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Sonntag, 31. Mai 2020

541. »Hesekiel, Elias und Henoch wurden ›entrückt‹«

Teil 541 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Elias und Henoch. Bibelillustrationen, koloriert.

Der Prophet Hesekiel schildert seine erste Begegnung mit dem Wagen Gottes, auch »Herrlichkeit Jahwes« (»Herrlichkeit des HERRN«) genannt, so (1) »Und ich sah, und siehe, es kam ein ungestümer Wind von Norden her, eine mächtige Wolke und loderndes Feuer, und Glanz war rings um sie her, und mitten im Feuer war es wie blinkendes Kupfer.« Auch in der »Elberfelder Bibel« kommt die geheimnisvolles Gotteserscheinung recht imposant daher (2): »Und siehe, ein Sturmwind kam von Norden her, eine große Wolke und ein Feuer,…«

Prof. Georg Fohrer (3): »Jahwe erscheint im Sturm, auf dem man die großen babylonischen Götter einherfahrend dachte. Er naht auf dem babylonischen Götterwagen mit den gewaltigen Rädern, deren furchtbares Getöse Himmel und Erde erzittern läßt. … Die Lichterscheinung erinnert an babylonische solare Gottheiten, vor allem wiederum des Sonnengottes.«

Der Theologe und Alttestamentler Prof. Hermann Gunkel (*1862; †1932) glaubt den Ursprung solcher himmlischer Wagen im Märchen ansiedeln zu müssen. So schreibt er (4): »Auch die Vorstellung von einem fliegenden Wagen kommt im Märchen vor; auf solchen Wagen fahren Elisa und Henoch zum Himmel. … Die Mythologie schreibt den Göttern solche Flugzeuge zu, denn natürlich besitzen diese die ›Wunschdinge‹, nach denen sich der Mensch sehnt: Hermes hat Flügelschuhe, Jahwe fliegt auf dem Kerub, bei Hesekiel auf den Häuptern von vier beschwingten Keruben und – auf einem beseelten Zauberwegen.«

Der Theologe und Alttestamentler Prof. Gunkel hält die Beschreibungen von Götterwagen für Wunschdenken. Ich muss dem Theologen auch hier den Raumfahrtwissenschaftler gegenüberstellen. Sänger lehnt den Gedanken, fliegende Wagen müssten Fantasieprodukte sein, ab. Raumfahrtpionier Eugen Sänger indes war da ganz anderer Ansicht als Prof. Gunkel (5): »Es erscheint uns heute fast wahrscheinlicher, dass unsere Vorfahren diese Vorstellungen aus realen Erfahrungen bei der Begegnung mit prähistorischen Besuchern aus dem Weltraum erwarben, als dass eine ans Unglaubwürdige grenzende Zukunftsschau sie ihnen schon vor Jahrtausenden auf wunderbare Weise geoffenbart hätte.«

Sänger betonte anno 1958, also vor mehr als einem halben Jahrhundert, dass entsprechende Hinweise nicht etwa nur bei einzelnen Völkern oder Religionen vorkommen, »sondern praktisch bei allen Völkern der Erde in sehr ähnlicher Weise auftauchen«.

Schließlich listet Prof. Sänger einige Indizien für Besuche der »Astronautengötter« auf, die Jahre später sozusagen zum Kanon der »Prä-Astronautik« gehören sollten (6):»Tatsächlich berichtet nicht nur die Bibel vom Propheten Elias, er sei auf einem von Flammenrossen gezogenen Donnerwagen gen Himmel gefahren, nach mexikanischen Mythen erhielten die Maya den Besuch eines Gottes aus dem Weltraum, die Begründer der peruanischen Inkadynastie kamen vom Himmel...«

Foto 2: Elias. Ikone, frühes 19.Jahrhundert.
Wenden wir uns Elias‘ Erlebnis mit dem fliegenden Gotteswagen zu. Zur Vorgeschichte: Auf Betreiben Elias versammelten sich auf dem Berg Karmel (7) »die vierhundertfünfzig Propheten des Baal und die vierhundert Propheten der Aschera«. Es kam zu einem Opferwettbewerb zwischen den Priestern Jahwes und den Priestern Baals, den die Baalspriester ganz klar verloren haben. Baal nahm das ihm dargebotene Stieropfer nicht an. Da half kein Geschrei. Auch Selbstverstümmelung half nicht (8): »Nach ihrem Brauch ritzten sie sich mit Schwertern und Lanzen wund, bis das Blut an ihnen herabfloss.« Elija ließ seinen Opferstier zerteilen, auf einen Altar legen und wiederholt mit Wasser übergießen. Anders als Baal erhörte, so der Bibeltext, Gott Jahwe Elias Gebete, der sich von Gott wünschte, der möge doch sein Opfer annehmen, auffressen, sprich verbrennen. So geschah es dann auch (9): »Da kam das Feuer des HERRN herab und verzehrte das Brandopfer, das Holz, die Steine und die Erde.«

Jetzt erkannte das Volk, so schildert es die Bibel, dass Jahwe der mächtigere Gott war. Die Baalspriester hatten verloren. Die Niederlage mussten die 450 mit dem Leben bezahlen. Elias befahl (10): »Ergreift die Propheten des Baal! Keiner von ihnen soll entkommen. Man ergriff sie und Elija (alias Elias) ließ sie zum Bach Kischon hinabführen und dort töten.«

Alle 450 Baals-Priester wurden abgeschlachtet. Kurios: Die »400 Propheten« der Göttin Aschera wurden zwar auch zum Opferwettstreit auf den Berg Karmel geholt, sie nahmen aber nicht am Wettbewerb teil. Warum waren die »Propheten« der Göttin zugegen? Und während berichtet wird, dass die 450 Baalspriester massakriert wurden, hüllt sich der Text in Schweigen, wenn es um die »Propheten Ascheras« geht. Die werden schlicht und einfach im weiteren Verlauf der Geschichte gar nicht mehr erwähnt. Sollte Aschera warum auch immer unantastbar gewesen sein? Tatsächlich gibt es Hinweise auf Aschera als Partnerin Jahwes.

Das von Elias (Elia/ Elija) angeordnete Gemetzel scheint Gott Jahwe nicht gestört zu haben, ganz im Gegenteil. Jahwe beschließt nämlich, den Priester Elias zu sich holen zu lassen. Damit ist freilich nicht der Tod des Propheten gemeint. Offenbar war – so der Bibeltext – im Volk bekannt, dass Jahwe Elias entführen lassen wollte. Konkretes Beispiel: Elischa (zu Deutsch etwa »Gott hilft«), der Diener Elias‘, wurde gefragt (11): »Weißt du, dass der HERR (Jahwe) heute deinen Meister über dein Haupt hinweg aufnehmen wird? Er antwortete: Auch ich weiß es. Seid still!«

Foto 3: »Entrückung« des Elias.
Bibelillustration, koloriert.

Vergeblich versuchte Elias (andere Schribweise Elija) seinem Gott auszuweichen. Elias und sein Diener Elischa, Elias Nachfolger, waren zusammen unterwegs, da kam der göttliche Flugwagen zum Einsatz (12): »Während sie miteinander gingen und redeten, erschien ein feuriger Wagen mit feurigen Pferden und trennte beide voneinander. Elija fuhr im Wirbelsturm zum Himmel empor.« Elias wurde lebend und leibhaftig mit Gottes Himmelswagen von der Erde abgeholt, spricht entführt, im Bibeldeutsch »entrückt«.

