Posts mit dem Label Israel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Israel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 5. Juli 2020

546. »Herr der Himmel und der Welten«

Teil 546 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Nebukadnezar, mächtiger Herrscher
zu biblischen Zeiten.
Foto (gespiegelt, teilweise kontrastverstärkt)

Im biblischen Büchlein Esra kommt der »Elah der Himmel« mehrfach vor (1): »Sie aber gaben uns dies zur Antwort: Wir sind Knechte des Gottes des Himmels und der Erde und bauen das Haus wieder auf, das einst vor vielen Jahren hier gebaut war und das ein großer König Israels gebaut und vollendet hat. Da aber unsere Väter den Gott des Himmels erzürnten, gab er sie in die Hand Nebukadnezars, des Königs von Babel, des Chaldäers; der zerstörte dies Haus und führte das Volk weg nach Babel.«

Es geht mir jetzt nicht um eine historische Aufarbeitung dieser beiden Verse, sondern um den Beinamen, der Gott zugeordnet wird: »Knechte des Gottes des Himmels…« und »den Gott des Himmels erzürnten«. Zweimal wird Gott als »Gott des Himmels« tituliert. Welcher Begriff wird für »Gott« verwendet? Die deutsche Übersetzung verrät schon, dass der Text im Original nicht den monotheistischen Gottesnamen Jahwe verwendet. Der wird bei Luther mit HERR übersetzt. Dazu eine kurze Erklärung: Zeitweise durfte im »Heiligen Land« der Gottesname Jahwe nicht ausgesprochen werden. Wenn im biblischen Text Jahwe stand, so wurde »Adonai« vorgelesen, zu Deutsch »Herr«. In deutschen Bibelübersetzungen wird dann gern HERR in Großbuchstaben gesetzt, was die Heiligkeit des Gottesnamens ausdrücken soll.

Foto 2: Nebukadnezar musste auch dem Herrn der Himmel
und der Welten gehorchen. Foto (gespiegelt)

Im aramäischen Original der Hebraica steht da eindeutig »Elah (Gott, Einzahl von Elohim, Götter) der Himmel (Mehrzahl!)«.  Bleiben wir beim Büchlein »Esra«. Lesen wir die Verse in deutscher Übersetzung (2): »Und was sie bedürfen an Stieren, Widdern und Lämmern zum Brandopfer für den Gott des Himmels, an Weizen, Salz, Wein und Öl nach dem Wort der Priester in Jerusalem, das soll man ihnen täglich geben, und es soll nicht lässig geschehen, damit sie opfern zum lieblichen Geruch dem Gott des Himmels und bitten für das Leben des Königs und seiner Kinder.«

Untersuchen wir den Text im Original der »Biblia Hebraica«. Da soll dem »Elah der Himmel« geopfert werden. Der »Elah der Himmel« darf sich dann am lieblichen Geruch der Opfer ergötzen. Wieder kommt »Elah« zum Einsatz, die Einzahlform von »Elohim« (Götter). Und wieder steht im Original »Elah der Himmel« (Mehrzahl!)

Und noch einmal »Esra«! Im Büchlein »Esra« (3) lässt, »der König der Könige«, »Esra, den Priester und Schriftgelehrten im Gesetz des Gottes des Himmels«, grüßen. Original: Der König der Könige lässt »Esra, den Priester und Schriftgelehrten im Gesetz des Eloah/ Gottes der Himmel (Mehrzahl)« grüßen.

Der mächtige Herrscher befielt (4) »allen Schatzmeistern jenseits des Euphrat«: »Alles, was Esra, der Priester und Schriftgelehrte im Gesetz des Gottes des Himmels, von euch fordert, das ist sorgfältig zu befolgen!« Dem Esra ist also Gehorsam zu leisten. Und wieder lesen wir im Original »Eloah/ Gott der Himmel«.

