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Sonntag, 27. April 2014

223 »Das Monster und der Mann mit dem Schlüssel«

 Teil 223 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Das Kreuzabnahmerelief. Foto:
Walter-Jörg Langbein
Das Kreuzabnahmerelief der Externsteine – 3,60 Meter breit und 5,50 Meter hoch –  zeigt eine der tragischsten Szenen des »Neuen Testaments«. Jesus, vor Tagen noch in Jerusalem mit »Hosianna«-Rufen begeistert empfangen, ist tot. Man hat ihn gefoltert und gedemütigt, schmählich war sein Tod zwischen zwei Verbrechern (so die Bibel) am Kreuz. Die Römer haben ihn hingerichtet, gekreuzigt. Diese grausame Todesart war für aufständische Rebellen vorgesehen, die die Obrigkeit der Römer herauszufordern wagten. Jetzt haben Jesu Jünger Angst, Todesangst. Sie fürchten, dass sie von den römischen Häschern ergriffen, verurteilt und hingerichtet werden. Sie sind geflohen, verstecken sich.

Das Evangelium nach Matthäus (1) waren es vor allem Frauen, die Jesus auch dann noch die Treue hielten, als er sterbend am Kreuz hing. Matthäus erwähnt ausdrücklich: »Unter ihnen waren Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus und des Josef und die Mutter der Söhne des Zebedäus.« Im Evangelium nach Markus lesen wir (2): »Und es waren auch Frauen da, die von ferne zuschauten, unter ihnen Maria von Magdala und Maria, die Mutter Jakobus‘ des Kleinen und des Joses, und Salome, die ihm nachgefolgt waren, als er in Galiläa war, und ihm gedient hatten, und viele andere Frauen, die mit ihm hinauf nach Jerusalem gegangen waren.« Bei Lukas (3) wird der für die männliche Jüngerschaft peinliche Sachverhalt in nur einem Vers abgehandelt. Die mutigen Jüngerinnen werden anonymisiert, zu »Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren«.

Johannes, Jesu Mutter und
Maria Magdalena beweinen Jesus.
Klosterkirche Marienmünster.
Foto Walter-Jörg Langbein

Im Evangelium nach Johannes begegnet uns wieder Maria Magdalena unter dem Kreuz (4): »Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebhatte, spricht er zu seiner Mutter: ›Frau, siehe, das ist dein Sohn!‹«

Nur das nach Johannes benannte Evangelium vermeldet, dass der Jünger, den Jesus liebhatte, zugegen war, als Jesus starb. Gewöhnlich wird dieser Lieblingsjünger mit Johannes identifiziert. Im Externstein-Relief sehen wir Jünger Johannes am Kreuz stehen, sowie seine Mutter Maria. Maria hält den Kopf des geliebten Sohnes, Nikodemus steht erhöht und übergibt den Toten Joseph von Arimathäa.

Im Evangelium nach Johannes lesen wir (5): »Nachdem das alles geschehen war, bat Josef aus Arimathäa um die Erlaubnis, den toten Jesus vom Kreuz abnehmen zu dürfen. Er glaubte insgeheim an Jesus, doch hatte er das bisher aus Angst vor den Juden verschwiegen. Pilatus erlaubte es ihm, und so ging er zum Kreuz und nahm den Leichnam ab. Auch Nikodemus, der Jesus einmal nachts aufgesucht hatte, kam und brachte etwa dreißig Kilogramm einer Mischung aus Myrrhe und Aloe.«

Detail des Reliefs:
Josef von Arimathäa übernimmt den toten Jesus.
Foto: Walter-Jörg Langbein

Nach Johannes war es Josef von Arimathäa, der Pilatus um die Freigabe von Jesu Leichnam bat. Pilatus, der laut Bibel angeblich heimlich an Jesus glaubte, gestattete das. Josef von Arimathäa »nahm den Leichnam ab«. Dass Nikodemus Jesu toten Körper vom Kreuz löste und Josef von Arimathäa reichte – wie im Externsteinrelief dargestellt – findet keinerlei Bestätigung in den Schriften des »Neuen Testaments«. Das so präzise gemeißelte Kunstwerk ist also in diesem konkreten Punkt alles andere als bibeltreu. Was besonders auffällt: Maria Magdalena fehlt auf Golgatha, wo sie nach drei von vier Evangelien des Neuen Testaments unter Lebensgefahr zu Jesus stand.