Wolfgang Schneider schreibt in seinem Artikel »Elias Entrückung gen Himmel« (13): »Der Bericht über das Lebensende des Propheten Elia ist immer wieder Gegenstand von Überlegungen und Theorien gewesen, die fast alle in einer These enden: Elia wurde von Gott in den Himmel aufgenommen, ohne daß er gestorben wäre. Das Ereignis wird auch als ›Entrückung des Elia‹ bezeichnet, oder es heißt, Elia sei nicht den gewöhnlichen Menschentod gestorben, sondern in den Himmel aufgenommen worden. Manchmal wird es mit der Entrückung Henochs, einem der vorsintflutlichen Väter, verglichen. Beide, so wird dann gesagt, habe Gott zu sich in den Himmel aufgenommen, ohne daß sie gestorben wären.«

Foto 4: Auch Henoch wurde
von Gott in den Himmel entrückt.
Bibelillustration um 1730.
Über Henoch weiß die Bibel nicht viel zu berichten (14): »Henoch war fünfundsechzig Jahre alt, da zeugte er Metuschelach (Methusalem). Nachdem Henoch Metuschelach gezeugt hatte, ging er mit Gott dreihundert Jahre lang und zeugte Söhne und Töchter. Die gesamte Lebenszeit Henochs betrug dreihundertfünfundsechzig Jahre. Henoch ging mit Gott, dann war er nicht mehr da; denn Gott hatte ihn aufgenommen.« Wie der Terminus »Gott hatte ihn aufgenommen« zu verstehen ist, das verdeutlicht ein Vers im »Neuen Testament«. Im »Hebräerbrief« lesen wir in der »Einheitsübersetzung« (15):

»Aufgrund des Glaubens wurde Henoch entrückt, sodass er den Tod nicht schaute; er wurde nicht mehr gefunden, weil Gott ihn entrückt hatte; vor der Entrückung erhielt er das Zeugnis, dass er Gefallen gefunden habe bei Gott.« Ziehen wir noch »Hoffnung für alle« heran: »Weil Henoch glaubte, nahm Gott ihn zu sich, so dass er nicht sterben musste; er war plötzlich nicht mehr da. Die Heilige Schrift bestätigt, dass Henoch so gelebt hat, wie es Gott gefiel.«

Hesekiel erlebte eine Himmelsreise, wurde aber wieder auf irdischem Grund und Boden ausgesetzt. Elias und Henoch wurden auch zu einer Himmelsreise mitgenommen, so berichten es die biblischen Texte, nicht wieder zur Erde zurück.

Für den renommierten Theologieprofessor Dr. Hermann Gunkel (*1862; †1932) ist der Sachverhalt klar! Für ihn gibt es offensichtlich zwei Sorten von Texten, nämlich realistische Beschreibungen realer Geschehnisse einerseits und märchenhafte, sprich fiktive Texte. Wie aber entscheidet der Theologe, was erfunden wurde und was nicht? Mir scheint, dass er alles, was ihm zu fantastisch erscheint, in die »Kategorie Märchen« einordnet. Und das betrifft biblische wie außerbiblische apokryphe Texte und solche, die in anderen Kulturen entstanden sind.


Foto 5: »Entrückung« des Elias.
Bibelillustration, koloriert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.

Aber macht er es sich nicht zu einfach, wenn er alle Texte, die nach seinem Geschmack zu fantastisch klingen, in den Bereich des Märchenhaften verbannt? Prof. Dr. Hermann Gunkel (*1862; †1932) war ganz ohne Zweifel ein vorzüglicher, kenntnisreicher und wissenschaftlich präzise arbeitender Theologe. Doch was für Prof. Gunkel vor hundert und mehr Jahren einfach viel zu fantastisch war um wahr zu sein, das mag für uns zu Beginn des 21. Jahrhunderts längst überholte Wirklichkeit von gestern sein. Prof. Gunkel musste alles für unmögliche Fiktion halten, was für uns heutige immer noch allenfalls realistische Zukunftsschau ist. Genauso gilt, dass die Realität von – wählen wir ein beliebiges Jahr – 2122 für uns Heutige unfassbar unrealistisches Märchen sein muss. So ist es durchaus möglich, dass wir, wie Prof. Gunkel, uralte Texte als unglaubwürdig belächeln, nur weil sie fantastisch klingen. Meiner Meinung ist es unverzichtbar, auch scheinbar Märchenhaftes als Informationsquelle zu überprüfen. Falsch und unverantwortlich ist es meiner Meinung nach alles, was wir nicht für realistisch halten als »Märchen« zu etikettieren und unberücksichtigt zu lassen.


Fußnoten
(1) Hesekiel Kapitel 1, Vers 4 (Zitiert aus »Lutherbibel 2017«)
(2) Ebenda, Anfang von Vers 1 zitiert aus der »Elberfelder Bibel«.
»English Standard Version«: »As I looked, behold, a stormy wind came out of the north, and a great cloud, with brightness around it, and fire flashing forth continually, and in the midst of the fire, as it were gleaming metal.«
(3) Fohrer, Georg: »Handbuch zum Alten Testament. Erste Reihe 13/ Ezechiel«, Tübingen 1955, Seite 9, 7.-2. Zeile von unten (Fußnoten nicht mitgezählt!)
(4) Gunkel, Hermann: »Das Märchen im Alten Testament«, Tübingen 1921, Seite 61, letzte Zeile unten – Seite 62, 8. Zeile von oben
(5) Sänger, Eugen: »Raumfahrt – technische Überwindung des Krieges«, Hamburg 1958, Seite 124
(6) Ebenda, Seite 125(7) 1. Könige Kapitel 18, Vers 19 (»Einheitsübersetzung 2016«)
(8) Ebenda, Vers 28 (»Einheitsübersetzung 2016«)
(9) Ebenda, Vers 38
(10) Ebenda, Vers 40
(11) 2. Könige Kapitel 2, Vers 3
(12) 2. Könige 2, Vers 11
(13) Schneider, Wolfgang: »Elias Entrückung gen Himmel«, »Bibel Center«.  http://www.bibelcenter.de/bibel/studien/wort/d-std071.php (Stand 25.04.2020)
Die Rechtschreibung des Zitats wurde unverändert übernommen und nicht der Rechtschreibrefrom gemäß verunstaltet.
(14) 1. Mose Kapitel 5, 21-24 (»Einheitsübersetzung 2016«)
(15) Hebräer Kapitel 11, Vers 5 (»Einheitsübersetzung 2016«)
(16) Gunkel, Hermann: »Das Märchen im Alten Testament«, Tübingen 1921, Seite 52, 3.-8. Zeile von oben

Zu den Fotos

Foto 1: Elias und Henoch. Bibelillustrationen, koloriert.
Foto 2: Elias. Ikone, frühes 19.Jahrhundert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 3: »Entrückung« des Elias. Bibelillustration, koloriert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 4: Auch Henoch wurde von Gott in den Himmel entrückt. Bibelillustration um 1730. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 5: »Entrückung« des Elias. Bibelillustration, koloriert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.


542. »1.000 Jahre vor Kolumbus«,

Teil 542 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 07. Juni 2020 

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Sonntag, 17. November 2019

513. »Unser Gott und seine Frau«

Teil 513 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1:
Rekonstruktion einer
Aschera
Fotomontage
Je mehr man sich mit den Göttinnen und Göttern der ältesten Zeiten beschäftigt, desto schneller verliert man sich in einer schier unüberblickbaren Flut von Himmlischen, die von den Völkern ferner Zeitepochen angebetet wurden.

