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Sonntag, 31. Mai 2020

541. »Hesekiel, Elias und Henoch wurden ›entrückt‹«

Teil 541 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Elias und Henoch. Bibelillustrationen, koloriert.

Der Prophet Hesekiel schildert seine erste Begegnung mit dem Wagen Gottes, auch »Herrlichkeit Jahwes« (»Herrlichkeit des HERRN«) genannt, so (1) »Und ich sah, und siehe, es kam ein ungestümer Wind von Norden her, eine mächtige Wolke und loderndes Feuer, und Glanz war rings um sie her, und mitten im Feuer war es wie blinkendes Kupfer.« Auch in der »Elberfelder Bibel« kommt die geheimnisvolles Gotteserscheinung recht imposant daher (2): »Und siehe, ein Sturmwind kam von Norden her, eine große Wolke und ein Feuer,…«

Prof. Georg Fohrer (3): »Jahwe erscheint im Sturm, auf dem man die großen babylonischen Götter einherfahrend dachte. Er naht auf dem babylonischen Götterwagen mit den gewaltigen Rädern, deren furchtbares Getöse Himmel und Erde erzittern läßt. … Die Lichterscheinung erinnert an babylonische solare Gottheiten, vor allem wiederum des Sonnengottes.«

Der Theologe und Alttestamentler Prof. Hermann Gunkel (*1862; †1932) glaubt den Ursprung solcher himmlischer Wagen im Märchen ansiedeln zu müssen. So schreibt er (4): »Auch die Vorstellung von einem fliegenden Wagen kommt im Märchen vor; auf solchen Wagen fahren Elisa und Henoch zum Himmel. … Die Mythologie schreibt den Göttern solche Flugzeuge zu, denn natürlich besitzen diese die ›Wunschdinge‹, nach denen sich der Mensch sehnt: Hermes hat Flügelschuhe, Jahwe fliegt auf dem Kerub, bei Hesekiel auf den Häuptern von vier beschwingten Keruben und – auf einem beseelten Zauberwegen.«

Der Theologe und Alttestamentler Prof. Gunkel hält die Beschreibungen von Götterwagen für Wunschdenken. Ich muss dem Theologen auch hier den Raumfahrtwissenschaftler gegenüberstellen. Sänger lehnt den Gedanken, fliegende Wagen müssten Fantasieprodukte sein, ab. Raumfahrtpionier Eugen Sänger indes war da ganz anderer Ansicht als Prof. Gunkel (5): »Es erscheint uns heute fast wahrscheinlicher, dass unsere Vorfahren diese Vorstellungen aus realen Erfahrungen bei der Begegnung mit prähistorischen Besuchern aus dem Weltraum erwarben, als dass eine ans Unglaubwürdige grenzende Zukunftsschau sie ihnen schon vor Jahrtausenden auf wunderbare Weise geoffenbart hätte.«

Sänger betonte anno 1958, also vor mehr als einem halben Jahrhundert, dass entsprechende Hinweise nicht etwa nur bei einzelnen Völkern oder Religionen vorkommen, »sondern praktisch bei allen Völkern der Erde in sehr ähnlicher Weise auftauchen«.

Schließlich listet Prof. Sänger einige Indizien für Besuche der »Astronautengötter« auf, die Jahre später sozusagen zum Kanon der »Prä-Astronautik« gehören sollten (6):»Tatsächlich berichtet nicht nur die Bibel vom Propheten Elias, er sei auf einem von Flammenrossen gezogenen Donnerwagen gen Himmel gefahren, nach mexikanischen Mythen erhielten die Maya den Besuch eines Gottes aus dem Weltraum, die Begründer der peruanischen Inkadynastie kamen vom Himmel...«

Foto 2: Elias. Ikone, frühes 19.Jahrhundert.
Wenden wir uns Elias‘ Erlebnis mit dem fliegenden Gotteswagen zu. Zur Vorgeschichte: Auf Betreiben Elias versammelten sich auf dem Berg Karmel (7) »die vierhundertfünfzig Propheten des Baal und die vierhundert Propheten der Aschera«. Es kam zu einem Opferwettbewerb zwischen den Priestern Jahwes und den Priestern Baals, den die Baalspriester ganz klar verloren haben. Baal nahm das ihm dargebotene Stieropfer nicht an. Da half kein Geschrei. Auch Selbstverstümmelung half nicht (8): »Nach ihrem Brauch ritzten sie sich mit Schwertern und Lanzen wund, bis das Blut an ihnen herabfloss.« Elija ließ seinen Opferstier zerteilen, auf einen Altar legen und wiederholt mit Wasser übergießen. Anders als Baal erhörte, so der Bibeltext, Gott Jahwe Elias Gebete, der sich von Gott wünschte, der möge doch sein Opfer annehmen, auffressen, sprich verbrennen. So geschah es dann auch (9): »Da kam das Feuer des HERRN herab und verzehrte das Brandopfer, das Holz, die Steine und die Erde.«

Jetzt erkannte das Volk, so schildert es die Bibel, dass Jahwe der mächtigere Gott war. Die Baalspriester hatten verloren. Die Niederlage mussten die 450 mit dem Leben bezahlen. Elias befahl (10): »Ergreift die Propheten des Baal! Keiner von ihnen soll entkommen. Man ergriff sie und Elija (alias Elias) ließ sie zum Bach Kischon hinabführen und dort töten.«

Alle 450 Baals-Priester wurden abgeschlachtet. Kurios: Die »400 Propheten« der Göttin Aschera wurden zwar auch zum Opferwettstreit auf den Berg Karmel geholt, sie nahmen aber nicht am Wettbewerb teil. Warum waren die »Propheten« der Göttin zugegen? Und während berichtet wird, dass die 450 Baalspriester massakriert wurden, hüllt sich der Text in Schweigen, wenn es um die »Propheten Ascheras« geht. Die werden schlicht und einfach im weiteren Verlauf der Geschichte gar nicht mehr erwähnt. Sollte Aschera warum auch immer unantastbar gewesen sein? Tatsächlich gibt es Hinweise auf Aschera als Partnerin Jahwes.

