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Sonntag, 26. Juli 2020

549. »Und wir erhoben ihn zu einem hohen Ort.«

Teil 549 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Henoch wird entrückt
(Bibelillustration um 1730)
Das »Slavische Henochbuch« beginnt mit einer Entführung in den Himmel. Im zarten Alter von 365 Jahren hatte Henoch eine mysteriöse Begegnung. Zunächst glaubte er zu träumen (1): »Ich war in großer Kümmernis und weinte; dann schlief ich ein. Da erschienen mir zwei sehr große Männer, wie ich nie auf Erden gesehen. Ihr Antlitz leuchtete wie die Sonne, aus ihrem Munde sprühte Feuer; ihre Kleidung und ihr Gesang waren herrlich.

Was Henoch für einen Traum gehalten hat, muss aber Realität gewesen sein! Waren doch die riesenhaften Männer immer noch da, nachdem sich der verängstigte Henoch erhoben hatte. Ihre Mission (2): »Sei getrost, Henoch! Fürchte dich nicht! Der ewige Herr hat uns zu dir gesandt. Du sollst mit uns heute in den Himmel gehen. … Keiner aber soll dich suchen, bis der Herr dich ihnen wieder zuführt.«

In einer neueren Übersetzung lesen wir (3): »Der ewige Herr hat uns zu dir gesandt. Und siehe, (noch) heute wirst du mit uns hinauf in den Himmel gehen. … Und niemand soll dich suchen, bis der Herr dich zu ihnen zurückbringt.«

Heute verstehen wir »Der ewige Herr hat ihn/ sie in den Himmel geholt!« als »Er/ sie ist gestorben.« In Henochs Fall allerdings ging es um ein zeitlich begrenzte, leibhaftige Entführung Henochs in den Himmel.

Im »Alten Testament« wird die Entrückung Henochs mit 365 Jahren auch erwähnt, allerdings recht kurz und bündig (4): »Und Henoch wandelte mit Gott. Und nachdem er Metuschelach gezeugt hatte, lebte er 300 Jahre und zeugte Söhne und Töchter, dass sein ganzes Alter ward 365 Jahre. Und Henoch wandelte mit Gott und ward nicht mehr gesehen, denn Gott hatte ihn entrückt.«

Nach Ansicht der Mehrheit muslimischer Interpreten des Korans ist Idris, der im Koran zwei Mal kurz erwähnt wird, mit Henoch identifiziert. Am Ende seines Lebens, so heißt es im Koran (5) wurde Idris (alias Henoch), Ismael und Dhu l-Kifl in die Barmherzigkeit Allahs aufgenommen. In einer islamischen Erzählung erfahren wir Konkreteres: Todesengel Asrael entführte Idris und zeigte ihm auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin die himmlischen Gefilde. So kann auch knapper Hinweis im Koran verstanden werden (7):

Foto 2: Erzengel Asrael
(Dom zu Florenz, frühes 13. Jahrhundert).

»Und gedenke in der Schrift des Idris! Er war ein Wahrhaftiger und ein Prophet. Und wir haben ihn an einen hohen Ort erhoben.« Fast wortgleich übersetzt Max Henning (8): »Und gedenke im Buch des Idris; siehe, er war aufrichtig, ein Prophet; und wir erhoben ihn zu einem hohen Ort.« Nicht verschweigen möchte ich, dass manche Übersetzungen nicht von »einem hohen Ort«, sondern von einem »hohen Rang« ausgehen. In einer englischen Übersetzung wiederum heißt es ganz eindeutig (9): »And We raised him to a high station.« Ins Deutsche übersetzt: »Und wir hoben ihn empor an einen hohen Ort.«

Foto 3: »Sahih Muslim« (um 1910).
»Encyclopedia of Islam« halt fest (10) hält fest, dass Idris in der Zeit zwischen Adam und Noah lebte. Im 8. Jahrhundert, so ist weiter zu lesen, ging man davon aus, dass Idris der arabische Name Henochs war und dass er »zu einer hohen Station empor gehoben« wurde. Nach einem Hadith (11), der auf Malik ibn Anas zurückgehen soll, ist Mohammed auf seiner legendären Himmelsreise Idris im vierten Himmel begegnet. Dem Propheten, so wird überliefert, wurde »ein weißes Tier namens Buraaq« zur Verfügung gestellt. Sein Schritt, so soll Mohammed berichtet haben, war so gewaltig, dass unvorstellbare Entfernungen zurückgelegt werden konnten. Mohammed bestieg dieses Wundertier. Zunächst ging es in Windeseile nach Jerusalem. Dort betete er und schon erschien Engel Gabriel, der ihn auf seiner Himmelsreise begleitete.

Der Pförtner des Himmelstores, also der Petrus des Islam, befragte kurz Engel Gabriel. Als Gabriel erfährt, dass da Gabriel und Mohammed um Einlass bitten, lässt er beide passieren. Auf dem Rücken des schnellen Reittieres kam man schnell voran, erklomm Himmel für Himmel. Im vierten Himmel begegnete Mohammed dem Idris, dem Henoch des Islam.

Zurück zum Henoch der jüdischen Apokryphen. Laut der Rießler-Übersetzung hatten die großwüchsigen Besucher (12) »Arme wie goldene Flügel«. Demnach hatten die fremden Besucher keine Flügel, aber »Arme wie goldene Flügel«. Nachdem Henoch seine Söhnen ermahnt und seine baldige Heimkehr nach kurzem Aufenthalt in himmlischen Gefilden angekündigt hatte, kam der Abschied und aufwärts ging’s gen Himmel (13): »Suchet mich nicht, bis mich der Herr zu euch zurückbringt! Nachdem ich so zu meinen Söhnen gesprochen, riefen mich die zwei Männer, setzten mich auf ihre Flügel, trugen mich in den ersten Himmel empor und setzten mich hier ab.« Jetzt werden den Männern, die Henoch abholten, plötzlich Flügel zugebilligt.

