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Sonntag, 26. Juni 2016

336 »Das verschwundene Schloss«

Teil 336 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: »Keltenschanze 2«, Holzhausen

Zugegeben: »Keltenschanze 2« von Holzhausen, Gemeinde Straßlach-Dingharting im Landkreis München, kann nicht mit. Monstermauern aufwarten. Zugegeben: Eine Weltsensation ist die über zwei Jahrtausende alte Keltenschanze nicht. Je intensiver ich mich aber mit Keltenschanzen beschäftige, desto mehr beeindruckt mich die »Keltenschanze 2« von Holzhausen. Sie ist nämlich sehr viel besser erhalten als ihre meisten »Kollegen«, die entweder – leider – so gut wie gar nicht mehr wahrnehmbar oder vollkommen verschwunden sind.


Foto 2

Vom Ferienhof »Zum Damerbauer« in Holzhausen, wo ich logierte, zur Schanze sind es nur einige wenige Minuten. Immer wieder habe ich das Relikt aus uralten Zeiten besucht, morgens, mittags, nachts. Und viele Stunden saß ich in meiner gemütlichen Ferienwohnung über Bergen von Unterlagen in Sachen Keltenschanzen. Folgen Sie mir bitte weiter auf weiteren Spurensuchen. Vielleicht finden Sie Geschmack und machen sich selbst auf die Suche?


Foto 3

»Die Flurnamen in der Gemeinde Schlangen machen ein alte Natur- und Kulturlandschaft sichtbar, die sich im Übergangsbereich von Teutoburger Wald, Senne und Paderborner Hochfläche über Jahrhunderte hinweg entwickelt hat«, so schreibt Annette Fischer in »Heimatland Lippe« (1). Und weiter: »Heute können die Flurnamen als Geschichtsquelle gelesen werden.«

Das gilt nicht nur für die Gemeinde Schlangen, sondern ganz allgemein. Bei meinen Recherchen in Sachen Keltenschanzen führten mich immer wieder Flurnamen auf die richtige Spur. Flurnamen mit »Burg« führen oft zu Jahrtausende alten Anlagen der Kelten. Einige Beispiele mögen genügen!

Foto 4

»Die Pfaffenburg im Großen Mühlholz« in meiner fränkischen Heimat findet sich im Landkreis Kitzingen, Unterfranken, unweit der Ortsmitte von Willanzheim. Laut Klaus Schwarz war der Wallkörper vor fünfzig Jahren (2) »nur noch an wenigen Stellen erhalten«. Vor einem halben Jahrhundert war kaum noch etwas von der einst stolzen Keltenschanze zu sehen, heute dürfte sie vollkommen verschwunden sein. Ein oberfränkischer Theologe und Heimatforscher, der anonym bleiben möchte im Gespräch mit dem Verfasser: »Die Bezeichnung ›Burg‹ deutet darauf hin, dass man die Keltenschanze für die Überbleibsel einer alten Burg hielt, die im Laufe der Zeit verschwunden war. Die Kombination mit der Bezeichnung ›Paffen‹ lässt auf eine ursprünglich sakral-religiöse Bedeutung der Anlage  schließen.«


Foto 5
»Der große Burggraben« lautet der Flurname, der in entsprechende Karten von Riedenheim, Landkreis Würzburg, eingetragen ist. Keltenschanzen waren von Wallanlagen umgeben. Wollten Angreifer so eine Keltenschanze erobern, mussten sie erst einen oftmals tiefen Graben überwinden, bevor sie sich überhaupt an den schützenden Wall heranwagen konnten. Und oben stand ja die Abwehr nicht gerade untätig herum! Von Keltenschanzen blieben manchmal die Wälle, manchmal die Gräben übrig. Besonders tiefe Gräben waren manchmal noch zu sehen, wenn von der übrigen Keltenschanze nichts mehr übrig war. Wieder glaubte man, dass eine Burg längst abgetragen worden, der große Burggraben übriggeblieben sei.

Die Gemeinde Bachern im Landkreis Friedberg (Schwaben) hat auch einen interessanten Flurnamen aufzuweisen: »Die alte Burg im Heilachwald«. Das Areal ist leicht zu finden, 1.000 Meter südwestlich der Kirche. Von der einstigen Keltenschanze indes ist wenig übrig geblieben.

Klarer sind Hinweise auf ehemaligen Keltenschanzen wie die Bezeichnung »Erdburg«. Dort gab es einst eine der ominösen Keltenschanzen, anno 1588 hieß sie »Erdburg«,1753 wurde sie offiziell »Bauernschantz« genannt (4).

Foto 6

Foto 7

Aussagekräftiger sind Flurnamen wie »Im Schanzfeld« (5), »Schwedenschanze« (6), »Römerschanze« (7) und »Das Viereck« (8). Keiner Interpretationen bedürfen Flurnamen wie »Die Schanze«, die – manchmal leicht variiert – häufig vorkommen (9).

