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Sonntag, 2. August 2020

550. »Zweimal Himmel und retour«

Teil 550 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Henoch wurde nach dem »Alten Testament«, nach dem Koran und nach apokryphen Texten von Engeln in höchste himmlische Gefilde und wieder retour gebracht. »Sepher Raziel Ha Malach«, das vielleicht geheimnisvollste Buch der Weltgeschichte, wurde von Engel Raziel aus himmlischen Gefilden zur Erde getragen.

In den Details gab und gibt es da unterschiedliche Textvarianten. Niemand weiß, wie viele Versionen verlorengegangen sind. Nach einer Überlieferung aus der rabbinischen Welt wollten einige eifersüchtige Engel verhindern, dass Adam durch das mysteriöse Buch zu geheimstem Wissen kommen würde. Sie stahlen es und schleuderten es ins Meer. Engel Rehab musste auf Befehl Gottes in die Tiefen tauchen, das Buch im Saphierstein bergen und Adam zurückgeben.

Foto 1: Entweder bekam Adam
das »Raziel-Buch« schon
im Paradies ausgehändigt...
(Koberger Druck 1493).
Widersprüchlich sind die Angaben in den alten Legenden zur Frage, wann denn Adam in den Besitz des Buches gelangt sein soll. War dies schon zu Zeiten, als Adam noch mit Eva im Paradies leben durfte? Oder erhielt Adam das »Sepher Raziel Ha Malach« erst nach der Vertreibung aus dem Paradies? Mir leuchtet Variante 2 besser ein. Warum sollte Gott Adam verbieten, vom Baum der Erkenntnis zu naschen, um ihm sozusagen gleichzeitig geheimstes Wissen in einem Wunderbuch anzuvertrauen?

Verschiedene Überlieferungen vermelden im Detail Widersprüchliches. War Adam nur 130 Jahre jung als ihm das in Saphir geschnitzte göttliche Wissen ausgehändigt wurde? Oder geschah dies erst ein halbes Jahrtausend später auf Adams flehentliches Jammern hin?

Das »Äthiopische Henochbuch« (1) dürfte spätestens in den letzten Jahrhunderten vor Christus entstanden sein. Ob es ein älteres »Urmanuskript« gegeben hat? Das mag sein, aber ein solches Manuskript wurde bis heute nicht gefunden. Vermutlich geht der umfangreiche Text auf mehrere Teilmanuskripte unterschiedlicher Verfasser zurück. Wir wissen nicht mit Sicherheit, in welcher Sprache die ältesten Texte einst verfasst wurden. War es hebräisch? War es aramäisch? Es geht um Engel, die Henoch zu Himmelsreisen einladen. Oder sollte man besser sagen, die ihn entführen? Wie oft war Henoch im Himmel? Es geht um astronomisches Wissen und um die »Weltgeschichte«. Gelegentlich mahnt Henoch, manchmal rügt er.

Das »Slavische Henochbuch« (2), gern als »2. Henoch« bezeichnet, gilt allgemein als etwas jünger. Meist wird eine nachchristliche Entstehungszeit angenommen. Auch vom »Slavischen Henochbuch« liegt nicht das Urmanuskript vor. Es wird viel spekuliert. Eine Fassung in kirchenslavischer Sprache liegt vor, bei der es sich – so wird vermutet – um eine Übersetzung aus dem Griechischen handeln könnte. Übereinstimmung herrscht freilich in dieser Frage keine. So hat man eine Rückübersetzung aus dem Slavischen ins Hebräische vorgenommen. Es kann sein, dass der Satzbau des »Slavischen Henochbuchs« ein Original in hebräischer Sprache nahelegt. Dann ist es womöglich zumindest in Teilen womöglich älter als gewöhnlich angenommen. Oder wurde der Text ursprünglich in griechischer Sprache verfasst? Hat der Schreiber nur hebräische »Hebraismen« eingebaut?

Wenn sich Theologen mit Henoch beschäftigen, dann verbannen sie seine Schilderungen von Himmelsreisen in den Bereich des Märchenhaften.

Foto 2: ... oder Adam erhielt
das mysteriöse Buch erst nach
der Vertreibung aus dem Paradies
(Koberger Druck 1493).
Das »Slavische Henochbuch« beginnt mit einer Entführung in den Himmel. Insgesamt absolvierte Henoch alias Idris aber zwei, vermutlich sogar mehrere Reisen von der Erde in den Himmel und wieder retour. Und Engel Raziel brachte »sein« Buch aus dem Himmel zur Erde. Über einzelne Begriffe in den rätselhaften Büchern wird diskutiert. Weisen sie auf einen Urtext in hebräischer Sprache hin? Oder legen sie die Vermutung nahe, dass der ursprüngliche Text in griechischer Sprache verfasst wurde. Theologisches Geplänkel gibt es viel, aber dass es womöglich reale Himmelsreisen gegeben haben könnte, das ist und bleibt für Theologen tabu.

»The Sword of Moses« ist ein weiterer apokrypher Text, der von hohen himmlischen Gefilden, von Engelwelten und geheimsten Wissen berichtet. Das Buch wird erstmals um das Jahr 1000 vom Leiter der jüdischen Akademien in Babylon, Haya Gaon, in einem Brief erwähnt. Moses Gaster (*1856; †1939), jüdischer Oberrabbiner und Gelehrter, beschäftigte sich intensiv mit dem Text und kam zur Schlussfolgerung, dass er womöglich schon vor zwei Jahrtausenden entstanden sein mag. Doch uraltes Wissen über den Kosmos passt nicht ins Weltbild von Theologen und Wissenschaftlern. Theologen wie Wissenschaftler vertreten in schöner Harmonie ein Bild von der Entwicklung des Menschen. Beide stellen den Menschen als Krone der Schöpfung oder Krone der Evolution dar. Sich besonders fortschrittlich wähnende Theologen wollen Evolution als einen von Gott ausgelösten Entwicklungsprozess verstanden wissen.

In beiden Weltbildern steht der heutige Mensch hoch oben und blickt auf seine Vorgänger herab. Eine zyklische Entwicklung (wie sie von Azteken und Mayas gesehen wurde) darf es nach beiden Weltanschauungen nicht geben. Mayas und Azteken kannten aufeinanderfolgende Zeitalter, nicht eine lineare Entwicklung von O bis jetzt. Ein Auf und Ab wird in unserer Kultur ausgeschlossen. Die Entwicklung ging langsam voran, vom Primitiven zum Aktuellen. Wir sind demnach allen Vorgängerkulturen haushoch überlegen. Ausgeschlossen wird, dass es schon in grauer Vorzeit Kulturen gegeben hat, die uns ebenbürtig oder gar überlegen waren.

Der Mensch steht zu Beginn des dritten Jahrtausends an der Schwelle zum Kosmos. Wird uns der Sprung ins All gelingen? Oder löschen wir uns vorher selbst aus? Ausgeschlossen wird, dass das womöglich schon vor Jahrtausenden so war, und das womöglich nicht nur einmal, sondern wiederholte Male.

Was erkennen wir? Was verstehen wir? Oder besser gefragt: Was können wir verstehen? Wir können nur »verstehen«, was man uns beigebracht hat. Wirklich verstehen aber heißt meiner Meinung nach, auch Neues, bislang Unbekanntes begreifen. Um das zu können, müssen wir stets dazu bereit sein, das Erlernte ständig zu hinterfragen und womöglich als falsch zu erkennen. Das wiederum ist die erste Voraussetzung für ein Vorankommen beim Begreifen der Wirklichkeit. Ich formuliere es etwas bescheidener: Wir werden nur den Versuch unternehmen können, etwas mehr von der Wirklichkeit zu erfassen, wenn wir dazu bereit sind, bislang als gesichert geltende »Erkenntnisse« rigoros über Bord zu werfen. Bisher standen alle vermeintlich wissenschaftlichen Doktrinen auf recht wackeligen Beinen.

