X nach Abschluss eines Seminars (»Die Kupferrolle und Qumran«) zu. »Sie interessieren sich doch für solche Sachen!« Aus einer in Ehren gealterten Ledermappe holte er ein Schwarzweißfoto und reichte es mir. Es zeigt Jesus am Kreuz. Der christliche Messias hat das Haupt erschöpft zur Seite geneigt.

Zu seinen Füßen haben sich fünf Personen eingefunden. Leider ist das Wandgemälde zum Teil erheblich beschädigt, so dass man nicht so recht erkennen kann, wer da den Sterbenden betrauert. Ist es Maria Magdalena, in Begleitung zweier Jünger? Oder ist es Jesu Mutter Maria mit zwei Jüngern? Eingefunden haben sich auch zwei römische Soldaten. Sie blicken zum Gekreuzigten auf. Im Hintergrund erkennt man eine mittelalterliche Stadt, mit kleinen Türmchen.

»Fällt Ihnen etwas auf?« fragt mich Professor X und schaut mich erwartungsvoll an. »Ist das eine Fotomontage?« erwidere ich und deute auf zwei am Himmel schwebende Objekte rechts und links vom Gekreuzigten, unterhalb des Querbalkens. Professor X verneint. Rechts und links fliegen da ... auf einem christlichen Gemälde ... zwei »UFOs«.

Das mysteriöse Gemälde mit den UFOs
Foto: Archiv W-J.Langbein
Das Wandgemälde, so erfahre ich, stammt aus der Svetitskhoveli-Kathedrale von Mtskheta, Ostgeorgien. Mtskheta, 20 Kilometer nördlich von Tbilissi gelegen, hat eine Jahrtausende alte Geschichte. Vor Jahrtausenden wurde einem geheimnisvollen Gott namens Ziche, ein prunkvoller Tempel geweiht. Mtskheta hat auch eine lange christliche Tradition aufzuweisen. Heidnische und christliche Geschichte gehen nahtlos ineinander über. Die Svetitskhoveli-Kathedrale wurde vor rund einem Jahrtausend – 1010 bis 1029 – gebaut. Ihr Name lässt sich mit »lebensspendende Säule« übersetzen.

Der mysteriöse Name lässt darauf schließen, dass dem christlichen Gotteshaus eine heidnische Stätte weichen musste. Eine »lebensspendende Säule« erinnert an die Himmel und Erde verbindende heilige Säule, Lanze genannt, in der Unterwelt von Chavin de Húantar ... oder an den »Baum des Lebens« im Alten Testament. Die »lebensspendende Säule« lässt Erinnerungen an eine vorchristliche Gottheit anklingen, die die Natur wachsen und gedeihen ließ. War Ziche so etwas wie ein vorchristlicher Erlöser? Wurde sein Heiligtum von den Christen übernommen, die aus der »lebendsspendenden Säule« das Kreuz des Erlösers machten?

UFO zur Linken ...
Foto: Archiv W-J.Langbein
»Timur, der Lahme« zerstörte das Gotteshaus, im 15. Jahrhundert wurde es wieder aufgebaut. Ob es schon damals das mysteriöse Bild der Kreuzigung Jesu gab? Mag sein, aber Belege für diese Annahme gibt es keine. Das heutige Bild wurde von einem unbekannten Künstler um 1650 geschaffen. Wir wissen nichts über den Schöpfer des ungewöhnlichen Gemäldes. Und das Bildnis weist ganz eindeutig deutliche Spuren von willkürlicher Beschädigung auf. Sollte das Kunstwerk zerstört werden?

Was flog da über Golgatha? Für den heutigen Betrachter erinnern beide Objekte an UFOs. In jedem der Objekte ist ein Gesicht zu erkennen, das zum Gekreuzigten herab blickt ... Engel oder Besatzung der Flugobjekte? Professor X zuckt mit den Schultern. »Beide Objekte haben zackenförmige Strahlen ...« sinniere ich. Mir kommen diverse sakrale Gemälde in den Sinn, auf denen Sonne und Mond über der Todesszenerie stehen. Fliegen also keine UFOs über Golgatha im Gemälde in der Svetitskhoveli-Kathedrale, sondern Sonne und Mond? Gegen diese Erklärung spricht, dass beide Objekte sehr tief fliegen. Das eine, vom Betrachter aus links im Bild, schwebt offensichtlich vor der Mauer mit den Türmchen. Also doch nicht Sonne und Mond?