Das von Elias (Elia/ Elija) angeordnete Gemetzel scheint Gott Jahwe nicht gestört zu haben, ganz im Gegenteil. Jahwe beschließt nämlich, den Priester Elias zu sich holen zu lassen. Damit ist freilich nicht der Tod des Propheten gemeint. Offenbar war – so der Bibeltext – im Volk bekannt, dass Jahwe Elias entführen lassen wollte. Konkretes Beispiel: Elischa (zu Deutsch etwa »Gott hilft«), der Diener Elias‘, wurde gefragt (11): »Weißt du, dass der HERR (Jahwe) heute deinen Meister über dein Haupt hinweg aufnehmen wird? Er antwortete: Auch ich weiß es. Seid still!«

Foto 3: »Entrückung« des Elias.
Bibelillustration, koloriert.

Vergeblich versuchte Elias (andere Schribweise Elija) seinem Gott auszuweichen. Elias und sein Diener Elischa, Elias Nachfolger, waren zusammen unterwegs, da kam der göttliche Flugwagen zum Einsatz (12): »Während sie miteinander gingen und redeten, erschien ein feuriger Wagen mit feurigen Pferden und trennte beide voneinander. Elija fuhr im Wirbelsturm zum Himmel empor.« Elias wurde lebend und leibhaftig mit Gottes Himmelswagen von der Erde abgeholt, spricht entführt, im Bibeldeutsch »entrückt«.

Wolfgang Schneider schreibt in seinem Artikel »Elias Entrückung gen Himmel« (13): »Der Bericht über das Lebensende des Propheten Elia ist immer wieder Gegenstand von Überlegungen und Theorien gewesen, die fast alle in einer These enden: Elia wurde von Gott in den Himmel aufgenommen, ohne daß er gestorben wäre. Das Ereignis wird auch als ›Entrückung des Elia‹ bezeichnet, oder es heißt, Elia sei nicht den gewöhnlichen Menschentod gestorben, sondern in den Himmel aufgenommen worden. Manchmal wird es mit der Entrückung Henochs, einem der vorsintflutlichen Väter, verglichen. Beide, so wird dann gesagt, habe Gott zu sich in den Himmel aufgenommen, ohne daß sie gestorben wären.«

Foto 4: Auch Henoch wurde
von Gott in den Himmel entrückt.
Bibelillustration um 1730.
Über Henoch weiß die Bibel nicht viel zu berichten (14): »Henoch war fünfundsechzig Jahre alt, da zeugte er Metuschelach (Methusalem). Nachdem Henoch Metuschelach gezeugt hatte, ging er mit Gott dreihundert Jahre lang und zeugte Söhne und Töchter. Die gesamte Lebenszeit Henochs betrug dreihundertfünfundsechzig Jahre. Henoch ging mit Gott, dann war er nicht mehr da; denn Gott hatte ihn aufgenommen.« Wie der Terminus »Gott hatte ihn aufgenommen« zu verstehen ist, das verdeutlicht ein Vers im »Neuen Testament«. Im »Hebräerbrief« lesen wir in der »Einheitsübersetzung« (15):

»Aufgrund des Glaubens wurde Henoch entrückt, sodass er den Tod nicht schaute; er wurde nicht mehr gefunden, weil Gott ihn entrückt hatte; vor der Entrückung erhielt er das Zeugnis, dass er Gefallen gefunden habe bei Gott.« Ziehen wir noch »Hoffnung für alle« heran: »Weil Henoch glaubte, nahm Gott ihn zu sich, so dass er nicht sterben musste; er war plötzlich nicht mehr da. Die Heilige Schrift bestätigt, dass Henoch so gelebt hat, wie es Gott gefiel.«

Hesekiel erlebte eine Himmelsreise, wurde aber wieder auf irdischem Grund und Boden ausgesetzt. Elias und Henoch wurden auch zu einer Himmelsreise mitgenommen, so berichten es die biblischen Texte, nicht wieder zur Erde zurück.

Für den renommierten Theologieprofessor Dr. Hermann Gunkel (*1862; †1932) ist der Sachverhalt klar! Für ihn gibt es offensichtlich zwei Sorten von Texten, nämlich realistische Beschreibungen realer Geschehnisse einerseits und märchenhafte, sprich fiktive Texte. Wie aber entscheidet der Theologe, was erfunden wurde und was nicht? Mir scheint, dass er alles, was ihm zu fantastisch erscheint, in die »Kategorie Märchen« einordnet. Und das betrifft biblische wie außerbiblische apokryphe Texte und solche, die in anderen Kulturen entstanden sind.


Foto 5: »Entrückung« des Elias.
Bibelillustration, koloriert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.