Der engagierte Theologe Karl August Wünsche (*1838; †1912) veröffentlichte eine Fülle von Texten aus dem rabbinischen Judentum. In fünf Bänden erschien sein Werk »Aus Israels Lehrhallen« (14). Sehr interessant: »Das Leben Henochs« (15). Da erhält Henoch ein wundersames Pferd, das aus dem Himmel kommt und Henoch als fliegendes Reittier dient. Ähnlich wie Mohammed macht sich dann Henoch auf dem Wundertier auf – in den Himmel. Nach dem äthiopischen Buch Henoch allerdings benötigt Henoch, anders als Mohammed, kein noch so schnelles Reittier (16): »Wolken luden mich im Gesichte ein, und ein Nebel forderte mich auf; der Lauf der Sterne und der Blitze trieb und drängte mich, und Winde gaben mir Flügel und hoben mich empor in jenem Gesicht. Sie trugen mich in den Himmel.« Oder war es doch anders? Wurde Henoch, so vermeldet es das äthiopische Buch Henoch an anderer Stelle (17), von einem »Wirbelwind entrückt«?

Foto 4: Inka-Schamanen beherrschten die Kunst der Seelenreise
(Inkamotiv auf einem Teppich).

Oder wurde Henoch vielmehr (18) »auf den Wagen des Geistes erhoben«? Wenige Verse weiter kommt wieder ein Wagen ins Spiel (19): »Danach ward mein Geist entrückt und stieg in den Himmel auf. Ich sah die Söhne der heiligen Engel auf Feuerflammen treten...« Da fragt man sich doch, ob den Henoch nun leibhaftig oder nur im Geiste seine Himmelsreise angetreten hat. Hat er sich seinen Flug in himmlische Sphären nur eingebildet? Oder blieb sein irdischer Leib auf der Erde, während sein Geist sich in höchste Höhen emporschwang? Schamanen wird ja weltweit nachgesagt, sie könnten Geistreisen absolvieren und im Geist fremde Orte aufsuchen, während ihr physischer Leib zurückbleibt. So gibt es Hinweise auf einen Inkaschamanen, der vor Jahrhunderten im Geist von Südamerika aus die Osterinsel besuchte. Konkreter: Nach der »Antarquilegende« erhielt der »Tupac Inca«, vermutlich Túpac Inca Yupanqui, der 10. Inka-Herrscher, Ende des 15. Jahrhunderts Hinweise von Seefahrern auf »Inseln« weit im Westen Südamerikas gelegen. Der Inka-Herrscher wollte diese »Inseln« ausfindig machen. Um das Risiko zu minimieren konsultierte er vorsichtig einen berühmten Schamanen seines Reiches, einen gewissen »Antarqui«.

Der beherrschte, so die Legende weiter, die Kunst der »Seelenreise«. Dank seiner »Künste« flog er die von den Seefahrern beschriebene Reise nach und fand tatsächlich die »Inseln«. Fakt oder Fiktion? Fakt ist, dass Inka-Schamanen das Geheimnis der Pflanzen, die halluzinogene Substanzen enthalten, kannten. Die nahmen sie zu sich und traten dann, high pflanzlichen Drogen und losgelöst vom physischen Leib, »Seelenreisen« an. »Tupac Inca«, so führt die Legende weiter aus, bekam von Antarqui bestätigt, dass es die Inseln tatsächlich gab und erfuhr offenbar auch ihre Position.

Foto 5: Das Buch Henoch
in der Übersetzung von
Andreas Gottlieb Hoffmann.
Daraufhin soll sich der Inkaherrscher mit einer gewaltigen Flotte von Balsaflößen mit insgesamt mehr als 20.000 Mann Besatzung auf die Reise gemacht haben. Fakt oder Fiktion? Das wird sich vermutlich nicht mehr feststellen lassen. Von derlei Schamanenreisen ist im Kulturkreis Henochs nichts bekannt. Gleich zwei Textstellen im äthiopischen Henoch lassen Henoch recht klar beschreiben, dass er leibhaftig in den Himmel gebracht wurde, und zwar von geheimnisvollen Wesen (20):

»Da erhob ich abermals die Augen gen Himmel und sah im Gesicht, wie aus dem Himmel Wesen, die weißen Menschen glichen, hervorkamen; einer davon kam aus jenem Ort hervor, und drei waren bei ihm.

Diese drei, die zuletzt kamen, ergriffen mich an der Hand, nahmen mich von dem Erdengeschlecht hinweg und brachten mich an einen hohen Ort und zeigten mir einen hohen Turm hoch über der Erde, und all die Hügel waren niedriger.«

Der kurze Text wirft mehr Fragen auf als er beantwortet. Wer oder was waren die vier Wesen, die aus dem Himmel kamen? Menschen waren es offenbar nicht, den der Text besagt ja ausdrücklich, dass sie »weißen Menschen glichen«, nicht dass sie Menschen waren. Sollten Engel gemeint sein?

Was müssen wir unter »jenem Ort« verstehen, aus dem zunächst eines der Wesen erschien, gefolgt von drei gleichartigen? Klar nur ist die Aussage, dass drei dieser Wesen Henoch »an einen hohen Ort« brachten, so wie auch Mohammed an einen hohen Ort gebracht wurde. Von dort aus sah Henoch dann niedrige Hügel und »einen hohen Turm«. Was müssen wir uns unter diesem »hohen Turm« vorstellen? Stand er auf der Erde oder schwebte er über der Erde?