Im ausführlichen Wikipediartikel über das Kreuzabnahmerelief lesen wir (6): »Im unteren Register knien zu Füßen des Kreuzes ein nackter, bärtiger Mann und eine in ein langes Gewand gehüllte Figur mit einem Halsschmuck, die vom Schwanz und Hals eines zweibeinigen geflügelten Drachen umschlungen werden.«

Das »untere Register«. Foto Walter-Jörg Langbein

Das Monstermotiv unterhalb der Kreuzabnahme-Szene ist so stark verwittert, dass Einzelheiten wie Drachenflügel nicht wirklich zu erkennen sind. Ich mache vielmehr einen muskulösen Körper mit Füßen aus. Oder sehe ich das Bild falsch? Sollte es sich beim »Leib« des Monsters in Wirklichkeit um einen nach unten geklappten Flügel einer gewaltigen Schlange handeln? Das geheimnisvolle Wesen wird gelegentlich als »Baselisk« bezeichnet. Baselisken waren monströse Mischwesen, die meist aus einer Kombination verschiedener Tiere mit einer Schlange bestanden. Die Kreatur vom Kreuzabnahmerelief regt die Fantasie an. Berühmt ist der Baselisk von Basel, der in einer Höhle gehaust haben soll.

Der Baselisk von Basel. Wiki commons, Foto Rynacher

Wie auch immer: Da sind zwei Menschen dargestellt, die von einem furchteinflößenden Monster gewürgt werden. Nach meiner gründlichen Untersuchung des Reliefs »Kreuzabnahme« bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass die Menschen-Monster-Gruppe noch vom ursprünglichen Relief stammt. Der Rest ist neueren Datums. Der untere Teil ist höher als der obere, weil oben das ursprüngliche Relief abgetragen und das christliche Motiv eingemeißelt wurde. Wo das alte Motiv weggemeißelt wurde, musste eine Schicht Stein abgetragen werden.

2 Menschen und 1 Monster. Foto Walter-Jörg Langbein

Ich vermute, dass der ältere Teil des Reliefs gar nicht christlich, sondern heidnisch ist, aber stehen gelassen wurde. Warum? Warum hat man nicht auch diesen Teil zerstört? Weil man ihn auch christlich interpretieren kann, nämlich als Adam und Eva mit Schlange!

Hermann Hamelmann (1526 – 1595), lutherischer Theologe und Historiker, veröffentlichte 1564 eine »Einfache und kurze Beschreibung der Städte Westfalens« in lateinischer Sprache (7). Lobend heißt es da, dass »Karl der Große aus jenem Elsternstein (Externsteine), der ein heidnisches Stammesheiligtum gewesen war, einen gottgeweihten Altar gemacht« habe. Mit anderen Worten: Karl der Große hat aus einem heidnischen Felsheiligtum ein christliches gemacht. Sollte damals das Relief »Kreuzabnahme« entstanden sein… als eine Überarbeitung eines sehr viel älteren, heidnischen Motivs? Walter Matthes verweist in seinem Werk »Corvey und die Externsteine – Schicksal eines vorchristlichen Heiligtums in karolingischer Zeit« (8) auf Erzählungen vom Teufel an den Externsteinen: »In alten Fassungen dieser Sagen wird davon ausgegangen, dass der Ort ursprünglich eine Städte der heidnischen Götter gewesen sei. In jener Erzählung, die den Teufel als Baumeister auftreten lässt, kommt die zentrale Bedeutung des alten Heiligtums … gut zum Ausdruck.« Und weiter: »Ebenso wird dort ein gewaltiges Zerstörungswerk geschildert, das den heidnischen Felsentempel zugrunde gehen ließ.«

Auf diesem alten Foto ist der mysteriöse Steintisch
noch zu sehen.
Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein

Bleibt die Frage: Was ist vom »heidnischen Felsentempel« übrig geblieben? Was entging der Zerstörung? Vor dem Kreuzabnahmerelief stand einst ein megalithischer Steintisch. Auf zwei massiven Steinen ruhte eine gewaltige, tonnenschwere Steinplatte. Stammt dieser Tisch wie Dolmentische aus der Steinzeit? Wann wurde er zerstört? Dass er zerschlagen wurde, bestätigte mir ein Heimatforscher, der nicht genannt werden möchte. Fakt ist: Es hat ihn gegeben, denn auf einer alten Ansichtskarte ist er noch zu sehen. Laut dem von mir konsultierten Heimatforscher wurde der steinerne Tisch zerschlagen. Zumindest ein Teil der Bruchstücke soll vor dem Relief vergraben worden sein.


