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Sonntag, 10. Juli 2016

338 »Die Göttin auf dem Berg«

Teil 338 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Blick auf den Staffelberg

Meine ersten Erkundungen führten mich in jugendlichen Jahren zum Staffelberg bei Staffelstein. Als Kind hoffte ich, den einen oder den anderen »Querkeles«-Zwerg beobachten zu können. Aus der eher schmuddeligen und häufig von Besuchern verunreinigten Höhle hatten sich die kleinen Wesen wohl längst zurückgezogen. Meine Urgroßmutter hatte mir so manche Sage erzählt, von den Staffelberg-Zwergen, wie emsig sie einst den Menschen halfen und ihnen schwere Arbeiten abnahmen. In Sagen wird auch überliefert, dass die Querkele heilkundig waren und bei der Pflege von Kranken halfen.

Die Leibspeise der Querkele waren die fränkische Spezialität schlechthin, nämlich rohe Kartoffelklöße. Gelegentlich stibitzten sie den einen oder den anderen Kloß. Die klugen Hausfrauen gingen stillschweigend darüber hinweg. Eine geizige Frau indes versuchte, derlei harmlosen Mundraub zu unterbinden. Das kränkte die Querkele sehr und sie zogen sich aus den Behausungen der Menschen zurück. Ob sie sich noch am Staffelberg aufhielten? 

Als Bub durchstöberte ich manches Mal die bewaldeten Hänge des Staffelbergs. Ich kroch durch Gestrüpp, krabbelte manche Böschung hinauf. Ich bekam aber weder irgendwelche Spuren der kleinen Wesen, noch einen Querkele selbst zu sehen. Besonders intensiv erkundete ich die Westflanke des Staffelbergs, dem sich der Würzburger Weihbischof Söllner anno 1654 nur ehrfurchtsvoll zu nähern wagte. »Dieser Berg ist ein heiliger Berg. Ich bin nicht würdig, ihn mit Schuhen zu besteigen.«, soll der Kirchenmann einst gesagt haben.

Besonders interessant fand ich die Erkundung des Staffelbergs von Staffelstein aus. Von der Victor-von-Scheffel-Straße aus ging‘s am Friedhof vorbei, steil hinauf auf den Staffelberg. Leider fand ich kein einziges Querkele. Über die Reste der einstigen Wallanlage, von den Kelten vor rund zwei Jahrtausenden angelegt, kroch ich suchend umher. Eingänge zu Höhlen fand ich keine.

Foto 2: Der Eremit Valentin vom Staffelberg

Auf einer meiner jugendlichen Erkundungstouren begegnete mir ein freundlicher, bärtiger älterer Herr, der mit einer spitzen Metallstange im Boden stocherte. Der Mann hätte wohl Karl May als Vorbild für eine seiner Fantasiegestalten dienen können. Er trug eine Art Kutte, er ähnelte darin Valentin Mühe, der von 1913 bis 1925 als Eremit Valentin auf dem Staffelberg lebte. 1925 erkrankte er schwer und verließ den Staffelberg. Ausschlaggebend für seinen Entschluss, seine bescheidene Klause zu verlassen, mag auch die üble Verschmutzung des einst heiligen Bergs gewesen sein. Besonders an hohen kirchlichen Feiertagen wie Ostern strömten die Menschen in Scharen auf den Berg und Bruder Valentin verzweifelte, weil er seinen Berg nicht ausreichend schützen konnte. 1925 verliert sich jede Spur des frommen Mannes.

Der Mann mit der Kutte erklärte mir, dass er nach einem »Brunnenschacht der Kelten« suche. Er habe schon das »gesamte Plateau« überprüft, aber keinen Hinweis gefunden. Vielleicht habe man ja die Adelgundis-Kapelle über dem Brunnenschacht gebaut. Tatsächlich soll bereits um das Jahr 800 ein kleines Gotteshaus auf den Resten eines »heidnischen Kultbaus« errichtet worden sein. 1419 wird die »Adelgundiskapelle« erstmals urkundlich erwähnt. Ob es sich dabei um die Kapelle aus dem Jahr 800 handelte, bleibt unklar.

Foto 3: Befestigungsmauer Staffelberg.

Sicher ist, dass es vor rund zwei Jahrtausenden auf dem Staffelberg das keltische Oppidum Menosgada gegeben hat, eine stark befestigte Anlage, geschützt durch ein komplexes System aus Wällen, die den gesamten Staffelberg umschlossen. Dank archäologischer Ausgrabungen konnte die Schutzmauer um das Plateau des Staffelbergs in einem kleinen Teilstück rekonstruiert werden, und das bis in kleinste Details! Vermutlich waren es keltische »Adlige«, die im 5. Und 6. Jahrhundert auf der Hochfläche – 350 Meter lang und 125 Meter breit – siedelten. Die imposante Schutzmauer war immerhin fünf Meter breit und drei Meter hoch. Paul und Sylvia Botheroyd merken in ihrem beachtenswerten Werk »Deutschland/ Auf den Spuren der Kelten« an (1): 

»Im Nordosten ließen sie die Mauer sogar doppelt anlegen. Die Häuser der Siedlung waren teilweise an die Mauer angebaut; der Herr hatte den Funden nach Töpfer und Schmiede in seinen Diensten stehen – Keramik, Bronzenadeln und – anhänger und einige sehr hübsche Fibeln, eine als Pferdchen gearbeitet, gehören dazu. Das Eingangstor zu dieser Burg dürfte an der Stelle gelegen haben, wo der moderne Weg das Plateau erreicht.«

Damit nicht genug! Weiter unten am Staffelberg wurde eine weitere Stadtmauer errichtet – 3000 Meter lang. Ein fast fünfzehn Meter breiter Erdwall wurde aufgeschüttet, riesige Mengen Holz wurden für eine sechs Meter hohe Bohlenwand benötigt. Bevor anrückende Feinde Wall und Holzbohlenwand angehen konnten, mussten sie erst einen zehn Meter breiten Graben überwinden. Übrigens war der Graben über weite Strecken nicht einfach nur ausgehoben, sondern in den Fels geschlagen worden. Der Arbeitsaufwand für das Oppidum auf dem Staffelberg war immens!

Darf man davon ausgehen, dass es innerhalb der Keltenstadt auch ein Heiligtum gegeben hat? Konkrete Hinweise oder gar definitive Spuren hat man freilich in der Keltenmetropole auf dem Staffelberg nicht gefunden. Wilfried Menghin weist in seinem empfehlenswerten Werk »Kelten, Römer und Germanen/ Archäologie und Geschichte in Deutschland« darauf hin (2), dass die mysteriösen Viereckschanzen, auch »Keltenschanzen« genannt, wie die Keltenstädte gleichen Einflüssen unterliegen. Er spricht von »religiös-architektonischem Einfluss«.

Foto 4: Oppidum Manching

Die Befestigungsanlagen der Kelten auf Bergen wie dem Staffelberg sind um einiges älter als die »Vierecksschanzen«. So sind keltische Befestigungsanlagen auf dem Staffelberg schon ab etwa 600 v.Chr. nachweisbar. Auch auf dem »flachen Land« schufen die Kelten Oppida. Das Oppidum von Manching (bei München, unweit von Ingolstadt gelegen) wurde einige Jahrhunderte vor den Schanzen gebaut und erreichte enorme Ausmaße für die damalige Zeit. In der zweiten Hälfte des 2. Vorchristlichen Jahrhunderts lebten bis zu 10.000 Menschen in der Anlage. Die mächtige Stadtbefestigung – eine »Monstermauer« mit einer Länge von über sieben Kilometern! Eine Rekonstruktion der zentralen Siedlungsfläche des Oppidums Manching im Keltenmuseum zu Manching lässt staunen, wie zivilisiert die Kelten schon gewesen sein müssen. Ihre Städte waren präzise geplant und wie auf dem Reißbrett gebaut. »Primitive« waren da nicht am Werk!

Foto 5: Das Heidetraenk Oppidum

Das »Heidetränk Oppidum«, bei Oberursel im Taunus gelegen, gilt als eine der wichtigsten Anlagen dieser Art von ganz Europa. Dieses bedeutsame Oppidum, etwas jünger als die wehrhaften Keltensiedlungen vom Staffelberg oder Manching, ist kaum von Keltenschanzen (etwa Herlingsburg!) zu unterscheiden.