Nahmen wir an, der merkwürdige Turm stand auf der Erde und reichte bis in den Himmel, nach heutigem Sprachgebrauch ins All. Da sind der technischen Fantasie keine Grenzen gesetzt. Solche Türme werden womöglich von künftigen Weltraumpionieren errichtet. Warum das? Zu welchem Zweck?

Foto 6: Der »Turm zu Babel«
(Moses Scheuchzer Bibel Physica Sacra,
Kupferstich 1731).
Denken wir an den biblischen Turm zu Babel. Es heißt im berühmten Text (21), die Menschen wollten über diesen Turm in den Himmel gelangen. In den Himmel? Oder ins All? Schon anno 1895 dachte der russische Weltraumpionier Konstantin E. Ziolkowski (*1857, †1935) über einen gigantischen »Weltraumturm« nach, dessen »Spitze« in den Weltraum reichen würde. Im Inneren des Turms würde ein Aufzug ins All führen. 1957 war es wieder ein russischer Wissenschaftler, nämlich Juri Nikolajewitsch Arzutanow (*1929; †2019) (6), der einen Weltraumlift propagierte. Von einem Satelliten aus, der konstant am Himmel stehen würde, könne ein Seil herabgelassen werden, an dem ein Aufzug zwischen Himmel und Erde pendeln sollte. Arzutanow schwebte ein »Seil« von über 35.000 km Länge vor: zwischen Erde und einer stationär im All stehenden Weltraumstation. Beim hohen Turm, den Henoch vom Himmel aus sah... sollte es sich da um so einen Weltraumlift gehandelt haben. Das ist, zugegeben, ein sehr kühner Gedanke, aber muss er deshalb falsch sein?



Fußnoten
(1) »Henochbuch (slawisch) oder Zweiter Henoch/ Das Buch der Geheimnisse Gottes/ Die Offenbarungen Gottes« in Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 452, 1. Kapitel, Verse 3-5
(2) Ebenda, Verse 8 und 9
(3) Böttrich, Gottfried: »Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit«, »Band V/ Lieferung 7/ Das lavische Henochbuch«, Gütersloh 1996, Seite 836, Verse 8 und 9
(4) 1. Buch Mose Kapitel 5
(5) Koran Sure 21, 86
(6) Busse, Heribert: »Islamische Erzählungen von Propheten und Gottesmännern: Qiṣaṣ al-anbiyāʼ oder ʻArāʼis al-maǧālis Otto«, Wiesbaden 2006, Seite 65
(7) Koran Sure 19, 56 (Übersetzung Rudi Paret)
(8) Koran Sure 19, 56 und 57 (Übersetzung Max Henning)
https://koran.rocks/neunzehnte-sure-maria (Stand 14.05.2020)
(9)»The Noble Qur’an« https://quran.com/19 (Stand 14.05.2020)
(10) Campo, Juan Eduardo: »Encyclopedia of Islam«, »Idris«, Infobase Publishing, New York 2009, Seite 344
(11) »Sahih Muslim«, Hadithnr. 234/Kapitel 2 und Sahih Muslim, Kapitel 2/Hadithnr. 238
(12) »Henochbuch (slawisch) oder Zweiter Henoch/ Das Buch der Geheimnisse Gottes/ Die Offenbarungen Gottes« in Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 452, 1. Kapitel, Verse 5
(13) Ebenda, S. 453, 2. Kapitel Vers 4 und 3. Kapitel, Vers 1
(14) Wünsche, Karl August: »Aus Israels Lehrhallen«, 5 Bände, Leipzig 1907-1910
(15) Ebenda, Band I, Seiten 1-6
(16) »Henochbuch oder Erster Henoch« (äthiopischer Henoch) in Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 364, 14. Kapitel, Vers 8
(17) Ebenda, Seite 385, 52. Kapitel, Vers 1
(18) »Henochbuch oder Erster Henoch« Kapitel 70, Vers 2
(19) »Henochbuch oder Erster Henoch« Kapitel 71, Vers 1
(20) »Henochbuch oder Erster Henoch« Kapitel 87, Verse 2 und 3
(21) 1. Buch Mose Kapitel 11, Verse 1-9

Zu den Fotos
Foto 1: Henoch wird entrückt (Bibelillustration um 1730). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Erzengel Asrael (Dom zu Florenz, frühes 13. Jahrhundert). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: »Sahih Muslim« (um 1910). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Inka-Schamanen beherrschten die Kunst der Seelenreise (Inkamotiv auf einem Teppich). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Das Buch Henoch in der Übersetzung von Andreas Gottlieb Hoffmann. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Der »Turm zu Babel« (Moses Scheuchzer Bibel Physica Sacra, Kupferstich 1731). Foto Walter-Jörg Langbein


550. »Zweimal Himmel und retour«,
Teil 550 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 02. August 2020



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Sonntag, 31. Mai 2020

541. »Hesekiel, Elias und Henoch wurden ›entrückt‹«

Teil 541 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Elias und Henoch. Bibelillustrationen, koloriert.

