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Sonntag, 10. November 2019

512. »Als Adam und Eva Götter waren«

Teil 512 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Wie sah es im Paradies aus? Was spielte sich im Paradies ab? Wer kommt wie ins Paradies und wer nicht? Fragen wie diese versuche ich erst gar nicht zu beantworten.


Adam und Eva
Fotomontage gespiegelt
Links im Bild: Adam nach Lukas Cranach d.Ä.,
In der Mitte: Eva nach Rubens 
Rechts im Bild: Adam nach Dürer
Fotomontage gespiegelt

Stellen wir uns ein riesiges Puzzle vor. Wir wissen: Setzt man alle Einzelteile zusammen, dann entsteht ein Bild von der Vergangenheit unseres Planeten. Nun werden die Einzelheiten aber nicht sorgsam verpackt in einem Karton geliefert. Und wir wissen nicht, wie das fertige Bild aussehen wird. Wir müssen uns die einzelnen Puzzleteilchen mühsam zusammensuchen und hoffen, dass wir ein sinnvolles Bild aufbauen können. Mehr noch: Es soll auch das richtige Gesamtbild entstehen. Das aber ist so einfach nicht.

Sicher, da gibt es Menschen, die uns vorschreiben wollen, wie das Bild am Schluss auszusehen hat. Sie akzeptieren nur solche Puzzles als richtig zusammengesetzt, die ihren Vorstellungen entsprechen. Andere Sichtweisen sind zwar möglich, aber nicht erlaubt.

Erschwerend kommt hinzu, dass viele Puzzleteilchen verlorengegangen sind. Wenn wir »unser« Puzzle zusammenfügen, werden – das ist unumgänglich – Lücken bleiben. Damit nicht genug! Wir werden feststellen, dass es nicht nur ein Bild gibt, das es zu rekonstruieren gilt. Vielmehr werden wir eine Vielzahl von Einzelteilchen finden, die eine ganze Reihe von verschiedenen großen Puzzlebildern ergeben, wobei wir nicht wissen, welches Teilchen in welches Puzzle gehört. Es besteht also die Gefahr, dass wir die falschen Teilchen ins falsche Bild einsetzen. Leicht sind Lücken in einem Bild mit Puzzleteilchen eines anderen Bildes aufgefüllt. Schnell entsteht so ein falsches Bild.

Stellen wir uns ein riesiges Puzzle vor. Es zeigt ein Bild aus frühen Tagen der Menschheit. Wir betrachten das Bild näher und stellen fest, dass große Teile des Bildes dort, wo Teilchen fehlten, mit viel Fantasie ausgemalt wurden.

Unser imaginäres »Bild Nummer 1« zeigt eine Szene aus dem Paradies mit Adam und Eva. Wir erkennen Adam und Eva und natürlich die Schlange. Wir betrachten das Bild und glauben sofort, dass wir die Geschichte kennen, zu der das Bild gehört. Die Schlange verführt Eva, Eva isst von der verbotenen Frucht und verführt nun Adam, der ebenfalls von der verbotenen Frucht isst. Adam und Eva werden aus dem Paradies gejagt. Sie und ihre Nachkommen müssen bis ans Ende der Tage leiden. Eva und ihre weiblichen Nachkommen müssen unter Schmerzen gebären, Adam und seine männlichen Nachkommen müssen bis ans Ende der Zeiten schuften. Ist das die Geschichte? Es ist eine Geschichte, die zum Bild erzählt wird.

Es gibt ein weiteres Bild und dazu eine andere, abweichende Geschichte. Unser imaginäres »Bild Nummer 2« ähnelt dem imaginären »Bild Nummer 1« sehr. Und doch gibt es entscheidende Unterschiede. Eva verführt nicht ihren arglosen Mann Adam. Eva ist nicht die Sünderin, die auch noch ihren Mann Adam ins Verderben reißt. Adam und Eva verstoßen gemeinsam gegen Gottes Verbot. Sie werden aus dem Paradies verbannt. Damit sind sie bestraft genug. Gott verzeiht Adam und Eva. Also kann es in diesem Bild keine Erbsünde geben. Folgerichtig ist auch kein Erlöser nötig.