Der Befehl wird wiederholt (5): »Alles, was der Befehl des Gottes des Himmels erfordert, das soll für das Haus des Gottes des Himmels sorgfältig getan werden, damit kein Zorn komme über das Reich des Königs und seiner Söhne.«  Im Original steht »Alles, was der Befehl des Eloah der Himmel erfordert, das soll für das Haus des Eloah des Himmels sorgfältig getan werden…«. Artaxerxes anerkennt also den »Gott der Himmel«, dessen Macht als so groß angesehen wird, dass auch seinem »Priester und Schriftgelehrten« gehorcht werden muss. Der König der Perser fürchtet den Zorn des jüdischen Gottes der Himmel.

In der »Biblia Hebraica« werden zwar verschiedene Begriffe für »Gott« verwendet, aber immer wird er als Gott der Himmel bezeichnet. Wie aber muss man »Gott der Himmel« verstehen? Nach Rücksprache mit jüdischen Schriftgelehrten weiß ich, dass damit »Gott der Welten« gemeint ist. Es gibt fremde Erden, fremde Welten und alle haben einen eigenen Himmel.

Zur Erinnerung: Ich suchte im siebenbändigen Werk »Legends of the Jews« von Ginzberg nach Informationen über Welten/ Erden im Weltall und wurde rasch fündig. Sieben »Erden« wurden aufgelistet: »erez«, »adamah«, »arka«, »harabah«, »yabbashah«, »tebel« und »heled«. Ginzberg vermerkt (6): »Unsere eigene Erde wird ›heled‹ genannt.«

Die von Louis Ginzberg zusammengetragen Legenden basieren alle auf einer sehr umfangreichen Textsammlung, für die man eigentlich mehrere Leben benötigt, wollte man sie gründlich studieren. Sie stammen alle aus dem »Gemara« des Talmud und wurden bereits beginnend im 2. Jahrhundert nach Christus erfasst. Im 8. Jahrhundert, das gilt als erwiesen, war die komplexe Sammlung komplett und wurde abgeschlossen. Die zum Teil mysteriösen Texte schließen Lücken des »Alten Testaments« oder sollen scheinbare oder echte Widersprüche im »Alten Testament« auflösen. Von manchen Texten sind die Verfasser bekannt, das heißt namhafte Rabbiner werden als Urheber genannt. Ob diese Männer aber tatsächlich die Autoren waren, das muss dahingestellt bleiben.

Foto 3: Moses soll sein Volk in die Freiheit führen.

Geschichten, die wir aus dem »Alten Testament« kennen, werden auch im Koran erzählt. Auch nicht so eifrigen Bibellesern ist bekannt, dass es im »Alten Testament« ausführlich um die Gefangenschaft des »Volkes Israel« in Ägypten geht. Moses soll im Auftrag Gottes das Volk der Israeliten aus der Gefangenschaft holen und ins »Heilige Land« führen. Das 2. Buch Mose wird auch als »Exodus«, zu Deutsch »Auszug« genannt. Die ersten 15 Kapitel dieses Buchs beschreiben die Flucht der Israeliten aus der Sklaverei.

Vom »Alten Testament« zum Koran…. Auch im Koran spielt Moses eine wichtige Rolle. Auch im Koran geht es um die Geschichte der ägyptischen Sklaverei unter dem Joch des Pharao. In der Sure »Die Dichter« lesen wir (7): »Pharao sagte: ›Und was ist der Herr der Welten?‹ Er (Moses) sagte: ›Es ist der Herr der Himmel und der Erde und dessen, was zwischen den beiden ist, wenn ihr nur Gewissheit wolltet.‹«

Foto 4: Moses spielt in der Bibel wie im Koran
eine zentrale Rolle
(Foto im Kloster Benediktbeuern aufgenommen).