Foto 3: Der »Azteken-Kalender«
dokumentiert den Glauben an eine zyklisch ablaufende Zeit.
Foto Ingeborg Diekmann

Lange Zeit habe ich gebraucht, bis mir klar wurde, dass ich in Schulen und an der Universität nicht gelernt habe, selbständig zu denken. Vielmehr wurde mir beigebracht, was als vernünftig und somit richtig zu gelten hatte und was nicht hinterfragt werden darf.

Voraussetzung für wirkliches Weiterkommen auf dem weiten, weiten Feld der Erkenntnis ist allerdings die Bereitschaft, alles, was bislang als vernünftig und richtig gegolten hat, zu hinterfragen. Es hat im Verlauf der Menschheitsgeschichte nur deshalb eine Weiterentwicklung gegeben, weil es immer wieder Pioniere gegeben hat, die das etablierte Denken abgelehnt und ganz neue Wege entdeckt haben. Sie haben in der Regel nur mit großer Anstrengung den engen Horizont ihrer Zeit überwunden und sind zu neuen Horizonten aufgebrochen.

Angeblich war es der weise Konfuzius (*551 v.Chr.; †479 v.Chr.), der folgenden Sinnspruch formuliert hat: »Wer zur Quelle will, muss gegen den Strom schwimmen.« Eine alte Volksweisheit besagt, dass nur tote Fische mit dem Strom schwimmen. Aber es ist vollkommen gleichgültig, ob man mit oder gegen den Strom schwimmt, wenn es einem genügt, im Fluss zu bleiben. Wenn wir aber das weite, weite Feld der Erkenntnis zu beiden Uferseiten erkunden wollen, dann werden wir wohl oder übel aus dem Fluss klettern müssen. Dann, und nur dann können wir das weite, weite Land, das vor uns liegt, erkunden. Nur dann werden wir die Welt kennenlernen können!

Bequemer ist es allerdings, weiter zu schwimmen wie bisher und zu behaupten, außerhalb unseres Ambientes gebe es nichts. Dann können wir weiter glauben, dass die Welt am Ufer endet.

Es gibt eine weite, große Welt altehrwürdiger Überlieferungen. Eine Vielzahl »heiliger Texte« finden wir in dieser weiten, weiten Welt. Verstehen wir diese Texte, diese Überlieferungen? In der Regel verlassen wir uns auf »Experten«, die uns erklären, wie die alten Texte und Überlieferungen zu verstehen sind. Diese »Experten« freilich sind in der Regel im Studium nicht deshalb schnell vorangekommen, weil sie selbst gedacht oder gar altehrwürdige »Erkenntnisse« hinterfragt haben. Vielmehr haben sie brav übernommen, was ihnen vorgedacht wurde. Und ihnen folgen wiederum die mit Erfolg nach, die wiederum ihre »Erkenntnisse« hinnehmen und mit Eifer bestätigen. Nur die wenigsten »Experten« wagen es, den Strom zu verlassen und an Land zu gehen. Dort aber warten die wirklich neuen Erkenntnisse. Es kann sein, dass man dann nicht nur neues Wissen hinzugewinnt, sondern bislang als gesichert geltendes »Wissen« als falsch erkennen muss. Voraussetzung ist aber, um im Bild zu bleiben, dass man den Mut aufbringt, den bewährten Fluss zu verlassen.
Sind wir dazu bereit?

Foto 4: Bei den Mayasfolgte Epoche auf Epoche,
auf einen Untergang ein neuer Anfang.

Bei den Mayas (3) folgte Epoche auf Epoche, auf einen Untergang ein neuer Anfang. Die sich so zivilisiert wähnende Menschheit von heute scheint zielstrebig auf ein Ende hinzuarbeiten, auf das es einen Neuanfang ohne Menschheit geben wird. Es ist möglich, dass der Mensch eine Zukunft auf einer endlosen Reise ins All erleben wird. Es ist aber auch möglich, vielleicht sogar wahrscheinlicher, dass sich die Menschheit selbst auslöschen und in der Geschichte des Iniversums weniger als eine kleine Fußnote sein wird. Planet Erde kommt ganz ausgezeichnet ohne uns Menschen zurecht. 

Fußnoten
(1) »Henochbuch oder Erster Henoch« in Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seiten 355-451
(2) »Henochbuch (slawisch) oder Zweiter Henoch/ Das Buch der Geheimnisse Gottes/ Die Offenbarungen Gottes« in Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seiten 452-473
(3) Schele, Linda und Freidel, David: »Die Unbekannte Welt der Maya/ Das Geheimnis ihrer Kultur entschlüsselt«, Augsburg 1994, Übersetzung von »A Forest of Kings«
Westphal, Wilfried: »Die Maya – Volk im Schatten seiner Väter«, Bindlach 1991

Zu den Fotos
Foto 1: Entweder bekam Adam das »Raziel-Buch« schon im Paradies ausgehändigt... (Koberger Druck 1493).
Foto 2: ... oder Adam erhielt das mysteriöse Buch erst nach der Vertreibung aus dem Paradies (Koberger Druck 1493).
Foto 3: Der »Azteken-Kalender« dokumentiert den Glauben an eine zyklisch ablaufende Zeit. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 4: Bei den Mayas folgte Epoche auf Epoche, auf einen Untergang ein neuer Anfang. Foto Walter-Jörg Langbein

551. »Von der Pyramide in die Unterwelt«,
Teil 551 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 09. August 2020
 



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Sonntag, 26. Juli 2020

549. »Und wir erhoben ihn zu einem hohen Ort.«

Teil 549 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Henoch wird entrückt
(Bibelillustration um 1730)
Das »Slavische Henochbuch« beginnt mit einer Entführung in den Himmel. Im zarten Alter von 365 Jahren hatte Henoch eine mysteriöse Begegnung. Zunächst glaubte er zu träumen (1): »Ich war in großer Kümmernis und weinte; dann schlief ich ein. Da erschienen mir zwei sehr große Männer, wie ich nie auf Erden gesehen. Ihr Antlitz leuchtete wie die Sonne, aus ihrem Munde sprühte Feuer; ihre Kleidung und ihr Gesang waren herrlich.

Was Henoch für einen Traum gehalten hat, muss aber Realität gewesen sein! Waren doch die riesenhaften Männer immer noch da, nachdem sich der verängstigte Henoch erhoben hatte. Ihre Mission (2): »Sei getrost, Henoch! Fürchte dich nicht! Der ewige Herr hat uns zu dir gesandt. Du sollst mit uns heute in den Himmel gehen. … Keiner aber soll dich suchen, bis der Herr dich ihnen wieder zuführt.«

In einer neueren Übersetzung lesen wir (3): »Der ewige Herr hat uns zu dir gesandt. Und siehe, (noch) heute wirst du mit uns hinauf in den Himmel gehen. … Und niemand soll dich suchen, bis der Herr dich zu ihnen zurückbringt.«

Heute verstehen wir »Der ewige Herr hat ihn/ sie in den Himmel geholt!« als »Er/ sie ist gestorben.« In Henochs Fall allerdings ging es um ein zeitlich begrenzte, leibhaftige Entführung Henochs in den Himmel.