Schanzen gab es wohl bundesweit sehr viele. Von den meisten sind nur kärgliche Reste zu finden. An manche erinnern nur von Generation zu Generation überlieferte Erzählungen. So berichtet der Keltenschanzenexperte schlechthin, Klaus Schwarz über die Maierhof-Schanze (10): »Die Schanze ist um 1880 abgetragen worden. Sie wäre heute ohne ältere Nachrichten nicht mehr auffindbar. Die Höhenflurkarte von 1885 läßt Orientierung und Größenverhältnisse noch erkennen.«

Vielen Schanzen, die rund zwei Jahrtausende überstanden hatten, ging es im 19. Jahrhudert an den Kragen, als immer größere Gebiete landwirtschaftlich erschlossen wurden. Keltenschanzen wurden abgetragen und in Ackerland verwandelt. So beklagt Karl Schwarz das traurige Los eines Keltenbaus im Bereich der Gemeinde Mainburg, Landkreis Kehlheim, Niederbayern (11): »Die Schanze ist durch Überpflügen fast bis zur Unkenntlichkeit verschleift. Sie wird jedoch in der topographischen Karte vom Jahre 1869 noch im Grundriß wiedergegeben.«

Und immer wieder sind es mündliche Überlieferungen, die man leider oft nur mitleidig belächelt. Ich machte vor Jahren auf einer Studienreise durch Deutschland – rein zufällig – in Marxheim, Landkreis Donau-Ries, im Schwabenländle gelegen, Rast. Eine von schwerer Arbeit gebeugte und stolze alte Bäuerin berichtete mir mit leuchtenden Augen, dass es einmal »ganz in der Nähe« ein herrliches Schloss gegeben habe (12):

Foto 8
»Es war ein prachtvoller, glanzvoller Bau, der den Neid vieler Menschen aus nah und fern auf sich zog. So mussten die edlen Herren des Schlosses, so friedlich und ohne Arg sie auch waren, auf der Hut vor bösen Feinden sein. Sie mussten sich also schützen, denn des einen Hab und Gut lockt den bösen anderen herbei. Das machte sie traurig. Hatten nicht ihre Altvorderen weniger besessen und doch glücklicher gelebt? Wussten sie doch, dass sie durch den erforderlichen Schutz auch von guten und lieben Menschen getrennt sein würden. Alle Bedenken halfen nichts. Wollten sie sich nicht leichtsinnig der Gefahr aussetzen, dann mussten sie handeln. So beratschlagten sie, wie denn ihr Schloss am besten zu verteidigen sei. Betrübt stellten sie fest, dass durch die Anlagen zum Schutze die Schönheit des Schlosses nicht mehr sichtbar sein würde.

Sie errichteten also um ihr herrliches Schloss herum einen tiefen, tiefen Wall. Und außerdem gruben sie rundherum einen tiefen, tiefen Graben. Die Untertanen der hohen Herrschaften halfen bereitwillig, das Werk zu vollenden. Waren doch die Herrschaften ob ihrer Güte, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit weithin beliebt. Als alles vollendet war, da feierten alle noch einmal im Schloss, die Herren, die edlen Damen, die fleißigen Bauern und braven Knechte.

Foto 9
Die Schutzanlage freilich ließ das Schloss zu einem noch begehrteren Ziel von Neidern und habgierigen Menschen werden, die nach dem Eigentum anderer trachten. Die sprachen, wer so ein Schloss auf diese Weise so gegen Angreifer rüstet, der muss viel Hab und Gut besitzen.

Die Anstrengungen aber haben alle nichts genützt. Mit List und Tücke ging ein neidiger Graf ans Werk. Er kam als Gast, wollte bis zum Morgen bleiben und öffnete nachts das Tor für seine Kumpane. Seine bösen Burschen strömten lachend hinein ins Schloss. Sie schlugen, mordeten und raubten. Das Schloss wurde geplündert, dann niedergebrannt. Bald schüttete man mit dem Erdreich des Walls den tiefen Graben zu. Die mächtigen Steine trug man davon.

Geblieben sind nur Erinnerungen an das Schloss von einst. Die Namen derer, die darin lebten und jener, die es erstürmten, brandschatzen, sie sind vergessen.«

Foto 10
Ein »Schloss« hat es im Raum der Gemeinde Marxheim, nie gegeben, von einem Gemetzel ganz zu schweigen, wohl aber eine Keltenschanze. Sie ist weitestgehend verschwunden. Vor  etwa 100 Jahren – also um 1916 –  sind angeblich noch Wälle zu erkennen gewesen. Wo? 1800 Meter nordöstlich der Ortsmitte. Der Flurname? »Das Viereck«.

Fußnoten

1) Fischer, Annette: »Flurnamen der Gemeinde Schlangen«, erschienen in »Heimatland Lippe«, April 2016, Seite 16
2) Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband«, München 2007, Seite 96, Kapitel »Willanzheim«
3) Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband«, München 2007, Seite 106, Kapitel »Bachern«
4) Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband«, München 2007, Kapitel »Bütthard, Schanze 2«, Seite 98
5) Gemeinde Arberg, Landkreis Ansbach, Mittelfranken. Quelle: Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband«, München 2007, Seite 86, Kapitel »Eyburg«
6) Gemeinde Thalmässing, Landkreis Roth, Mittelfranken. Quelle: Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband«, München 2007, Seite 92, Kapitel »Thalmässing«
7) Gemeinde Eurasburg, Landkreis Aicach-Friedberg, Schwaben. Quelle: Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband«, München 2007, Seite 107, Kapitel »Eurasburger-Forst«
8) Gemeinde Marxheim, Landkreis Donau-Ries, Schwaben. Quelle: Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband«, München 2007, Seite 104, Kapitel »Graisbach«
9) Gemeinde Egling, Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen, Oberbayern. Quelle: Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband«, München 2007, Seiten 47 und 48, Kapitel »Endlhausen«
Gemeinde Rottenburg an der Laaber, Landkreis Landshut, Niederbayern. Quelle: Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband«, München 2007, Seite 75, Kapitel »Schaltdorf«
10) Gemeinde Ruhstorf a. d. Rott, Landkreis Passau, Niederbayern. Quelle: Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband«, München 2007, Seite 56, Kapitel »Maierhof«. Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen und nicht der heutigen Rechtschreibung angepasst.
11) Quelle: Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband«, München 2007, Seite 65, Kapitel »Sandelzhausen«
12) Reisenotizen von Walter-Jörg Langbein, Datum nicht mehr feststellbar.