Aber macht er es sich nicht zu einfach, wenn er alle Texte, die nach seinem Geschmack zu fantastisch klingen, in den Bereich des Märchenhaften verbannt? Prof. Dr. Hermann Gunkel (*1862; †1932) war ganz ohne Zweifel ein vorzüglicher, kenntnisreicher und wissenschaftlich präzise arbeitender Theologe. Doch was für Prof. Gunkel vor hundert und mehr Jahren einfach viel zu fantastisch war um wahr zu sein, das mag für uns zu Beginn des 21. Jahrhunderts längst überholte Wirklichkeit von gestern sein. Prof. Gunkel musste alles für unmögliche Fiktion halten, was für uns heutige immer noch allenfalls realistische Zukunftsschau ist. Genauso gilt, dass die Realität von – wählen wir ein beliebiges Jahr – 2122 für uns Heutige unfassbar unrealistisches Märchen sein muss. So ist es durchaus möglich, dass wir, wie Prof. Gunkel, uralte Texte als unglaubwürdig belächeln, nur weil sie fantastisch klingen. Meiner Meinung ist es unverzichtbar, auch scheinbar Märchenhaftes als Informationsquelle zu überprüfen. Falsch und unverantwortlich ist es meiner Meinung nach alles, was wir nicht für realistisch halten als »Märchen« zu etikettieren und unberücksichtigt zu lassen.


Fußnoten
(1) Hesekiel Kapitel 1, Vers 4 (Zitiert aus »Lutherbibel 2017«)
(2) Ebenda, Anfang von Vers 1 zitiert aus der »Elberfelder Bibel«.
»English Standard Version«: »As I looked, behold, a stormy wind came out of the north, and a great cloud, with brightness around it, and fire flashing forth continually, and in the midst of the fire, as it were gleaming metal.«
(3) Fohrer, Georg: »Handbuch zum Alten Testament. Erste Reihe 13/ Ezechiel«, Tübingen 1955, Seite 9, 7.-2. Zeile von unten (Fußnoten nicht mitgezählt!)
(4) Gunkel, Hermann: »Das Märchen im Alten Testament«, Tübingen 1921, Seite 61, letzte Zeile unten – Seite 62, 8. Zeile von oben
(5) Sänger, Eugen: »Raumfahrt – technische Überwindung des Krieges«, Hamburg 1958, Seite 124
(6) Ebenda, Seite 125(7) 1. Könige Kapitel 18, Vers 19 (»Einheitsübersetzung 2016«)
(8) Ebenda, Vers 28 (»Einheitsübersetzung 2016«)
(9) Ebenda, Vers 38
(10) Ebenda, Vers 40
(11) 2. Könige Kapitel 2, Vers 3
(12) 2. Könige 2, Vers 11
(13) Schneider, Wolfgang: »Elias Entrückung gen Himmel«, »Bibel Center«.  http://www.bibelcenter.de/bibel/studien/wort/d-std071.php (Stand 25.04.2020)
Die Rechtschreibung des Zitats wurde unverändert übernommen und nicht der Rechtschreibrefrom gemäß verunstaltet.
(14) 1. Mose Kapitel 5, 21-24 (»Einheitsübersetzung 2016«)
(15) Hebräer Kapitel 11, Vers 5 (»Einheitsübersetzung 2016«)
(16) Gunkel, Hermann: »Das Märchen im Alten Testament«, Tübingen 1921, Seite 52, 3.-8. Zeile von oben

Zu den Fotos

Foto 1: Elias und Henoch. Bibelillustrationen, koloriert.
Foto 2: Elias. Ikone, frühes 19.Jahrhundert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 3: »Entrückung« des Elias. Bibelillustration, koloriert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 4: Auch Henoch wurde von Gott in den Himmel entrückt. Bibelillustration um 1730. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 5: »Entrückung« des Elias. Bibelillustration, koloriert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.


542. »1.000 Jahre vor Kolumbus«,

Teil 542 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 07. Juni 2020 

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Sonntag, 17. November 2019

513. »Unser Gott und seine Frau«

Teil 513 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1:
Rekonstruktion einer
Aschera
Fotomontage
Je mehr man sich mit den Göttinnen und Göttern der ältesten Zeiten beschäftigt, desto schneller verliert man sich in einer schier unüberblickbaren Flut von Himmlischen, die von den Völkern ferner Zeitepochen angebetet wurden.

Freilich täuscht die Vielzahl der Namen, die wir oft nicht aussprechen können,  eine noch viel höhere Anzahl von Göttinnen und Göttern vor als es tatsächlich Himmlische gab. Vor Jahrtausenden wurden weniger Göttinnen und Göttern verehrt als es Namen von Göttinnen und Göttern gibt. Nicht selten verbergen sich nämlich hinter unterschiedlichen Namen die gleichen, identischen Gottheiten. Viele Namen sind in Vergessenheit geraten und von so mancher Gottheit wissen wir nicht mehr, welche speziellen Aufgaben sie zu erledigen hatte.

Der große Schöpfergott von Ugarit war »Ilu«. »Ilu« galt als (1) »Vater der Menschheit« und als »Erschaffer der Schöpfung«. Wir denken dabei zwangsläufig an den Schöpfergott der Bibel. An »Ilus« Seite stand die Göttin »Atirat« (2), die »Gebieterin der See« und »Königin des Hohen Himmels«. Als »die Göttin, die über das Meer  wandelt« ist »Aschera« bekannt. »Atirat«, die »ugaritische Meeres- und Himmelskönigin«, lebte an der Küste und beschützte die Seeleute. Dargestellt wird »Atirat« häufig vollkommen nackt, so wie die Eva des »Alten Testaments«. »Atirat« war auch unter dem Namen »Chawat« bekannt. »Chawat« alias »Hawat« spazierte wie Adam einst nackt im Paradies.

Jetzt wird es verwirrend. Eva, Adams Frau, heißt im hebräischen Original »Hawat«. Warum? Das wird im Buche Genesis erklärt (3): »Und er rief, Adam, einen Namen seiner Frau: Chawa, denn sie wurde die Mutter aller Lebenden.« Demnach hieß Eva im biblischen Paradies so wie die Partnerin von Gott »Ilu«. »Mutter aller Lebenden« ist ja ein uralter Göttinnen-Name.