Freilich täuscht die Vielzahl der Namen, die wir oft nicht aussprechen können,  eine noch viel höhere Anzahl von Göttinnen und Göttern vor als es tatsächlich Himmlische gab. Vor Jahrtausenden wurden weniger Göttinnen und Göttern verehrt als es Namen von Göttinnen und Göttern gibt. Nicht selten verbergen sich nämlich hinter unterschiedlichen Namen die gleichen, identischen Gottheiten. Viele Namen sind in Vergessenheit geraten und von so mancher Gottheit wissen wir nicht mehr, welche speziellen Aufgaben sie zu erledigen hatte.

Der große Schöpfergott von Ugarit war »Ilu«. »Ilu« galt als (1) »Vater der Menschheit« und als »Erschaffer der Schöpfung«. Wir denken dabei zwangsläufig an den Schöpfergott der Bibel. An »Ilus« Seite stand die Göttin »Atirat« (2), die »Gebieterin der See« und »Königin des Hohen Himmels«. Als »die Göttin, die über das Meer  wandelt« ist »Aschera« bekannt. »Atirat«, die »ugaritische Meeres- und Himmelskönigin«, lebte an der Küste und beschützte die Seeleute. Dargestellt wird »Atirat« häufig vollkommen nackt, so wie die Eva des »Alten Testaments«. »Atirat« war auch unter dem Namen »Chawat« bekannt. »Chawat« alias »Hawat« spazierte wie Adam einst nackt im Paradies.

Jetzt wird es verwirrend. Eva, Adams Frau, heißt im hebräischen Original »Hawat«. Warum? Das wird im Buche Genesis erklärt (3): »Und er rief, Adam, einen Namen seiner Frau: Chawa, denn sie wurde die Mutter aller Lebenden.« Demnach hieß Eva im biblischen Paradies so wie die Partnerin von Gott »Ilu«. »Mutter aller Lebenden« ist ja ein uralter Göttinnen-Name.

Noch einmal, vielleicht finden wir mehr Klarheit: Der große Schöpfergott von Ugarit war »Ilu«. »Ilu« war auch als »El« bekannt. Also: Die Partnerin von Obergott »Ilu« alias »El« war Göttin »Atirat«. Und der »Atirat« entsprach tatsächlich »Aschera«.

Wir haben ein Pärchen im Himmel von Ugarit: Gott »Ilu« alias »El« und »Atirat« alias »Aschera«. Die Göttin Aschera kommt in Texten des Alten Testaments sehr viel häufiger vor als Übersetzern wie Martin Luther (*1483; †1546) lieb war. Durch falsche Übersetzungen ließ Luther ihren Namen aus den Texten des Alten Testaments verschwinden. So stand einst bei Luther im Buch Richter (4): 

Foto 2:
Darstellung eines
Baals. Fotomontage
»Und zerbrich den Altar Baals … und haue ab den Hain, der dabei steht.« Von einem »Hain«, also einem Wäldchen ist im Original nichts zu finden. Falsch übersetzte Luther weiter: »Und baue dem Herrn, deinem Gott, einen Altar und opfere ein Brandopfer mit dem Holz des Hains, den du abgehauen hast.« Es sind keine Bäume gefällt und verbrannt worden, so wie Luther glauben lassen wollte.
Erst in der revidierten Luther Bibel von 1912 kehrte die Göttin im Text der Übersetzung wieder: »Und haue um das Ascherahbild, das dabei steht und opfere ein Brandopfer mit dem Holz des Ascherahbildes, das du abgehauen hast.«

Wie offensichtlich falsch Luthers Übersetzungen in Sachen Aschera sind, das verdeutlicht ein Vers aus den Königsbüchern. Bei Luther hieß es da anno 1545 (5): »Er (Josia) ließ den Hain aus dem Hause des Herrn führen.« Mit dem »Haus des Herrn« war der Tempel in Jerusalem gemeint. Und aus dem Tempel soll ein Hain, also ein Wald,  »geführt« worden sein? Wie »führt« man einen Wald von A nach B? Natürlich gab es im Zentralheiligtum der gläubigen Israeliten keinen Wald. Der hebräische Originaltext lässt keinen Zweifel aufkommen: Entfernt wurde eine Aschera-Statue!

Luther steht als Fälscher keineswegs allein da. »Young’s Literal Translation«, also »Young’s Wörtliche Übersetzung«, tilgt Aschera aus dem Text und fabuliert von einem »Heiligtum« oder »Schrein«. Und vom »Holz des Heiligtums« oder »Holz des Schreins«. Eine Göttin soll im Hauptheiligtum der Juden über ein eigenes Heiligtum verfügt haben? Das kann den Verfassern von »Young’s Literal Translation« auch nicht gefallen haben. Ihnen kam es wohl vor allem darauf an, dass nichts mehr von Göttin Aschera zu lesen war. Auch in der »King James Version« ist für Göttin Aschera kein Platz. Sie weicht wie bei Luther einem »Wäldchen«, das abgeholzt und zu Ehren des im Monotheismus einzig erlaubten Gottes verbrannt wird.

Erst in der Ausgabe »21st Century King James Version« der Bibel taucht »Aschera« auf. Der »Aschera-Pfahl« wird umgehauen und das Holz des »Aschera-Pfahls« wird verbrannt.

Kehren wir zu Luther und seinen Manipulationen zurück. In Luthers Übersetzung von 1545 heißt es (6): »Auch blieb stehen der Hain zu Samaria.« In der revidierten Luther Bibel von 1912 darf die vom Reformator getilgte Göttin wieder zurückkehren: »Auch blieb stehen das Ascherabild zu Samaria.« Aschera wurde also nicht nur im Heiligtum der Juden in Jerusalem verehrt, sondern auch in Samaria. Das verwundert nicht! Denn wenn Aschera im Tempel Jahwes verehrt wurde, kann man davon ausgehen, dass auch in anderen Tempeln im Land Aschera zuhause war. Der Gedanke an eine Göttin neben Jahwe muss Luther ein Gräuel gewesen sein.

Foto 3: Typische
Aschera-Göttin
Fotomontage/ Collage


Das Erste Buch der Könige berichtet über ein Essen mit anschließendem eigenartigem Opferwettbewerb, der in einem Massenmord endete (7). Luther übersetzte wieder falsch. Er machte aus »Propheten der Aschera« anno 1545 »Propheten des Hains«. 400 Propheten der Aschera und 450 Propheten von Baal speisten gemeinsam. Dann kam es zum Zweikampf der besonderen Art. Die Aschera-Priester beteiligten sich daran nicht.

Erst schlachteten und zerteilten die Baal-Anhänger ein Rind und legten es auf einen Holzstoß. Schließlich beteten sie flehentlich zu Baal. Vergeblich. Baal schwieg. Er reagierte in keiner Weise. Jetzt fügten sich die Baal-Anhänger selbst mit Messern und Spießen Wunden zu. Vergeblich floss ihr Blut. Gott Baal ließ, so der angebliche »Bericht«, seine Anhänger im Stich. Er nahm ihr Opfer nicht an.