Zu den Fotos: Alle Fotos zeigen »Keltenschanze 2« von Holzhausen.
Alle Fotos: Walter-Jörg Langbein

Literatur zum Themenkreis »Kelten«
Teil 2

Krause, Arnulf: Von Göttern und Helden/ Die mythische Welt der Kelten
     Germanen und Wikinger, Stuttgart 2010
Lehner, Thomas (Hrsg.): Keltisches Bewusstsein/ Wissenschaft, Musik, Poesie,
     München 1985
Lengyel, Lancelot: Das geheime Wissen der Kelten/ enträtselt aus druidisch-
     keltischer Mystik und Symbolik, 3. Auflage, Freiburg i.Br. 1985
Machalett, Walter: Die Externsteine/ Das Zentrum des Keltentums, Maschen 
     1963 (kleines Heftchen)
Markale, Jean: Die keltische Frau – Mythos, Geschichte, soziale Stellung,
     München 1984
Markale, Jean: Die Druiden – Gesellschaft und Götter der Kelten, München
     o.J.
Menghin, Wilfried: Kelten, Römer und Germanen/ Archäologie und
     Geschichte in Deutschland, Augsburg 1980
Meyer, Jürgen: Die Kelten/ geheimnisvoll und mystisch, Reutlingen 2012
Monroe, Douglas: Merlyns Vermächtnis, Freiburg 1997
Monroe, Douglas: The Lost Books of Merlyn, St. Paul 2002
Pennick, Nigel: Die heiligen Landschaften der Kelten, Engerda 1998
Protter, Eric und Nancy: Celtic Folk and Fairy Tales, New York 1966
Reiser, Rudolf: Götter und Kaiser/ Antike Vorbilder Jesu, München 1975
     (keltische Vorbilder Jesu, siehe Register!)
Reiser, Rudolf: Die Kelten in Bayern und Österreich, Rosenheim 1992
Reiser, Rudolf: Bayern und Salzburg um Christi Geburt/ Die keltisch-römische
     Vergangenheit, München 2001
Resch-Rauter: Auf den Spuren der Druiden, Wien ohne Jahresangabe
     (besonders Keltischer Festtagskalender, S. 285-370)
Resch-Rauter, Inge: Unser Keltisches Erbe/ Flurnamen, Sagen, Märchen und 
     Brauchtum als Brücken in die Vergangenheit, Wien 2007
Resch-Rauter, Inge: Keltische Gegenwart/ Eine Spurensicherung/ Von
     Bergbau, Kampf und Himmelskunde, erhalten in Sagen, Brauchtum und
     Ortsnamen, Wien 2008

Zu den Fotos: Alle Fotos zeigen »Keltenschanze 2« von Holzhausen.
Alle Fotos: Walter-Jörg Langbein



337 »Dreizehn Schanzen«,
Teil 337 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 03.07.2016




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Sonntag, 31. Mai 2015

280 »Die Lichterscheinungen von Lügde und anderswo«

Teil 280 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


»Leuchtende« Kilianskirche bei Nacht.

»An der Stelle, wo sich heute die St. Kilianskirche erhebt, soll in ganz, ganz alter Zeit bei den Heiden einst ein Heiligtum, das ›Ewige Licht‹ geheißen, gewesen sein. Hier soll immer ein Licht gebrannt haben und eine Heilquelle aus der Erde gesprungen sein. Aus allen Landen kamen die Heiden hierher. Es mag sich um ein wichtiges Heiligtum gehandelt haben. Die christlichen Missionare haben dieses Heiligtum dann verschüttet und an dieser Stelle eine Kirche errichtet, dem Heiligen Kilian geweiht. Die verschüttete Quelle versank 898 Meter tief und wartet noch heute auf ihre Wiederentdeckung. Es soll eine Salzquelle sein, die überaus heilsam wirken könne.«  So schreibt Heimatforscher Manfred Willeke in der von ihm herausgegebenen »Lügder Sagen-Sammlung«.


Ermordung St. Kilians

Interessant ist die Herkunft des Namens »Kilian«. Sie ist wohl keltischen Ursprungs. Aus dem keltischen »Ceallach« wurde wohl Kilian. »Ceallach« ist alles andere als christlich und bedeutet »Krieg, Kampf und Kämpfer«. Kam »St. Kilian« wie vermutet, aus dem keltischen Raum, um auch im Raum Lügde zu missionieren? Oder verbirgt sich etwas Heidnisches hinter der christlichen Fassade? 1972 wurde Ausgrabungen vor Ort durchgeführt, die interessante Spuren zutage förderten. So stießen Archäologen auf ein »prähistorisches Kindergrab« (2), aus der Zeit um Christi Geburt und auf eine »Abfallgrube« aus der gleichen Zeit. 