Im »Alten Testament« wird die Entrückung Henochs mit 365 Jahren auch erwähnt, allerdings recht kurz und bündig (4): »Und Henoch wandelte mit Gott. Und nachdem er Metuschelach gezeugt hatte, lebte er 300 Jahre und zeugte Söhne und Töchter, dass sein ganzes Alter ward 365 Jahre. Und Henoch wandelte mit Gott und ward nicht mehr gesehen, denn Gott hatte ihn entrückt.«

Nach Ansicht der Mehrheit muslimischer Interpreten des Korans ist Idris, der im Koran zwei Mal kurz erwähnt wird, mit Henoch identifiziert. Am Ende seines Lebens, so heißt es im Koran (5) wurde Idris (alias Henoch), Ismael und Dhu l-Kifl in die Barmherzigkeit Allahs aufgenommen. In einer islamischen Erzählung erfahren wir Konkreteres: Todesengel Asrael entführte Idris und zeigte ihm auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin die himmlischen Gefilde. So kann auch knapper Hinweis im Koran verstanden werden (7):

Foto 2: Erzengel Asrael
(Dom zu Florenz, frühes 13. Jahrhundert).

»Und gedenke in der Schrift des Idris! Er war ein Wahrhaftiger und ein Prophet. Und wir haben ihn an einen hohen Ort erhoben.« Fast wortgleich übersetzt Max Henning (8): »Und gedenke im Buch des Idris; siehe, er war aufrichtig, ein Prophet; und wir erhoben ihn zu einem hohen Ort.« Nicht verschweigen möchte ich, dass manche Übersetzungen nicht von »einem hohen Ort«, sondern von einem »hohen Rang« ausgehen. In einer englischen Übersetzung wiederum heißt es ganz eindeutig (9): »And We raised him to a high station.« Ins Deutsche übersetzt: »Und wir hoben ihn empor an einen hohen Ort.«

Foto 3: »Sahih Muslim« (um 1910).
»Encyclopedia of Islam« halt fest (10) hält fest, dass Idris in der Zeit zwischen Adam und Noah lebte. Im 8. Jahrhundert, so ist weiter zu lesen, ging man davon aus, dass Idris der arabische Name Henochs war und dass er »zu einer hohen Station empor gehoben« wurde. Nach einem Hadith (11), der auf Malik ibn Anas zurückgehen soll, ist Mohammed auf seiner legendären Himmelsreise Idris im vierten Himmel begegnet. Dem Propheten, so wird überliefert, wurde »ein weißes Tier namens Buraaq« zur Verfügung gestellt. Sein Schritt, so soll Mohammed berichtet haben, war so gewaltig, dass unvorstellbare Entfernungen zurückgelegt werden konnten. Mohammed bestieg dieses Wundertier. Zunächst ging es in Windeseile nach Jerusalem. Dort betete er und schon erschien Engel Gabriel, der ihn auf seiner Himmelsreise begleitete.

Der Pförtner des Himmelstores, also der Petrus des Islam, befragte kurz Engel Gabriel. Als Gabriel erfährt, dass da Gabriel und Mohammed um Einlass bitten, lässt er beide passieren. Auf dem Rücken des schnellen Reittieres kam man schnell voran, erklomm Himmel für Himmel. Im vierten Himmel begegnete Mohammed dem Idris, dem Henoch des Islam.

Zurück zum Henoch der jüdischen Apokryphen. Laut der Rießler-Übersetzung hatten die großwüchsigen Besucher (12) »Arme wie goldene Flügel«. Demnach hatten die fremden Besucher keine Flügel, aber »Arme wie goldene Flügel«. Nachdem Henoch seine Söhnen ermahnt und seine baldige Heimkehr nach kurzem Aufenthalt in himmlischen Gefilden angekündigt hatte, kam der Abschied und aufwärts ging’s gen Himmel (13): »Suchet mich nicht, bis mich der Herr zu euch zurückbringt! Nachdem ich so zu meinen Söhnen gesprochen, riefen mich die zwei Männer, setzten mich auf ihre Flügel, trugen mich in den ersten Himmel empor und setzten mich hier ab.« Jetzt werden den Männern, die Henoch abholten, plötzlich Flügel zugebilligt.

Der engagierte Theologe Karl August Wünsche (*1838; †1912) veröffentlichte eine Fülle von Texten aus dem rabbinischen Judentum. In fünf Bänden erschien sein Werk »Aus Israels Lehrhallen« (14). Sehr interessant: »Das Leben Henochs« (15). Da erhält Henoch ein wundersames Pferd, das aus dem Himmel kommt und Henoch als fliegendes Reittier dient. Ähnlich wie Mohammed macht sich dann Henoch auf dem Wundertier auf – in den Himmel. Nach dem äthiopischen Buch Henoch allerdings benötigt Henoch, anders als Mohammed, kein noch so schnelles Reittier (16): »Wolken luden mich im Gesichte ein, und ein Nebel forderte mich auf; der Lauf der Sterne und der Blitze trieb und drängte mich, und Winde gaben mir Flügel und hoben mich empor in jenem Gesicht. Sie trugen mich in den Himmel.« Oder war es doch anders? Wurde Henoch, so vermeldet es das äthiopische Buch Henoch an anderer Stelle (17), von einem »Wirbelwind entrückt«?

Foto 4: Inka-Schamanen beherrschten die Kunst der Seelenreise
(Inkamotiv auf einem Teppich).

Oder wurde Henoch vielmehr (18) »auf den Wagen des Geistes erhoben«? Wenige Verse weiter kommt wieder ein Wagen ins Spiel (19): »Danach ward mein Geist entrückt und stieg in den Himmel auf. Ich sah die Söhne der heiligen Engel auf Feuerflammen treten...« Da fragt man sich doch, ob den Henoch nun leibhaftig oder nur im Geiste seine Himmelsreise angetreten hat. Hat er sich seinen Flug in himmlische Sphären nur eingebildet? Oder blieb sein irdischer Leib auf der Erde, während sein Geist sich in höchste Höhen emporschwang? Schamanen wird ja weltweit nachgesagt, sie könnten Geistreisen absolvieren und im Geist fremde Orte aufsuchen, während ihr physischer Leib zurückbleibt. So gibt es Hinweise auf einen Inkaschamanen, der vor Jahrhunderten im Geist von Südamerika aus die Osterinsel besuchte. Konkreter: Nach der »Antarquilegende« erhielt der »Tupac Inca«, vermutlich Túpac Inca Yupanqui, der 10. Inka-Herrscher, Ende des 15. Jahrhunderts Hinweise von Seefahrern auf »Inseln« weit im Westen Südamerikas gelegen. Der Inka-Herrscher wollte diese »Inseln« ausfindig machen. Um das Risiko zu minimieren konsultierte er vorsichtig einen berühmten Schamanen seines Reiches, einen gewissen »Antarqui«.

Der beherrschte, so die Legende weiter, die Kunst der »Seelenreise«. Dank seiner »Künste« flog er die von den Seefahrern beschriebene Reise nach und fand tatsächlich die »Inseln«. Fakt oder Fiktion? Fakt ist, dass Inka-Schamanen das Geheimnis der Pflanzen, die halluzinogene Substanzen enthalten, kannten. Die nahmen sie zu sich und traten dann, high pflanzlichen Drogen und losgelöst vom physischen Leib, »Seelenreisen« an. »Tupac Inca«, so führt die Legende weiter aus, bekam von Antarqui bestätigt, dass es die Inseln tatsächlich gab und erfuhr offenbar auch ihre Position.