Dann kam die zweite »Partei« ins Spiel. Die Jahwe-Anhänger und ihr Gott Jahwe wurden gefordert. Die Bedingungen mussten aus Gründen der Fairness die gleichen sein. Auch Jahwe bekam zerstückelte Rinderteile auf einem Holzstapel angeboten. Jetzt aber machten es sich die Jahwe-Anhänger selbst schwerer, oder ihrem Gott. Sie  wollten unbedingt ein göttliches Wunder erzwingen. Also übergossen sie den zerstückelten Tierkadaver und das Holz mit reichlich Wasser. Alles schwamm förmlich im Wasser. Und doch geschah das erhoffte Wunder: Auf Elias Bitte hin ließ Jahwe sein Feuer vom Himmel fallen. Nicht nur das Holz des »Scheiterhaufens« und das Rind verbrannten trotz der Wassergüsse. Auch die Steine und Erde wurden vom göttlichen Feuer »gefressen«.

Foto 4:
Ascheras.
Fotomontage/
Collage
Der Wettstreit war entschieden. Die Jahwe-Anhänger waren die eindeutigen Sieger! Sie erwiesen sich aber als sehr schlechte Gewinner! Sie begnügten sich nicht mit der Niederlage ihrer Gegner im Opferwettbewerb. Sie brachten ihre Baals-Konkurrenten um. Die Luther-Bibel von 2017 formuliert recht drastisch (8): »Elia aber sprach zu ihnen: Greift die Propheten Baals, dass keiner von ihnen entrinne! Und sie ergriffen sie. Und Elia führte sie hinab an den Bach Kischon und schlachtete sie daselbst.« Elia bringt seinem Gott die Baals-Propheten als Schlachtopfer dar. (Der Ausdruck »Prophet« stand nach biblischem Verständnis nicht für Wahrsager oder Zukunftsdeuter. Propheten waren die »Pressesprecher« ihrer Götter. Sie übermittelten Verlautbarungen ihrer Götter. So war Moses der »Prophet« Jahwes.)

Über die Aschera-Propheten wird kein Wort mehr verloren. Warum waren sie dann überhaupt mit den Baals-Priestern eingeladen worden? Raphael Patai argumentiert (9): »Die Schlussfolgerung muss sein, dass ihnen, da sie nicht am Wettstreit teilnahmen, kein Leid zugefügt wurde. Wenn dem so war, dann müssen sie ungehindert auch weiterhin ihrer Göttin gedient haben.«

Es ist eine ganze Reihe berechtigter Fragen! Warum wurden unter Ahab die Baals-Priester niedergemetzelt, die Aschera-Priester aber verschont? Warum wurde Jahrzehnte später unter König Joahaz der Aschera-Kult weiterhin geduldet (10)? Die Statue der Göttin  in Samaria blieb unangetastet. Wurde die Verehrung der Göttin akzeptiert, wie Raphael Patai vermutet (11), weil »die Verehrung der Aschera als legitime religiöse Ausübung auch von denen angesehen wurde, die gegen den Baalskult waren«?

Weiter geht es mit Gemetzel. Gegen die Priester und Propheten anderer Gottheiten durfte mit Arglist und Tücke vorgegangen werden. Jehu ließ die Priester Baals einladen (12). Angeblich wollte er ihm huldigen.  Wer der Zeremonie zu Ehren Baals fernbleibe, so wurde gedroht, werde getötet. Abgeschlachtet wurden dann aber die Baal-Priester. Aus den Baal-Tempeln ließ Jehu öffentliche Toiletten machen. Sein Hass gegen Baal war groß, Aschera aber wurde toleriert.

Foto 5:
Ascheras.
Foto-
montage
Collage
Spärlich sind die konkreten Angaben über das Allerheiligste des Jerusalemer Jahwe-Tempels. Die Vermutung, dass Salomos Tempel ausschließlich der Verehrung Jahwes diente, ist definitiv falsches Wunschdenken der Monotheisten. Die Zahlen sprechen eine deutliche, klare Sprache! Der salomonische Tempel bestand 370 Jahre. Immerhin 236 Jahre davon, also fast zwei Drittel der Zeit, beherbergte er eine Aschera-Statue. Das verstieß eindeutig gegen Jahwes Gebot! Hatte doch Jahwe angeblich selbst nicht nur das Anbeten fremder Götter im Allgemeinen verboten, sondern ganz konkret gefordert (13): »Du sollst dir keinen Holzpfahl als Ascherabild errichten bei dem Altar Jahwes!«

Genau das aber geschah immer wieder! Jahrhunderte lang war Aschera fester Bestandteil im religiösen Leben der jüdischen Stämme. Konkretem göttlichem Gebot zum Trotz stand ihre Statue im Allerheiligsten des Salomonischen Tempels neben  Jahwes Altar:
•Salomos Sohn, König Rehoboam, brachte die göttliche Statue in den Tempel. Sie wurde etwa 35 Jahre lang im Zentrum der Religiosität verehrt.
•König Asra ließ sie entfernen, König Joash wieder installieren.
•Nach 100 Jahren sorgte König Hezekiah dafür, dass Aschera wieder aus dem Heiligtum verschwand. König Manasseh aber brachte sie wieder an ihren angestammten Platz. 
•König Joshiah setzte eine religiöse Reform durch. Aschera wurde aus dem Tempel verbannt, kehrte aber nach dem Tod des Königs wieder zurück. 

Warum war Salomos Tempel lange Zeit das heilige Haus für Jahwe und  gleichzeitig für Aschera? Die Antwort entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie (14): »Eine Zeitlang akzeptierte Aschera den semitischen Gott El als ihren Geliebten. Sie war die Himmelskuh, er der Stier.« El aber war einer der Beinamen Jahwes (15).

Endlich wird klar, wieso Baal als Rivale von Jahwe blutig verfolgt, Aschera aber geduldet, ja lange Zeit im Tempel Salomos verehrt wurde. Aschera, die uralte Göttin aus Ugarit, wurde rund ein Jahrtausend später die Geliebte und Partnerin von Jahwe alias El! Es ist offensichtlich, dass sture Verfechter des Monotheismus wie Luther Aschera aus den Texten des Alten Testaments verschwinden ließen. Es ist erfreulich und lobenswert, dass in den meisten neueren Übersetzungen die Göttin Aschera zurückkehrt. Ich glaube nicht, dass dies auf eine Rückbesinnung auf religiöse Urkulte hinweist, in deren Zentrum Göttinnen standen. Ich nehme an, dass neuere Übersetzungen schlicht und einfach korrektere Angaben machen wollten.


Foto 6:
Ascheras.
Foto-
montage
Collage
Fußnoten
(1) Im Englischen: »Father of mankind« und »Creator of creation«
(2) Andere Schreibweise: Athirat
(3) 1. Buch Mose, Kapitel 3, Vers 20
(4) Das Buch der Richter Kapitel 6, Verse 25 und 26 in Luthers Übersetzung von 1545, hier der heutigen Rechtschreibung angepasst.
(5) Das 2. Buch der Könige Kapitel 23, Vers 6 in der Übersetzung Luthers von 1545, in angepasster Rechtschreibung!
(6) Das 2. Buch Könige Kapitel 13, Vers 6
(7) Siehe hierzu: Das 1. Buch der Könige Kapitel 18, Verse 19-46.
(8) Das 1. Buch der Könige Kapitel 18, Vers 40
(9) Patai, Raphael: »The Hebrew Goddess«, 3., erweiterte Auflage, Detroit 1990, S. 43
(10) Siehe Das 2. Buch der Könige Kapitel 13, Vers 6
(11) Patai, Raphael: »The Hebrew Goddess«, 3., erweiterte Auflage, Detroit 1990, S. 43
(12) Siehe Das 2. Buch der Könige Kapitel 10, Verse 18-27
(13) Das 5. Buch Mose Kapitel 16, Vers 21
(14) Walker, Barbara: »Das Geheime Wissen der Frauen«, Frankfurt 1993, S. 67
(15) Siehe zum Beispiel 1. Buch Mose Kapitel 14, Vers 18!