Nach Erkundung mehrerer Oppida und Keltenschanzen komme ich zur Überzeugung, dass die mysteriösen »Schanzen« kleinere Abbildungen der älteren Keltenstädte (Oppida) sind. Umstritten ist, ob es sich bei den Keltenschanzen ausschließlich um landwirtschaftliche Höfe von Kelten oder ausschließlich um Tempelanlagen handelte. Vermutlich gibt es für geschätzte 20.000 bis 40.000 Keltenschanzen nicht eine einheitliche Erklärung. Bei manchen mag es sich um kleine befestigte Tempel, bei anderen um ebenfalls befestigte Höfe mit Wohngebäuden, Stallungen und Tempeln gehandelt haben. »Eingefriedete heilige Bezirke« weisen nach Ausgrabungen »tiefe Kultschächte«, »Opferfeuerstellen« und »hölzerne Umgangstempel« auf.

Foto 6: Der Staffelberg...

Der Mann mit Kutte, der mir an einem Steilhang des Staffelbergs begegnete, stocherte mit einer Metallstange im Boden herum. Warum er das tat? Ich fragte natürlich. Auf diese Weise wolle er, erklärte er mir geduldig, die verfüllte Öffnung eines »Opferschachts« finden. Vergeblich. Ob es je im Oppidum vom Staffelberg einen »Opferschacht« gegeben hat? Intensive Ausgrabungskampagnen wären erforderlich, doch es fehlt das nötige Geld!

Sollte die Überlieferung der Wahrheit entsprechen, wonach die Adelgundis-Kapelle auf den Resten eines heidnischen Tempels gebaut wurde? Das kleine Gotteshaus ist der Heiligen Adeldgundis geweiht. Die heilige Aldegundis soll tatsächlich gelebt haben (* um 630 in Coulsore, Frankreich; † 684, 695 oder 700). Sie gehört zu den Nothelferinnen und ist für Katholiken himmlische Anlaufstelle bei Krankheit und Todesgefahr. Ihr Gedenktag ist der 30. Januar. Am 1. Februar wird die Heilige Brigitte von Irland gefeiert. Zufall?

Foto 7: Heiligenhäuschen der Adelgundis

»Das Namensfest der hl. Adelgundis liegt in verdächtiger Nähe zum 1. Februar, dem Geburtstag der heiligen Brigitte von Irland, die damit das keltische Fest Imbolc, den Frühlingsanfang, christianisierte. Interessanterweise befindet sich die heilige Brigida unter den 16 Nothelfern, die in der Kapelle mitverehrt werden.«, lesen wir bei Paul und Sylvia Botheroyd (3).

Und jetzt wird es spannend. Weiter: »Die irische Brigid ist ursprünglich eine uralte, vermutlich schon vorkeltisch verehrte Feuer-, Sonnen- und Muttergöttin. Das sonnenüberflutete Bergplateau hoch über dem Maintal wäre an sich ein passender Ort für die Verehrung einer lichten Gottheit.«

Wer also hinauf auf das Plateau des Staffelbergs wandert, der tritt eine weite Reise in die Vergangenheit an: zu den Kelten und zur Göttin auf dem Berg, die schon lange vor den Kelten verehrt wurde.

Verblüffend ist die Ähnlichkeit zwischen der heidnischen Brigid und der christlichen Maria. Die heidnische Göttin gilt auch als die »Lichtjungfrau«, als »die vom Strahlenkranz Umgebene«. Brigid löst als Göttin des Frühlings die Mächte der winterlichen Kälte ab. Und Maria hat am 2. Februar auch einen ganz besonderen, christlichen Feiertag: »Mariä Lichtmess«. Nach mosaischem Gesetz darf ein neugeborener Knabe frühestens nach vierzig Tagen in den Tempel gebracht und vorgezeigt werden. Warum erst nach 40 Tagen? Weil nach dem Gesetz des Alten Testaments eine Frau nach der Geburt eines Buben 40 Tage als unrein galt (4). Durch die Geburt eines Mädchens allerdings wurde sie nach diesem Verständnis mehr beschmutzt, und galt doppelt so lang als »unrein«.

Das ist der biblische Ursprung des Fests von Mariae Lichtmess am 2. Februar, als Ersatz für das heidnische Frühlingsfest. Am 2. Februar beginnt nach dem uralten Bauernkalender das neue Jahr. Das erstarrte Leben erwacht wieder. Ist nicht das Ziel jeder Religion, die Angst vor dem Tod zu nehmen, vor der ewigen Kälte eines schwarzen Nichts?

Foto 8: Der heilige Berg bei Staffelstein
Fußnoten

Foto 9
1) Botheroyd, Paul und Sylvia: »Deutschland/ Auf den Spuren der Kelten«, München 1989, Kapitel Staffelstein, S. 193-196, Zitat S. 194
2) Menghin, Wilfried: »Kelten, Römer und Germanen/ Archäologie und Geschichte in Deutschland«, Lizenzausgabe, Augsburg 1994, S. 127
3) Botheroyd, Paul und Sylvia: »Deutschland/ Auf den Spuren der Kelten«, München 1989, Kapitel Staffelstein, S. 193-196, Zitat S. 194
4) 3. Buch Mose Kapitel 12, Verse 2-4: »Sag zu den Israeliten: Wenn eine Frau niederkommt und einen Knaben gebiert, ist sie sieben Tage unrein, wie sie in der Zeit ihrer Regel unrein ist. Am achten Tag soll man die Vorhaut des Kindes beschneiden und dreiunddreißig Tage soll die Frau wegen ihrer Reinigungsblutung zu Hause bleiben. Sie darf nichts Geweihtes berühren und nicht zum Heiligtum kommen, bis die Zeit ihrer Reinigung vorüber ist.«
5) 3. Buch Mose Kapitel 12, Vers 5: »Wenn sie ein Mädchen gebiert, ist sie zwei Wochen unrein wie während ihrer Regel. Sechsundsechzig Tage soll sie wegen ihrer Reinigungsblutung zu Hause bleiben.«



10. Juli 2016: Während ich letzte Vorbereitungen für meine Reise nach Bad Segeberg am 13. Juli 2016 treffe , flattert mir eine hochaktuelle Meldung auf den Schreibtisch: Archäologen haben im Allgäu eine sensationelle Entdeckung gemacht! In Jengen, im Ostallgäu gelegen, wurden 4000 Jahre alte Gräber entdeckt. Bei Ausschachtungen für eine Tiefgarage  stieß man auf mehrere Skelette, Schmuck und Objekte aus Bronze. Unklar ist, wann mit den Bauarbeiten begonnen werden kann. Vorher müssen sorgsame archäologische Untersuchungen vorgenommen werden. Zuständig ist der aus Kaufbeuren stammenden Archäologe Marcus Simm.


 Zu den Fotos

Foto 1: Blick auf den Staffelberg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Eremit Valentin in seiner Klause. Foto Archiv Langbein
Foto 3: Befestigungsmauer Staffelberg. Foto commons Janericloebe
Foto 4: Oppidum Manching. Foto wikimedia commons Mößbauer
Foto 5: Heidetraenk Oppidum. wikimedia commons Rabalotoff
Foto 6: Der Staffelberg... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Heiligenhäuschen der Adelgundis vom Staffelberg. Foto wikipedia commons Janericloebe.
Foto 8: Der heilige Berg bei Staffelstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Rätselhafte keltische Münze, etwa 2.-3. Jahrhundert vor Christus


339 »Karl May und die Pyramide«,
Teil 339 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 17.07.2016


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Sonntag, 12. Juni 2016

334 »Halloween und der Mord an John F. Kennedy«

Teil 334 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Halloween 1963
Es wird langsam Abend. Dunkelheit legt sich über die Straßen. Nach und nach tauchen grimmige Rundköpfe vor Türen und Fenstern auf. Und Horden von Monstern und Tierwesen erobern nach und nach Stevensville, ein kleines Dörfchen am Michigansee. Stockdunkel ist es, doch die Fratzen der Ballonköpfe sind deutlich zu erkennen.