Noch einmal, vielleicht finden wir mehr Klarheit: Der große Schöpfergott von Ugarit war »Ilu«. »Ilu« war auch als »El« bekannt. Also: Die Partnerin von Obergott »Ilu« alias »El« war Göttin »Atirat«. Und der »Atirat« entsprach tatsächlich »Aschera«.

Wir haben ein Pärchen im Himmel von Ugarit: Gott »Ilu« alias »El« und »Atirat« alias »Aschera«. Die Göttin Aschera kommt in Texten des Alten Testaments sehr viel häufiger vor als Übersetzern wie Martin Luther (*1483; †1546) lieb war. Durch falsche Übersetzungen ließ Luther ihren Namen aus den Texten des Alten Testaments verschwinden. So stand einst bei Luther im Buch Richter (4): 

Foto 2:
Darstellung eines
Baals. Fotomontage
»Und zerbrich den Altar Baals … und haue ab den Hain, der dabei steht.« Von einem »Hain«, also einem Wäldchen ist im Original nichts zu finden. Falsch übersetzte Luther weiter: »Und baue dem Herrn, deinem Gott, einen Altar und opfere ein Brandopfer mit dem Holz des Hains, den du abgehauen hast.« Es sind keine Bäume gefällt und verbrannt worden, so wie Luther glauben lassen wollte.
Erst in der revidierten Luther Bibel von 1912 kehrte die Göttin im Text der Übersetzung wieder: »Und haue um das Ascherahbild, das dabei steht und opfere ein Brandopfer mit dem Holz des Ascherahbildes, das du abgehauen hast.«

Wie offensichtlich falsch Luthers Übersetzungen in Sachen Aschera sind, das verdeutlicht ein Vers aus den Königsbüchern. Bei Luther hieß es da anno 1545 (5): »Er (Josia) ließ den Hain aus dem Hause des Herrn führen.« Mit dem »Haus des Herrn« war der Tempel in Jerusalem gemeint. Und aus dem Tempel soll ein Hain, also ein Wald,  »geführt« worden sein? Wie »führt« man einen Wald von A nach B? Natürlich gab es im Zentralheiligtum der gläubigen Israeliten keinen Wald. Der hebräische Originaltext lässt keinen Zweifel aufkommen: Entfernt wurde eine Aschera-Statue!

Luther steht als Fälscher keineswegs allein da. »Young’s Literal Translation«, also »Young’s Wörtliche Übersetzung«, tilgt Aschera aus dem Text und fabuliert von einem »Heiligtum« oder »Schrein«. Und vom »Holz des Heiligtums« oder »Holz des Schreins«. Eine Göttin soll im Hauptheiligtum der Juden über ein eigenes Heiligtum verfügt haben? Das kann den Verfassern von »Young’s Literal Translation« auch nicht gefallen haben. Ihnen kam es wohl vor allem darauf an, dass nichts mehr von Göttin Aschera zu lesen war. Auch in der »King James Version« ist für Göttin Aschera kein Platz. Sie weicht wie bei Luther einem »Wäldchen«, das abgeholzt und zu Ehren des im Monotheismus einzig erlaubten Gottes verbrannt wird.

Erst in der Ausgabe »21st Century King James Version« der Bibel taucht »Aschera« auf. Der »Aschera-Pfahl« wird umgehauen und das Holz des »Aschera-Pfahls« wird verbrannt.

Kehren wir zu Luther und seinen Manipulationen zurück. In Luthers Übersetzung von 1545 heißt es (6): »Auch blieb stehen der Hain zu Samaria.« In der revidierten Luther Bibel von 1912 darf die vom Reformator getilgte Göttin wieder zurückkehren: »Auch blieb stehen das Ascherabild zu Samaria.« Aschera wurde also nicht nur im Heiligtum der Juden in Jerusalem verehrt, sondern auch in Samaria. Das verwundert nicht! Denn wenn Aschera im Tempel Jahwes verehrt wurde, kann man davon ausgehen, dass auch in anderen Tempeln im Land Aschera zuhause war. Der Gedanke an eine Göttin neben Jahwe muss Luther ein Gräuel gewesen sein.

Foto 3: Typische
Aschera-Göttin
Fotomontage/ Collage


Das Erste Buch der Könige berichtet über ein Essen mit anschließendem eigenartigem Opferwettbewerb, der in einem Massenmord endete (7). Luther übersetzte wieder falsch. Er machte aus »Propheten der Aschera« anno 1545 »Propheten des Hains«. 400 Propheten der Aschera und 450 Propheten von Baal speisten gemeinsam. Dann kam es zum Zweikampf der besonderen Art. Die Aschera-Priester beteiligten sich daran nicht.

Erst schlachteten und zerteilten die Baal-Anhänger ein Rind und legten es auf einen Holzstoß. Schließlich beteten sie flehentlich zu Baal. Vergeblich. Baal schwieg. Er reagierte in keiner Weise. Jetzt fügten sich die Baal-Anhänger selbst mit Messern und Spießen Wunden zu. Vergeblich floss ihr Blut. Gott Baal ließ, so der angebliche »Bericht«, seine Anhänger im Stich. Er nahm ihr Opfer nicht an.

Dann kam die zweite »Partei« ins Spiel. Die Jahwe-Anhänger und ihr Gott Jahwe wurden gefordert. Die Bedingungen mussten aus Gründen der Fairness die gleichen sein. Auch Jahwe bekam zerstückelte Rinderteile auf einem Holzstapel angeboten. Jetzt aber machten es sich die Jahwe-Anhänger selbst schwerer, oder ihrem Gott. Sie  wollten unbedingt ein göttliches Wunder erzwingen. Also übergossen sie den zerstückelten Tierkadaver und das Holz mit reichlich Wasser. Alles schwamm förmlich im Wasser. Und doch geschah das erhoffte Wunder: Auf Elias Bitte hin ließ Jahwe sein Feuer vom Himmel fallen. Nicht nur das Holz des »Scheiterhaufens« und das Rind verbrannten trotz der Wassergüsse. Auch die Steine und Erde wurden vom göttlichen Feuer »gefressen«.