Foto 7
Zu den Fotos
Foto 1: Rekonstruktion einer Aschera. Fotomontage. Foto Archiv Langbein
Foto 2: Darstellung eines Baals. Fotomontage. Foto Archiv  Langbein
Foto 3: Typische Aschera-Göttin. Fotomontage/ Collage. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 4-6: Aschera(s). Fotomontage/ Collage. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Eva, Schlange am Baum des Lebens, Adam/ Briefmarkenmotiv Israel

514. »Von Nan Madol bis Ugarit«,
Teil 514 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 24. November 2019



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Sonntag, 22. Juli 2018

444 »Wer war zuerst da: Gott oder Göttin?«

Teil 444 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Die Götter wurden zuerst auf hohen Bergen verehrt.

Die Inkas machten Gott »Ychsma« zum Gott Pachacamac. Pachacamac war ein Zerstörer und Erneuerer der Welt. Zwei Katastrophen ließ er über die Welt hereinbrechen, einmal mit Wasser und einmal mit Feuer. Auch der Gott des »Alten Testaments« ließ einmal Wasser über die Welt hereinbrechen (Sintflut) und einmal strafte er mit Feuer, das vom Himmel fiel. Pachacamac war freilich nicht allein, ihm zur Seite stand Pachamama, eine mächtige Erdgöttin. Auch Jahwe, der höchste Gott des Judentums war nicht allein. Was für Pachacamac die Pachamama war, das war für Jahwe Aschera.

2: Pachacamac
Mehr als nur knapp bemessen sind die konkreten Angaben über das Allerheiligste des Jerusalemer Jahwetempels. Falsch ist die Vermutung, dass Salomos Tempel ausschließlich der Verehrung Jahwes diente. Der salomonische Tempel bestand 370 Jahre. Immerhin 236 Jahre davon, also fast zwei Drittel der Zeit, beherbergte er auch eine Ascherah-Statue. Wie war das möglich? Hatte doch Jahwe angeblich selbst nicht nur das Anbeten fremder Götter im Allgemeinen verboten, sondern ganz konkret gefordert:(1) „Du sollst dir keinen Holzpfahl als Ascherahbild errichten bei dem Altar Jahwes!“

Konkretem göttlichem Gebot zum Trotz stand ihre Statue im Allerheiligsten, im Salomonischen Tempel neben Jahwes Altar: Salomos Sohn, König Rehoboam, brachte die göttliche Statue in den Tempel. Sie wurde etwa 35 Jahre lang im Zentrum der Religiosität verehrt. König Asra ließ sie entfernen, König Joash wieder installieren. Nach 100 Jahren sorgte König Hezekiah dafür, dass Ascherah wieder aus dem Heiligtum verschwand. König Manasseh aber brachte sie wieder an ihren angestammten Platz. König Joshiah setzte eine religiöse Reform durch. Ascherah wurde aus dem Tempel verbannt, kehrte aber nach dem Tod des Königs wieder zurück.

Mal war Jahwes Aschera drin, mal war sie draußen, mal wurde sie verehrt, dann wieder war sie verachtet und durfte nicht angebetet werden.

Die Inkas machten Gott »Ychsma« zum Gott Pachacamac. Aber woher kam der Gott? Man kann spekulieren. Pachacamac war ein huaca. Huacas wurden im riesigen Gebiet von Pachacamac unweit vom heutigen Lima gern auf von Menschen geschaffenen künstlichen Bergen verehrt. Das lässt die Schlussfolgerung zu, dass huacas ursprünglich in den Hochanden verehrt und angebetet wurden. Der Glaube wanderte mit den Menschen aus dem Gebirge ins Flachland. Dort wurden künstliche Berge, sprich Pyramiden, errichtet, auf denen huacas angebetet wurden. Ein solcher künstlicher Berg lag beim heutigen Dorf Pachacamac.

Wer war zuerst da? Gott oder Göttin?

3: Pachacamac
War erst Ascherah die alleinige Gottheit der erst später Jahwe beigesellt wurde? Oder war es umgekehrt? Herrschte erst Jahwe und holte er sich Aschera an seine Seite? Pachamama war eine Erdgöttin? Nahm sie sich Pachacamac, ähnlich wie im Ritual der »Heiligen Hochzeit«? »Mein« Guide erklärte mir: »Pachamama war Mutter Erde. Ihr Zeichen war der Mond, sie war die Göttin der Fruchtbarkeit!“ Sie kam aus den Bergen, versicherte mir mein Guide, oder waren die Hochanden die Heimat des männlichen Pachacamac? Eine andere Lösung wurde mir in Lima von einem katholischen Geistlichen vorgeschlagen. Demnach glaubten die »sündigen Heiden« an eine Art Zwittergottheit, die männlich und weiblich zugleich war. In den Ruinen fand man ein »heiliges« Idol, doppelgesichtig, kunstvoll in einen langen Holzpfahl geschnitzt. War es weiblich und männlich zugleich?

4: Pachacamac
Franzisco Pizarro Gonzáles (um 1477; †1541), angeblich ein einfacher Schweinehirt, zerstörte das stolze Reich der Inka. Seine Raubzüge hatten einfache Ziele: Morden, Plündern und Rauben. Im Heiligtum von Pachacamac soll es enorme Goldschätze gegeben haben. Ein Teil davon fiel Pizarros Spießgesellen in die Hände. Die Kunstschätze wurden eingestampft und zu Barren gegossen.

Angeblich fiel den Plünderern ein geschnitzter Pachacamac-Pfahl (erinnert an die biblische Ascherah, die häufig als Pfahl bezeichnet wurde). Das den Inkas heilige Kultobjekt wurde vernichtet. Ein weiteres wurde bei Ausgrabungen gefunden und ist in einem kleinen Museum in Pachacamac zu sehen. Er erinnert am ehesten an einen Totempfahl mit seinem Schnitzwerk.

Der Überlieferung nach gelang es den Inkas, einen Großteil der Goldschätze Pachacamacs im Wüstenboden um Pachacamac zu vergraben. Unglaublich kunstvoll gestaltete Kostbarkeiten warten angeblich auch heute noch darauf, wieder entdeckt zu werden.

Was als gesichert gilt: Über einem »heiligen Raum« wurde einst eine Pyramide errichtet, auf deren höchster Stufe das mehrere Meter hohe hölzerne Idol von Pachacamac stand. Vor Ort erklärte mir ein Mitarbeiter des kleinen Museums, dass sich oben auf der Pyramide wohl ein Tempel befand. Im Zentrum dieses Tempels, so dieser Museumsmitarbeiter, stand das Pachacamac-Idol. Solche »Heiligtümer« gab es auf den pyramidenartigen Aufschüttungen der »Moundbuilder«, der »Hügelbauer«, auf den Tempeln Zentralamerikas (Beispiel: »Tempel der Inschriften«, Palenque, Mexico) und auf den berühmten Zikkurats (2) in Mesopotamien. Der babylonische Ausdruck Zikkurat lässt sich mit »Himmelshügel, hoch aufgetürmt und Götterberg« übersetzen. So ein Zikkurat war wohl das Vorbild für den »Turm zu Babel«. Betrachtet man die Rekonstruktionen des legendären Zikkurat von Ur, dann würden die gut ins Areal von Pachacamac passen. Auch in Indien gab es einst ganz ähnliche Gebäude mit langen Rampen und Aufbauten, die angeblich der Beobachtung von Sonne, Mond und Sternen dienten.