Manche Menschen haben ihre Jalousien herabgelassen, alle Lichter im Haus gelöscht, Türen und Fenster geschlossen. Es klingelt immer wieder Sturm, aber sie reagieren nicht. Manche sind bewusst und gezielt verreist. Andere schreien durch die geschlossenen Türen, die ungebetenen Besucher mögen abhauen. Andere wieder warten hoffnungsvoll, öffnen bereitwillig. Vor ihnen stehen Kinder, als Monster oder Tiere kostümiert. Viele sind nur fantasievoll geschminkt. Alle sind aufs Gleiche aus. Alle haben es sehr eilig, denn die Konkurrenz ist groß. Je schneller man unterwegs ist, desto mehr Beute kann man einsacken.

Wir schreiben den 31. Oktober 1963. Es ist Halloween. Ich bin mit meinem Bruder und einer Gruppe anderer Kinder unterwegs. Wir eilen von Haus zu Haus, klingeln wie wild. Endlich öffnet jemand. Wir schreien »Trick o‘ treat«, was sich am ehesten mit »Scherz oder Süßes« übersetzen lässt, halten Tüten und Beutel hin, nehmen Naschereien entgegen. Schon geht es weiter. Es muss schnell gehen. Viele Kinder sind unterwegs. Wer keine Süßigkeiten herausrückt, wird »bestraft«. Wir haben Zahnpastatuben dabei. Damit beschmieren wir die Türen jener, die uns unverrichteter Dinge wieder abziehen lassen.

Foto 2: Martin Luther
So lernte ich anno 1963, am 31. Oktober, als Neunjähriger, Halloween kennen. Heute über ein halbes Jahrhundert später, ist »Halloween« auch in Deutschland angekommen, wenn auch nicht überall beliebt. Manche Kritiker wenden ein: »Müssen wir denn jeden Quatsch aus Amerika übernehmen?« In der Tat: »Halloween« kommt aus den Staaten, aber – zurück. »Halloween« hat seinen Ursprung in Europa!

Der Name »Halloween« lässt sich auf »All Hallows‘ Eve« zurückführen. Damit ist der Abend vor Allerheiligen gemeint. Auf das christliche Hochfest »Allerheiligen« (1.November) folgt unmittelbar »Allerseelen« Zu »Allerseelen« gedenken die katholischen Christen ihrer Verstorbenen. 

Nach altem Kirchenglauben kann man für die Verblichenen Gutes tun, besonders für die armen Sünder, deren Seelen im Fegefeuer schmoren. Sünder, die keine Nachkommen haben, sind schlecht dran. Niemand kauft sie frei. Sie müssen bis zum Ende abbüßen. Die Ostkirchen maßen der Lehre vom Fegefeuer nie wirklich große Bedeutung zu, die Kirchen der Reformation haben sie abgeschafft, nur die römisch-katholische Kirche hält bis heute an ihr fest.

Foto 3: Menschen im Fegefeuer


In den  frühen 1970er Jahren erlebte ich als Student in Theologenkreisen der evangelisch-lutherischen Kirche heftige Diskussionen. Der katholischen Kirche gehe es doch nur um schnöden Mammon! Man verbreite Angst, mache den Gläubigen ein schlechtes Gewissen, indem man ihnen gern auf drastische Weise das Leiden und die Qualen ihrer dahingeschiedenen Verwandten im qualvollen Fegefeuer schildere. Dann sei man ja gern dazu bereit, es sich etwas kosten zu lassen, die Seelen lieber Toter vorzeitig aus dem Fegefeuer zu befreien. Natürlich hofft man dann auf ähnliche Hilfen durch die Nachkommenschaft, so man denn dereinst selbst im Fegefeuer schmachtet und leidet. Wie hieß es einst so schön? »Die Seele in den Himmel springt, wenn das Geld im Kasten klingt.«

Foto 4: Noch eine sehr alte Darstellung des Fegefeuers

Seit Jahren werde ich immer wieder gefragt, ob es denn zutreffe, dass der Vatikan das Fegefeuer abgeschafft habe. Manchmal gehe ich in Vorträgen auch auf das Fegefeuer ein, werde dann – nicht selten etwas grob –  »korrigiert«: »Sie sind schlecht informiert! Diesen Ort der Qual gibt es nach neuern Aussagen der katholischen Kirche gar nicht!«

Foto 5: Fegefeuer im Vorraum einer Kirche
Es gibt ihn nach katholischer Glaubenslehre nach wie vor. Abgeschafft wurde nicht das »purgatorium« (zu Deutsch »Reinigungsort«, volkstümlich »Fegefeuer«), sondern der sogenannte »limbus«. Der »limbus« war nach offizieller Lehrmeinung eine Art Warteraum. Die Seelen von ungetauften Babys wanderten nach dem vorzeitigen Tod der kleinen Wesen zunächst in den »limbus«, wo sie bis ans Ende der Zeit ausharren mussten. Nachdem der Vatikan den »limbus« für nicht existent erklärt hat, gelangen die unschuldigen Babyseelen sofort ins Paradies. Nach der mittelalterlichen Vorstellung harrten in diesem Wartezimmer auch jene guten Menschen, die vor Christi Geburt lebten.

Im 1992 veröffentlichten Katechismus der katholischen Kirche suchte man nach dem »limbus« bereits vergeblich. Kardinal Joseph Ratzinger hatte bereits vor seiner Wahl zum Papst (anno 2005) die Vorhölle als »nur eine theologische Hypothese« bezeichnet und empfohlen, den Glauben daran abzulehnen. Ein Gremium von Theologen unter Leitung des Erzbischofs von Dijon Roland Minnerath folgte diesem Ansinnen und erklärte den mittelalterlichen Glauben im Frühjahr 2007 für obsolet. Am 20. April 2007 verkündete Papst Benedikt XVI. das Ende des »limbus«.

Foto 6: Flugblatt in Sachen Luther-Thesen

Zurück zu den Diskussionen in Lutheranerkreisen. Zur Sprache kam auch das damals in Deutschland so gut wie unbekannte »Halloween«. Am 31. Oktober gedenkt man doch der lutherischen Reformation und des heldenhaften Martin Luther, der anno 1517 am Abend vor Allerheiligen seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt hat! Und zwar just zum Themenbereich »Ablass und Buße«. Inzwischen wird in der Wissenschaft die schöne Geschichte von den Thesen an der Kirchentür stark angezweifelt. Und wenn sie tatsächlich erfolgt sein sollte, hat damals die allgemeine Bevölkerung nichts davon mitbekommen. Nur ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung war des Lesens kundig. Und Laien verstanden mit Sicherheit nicht Luthers Ausführungen, denn die waren in Latein verfasst.

Mit Abscheu blickte man auf den »amerikanischen« Brauch »Halloween« herab, der womöglich das altehrwürdige Reformationsfest beschmutzen könne. Damals stand freilich »Halloween« noch nicht vor Deutschlands Türen. Erst anno 1978 kam der Film »Halloween – Die Nacht des Grauens« von John Carpenter bei uns in die Kinos. Das Horrorspektakel war so erfolgreich, das nach und nach eine ganze Filmreihe daraus wurde. Immer wieder wurde auf der Leinwand in der Halloweennacht gemetzelt und gemordet.

Foto 7: John F. Kennedy. Foto Walter Langbein sen.

Was bei meinen lutherischen Mit-Studenten besondere Empörung auslöste, das war der »heidnische Ursprung dieses bösen Spuks«, wie es ein Professor der Kirchengeschichte formulierte. Nicht bedacht hat der gelehrte Mann freilich, dass so manch‘ vermeintlich urchristliches Glaubensgut ersten Ranges heidnische Wurzeln hat. So geht die christliche Lehre der Dreifaltigkeit auf sehr viel ältere und heidnische Götter-, ja gar Göttinnen-Triaden zurück! Woher aber kommt der »Halloween«-Brauch? Hat er auch heidnische Wurzeln?