Früher bezeichnete man die Texte der Bibel als »kanonisch« und nannte Texte, die nicht in die Bibel aufgenommen wurden als »apokryph«, was mit unbedeutend gleichgesetzt wurde. Heute wird diesen Texten eine größere Bedeutung zugesprochen. Man stellt sie als einen zweiten Kanon (»deuterokanonisch«) neben die Texte der Bibel (»kanonisch«). Damit wurden diese Texte wieder deutlich aufgewertet. Die Bücher »Judit« und »Tobit« werden zu diesem »2. Kanon« gerechnet.

Als wie mächtig der alte Himmelsgott angesehen wurde, das belegen die Bücher Judit und Tobit, die auch vor Luther Gnade gefunden haben. Luther stellte sie in seiner Bibelübersetzung zwischen Altes und Neues Testament. Da wird Gott als »Gott des Himmels« (8) angebetet. Die Gläubigen bauen auf Gott, sehen ihn als Hoffnungsspender (9): »Sei getrost, Tochter, der Herr des Himmels verwandle dein Leid in Freude.«  Immer wieder begegnet uns Gott als »Herr des Himmels«. Wir bleiben im Buch »Tobit« (10): »Der Herr des Himmels sei mit dir und deiner Frau Sara auf dem Wege! … Und Tobias zog von Raguël los, gesund und fröhlich, und er pries den Herrn des Himmels und der Erde, den König über alles, dass er seinen Weg hatte gelingen lassen.« Es ist der »Herr des Himmels und der Erde«, der »König über alles«, der die Geschicke der Menschen lenkt.

Foto 5: Der Turm zu Babel
auf dem Cover der polnischen Ausgabe
meines Buches »Die großen Rätsel...«
Nach der Geschichte vom »Turmbau zu Babel«, wie sie Moses überliefert (11), ist Gott hoch oben im Himmel zuhause. Will er einen Menschen aufsuchen, muss er vom Himmel hoch zur Erde herabsteigen. Diverse Texte des »Alten Testaments« in Hebräisch wie in Aramäisch bezeichnen ihn als den »Gott der Himmel«. Aber auch in deuterokanonischen (apokryphen) Büchern des »Alten Testaments« kommt kein Zweifel auf: Gott ist ein Himmlischer. Er ist im Himmel zuhause.

Zur Erinnerung: Dr. Amira El-Zein, »Georgetown Universität« Katar, Doha, ließ in einem Kommentar im Deutschlandfunk keine Zweifel daran aufkommen, dass der Koran nicht nur die Erde als bewohnten Planeten kennt, sondern deren sieben (12): »Ferner gibt es sieben Himmel und sieben Erden. Sie unterscheiden sich untereinander und von unserer Erde. Alle haben ihre eigene Natur und ihre eigenen Bewohner.«

Als »Herr der Himmel und der Welten« wird Allah im Koran (13) bezeichnet. Und das nicht nur einmal! So heißt es gleich zu Beginn des Koran in Sure 1, »Die Eröffnung« genannt, (14): »Alles Lob gebührt Allah, dem Herrn der Welten.« Ein weiteres Beispiel von vielen (15): »Ich fürchte Allah, den Herrn der Welten.« Und noch ein Beispiel (16): »Alles Lob gebührt Allah, dem Herrn der Welten.« Der Koran fordert (17): »Sprich: ›Allahs Führung ist die eigentliche Führung und uns ist befohlen worden, daß wir uns dem Herrn der Welten ergeben sollen.‹« Der Koran lässt nicht zweifeln (18):

 »Segensreich ist Allah, der Herr der Welten.«  Letztlich ist der Koran für den Gläubigen auch ein Hymnus an Allah, den »Herrn der Himmel und der Welten«, was immer wieder explizit zum Ausdruck kommt (19): »Alles Lob gebührt dem Allah, dem Herrn der Himmel, … dem Herrn der Welten