Fotos 5 und 6: Pachacamac (oben) und Zikkurat von Ur (unten).

Meiner Meinung nach wurden die Riesenscharrbilder von Nazca geschaffen, um den Himmlischen »da oben« ein Zeichen zu geben. Und weltweit wurden Türme und Pyramiden gebaut, um den »Himmlischen« näher zu kommen. Die »Tempel« auf Türmen und Pyramiden waren Begegnungsstätten für »Himmlische« und »Irdische« (3). Göttinnen und Götter wurden hoch oben in den Bergen verehrt. Wo es keine gab, da schuf man künstliche Berge. Auf diese künstlichen Berge setzte man Tempel, zu denen Rampen und Treppen führten. Im Inneren wurden Kammern angelegt, sei es um ehrwürdige Tote dem Rang entsprechend beizusetzen, sei es um »heiligen Büchern« Schutz zu gewähren. In Palenque gibt es nicht nur den durch Erich von Däniken weltberühmt gewordenen »Tempel der Inschriften«, Palenque bietet eine komplexe Ansammlung von »künstlichen Bergen«. Ein typisches Beispiel ist der wirklich sehr schöne »Tempel des Laubkreuzes«. Die steinerne Pyramide thront auf einem künstlich aufgeschütteten Berg, sozusagen als ein künstlicher Berg auf einem künstlichen Berg.

Foto 7: »Tempel des Kreuzes« (rechts vorn)

Mitten im Urwald schlummerten Jahrhunderte lang die Ruinen von Palenque. Wie die mysteriöse Ruinenstadt bei den Mayas ursprünglich hieß, das ist bis heute nicht mit Sicherheit bekannt. Gegründet wurde Palenque im 7. oder 8. Jahrhundert n. Chr.  Unklar ist auch, wann und warum Palenque von den Mayas scheinbar plötzlich aufgegeben wurde. Irgendwann zwischen 900 n. Chr. und 1400 n. Chr. wurde die Tempelstadt verlassen.

Die Mayas, Erbauer von Palenque, hatten ein zyklisches Weltbild. Eine Epoche folgte auf die andere. Am Anfang jeder Epoche steht eine (nicht die!) Schöpfung, an ihrem Ende eine (nicht die!) Zerstörung. Auf jede Zerstörung folgt aber immer wieder ein Neuanfang. Anders als Juden, Christen und Moslems glaubten die Mayas nicht an einen absoluten Endpunkt in der Apokalypse. Für sie kam es nach dem Untergang immer wieder zu einer neuen Auferstehung.

Foto 8: Gottheit Shiva tanzt.

Pachacamac, ein huaca,  wurde auf einem von seinen menschlichen Anhängern errichteten künstlichen Berg verehrt und angebetet. Wie Shiva im Hinduismus war Pachacamac ein Zerstörer und ein Erneuerer. Shiva steht für die Kraft der Zerstörung UND die Kraft des Wiederaufbaus. Man spricht von der »Doppelnatur Shivas«. Shiva ist keineswegs nur der Gott der Zerstörung. Er ist keineswegs nur der vernichtende Gott des Bösen. Er ist auch der Gott, der die neue Welt vorbereitet, den Neuanfang nach dem Ende. Das hölzerne Idol von Pachacamac könnte man auch als eine Darstellung Shivas ansehen, was die Dualität, die Zweigesichtigkeit angeht.

Pachacamac wird mit Leben und Tod in Verbindung gebracht, mit Erde und Unterwelt, mit dem Mond. Meiner Meinung nach ist der jüngere Pachacamac die männliche Form der kulturhistorisch sehr viel älteren Göttin des Lebens und der Fruchtbarkeit, deren Symbol der Mond ist. Womit wir wieder bei Maria angelangt wären, die so oft auf einer Mondsichel stehen dargestellt wird.

Foto 9: »Mondgöttin« Maria
Am Anfang war die Urgöttin, davon ist Lexikonautorin Barbara G. Walker überzeugt (4). Aus dieser »Übergöttin« entwickelten sich zahlreiche »Untergöttinnen«. Die Expertin: »Im Laufe der Jahrhunderte zerlegten die Schriftgelehrten die Gestalt der Großen Göttin in unzählige ›Göttinnen‹ und gaben diesen all die unterschiedlichen Namen und Titel, unter denen die Göttin in verschiedenen Zeiten bei den verschiedenen Völkern angerufen wurde.«
 
Die Heilige Frauen waren mächtig aus sich heraus. Sie waren auf keinen Partner angewiesen. Wenn sie einen Gefährten hatten, dann waren sie ihm in jeder Hinsicht überlegen. Das führte zu Konstruktionen, die heute,gelinde gesagt, kurios anmuten. Barbara G. Walker in ihrem Lexikon »Das Geheime Wissen der Frauen« (5): »Sie ist nicht nur dessen Mutter, die Urheberin seiner Existenz, sondern auch die Gottheit, die die ganze Schöpfung mit dem kraftvollen Blut des Lebens durchdringt. Die Götter konnten nur mächtig werden, weil sie an der Weisheit und Kraft der Göttin teilhatten.«

Ich fasse zusammen: Am Anfang, zu mythischen Zeiten gab es die allmächtige Göttin,  die Heilige Frau, die kraftvolle Weiblichkeit als dominante Vorherrschaft über das Universum verkörperte. In einer Welt, die vom Prinzip der weiblichen Göttlichkeit durchdrungen war, dürfte das alltägliche Leben ähnlich ausgesehen haben. Es war die Frau, die den Menschen das Leben schenkte. So wie in Ägypten die alljährlichen, regelmäßigen Nilüberschwemmungen dem Land Fruchtbarkeit schenkten, so kam alles Leben immer wieder aus der Frau. Auf Nilflut mit Fruchtbarkeit folgte wieder Trockenheit, die Wüste breitete sich aus. Auf jedes Leben folgte der Tod. Doch wie neuerliche Nilüberschwemmungen neuerliche Fruchtbarkeit brachten, so sah man auch das Leben als sich immer und immer wieder neu abspielenden Zyklus an: Auf die Geburt folgte das Leben, der Tod beendete einen Lebenszyklus, dem sich wiederum neues Leben anschloss.

Foto 10: Schätze unter'm Wüstenboden?