Foto 4:
Ascheras.
Fotomontage/
Collage
Der Wettstreit war entschieden. Die Jahwe-Anhänger waren die eindeutigen Sieger! Sie erwiesen sich aber als sehr schlechte Gewinner! Sie begnügten sich nicht mit der Niederlage ihrer Gegner im Opferwettbewerb. Sie brachten ihre Baals-Konkurrenten um. Die Luther-Bibel von 2017 formuliert recht drastisch (8): »Elia aber sprach zu ihnen: Greift die Propheten Baals, dass keiner von ihnen entrinne! Und sie ergriffen sie. Und Elia führte sie hinab an den Bach Kischon und schlachtete sie daselbst.« Elia bringt seinem Gott die Baals-Propheten als Schlachtopfer dar. (Der Ausdruck »Prophet« stand nach biblischem Verständnis nicht für Wahrsager oder Zukunftsdeuter. Propheten waren die »Pressesprecher« ihrer Götter. Sie übermittelten Verlautbarungen ihrer Götter. So war Moses der »Prophet« Jahwes.)

Über die Aschera-Propheten wird kein Wort mehr verloren. Warum waren sie dann überhaupt mit den Baals-Priestern eingeladen worden? Raphael Patai argumentiert (9): »Die Schlussfolgerung muss sein, dass ihnen, da sie nicht am Wettstreit teilnahmen, kein Leid zugefügt wurde. Wenn dem so war, dann müssen sie ungehindert auch weiterhin ihrer Göttin gedient haben.«

Es ist eine ganze Reihe berechtigter Fragen! Warum wurden unter Ahab die Baals-Priester niedergemetzelt, die Aschera-Priester aber verschont? Warum wurde Jahrzehnte später unter König Joahaz der Aschera-Kult weiterhin geduldet (10)? Die Statue der Göttin  in Samaria blieb unangetastet. Wurde die Verehrung der Göttin akzeptiert, wie Raphael Patai vermutet (11), weil »die Verehrung der Aschera als legitime religiöse Ausübung auch von denen angesehen wurde, die gegen den Baalskult waren«?

Weiter geht es mit Gemetzel. Gegen die Priester und Propheten anderer Gottheiten durfte mit Arglist und Tücke vorgegangen werden. Jehu ließ die Priester Baals einladen (12). Angeblich wollte er ihm huldigen.  Wer der Zeremonie zu Ehren Baals fernbleibe, so wurde gedroht, werde getötet. Abgeschlachtet wurden dann aber die Baal-Priester. Aus den Baal-Tempeln ließ Jehu öffentliche Toiletten machen. Sein Hass gegen Baal war groß, Aschera aber wurde toleriert.

Foto 5:
Ascheras.
Foto-
montage
Collage
Spärlich sind die konkreten Angaben über das Allerheiligste des Jerusalemer Jahwe-Tempels. Die Vermutung, dass Salomos Tempel ausschließlich der Verehrung Jahwes diente, ist definitiv falsches Wunschdenken der Monotheisten. Die Zahlen sprechen eine deutliche, klare Sprache! Der salomonische Tempel bestand 370 Jahre. Immerhin 236 Jahre davon, also fast zwei Drittel der Zeit, beherbergte er eine Aschera-Statue. Das verstieß eindeutig gegen Jahwes Gebot! Hatte doch Jahwe angeblich selbst nicht nur das Anbeten fremder Götter im Allgemeinen verboten, sondern ganz konkret gefordert (13): »Du sollst dir keinen Holzpfahl als Ascherabild errichten bei dem Altar Jahwes!«

Genau das aber geschah immer wieder! Jahrhunderte lang war Aschera fester Bestandteil im religiösen Leben der jüdischen Stämme. Konkretem göttlichem Gebot zum Trotz stand ihre Statue im Allerheiligsten des Salomonischen Tempels neben  Jahwes Altar:
•Salomos Sohn, König Rehoboam, brachte die göttliche Statue in den Tempel. Sie wurde etwa 35 Jahre lang im Zentrum der Religiosität verehrt.
•König Asra ließ sie entfernen, König Joash wieder installieren.
•Nach 100 Jahren sorgte König Hezekiah dafür, dass Aschera wieder aus dem Heiligtum verschwand. König Manasseh aber brachte sie wieder an ihren angestammten Platz. 
•König Joshiah setzte eine religiöse Reform durch. Aschera wurde aus dem Tempel verbannt, kehrte aber nach dem Tod des Königs wieder zurück. 

Warum war Salomos Tempel lange Zeit das heilige Haus für Jahwe und  gleichzeitig für Aschera? Die Antwort entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie (14): »Eine Zeitlang akzeptierte Aschera den semitischen Gott El als ihren Geliebten. Sie war die Himmelskuh, er der Stier.« El aber war einer der Beinamen Jahwes (15).

Endlich wird klar, wieso Baal als Rivale von Jahwe blutig verfolgt, Aschera aber geduldet, ja lange Zeit im Tempel Salomos verehrt wurde. Aschera, die uralte Göttin aus Ugarit, wurde rund ein Jahrtausend später die Geliebte und Partnerin von Jahwe alias El! Es ist offensichtlich, dass sture Verfechter des Monotheismus wie Luther Aschera aus den Texten des Alten Testaments verschwinden ließen. Es ist erfreulich und lobenswert, dass in den meisten neueren Übersetzungen die Göttin Aschera zurückkehrt. Ich glaube nicht, dass dies auf eine Rückbesinnung auf religiöse Urkulte hinweist, in deren Zentrum Göttinnen standen. Ich nehme an, dass neuere Übersetzungen schlicht und einfach korrektere Angaben machen wollten.