Was ich als spannend dabei empfinde? Die Autoren von Schriften, die in den Kanon des »Alten Testaments« aufgenommen wurden, haben sich die Himmel als räumlich real vorgestellt. Die Autoren von Schriften, die einst als »apokryph« abgetan wurden, heute aber als »2. Kanon« geschätzt werden, hatten das gleiche Weltbild. Und auch im Koran finde ich dieses Weltbild, von unserer Welt hier und von himmlischen Gefilden ganz weit oben. Gott ist nach den alten Glaubensbildern von dort oben zu uns herab gekommen und wieder empor gestiegen. Zu den spannendsten Themen gehören Reisen in beide Richtungen, nämlich vom Himmel zur Erde und retour! Und Hesekiel scheint zwischendrin gereist zu sein. Es gilt, unzählige alte Schriften nach entsprechenden Berichten zu durchforsten. Und es gilt, Fragen zu stellen.

Foto 6: Gottesmutter Maria
mit Josef und dem Jesuskind. Ikone.
 In der 3. Sure lesen wir (20):

»Und damals sprachen die Engel: ›O Maria, siehe, Allah hat dich auserwählt und gereinigt und erwählt von den Frauen der Welten.« Gemeint ist natürlich Jesu Mutter Maria. Was hat das zu bedeuten, dass Maria erwählt wurde von den Frauen der Welten? Aus den Frauen der Welten! Nimmt man den Vers wörtlich, dann bedeutet dies, dass es noch andere Planeten gab, auf denen auch Frauen lebten.

Maria wurde, so der Text »erwählt von den Frauen der Welten«, also auserwählt aus den Reihen der Frauen der Welten. Wir sind nicht allein im Universum. Das scheint der Verfasser der zitierten Verszeile gewusst zu haben.

Ich gleiche ab mit einer gängigen Übersetzung des Korans ins Englische (21). Auch hier wurde Maria über alle Frauen der Welten (Mehrzahl!) gestellt. Auch hier ist von Welten in der Mehrzahl die Rede.

Fußnoten
(1) Esra Kapitel 5, Verse 11 und 12. Zitat nach »Luther Bibel 2017«
(2) Esra Kapitel 6, Verse 9 und 10. Zitat nach »Luther Bibel 2017«
(3) Esra Kapitel 7, Vers 12
(4) Ebenda, Vers 21
(5) Ebenda, Vers 23
(6) Ginzberg, Louis: »The Legends of the Jews«, Band 1 »From the Creation to Jacob«, Seite 113, 13. Zeile von unten - Seite 115, 12. Zeile von unten. Übersetzung Walter-Jörg Langbein.
(7) »Sure 26. Die Dichter«, Verse 23 und 24 (Sure 26, 23 und 24)
Zitiert habe ich die eBook-Version der Koran-Übersetzung von Simon Abram
(8) Siehe »Judit« Kapitel 5, Vers 8 in der »Luther Bibel 2017«
(9) Siehe »Tobit« Kapitel 7, Vers 17 in der »Luther Bibel 2017«. Siehe »Luther Bibel 1984«, »Tobit« Kapitel 7, Vers 20: »Der Herr des Himmels gebe dir nun Freude, nachdem du so viel Leid erlitten hast.«
(10) »Tobit« Kapitel 10, Verse 11 und 13 in der »Luther Bibel 2017«
(11) 1. Buch Mose Kapitel 11, Verse 1-9
(12) https://www.deutschlandfunk.de/sure-51-vers-56-geister-namens-dschinn.2395.de.html?dram:article_id=415855 Stand 07.05.2020
(13) Sure 45, 36 (Übersetzung/ Version Simon Abram, eBook-Ausgabe)
(14) Sure 1, 2 (Übersetzung/ Version Simon Abram, eBook-Ausgabe)
(15) Sure 5, 28 (Übersetzung/ Version Simon Abram, eBook-Ausgabe)
(16) Sure 6, 45 (Übersetzung/ Version Simon Abram, eBook-Ausgabe)
(17) Sure 6, 71 (Übersetzung/ Version Simon Abram, eBook-Ausgabe)
(18) Sure 7, 54 (Übersetzung/ Version Simon Abram, eBook-Ausgabe)
(19) Sure 45, 36 (Übersetzung/ Version Simon Abram, eBook-Ausgabe)
(20) Sure 3, 42 (Übersetzung/ Version Simon Abram, eBook-Ausgabe)
(21) »The Qur'an (Quran): With Surah Introductions and Appendices - Saheeh International Translation (Englisch)«, Birmingham, 8. Auflage Dezember 2017
Sure 3, 42: »O Mary, indeed Allah has chosen you and purified you and chosen you above the women of the worlds.«