Der Mann mit dem »Schlüssel«... Foto Walter-Jörg Langbein

Neben dem Eingang zur Kuppelhöhle, die heute mit einem Eisengetter versperrt ist, steht »Petrus«. Das heißt: Wir meinen Petrus zu erkennen. Warum? Weil wir von christlichen Bildern geprägt wurden. Die Person, die da neben den Eingang zur Kuppelhöhle in den Stein gemeißelt wurde, hält einen Schlüssel in der Hand. Aber ist es wirklich ein Schlüssel? Und wenn es ein Schlüssel ist, muss die Gestalt keineswegs Petrus darstellen. Es könnte ein Wächter sein, der den Eingang zur Höhle sichert.

Sie sind und bleiben geheimnisvoll ...
die Externsteine! Foto Walter-Jörg Langbein


Die Gestalt ist recht flach aus dem Stein gearbeitet, sie wirkt seltsam konturlos. Obwohl er relativ  gut vor der Witterung geschützt ist, scheint der Zahn der Zeit sehr viel länger an dem mysteriösen Kunstwerk genagt zu haben als am Kreuzabnahmerelief. Die Person scheint sich auf einen Stock zu stützen und hält etwas in der Hand.. einen Schlüssel.. oder eine Keule, vielleicht ein Schwert oder eine sonstige Waffe? Könnte es sich um eine sehr alte heidnische Darstellung einer Gottheit handeln? Auf mich wirkt sie fast wie ein Gespenst.

Der Mann mit dem Schlüssel… wir wissen nicht, wer oder was er ist. Wir neigen dazu zu »erkennen«, was wir sehen wollen.
Alte Aufnahme vom Relief.
Foto: Archiv W.-J.Langbein

Fußnoten

1) Evangelium nach Matthäus Kapitel 27, Verse 55-56

2) Evangelium nach Markus Kapitel 15, Verse 40-41

3) Evangelium nach Lukas Kapitel 23, Vers 49

4) Evangelium nach Johannes Kapitel 19, Verse 25-2

5) Evangelium nach Johannes Kapitel 19, Vers 38

6 http://de.wikipedia.org/wiki/Kreuzabnahmerelief_an_den_Externsteinen

7) Hamelmann, Hermann: »Simplex et brevis delineatio urbium et oppidorum Westfaliae«, 1564

8) Matthes, Walther: »Corvey und die Externsteine – Schicksal eines vorchristlichen Heiligtums in karolingischer Zeit«, Stuttgart 1982, S. 237


Literatur

Andree, Julius: »Die Grabungen an den Externsteinen 1934«, erschienen im »Nachrichtenblatt für Deutsche Vorzeit« II, 1935, S. 13-19


Winkelmann, Wilhelm: »Die Frühgeschichte im Paderborner Land« in »Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern«, Band 20, Wiesbaden 1971, S. 87-121

»Der Teufel, die Fratze und die Säule«,
Teil 224 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 04.05.2014




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Sonntag, 20. Januar 2013

157 »Die Lady in der Quecksilbergruft und Bäume aus Stein«

Teil 157 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Die Könige Yax K'uk' Mo' und
Yax Pac (rechts) auf Altar q.
Foto: W-J.Langbein
Im Frühjahr 822 nach Christus endet die Geschichte von Copán. In jenem Jahr herrschte Ukit Took', der »Nachfolger« von Yax Pac. »Altar q« zeigt die Übergabe des Herrscherstabs an den »letzten« Regenten von Copán, an Yax Pac. König Ukit Took, sein Thronfolger, fehlt auf der offiziellen Königs-Liste. Warum? Offenbar wurde Ukit Took' nicht mehr zeremoniell gekrönt. Warum kam es nicht mehr dazu? Ein steinernes Monument belegt das abrupte Ende der Geschichte von Copán. Obwohl das steinerne kleine Monument stark verwittert ist, ist es das jüngste von Copán. Es wurde nie vollendet. Der Steinmetz hat damit begonnen, ein Relief zu erstellen ... brach aber seine Arbeit ab.