Foto 5: Das Buch Henoch
in der Übersetzung von
Andreas Gottlieb Hoffmann.
Daraufhin soll sich der Inkaherrscher mit einer gewaltigen Flotte von Balsaflößen mit insgesamt mehr als 20.000 Mann Besatzung auf die Reise gemacht haben. Fakt oder Fiktion? Das wird sich vermutlich nicht mehr feststellen lassen. Von derlei Schamanenreisen ist im Kulturkreis Henochs nichts bekannt. Gleich zwei Textstellen im äthiopischen Henoch lassen Henoch recht klar beschreiben, dass er leibhaftig in den Himmel gebracht wurde, und zwar von geheimnisvollen Wesen (20):

»Da erhob ich abermals die Augen gen Himmel und sah im Gesicht, wie aus dem Himmel Wesen, die weißen Menschen glichen, hervorkamen; einer davon kam aus jenem Ort hervor, und drei waren bei ihm.

Diese drei, die zuletzt kamen, ergriffen mich an der Hand, nahmen mich von dem Erdengeschlecht hinweg und brachten mich an einen hohen Ort und zeigten mir einen hohen Turm hoch über der Erde, und all die Hügel waren niedriger.«

Der kurze Text wirft mehr Fragen auf als er beantwortet. Wer oder was waren die vier Wesen, die aus dem Himmel kamen? Menschen waren es offenbar nicht, den der Text besagt ja ausdrücklich, dass sie »weißen Menschen glichen«, nicht dass sie Menschen waren. Sollten Engel gemeint sein?

Was müssen wir unter »jenem Ort« verstehen, aus dem zunächst eines der Wesen erschien, gefolgt von drei gleichartigen? Klar nur ist die Aussage, dass drei dieser Wesen Henoch »an einen hohen Ort« brachten, so wie auch Mohammed an einen hohen Ort gebracht wurde. Von dort aus sah Henoch dann niedrige Hügel und »einen hohen Turm«. Was müssen wir uns unter diesem »hohen Turm« vorstellen? Stand er auf der Erde oder schwebte er über der Erde?

Nahmen wir an, der merkwürdige Turm stand auf der Erde und reichte bis in den Himmel, nach heutigem Sprachgebrauch ins All. Da sind der technischen Fantasie keine Grenzen gesetzt. Solche Türme werden womöglich von künftigen Weltraumpionieren errichtet. Warum das? Zu welchem Zweck?

Foto 6: Der »Turm zu Babel«
(Moses Scheuchzer Bibel Physica Sacra,
Kupferstich 1731).
Denken wir an den biblischen Turm zu Babel. Es heißt im berühmten Text (21), die Menschen wollten über diesen Turm in den Himmel gelangen. In den Himmel? Oder ins All? Schon anno 1895 dachte der russische Weltraumpionier Konstantin E. Ziolkowski (*1857, †1935) über einen gigantischen »Weltraumturm« nach, dessen »Spitze« in den Weltraum reichen würde. Im Inneren des Turms würde ein Aufzug ins All führen. 1957 war es wieder ein russischer Wissenschaftler, nämlich Juri Nikolajewitsch Arzutanow (*1929; †2019) (6), der einen Weltraumlift propagierte. Von einem Satelliten aus, der konstant am Himmel stehen würde, könne ein Seil herabgelassen werden, an dem ein Aufzug zwischen Himmel und Erde pendeln sollte. Arzutanow schwebte ein »Seil« von über 35.000 km Länge vor: zwischen Erde und einer stationär im All stehenden Weltraumstation. Beim hohen Turm, den Henoch vom Himmel aus sah... sollte es sich da um so einen Weltraumlift gehandelt haben. Das ist, zugegeben, ein sehr kühner Gedanke, aber muss er deshalb falsch sein?



Fußnoten
(1) »Henochbuch (slawisch) oder Zweiter Henoch/ Das Buch der Geheimnisse Gottes/ Die Offenbarungen Gottes« in Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 452, 1. Kapitel, Verse 3-5
(2) Ebenda, Verse 8 und 9
(3) Böttrich, Gottfried: »Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit«, »Band V/ Lieferung 7/ Das lavische Henochbuch«, Gütersloh 1996, Seite 836, Verse 8 und 9
(4) 1. Buch Mose Kapitel 5
(5) Koran Sure 21, 86
(6) Busse, Heribert: »Islamische Erzählungen von Propheten und Gottesmännern: Qiṣaṣ al-anbiyāʼ oder ʻArāʼis al-maǧālis Otto«, Wiesbaden 2006, Seite 65
(7) Koran Sure 19, 56 (Übersetzung Rudi Paret)
(8) Koran Sure 19, 56 und 57 (Übersetzung Max Henning)
https://koran.rocks/neunzehnte-sure-maria (Stand 14.05.2020)
(9)»The Noble Qur’an« https://quran.com/19 (Stand 14.05.2020)
(10) Campo, Juan Eduardo: »Encyclopedia of Islam«, »Idris«, Infobase Publishing, New York 2009, Seite 344
(11) »Sahih Muslim«, Hadithnr. 234/Kapitel 2 und Sahih Muslim, Kapitel 2/Hadithnr. 238
(12) »Henochbuch (slawisch) oder Zweiter Henoch/ Das Buch der Geheimnisse Gottes/ Die Offenbarungen Gottes« in Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 452, 1. Kapitel, Verse 5
(13) Ebenda, S. 453, 2. Kapitel Vers 4 und 3. Kapitel, Vers 1
(14) Wünsche, Karl August: »Aus Israels Lehrhallen«, 5 Bände, Leipzig 1907-1910
(15) Ebenda, Band I, Seiten 1-6
(16) »Henochbuch oder Erster Henoch« (äthiopischer Henoch) in Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 364, 14. Kapitel, Vers 8
(17) Ebenda, Seite 385, 52. Kapitel, Vers 1
(18) »Henochbuch oder Erster Henoch« Kapitel 70, Vers 2
(19) »Henochbuch oder Erster Henoch« Kapitel 71, Vers 1
(20) »Henochbuch oder Erster Henoch« Kapitel 87, Verse 2 und 3
(21) 1. Buch Mose Kapitel 11, Verse 1-9

Zu den Fotos
Foto 1: Henoch wird entrückt (Bibelillustration um 1730). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Erzengel Asrael (Dom zu Florenz, frühes 13. Jahrhundert). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: »Sahih Muslim« (um 1910). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Inka-Schamanen beherrschten die Kunst der Seelenreise (Inkamotiv auf einem Teppich). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Das Buch Henoch in der Übersetzung von Andreas Gottlieb Hoffmann. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Der »Turm zu Babel« (Moses Scheuchzer Bibel Physica Sacra, Kupferstich 1731). Foto Walter-Jörg Langbein


550. »Zweimal Himmel und retour«,
Teil 550 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 02. August 2020



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Sonntag, 5. Juli 2020

546. »Herr der Himmel und der Welten«

Teil 546 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Nebukadnezar, mächtiger Herrscher
zu biblischen Zeiten.
Foto (gespiegelt, teilweise kontrastverstärkt)

Im biblischen Büchlein Esra kommt der »Elah der Himmel« mehrfach vor (1): »Sie aber gaben uns dies zur Antwort: Wir sind Knechte des Gottes des Himmels und der Erde und bauen das Haus wieder auf, das einst vor vielen Jahren hier gebaut war und das ein großer König Israels gebaut und vollendet hat. Da aber unsere Väter den Gott des Himmels erzürnten, gab er sie in die Hand Nebukadnezars, des Königs von Babel, des Chaldäers; der zerstörte dies Haus und führte das Volk weg nach Babel.«

Es geht mir jetzt nicht um eine historische Aufarbeitung dieser beiden Verse, sondern um den Beinamen, der Gott zugeordnet wird: »Knechte des Gottes des Himmels…« und »den Gott des Himmels erzürnten«. Zweimal wird Gott als »Gott des Himmels« tituliert. Welcher Begriff wird für »Gott« verwendet? Die deutsche Übersetzung verrät schon, dass der Text im Original nicht den monotheistischen Gottesnamen Jahwe verwendet. Der wird bei Luther mit HERR übersetzt. Dazu eine kurze Erklärung: Zeitweise durfte im »Heiligen Land« der Gottesname Jahwe nicht ausgesprochen werden. Wenn im biblischen Text Jahwe stand, so wurde »Adonai« vorgelesen, zu Deutsch »Herr«. In deutschen Bibelübersetzungen wird dann gern HERR in Großbuchstaben gesetzt, was die Heiligkeit des Gottesnamens ausdrücken soll.