Zu den Fotos
Foto 1: Nebukadnezar, mächtiger Herrscher zu biblischen Zeiten. Foto (gespiegelt, teilweise kontrastverstärkt): Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 2: Nebukadnezar musste auch dem Herrn der Himmel und der Welten gehorchen. Foto (gespiegelt): Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 3: Moses soll sein Volk in die Freiheit führen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Moses spielt in der Bibel wie im Koran eine zentrale Rolle (Foto im Kloster Benediktbeuern aufgenommen). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Der Turm zu Babel auf dem Cover der polnischen Ausgabe meines Buches »Die großen Rätsel...« Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 6: Maria mit Josef und dem Jesuskind. Ikone. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

547. »Von anderen Welten – in und über der Welt«,
Teil 547 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 12. Juli 2020



Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 29. September 2019

506. »Die 3. Schöpfungsgeschichte«

Teil 506 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Das »Alte Testament der Bibel« wartet mit drei Schöpfungsgeschichten auf. Man kann auch von Mythen sprechen. Die älteste Schöpfungsgeschichte, die wir im »Alten Testament« lesen können, entstand zwischen 1200 und 900 vor Christus. Wir finden sie im 1. Buch Mose, allerdings nicht am Anfang, wie man vermuten sollte. Die jüngere Schöpfungsgeschichte steht vor der älteren. Die älteste steht hier: 1. Buch Mose Kapitel 2,  Verse 4 bis 25. Sie entstand zwischen 1200 und 900 vor Christus. 

Als sie geschrieben wurde, verließen verschiedene semitische Stämme die Wüste Sinai und wanderten in das Kulturland Kanaan ein. Nach und nach entstand das Volk Israel als eine zusammengehörige Einheit. Die einzelnen Nomadengruppen waren glücklich ob ihres günstigen Schicksals. Sie waren der Wüste entronnen. Das satte Kulturland Kanaan, in das sie mit mehr oder weniger Gewalt drängten, erschien ihnen wie ein Paradies.


Foto 1: Ebstorfer Weltkarte, entstanden um 1300

So entstand die Beschreibung des Garten Eden (1): »Und Gott der Herr pflanzte einen Garten gegen Morgen....und allerlei Bäume, lustig anzusehen...und es ging aus von Eden ein Strom zu wässern den Garten...und das Gold des Landes ist köstlich.«

Die zweite, mittlere Schöpfungsgeschichte finden wir an eigentlich unvermuteter Stelle: bei den Psalmen, exakter: als Psalm 104, der etwa 600 v. Chr. entstand. Seit der ersten Geschichte sind inzwischen Jahrhunderte verstrichen. Inzwischen gibt es längst ein Volk Israel. Der Staat Judäa hat sich gebildet. Israel ist eine völkische Einheit, das Leben wird von religiösem Kult bestimmt. Das Volk empfindet großes Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Zeiten, da verschiedene Nomadengruppen erst noch zueinander finden mussten, ist vorbei.

Die Form des Textes ist sehr wichtig: Er ist als hymnischer Lobpreis gestaltet, was Zeugnis dafür ablegt, dass sich eine stabile religiöse Gemeinschaft gebildet hat. Im Gegensatz zur ersten, ältesten Schöpfungsgeschichte, steht der Mensch jetzt nicht mehr im Zentrum. Die Schöpfung selbst spielt die Hauptrolle schlechthin, in jenem Stück Literatur von Weltrang. Sie wird in ihrer Vielfältigkeit erfasst. Es wird die Weite des Himmels gelobt, die hohen Berge werden ebenso erwähnt wie die tiefen Täler, zahllose Tiere werden genannt.