Was führte zum abrupten Ende von Copán? Wurde Copán von feindlichen Truppen eingenommen? Dafür gibt es keine Belege. Wurde Copáns letzter König der Dynastie in einer Revolution gestürzt? Auch dafür gibt es keinen Anhaltspunkt. Die einst so wichtige Metropole scheint ganz plötzlich vollkommen bedeutungslos geworden zu sein. Wurde die Stadt von einer Epidemie heimgesucht, die alle Bewohner dahinraffte? Leider gibt es keine echten Mayaaufzeichnungen über die Historie von Copán, die man wie ein Buch lesen könnte ...

Fakt ist: Die Bevölkerung von Copán wuchs vor dem Ende rapide an. Führte das zu Hungersnöten? Offenbar kam es zum Notstand, als die einst bewaldeten Berghänge – auch im Rahmen der ausufernden Bautätigkeit – immer stärker abgeholzt wurden. Als dann noch in der Flussebene immer mehr sakrale Bauten errichtet wurden, schwand die landwirtschaftlich nutzbare Fläche. Wurde aus religiösen Motiven der Maisbauern die Lebensgrundlage entzogen, weil imposante Bauten für die Obrigkeit immer wichtiger wurde als Ackerland? Kam es vielleicht doch zur Rebellion der Bauern gegen die im Wohlstand schwelgende Obrigkeit? Versank danach Copán in der Bedeutungslosigkeit? Wurde die einst stolze Stadt von ihren Bewohnern verlassen? Verfielen Bauten wie »Tempel 16« zusehends?

Tempel 16 birgt noch viele
Geheimnisse ... - Foto: W-J.Langbein
Auch wenn es Schulwissenschaftler nicht gern zugeben: Die Fragen zum Ende von Copán sind bis heute nicht beantwortet worden. Man kann eben leider nicht in der Historie von Maya-Städten wie Copán lesen, weil die kostbaren Codices der Maya-Chronisten rigoros und sehr »erfolgreich« zusammengetragen und verbrannt wurden!

Und die steinernen Relikte der einst so bedeutenden Stadt, die gern als das »Paris der Mayas« bezeichnet wird, konnten erst zu einem kleinen Teil erforscht werden! Und das liegt an einer Besonderheit der Maya-Baumeister: Die Architekten der steinernen Tempel bauten im Verlauf der Jahrhunderte übereinander. Sie hatten wohl zu viel Respekt vor den alten Bauten, als dass sie sie hätten niederreißen können. Und so bestatteten sie geradezu liebevoll und sanft sakrale Bauten, um dann darüber ... wie eine neue Haut, Nachfolger zu errichten.

Sie bauten nicht einen neuen Tempel auf einen alten. Sie benutzten nicht ein älteres Bauwerk als Fundament für ein neues. Vielmehr stülpten sie dem älteren Gebäude ein neues über. Das geschah wiederholt, mehrfach nacheinander.

»Tempel 16« macht heute einen eher maroden Eindruck. Genauer gesagt: Was heute als »Tempel 16« bezeichnet wird, ist ein dank Umweltverschmutzung schmuddelig wirkender Pyramidenbau, dessen Treppe einst zu einem Tempelchen führte. Wir wissen heute, dass »Tempel 16« nur die letzte, äußere Hülle von mehreren überinander gestülpten sakralen Bauten ist. Im innersten Kern, so war man lange überzeugt, ruhte der Dynastie-Gründer Yax K'uk' Mo ... Tempel »Rosalila«.

Rekonstruktion des Tempel
Rosalila - Foto talk2winik
Um die Bauhistorie von »Tempel 16« ergründen zu können, müsste man das Bauwerk Stein für Stein abtragen. Dann müsste, so wie man eine Zwiebel schält, Schicht für Schicht demontiert werden. Das müsste dann bei allen Bauwerken geschehen ... die dann zwar im wahrsten Sinne des Wortes ergründet, dabei aber zerstört würden!