(1) Das 5. Buch Mose Kapitel 16, Vers 21
(2) Es gibt eine ganze Reihe unterschiedlicher Schreibweisen: Zikkurrat, Ziggurat, Ziqqurrat und Schiggorat
(3) Ephraim George Squier: »Peru - Reise- und Forschungs-Erlebnisse in dem Lande der Incas«, Leipzig 1883
(4) Walker, Barabara: » Das Geheime Wissen der Frauen«, Frankfurt 1993, S. 323

(5) Ebenda, S. 323

Zu den Fotos
Foto 1: Die Götter wurden zuerst auf hohen Bergen verehrt. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 2-4: Das Pachacamac-Idol aus Holz. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 5 und 6. Foto 6 oben Pachacamac, Foto 6 unten Zikkurat von Ur, wikimedia commons GDK
Foto 7: »Tempel des Kreuzes« (rechts vorn). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Gottheit Shiva tanzt. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Maria als »Mondgöttin« in der Marienkirche zu Lügde. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Schätze uter'm Wüstenboden? Foto Walter-Jörg Langbein

445 »Das Mekka Südamerikas«,
Teil 445 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 29.07.2018



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Sonntag, 1. Oktober 2017

402 »Birkenstein, heilige Quellen und Muttergöttinen«

»Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«, Teil 4 
Teil  402  der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Mystisches Birkenstein... Foto Walter-Jörg Langbein


Wo heute Kloster und Loreto-Kapelle von Birkenstein stehen, soll es schon vor Errichtung der sakralen Stätte Wunder, womöglich Heilungen gegeben haben. Hat wohl Maria die Rolle einer älteren verehrten Frau, einer Göttin, übernommen? Andreas Scherm, so die »Süddeutsche Zeitung« (1), ist ein »großer Kenner historischer und kultureller Eigenheiten des Münchner Umlands«. Rudolf Neumeier schrieb in der »Süddeutschen Zeitung«: »Sein Wissen ist profund und universal.«

Scherm ist fasziniert von der Madonna von Birkenstein. Er beschreibt die Maria von Birkenstein, deren magische Ausstrahlung jeden Besucher in ihren Bann ziehen kann, im Vokabular eines katholischen Christen (2): Sie »begegnet uns als Gebieterin des Alls, als kosmische Frau mit Krone im 12- Sternen-Kranz, auf der Mondsichel stehend mit Szepter und göttlichem  Kind.«

Weit mehr als mein halbes Leben fasziniert mich die Mutter Jesu. Intensiv habe ich mich mit der Frau und ihrer Geschichte beschäftigt. Sie fristet in den Evangelien des »Neuen Testaments« noch eine eher bescheidene Rolle. Für die Evangelisten steht Jesus als der Messias im Vordergrund, als der Erlöser, der Retter. Seine irdische Mutter hingegen ist für sie eher nur eine Randfigur, über die wir recht wenig erfahren. Das junge Christentum hatte einen Messias zu bieten, einen Heros, der es durchaus mit seinen heidnischen Konkurrenten aufnehmen konnte. Ich vermute aber, dass die heidnische Konkurrenz der noch neuen, kaum bekannten Religion die Menschen in einem Punkt deutlich mehr ansprach. Sie kannten die Muttergöttin, an die sich die Menschen wenden konnten, wenn sie in Not und Bedrängnis waren.

Foto 2: Unzählige Votivtafeln sollen Maria danken.

Birkenstein ist eine mystische Stätte, die man unvoreingenommen auf sich einwirken lassen kann. Dann spürt man, dass diesem mystischen Ort etwas Geheimnisvolles anhaftet, das sich nicht in karge Worte fassen lässt. Wer sich freilich für das Geheimnisvolle verschließt, wird der Stätte wohl nichts abgewinnen können. Man muss in unserer lauten Zeit schon sehr gut zuzuhören versuchen, will man leise Stimmen vernehmen, die aus uralten Zeiten zu uns sprechen.

Die alten Kulte mit weiblichen Gottheiten verschwanden mit dem Aufkommen des Monotheismus im Judentum keineswegs, auch wenn sie offiziell verboten waren. Sie lebten, mehr oder minder offen, immer wieder geduldet, neben dem offiziellen Jahwe-Glauben weiter! Aus monotheistisch-patriarchalischer Sicht muss das Sakrileg pur gewesen sein, wenn eine Göttin wie Ascherah lange Zeit als Partnerin oder gar Ehefrau des Gottes des »Alten Testaments« an seiner Seite verehrt wurden. Und das nicht etwa irgendwo in einem versteckten Heiligtum, sondern im Tempel von Jerusalem selbst! Die Muttergöttinnen faszinierten die Menschen auch weiter, als das Christentum langsam an Bedeutung gewann.

Im Laufe der Geschichte des Christentums wuchs nach und nach die Rolle der Maria. Aus der bescheidenen Frau wurde nach und nach die Himmelskönigin, die immer mehr einer Himmelsgöttin gleicht. Sie wurde schließlich sogar in den Himmel aufgenommen. Übrigens: das nach dem Vorbild der Loreto nachgebaute kleine Gotteshaus in Birkenstein trägt auch den Beinamen »Maria Himmelfahrt Kapelle«.

Aus einer anonymen Frau in der »Apokalypse des Johannes« wurde im Volksglauben wie in der Theologie Jesu Mutter Maria (3): »Und es erschien ein großes Zeichen im Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.« Faktisch ist Maria heute auf dem Sprung in die höchste Ebene, als Miterlöserin, fast gleichauf mit Jesus selbst.

Foto 3: Die mütterliche Maria von Birkenstein.
Dieser Vers der »Offenbarung des Johannes« diente unzähligen Künstlern als Vorlage für ihre Darstellungen der Gottesmutter auf Gemälden und in Form von Statuen. Maria mit einem Fuß auf der Mondsichel stehend, mit einem Sternenkranz auf dem Haupt wurde zum Standardrepertoire unzähliger Künstler. Aus der anonymen himmlischen Erscheinung in der »Offenbarung des Johannes« wurde Maria. Oder besser gesagt: Nach und nach wurde aus der schlichten Maria der Bibel die Himmelskönigin des Glaubens. Man kann darüber diskutieren, ob mit der am Himmel erscheinenden Frau tatsächlich Maria, die Mutter Jesu gemeint ist. Christliche Interpreten bejahen diese Frage und verweisen auf einen weiteren Vers (4):  »Und sie gebar einen Sohn, einen Knaben, der alle Völker weiden sollte mit eisernem Stabe. Und ihr Kind wurde entrückt zu Gott und seinem Thron.«

Die Maria von Birkenstein soll im 15. Jahrhundert geschaffen worden sein. Sie stand zunächst in einer hölzernen Kapelle. So wie die biblische Maria um Verlauf der Kirchengeschichte nach und nach aufgewertet wurde, so wurde auch die Maria von Birkenstein künstlerisch überhöht. Man setzte ihr eine Krone auf und legte ihr den Sternenmantel um. Aus der schlichten Magd Maria wurde die Himmelskönigin. Jetzt ist sie wirklich die himmlische Frau, die eben noch vom Drachen verfolgt wurde. Erzengel Gabriel ist es, der den Satan besiegt. Mir scheint, dass in diesen Bildern sehr viel ältere Überlieferungen weiterleben.

Foto 4: Maria über Birkenstein
Birkenstein ist ein Ort des Volksglaubens, nicht der nüchternen Theologie. Die katholische Theologie folgte immer wieder dem Volksglauben, die evangelische Theologie indes bemühte sich immer wieder um »Wissenschaftlichkeit«. Aber so wie der Pathologe mit dem Skalpell vergeblich nach der Seele des Menschen sucht, so wenig lässt sich die spirituelle Welt wissenschaftlich sezieren.

In Birkenstein erkennt man die Sehnsucht der Gläubigen nach einer höheren Wahrheit, für die es in einer rein materialistischen Welt keinen Platz mehr gibt. Die Frage ist, ob es sich in dieser unserer »neuen Welt« besser lebt, wenn wir alles, was sich nicht in Gramm wiegen oder in Millimetern messen lässt, leugnen. Auf meinen Reisen zu den großen Geheimnissen unseres Planeten faszinieren mich auch heute noch die monumentalen Bauwerke unserer Vorfahren. Ich bewundere die enormen Leistungen unserer Ahnen, die wohl über Kenntnisse verfügten, die lange in Vergessenheit geraten sind. Ich staune über die unglaubliche Kunstfertigkeit, mit der schon vor Jahrtausenden gigantische Steinkolosse zugeschnitten und weiter bearbeitet wurden. Es muss doch nachdenklich stimmen, wenn auf der Osterinsel mit heutiger Technik bislang nur kleine und mittelgroße Statuen wieder aufgestellt werden können.