Der Prophet Hesekiel schildert seine erste Begegnung mit dem Wagen Gottes, auch »Herrlichkeit Jahwes« (»Herrlichkeit des HERRN«) genannt, so (1) »Und ich sah, und siehe, es kam ein ungestümer Wind von Norden her, eine mächtige Wolke und loderndes Feuer, und Glanz war rings um sie her, und mitten im Feuer war es wie blinkendes Kupfer.« Auch in der »Elberfelder Bibel« kommt die geheimnisvolles Gotteserscheinung recht imposant daher (2): »Und siehe, ein Sturmwind kam von Norden her, eine große Wolke und ein Feuer,…«

Prof. Georg Fohrer (3): »Jahwe erscheint im Sturm, auf dem man die großen babylonischen Götter einherfahrend dachte. Er naht auf dem babylonischen Götterwagen mit den gewaltigen Rädern, deren furchtbares Getöse Himmel und Erde erzittern läßt. … Die Lichterscheinung erinnert an babylonische solare Gottheiten, vor allem wiederum des Sonnengottes.«

Der Theologe und Alttestamentler Prof. Hermann Gunkel (*1862; †1932) glaubt den Ursprung solcher himmlischer Wagen im Märchen ansiedeln zu müssen. So schreibt er (4): »Auch die Vorstellung von einem fliegenden Wagen kommt im Märchen vor; auf solchen Wagen fahren Elisa und Henoch zum Himmel. … Die Mythologie schreibt den Göttern solche Flugzeuge zu, denn natürlich besitzen diese die ›Wunschdinge‹, nach denen sich der Mensch sehnt: Hermes hat Flügelschuhe, Jahwe fliegt auf dem Kerub, bei Hesekiel auf den Häuptern von vier beschwingten Keruben und – auf einem beseelten Zauberwegen.«

Der Theologe und Alttestamentler Prof. Gunkel hält die Beschreibungen von Götterwagen für Wunschdenken. Ich muss dem Theologen auch hier den Raumfahrtwissenschaftler gegenüberstellen. Sänger lehnt den Gedanken, fliegende Wagen müssten Fantasieprodukte sein, ab. Raumfahrtpionier Eugen Sänger indes war da ganz anderer Ansicht als Prof. Gunkel (5): »Es erscheint uns heute fast wahrscheinlicher, dass unsere Vorfahren diese Vorstellungen aus realen Erfahrungen bei der Begegnung mit prähistorischen Besuchern aus dem Weltraum erwarben, als dass eine ans Unglaubwürdige grenzende Zukunftsschau sie ihnen schon vor Jahrtausenden auf wunderbare Weise geoffenbart hätte.«

Sänger betonte anno 1958, also vor mehr als einem halben Jahrhundert, dass entsprechende Hinweise nicht etwa nur bei einzelnen Völkern oder Religionen vorkommen, »sondern praktisch bei allen Völkern der Erde in sehr ähnlicher Weise auftauchen«.

Schließlich listet Prof. Sänger einige Indizien für Besuche der »Astronautengötter« auf, die Jahre später sozusagen zum Kanon der »Prä-Astronautik« gehören sollten (6):»Tatsächlich berichtet nicht nur die Bibel vom Propheten Elias, er sei auf einem von Flammenrossen gezogenen Donnerwagen gen Himmel gefahren, nach mexikanischen Mythen erhielten die Maya den Besuch eines Gottes aus dem Weltraum, die Begründer der peruanischen Inkadynastie kamen vom Himmel...«

Foto 2: Elias. Ikone, frühes 19.Jahrhundert.
Wenden wir uns Elias‘ Erlebnis mit dem fliegenden Gotteswagen zu. Zur Vorgeschichte: Auf Betreiben Elias versammelten sich auf dem Berg Karmel (7) »die vierhundertfünfzig Propheten des Baal und die vierhundert Propheten der Aschera«. Es kam zu einem Opferwettbewerb zwischen den Priestern Jahwes und den Priestern Baals, den die Baalspriester ganz klar verloren haben. Baal nahm das ihm dargebotene Stieropfer nicht an. Da half kein Geschrei. Auch Selbstverstümmelung half nicht (8): »Nach ihrem Brauch ritzten sie sich mit Schwertern und Lanzen wund, bis das Blut an ihnen herabfloss.« Elija ließ seinen Opferstier zerteilen, auf einen Altar legen und wiederholt mit Wasser übergießen. Anders als Baal erhörte, so der Bibeltext, Gott Jahwe Elias Gebete, der sich von Gott wünschte, der möge doch sein Opfer annehmen, auffressen, sprich verbrennen. So geschah es dann auch (9): »Da kam das Feuer des HERRN herab und verzehrte das Brandopfer, das Holz, die Steine und die Erde.«

Jetzt erkannte das Volk, so schildert es die Bibel, dass Jahwe der mächtigere Gott war. Die Baalspriester hatten verloren. Die Niederlage mussten die 450 mit dem Leben bezahlen. Elias befahl (10): »Ergreift die Propheten des Baal! Keiner von ihnen soll entkommen. Man ergriff sie und Elija (alias Elias) ließ sie zum Bach Kischon hinabführen und dort töten.«

Alle 450 Baals-Priester wurden abgeschlachtet. Kurios: Die »400 Propheten« der Göttin Aschera wurden zwar auch zum Opferwettstreit auf den Berg Karmel geholt, sie nahmen aber nicht am Wettbewerb teil. Warum waren die »Propheten« der Göttin zugegen? Und während berichtet wird, dass die 450 Baalspriester massakriert wurden, hüllt sich der Text in Schweigen, wenn es um die »Propheten Ascheras« geht. Die werden schlicht und einfach im weiteren Verlauf der Geschichte gar nicht mehr erwähnt. Sollte Aschera warum auch immer unantastbar gewesen sein? Tatsächlich gibt es Hinweise auf Aschera als Partnerin Jahwes.

Das von Elias (Elia/ Elija) angeordnete Gemetzel scheint Gott Jahwe nicht gestört zu haben, ganz im Gegenteil. Jahwe beschließt nämlich, den Priester Elias zu sich holen zu lassen. Damit ist freilich nicht der Tod des Propheten gemeint. Offenbar war – so der Bibeltext – im Volk bekannt, dass Jahwe Elias entführen lassen wollte. Konkretes Beispiel: Elischa (zu Deutsch etwa »Gott hilft«), der Diener Elias‘, wurde gefragt (11): »Weißt du, dass der HERR (Jahwe) heute deinen Meister über dein Haupt hinweg aufnehmen wird? Er antwortete: Auch ich weiß es. Seid still!«

Foto 3: »Entrückung« des Elias.
Bibelillustration, koloriert.