Im Lauf verschiedener Besuche in Copán bekam ich in verschiedenen Varianten immer wieder die gleiche mysteriöse Story zu hören. Als innerster Kern werde der älteste Tempel von Copán durch mehrere spätere Schichten geschützt. Er sei dem Gründer der Herrscherdynastie von Copán, Yax K'uk' Mo, gewidmet. Und in der Tat:

Diesen »innersten« Tempel gibt es wirklich: Rosalila wird er genannt. Wie Maulwürfe haben sich Archäologen an diesen ältesten Kern herangegraben und ihn, so gut es unter den widrigen Umständen möglich war, auch erforscht.

Zur Freude der Wissenschaftler war der vermeintliche »Urtempel« erstaunlich gut konserviert worden. Man hatte offensichtlich sehr schonend die späteren Bauwerke darüber geschichtet. So blieben auch Farben in bemerkenswertem Umfang erhalten. So wissen wir heute, dass besagter »Urtempel« aus heutiger Sicht eher kitschig-bunt ausgesehen haben muss. Seine Bonbonfarben erinnern eher an Disneyland. Sie entsprechen ganz und gar nicht unseren Vorstellungen der schönen, dezenten Schlichtheit von Maya-Bauten, so wie wir sie etwas aus Palenque kennen!

Die karge Schlichtheit der Mayabauten, die uns heute so anspricht ... hätte den Mayas überhaupt nicht gefallen. Sie schwärmten für in unseren Augen kitschige Farben. In einer Collage habe ich Bauten aus Palenque und Copán, die »Universität« und »Tempel Rosalila« zusammengefügt, um die so unterschiedlichen ästhetischen Vorstellungen zu verdeutlichen.

Collage aus zwei Mayabauten
Fotos: talk2winik (rechts), W-J.Langbein (links)
Bei meinen Besuchen in Copán hörte ich immer wieder: Im Innersten von »Tempel 16« ruhe in seiner Gruft Yax K'uk' Mo, der Dynastie-Gründer. Immer wieder bekam ich zu hören: Quecksilber in der Gruft – sie sei »randvoll mit dem höchst giftigen, nur in Form von Zahnfüllungen gesunden Material – würde ein Betreten unratsam erscheinen lassen. Dann aber drangen Wissenschaftler, durch Schutzanzüge vor Vergiftung sicher, in das Innerste des Heiligtums. Sie entdeckten auch viele Jahrhunderte alte Knochen. Die aber stammten definitiv von einer Frau, nicht von einem Mann!

In der Quecksilbergruft war also einst eine Lady und kein männlicher Herrscher zur letzten Ruhe gebettet worden! Wieder einmal war die Realität ganz anders als von der Wissenschaft erwartet ... Unklar ist, wer da im altehrwürdigen Grab bestattet wurde, wenn es nicht der erste Herrscher von Copán war. Sollte gar eine Königin in ältesten Zeiten die Metropole regiert haben?

Ich selbst wagte mich nicht in die Quecksilber-Gruft, vielmehr begnügte ich mich damit, im Tunnel der Archäologen herum zu kriechen. So gelangte ich an die Außenseite des Rosalila-Tempels ... zum imposanten Relief vom himmlischen Vogel Vucub Caquix (Aussprache: VO KOB KA KWISH). Der Mythologie der Mayas nach behauptete dereinst, er sei Erde, Sonne, Licht und Mond zugleich. Das gut mannshohe Kunstwerk weist auf die Bedeutung des Tempels hin. Er diente einem Sonnen- und Mondkult ...

Vogelgott Vucub Caquix
Foto: Walter-Jörg Langbein
»Die Lady in der Quecksilbergruft war die erste Herrscherin von Copán!« meinte ein einheimischer Archäologe zu mir. »Und der himmlische Vogel steht für den ewigen Kreislauf von Tag und Nacht, von Leben und Tod!« Er führte mich in der Unterwelt von Copán an die Außenmauern des begrabenen Tempels ... und erklärte mir die Bäume aus Stein.