Die Kelten hinterließen eine Vielzahl von Anlagen, zum Beispiel die »Keltenschanzen« von Holzhausen (Bayern) und der »Herlingsburg« (unweit von Lügde). Innerhalb dieser von Erdwällen umgebenen Stätten gab es sehr häufig recht tiefe Schächte, in denen »organisches Material« entdeckt wurden. Offenbar handelte es sich dabei um Opferschächte, in die Gaben für die Götter geworfen wurden. Was manchmal despektierlich als »Abfallgrube« bezeichnet wird, kann sehr wohl auf heidnische Kulte hinweisen.

Dr. Günther Wieland studierte Vor- und Frühgeschichte. Der promovierte Wissenschaftler darf als einer der führenden Experten in Sachen »Keltenschanzen« gelten. In »Keltische Viereckschanzen« versucht er zusammen mit namhaften Kollegen einem uralten Rätsel auf die Spur zu kommen (3). Dr. Wieland schreibt zur Thematik der »Schächte« (4): »Die mehrfach in Viereckschanzen nachgewiesenen Schächte waren eines der Hauptargumente, alle diese Anlagen kultisch zu deuten und werden immer noch kontrovers diskutiert.«

Als ich in Erlangen evangelische Theologie studierte, hielt ich im Hause des »Martin-Luther-Bundes« einen Vortrag über »heidnische Wurzeln christlicher Stätten«. Meine Hinweise darauf, dass es dort, wo heute christliche Wallfahrten enden, einst schon Heiden ihre Kultfeiern zelebrierten, stießen auf wenig Begeisterung. »Sie interpretieren da zu viel hinein, Bruder Langbein!«, ermahnte mich mit strengem Blick ein Professor der Kirchengeschichte. »Verschwenden Sie doch nicht Ihre Zeit mit derlei Überlegungen! Wenn irgendwo im Erdreich Reste von Tieren ausgegraben werden, muss das mit altem heidnischen Brauchtum nichts zu tun gehabt haben. Vielleicht waren das nur Abfälle, die man vergraben hat! Und Sie geheimnissen da Religiöses hinein!« 

Teil des Walls einer Keltenschanze (Holzhausen)

In Holzhausen, Raum München, wurden in einer »Keltenschanze« drei Schächte ausfindig gemacht. Der älteste war immerhin ursprünglich 35 Meter tief. Dieser 35 Meter tiefe Schacht war teilweise handwerklich geschickt verschalt worden. Archäologen entdeckten am Grunde des verschütteten Schachts ein geschnitztes, scheibenförmiges Holzobjekt, vermutlich ein Kultobjekt aus heidnischen Zeiten. Im sechs Meter tiefen Schacht von Holzhausen stand einst auf dem Boden ein ins Erdreich getriebener Pfahl. Solche Pfähle versinnbildlichten in »primitiven« Zeiten nicht selten Gottheiten. Zu Zeiten des Alten Testaments, als Jahwe schon längst offizieller Gott war, wurden noch Pfähle angebetet, stellvertretend für Göttinnen. So war das Bild der Göttin Aschera alias Astarte ein Pfahl. Aschera alias Astarte war eine der wichtigsten Fruchtbarkeitsgöttinnen.

Vergeblich suchte ich in der Literatur nach archäologischen Auswertungen der »Abfallgrube« von Lügde aus der Zeit um Christi Geburt. So lässt sich die Frage, ob es sich dabei um Spuren ritueller Kulthandlungen und Opferungen vor rund zwei Jahrtausenden gehandelt hat, nicht mehr beantworten. Manfred Willeke hält es für möglich, dass dort, wo heute die altehrwürdige Kilianskirche zu Lügde steht, schon in vorchristlicher Zeit religiöse Feiern abgehalten wurden. So schreibt er(5): »Wenn es sich dabei tatsächlich um ein Heiligtum der Sachsen (Heiden) gehandelt hat, wäre die Errichtung einer Kirche darüber durchaus möglich, wie uns die Fachliteratur berichtet.«

Maria Licht
 Vor Jahren kam ich in der Kilianskirche zu Lügde mit einem Schweizer Ehepaar aus dem Dörfchen Acladira (Kanton Graubünden, in der Nähe von Trun) ins Gespräch. Interessiert lauschten die sympathischen Eidgenossen meinen Hinweisen auf die Lichterscheinung, die nach der alten Sage zum Bau der ersten Kilianskirche führte. »Unser Kirchlein in Acladira heißt Maria Licht!«, erklärte mir der Mann. Auch hier wird von einer geheimnisvollen Lichterscheinung berichtet. In vorgeschichtlichen Zeiten gab es ein prähistorisches Heiligtum. Ein mächtiger Findling überlebte die »Christianisierung«. Angeblich war der Stein noch im 20. Jahrhundert Ziel christlicher Pilger. Ob es schon zu heidnischen Zeiten das seltsame helle Licht gab? Wurde just dort, wo heute zu »Maria Licht« gebetet wird, eine Göttin verehrt? Am Chorbogen wird die Aufmerksamkeit der Besucher auf ein großes Fresko gelenkt. Es zeigt den »Triumphzug Marias«. Maria wird auf einem Wagen von Benediktinern gezogen.