Der amerikanische Brauch, zum »Halloween«-Fest Kürbisse aufzustellen, geht auf altes Brauchtum in Irland zurück. Allerdings höhlte man da Rüben aus, schnitzte Gesichter hinein und beleuchtet die kleinen Kunstwerke von innen mit einer Kerze. Man stellte sie vor Häuser und Stallungen, um böse Geister abzuschrecken. Irische Auswanderer nahmen den Brauch mit in die USA. Man stieg allerdings von Rüben auf Kürbisse um. In den USA ist »Halloween« längst zum Gaudium ohne tieferen Hintergrund geworden. Evangelikale Christen lehnen entsetzt »Halloween« als okkultes Teufelswerk ab.

James Frazer erklärte, dass sich da (1) »ein altes heidnisches Totenfest unter dünner christlicher Hülle verbirgt«. Sein Opus »The Golden Bough« (»Der Goldene Zweig«) erschien 1906 bis 1915 in zwölf Bänden. Auch die altehrwürdige »Encyclopaedia Britannica« führt das christliche Allerheiligen auf ein heidnisches Halloween zurück. Das »Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens« erkennt ein keltisches Totenfest als Ursprung von »Allerheiligen«.  So verwirrend die vielfältigen Thesen auch sind, mir leuchtet am ehesten ein, dass die Kelten eine Rückkehr der Toten aus der Welt der Geister für möglich hielten, ja befürchteten. Zum Sommerende wurde das Vieh von den Weiden in die heimischen Ställe zurück geholt. Und die Totengeister machten sich auf den Weg zurück in ihre einstigen Heime. Wollten sie nur noch einmal sehen, wo sie zu Lebzeiten gehaust hatten, bevor sie in die jenseitige Welt schritten? Wollten sie nur beobachten? Wollten sie sich still verabschieden oder doch die »lieben Nachkommen« piesacken? Offenbar waren sie keine willkommenen Gäste.

Foto 8: Präsident John F. Kennedy. Foto W. Langbein sen.

Feuer auf Berggipfeln wurden entzündet (2), um  böse Totengeister zu vertreiben. Und wenn sie es doch bis vor die Haustüre schafften? Dann trugen die Menschen Masken und Verkleidungen, um von den Verblichenen nicht erkannt zu werden. Ausgehöhlte Rüben, später Kürbisse mit fratzenhaften Gesichtern, scheinbar glühenden Augen und Mündern – ob sie wirklich Totengeister mit bösen Absichten fernhalten?

Foto 9: Präsident John F. Kennedy. Foto W. Langbein sen.

Ich erinnere mich jedenfalls an den 31. Oktober 1963, an die Halloweenkürbisse der Familie Langbein, an die Verkleidungen von uns Buben, an unsere Halloweenstreiche und reiche Ausbeute an Süßigkeiten. 

Und ich erinnere mich an den 22. November 1963, an den Tag, als der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika an der Dealey Plaza gegen 12 Uhr 30 Ortszeit ermordet wurde. Wenige Monate zuvor war mein Vater im Weißen Haus vom Präsidenten persönlich empfangen worden.

Fußnoten

1) »The New Golden Bough/ A new abridgement of the classic work by Sir James Frazer, edited, and with notes and foreword by Dr. Theodor H. Gaster«, New York 1959, S. 630, Zeilen 15 und 16 von unten. Im englischen Original: »… under a thin Christian cloak conceals an ancient pagan festival of the dead.
2) ebenda, S. 629-632: »Hallowe’en Fires«

Zu den Fotos

Foto 10: Präsident John F. Kennedy. Foto Walter Langbein sen.

Foto 1: Halloween 1963. Rechts im Bild - Verfasser Walter-Jörg Langbein. Links daneben in gestreifter Hose - Volker Langbein. Dahinter: Mutter Herty Langbein.
Foto 2 Martin Luther in einem Gemälde von Lucas Cranach d.Ä. 1528. Foto wiki commons
Foto 3: Fegefeuer-Darstellung,  Marienmünster, Diessen, Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Fegefeuerdarstellung, etwa 1419, Legenda Aurea, Foto wikimedia commons/ Aodh 
Foto 5: Fegefeuerdarstellung im Vorraum der Kirche von Reichersdorf. Foto Heidi Stahl
Foto 6: Flugblatt in Sachen Luther-Thesen, 16. Jahrhundert, Archiv Langbein
Fotos 7-10:  Präsident John F. Kennedy. Foto/copyright Walter Langbein sen./ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Mein Vater Walter Langbein sen. wurde von Präsident John F. Kennedy persönlich empfangen. Foto privat. Copyright Walter-Jörg Langbein

Foto 11: Mein Vater im Garten des Weißen Hauses
335 »Spurensuche«,
Teil 335 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 19.06.2016


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Sonntag, 8. November 2015

303 »Von der Kreuzigung zum Teufelsarsch«


Teil 303 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: See zu Füßen der Externsteine

In der Zeitschrift »Wünschelrute – Ein Zeitblatt« entdeckte ich (1) eine alte Sage. Werner von Haxthausen (* 11. Oktober 1744 im Fürstbistum Paderborn; † 23. April 1823 in Bökendorf bei Brakel) hat schriftlich festgehalten, was damals – zu Beginn des 19. Jahrhunderts –  noch von Kundigen erzählt wurde. Die »Sage vom Externsteine« verdeutlicht, dass die Externsteine noch ein heidnischer Kultort gewesen sein müssen, als das Christentum bereits weitverbreitet war. Ich darf zunächst die Sage zitieren (2):

Foto 2: Das mysteriöse Kreuzabnahmerelief der Externsteine

»Als das Kreuz Christi bey uns gepredigt wurde, so ärgerte sich der Teufel, daß er immer eine Gegend nach der andern verlor. Er hatte lange die Gegend vom Externsteine nicht besucht und hoffte immer, daß es über den Damm nicht herüber könnte. Da er aber überall flüchten mußte, so wollte er sich nun nach dem Externsteine zurückziehen.«

Mit anderen Worten: Das Christentum hatte sich schon weitestgehend durchgesetzt, da gab es an den Externsteinen noch eine »lebende« Kultstätte, deren Anhänger mit dem Teufel gleichgesetzt wurden. Im »III. Reich« zeigten die Nazis – allen voran - »Reichsführer-SS« Heinrich Himmler – großes Interesse an den Externsteinen. Sie sahen den mysteriösen Ort als »germanischen Kultort«. Archäologische Grabungen um 1933 erbrachten freilich keinerlei stichhaltigen Beweis für germanisches Urbrauchtum an den Externsteinen.

Nach dem Ende des II. Weltkriegs wurde offenbar jeder Hinweis auf vorchristliche Nutzung der Externsteine tabuisiert (3). Die Sage – 1818 zu Papier gebracht – sieht das Heidentum an den Externsteinen durch das Christentum bedroht. Sie beschreibt – in der Sprache der Sage – den Sieg des Christentums und die Niederlage des »Teufels« (also des Heidentums) (4):

Foto 3: Teufelsfratze, Externsteine
»Er (der Teufel) kam an und sah eine große Menge Menschen, die vor dem Kreuze niederfielen, das man noch an den Felsen ausgehauen sieht, und die zu der Capelle auf der Spitze des steilsten Felsen und zu dem Grabe am Abhange des vordersten Felsen eine Procession hielten.«

Die Christen pilgerten also zu den Externsteinen, sie beteten vor dem Kreuzabnahmerelief, das heute noch hunderttausende Besucher anlockt. Umstritten ist aber bis heute, ob das beeindruckende Bildnis von Anfang an ein christliches Kunstwerk war, oder ob nicht vielleicht doch ein älteres, sprich heidnisches Relief umgearbeitet wurde. In der Tat ist das untere Drittel des Reliefs sehr viel stärker verwittert. Das dargestellte Menschenpaar, von einem Lindwurm (?) umschlungen, könnte durchaus heidnische Wurzeln haben. Lesen wir weiter in der Sage (5):

»Das verdroß den Teufel. Er sah einen Priester mit einem Cruxifix von der Capelle kommen, er ergriff ein großes Felsenstück und schleuderte es nach ihm. Aber die Macht des Kreuzes gab dem Steine eine andere Richtung und er blieb auf einer Felsenspitze hängen.«

Foto 4: Der »Wackelstein« auf Felsen IV

Der »Wackelstein«, das angebliche Wurfgeschoss des Teufels, befindet sich auch heute noch in luftiger Höhe auf »Felsen IV«. Angeblich konnte ihn ein einzelner Mensch zum Schaukeln bringen, es sei aber unmöglich gewesen, ihn vom Felsen zu stürzen. Die lippische Fürstin Pauline sicherte den Koloss durch Metallklammern in den Jahren 1835 bis 1836, später wurde er noch mit Beton am Untergrund fixiert.