Foto 2: Nebukadnezar musste auch dem Herrn der Himmel
und der Welten gehorchen. Foto (gespiegelt)

Im aramäischen Original der Hebraica steht da eindeutig »Elah (Gott, Einzahl von Elohim, Götter) der Himmel (Mehrzahl!)«.  Bleiben wir beim Büchlein »Esra«. Lesen wir die Verse in deutscher Übersetzung (2): »Und was sie bedürfen an Stieren, Widdern und Lämmern zum Brandopfer für den Gott des Himmels, an Weizen, Salz, Wein und Öl nach dem Wort der Priester in Jerusalem, das soll man ihnen täglich geben, und es soll nicht lässig geschehen, damit sie opfern zum lieblichen Geruch dem Gott des Himmels und bitten für das Leben des Königs und seiner Kinder.«

Untersuchen wir den Text im Original der »Biblia Hebraica«. Da soll dem »Elah der Himmel« geopfert werden. Der »Elah der Himmel« darf sich dann am lieblichen Geruch der Opfer ergötzen. Wieder kommt »Elah« zum Einsatz, die Einzahlform von »Elohim« (Götter). Und wieder steht im Original »Elah der Himmel« (Mehrzahl!)

Und noch einmal »Esra«! Im Büchlein »Esra« (3) lässt, »der König der Könige«, »Esra, den Priester und Schriftgelehrten im Gesetz des Gottes des Himmels«, grüßen. Original: Der König der Könige lässt »Esra, den Priester und Schriftgelehrten im Gesetz des Eloah/ Gottes der Himmel (Mehrzahl)« grüßen.

Der mächtige Herrscher befielt (4) »allen Schatzmeistern jenseits des Euphrat«: »Alles, was Esra, der Priester und Schriftgelehrte im Gesetz des Gottes des Himmels, von euch fordert, das ist sorgfältig zu befolgen!« Dem Esra ist also Gehorsam zu leisten. Und wieder lesen wir im Original »Eloah/ Gott der Himmel«.

Der Befehl wird wiederholt (5): »Alles, was der Befehl des Gottes des Himmels erfordert, das soll für das Haus des Gottes des Himmels sorgfältig getan werden, damit kein Zorn komme über das Reich des Königs und seiner Söhne.«  Im Original steht »Alles, was der Befehl des Eloah der Himmel erfordert, das soll für das Haus des Eloah des Himmels sorgfältig getan werden…«. Artaxerxes anerkennt also den »Gott der Himmel«, dessen Macht als so groß angesehen wird, dass auch seinem »Priester und Schriftgelehrten« gehorcht werden muss. Der König der Perser fürchtet den Zorn des jüdischen Gottes der Himmel.

In der »Biblia Hebraica« werden zwar verschiedene Begriffe für »Gott« verwendet, aber immer wird er als Gott der Himmel bezeichnet. Wie aber muss man »Gott der Himmel« verstehen? Nach Rücksprache mit jüdischen Schriftgelehrten weiß ich, dass damit »Gott der Welten« gemeint ist. Es gibt fremde Erden, fremde Welten und alle haben einen eigenen Himmel.

Zur Erinnerung: Ich suchte im siebenbändigen Werk »Legends of the Jews« von Ginzberg nach Informationen über Welten/ Erden im Weltall und wurde rasch fündig. Sieben »Erden« wurden aufgelistet: »erez«, »adamah«, »arka«, »harabah«, »yabbashah«, »tebel« und »heled«. Ginzberg vermerkt (6): »Unsere eigene Erde wird ›heled‹ genannt.«

Die von Louis Ginzberg zusammengetragen Legenden basieren alle auf einer sehr umfangreichen Textsammlung, für die man eigentlich mehrere Leben benötigt, wollte man sie gründlich studieren. Sie stammen alle aus dem »Gemara« des Talmud und wurden bereits beginnend im 2. Jahrhundert nach Christus erfasst. Im 8. Jahrhundert, das gilt als erwiesen, war die komplexe Sammlung komplett und wurde abgeschlossen. Die zum Teil mysteriösen Texte schließen Lücken des »Alten Testaments« oder sollen scheinbare oder echte Widersprüche im »Alten Testament« auflösen. Von manchen Texten sind die Verfasser bekannt, das heißt namhafte Rabbiner werden als Urheber genannt. Ob diese Männer aber tatsächlich die Autoren waren, das muss dahingestellt bleiben.

Foto 3: Moses soll sein Volk in die Freiheit führen.

Geschichten, die wir aus dem »Alten Testament« kennen, werden auch im Koran erzählt. Auch nicht so eifrigen Bibellesern ist bekannt, dass es im »Alten Testament« ausführlich um die Gefangenschaft des »Volkes Israel« in Ägypten geht. Moses soll im Auftrag Gottes das Volk der Israeliten aus der Gefangenschaft holen und ins »Heilige Land« führen. Das 2. Buch Mose wird auch als »Exodus«, zu Deutsch »Auszug« genannt. Die ersten 15 Kapitel dieses Buchs beschreiben die Flucht der Israeliten aus der Sklaverei.

Vom »Alten Testament« zum Koran…. Auch im Koran spielt Moses eine wichtige Rolle. Auch im Koran geht es um die Geschichte der ägyptischen Sklaverei unter dem Joch des Pharao. In der Sure »Die Dichter« lesen wir (7): »Pharao sagte: ›Und was ist der Herr der Welten?‹ Er (Moses) sagte: ›Es ist der Herr der Himmel und der Erde und dessen, was zwischen den beiden ist, wenn ihr nur Gewissheit wolltet.‹«

Foto 4: Moses spielt in der Bibel wie im Koran
eine zentrale Rolle
(Foto im Kloster Benediktbeuern aufgenommen).

Früher bezeichnete man die Texte der Bibel als »kanonisch« und nannte Texte, die nicht in die Bibel aufgenommen wurden als »apokryph«, was mit unbedeutend gleichgesetzt wurde. Heute wird diesen Texten eine größere Bedeutung zugesprochen. Man stellt sie als einen zweiten Kanon (»deuterokanonisch«) neben die Texte der Bibel (»kanonisch«). Damit wurden diese Texte wieder deutlich aufgewertet. Die Bücher »Judit« und »Tobit« werden zu diesem »2. Kanon« gerechnet.

Als wie mächtig der alte Himmelsgott angesehen wurde, das belegen die Bücher Judit und Tobit, die auch vor Luther Gnade gefunden haben. Luther stellte sie in seiner Bibelübersetzung zwischen Altes und Neues Testament. Da wird Gott als »Gott des Himmels« (8) angebetet. Die Gläubigen bauen auf Gott, sehen ihn als Hoffnungsspender (9): »Sei getrost, Tochter, der Herr des Himmels verwandle dein Leid in Freude.«  Immer wieder begegnet uns Gott als »Herr des Himmels«. Wir bleiben im Buch »Tobit« (10): »Der Herr des Himmels sei mit dir und deiner Frau Sara auf dem Wege! … Und Tobias zog von Raguël los, gesund und fröhlich, und er pries den Herrn des Himmels und der Erde, den König über alles, dass er seinen Weg hatte gelingen lassen.« Es ist der »Herr des Himmels und der Erde«, der »König über alles«, der die Geschicke der Menschen lenkt.