Auf dem Altarbild, so erfuhr ich, sei einst eine »Heimsuchungsszene« zu sehen gewesen. Sollte das Kunstwerk den frommen Christen im 17. Jahrhundert zu anrüchig gewesen sein? Es wurde in den Jahren 1681 bis 1684 »durch eine bekleidete Madonna« (6) ersetzt. Die christliche Weihe erfolgte erst am 4. Juli 1672 durch Bischof Ulrich VI. de Mont zu Ehren der Jungfrau »Maria zum Licht«. Heidnische Weihen dürfte der sakrale Ort schon Jahrtausende früher erhalten haben. Das namensgebende Licht wurde von der christlichen Gemeinde als »göttliche Botschaft« gedeutet. Auch das im 17. Jahrhundert gefertigte Gemälde im Chorhimmel kann als »verchristianisierte« Fassung eines heidnischen Opferrituals gedeutet werden. Da fließen das Blut Jesu und die Milch der Gottesmutter zusammen: in einer Opferschale. Blut und Muttermilch lassen Erinnerungen an einen uralten Kult aus dem Matriarchat aufkommen.

Maria auf der Mondsichel in Lügdes Marienkirche

Zu den ältesten Gottheiten überhaupt gehören mit dem Mond verbundene Göttinnen. Barbara Walker weiß zu berichten (7): »Die Menschen glaubten schon seit ihren frühesten Kulturen, daß die geheimnisvolle Magie der Schöpfung dem Blut innewohne, das Frauen in offensichtlicher Harmonie mit dem Mond von sich gaben.« In »Harmonie mit dem Mond« wird sehr häufig auch in christlicher Sakralkunst Maria, die Gottesmutter, gezeigt. In zahllosen Darstellungen – zum Beispiel in der Marien-Kirche zu Lügde, steht sie auf einer Mondsichel. Die christliche Muttergottes setzt so eine uralte Tradition fort, die irgendwann in grauer Vorzeit ihren Ursprung nahm.  In Mesopotamien zum Beispiel wurde die Muttergöttin Ninhursag verehrt, die Menschen wie der biblische Gott aus Lehm geschaffen haben soll. Diese Kreationen bekamen das »Blut des Lebens« eingetrichtert…. 

»Ägyptische Pharaonen,« so lesen wir im Lexikon »Das geheime Wissen der Frauen« (8), »wurden göttlich, indem sie ›Blut der Isis‹ zu sich nahmen«. Dürfen wir in diesem Zusammenhang an das »Blut Christi« denken, das beim christlichen Abendmahl rituell verabreicht wird?


Maria Eck

Vom Schweizer Acladira zur Wallfahrtskirche Maria Eck im Traunsteiner Land. Das kleine Kirchlein ist auch heute noch, 882 Meter hoch gelegen, eines der beliebtesten Ziele des Chiemgaus. Vor dem Gnadenbild beten Zigtausende. Ob sie alle wissen, dass am Anfang eine mysteriöse Lichterscheinung den Ort heiligte? Auch die Maria der Wallfahrtskirche »Maria Eck« wird seit alters her in frommer Kunst gern wie eine Mondgöttin, also stehend auf der Mondsichel, gezeigt. 100 000 Pilger besuchen jährlich Maria Eck. Wie viele mögen wissen, dass »ihre« Gottesmutter uralten Mondgöttinnen entspricht?

»Mondgöttin« von Maria Eck

Leider fehlt bis heute eine wissenschaftliche theologische Erforschung der vernachlässigten Zusammenhänge: Welche Marienheiligtümer wurden auf heidnischen Kultstätten gebaut? Wo gab es mysteriöse Lichterscheinungen, die solche Orte der Kraft markierten? Bestätigten Lichterscheinungen die richtige Auswahl von Orten für den Bau von Tempeln oder Kirchen? Oder wurden sakrale Bauwerke dort gebaut, wo geheimnisvolle Lichterscheinungen aufgetreten sind?

Maria Locherboden

Ich fürchte, für viele heilige Orte werden sich diese Fragen nicht mehr beantworten lassen, weil das vorchristliche Erbe über Jahrhunderte hinweg negiert, verdrängt und zerstört wurde. So wissen wir von der Wallfahrtskirche Maria Locherboden über dem Inntal am Mieminger Plateau (Österreich), dass bei der christlichen Weihe anno 1901 Lichterscheinungen aufgetreten sein sollen. Aber wann wurde dieses Phänomen zum ersten Mal beobachtet? Fakt ist: Schon bevor die Kirche gebaut wurde, gab es Wallfahrten und – angeblich – Wunderheilungen. Die Kirche Maria Locherboden wurde ja errichtet. Weil just jene Stelle schon seit Jahrhunderten von christlichen Pilgern besucht wurde.


In den Monaten Mai bis Oktober findet immer am 11. Des Monats eine Lichterprozession statt… in Erinnerung an mysteriöse Lichterscheinungen? Ich fürchte, die Zusammenhänge zwischen heidnischen oder/ und christlichen Kultorten und mysteriösen Lichterscheinungen lassen sich in vielen Fällen nicht mehr erforschen. Wir sollten aber endlich die vorhandenen Quellen – Sagen, zum Beispiel – nutzen und auswerten, die Antworten auf just diese Fragen anbieten. Bislang entsteht aber der deutliche Eindruck, dass eine solche Forschung nicht wirklich erwünscht ist. Warum? Weil jeder Gläubige gern davon ausgeht, dass die eigene Religion allein die Fragen des Lebens beantworten kann.

St. Kilian zu Lügde
Leider gibt es aber bisher nicht einmal einen zusammenfassenden Überblick, wo und seit wann denn überall als göttlich angesehene Leuchterscheinungen aufgetreten sind. Ebenso wenig gibt es einen Überblick über alle »heidnischen« Stätten, die von christlichen abgelöst wurden. Die von mir angeführten Beispiele sind nur eine winzige Auswahl… Wie viele mag es insgesamt geben, im christlichen und darüber hinaus überhaupt im religiösen Bereich? Das sind Fragen, die Theologie, die diesen Namen auch verdient, endlich zu beantworten versuchen sollte!