Foto 6:
Ascheras.
Foto-
montage
Collage
Fußnoten
(1) Im Englischen: »Father of mankind« und »Creator of creation«
(2) Andere Schreibweise: Athirat
(3) 1. Buch Mose, Kapitel 3, Vers 20
(4) Das Buch der Richter Kapitel 6, Verse 25 und 26 in Luthers Übersetzung von 1545, hier der heutigen Rechtschreibung angepasst.
(5) Das 2. Buch der Könige Kapitel 23, Vers 6 in der Übersetzung Luthers von 1545, in angepasster Rechtschreibung!
(6) Das 2. Buch Könige Kapitel 13, Vers 6
(7) Siehe hierzu: Das 1. Buch der Könige Kapitel 18, Verse 19-46.
(8) Das 1. Buch der Könige Kapitel 18, Vers 40
(9) Patai, Raphael: »The Hebrew Goddess«, 3., erweiterte Auflage, Detroit 1990, S. 43
(10) Siehe Das 2. Buch der Könige Kapitel 13, Vers 6
(11) Patai, Raphael: »The Hebrew Goddess«, 3., erweiterte Auflage, Detroit 1990, S. 43
(12) Siehe Das 2. Buch der Könige Kapitel 10, Verse 18-27
(13) Das 5. Buch Mose Kapitel 16, Vers 21
(14) Walker, Barbara: »Das Geheime Wissen der Frauen«, Frankfurt 1993, S. 67
(15) Siehe zum Beispiel 1. Buch Mose Kapitel 14, Vers 18!

Foto 7
Zu den Fotos
Foto 1: Rekonstruktion einer Aschera. Fotomontage. Foto Archiv Langbein
Foto 2: Darstellung eines Baals. Fotomontage. Foto Archiv  Langbein
Foto 3: Typische Aschera-Göttin. Fotomontage/ Collage. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 4-6: Aschera(s). Fotomontage/ Collage. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Eva, Schlange am Baum des Lebens, Adam/ Briefmarkenmotiv Israel

514. »Von Nan Madol bis Ugarit«,
Teil 514 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 24. November 2019



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Sonntag, 24. Juli 2016

340 »Die Göttin und die Inka«

Teil 340 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Komplex Inga Pirca

Bei meinem ersten Besuch in Inga Pirca regnete es mehr als nur in Strömen. Es schüttete sintflutartig vom Himmel. Die mysteriöse Mauer der wohl schönsten archäologischen Stätte Ecuadors erschien in düster-geheimnisvollem Licht. Nur gaben meine beiden Kameras schon nach wenigen Sekunden ihren Geist – zum Glück nur vorübergehend – auf. Zwei Tage später waren sie wieder einsatzbereit. Fotos von Inga Pirca gelangen mir dann erst bei späteren Besuchen.

Inga Pirca wird – ich meine etwas schmeichelhaft-übertrieben – gelegentlich das »Machu Picchu« von Ecuador gegriffen. Erbaut wurde die Anlage von den Cañari, nicht von den Inka. Trotzdem heißt die mysteriöse guterhaltene »Ruinenstätte« bis heute »Inka-Mauer«, eben »Inga Pirca« (Kechuansprache). Die Inka »eroberten« Inga Pirca, erwiesen sich aber als sehr human. Und das, obwohl ihnen die Kultur der Besiegten äußerst fremd war.

Foto 2: Begräbnisstätte der 11 Frauen
Das Volk der Cañari verehrte den Mond. Es war matriarchalisch orientiert. Ganz anders die Inka. Sie verehrten die Sonne, typisch für das Patriarchat. Bei meinem ersten Besuch vor Ort erfuhr ich, dass man bei archäologischen Ausgrabungen die letzte Ruhestätte einer Königin der Cañari ausfindig gemacht habe. 

Die ohne Zweifel äußerst beliebte Regentin – oder war es nur eine Fürstin – war nicht ohne Begleitung vom Diesseits ins Jenseits gewandert. Ihr hatten sich zehn Frauen angeschlossen, die mit Gift Selbstmord begangen hatten. Das geschah vor etwa 1.200 Jahren.

Die Inka »eroberten« Inga Pirca nach Art der Österreicher, nach dem Motto »Du glückliches Österreich, heirate!« Allerdings wohl erst, als der erhoffte schnelle Sieg über das kleine Völkchen nicht auf Anhieb gelang. Die vornehmen und selbstbewussten Inka-Adeligen heirateten Cañari-Prinzessinnen und besiegelten damit eine ganz besondere Allianz. Die Cañari blieben autonom. Sie behielten ihren Glauben, setzten ihr religiöses Leben fort. Sie behielten ihren Glauben an die Mond-Göttin. Das Brauchtum blieb unbeanstandet von den Inka das alte. Allerdings nahmen die Cañari die Sprache der Inka an. Sprachlich orientierten sich die zahlenmäßig weit unterlegenen Cañari den Inka an. Die Inka konnten sich von nun an auf die Cañari als treue Verbündete verlassen. Sie hatten in Inga Pirca einen strategisch äußerst wichtigen Stützpunkt und die Cañari konnten sich auf den militärischen Schutz der Inka voll und ganz verlassen.