Vergeblich versuchte Elias (andere Schribweise Elija) seinem Gott auszuweichen. Elias und sein Diener Elischa, Elias Nachfolger, waren zusammen unterwegs, da kam der göttliche Flugwagen zum Einsatz (12): »Während sie miteinander gingen und redeten, erschien ein feuriger Wagen mit feurigen Pferden und trennte beide voneinander. Elija fuhr im Wirbelsturm zum Himmel empor.« Elias wurde lebend und leibhaftig mit Gottes Himmelswagen von der Erde abgeholt, spricht entführt, im Bibeldeutsch »entrückt«.

Wolfgang Schneider schreibt in seinem Artikel »Elias Entrückung gen Himmel« (13): »Der Bericht über das Lebensende des Propheten Elia ist immer wieder Gegenstand von Überlegungen und Theorien gewesen, die fast alle in einer These enden: Elia wurde von Gott in den Himmel aufgenommen, ohne daß er gestorben wäre. Das Ereignis wird auch als ›Entrückung des Elia‹ bezeichnet, oder es heißt, Elia sei nicht den gewöhnlichen Menschentod gestorben, sondern in den Himmel aufgenommen worden. Manchmal wird es mit der Entrückung Henochs, einem der vorsintflutlichen Väter, verglichen. Beide, so wird dann gesagt, habe Gott zu sich in den Himmel aufgenommen, ohne daß sie gestorben wären.«

Foto 4: Auch Henoch wurde
von Gott in den Himmel entrückt.
Bibelillustration um 1730.
Über Henoch weiß die Bibel nicht viel zu berichten (14): »Henoch war fünfundsechzig Jahre alt, da zeugte er Metuschelach (Methusalem). Nachdem Henoch Metuschelach gezeugt hatte, ging er mit Gott dreihundert Jahre lang und zeugte Söhne und Töchter. Die gesamte Lebenszeit Henochs betrug dreihundertfünfundsechzig Jahre. Henoch ging mit Gott, dann war er nicht mehr da; denn Gott hatte ihn aufgenommen.« Wie der Terminus »Gott hatte ihn aufgenommen« zu verstehen ist, das verdeutlicht ein Vers im »Neuen Testament«. Im »Hebräerbrief« lesen wir in der »Einheitsübersetzung« (15):

»Aufgrund des Glaubens wurde Henoch entrückt, sodass er den Tod nicht schaute; er wurde nicht mehr gefunden, weil Gott ihn entrückt hatte; vor der Entrückung erhielt er das Zeugnis, dass er Gefallen gefunden habe bei Gott.« Ziehen wir noch »Hoffnung für alle« heran: »Weil Henoch glaubte, nahm Gott ihn zu sich, so dass er nicht sterben musste; er war plötzlich nicht mehr da. Die Heilige Schrift bestätigt, dass Henoch so gelebt hat, wie es Gott gefiel.«

Hesekiel erlebte eine Himmelsreise, wurde aber wieder auf irdischem Grund und Boden ausgesetzt. Elias und Henoch wurden auch zu einer Himmelsreise mitgenommen, so berichten es die biblischen Texte, nicht wieder zur Erde zurück.

Für den renommierten Theologieprofessor Dr. Hermann Gunkel (*1862; †1932) ist der Sachverhalt klar! Für ihn gibt es offensichtlich zwei Sorten von Texten, nämlich realistische Beschreibungen realer Geschehnisse einerseits und märchenhafte, sprich fiktive Texte. Wie aber entscheidet der Theologe, was erfunden wurde und was nicht? Mir scheint, dass er alles, was ihm zu fantastisch erscheint, in die »Kategorie Märchen« einordnet. Und das betrifft biblische wie außerbiblische apokryphe Texte und solche, die in anderen Kulturen entstanden sind.


Foto 5: »Entrückung« des Elias.
Bibelillustration, koloriert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.

Aber macht er es sich nicht zu einfach, wenn er alle Texte, die nach seinem Geschmack zu fantastisch klingen, in den Bereich des Märchenhaften verbannt? Prof. Dr. Hermann Gunkel (*1862; †1932) war ganz ohne Zweifel ein vorzüglicher, kenntnisreicher und wissenschaftlich präzise arbeitender Theologe. Doch was für Prof. Gunkel vor hundert und mehr Jahren einfach viel zu fantastisch war um wahr zu sein, das mag für uns zu Beginn des 21. Jahrhunderts längst überholte Wirklichkeit von gestern sein. Prof. Gunkel musste alles für unmögliche Fiktion halten, was für uns heutige immer noch allenfalls realistische Zukunftsschau ist. Genauso gilt, dass die Realität von – wählen wir ein beliebiges Jahr – 2122 für uns Heutige unfassbar unrealistisches Märchen sein muss. So ist es durchaus möglich, dass wir, wie Prof. Gunkel, uralte Texte als unglaubwürdig belächeln, nur weil sie fantastisch klingen. Meiner Meinung ist es unverzichtbar, auch scheinbar Märchenhaftes als Informationsquelle zu überprüfen. Falsch und unverantwortlich ist es meiner Meinung nach alles, was wir nicht für realistisch halten als »Märchen« zu etikettieren und unberücksichtigt zu lassen.