»Die Bäume aus Stein stehen für die Welt zwischen Unterwelt und Himmel. Sie verhindern, dass der Himmel auf die Erde herabstürzt! Bevor es die lebenden Ceiba-Bäume gab, ragten Bäume aus Stein von der Erde bis an den Himmel. Ohne diese tragenden Säulen hätte es kein Leben auf unserer Erde geben können!«

Abends wurde es bitter kalt in Copán Der Archäologe entfachte ein Feuer. Und er begann zu erzählen. Von den ältesten Göttinnen, die von Göttern verdrängt worden seien. »Man machte sie in christlichen Zeiten zu Dämonen! Dabei müssen bösartig aussehende Fratzen keineswegs auch in den Augen der Mayas böse gewesen sein! Fakt ist: In Copán wurde ein Relief der Mondgöttin Ixchel gefunden, die auch als Erdgöttin verehrt wurde. Ixchel war auch für die Fruchtbarkeit zuständig ... und trug in Darstellungen oft den symbolträchtigen Hasen im Arm! Ixel wirkte zerstörerisch, indem sie periodisch-zyklisch immer wieder mit Orkanen das Leben von der Erde wischte ... und sie spendete segensreichen Regen, der wieder neues Leben gedeihen ließ! Übrigens: Die Mayas erkannten in den Flecken des Mondes nicht unseren »Mann«, sondern ihren Hasen.

Seltsamer »Zufall«: Die Kelten verehrten die Göttin Eosterpe, die sie mit Mond und Hase darstellten. Eosterpe lebt im englischen Easter weiter ... in unserem »Ostern« ... mit dem »Osterhasen«, der älter als das Christentum ist!

Aus Göttinnen wurden
Dämonen.
Foto: W-J.Langbein
Gern erinnere ich mich an die »Privatführung« in die Unterwelt von Copán durch einen örtlichen Archäologen ... zu den Masken der Göttlichen, die von den Mayas so sorgsam beerdigt wurden ... und durch den mystischen Wald aus Stein ... Am abendlichen Lagerfeuer wurden uralte Mythen förmlich wieder spürbar.

Literatur:
Grube, Nikolai (Herausgeber): »Maya/ Gottkönige im Regenwald«, Köln 2000





»Geheimnisvolle Stelen, mysteriöse Altäre«,
Teil 158 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 27.01.2013

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Sonntag, 24. April 2011

66 »Das Geheimnis der Feuerräder«

Teil 66 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Ein Feuer lodert auf, die Flammen züngeln hoch in die Nacht. Schwarz heben sich die Konturen von Menschen von der Feuersglut ab. Sie scheinen um die Feuersglut zu tanzen...und plötzlich löst sich etwas aus dem Osterfeuer etwas. Es ist eine Scheibe, ein Rad, ein Feuerrad. Es wird Richtung Tal gestoßen.



Kanonenschläge donnern und der Schall wird weit hinaus in die österliche Nacht getragen. Langsam dreht sich das erste Feuerrad um die eigene Achse... Es wird immer schneller... und saust den Berghang hinab, immer schneller und schneller. Es gerät ins Trudeln, rollt aber schwankend und wankend immer weiter und weiter hinab ins Tal. Irgendwo in der Dunkelheit der Nacht stürzt es, fällt und lodert auf... Applaus brandet auf. Je weiter hinab es gelangt, desto besser soll die Ernte ausfallen, so besagt es ein alter Volksglaube.

Sechs Osterräder kommen Ostersonntag für Ostersonntag in Lügde – seit 1979 meine Heimat – zum Einsatz. Jedes dieser Räder hat einen Durchmesser von 1,70 m. Jedes Rad besteht aus vier Lagen Eichenholz. Massive Stahlbolzen halten sie zusammen. Zwei gekreuzte Balken bilden die Speichen.

Der Feuerräderlauf von Lügde
Wichtiges Detail: Im Zentrum eines jeden Rades befindet sich ein etwa faustgroßes Loch. Durch dieses Loch wird eine fast fünf Meter lange Stange aus Buchenholz gesteckt. Sie verhindert, dass das Rad beim rasanten Weg ins Tal umkippt und liegenbleibt. Jedes Rad wir mit etwa fünfzehn Bund Roggenstroh gestopft. Es wird eine eigens für diesen Zweck angebaute Langstrohart verwendet.