Folgen wir weiter der Sage (6): »Da sprach der Priester den Fluch über ihn (den Teufel) aus, und der Teufel flüchtete bey dem ausgehauenen Kreuze vorbey, an dem untersten Abhange des Berges zu dem Grabe. Hier faßt er mit seinen Krallen hinein, die noch deutlich darinn zu sehen sind, konnte es aber nicht zerstören. Da stemmte er sich gegen den großen Felsen, um ihn niederzuwerfen. Er drängte so gewaltig, daß er ein tiefes Loch in den Felsen drückte, und die Flamme schlug daran in die Höhe, wie noch deutlich zu sehen. Der Felsen blieb aber unbeweglich stehen, weil das Kreuz daran ausgehauen war. Da ging der Teufel fluchend fort und drohte, der Stein, den er zuerst gegen den Priester schleuderte, der solle noch einmal eine Bürgerfrau aus der Stadt Horn umbringen. Die Bürger aus Horn gaben sich alle Mühe, diesen Stein herunterzubringen, der ganz lose zu liegen scheint, es war ihnen aber bis jetzt unmöglich. Seit einem Jahre geht die Landstraße zwischen dem, worauf der Stein liegt, und einem andern Felsen durch.«

Foto 5: Das steinerne Grab am See der Externsteine

Das »steinerne Grab« könnte als Nachbildung des Grabes Jesu gedacht sein. Es ist möglich, dass Prozessionen vom Kreuzabnahmerelief zum Steingrab gingen. Vielleicht legten sich Gläubige auch in das Steingrab, um sich besonders intensiv in Jesu Leid und Tod einzufühlen. Oder das Steingrab  ist vorchristlichen Ursprungs? Direkt beim Steingrab stießen Archäologen auf drei Skelette. Sie waren vollständig… bis auf die Füße. Wurden hier – diese These wird auch vertreten – Druiden eingeweiht? Vollzogen sie in geheimen Ritualen den Kreislauf des Lebens… von Tod und Auferstehung? Ein »Archäologe« vor Ort erklärte mir, bei den Skeletten ohne Füße handele es sich um verstoßene Kelten. Man nahm ihnen die Füße, so die Erklärung, um sie daran zu hindern ins Jenseits, in die »Anderswelt«, zu wandern.

Foto 6: Autor Langbein meditiert im Felsengrab (Foto Inge Diekmann)

In der Mythenwelt der Kelten gab es Schwellenorte, an denen ein Übergang zur anderen Welt besteht. An diesen ganz besonders heiligen Orten ist nach Keltenglauben die Kontaktaufnahme mit der jenseitigen Welt möglich. War das Felsensteingrab also keltischen Ursprungs? Legte man sich in die mumienförmige Kuhle, um Kontakt mit den Toten aufzunehmen? Das Felsengrab liegt an einem kleinen, künstlich angelegten See. Die Kelten glaubten an Tore zur Anderswelt. Solche Übergänge gab es in ihrer Glaubenswelt zum Beispiel unter Seen. Nun liegt das Steingrab der Externsteine nur wenige Meter von einem künstlich angelegten See entfernt. In seiner heutigen Form wurde er erstmals von der lippischen Fürstin Pauline in den 1830er Jahren in Auftrag gegeben. Gab es vielleicht just an jener Stelle schon sehr viel früher einen See?

Foto 7: Felsengrab (senkrechter Pfeil), Teufelsarsch /wagrechter Pfeil)

Lassen Sie mich spekulieren: Fakt ist, dass sich unterhalb der Externsteine eine vermutlich natürliche Höhle befindet. Man sieht sie in der Regel nicht, weil ihr Eingang weitestgehend unter dem Spiegel des Sees liegt. Kombinieren wir: Wenige Meter vom Sargstein entfernt gibt es unter dem Wasserspiegel eines Sees eine Höhle. Ist es reiner Zufall, dass dieses Szenario exakt keltischen Vorstellungen entspricht? Die Höhle wäre dann die Unterwelt… oder der Eingang in die Unterwelt… unter einem See! Keltischer geht es kaum noch.

Zu dieser Höhle gibt es eine sehr interessante Sage…Die Höhle wird in der Regel beschönigend als »Teufelssloch« bezeichnet. Ihr eigentlicher Name aber lautet, deutlich derber »Teufelsarsch«. Doch lauschen wir der Sage! Die Sage erklärt, wie es zum Namen kam! Der Teufel war ob des christlichen Treibens an den Externsteinen mehr als empört. Er (7) »konnte nicht leiden, daß etwas Gutes daselbst verrichtet wurde, derowegen  hat er sich unterstanden, mit Gewalt den Stein umzustoßen. Die Alten weiseten daselbst, an welchem Ort des Steins der Teufel angefangen. Und er hat sich mit aller Macht dagegen gestemmt, hat ihn aber nicht umwerfen können. So mächtig aber hat er sich dagegen gedrängt, daß sich sein Hinterer tief in den Stein gedrückt hat, wie man noch sehen kann.«

Foto 8: Keltisch oder christlich? Kreuzabnahmerelief... unter dem Kreuz

Mit anderen Worten: Der Teufel höchstselbst wollte den Stein mit dem Kreuzabnahmerelief umwerfen. Und weil er sich mit unglaublicher Gewalt mit seinem Allerwertesten gegen den Stein presste, entstand die Höhle. Eine Vermutung liegt nahe: Die Höhle wurde in vorchristlichen Zeiten für kultische Handlungen der heidnischen Art verwendet…. der keltischen vielleicht? Für die frommen Christen jedenfalls war das böses, gegen den christlichen Glauben gerichtetes Teufelswerk! Und deshalb wurde die heidnische (keltische??) Höhle zum – pardon – »Teufelsarsch«!


Fußnoten

Foto 9: Externsteine vom See aus, etwa 1910 (Archiv W-J.Langbein)
1) Hornthal, Peter von (Herausgeber): »Haxthausen, Werner von: ›Sage vom
Externsteine‹«, Göttingen 1818, Nr. 11, S. 43 (Rechtschreibung unverändert aus
der Quelle übernommen!)
2) ebenda!
3) Siehe hierzu…. Braun, Wolfgang: »Geheime Orte in Ostwestfalen/ Ein
     Ausflugsführer«, Berlin 2015. (Externsteine, Tour 2, Die Externsteine lassen viele
     Fragen offen, S. 42-49)
Foto 10: Der »Wackelstein«
4) Hornthal, Peter von (Herausgeber): »Haxthausen, Werner von: ›Sage vom Externsteine‹«, Göttingen 1818, Nr. 11, S. 43 (Rechtschreibung unverändert aus
der Quelle übernommen!)
5) ebenda
6) ebenda
7) Mundhenk, Johannes: »Forschungen zur Geschichte der Externsteine, Band II,
     Untersuchungen zur Jüngeren Geschichte der Externsteine«, Lemgo 1980, S
     127/28 (Orthographie nicht angepasst!)

Zu den Fotos
Fotos 1-5: Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Ingeborg Diekmann
Fotos 7 und 8: Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Archiv Langbein (etwa 1910)
Foto 10: Walter-Jörg Langbein 

304 »Die Externsteine und das Blutloch«,
Teil 304 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 15.11.2015


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Sonntag, 7. September 2014

242 »Ein totes Pferd und eine Göttin«

Teil 242 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Das rätselhafte Kirchlein von Holzhausen.
Foto Walter-Jörg Langbein

Viele Wege führen von München aus in das idyllische Straßlach-Holzhausen. Man kann ein kleines Stück auf der A95 Richtung Garmisch fahren, dann auf der Landstraße via Schäftlarn  nach Holzhausen. Eine andere Möglichkeit ist die A8 Richtung Salzburg, dann auf die Landstraße:  Hofoldinger Forst – Sauerlach – Endlhausen – Eulenschwang – Holzhausen. Ober man fährt gleich Oberhaching – Deisenhofen – Oberbiberg – Ebertshausen – Holzhausen.