Fußnoten
(1) Hesekiel Kapitel 1, Vers 4 (Zitiert aus »Lutherbibel 2017«)
(2) Ebenda, Anfang von Vers 1 zitiert aus der »Elberfelder Bibel«.
»English Standard Version«: »As I looked, behold, a stormy wind came out of the north, and a great cloud, with brightness around it, and fire flashing forth continually, and in the midst of the fire, as it were gleaming metal.«
(3) Fohrer, Georg: »Handbuch zum Alten Testament. Erste Reihe 13/ Ezechiel«, Tübingen 1955, Seite 9, 7.-2. Zeile von unten (Fußnoten nicht mitgezählt!)
(4) Gunkel, Hermann: »Das Märchen im Alten Testament«, Tübingen 1921, Seite 61, letzte Zeile unten – Seite 62, 8. Zeile von oben
(5) Sänger, Eugen: »Raumfahrt – technische Überwindung des Krieges«, Hamburg 1958, Seite 124
(6) Ebenda, Seite 125(7) 1. Könige Kapitel 18, Vers 19 (»Einheitsübersetzung 2016«)
(8) Ebenda, Vers 28 (»Einheitsübersetzung 2016«)
(9) Ebenda, Vers 38
(10) Ebenda, Vers 40
(11) 2. Könige Kapitel 2, Vers 3
(12) 2. Könige 2, Vers 11
(13) Schneider, Wolfgang: »Elias Entrückung gen Himmel«, »Bibel Center«.  http://www.bibelcenter.de/bibel/studien/wort/d-std071.php (Stand 25.04.2020)
Die Rechtschreibung des Zitats wurde unverändert übernommen und nicht der Rechtschreibrefrom gemäß verunstaltet.
(14) 1. Mose Kapitel 5, 21-24 (»Einheitsübersetzung 2016«)
(15) Hebräer Kapitel 11, Vers 5 (»Einheitsübersetzung 2016«)
(16) Gunkel, Hermann: »Das Märchen im Alten Testament«, Tübingen 1921, Seite 52, 3.-8. Zeile von oben

Zu den Fotos

Foto 1: Elias und Henoch. Bibelillustrationen, koloriert.
Foto 2: Elias. Ikone, frühes 19.Jahrhundert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 3: »Entrückung« des Elias. Bibelillustration, koloriert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 4: Auch Henoch wurde von Gott in den Himmel entrückt. Bibelillustration um 1730. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 5: »Entrückung« des Elias. Bibelillustration, koloriert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.


542. »1.000 Jahre vor Kolumbus«,

Teil 542 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 07. Juni 2020 

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Freitag, 12. Januar 2018

417 »Engel, Götter oder Teufel«

Teil  417 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein   
                     

Foto 1: H.P. Lovecraft, etwa 1915
»Einige dieser Wesen, sagte er,
hätten sogar Verbindung zu anderen
Dimensionen und Welten gehalten.
In den vergessenen vormenschlichen
Zeiten seien solche Verbindungen
noch häufig vorhanden gewesen.«

H.P. Lovecraft und Hazel Heald
in »Das Grauen im Museum« (1)

Rekapitulieren wir: Jakob sah im Traum Engel, die vom Himmel herab zur Erde stiegen und von der Erde wieder in den Himmel zurückkehrten.  Über den Eingang in den Himmel erfahren wir nichts in unseren Bibelausgaben, wohl aber im altslavischen Text »Leiter Jakobs« (2): »Und die Spitze der Leiter war ein Antlitz wie eines Menschen, aus Feuer behauen.« Der unbekannte Textautor vergleicht also den Eingang zum Himmel mit einem »Antlitz eines Menschen, aus Feuer behauen«. Darf man den Text beim Wort nehmen?

Die gängigen Bibelübersetzungen vermelden eine offensichtlich sehr lange oder hohe Leiter (3): »Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.«  Der konkretere altslavische Text schildert eine sehr kurze Leiter von nur zwölf Stufen, an deren Ende etwas »Feuriges« war, etwas das wie ein feuriges Menschenantlitz aussah.


Im äthiopischen »Buch Henoch« stieß ich auf ein besonders interessantes Kapitel, betitelt »Das Geschichtsbuch. Die Entwicklung der Weltgeschichte.« Ich benütze auch in Sachen Henoch die meiner Meinung nach beste Übersetzung »verbotener« biblischer Texte das Standardwerk schlechthin als Quelle (4): Emil Kautzsch: »Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments« (4). Henoch schildert eine geheimnisvolle Begegnung (5):  

Foto 2: Henochs Himmelsreise nach Kautzsch

»Da erhob ich abermals meine Augen gen Himmel und sah im Gesichte, wie aus dem Himmel Wesen, die weißen Menschen glichen, hervorkamen; einer von ihnen kam aus jenem Ort hervor und drei mit ihm. Jene drei, die zuletzt hervorgekommen waren, ergriffen mich bei der Hand, nahmen mich von dem Geschlechte der Erde hinweg und brachten mich hinauf an einen hohen 0rt und zeigten mir einen Turm hoch über der Erde, und alle Hügel waren niedriger.«

Foto 3: »Das Haar der Medusa«
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Wie im Fall »Jakobs Himmelsleiter« kommen da Wesen »aus dem Himmel«. Bei diesen Wesen handelte es sich, so erklärt Prof. Kautzsch in einer Fußnote (6). Engel kamen also »aus jenem Ort hervor«. Doch während Jakob auf der Erde bleibt, bringen die Engel Henoch »an einen hohen Ort«. 

Die Engel entführen Henoch in den Himmel. Aus der Höhe blickt er hinab zur Erde und sieht »Hügel«. Und oben – »hoch über der Erde« – machten ihn die »Engel« auf einen »Turm« aufmerksam. Um ein irdisches Bauwerk, um einen in den Himmel ragenden urzeitlichen »Wolkenkratzer« kann es sich dabei nicht gehandelt haben. Henoch beschreibt doch ganz konkret, dass ihm die Engel einen »Turm« zeigten: »hoch über der Erde, und alle Hügel waren niedriger«. Der »Turm« befand sich also im Himmel und die »Engel« brachten Henoch hinauf in den Himmel, zum »Turm«. Sollte es sich um das Raumschiff der »Engel« gehandelt haben? Oder um etwas ganz anderes?