Foto 3: Mondkalender der Cañari. Foto Walter-Jörg Langbein
Wasser spielte eine immense Rolle im religiösen Leben der Cañari. Ich bewunderte einen kurios anmutenden Stein, der eine ganze Reihe von Löchern aufwies. Waren sie natürlichen Ursprungs? Keineswegs. Sie waren sorgsam – und wie man mir vor Ort versicherte – nach wissenschaftlichen Berechnungen gebohrt worden. Wann? Vor 1.200, vielleicht 1.500 Jahren? Bei dem seltsamen Löcherstein handelt es sich um einen Mondkalender der Cañari. Die Löcher wurden mit Wasser aufgefüllt, darin spiegelten sich Mond und Sterne. So wurden die für die Cañari wichtigen Daten des Mondjahrs bestimmt. So gab es ein wirklich tolerantes Miteinander zwischen den Inka und den Cañari. Die einen huldigten weiter dem Mond und der Mondgöttin, die anderen verehrten weiter die Sonne und Götter des Patriarchats. Beide hatten ihre eigenen Zeremonien und Feiertage – und es gab gemeinsame Festivitäten.

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts erschienen die Inka unter Führung von Túpac Yupanqui. Gemeinsam baute man an einem »Groß Inga Pirca«, hatte wohl einen geschlossenen Gesamtkomplex im Sinn. Dazu kam es aber nicht. Das geplante Zentrum wurde nicht fertig gestellt werden. Leider kamen schon im frühen 16. Jahrhundert die ersten Spanier nach Ecuador. Pizarro tauchte 1532 mit seiner blutdurstigen Bande auf.1534 erschien Pizarros Leutnant Sebastian de Benalcazar in Quito auf. 1535 dürften Inka wie Cañari von Inga Pirca abgeschlachtet worden sein: die vermeintlich »Wilden« von den »Zivilisierten«. Die herrliche, im Aufbau befindliche Metropole zweier friedlich miteinander lebenden Religionen wurde zerstört.

Foto 4: Inka oder Präinka?

Wie groß Inga Pirca bereits war, als es von den Spaniern zerstört wurde, wir wissen es bis heute nicht. Es müssten im Umfeld der Ruinen weitere, tiefere Grabungen vorgenommen werden. Wieder einmal fehlt das Geld. Sehr gut erhalten ist der Sonnentempel, den angeblich die Inka angelegt haben. Die imposante Mauer des oval angelegten Gebäudes sieht man von weitem. Und von nahem erkennt man die unglaubliche Präzision, mit der teils massive Steine zugeschnitten und mörtellos auf-, an- und ineinander gefügt wurden.

Vom Mondtempel der Cañari ist so gut wie nichts erhalten. Es wurden lediglich nur noch Grundmauern ausfindig gemacht, die man für Reste von Bauten der Mondanbeterinnen hält. Einen kreisrunden Mondtempel hat es auch gegeben. Aber ordnet man da wirklich alle Bauten, Ruinen und Fundamente richtig zu? Ich halte es für durchaus möglich, dass es schon vor den Cañari und natürlich somit vor den Inka ein noch älteres Heiligtum gab, geschaffen von unbekannten Steinmetzen und Meistern der Baukunst, und das zu einer sehr viel früheren Zeit. Wie dem auch sei: Die Spanier machten Inga Pirca zum Steinbruch. Sie benötigten sehr viel Baumaterial für die Errichtung ihrer monumentalen Kirchen. Es grenzt schon an ein Wunder, dass überhaupt etwas von Inga Pirca übrig geblieben ist. Ein betagter grauhaariger Priester, mit dem ich in Quito sprach, behauptete: 

Foto 5: Sonnentempel und Reste der Cañari -Bauten

»Es gelang einem Inka-Fürsten die Spanier davon zu überzeugen, dass ihr Tempel von Inga Pirca nicht mehr dem heidnischen Sonnengott, sondern inzwischen dem biblischen Gott geweiht sei.« Angeblich ließ man deshalb den ovalen Tempelbau stehen. Belegen lässt sich diese kühne These nicht. Fakt ist aber – was den wenigsten Bibellesern bekannt sein dürfte – dass das »Alte Testament« eine Vielzahl von Bibelversen enthält, in denen der Gott des »Alten Testaments« als Sonne gepriesen wird.

Ein biblisches Gebet, wir finden es in Psalm 84 (1), konnte jeder »heidnische« Inka sprechen, ohne auch nur einen Millimeter von seinem Glauben abzufallen. Er hätte wohl nur den Namen seines Sonnengottes »Tayta Inti« für »Jahwe« eingesetzt: »Gott, unser Schild, schaue doch; sieh doch an das Antlitz deines Gesalbten! Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend. Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause als wohnen in der Gottlosen Hütten. Denn Gott Jahwe ist Sonne und Schild; Jahwe gibt Gnade und Ehre. Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen. Jahwe Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf dich verlässt!«

Foto 6: Wasser war der Cañari heilig
Noch zu Zeiten des streng monotheistischen Jahwekults wurden im Heiligen Land auch andere Götter verehrt. Es gab mächtige Konkurrenz, zum Beispiel Baal. Prophet Elia kämpfte gegen den Baalskult. Baals-Tempel wurden immer wieder von Jahweanhängern zerstört, von Baal-Gläubigen neu errichtet, um von der Jahwe-Konkurrenz wieder zerstört zu werden. Schließlich absorbierte der Jahwekult Baal.  Ursprünglich war es Gott Baal, der »am Himmel daherfährt« oder der »auf den Wolken reitet«.