Welchen Weg man auch wählt, das kleine Dörfchen Holzhausen, 30 Kilometer südlich von München gelegen, ist immer eine Reise wert. Hat doch Holzhausen eine echte Sensation zu bieten: die Reste einer Jahrtausende alten Kultanlage. Jahrtausende alt sind die beiden sogenannten »Keltenschanzen«. Beide mögen einst so ausgesehen haben wie die Herlingsburg am Schieder-See. Vom Ferienhof »Zum Dammerbauer« erreicht man die einstmals heilige Stätte »Schanze 2« am Südostrand des Dörfchens in wenigen Minuten.

Der Ferienhof »Zum Dammerbauer«. Foto W-J.Langbein

Wirklich viel erkennt man allerdings nicht. Im Buch mit den offiziellen Grabungsberichten heißt es allerdings (1): »Die Schanze ist nur teilweise erhalten, aber einwandfrei erkennbar.« Erkennbar sind allerdings nur Teile der Schanze, andere Teile kann man nur erahnen und andere wiederum fielen der Flurbereinigung zum Opfer. »Schanze 1«, keine 90 Meter östlich von »Schanze 2« hat unter dem Zahn der Zeit deutlich mehr gelitten als »Schanze 1«. Ich muss zugeben: Ich habe sie bei meinem Besuch nicht gefunden. »Schanze 2« maß in etwa 90 Meter im Quadrat. »Schanze 1« war etwas größer und fünfeckig.

Vor mehr als einem halben Jahrhundert, im Jahre 1957, erhielt der Wissenschaftler Klaus Schwarz den Hinweis, dass ein »Erdwall« bei Holzhausen »teilweise abgetragen« werde. Der Gelehrte Klaus Schwaz reagierte prompt und erschien mit einem Team von Archäologen vor Ort. Nach ersten Untersuchungen war klar: Der Wall war kein Überbleibsel eines alten Viehpferchs oder römischen Gutshofs. Man stand vor einem alten keltischen Heiligtum, vergleichbar mit einem »gallo-römischen Umgangstempel«.

Leicht zu übersehen: Teilstück der Keltenschanze.
Foto Langbein

Sorgsamste Ausgrabungen – über einen Zeitraum von fünf Jahren – ergaben verschiedenen Bauphasen. Am Anfang gab es ein sakrales Gebiet, das von einem mächtigen Holzzaun umgeben war. In der Westecke des so geschützten Areals stand ein hölzerner Tempel, der – wie christliche Dome – so etwas wie einen überdachten Umgang besaß. Bei Domen und Kathedralen spricht man von Kreuzgängen, in denen fromme Mönche gedankenverloren zum Beispiel über Jenseits und Höllenfeuer nachdachten. In Bauphase 2 wollte man wohl den Schutz noch verstärken. Ein Graben wurde ausgehoben, ein Wall aufgeschüttet und dazu kam eine wuchtige Wand aus Pfählen. Der Wall muss einst gewaltig gewesen sein. Noch Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts maß der Wall an den Ecken bis zu 2,50 Meter! Wie hoch mag er 2100 Jahre früher gewesen sein?

Von den Holzpalisaden ist heute – 2100 Jahre später – natürlich nichts mehr übrig geblieben. Auch der einst schützende Erdwall besteht nur noch zum Teil, von hohem Gras überwuchert. Bäume wachsen darauf, landwirtschaftlich genutzt wird, was einst womöglich nur keltischen Priestern und Weisen vorbehalten war. Unter der Grasnarbe allerdings hatte eine geheimnisvolle Unterwelt die Jahrtausende überdauert. Die Archäologen machten drei Schächte aus, sechs, acht und fünfunddreißig Meter tief! Welchem Zweck dienten diese Schächte einst? 

Eine der Ecken der Schanze. Foto W-J.Langbein

Der 35 Meter tiefe Schacht war teilweise handwerklich geschickt verschalt worden. Archäologen entdeckten im verschütteten Schacht ein geschnitztes, scheibenförmiges Holzobjekt. Im sechs Meter tiefen Schacht, dem kleinsten, stand einst auf dem Boden ein ins Erdreich getriebener Pfahl. Solche Pfähle versinnbildlichten in »primitiven« Zeiten nicht selten Gottheiten. Zu Zeiten des Alten Testaments, als Jahwe schon längst offizieller Gott war, wurden noch Pfähle angebetet, stellvertretend für Göttinnen. So war das Bild der Göttin Aschera alias Astarte ein Pfahl. Aschera alias Astarte war eine der wichtigsten Fruchtbarkeitsgöttinnen.

Chemische Analysen von Material aus einem der Schächte ergaben ein für den Laien wenig aussagekräftiges Resultat. Eine klumpige Lehmschicht enthielt »Abbauprodukte organischer Substanzen« (2). Martin Bernstein erklärt in seinem Buch »Kultstätten Römerlager und Urwege«: »In den Schacht war also Blut geflossen und Fleisch geworfen worden.« Und weiter: »Jetzt hatten die Wissenschaftler ihre Beweiskette beisammen: künstlich angelegte Schächte, in denen sich Reste von Opfergaben und Kultbildern befanden; einen umfriedeten Platz, der weitgehend unbebaut war und auf dem keinerlei Gegenstände unbeabsichtigt in den Boden gelangt waren; schließlich ein Gebäude mit Umgang, das sich als Vorstufe zu den gallo-römischen Tempeln interpretieren ließ. Die
›Viereckschanze‹ von Holzhausen war ein Heiligtum.«

Bäume auf der Keltenschanze. Foto W-J.Langbein

Von Holzhausen aus habe ich mit zwei lieben Bekannten Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung gemacht. Unzählige kleine Kirchlein konnten wir besuchen. Nicht wenige von ihnen scheinen an Orten errichtet worden zu sein, wo einst schon in vorchristlicher Zeit sogenannte »Heiden« zu ihren Göttinnen und Göttern beteten, zum Beispiel ganz in der Nähe von Quellen. Die Christianisierung erfolgte weit langsamer als Theologen oft gern wahrhaben wollen. Heidnischer Glaube verschwand nicht von heute auf morgen, um dem christlichen Platz zu machen. Vielmehr ist anzunehmen, dass heidnische Kulte und christliche Zeremonien nebeneinander praktiziert wurden. Die Missionare waren häufig keine feingeistig-weltfremden Frömmler. Sie erkannten, dass ihre Schäfchen nicht von den alten Göttern und Göttinnen lassen wollten. Also boten sie ihnen christliche Heilige an, bei denen es sich allerdings um heidnische Götter und Göttinnen im christlichen Gewand handelte.

In Vergessenheit geraten sind die Kulthandlungen, die wohl einst in »Schanze 2« vollzogen wurden. Blutspuren und Reste von Fleisch weisen auf Opferhandlungen hin. Wenn »Mutter Erde« geopfert werden sollte, lag es nahe, die Gaben in einem möglichst tiefen Schacht darzubieten. Ein Pferdeskelett mit abgetrennten Extremitäten gibt Rätsel auf. Gehörte es zum zeremoniellen Ritual, die Gliedmaßen der Opfertiere abzuschlagen, um eine Flucht der toten Tiere zu verhindern?

Prof. Georg Fohrer (*1915, †2002) war »ordentlicher Professor für Alttestamentliche Wissenschaft« in Erlangen. Ich habe manche Vorlesung bei Prof. Fohrer besucht, an einigen seiner Seminare teilgenommen. Je näher seine Emeritierung 1979 rückte, desto offener wurde der Gelehrte auch für »Randfragen«. Im Gespräch (3) erklärte er mir einmal, dass in alten Kulturen, womöglich auch in Israel, die Vorstellung bestand, man müsse Opfertieren die Möglichkeit nehmen im Jenseits zu fliehen. »Ein Pferd sollte womöglich einem Gott als Reittier dienen, oder einem Toten im Jenseits. In himmlischen Gefilden wie im Jenseits war aber eher ein totes Reittier von Nutzen als ein lebendes.