Die dritte, jüngste Schöpfungsgeschichte schließlich ist die, die die meisten Menschen als die Schöpfungsgeschichte schlechthin verstehen! Sie steht ganz am Anfang des »Alten Testaments« (Siehe Folge 505!)

587 v. Chr. ist der Tempel zerstört worden. Man hat ihn inzwischen wieder aufgebaut. Die geistige Elite des Volkes Israel hat die schlimme Zeit der babylonischen Gefangenschaft hinter sich gebracht. Gerade diese trostlosen Zeiten fern der geliebten Heimat waren von enormem Einfluss auf das Volk Israel.

Während der Gefangenschaft, also in jenen Jahren, da Hesekiel mysteriösen Erlebnisse hatte, kamen viele Israeliten mit einer neuen Denkungsart in Berührung: mit der Wissenschaft. Während im ältesten Schöpfungsmythos der einzelne Mensch Gott gegenübersteht, wird in der zweiten Geschichte, also in Psalm 104, Gott mit der Gemeinschaft der Prediger und der Betenden konfrontiert.

In der dritten Schöpfungsgeschichte finden wir einen universalen Gott, einen Schöpfer, der sich bei Übersetzung des Originaltexts freilich als eine Ansammlung von Göttern entpuppt.

Wir können uns getrost auf die Suche nach dem Paradies machen. Wo mag es gelegen haben?  Das Wort »Paradies« findet sich nicht im Originaltext. »Paradies« lässt sich vom Persischen ableiten, von »pardes«, was so viel wie Garten heißt. Eden ist sumerischen Ursprungs und bedeutet Ebene. Der Text der dritten Schöpfungsgeschichte im Alten Testament lässt vermuten, dass es sich bei dem Paradies um eine Ebene handelt, in der das Grün von Wiesen dominiert. Wo lag dieses Eden? Wo lag das Paradies?

Foto 2: Der »Garten Eden«,
Hieronymus Bosch,
entstanden etwa 1500 (Ausschnitt)

Die alten Sumerer waren ebenso davon überzeugt, dass es das Paradies, den Garten Eden, wirklich gegeben hat. Die Sumerer beschrieben das Paradies auf Jahrtausende alten Keilschrifttafeln als »Dilmun«. »Dilmun« und »Eden« sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit miteinander identisch.

Das Alte Testament verrät, dass aus jenem Gewässer, das im Paradiese fließt, vier Flüsse werden (2): »Es entspringt aber ein Strom in Eden, den Garten zu bewässern, von da aus teilt er sich in vier Arme: der erste heißt Pischon, das ist der, welcher das ganze Land Chawila umfließt, wo das Gold ist. Und das Gold jenes Landes ist köstlich, auch Balsamerz und Karneolsteine sind dort vorhanden. Der zweite Fluss heißt Gischon: das ist der, welcher das ganze Land Kusch umfließt. Der dritte Fluss heißt Hildekkel, das ist der, welcher östlich von Assur fließt. Der vierte Fluss trägt den Namen Euphrat.«

Laut dem Text des Alten Testaments entspringt im  Paradies ein Fluss, der sich   vierteilt, in vier Flüsse mündet. Diese vier Flüsse hat man schon viele Jahrhunderte lang gesucht. Hildekkel wurde von verschiedenen Paradiesforschern als Tigris-Fluss identifiziert. Übersetzer fügten den Namen, der im hebräischen Original nirgendwo auftaucht, einfach ein, ließen den alten Namen einfach unter den Tisch fallen. War das ein  legitimer Vorgang?