Der Himmels-Baal kann sehr wohl auf einen patriarchalischen Sonnengott zurückgehen, war vielleicht sogar selbst einer. Derlei Baals-Namen wurden im monotheistischen Judentum  einfach auf Jahwe übertragen. Bei Mose lesen wir (2): »Es ist kein Gott wie der Gott Jeschuruns (=Jahwe), der am Himmel daherfährt dir zur Hilfe und in seiner Hoheit auf den Wolken.«

Auch der Psalmist hat offensichtlich einen Sonnengott im Sinn, wenn er Jahwe wie folgt preist (3): »Lobe Jahwe, meine Seele! Jahwe, mein Gott, du bist sehr herrlich; du bist schön und prächtig geschmückt. Licht ist dein Kleid, das du anhast. Du breitest den Himmel aus wie einen Teppich. Du baust deine Gemächer über den Wassern. Du fährst auf den Wolken wie auf einem Wagen und kommst daher auf den Fittichen des Windes, der du machst Winde zu deinen Boten und Feuerflammen zu deinen Dienern.«

Foto 7: Spiegel der Sterne

Religiöse Bilder ähneln sich, auch wenn das Fundamentalisten nicht wahrhaben wollen. Nach dem christlichen Glauben opfert sich der göttliche Jesus zum Wohle der Menschen und starb am Kreuz. Aztekengott »Nanauatzin«, zu Deutsch »Wolkenschlange« opferte sich ebenfalls, nur nicht am Kreuz, sondern im Feuer. Jesus stieg auf zum göttlichen Vater, der im »Alten Testament« gern mit der Sonne verglichen wird. Nanauatzin stieg empor und wurde selbst zum Sonnengott Tonatiuh, zu Deutsch »Sonne«. Als Sonnengott wurde er im tonnenschweren Kalenderstein der Azteken verewigt.

Wasser spielte eine zentrale Rolle in der Religion, in der Welt der Cañari. Es spiegelte die Sterne und ihren Lauf. Es spendete Leben, kam also von der Göttin. Es regnete vom Himmel und ließ Leben gedeihen. Es stieg wieder in den Himmel empor. Über den Göttinnen-Wasserkult der Cañari wissen wir leider kaum noch etwas. Wenn nur die Steine reden könnten, in die immer wieder komplexe Systeme von Wasserbecken geschlagen wurden. Wasserreservoirs waren das nicht, dazu fassen sie viel zu wenig Wasser.

Foto 8: Rituelles Sitzbad.
Einzelne aus dem Stein gemeißelte »Wannen« mögen als rituelle Sitzbäder gedient haben, vielleicht für die Priesterinnen zur Vorbereitung auf die heiligen Handlungen zu Ehren der Mondgöttin.

Mir scheint, dass es den Erbauern dieser Systeme in erster Linie darauf ankam, Spiegel aus Wasser zu schaffen – für die Sterne, für die Göttin. Das Wasser floss von »Becken« zu »Becken«. Man hat sich sehr große Mühe gegeben, bohrte zum Teil Röhren von »Becken« zu »Becken«, legte zum Teil offen liegende kleine Kanälchen an. Allein das schon erforderte erhebliche Fähigkeiten in Sachen Steinbearbeitung!

Uralt ist der philosophisch-religiöse Gedanke, dass sich Himmel und Erde entsprechen. 1908 wurde in Chicago das esoterische Werk »Kybalion« (4+5) veröffentlicht. Inhalt: Die »sieben hermetische Prinzipien«. Das »Prinzip der Analogie« besagt: »Wie oben, so unten; wie innen, so außen; wie der Geist, so der Körper.« Nach den hermetischen Prinzipien entsprechen die Verhältnisse im Makrokosmos des Universums dem Mikrokosmos des Individuums. Das Große spiegelt sich im Kleinen, das Kleine im Großen.

Foto 9: Der Aztekenkalender

Was mich auf vielen meiner Reisen mehr als verblüfft hat: Angeblich soll uraltes Wissen – so auch das der Cañari – allen mörderischen Maßnahmen zum Trotz – bis in unsere Tage überlebt haben. Das haben mir immer wieder christliche Priester auch in Ecuador mitgeteilt. So sollen die Cañari gewusst haben, was zum Beispiel erst im 20. Jahrhundert durch Bücher wie das »Kybalion« publik wurde. Gehört das Wissen um hermetische Gesetze dem wirklich wertvollen Weltkulturerbe an? Und sind uralte Bauwerke wie »Inga Pirca« steinernes Zeugnis des Urglaubens der ältesten Völker der Welt?


Foto 10: W-J.Langbein vor Ort
Fußnoten

1) Psalm 84, Verse 10-13
2) 5. Buch Mose Kapitel 33, Vers 26
3) Psalm 104, Verse 1-4
4) »Drei Eingeweihte«/ Atkinson, William Walker: » Kybalion - Die 7 hermetischen Gesetze: Das Original«, Hamburg 2011
5) Atkinson, William Walker: »Kybalion 2 – Die geheimen Kammern des Wissens«, Hamburg 2013

(Anmerkung: Zum Thema Kybalion gibt es umfangreiche Sekundärliteratur, auch online aus dem Internet zu beziehen. Dabei unterscheiden sich die Textquellen zum Teil erheblich. Ein fundiertes abschließendes Urteil abzugeben, das ist letztlich unmöglich.)

Zu den Fotos

Foto 1: Komplex Inga Pirca. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Begräbnisstätte der 11 Frauen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Mondkalender der Cañari. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Inka oder Präinka? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Sonnentempel und Reste der Cañari -Bauten (Vordergrund)
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Wasser war der Cañari heilig. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Spiegel der Sterne. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Rituelles Sitzbad. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Der Aztekenkalender mit dem Sonnengott im Zentrum. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Autor Walter-Jörg Langbein vor dem Sonnentempel der Inka. Foto Willi Dünnenberger

341 »Fünf Flugmaschinen in Stein und sechs verschollene Tempel«,
Teil 341 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 31.07.2016


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