Und es musste zunächst verhindert werden, dass das Tier floh, bevor es vom Gott erstiegen werden konnte.« Wenn man aber einem toten Pferd die Beine abschlug, konnte es im Jenseits zwar nicht fliehen, war aber ja auch als Geisterreittier nicht mehr geeignet. »Sie denken zu logisch!«, rügte mich Prof. Fohrer.


Baumbewachsen ... Teile des Erdwalls. Foto Walter-Jörg Langbein

Oder gibt es eine ganz andere Erklärung für das Pferdeskelett? Bei den Kelten wurde »Epona«, auch »Epana« genannt, als Fruchtbarkeitsgöttin verehrt und angebetet. Gleichzeitig galt sie als mächtige Göttermutter. Die Römer übernahmen »Epona« von den Kelten – als Göttin der Pferde! Weist das Pferdeskelett in »Schanze 2« auf die keltische Fruchtbarkeitsgöttin Epona hin?

Vor 2100 Jahren, als die beiden Keltenschanzen von Holzhausen schon existierten, gab es das Dörfchen Holzhausen noch nicht. Gab es nur die dicht nebeneinander liegenden Kultstätten? Waren es Orte der Wallfahrt für vorchristliche Heiden? Siedelte man sich später, in christlicher Zeit, an, wo uralte heidnische Bräuche ausgeübt wurden? Erinnert gar der Name – das ist reine Spekulation – an die hölzernen Palisaden der »Schanzen«? Das Filialkirchlein »St. Martin« in Holzhausen jedenfalls wurde nur einen Steinwurf von den beiden »Keltenschanzen« entfernt errichtet.

Umstritten ist bis heute, was genau »Keltenschanzen« waren. Die »Schanzen« –  Wallanlagen mit Gräben und Holzpalisaden, dienten sie nur der Verteidigung gegen Angreifer? Was sollte geschützt werden? Waren es sakrale Tempelanlagen für uralte Kulte? Oder handelte es sich um Schutz für keltische Siedlungen, in denen allerdings auch Bauten für religiöse Zwecke gab? Meiner Überzeugung nach waren Keltenschanzen beides. Kleine Areale mit massivem Schutz dürften aber ausschließlich Kultanlagen gewesen sein. Zu diesen zähle ich beide Schanzen von Holzhausen.

Stand hier einst ein Tor? Foto Walter-Jörg Langbein

Im »Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern – Band 18«, herausgegeben vom »Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz«, veröffentlicht im für präzise wissenschaftliche Publikationen bekannten »Verlag Philipp von Zabern« wird die besondere Bedeutung von »Schanze 2« in Holzhausen hervorgehoben: »Was die Ausgrabungen in Holzhausen zur Lösung des Viereckschanzenproblems beitrugen, ist auf wenige Stichworte verkürzt folgendes: Von den bislang für die Viereckschanzen erörterten Deutungsmöglichkeiten konnte die ›Wehrtheorie‹, sowie die ebenfalls erwogene Möglichkeit der landwirtschaftlichen Nutzung (Gutshof, Viehpferch) ausgeschieden werden. Für kultische Zweckbestimmung spricht die Deponierung organischer Substanzen in den ergrabenen Schächten sowie die Aufstellung bearbeiteter Holzgegenstände auf ihrem Grunde, welche – nach römerzeitlichen Analogien aus Gallien – einfache Göttersymbole dargestellt haben könnten.« Weiter weißt das wissenschaftliche Werk daraufhin, dass es in »Keltenschanzen« offensichtlich sakrale Gebäude gab, eine Vorstufe der jüngeren »gallo-römischen« Umgangstempel.

Wie viele »Keltenschanzen« es ursprünglich gegeben haben mag? Wir wissen es nicht. Es müssen allein in Bayern hunderte, wenn nicht gar tausende gewesen sein. Unzählige wurden im Zuge der Christianisierung zerstört, unzählige wurden abgetragen, um Acker- oder Weideland zu gewinnen. Erst durch die Auswertung von Luftbildern, von Flugzeugen aus aufgenommen, können längst verschwundene Anlagen wieder sichtbar gemacht werden. Ihre Grundrisse sind oft noch als Verfärbung im Boden erkennbar…. Spuren von Jahrtausende alten Tempeln, in denen wohl der Fruchtbarkeitsgöttin gehuldigt wurde.

Keltenschanze 2 am Abend. Foto W-J.Langbein

Fußnoten

1) »Die Ausgrabungen in der Viereckschanze 2 von Holzhausen/ Grabungsberichte vom Klaus Schwarz/ Zusammengestellt und kommentiert von Günther Wieland«, Rahden/ Westfalen 2005, S. 11
2) Bernstein, Martin: »Kultstätten Römerlager und Urwege«, München 1996, S. 64
3) Zitat nach Notizen rekonstruiert
4) Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz (Hrsg.): »Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern – Band 18«, 2. Auflage, Main 1971

Siehe auch…

Wieland, Günther (Hrsg.): Keltische Viereckschanzen/ Einem Rätsel auf der Spur, Stuttgart 1999 (21. Holzhausen, Gem. Straßlach-Dingharting, Landkreis München S. 195-198)


»Das Geheimnis der Schatzhöhle,«
Teil 243 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 14.09.2014

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Sonntag, 20. Januar 2013

157 »Die Lady in der Quecksilbergruft und Bäume aus Stein«

Teil 157 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Die Könige Yax K'uk' Mo' und
Yax Pac (rechts) auf Altar q.
Foto: W-J.Langbein
Im Frühjahr 822 nach Christus endet die Geschichte von Copán. In jenem Jahr herrschte Ukit Took', der »Nachfolger« von Yax Pac. »Altar q« zeigt die Übergabe des Herrscherstabs an den »letzten« Regenten von Copán, an Yax Pac. König Ukit Took, sein Thronfolger, fehlt auf der offiziellen Königs-Liste. Warum? Offenbar wurde Ukit Took' nicht mehr zeremoniell gekrönt. Warum kam es nicht mehr dazu? Ein steinernes Monument belegt das abrupte Ende der Geschichte von Copán. Obwohl das steinerne kleine Monument stark verwittert ist, ist es das jüngste von Copán. Es wurde nie vollendet. Der Steinmetz hat damit begonnen, ein Relief zu erstellen ... brach aber seine Arbeit ab.

Was führte zum abrupten Ende von Copán? Wurde Copán von feindlichen Truppen eingenommen? Dafür gibt es keine Belege. Wurde Copáns letzter König der Dynastie in einer Revolution gestürzt? Auch dafür gibt es keinen Anhaltspunkt. Die einst so wichtige Metropole scheint ganz plötzlich vollkommen bedeutungslos geworden zu sein. Wurde die Stadt von einer Epidemie heimgesucht, die alle Bewohner dahinraffte? Leider gibt es keine echten Mayaaufzeichnungen über die Historie von Copán, die man wie ein Buch lesen könnte ...

Fakt ist: Die Bevölkerung von Copán wuchs vor dem Ende rapide an. Führte das zu Hungersnöten? Offenbar kam es zum Notstand, als die einst bewaldeten Berghänge – auch im Rahmen der ausufernden Bautätigkeit – immer stärker abgeholzt wurden. Als dann noch in der Flussebene immer mehr sakrale Bauten errichtet wurden, schwand die landwirtschaftlich nutzbare Fläche. Wurde aus religiösen Motiven der Maisbauern die Lebensgrundlage entzogen, weil imposante Bauten für die Obrigkeit immer wichtiger wurde als Ackerland? Kam es vielleicht doch zur Rebellion der Bauern gegen die im Wohlstand schwelgende Obrigkeit? Versank danach Copán in der Bedeutungslosigkeit? Wurde die einst stolze Stadt von ihren Bewohnern verlassen? Verfielen Bauten wie »Tempel 16« zusehends?

Tempel 16 birgt noch viele
Geheimnisse ... - Foto: W-J.Langbein
Auch wenn es Schulwissenschaftler nicht gern zugeben: Die Fragen zum Ende von Copán sind bis heute nicht beantwortet worden. Man kann eben leider nicht in der Historie von Maya-Städten wie Copán lesen, weil die kostbaren Codices der Maya-Chronisten rigoros und sehr »erfolgreich« zusammengetragen und verbrannt wurden!