Foto 5: Der Turm zu Babel
auf dem Cover der polnischen Ausgabe
meines Buches »Die großen Rätsel...«
Nach der Geschichte vom »Turmbau zu Babel«, wie sie Moses überliefert (11), ist Gott hoch oben im Himmel zuhause. Will er einen Menschen aufsuchen, muss er vom Himmel hoch zur Erde herabsteigen. Diverse Texte des »Alten Testaments« in Hebräisch wie in Aramäisch bezeichnen ihn als den »Gott der Himmel«. Aber auch in deuterokanonischen (apokryphen) Büchern des »Alten Testaments« kommt kein Zweifel auf: Gott ist ein Himmlischer. Er ist im Himmel zuhause.

Zur Erinnerung: Dr. Amira El-Zein, »Georgetown Universität« Katar, Doha, ließ in einem Kommentar im Deutschlandfunk keine Zweifel daran aufkommen, dass der Koran nicht nur die Erde als bewohnten Planeten kennt, sondern deren sieben (12): »Ferner gibt es sieben Himmel und sieben Erden. Sie unterscheiden sich untereinander und von unserer Erde. Alle haben ihre eigene Natur und ihre eigenen Bewohner.«

Als »Herr der Himmel und der Welten« wird Allah im Koran (13) bezeichnet. Und das nicht nur einmal! So heißt es gleich zu Beginn des Koran in Sure 1, »Die Eröffnung« genannt, (14): »Alles Lob gebührt Allah, dem Herrn der Welten.« Ein weiteres Beispiel von vielen (15): »Ich fürchte Allah, den Herrn der Welten.« Und noch ein Beispiel (16): »Alles Lob gebührt Allah, dem Herrn der Welten.« Der Koran fordert (17): »Sprich: ›Allahs Führung ist die eigentliche Führung und uns ist befohlen worden, daß wir uns dem Herrn der Welten ergeben sollen.‹« Der Koran lässt nicht zweifeln (18):

 »Segensreich ist Allah, der Herr der Welten.«  Letztlich ist der Koran für den Gläubigen auch ein Hymnus an Allah, den »Herrn der Himmel und der Welten«, was immer wieder explizit zum Ausdruck kommt (19): »Alles Lob gebührt dem Allah, dem Herrn der Himmel, … dem Herrn der Welten

Was ich als spannend dabei empfinde? Die Autoren von Schriften, die in den Kanon des »Alten Testaments« aufgenommen wurden, haben sich die Himmel als räumlich real vorgestellt. Die Autoren von Schriften, die einst als »apokryph« abgetan wurden, heute aber als »2. Kanon« geschätzt werden, hatten das gleiche Weltbild. Und auch im Koran finde ich dieses Weltbild, von unserer Welt hier und von himmlischen Gefilden ganz weit oben. Gott ist nach den alten Glaubensbildern von dort oben zu uns herab gekommen und wieder empor gestiegen. Zu den spannendsten Themen gehören Reisen in beide Richtungen, nämlich vom Himmel zur Erde und retour! Und Hesekiel scheint zwischendrin gereist zu sein. Es gilt, unzählige alte Schriften nach entsprechenden Berichten zu durchforsten. Und es gilt, Fragen zu stellen.

Foto 6: Gottesmutter Maria
mit Josef und dem Jesuskind. Ikone.
 In der 3. Sure lesen wir (20):

»Und damals sprachen die Engel: ›O Maria, siehe, Allah hat dich auserwählt und gereinigt und erwählt von den Frauen der Welten.« Gemeint ist natürlich Jesu Mutter Maria. Was hat das zu bedeuten, dass Maria erwählt wurde von den Frauen der Welten? Aus den Frauen der Welten! Nimmt man den Vers wörtlich, dann bedeutet dies, dass es noch andere Planeten gab, auf denen auch Frauen lebten.

Maria wurde, so der Text »erwählt von den Frauen der Welten«, also auserwählt aus den Reihen der Frauen der Welten. Wir sind nicht allein im Universum. Das scheint der Verfasser der zitierten Verszeile gewusst zu haben.

Ich gleiche ab mit einer gängigen Übersetzung des Korans ins Englische (21). Auch hier wurde Maria über alle Frauen der Welten (Mehrzahl!) gestellt. Auch hier ist von Welten in der Mehrzahl die Rede.

Fußnoten
(1) Esra Kapitel 5, Verse 11 und 12. Zitat nach »Luther Bibel 2017«
(2) Esra Kapitel 6, Verse 9 und 10. Zitat nach »Luther Bibel 2017«
(3) Esra Kapitel 7, Vers 12
(4) Ebenda, Vers 21
(5) Ebenda, Vers 23
(6) Ginzberg, Louis: »The Legends of the Jews«, Band 1 »From the Creation to Jacob«, Seite 113, 13. Zeile von unten - Seite 115, 12. Zeile von unten. Übersetzung Walter-Jörg Langbein.
(7) »Sure 26. Die Dichter«, Verse 23 und 24 (Sure 26, 23 und 24)
Zitiert habe ich die eBook-Version der Koran-Übersetzung von Simon Abram
(8) Siehe »Judit« Kapitel 5, Vers 8 in der »Luther Bibel 2017«
(9) Siehe »Tobit« Kapitel 7, Vers 17 in der »Luther Bibel 2017«. Siehe »Luther Bibel 1984«, »Tobit« Kapitel 7, Vers 20: »Der Herr des Himmels gebe dir nun Freude, nachdem du so viel Leid erlitten hast.«
(10) »Tobit« Kapitel 10, Verse 11 und 13 in der »Luther Bibel 2017«
(11) 1. Buch Mose Kapitel 11, Verse 1-9
(12) https://www.deutschlandfunk.de/sure-51-vers-56-geister-namens-dschinn.2395.de.html?dram:article_id=415855 Stand 07.05.2020
(13) Sure 45, 36 (Übersetzung/ Version Simon Abram, eBook-Ausgabe)
(14) Sure 1, 2 (Übersetzung/ Version Simon Abram, eBook-Ausgabe)
(15) Sure 5, 28 (Übersetzung/ Version Simon Abram, eBook-Ausgabe)
(16) Sure 6, 45 (Übersetzung/ Version Simon Abram, eBook-Ausgabe)
(17) Sure 6, 71 (Übersetzung/ Version Simon Abram, eBook-Ausgabe)
(18) Sure 7, 54 (Übersetzung/ Version Simon Abram, eBook-Ausgabe)
(19) Sure 45, 36 (Übersetzung/ Version Simon Abram, eBook-Ausgabe)
(20) Sure 3, 42 (Übersetzung/ Version Simon Abram, eBook-Ausgabe)
(21) »The Qur'an (Quran): With Surah Introductions and Appendices - Saheeh International Translation (Englisch)«, Birmingham, 8. Auflage Dezember 2017
Sure 3, 42: »O Mary, indeed Allah has chosen you and purified you and chosen you above the women of the worlds.«

Zu den Fotos
Foto 1: Nebukadnezar, mächtiger Herrscher zu biblischen Zeiten. Foto (gespiegelt, teilweise kontrastverstärkt): Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 2: Nebukadnezar musste auch dem Herrn der Himmel und der Welten gehorchen. Foto (gespiegelt): Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 3: Moses soll sein Volk in die Freiheit führen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Moses spielt in der Bibel wie im Koran eine zentrale Rolle (Foto im Kloster Benediktbeuern aufgenommen). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Der Turm zu Babel auf dem Cover der polnischen Ausgabe meines Buches »Die großen Rätsel...« Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 6: Maria mit Josef und dem Jesuskind. Ikone. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

547. »Von anderen Welten – in und über der Welt«,
Teil 547 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 12. Juli 2020



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Sonntag, 26. Januar 2020

523. »Meister der Intelligenz und Wissenschaft«


Teil 523 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1:
Der Zohar, gedrucktes Cover,
1558
Der »Zohar«, andere Schreibweise »Sohar«, hebräisch זֹהַר, ist der wahrscheinlich wichtigste Bestandteil der geheimen Kabbala. Übersetzen lässt sich »Sohar« mit »strahlender Glanz«. Die »Kabbala« umfasst eine wahre Flut geheimnisvoller Texte, in denen »das Überlieferte« der jüdischen Tradition festgehalten wurde. In die »Kabbala« wurden vor Jahrhunderten mündlich überlieferte Lehren ebenso wie bereits in Schriftform fixierte Texte aufgenommen.