Euphrat und Tigris fließen im Wesentlichen von Norden nach Süden. Wenn die beiden Flüsse einer gemeinsamen Quelle entstammen, dann müsste das Paradies nördlich vom Zweistromland zu finden sein. Andererseits heißt es aber (3), das Paradies habe sich im Osten befunden. In den Osten habe Gott die ersten Menschen gebracht. Andererseits haben sich die Menschen, nachdem sie aus dem Paradies vertrieben worden waren, im Osten niedergelassen. müsste es dann nicht im Westen gelegen haben? (4)

Bevor Sie sich, liebe Leserin und lieber Leser, aufmachen, um das Paradies zu suchen, nehmen Sie sich noch etwas Zeit für meine wortgetreue Übersetzung der 3.Schöpfungsgeschichte! Danke!

1. Buch Mose, Kapitel 2, Verse 4-25

Foto 3: »Der Garten Eden«.
Lukas Cranach der Ältere,
entstanden um 1530 (Ausschnitt).

4) Das sind die Berichte der Schaffung des Himmels und der Erde: ihr Erschaffensein am Tage des Erschaffens, Jahwe, Elohim (=Götter), Erde und Himmel.

5) Und alle Sträucher des freien Feldes noch nicht sie sind auf der Erde und alle Kräuter noch nicht auf dem Felde sprießen sie. Ja, nicht er ließ regnen, Jahwe, Elohim (=Götter), auf die Erde und auf Adam, nicht sein um zu arbeiten auf dem Land.

6) Und Wasserstrom, er steigt auf von dem Lande, er netzte ganz das Antlitz des Ackerlandes.

7) Und er formte, er, Jahwe, Elohim (=Götter), den Adam, Staub von dem Ackerland, und er blies in seine Nasenlöcher den Hauch des Lebens und er wurde, der Mensch, zu einem lebenden Wesen.

8) Und er spannte auf, Jahwe, Elohim, einen Garten in Eden in Richtung Osten und er setzte den Menschen, den er geformt hat, hinein.

9) Und er brachte zu Sprießen, er, Jahwe, Elohim, aus dem Erdenland die Gesamtheit der Bäume, begehrenswert dem Gesicht und gut hinsichtlich des Geschmackes und den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.

10) Und ein Fluss kam heraus aus Eden um zu tränken den Garten und teilt sich dort und er wurde zu vier Häuptern.

11) Der Name des ersten: Pischon, er umfließt das ganze Land Chawilah wo das Gold.

12) Und das Gold des Landes: gut. Dort das Bedellionharz und den Stein Karneol.

13) Und der Name des zweiten Flusses: Gichon, er umgibt das ganze Land Kusch.

14) Und der Name des dritten Flusses: Hidächäl, er fließt östlich von Assyrien, und der Fluss, der vierte, er der Perat.

15) Und er, Jahwe, Elohim, nahm den Adam und er setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bearbeite und bewache.

16) Und er befahl, Jahwe, Elohim, dem Adam, wie folgt: von allen Bäumen des Gartens ein Essen du isst.

17) Und der Baum der Erkenntnis (oder des Wissens/ des Könnens/ der Einsicht) des Guten und des Bösen nicht sollst du essen von ihm, denn an dem Tag deines Essens von ihm ein Sterben du sterben wirst.

18) Und er sprach, Jahwe, Elohim, nicht gut zu sein (für?) Adam sein Alleinsein; ich mache ihm einen Helfer, der ihm gegenüber sei.

19) Und er formte, Jahwe, Elohim, aus dem Ackerboden alle Tiere des freien Feldes und alle Vögel des Himmels. Und er brachte sie zum Menschen, damit er (Gott) sehe, wie er (Mensch) sie ruft. Und so wie er sie nennen würde, so sollten sie heißen.

20) Und er rief, der Mensch, die Namen, dem Vieh allem und allen Vögeln des Himmels und allen Wesen des Feldes und dem Adam nicht fand er einen Helfer als passend zu ihm.