Und die steinernen Relikte der einst so bedeutenden Stadt, die gern als das »Paris der Mayas« bezeichnet wird, konnten erst zu einem kleinen Teil erforscht werden! Und das liegt an einer Besonderheit der Maya-Baumeister: Die Architekten der steinernen Tempel bauten im Verlauf der Jahrhunderte übereinander. Sie hatten wohl zu viel Respekt vor den alten Bauten, als dass sie sie hätten niederreißen können. Und so bestatteten sie geradezu liebevoll und sanft sakrale Bauten, um dann darüber ... wie eine neue Haut, Nachfolger zu errichten.

Sie bauten nicht einen neuen Tempel auf einen alten. Sie benutzten nicht ein älteres Bauwerk als Fundament für ein neues. Vielmehr stülpten sie dem älteren Gebäude ein neues über. Das geschah wiederholt, mehrfach nacheinander.

»Tempel 16« macht heute einen eher maroden Eindruck. Genauer gesagt: Was heute als »Tempel 16« bezeichnet wird, ist ein dank Umweltverschmutzung schmuddelig wirkender Pyramidenbau, dessen Treppe einst zu einem Tempelchen führte. Wir wissen heute, dass »Tempel 16« nur die letzte, äußere Hülle von mehreren überinander gestülpten sakralen Bauten ist. Im innersten Kern, so war man lange überzeugt, ruhte der Dynastie-Gründer Yax K'uk' Mo ... Tempel »Rosalila«.

Rekonstruktion des Tempel
Rosalila - Foto talk2winik
Um die Bauhistorie von »Tempel 16« ergründen zu können, müsste man das Bauwerk Stein für Stein abtragen. Dann müsste, so wie man eine Zwiebel schält, Schicht für Schicht demontiert werden. Das müsste dann bei allen Bauwerken geschehen ... die dann zwar im wahrsten Sinne des Wortes ergründet, dabei aber zerstört würden!

Im Lauf verschiedener Besuche in Copán bekam ich in verschiedenen Varianten immer wieder die gleiche mysteriöse Story zu hören. Als innerster Kern werde der älteste Tempel von Copán durch mehrere spätere Schichten geschützt. Er sei dem Gründer der Herrscherdynastie von Copán, Yax K'uk' Mo, gewidmet. Und in der Tat:

Diesen »innersten« Tempel gibt es wirklich: Rosalila wird er genannt. Wie Maulwürfe haben sich Archäologen an diesen ältesten Kern herangegraben und ihn, so gut es unter den widrigen Umständen möglich war, auch erforscht.

Zur Freude der Wissenschaftler war der vermeintliche »Urtempel« erstaunlich gut konserviert worden. Man hatte offensichtlich sehr schonend die späteren Bauwerke darüber geschichtet. So blieben auch Farben in bemerkenswertem Umfang erhalten. So wissen wir heute, dass besagter »Urtempel« aus heutiger Sicht eher kitschig-bunt ausgesehen haben muss. Seine Bonbonfarben erinnern eher an Disneyland. Sie entsprechen ganz und gar nicht unseren Vorstellungen der schönen, dezenten Schlichtheit von Maya-Bauten, so wie wir sie etwas aus Palenque kennen!

Die karge Schlichtheit der Mayabauten, die uns heute so anspricht ... hätte den Mayas überhaupt nicht gefallen. Sie schwärmten für in unseren Augen kitschige Farben. In einer Collage habe ich Bauten aus Palenque und Copán, die »Universität« und »Tempel Rosalila« zusammengefügt, um die so unterschiedlichen ästhetischen Vorstellungen zu verdeutlichen.

Collage aus zwei Mayabauten
Fotos: talk2winik (rechts), W-J.Langbein (links)
Bei meinen Besuchen in Copán hörte ich immer wieder: Im Innersten von »Tempel 16« ruhe in seiner Gruft Yax K'uk' Mo, der Dynastie-Gründer. Immer wieder bekam ich zu hören: Quecksilber in der Gruft – sie sei »randvoll mit dem höchst giftigen, nur in Form von Zahnfüllungen gesunden Material – würde ein Betreten unratsam erscheinen lassen. Dann aber drangen Wissenschaftler, durch Schutzanzüge vor Vergiftung sicher, in das Innerste des Heiligtums. Sie entdeckten auch viele Jahrhunderte alte Knochen. Die aber stammten definitiv von einer Frau, nicht von einem Mann!

In der Quecksilbergruft war also einst eine Lady und kein männlicher Herrscher zur letzten Ruhe gebettet worden! Wieder einmal war die Realität ganz anders als von der Wissenschaft erwartet ... Unklar ist, wer da im altehrwürdigen Grab bestattet wurde, wenn es nicht der erste Herrscher von Copán war. Sollte gar eine Königin in ältesten Zeiten die Metropole regiert haben?

Ich selbst wagte mich nicht in die Quecksilber-Gruft, vielmehr begnügte ich mich damit, im Tunnel der Archäologen herum zu kriechen. So gelangte ich an die Außenseite des Rosalila-Tempels ... zum imposanten Relief vom himmlischen Vogel Vucub Caquix (Aussprache: VO KOB KA KWISH). Der Mythologie der Mayas nach behauptete dereinst, er sei Erde, Sonne, Licht und Mond zugleich. Das gut mannshohe Kunstwerk weist auf die Bedeutung des Tempels hin. Er diente einem Sonnen- und Mondkult ...

Vogelgott Vucub Caquix
Foto: Walter-Jörg Langbein
»Die Lady in der Quecksilbergruft war die erste Herrscherin von Copán!« meinte ein einheimischer Archäologe zu mir. »Und der himmlische Vogel steht für den ewigen Kreislauf von Tag und Nacht, von Leben und Tod!« Er führte mich in der Unterwelt von Copán an die Außenmauern des begrabenen Tempels ... und erklärte mir die Bäume aus Stein.

»Die Bäume aus Stein stehen für die Welt zwischen Unterwelt und Himmel. Sie verhindern, dass der Himmel auf die Erde herabstürzt! Bevor es die lebenden Ceiba-Bäume gab, ragten Bäume aus Stein von der Erde bis an den Himmel. Ohne diese tragenden Säulen hätte es kein Leben auf unserer Erde geben können!«

Abends wurde es bitter kalt in Copán Der Archäologe entfachte ein Feuer. Und er begann zu erzählen. Von den ältesten Göttinnen, die von Göttern verdrängt worden seien. »Man machte sie in christlichen Zeiten zu Dämonen! Dabei müssen bösartig aussehende Fratzen keineswegs auch in den Augen der Mayas böse gewesen sein! Fakt ist: In Copán wurde ein Relief der Mondgöttin Ixchel gefunden, die auch als Erdgöttin verehrt wurde. Ixchel war auch für die Fruchtbarkeit zuständig ... und trug in Darstellungen oft den symbolträchtigen Hasen im Arm! Ixel wirkte zerstörerisch, indem sie periodisch-zyklisch immer wieder mit Orkanen das Leben von der Erde wischte ... und sie spendete segensreichen Regen, der wieder neues Leben gedeihen ließ! Übrigens: Die Mayas erkannten in den Flecken des Mondes nicht unseren »Mann«, sondern ihren Hasen.

Seltsamer »Zufall«: Die Kelten verehrten die Göttin Eosterpe, die sie mit Mond und Hase darstellten. Eosterpe lebt im englischen Easter weiter ... in unserem »Ostern« ... mit dem »Osterhasen«, der älter als das Christentum ist!

Aus Göttinnen wurden
Dämonen.
Foto: W-J.Langbein
Gern erinnere ich mich an die »Privatführung« in die Unterwelt von Copán durch einen örtlichen Archäologen ... zu den Masken der Göttlichen, die von den Mayas so sorgsam beerdigt wurden ... und durch den mystischen Wald aus Stein ... Am abendlichen Lagerfeuer wurden uralte Mythen förmlich wieder spürbar.

Literatur:
Grube, Nikolai (Herausgeber): »Maya/ Gottkönige im Regenwald«, Köln 2000





»Geheimnisvolle Stelen, mysteriöse Altäre«,
Teil 158 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 27.01.2013

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