Fußnoten

(1) Willeke, Manfred: »Lügder Sagen-Sammlung/ Sagen und sagenhafte Geschichten aus der Stadt Lügde«, Lügde 1988, S. 81, Orthographie blieb unverändert
(2) ebenda, S. 82
(3) Wieland, Günther (Hrsg.): Keltische Viereckschanzen/ Einem Rätsel auf der Spur, Stuttgart 1999
(4) ebenda, S. 44
(5) , Manfred: »Lügder Sagen-Sammlung/ Sagen und sagenhafte Geschichten aus der Stadt Lügde«, Lügde 1988, S. 81, Orthographie blieb unverändert.
Anmerkung des Verfassers: Meine Schlussfolgerungen sind »auf eigenem Mist gewachsen« und nicht mit Herrn Willeke abgesprochen. Es soll nicht der Eindruck entstehen, als ob meine Vermutungen von Herrn Willeke geteilt werden.
(6) Wikipedia-Artikel zu »Maria Licht«, Stand 14. April 2015
(7) Walker, Barbara: »Das geheime Wissen der Frauen«, Frankfurt 1993, S. 698
(8) ebenda, S. 700

Zu den Fotos:

»Leuchtende« Kilianskirche bei Nacht: Foto Walter-Jörg Langbein
Ermordung St. Kilians:Archiv Walter-Jörg Langbein
Teil des Walls einer Keltenschanze (Holzhausen): Foto Walter-Jörg Langbein
Maria Licht: wiki commons/ Adrian Michael
Maria auf der Mondsichel in Lügdes Marienkirche: Walter-Jörg Langbein
Maria Eck: wiki commons/ Schizoschaft
»Mondgöttin« von Maria Eck: ca 1850, Archiv Walter-Jörg Langbein
Maria Locherboden:wiki commons/ Kries
St. Kilian zu Lügde: Walter-Jörg Langbein

281 »Die verschwundenen Burgen«
Teil 281 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 07.06.2015

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Sonntag, 7. September 2014

242 »Ein totes Pferd und eine Göttin«

Teil 242 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Das rätselhafte Kirchlein von Holzhausen.
Foto Walter-Jörg Langbein

Viele Wege führen von München aus in das idyllische Straßlach-Holzhausen. Man kann ein kleines Stück auf der A95 Richtung Garmisch fahren, dann auf der Landstraße via Schäftlarn  nach Holzhausen. Eine andere Möglichkeit ist die A8 Richtung Salzburg, dann auf die Landstraße:  Hofoldinger Forst – Sauerlach – Endlhausen – Eulenschwang – Holzhausen. Ober man fährt gleich Oberhaching – Deisenhofen – Oberbiberg – Ebertshausen – Holzhausen.

Welchen Weg man auch wählt, das kleine Dörfchen Holzhausen, 30 Kilometer südlich von München gelegen, ist immer eine Reise wert. Hat doch Holzhausen eine echte Sensation zu bieten: die Reste einer Jahrtausende alten Kultanlage. Jahrtausende alt sind die beiden sogenannten »Keltenschanzen«. Beide mögen einst so ausgesehen haben wie die Herlingsburg am Schieder-See. Vom Ferienhof »Zum Dammerbauer« erreicht man die einstmals heilige Stätte »Schanze 2« am Südostrand des Dörfchens in wenigen Minuten.

Der Ferienhof »Zum Dammerbauer«. Foto W-J.Langbein

Wirklich viel erkennt man allerdings nicht. Im Buch mit den offiziellen Grabungsberichten heißt es allerdings (1): »Die Schanze ist nur teilweise erhalten, aber einwandfrei erkennbar.« Erkennbar sind allerdings nur Teile der Schanze, andere Teile kann man nur erahnen und andere wiederum fielen der Flurbereinigung zum Opfer. »Schanze 1«, keine 90 Meter östlich von »Schanze 2« hat unter dem Zahn der Zeit deutlich mehr gelitten als »Schanze 1«. Ich muss zugeben: Ich habe sie bei meinem Besuch nicht gefunden. »Schanze 2« maß in etwa 90 Meter im Quadrat. »Schanze 1« war etwas größer und fünfeckig.

Vor mehr als einem halben Jahrhundert, im Jahre 1957, erhielt der Wissenschaftler Klaus Schwarz den Hinweis, dass ein »Erdwall« bei Holzhausen »teilweise abgetragen« werde. Der Gelehrte Klaus Schwaz reagierte prompt und erschien mit einem Team von Archäologen vor Ort. Nach ersten Untersuchungen war klar: Der Wall war kein Überbleibsel eines alten Viehpferchs oder römischen Gutshofs. Man stand vor einem alten keltischen Heiligtum, vergleichbar mit einem »gallo-römischen Umgangstempel«.