Wie alle Jahre wieder sind auch am heutigen Ostersonntag Tausende in das Städtchen Lügde gekommen, um den alten Brauch der Feuerräder zu zelebrieren. 20 000 Besucher sind keine Seltenheit. Für viele der Gäste ist der alte geheimnisvolle Brauch nur ein lustiges Volksfest... dessen heidnischer Ursprung von der Kirche gern verdrängt würde.

Heute wird jedes der sieben Zentner schweren Räder bei seinem Lauf hinab ins Emmer-Tal vom Leuten einer Kirchenglocke begleitet. Anno 1743 und 1781 aber hat die katholische Kirche versucht, den Brauch zu verbieten. Dem Herrn Bischof zu Paderborn, so heißt es, sei zu Ohren gekommen dass es im Zusammenhang mit dem Osterräder-Lauf zu unchristlichen Ausschweifungen gekommen sei.

Anno 784 soll Karl der Große höchstselbst nach Lügde gekommen sein, um in der Kilianskirche Weihnachten zu feiern. Karl der Große bekämpfte mit Nachdruck alles »Heidnische«. Er muss die heidnische »Irminsul-Säule« bei den Externsteinen gehasst haben. Für ihn war der Glaube an einen anderen als den christlichen Gott ein direkter Angriff auf seine persönliche Autorität. Christentum war Pflicht für seine Untertanen. Wer sich widersetzte, bekam das Schwert zu spüren... Vermutlich ging es dem Herrscher nicht um »den« wahren Glauben, sondern um seine möglichst alle Lebensbereiche dominierende Macht!

Die Kilianskirche von Lügde
Foto: W-J.Langbein
Karl der Große empfand den »Brauch der Osterräder« als sündiges Relikt aus vorchristlichen Zeiten. Nun ließ Karl der Große bekanntlich »Heiden«, die sich partout nicht taufen lassen wollten, niedermetzeln. (Man denke an das grässliche Blutbad von Verden!) Gegen den Osterräderlauf konnte er aber nichts ausrichten. Widerwillig gestattete er eine christianisierte Form des Jahrtausende alten Festes.

Dabei war der Ursprung dieser archaischen Feier alles andere als christlich: Vor Jahrtausenden gab es bei allen alten Völkern einen Sonnenkult. Das Feuerrad versinnbildlicht die lodernde Sonnenscheibe. Es ging in den frühen Kulten und Religionen um Tod und Leben, um Sterben und Wiedergeburt... um den Tod der Natur im Winter und um ihre Wiedergeburt im Frühling. Für viele Menschen bedeutete die Winterzeit (in anderen Gefilden: die Trockenzeit) oft lebensbedrohliche Gefahr. Lange Winter führten zu Hungersnöten. Vitaminmangel in dieser Zeit bedeutete Krankheit. Sehnsüchtig wurde der Frühling herbeigesehnt.

Das Fest der Feuerräder läutete die Herrschaft der Ostera ein. Für die Kelten war es Mutter Erde, die nach der Starre des Winters wieder neues Leben aufkeimen ließ.

Für die »Heiden« war Ostern das Fest der Wiedergeburt der Natur.... für die Christen blieb der Gedanke an die »Wiedergeburt« erhalten: als Auferstehungstermin Jesu. Nach wie vor wird Ostern nach dem alten heidnischen Mondkalender gefeiert: Ostern fällt stets auf den ersten Sonntag, der dem ersten Vollmond nach der Frühlings-Tagundnachtgleiche folgt!

Im »Oster-Fest« lebt eine heidnische Göttin weiter: Erst im Mittelalter bekam das zentrale »christliche« Fest seinen Namen: »Ostarun« (»Ostern«), abgeleitet vom Namen der Frühlingsgöttin »Ostara«, auch »Eostre«. Ostara war die Göttin der Morgenröte, auch als Venus bekannt. Sie war die Göttin der Fruchtbarkeit... Was kaum jemand weiß: der Osterhase ist das Tier der Liebesgöttin Ostera...