Der Zohar tauchte erstmals zwischen 1280 und 1286 in Spanien auf. Zunächst waren lediglich »Teillieferungen« bekannt. Erst in der Zeit von 1370 bis 1410 soll der Zohar als geschlossenes Werk zusammengefügt worden sein. Verborgen in einer Flut von philosophisch-magischen Beschreibungen der vielschichtigen Realität finden sich konkrete Angaben, die auf verblüffende Erkenntnisse über das physisch-reale Universum schließen lassen.

Es wäre mehr als anmaßend von mir, wollte ich auch nur versuchen, den Zohar in seiner Bedeutung zu erfassen. Viele Generationen hochgebildeter Gelehrter haben sich mit der Weisheit des Zohar beschäftigt. Mein Ziel ist weniger ambitioniert. Ich begnüge mich in den weiten, weiten Welten des Zohar konkrete Angaben über Erde und Universum zu entdecken. Dass ich damit dem Zohar als Quell‘ der Weisheit nicht gerecht werden kann, das ist mir natürlich bekannt. Ich habe mit einigem Erfolg Erstaunliches im Zohar gefunden. DEN Zohar zu erfassen, das mag mehr noch als ein lebenslanges Studium der mysteriösen Texte voraussetzen. Auch habe ich im Zohar nicht Gott, den der Gläubige auch den Allmächtigen nennt, gesucht. Ich war lediglich auf scheinbar »unmögliches Wissen« neugierig, das sich in allen heiligen Büchern verbirgt.

Der Zohar weiß zu berichten, dass legendäre Rabbis und andere bedeutsame Wissende offenbar in »himmlischen Lehrstätten« eingeweiht wurden. Der Sohar weiß von »Lehrhäusern« in denen »himmlische Lehrer« wirkten. In einem schwer verständlichen Text ist vom »Knaben im himmlischen Lehrhaus« (1) die Rede (2): »Fürchte dich nicht, heiliger Sohn! Hier wirst du sieben Tage unter uns weilen und jeden Tag baden im heiligen Tau. Dann wird man dich ins Innere dieser Lehrstätte bringen samt den anderen Kindern.«

Was dürfen wir uns die »himmlischen Lehrstätten« und die »himmlischen Lehrer« vorstellen? Wo wurde wem was unterrichtet? Wohin wurden die anderen Kinder Geschafft? Wo befand sich das »himmlische Lehrhaus«? Gab es Lehrbücher? Wer waren die Lehrer?

Fundamentalistische Anhänger der drei großen monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam nehmen gern für den eigenen Glauben an, dass er das Ergebnis göttlicher Offenbarung ist. »Altes Testament«, »Neues Testament« und Koran sind für strenggläubige Fundamentalisten unantastbar und göttlich. Dabei ist kein »Heiliges Buch« dank göttlicher Eingebung aus dem Nichts entstanden. In der christlichen Theologie ist dies schon sehr lange bekannt und anerkannt. Wo an Universitäten christliche Theologie gelehrt wird, da sind die Texte der Bibel alles andere als unantastbar. Sie werden mit wissenschaftlicher Methodik hinterfragt. So wird mit geradezu detektivischem Spürsinn zu ergründen versucht, wann wohl ein angebliches Jesus-Zitat entstanden ist. Kann es denn wirklich von Jesus selbst ausgesprochen worden sein? Oder wurde es sehr viel später von der christlichen Gemeinde Jesus in den Mund gelegt?

 Völlig zutreffend formuliert wikipedia (3): »Die historisch-kritische Methode ist ein im 18. und 19. Jahrhundert entwickelter Methodenapparat zur Untersuchung von historischen Texten. Bekannt ist sie vor allem aus der biblischen Exegese. Sie hat zum Ziel, einen (biblischen) Text in seinem damaligen historischen Kontext zu verstehen und schließlich auszulegen. Dabei spielen die Rekonstruktion der vermuteten Vor- und Entstehungsgeschichte des Textes und seine Einbindung in das damalige Geschehen eine besondere Rolle. Wichtige Teildisziplinen der historisch-kritischen Methode sind die Textkritik, die Textanalyse, die Redaktions-, Literar-, Form- und die Traditionskritik. Die historisch-kritische Methode ist heutzutage als grundlegende Methode der Bibelauslegung in der evangelischen und in der katholischen Kirche anerkannt, wenn auch nicht unumstritten.« 

Prof. Leonhard Berthold (*1774; †1822) nutzte sie bereits im frühen 19. Jahrhundert in seinen theologischen Publikationen und lehrte sie an der Universität zu Erlangen. Der Gelehrte sah die historisch-kritische Methode als den wichtigsten Schlüssel zu kanonischen und apokryphischen Schriften der Bibel an. Eine vergleichbar kritische Herangehensweise an den Koran dürfte in so manchem vom Islam geprägten Land geradezu lebensgefährlich für jeden Forscher sein.


Unbestreitbar ist, dass sich in Sachen fremde Welten deutliche Parallelen zwischen jüdischen Geheimlehren und dem Koran nachweisen lassen. Während die siebe Erden in den Legenden der Juden namentlich aufgezählt werden, bleiben sie im Koran anonym. In der Koranübersetzung von M. A. Rassoul lesen wir in Sure 65, 12: »Allah ist es, Der sieben Himmel erschuf und von der Erde die gleiche Anzahl.« Der Sachverhalt wird in sämtlichen Übersetzungen des Koran so beschrieben. In Vers 12 von Sure 65 wird in allen mir bekannten Übersetzungen ganz eindeutig festgehalten, dass Gott nicht eine, sondern sieben Planetenwelten schuf. So übersetzt Rudi Paret: »Allah ist es, der sieben Himmel geschaffen hat, und von der Erde ebensoviel.«

Foto 2:
Der Zohar,
gedrucktes Cover,
1558
Dr. Amira El-Zein, »Georgetown Universität« Katar, Doha, ließ in einem Kommentar im Deutschlandfunk keine Zweifel daran aufkommen, dass der Koran nicht nur die Erde als bewohnten Planeten kennt, sondern deren sieben (4): »Ferner gibt es sieben Himmel und sieben Erden. Sie unterscheiden sich untereinander und von unserer Erde. Alle haben ihre eigene Natur und ihre eigenen Bewohner.«