Leicht zu übersehen: Teilstück der Keltenschanze.
Foto Langbein

Sorgsamste Ausgrabungen – über einen Zeitraum von fünf Jahren – ergaben verschiedenen Bauphasen. Am Anfang gab es ein sakrales Gebiet, das von einem mächtigen Holzzaun umgeben war. In der Westecke des so geschützten Areals stand ein hölzerner Tempel, der – wie christliche Dome – so etwas wie einen überdachten Umgang besaß. Bei Domen und Kathedralen spricht man von Kreuzgängen, in denen fromme Mönche gedankenverloren zum Beispiel über Jenseits und Höllenfeuer nachdachten. In Bauphase 2 wollte man wohl den Schutz noch verstärken. Ein Graben wurde ausgehoben, ein Wall aufgeschüttet und dazu kam eine wuchtige Wand aus Pfählen. Der Wall muss einst gewaltig gewesen sein. Noch Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts maß der Wall an den Ecken bis zu 2,50 Meter! Wie hoch mag er 2100 Jahre früher gewesen sein?

Von den Holzpalisaden ist heute – 2100 Jahre später – natürlich nichts mehr übrig geblieben. Auch der einst schützende Erdwall besteht nur noch zum Teil, von hohem Gras überwuchert. Bäume wachsen darauf, landwirtschaftlich genutzt wird, was einst womöglich nur keltischen Priestern und Weisen vorbehalten war. Unter der Grasnarbe allerdings hatte eine geheimnisvolle Unterwelt die Jahrtausende überdauert. Die Archäologen machten drei Schächte aus, sechs, acht und fünfunddreißig Meter tief! Welchem Zweck dienten diese Schächte einst? 

Eine der Ecken der Schanze. Foto W-J.Langbein

Der 35 Meter tiefe Schacht war teilweise handwerklich geschickt verschalt worden. Archäologen entdeckten im verschütteten Schacht ein geschnitztes, scheibenförmiges Holzobjekt. Im sechs Meter tiefen Schacht, dem kleinsten, stand einst auf dem Boden ein ins Erdreich getriebener Pfahl. Solche Pfähle versinnbildlichten in »primitiven« Zeiten nicht selten Gottheiten. Zu Zeiten des Alten Testaments, als Jahwe schon längst offizieller Gott war, wurden noch Pfähle angebetet, stellvertretend für Göttinnen. So war das Bild der Göttin Aschera alias Astarte ein Pfahl. Aschera alias Astarte war eine der wichtigsten Fruchtbarkeitsgöttinnen.

Chemische Analysen von Material aus einem der Schächte ergaben ein für den Laien wenig aussagekräftiges Resultat. Eine klumpige Lehmschicht enthielt »Abbauprodukte organischer Substanzen« (2). Martin Bernstein erklärt in seinem Buch »Kultstätten Römerlager und Urwege«: »In den Schacht war also Blut geflossen und Fleisch geworfen worden.« Und weiter: »Jetzt hatten die Wissenschaftler ihre Beweiskette beisammen: künstlich angelegte Schächte, in denen sich Reste von Opfergaben und Kultbildern befanden; einen umfriedeten Platz, der weitgehend unbebaut war und auf dem keinerlei Gegenstände unbeabsichtigt in den Boden gelangt waren; schließlich ein Gebäude mit Umgang, das sich als Vorstufe zu den gallo-römischen Tempeln interpretieren ließ. Die
›Viereckschanze‹ von Holzhausen war ein Heiligtum.«

Bäume auf der Keltenschanze. Foto W-J.Langbein

Von Holzhausen aus habe ich mit zwei lieben Bekannten Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung gemacht. Unzählige kleine Kirchlein konnten wir besuchen. Nicht wenige von ihnen scheinen an Orten errichtet worden zu sein, wo einst schon in vorchristlicher Zeit sogenannte »Heiden« zu ihren Göttinnen und Göttern beteten, zum Beispiel ganz in der Nähe von Quellen. Die Christianisierung erfolgte weit langsamer als Theologen oft gern wahrhaben wollen. Heidnischer Glaube verschwand nicht von heute auf morgen, um dem christlichen Platz zu machen. Vielmehr ist anzunehmen, dass heidnische Kulte und christliche Zeremonien nebeneinander praktiziert wurden. Die Missionare waren häufig keine feingeistig-weltfremden Frömmler. Sie erkannten, dass ihre Schäfchen nicht von den alten Göttern und Göttinnen lassen wollten. Also boten sie ihnen christliche Heilige an, bei denen es sich allerdings um heidnische Götter und Göttinnen im christlichen Gewand handelte.

In Vergessenheit geraten sind die Kulthandlungen, die wohl einst in »Schanze 2« vollzogen wurden. Blutspuren und Reste von Fleisch weisen auf Opferhandlungen hin. Wenn »Mutter Erde« geopfert werden sollte, lag es nahe, die Gaben in einem möglichst tiefen Schacht darzubieten. Ein Pferdeskelett mit abgetrennten Extremitäten gibt Rätsel auf. Gehörte es zum zeremoniellen Ritual, die Gliedmaßen der Opfertiere abzuschlagen, um eine Flucht der toten Tiere zu verhindern?

Prof. Georg Fohrer (*1915, †2002) war »ordentlicher Professor für Alttestamentliche Wissenschaft« in Erlangen. Ich habe manche Vorlesung bei Prof. Fohrer besucht, an einigen seiner Seminare teilgenommen. Je näher seine Emeritierung 1979 rückte, desto offener wurde der Gelehrte auch für »Randfragen«. Im Gespräch (3) erklärte er mir einmal, dass in alten Kulturen, womöglich auch in Israel, die Vorstellung bestand, man müsse Opfertieren die Möglichkeit nehmen im Jenseits zu fliehen. »Ein Pferd sollte womöglich einem Gott als Reittier dienen, oder einem Toten im Jenseits. In himmlischen Gefilden wie im Jenseits war aber eher ein totes Reittier von Nutzen als ein lebendes.