UFO zur Rechten
Foto: W-J.Langbein
Wiederholt habe ich in den vergangenen Jahrzehnten die Externsteine im Teutoburger Wald besucht. Viele Stunden stand ich vor dem Relief der Kreuzabnahme, dessen Alter umstritten ist. Unzählige Fotos habe ich bei unterschiedlichsten Witterungsverhältnissen aufgenommen. Wann entstand das großformatige Werk? Wurde es von christlichen Künstlern neu geschaffen? Oder arbeiteten sie nur ein sehr viel älteres Motiv um? Diese Frage wird seit mindestens 100 Jahren diskutiert.

In der Darstellung der Kreuzabnahme bei den Externsteine sind Sonne und Mond dargestellt. Sonne und Mond beobachten gemeinsam Jesu Tod. Sie scheinen zu trauern. In beiden Fällen sind in Sonne und Mond Gestalten zu erkennen, deutlicher noch als im Bildnis in der Svetitskhoveli-Kathedrale. Soll so gezeigt werden, dass die gesamte Schöpfung am Geschehen von Golgatha Anteil nahm?

Sonne und Mond ...
Foto W-J.Langbein
Der biblische Schöpfungsbericht enthält – der heutige Leser ahnt es nicht – Hinweise auf vor biblischen heidnischen Glauben: Einst waren die Gestirne und Planeten göttliche Wesen. Der Gott des Alten Testaments indes degradiert sie zu Lampen, die er als Beleuchtungskörper an den Himmel setzt. Aus christlicher Sicht war dies ein Fortschritt. Doch der biblische Gott erteilte den Menschen den Auftrag, sich die Erde untertan zu machen. Mit der Degradierung von Sonne, Mond und Sternen zu toten Leuchtkörpern ging ein grundsätzlicher Gesinnungswandel einher: Der Mensch konnte den göttlichen Befehl als Alibi verstehen, sich die Natur untertan zu machen ... sprich auszubeuten. Zu Beginn des dritten Jahrtausends erkennen immer mehr Menschen, dass sich »die Natur« nicht unterwerfen lässt. Wir beherrschen keineswegs die Naturgewalten. Die Katastrophe von Fukushima ist der Beweis für die Überheblichkeit des Menschen, der sich die Natur untertan machen möchte.

Eines der UFOs von Desani
Foto: Archiv W-J.Langbein
Doch zurück zur Frage: »Was flog da über Golgatha?« Im Kloster Desani, Kosovo-Metohija, Jugoslawien, wurden bei Restaurierungsarbeiten Fresken entdeckt. Sie waren im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte mit Putz überdeckt worden. Warum? Zeigen sie Details, die theologisch nicht akzeptabel waren ... oder nicht verstanden wurden? Wie auch immer: Eines der Fresken, entstanden um 1350, zeigt eine Kreuzigungsszene, vergleichbar mit der aus der Svetitskhoveli-Kathedrale. Der Künstler ist unbekannt. Die Szene erscheint uns vertraut:

Jünger und Soldaten stehen am Kreuz, blicken zu Jesus. Am Himmel bewegen sich zwei sehr rätselhafte Objekte von links nach rechts. In beiden sitzen Gestalten. Beide Objekte haben Tropenform. Mit Sonne und Mond haben diese Flugobjekte wirklich nichts zu tun. Bleibt die Frage: Was flog da über Golgatha?

Was hatten die Künstler im Sinn? Warum setzten sie ufo-artige Objekte an den Himmel über der Kreuzigung Christi? Sollten sie selbst mysteriöse Himmelsobjekte beobachtet und ihren Bildnissen beigefügt haben?

»Der 13. Jünger«,
Teil 77 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 10.07.2011


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