Foto 4: »Der Garten Eden«.
Lukas Cranach der Ältere,
entstanden um 1530 (Ausschnitt).

21) Und er ließ fallen, Jahwe, Elohim, Tiefschlaf über den Menschen und er (der Mensch) schlief ein und er (Jahwe, Elohim) nahm eine von seinen Rippen und er verschloss an ihrer Stelle (mit) Fleisch.

22) Und er baute, er, Jahwe, die Rippe, die er genommen hat aus dem Adam, zu einer Frau und er brachte sie Adam.

23) Und er sprach, Adam: das Knochen von meinen Knochen und Fleisch von meinem Fleisch, sie wird genannt Männin, ja! Weg vom Mann eine genommene diese.

24) Deshalb er wird verlassen, er, ein Mann, seinen Vater und seine Mutter und er wird festhalten an seiner Frau und sie werden sein ein Fleisch.

25) Und sie waren, ihre Zweizahl (noch wörtlicher: Und sie waren sie beide, sie zwei) nackt, der Adam und seine Frau und nicht schämten sie sich.

Fußnoten
(1) 1. Buch Mose Kapitel 2 Vers 8 bis Vers 12
(2) 1. Buch Mose Kapitel 2 Verse 10-14
(3) 1. Buch Mose Kapitel 2 Vers 8
(4) »Wo lag das Paradies?«, »Das Neue Zeitalter«, Nr. 39/ 1986

Zu den Fotos

Foto 1: Ebstorfer Weltkarte, entstanden um 1300. Gemeinfrei
Foto 2: Der »Garten Eden«, Hieronymus Bosch, etwa 1500 (Ausschnitt). Gemeinfrei
Fotos 3 und 4: »Der Garten Eden«. Lukas Cranach der Ältere, entstanden um 1530 (Ausschnitt). Gemeinfrei.


507. »Sündenfall und Vertreibung aus dem Paradies«
Teil 507 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 6. Oktober 2019



Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Labels

Walter-Jörg Langbein (656) Sylvia B. (105) Osterinsel (79) Tuna von Blumenstein (46) Peru (34) Karl May (27) Nan Madol (27) g.c.roth (27) Maria Magdalena (22) Jesus (21) Karl der Große (19) Make Make (19) Externsteine (18) Für Sie gelesen (18) Bibel (17) Der Tote im Zwillbrocker Venn (17) Rezension (17) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Apokalypse (15) Vimanas (15) Atlantis der Südsee (13) Der hässliche Zwilling (13) Weseke (13) Blauregenmord (12) Nasca (12) Palenque (12) meniere desaster (12) Krimi (11) Pyramiden (11) Malta (10) Serie Teil meniere (10) Ägypten (10) Forentroll (9) Mexico (9) National Geographic (9) Straße der Toten (9) Lügde (8) Briefe an Lieschen (7) Monstermauern (7) Sphinx (7) Tempel der Inschriften (7) Winnetou (7) Lyrik (6) Marlies Bugmann (6) Mord (6) Märchen (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) Mexico City (5) Mord in Genf (5) Satire (5) Thriller (5) Atacama Wüste (4) Cheopspyramide (4) Dan Brown (4) Ephraim Kishon (4) Hexenhausgeflüster- Sylvia B. (4) Leonardo da Vinci (4) Machu Picchu (4) Sacsayhuaman (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Meniere (3) Mondpyramide (3) Mord im ostfriesischen Hammrich (3) Mysterien (3) Sakrileg (3) Shakespeare (3) Bevor die Sintflut kam (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Friedhofsgeschichten (2) Goethe (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Münsterland-Krimi (2) Vincent van Gogh (2) Alphabet (1) Bestatten mein Name ist Tod (1) Hexen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen Hexenhausgeflüster (1) Mord Ostfriesland (1) Mord und Totschlag (1) Münsterland (1) einmaleins lernen (1) meniére desaster (1)