Und es musste zunächst verhindert werden, dass das Tier floh, bevor es vom Gott erstiegen werden konnte.« Wenn man aber einem toten Pferd die Beine abschlug, konnte es im Jenseits zwar nicht fliehen, war aber ja auch als Geisterreittier nicht mehr geeignet. »Sie denken zu logisch!«, rügte mich Prof. Fohrer.


Baumbewachsen ... Teile des Erdwalls. Foto Walter-Jörg Langbein

Oder gibt es eine ganz andere Erklärung für das Pferdeskelett? Bei den Kelten wurde »Epona«, auch »Epana« genannt, als Fruchtbarkeitsgöttin verehrt und angebetet. Gleichzeitig galt sie als mächtige Göttermutter. Die Römer übernahmen »Epona« von den Kelten – als Göttin der Pferde! Weist das Pferdeskelett in »Schanze 2« auf die keltische Fruchtbarkeitsgöttin Epona hin?

Vor 2100 Jahren, als die beiden Keltenschanzen von Holzhausen schon existierten, gab es das Dörfchen Holzhausen noch nicht. Gab es nur die dicht nebeneinander liegenden Kultstätten? Waren es Orte der Wallfahrt für vorchristliche Heiden? Siedelte man sich später, in christlicher Zeit, an, wo uralte heidnische Bräuche ausgeübt wurden? Erinnert gar der Name – das ist reine Spekulation – an die hölzernen Palisaden der »Schanzen«? Das Filialkirchlein »St. Martin« in Holzhausen jedenfalls wurde nur einen Steinwurf von den beiden »Keltenschanzen« entfernt errichtet.

Umstritten ist bis heute, was genau »Keltenschanzen« waren. Die »Schanzen« –  Wallanlagen mit Gräben und Holzpalisaden, dienten sie nur der Verteidigung gegen Angreifer? Was sollte geschützt werden? Waren es sakrale Tempelanlagen für uralte Kulte? Oder handelte es sich um Schutz für keltische Siedlungen, in denen allerdings auch Bauten für religiöse Zwecke gab? Meiner Überzeugung nach waren Keltenschanzen beides. Kleine Areale mit massivem Schutz dürften aber ausschließlich Kultanlagen gewesen sein. Zu diesen zähle ich beide Schanzen von Holzhausen.

Stand hier einst ein Tor? Foto Walter-Jörg Langbein

Im »Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern – Band 18«, herausgegeben vom »Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz«, veröffentlicht im für präzise wissenschaftliche Publikationen bekannten »Verlag Philipp von Zabern« wird die besondere Bedeutung von »Schanze 2« in Holzhausen hervorgehoben: »Was die Ausgrabungen in Holzhausen zur Lösung des Viereckschanzenproblems beitrugen, ist auf wenige Stichworte verkürzt folgendes: Von den bislang für die Viereckschanzen erörterten Deutungsmöglichkeiten konnte die ›Wehrtheorie‹, sowie die ebenfalls erwogene Möglichkeit der landwirtschaftlichen Nutzung (Gutshof, Viehpferch) ausgeschieden werden. Für kultische Zweckbestimmung spricht die Deponierung organischer Substanzen in den ergrabenen Schächten sowie die Aufstellung bearbeiteter Holzgegenstände auf ihrem Grunde, welche – nach römerzeitlichen Analogien aus Gallien – einfache Göttersymbole dargestellt haben könnten.« Weiter weißt das wissenschaftliche Werk daraufhin, dass es in »Keltenschanzen« offensichtlich sakrale Gebäude gab, eine Vorstufe der jüngeren »gallo-römischen« Umgangstempel.

Wie viele »Keltenschanzen« es ursprünglich gegeben haben mag? Wir wissen es nicht. Es müssen allein in Bayern hunderte, wenn nicht gar tausende gewesen sein. Unzählige wurden im Zuge der Christianisierung zerstört, unzählige wurden abgetragen, um Acker- oder Weideland zu gewinnen. Erst durch die Auswertung von Luftbildern, von Flugzeugen aus aufgenommen, können längst verschwundene Anlagen wieder sichtbar gemacht werden. Ihre Grundrisse sind oft noch als Verfärbung im Boden erkennbar…. Spuren von Jahrtausende alten Tempeln, in denen wohl der Fruchtbarkeitsgöttin gehuldigt wurde.

Keltenschanze 2 am Abend. Foto W-J.Langbein

Fußnoten

1) »Die Ausgrabungen in der Viereckschanze 2 von Holzhausen/ Grabungsberichte vom Klaus Schwarz/ Zusammengestellt und kommentiert von Günther Wieland«, Rahden/ Westfalen 2005, S. 11
2) Bernstein, Martin: »Kultstätten Römerlager und Urwege«, München 1996, S. 64
3) Zitat nach Notizen rekonstruiert
4) Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz (Hrsg.): »Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern – Band 18«, 2. Auflage, Main 1971

Siehe auch…

Wieland, Günther (Hrsg.): Keltische Viereckschanzen/ Einem Rätsel auf der Spur, Stuttgart 1999 (21. Holzhausen, Gem. Straßlach-Dingharting, Landkreis München S. 195-198)


»Das Geheimnis der Schatzhöhle,«
Teil 243 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 14.09.2014

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