Henoch schildert an anderer Stelle seine »Himmelfahrt« ausführlicher (7). Die Engel entführten ihn in himmlische Gefilde: 

»Sie trugen mich hinein in den Himmel. Ich trat ein, bis ich mich einer Mauer näherte, die aus Krystallsteinen gebaut und von feurigen Zungen umgeben war; und sie begann mir Furcht einzujagen. Ich trat in die feurigen Zungen hinein und näherte mich einem großen, aus Krystallsteinen gebauten Hause. Die Wände jenes Hauses glichen einem mit Krystallsteinen getäfelten Fußboden, und sein Grund war von Krystall. Seine Decke war wie die Bahn der Sterne und Blitze, dazwischen feurige Kerube, und ihr Himmel bestand aus Wasser. Ein Feuermeer umgab seine Wände, und seine Thüren brannten von Feuer. Ich trat ein in jenes Haus, das heiß wie Feuer und kalt wie Schnee war. Da war keine Lebenslust vorhanden; Furcht umhüllte mich, und Zittern erfaßte mich. Da ich erschüttert war und zitterte, fiel ich auf mein Angesicht und schaute (Folgendes) im Gesichte: Siehe, da war ein anderes Haus, größer als jenes; alle seine Thüren standen vor mir offen, und es war aus feurigen Zungen gebaut. In jeder Hinsicht, durch Herrlichkeit, Pracht und Größe zeichnete es sich so aus, daß ich euch keine Beschreibung von seiner Herrlichkeit und Größe geben kann. Sein Boden war von Feuer; seinen oberen Teil bildeten Blitze und kreisende Sterne, und seine Wege war loderndes Feuer.«

Foto 4: Moon Pool von Merritt

Henoch versteht nicht, was ihm geschieht. Er begreift nicht, was ihm widerfährt. Ihm wird angst und bange, er zittert vor Angst, fällt nieder, ja er kann schließlich nicht mehr hinsehen (8). Was Henoch wortgewaltig schildert, das haben wir bereits im altslavischen Text über Jakobs Himmelsleiter gelesen. Am Ende der Himmelsleiter befand sich etwas Feuriges (9): »Und die Spitze der Leiter war ein Antlitz wie eines Menschen, aus Feuer behauen.«

Beide Texte beschreiben etwas, was weder Jakob noch Henoch begreifen konnten. Beide waren entsetzt. Warum? Erinnern wir uns: In der Piscator-Bibel von 1736 lag es an Jakobs »bloedigkeit«, dass er nicht begreifen konnte, was er da sah. Sind wir heute klüger? Prof. Ernst Bammel (*1923, †1996), profunder Kenner des altjüdischen Schrifttums, versicherte mir, dass es nach jüdischer Legende aus dem ersten oder zweiten Jahrhundert nach Christi Geburt eine Erklärung für Jakobs »Vision« gab. Demnach führte die Himmelsleiter über dem Boden zu einem »Tor zum Himmel«. Was ist unter einem »Tor zum Himmel« zu verstehen? Eine fantastische Antwort auf die Frage, die mir kein Theologe beantworten konnte, bekam ich in der Südsee, auf der Insel Pohnpei.

Die gigantischen Ruinen von Nan Madol werden als »Venedig der Südsee« bezeichnet. Aus tonnenschweren Basaltsäulen wurden vor der Küste von Pohnpei fast 100 künstliche Inseln geschaffen und darauf – wiederum aus Basaltsäulen – geradezu monströse Mauern und »Tempel« errichtet.

Foto 5: Einer der Tempel von Nan Madol.
In den 1990er Jahren besuchte ich Pohnpei zum ersten Mal. Die »Anreise« war strapaziös: Frankfurt–Amsterdam, Amsterdam–Tokio, Tokio–Guam, Guam–Pohnpei (Mikronesien). Die Rückreise war noch anstrengender: Pohnpei–Kosrae, Kosrae–Honolulu, Honolulu–Sydney (Australien), Sydney–Port Vila (Vanuatu), Port Vila–Tanna (John-Frum-Kult), Tanna–Port Vila, Port Vila–Nadi (Fiji), Nadi–Honolulu, Honolulu–Minneapolis, Minneapolis–Detroit, Detroit–Frankfurt.

Die Besuche in den Ruinen von Nan Madol waren fantastisch. In einem leicht maroden Motorboot kutschierte ein Guide mich und zwei Freunde zwischen den künstlichen Miniinseln umher. Überall waren die von Menschenhand geschaffenen Fundamente der Insel zu erkennen, aber auch Reste von einst stolzen Tempelanlagen. Auf verschiedenen Inseln gab es Schächte zu Tunneln, die angeblich unter dem Meeresboden weit hinaus führten.

Viele Stunden erkundeten wir die Welt des »8. Weltwunders«, des »Venedigs der Südsee«. Und abends gab es im herrlichen »Village Resort Hotel« von Bob und Patti Arthur faszinierende Gespräche. Eines Abends erzählte ich in kleiner Runde von meinem Theologiestudium und von meiner Beschäftigung mit dem »Tor zum Himmel« in biblischen und apokryphen sowie pseudepigraphen Schriften. Die Arthurs waren alles andere als erstaunt. Und zu meiner Verblüffung berichteten sie mir, dass es einst im Zentrum der mysteriösen Anlage von Nan Madol so ein »Tor« gegeben haben.