Im »Alten Testament« wird im »Buch der Richter« Merkwürdiges beschrieben (5). Die »Richterin Debora« will im Kampf Barak gegen seinen Feind Sisera unterstützen. Es kam zu einer Schlacht wahrhaft kosmischen Ausmaßes, an der sowohl Könige als auch Sterne beteiligt waren (6): »Die Sterne am Himmel kämpften mit, von ihren Bahnen aus kämpften sie gegen Sisera.« Die Bürger von Meros werden verflucht, weil sie im gewaltigen Gemetzel nicht auf der Seite Gottes fochten. In der zuverlässigen Übersetzung der »Elbefelder Bibel« lesen wir (7): »Verfluchet Meros! sprach der Engel des HERRN. Verfluchet, ja, verfluchet seine Bewohner! Denn sie sind dem HERRN nicht zu Hilfe gekommen, dem HERRN zu Hilfe unter den Helden.«

Wer oder was war »Meros«? Darüber herrschte unter jüdischen Gelehrten Uneinigkeit. Im »Talmud« heißt es (8): »Manche sagen, er war ein bedeutender Mann, und manche sagen, es war ein Stern.« Talmud-Experte Rabbi Eliyahu Pinchas von Vilna dachte kosmisch. Nach Ansicht des Gelehrten war Meros »die Zivilisation auf einem fernen Planeten«. Rabbiner Chasdai Crescas brachte bereits im 14. Jahrhundert außerirdische Lebewesen ins Spiel. Der Rabbiner und weise Philosoph Chasdai Crescas zitierte zunächst den Talmud (9). Da heißt es doch, dass Gott eine wahrhaft kosmische Reise absolvierte und entweder dem Gesang der Engel lauscht oder in seinem Vehikel 18.000 Welten besucht. Für Rabbi Crescas gab es keinen Zweifel: 

Gott war in 18.000 Welten präsent, also müsse man ja wohl annehmen, dass es auf diesen Welten auch Lebewesen, sprich »Außerirdische« gibt. Baruch Crowley hat für »The Jewish Magazine« einen sehr ausführlichen Artikel verfasst. Der Titel lautet: »Leben auf anderen Welten/ Die Existenz anderer Welten«. Crowley schreibt (10): »Basierend auf einer Aussage im Talmud könnten sich diese außerirdischen Individuen, die in der kabbalistischen Literatur recht seltsam als ›Meister der Intelligenz und Wissenschaft‹ bekannt sind, in einer Hinsicht von den Menschen unterscheiden, nämlich in der Fähigkeit, ›freien Willen‹ so wie wir Menschen es können auszuüben.«
 
Rabbi Ariel Bar Tzadok, Chicago, nimmt Hinweise im Zohar sehr ernst. Und er hält es für möglich, dass die im Zohar beschriebenen außerirdischen Wesen in unseren Tagen zur Erde zurückgekehrt sind und mit Menschen Kontakt aufnehmen. Baruch Crowley spekuliert in »The Jewish Magazine« über mögliche Motive dieser kosmischen Besucher. Sind sie uns technologisch haushoch überlegen, fehlt ihnen aber etwas, was zum Menschsein gehört: Spiritualität? Beneiden sie uns Menschen vielleicht sogar? Wollen sie erkunden, was den Mensch jenseits der Logik ausmacht? Baruch Crowleys Überlegung ist spekulativ, aber sehr interessant.

Es scheint alte Überlieferungen zu geben, die sehr konkrete Angaben zu fremden Planeten und deren Bewohnern bieten. Auf theologische Erörterungen, etwa ob die Bewohner ferner »Erden« in fremden Sonnensystemen über einen freien Willen verfügen, möchte ich mich nicht einlassen. Derlei Gedankengänge mögen Theologen wichtig sein. Freilich können haben Theologen offenbar nur spekulatives Wunschdenken zu bieten. Wenn es schon in anderen Sternensystemen auf anderen Welten Lebewesen gibt, dann dürfen die nicht uns Menschen ebenbürtig oder gar überlegen sein. Sie müssen in einer fiktiven Hierarchie unter uns stehen. Sie dürfen nicht über einen freien Willen verfügen. 

Theologen postulieren gern die einzigartige Bedeutung des von Gott höchstpersönlich geschaffenen Menschen als Krone der Schöpfung. Sie behaupten gern, Gott selbst habe uns Menschen über den Rest der Schöpfung gestellt, die wir angeblich nach seinem Willen uns untertan machen sollen. Wissenschaftler mögen über religiöse Weltsicht herablassend lachen und der Theologie jede Wissenschaftlichkeit abstreiten. Sie selbst aber sehen den Menschen auch als eine »Krone« an, freilich nicht als Ergebnis eines göttlichen Schöpfungsakts, sondern als Resultat einer Fülle von Zufällen. An die Stelle des allmächtigen Gottes tritt in ihrem Weltbild die auf Zufällen basierende Evolution. »Wissenschaftliches« wie theologisch-religiöses Weltbild sind Ergebnisse des gleichen elitären »Denkens«. Wissenschaftler wie Theologen huldigen ihrem Wunschdenken. Und beide sehen sich in schöner Selbstüberschätzung als den Überlegenen. Die einen meinen, den tumben Aberglauben der Theologie besiegt zu haben. Die anderen wähnen sich den Wissenschaftlern überlegen zu sein, weil sie sehr viel tiefere und wichtigere »Wahrheiten« erkennen zu können glauben.

Foto 3:
Der Zohar, gedrucktes Cover,
1558
Mir scheint, hier erweisen sich weder Theologen noch »Wissenschaftler« als »Meister der Intelligenz und Wissenschaft« Wie sagte Albert Einstein (11): »Wissenschaft ohne Religion ist lahm, Religion ohne Wissenschaft ist blind.« Ein Wort von Heinrich Heine (*1798; †1856) kommt mir in den Sinn (12): »In dunkeln Zeiten wurden die Völker am besten durch die Religion geleitet, wie in stockfinstrer Nacht ein Blinder unser bester Wegweiser ist; er kennt dann Wege und Stege besser als ein Sehender. Es ist aber töricht, sobald es Tag ist, noch immer die alten Blinden als Wegweiser zu gebrauchen.«

Fußnoten
(1) Necker, Gerold (Herausgeber): »Der Sohar/ Das heilige Buch der Kabbala/ Ausgewählte Texte aus dem Sohar«, Wiesbaden, 4. Auflage 2019, Seiten 414-417
(2) Ebenda, Seite 417, 2.-4. Zeile von oben
(3) wikipedia, Stichwort »Historisch-kritische Methode«.
https://de.wikipedia.org/wiki/Historisch-kritische_Methode, Stand 01.01.2020
(4) https://www.deutschlandfunk.de/sure-51-vers-56-geister-namens-dschinn.2395.de.html?dram:article_id=415855 Stand 07.05.2020
(5) »Buch der Richter«, Kapitel 5, Verse 2-31
(6) Ebenda, Vers 20
(7) Ebenda, Vers 23
(8) »Moed Katan« 16a
(9) »Daf Shevui to Avoda Zara« 3b. Zitat in der englischsprachigen Quelle: » God seems to have fun by night. Either he rides around on his chariot, visiting his 18,000 worlds. Or he listens to his singing angels.«
(10) Crowley, Baruch: »Life on Other Worlds/ The Existence of Other Worlds«
http://www.jewishmag.com/8mag/worlds/worlds1.htm Stand 01.01.2020
(11) Zitiert nach Vallentin, Antonina: »The Drama of Albert Einstein«, New York 1954. Originalzitat: »Science without religion is lame, religion without science is blind.«
(12) Heine, Heinrich: »Sämtliche Werke in zwölf Teilen«, Leipzig 1921, Band 12, S. 296

Zu den Fotos
Fotos 1-3: Der Zohar, gedrucktes Cover, 1558. Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein



524. »Die sieben anderen Welten der Kabbala«,
Teil 524 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 2. Februar 2020
 


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