Verfolgen wir kurz die Spur der Göttin in die Vergangenheit: Die Frühlingsgöttin entspricht im Alten Testament der Astarte. Die Verehrung der Astarte wiederum war den Jahwe-Anhängern offiziell strengstens verboten. Salomo, der Weise, so berichtete es das erste Buch der Könige, hat dennoch Astarte angebetet. Als Herrin von Byblos dürfte sie aber schon Jahrtausende vor dem Eingott Israels angebetet worden sein. Sumerische Rollsiegel aus Lagasch zeigen sie schon um 2300 v.Chr. als Himmelskönigin. Sie führte das Regiment über Sterne und Tote.

Der Feuerräderlauf von Lügde, 24.4.2011
Foto: Walter-Jörg Langbein
Zu Ostern rollen nicht nur, altem heidnischen Brauch folgend, die Lügder Feuerräder ins Tal. Hase und Ei waren aber schon sehr viel länger die Symbole der Venus-Göttin Ostara. Wer den Brauch, Ostereier zu verschenken, erstmals zelebrierte.. wir wissen es nicht. Bekannt ist, dass sich schon die alten Perser zum Tag der Fruchtbarkeitsgöttin Eier schenkten! Fakt ist aber: Unsere »christlichen« Oster-Symbole halten uralten »heidnischen« Glauben am Leben: an die Magie des Lebens, das ewig währt.

Unser Osterbrauchtum basiert auf vorchristlichen Glaubenswelten, auf magischen Bildern vom Werden, Aufblühen, Verwelken und Absterben der Natur... und von neuerlichem Werden.

Anscheinend war der Kult mit den brennenden Feuerrädern einst in Deutschland und im angrenzenden Europa weit verbreitet. So wussten die Gebrüder Grimm von einem solchen magischen Ritus zu berichten, der sich in Konz, an der Mosel gelegen, großer Beliebtheit erfreute. Auch in Oberbayern, im Würzburger und in Kärnten ließ man vor Jahrzehnten noch die brennenden Räder rollen.

Nach einer Lebensbeschreibung des Heiligen Vincet von Agen kam der fromme Mann bei einer Kollision mit so einem »heidnischen Rad« bei Agen, Südfrankreich, ums Leben... im vierten Jahrhundert. In England und Irland war der Brauch bis ins 16. Jahrhundert bekannt.

Wie viele Kultstätten es einst in Europa gab, die dem »Feuerrad-Ritus« geweiht waren ... niemand vermag das zu sagen. Viele Jahrhunderte wurden Geschichtsaufzeichnungen von Klosterbrüdern geschrieben und kopiert. Den christlichen Mönchen waren derlei »heidnische« Feiern ein Gräuel. Sie verschwiegen sie in ihren Büchern und bekämpften sie, wo das nur möglich war.

Notgeld Lügde 1921 - 1 Mark Rückseite
Motiv Feuerräderlauf von 1920
Archiv W-J.Langbein
Heute, so scheint es, rollen die Feuerräder nach Jahrtausende altem Brauch nur noch im Lügde. So sehr ich mich darüber freue, dass auf diese Weise ursprüngliches Glaubensgut zumindest zeremoniell weiterlebt... so sehr stört mich doch der Jahrmarktscharakter heute. Das einstmals heilige Ritual wird mehr denn je eingebettet in ein Volksfest mit »Eventcharakter«. Würstchenbuden, Bierseligkeit und Musikgedudel aus Lautsprecherboxen passen nicht wirklich zur ursprünglichen Bedeutung des Fests.

Wie lange mögen die Feuerräder noch rollen? Hoffentlich noch lange. Ich bin da zuversichtlich: Die Räder haben die Christianisierung ebenso überstanden wie die chaotischen Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts und die versuchte Vereinnahmung durch die Nazis. Sie werden auch vordergründigen Jahrmarktstourismus überleben.

Einst hatte der Feuerräderlauf einen ernsten Hintergrund: Das Ritual galt dem Erhalt des Lebens, der Natur... der kommenden Ernte, die ausreichend Brot bescheren sollte. Heute werden Nahrungsmittel wie Mais und Weizen zum »umweltfreundlichen« Zusatz für Benzin (E 10) verarbeitet.... und das in einer Welt, in der mehr Menschen denn je Hungers sterben. Wir sollten uns endlich wieder der alten menschlichen Werte besinnen!


»Der Engel der Apokalypse und der Bienenkorb aus Stein«,
Teil 67 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 01.05.2011


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