»Ein Tor zu Anlagen unter dem Meeresspiegel?«, wollte ich wissen. Die Arthurs lachten. »Eher eine Art ›Stargate‹, ein Eingang über andere Dimensionen…« Durch das »Stargate« könnten Eingeweihte fremde, fantastische Welten Besuchen. Durch das Stargate könnten mysteriöse Wesen – Engel, Götter oder Teufel – in unsere Welt eindringen. »Glauben Sie an dieses ›Stargate‹ von Nan Madol?«, fragte ich in eine Pause des Schweigens. Patti Arthur zuckte mit den Schultern. »Jedenfalls traut sich kein Einheimischer bei Nacht in die Ruinen von Nan Madol!«, antwortete sie schließlich. »Sie haben Angst, vom ›Leuchtenden‹ in eine andere Welt verschleppt zu werden.«

Foto 6: Luftaufnahme Nan Madol.

Ob es Literatur zu diesem faszinierenden Thema gebe? Meine Frage löste keine große Begeisterung aus. Schließlich gewährten mir die Arthurs Einblick in ihre kleine Bibliothek. Ein Stephen Athens zum Beispiel berichtete ausführlich über archäologische Funde von Nan Madol (10). Paul Hambruch, der schon vor dem ersten Weltkrieg die Ruinen von Nan Madol vermessen hat, schwieg sich über die fantastischen Überlieferungen in Sachen »Nan Madol und das Stargate« aus (11). Seither habe ich gesucht, gesucht und nichts gefunden. Selbst in einer neueren wissenschaftlichen Publikation (12), 2012 in Tokyo erschienen, klammerte man das Thema aus.

Fündig wurde ich nur in einem fantastischen Roman, auf den mich die Arthurs hingewiesen haben: »The Moon Pool« von Abraham Merritt, 1919 (14) in Erstauflage erschienen, schildert ein »Stargate« als Zugang zu fantastischen, aber auch gefährlichen Welten.

Foto 7: Jakobs Himmelsleiter in der Koberger-Bibel von 1483

Ich frage mich: Sollte Jakobs »Himmelsleiter« zu einem Stargate geführt haben? Und haben »Engel« Henoch durch so ein »Stargate« entführt und wieder zurück gebracht?


Fußnoten:
1) Lovecraft, Howard Phillips: »Das Haar der Medusa/ Horrorgeschichten 1930-1932, S. 278-324, Zitat S. 282, Zeilen 13- 10 von unten, Festa-Verlag, Leipzig, 1. Auflage Oktober 2017
2) Petkov, Julian: »Altslavische Eschatologie: Texte und Studien zur apokalyptischen Literatur in kirchenslavischer Überlieferung«, Tübingen 2016, Seite 320, »Text der ›Leiter Jakobs‹«, I. 3
3) 1. Buch Mose Kapitel 28, Vers 12, Luther Bibel 2017
4) Kautzsch, Emil: »Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments«, Bd. 2, Tübingen 1900, Seite 290
5) ebenda, Kapitel 87, Verse 2 und 3
6) Kautzsch, Emil: »Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments«, Bd. 2, Tübingen 1900, 

Seite 290 unten, Fußnote »m«: »Das sind die treugebliebenen Engel. Sie sind mit Menschen verglichen.«
7) »Das Buch Henoch«, Kapitel 14, Verse 9-17, Zitat nach Kautzsch, Emil, ebenda, Seiten 244 und 245
8) ebenda, Vers 19
 

Foto 8: Tempelmauer von Nan Madol.

 9) Petkov, Julian: »Altslavische Eschatologie: Texte und Studien zur apokalyptischen Literatur in kirchenslavischer Überlieferung«, Tübingen 2016, Seite 320, »Text der ›Leiter Jakobs‹«, I. 3
10) Athens, J. Stephen: »Pottery from Nan Madol, Ponape, Eastern Caroline Islands«, »The Journal of the Polynesian Society«, 89, 1980, S. 95–99.
11) Hambruch, Paul: »Ponape«, Hamburg 1936
12) »Japan Consortium for International Cooperation in Cultual Heritage«: »Survey Report on the Present State of Nan Madol, Federated States of Micronesia«, Tokyo 2012
13) Merritt, A(braham): »The Moon Pool« (Roman), 1. Auflage, New York und
London 1919
14) Zunächst veröffentlichte das Wochenblatt »All-Story Weekly« zwei Kurzgeschichten von Abraham Merritt: »The Moon Pool« erscgien1918, die Fortsetzung »Conquest of the Moon Pool« (etwa: »Eroberung des Mond-Teichs/Sees«) ein Jahr später. Beide dienten dann als Grundlage für den Roman »The Moon Pool«.


Zu den Fotos:
Foto 1: H.P. Lovecraft, etwa 1915, wikimedia commons/ public domain
Foto 2: Henochs Himmelsreise nach Kautzsch, 1900.Foto 3: »Das Haar der Medusa«, eine fantastische Sammlung von packenden Kurzgeschichten, die H.P. Lovecraft in Zusammenarbeit mit anderen Autoren verfasst hat. Dem FESTA Verlag darf ich auch für diese schöne Lovecraft-Publikation von Herzen danken. 
Foto 4: Moon Pool von Merritt, Originalausgabe 1919.
Foto 5: Einer der Tempel von Nan Madol. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Luftaufnahme Nan Madol. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 7: Jakobs Himmelsleiter in der Koberger-Bibel von 1483
Foto 8: Monströse Tempelmauer, Nan Madol. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Plakat zum Seminar »Phantastische Phänomene«, 3. und 4.März 2018

418 »Monstermauern, Mumien und Mysterien - ein Jubiläum!«,
Teil  418 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint wegen des Jubiläums ausnahmsweise bereits am 17.01.2018





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