Es gibt aber auch die Orte der Stille, die man fühlen, erahnen, aber nicht fotografieren kann. An solchen Orten wurden vor Jahrtausenden Tempel errichtet, weil sich die Menschen dort einer höheren Realität näher fühlten. An solchen Orten wurden Kapellen, Kirchen und Kathedralen gebaut.

Foto 5: Kerzenspenden in Birkenstein.

Erich von Däniken schloss sein drittes Werk »Aussaat und Kosmos«, 1972 erschienen, mit den Worten: »Soll man Tempel sprengen, Kirchen schleifen? Nie und nimmer. Wo Menschen sich zusammenfinden und den Schöpfer preisen, empfinden sie eine wohltuende stärkende Gemeinsamkeit. Wie vom Ton einer Stimmgabel angerührt, schwingt gemeinsame Ahnung von etwas Großartigem in Raum. Tempel und Kirchen sind Orte der Besinnung, Räume des gemeinsamen Lobes für das Undefinierbare, für ES, das wir behelfsweise Gott zu nennen gelernt haben. Diese Versammlungsstätten sind notwendig. Der Rest aber ist überflüssig.«

Ein solcher Ort ist Birkenstein. In der Kapelle versammeln sich immer wieder Pilger zu Andacht und Gebet. Wird Kranken auf welchem Weg auch immer geholfen, weil sie glauben? Oder glauben Menschen, weil ihnen geholfen wurde? Gibt es Orte, an denen noch unerklärbare  Kräfte wirken, die Kranke heilen können? Wurden an solchen Orten Tempel und Kirchen gebaut? Die Wunder des Glaubens mögen eines Tages sogar wissenschaftlich verifizierbar sein. Sie geheschen aber schon seit ewigen Zeiten. Ein solcher Ort scheint Birkenstein zu sein. Birkenstein kann schon in vorchristlichen Zeiten ein Quellheiligtum gewesen sein. Fakt ist das schon vor Jahrhunderten Pilgern in Birkenstein Wasser aus einer der sogenannten »Sieben Quellen« gereicht wurde. Heute fließt es aus einem marmornen Brunnen an der Außenwand der Kapelle.

Foto 6: Quellewasser von Birkenstein.
Besonders geheimnisvoll sind »unterirdische Gewölbe« der sakralen Kultanlage von Birkenstein, auf die Andreas Scherm hinweist. Der sachkundige Autor spricht von (6) »einem von Votivkerzen gesäumten Raum und von einem »niedrigen engen Durchschlupf« zu einer »ruß geschwärzten Heiligen Grabkammer, die durch einen Lichtschacht nach Osten mit dem Obergeschoss-Umgang verbunden ist, gleich einer auf den ersten Sonnenstrahl ausgerichteten frühzeitlichen Kultnische«.

Die ältesten Kultanlagen weltweit entstanden in Höhlen. Später wurden künstlich unterirdische Kammern geschaffen, in denen sich die Gläubigen versammelten. Solche unterirdischen Kultanlagen gab es schon in Ägypten, Jahrtausende bevor die großen Pyramiden errichtet wurden. Erdgöttinnen wurden in den Kulthöhlen verehrt und angebetet, sozusagen im Leib von »Mutter Erde«, aus der alles Leben kam. Im Laufe der Christianisierung wurden solche unterirdischen Komplexe,  »Erdställe« werden sie vor allem in Bayern genannt, gern zugeschüttet oder als Keller zweckentfremdet. Wie ich aus Gesprächen mit Geistlichen aus Bayern weiß, dienten sie einst »heidnischen Zwecken« und wurden überbaut. So soll es in so mancher Kirche in Süddeutschland Zugänge zur mysteriösen »Unterwelt« geben. Ein katholischer Geistlicher im Gespräch: »Weil die Menschen auch nach Einführung des Christentums die alten heidnischen Plätze aufsuchten, baute man dort christliche Kapellen und Kirchen.« Schon Papst Gregor der Große (589-604) hatte gefordert, die »Tempel der Heiden« mit Weihwasser zu christianisieren und lieber in den Dienst der katholischen Kirche zu nehmen, anstatt sie zu zerstören.

Beispiel: Die »Allerheiligenkapelle« in Reichersdorf  (Weyarn). Einst gab es hier in vorchristlichen Zeiten ein Quellheiligtum. Im Volksmund sprach man vom einstigen »Götzentempel«. Wie ich recherchiert habe, konnte man durch diesen Tempel in ein relativ komplexes unterirdisches System von Kammern und Gängen steigen. Offensichtlich war der Ort bei den »Heiden« so beliebt, dass sie ihn auch noch nach der Christianisierung aufsuchten.  Die »Allerheiligenkapelle« wurde auf den Eingang zur alten unterirdischen Kultanlage gebaut. So soll es in der Kapelle hinter dem Altar einen Zugang in die »Unterwelt« gegeben haben.

Foto 7: Votivkerzen in einem unterirdischen Gewölbe von Birkenstein

Teile der verschachtelten »Unterwelt« wurden in christlicher Zeit als Gruft verwendet. Den Rest – unterirdische Gänge und Räume – hat man offensichtlich zugeschüttet. Sie sind, offiziell zumindest, nicht mehr lokalisierbar.

Gab es in Birkenstein einst auch so ein unterirdisches Quellheiligtum? Die »unterirdischen Gewölbe« könnten daran erinnern. Das Quellwasser, das christlichen Pilgern als »heilendes Element« zum Trinken gegeben wurde, es wird wohl schon zu heidnischen Zeiten geflossen sein.


Fußnoten
1) Zitat auf der Rückseite von Scherm, Andreas: »Unterwegs im Gestern/ Kulturhistorische Wanderungen im Oberland und Umland von München«, unter Mitarbeit von Carl Langheiter, 4. Auflage November 2011, München November 2011
2) ebenda, linke Spalte, Zeilen 14-18 von unten. Orthographie unverändert übernommen, also nicht der Rechtschreibreform angepasst.
3) »Apokalypse des Johannes« Kapitel 12, Vers 1
4) ebenda, Vers 5
5) Däniken, Erich von: »Aussaat und Kosmos«, Düsseldorf, August 1972, S. 266
6) Scherm, Andreas: »Unterwegs im Gestern/ Kulturhistorische Wanderungen im Oberland und Umland von München«, unter Mitarbeit von Carl Langheiter, 4. Auflage November 2011, München November 2011, Seite 113
7) Wolf, Doris: »Was war vor den Pharaonen?«, Zürich 1994


Foto 8: Im unterirdischen Gewölbe von Birkenstein.


Zu den Fotos
Foto 1: Mystisches Birkenstein... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Unzählige Votivtafeln sollen Maria danken. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Die mütterliche Maria von Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Maria über Birkenstein, historische Darstellung vor 1914. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Kerzenspenden in Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Quellewasser von Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Votivkerzen in einem unterirdischen Gewölbe von Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 8: Im unterirdischen Gewölbe von Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein




403»Birkenstein und das Wunder von Loreto«,
»Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«,Teil 5
Teil  403  der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 08.10.2017



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