Imaginäres »Bild Nummer 2« erzählt die Geschichte, so wie sie im Koran steht. Wie im Alten Testament gibt es auch im Koran einen »verbotenen Baum« (1): »Und Wir (Gott) sprachen: ›O Adam, weile du und dein Weib in dem Garten, und esset reichlich von dem Seinigen, wo immer ihr wollt; nur nahet nicht diesem Baume, auf dass ihr nicht Frevler seiet.‹«

Die Verfehlung folgt auf dem Fuß im nächsten Vers (2): »Doch Satan ließ beide daran straucheln und vertrieb sie von dort, worin sie waren. Und Wir (Gott) sprachen: ›Gehet hinweg, einige von euch sind Feinde der anderen, und für euch ist eine Wohnstatt auf Erden und Nießbrauch für eine Weile.« Meiner Meinung wendet sich Gott hier ausschließlich an die Menschen. Nach Vertreibung aus dem Paradies dürfen sie noch weiter, allerdings zeitlich begrenzt, auf der Erde leben.

Übersetzungen des Korans ins Deutsche fallen manchmal relativ unterschiedlich aus. So lesen wir ein einer anderen Übersetzung (3) »›Der eine von euch sei des anderen Feind. Und ihr sollt auf der Erde Wohnstätten und Versorgung auf beschränkte Dauer haben.‹«

Sind nun einige der Menschen Feinde der anderen? Oder ist jeder Mensch des anderen Menschen Feind? In der vielleicht bekanntesten Version des Koran von Rudi Paret wird keine Feindschaft der Menschen untereinander angekündigt, sondern zwischen den Menschen einerseits und dem Satan andererseits (4): »Und wir (Gott) sagten: ›Ihr (d.h. ihr Menschen und der Satan) seid (künftig) einander feind.«

»Adam und Eva«
Fotomontage gespiegelt
Adam rechts und links außen: nach Lukas Cranach d.Ä.
In der Mitte Eva nach Dürer
Fotomontage gespiegelt

Das Paradies scheint sich in der Übersetzung von Paret im Himmel zu befinden. Gott befiehlt den Menschen (5): »Geht (vom Paradies) hinunter auf die Erde)!« Und noch einmal lesen wir bei Paret (6): »Wir (Gott) sagten: ›Geht allesamt von ihm hinunter (auf die Erde).« Auch in der Übersetzung von Simon Abram (7) befiehlt Gott: Raus aus dem Paradies und dann (7): »Geht (vom Paradies) hinunter! ... Geht hinunter von hier allesamt!« Geht –  von wo wohin? Von welchem Ort aus sollen die ersten Menschen zu welchem anderen Ort gehen? Wurden Adam und Eva aus einem Ort im Himmel hinunter auf die Erde geschickt? Konkreter: War das Paradies gar kein Ort auf der Erde, sondern im All? Oder war das Paradies gar kein räumlicher Ort, sondern ein Geisteszustand? So könnte man einen wichtigen Vers in der Koranübersetzung von Paret verstehen (8): »Da veranlaßte sie der Satan, einen Fehltritt zu tun, wodurch sie des Paradieses verlustig gingen, und brachte sie so aus dem (paradiesischen) Zustand heraus, in dem sie sich befunden hatten.« Sollte der Aufenthalt im Paradies lediglich ein »Zustand«, eine Geisteshaltung gewesen sein? Steht der Sündenfall im übertragenen Sinne für eine Abwendung der Menschen vom Glauben?

Nach christlicher Interpretation der Geschichte von Adam und Eva im Paradies verstoßen Adam und Eva gegen göttliches Gebot. Sie werden aus dem Paradies geworfen. Folge der Verfehlung der ersten Menschen ist die Erbsünde, die von nun an alle Menschen bis zum Jüngsten Gericht mit sich schleppen müssen. Erlösung bringt der Opfertod des Messias. Nach muslimischem Glaubensverständnis verzeiht Allah den Menschen unmittelbar nach der Vertreibung aus dem Paradies (9):

»Da empfing Adam von seinem Herrn Worte, worauf Er ihm verzieh; wahrlich, Er ist der Allverzeihende, der Barmherzige.« Eine »Erbsünde« ist im Koran nicht vorgesehen. Das heißt, es muss im Koran auch keinen Erlöser geben, der sich für die Menschen opfert und ermorden lässt.

Wenden wir uns einem dritten imaginären Bild zu! Es ist das älteste, das bislang bekannt wurde. Es hat womöglich jüngeren Bildern (Altes Testament, Koran!) als Vorlage gedient. Die niederländischen Theologen Professorin Marjo C. A. Korpel (*1958) und der emeritierte Theologieprofessor Johannes C. de Moor (*1935) haben dieses dritte »Bild« wieder entdeckt. Es entstand fast ein Jahrtausend vor der Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments und erzählt eine ganz andere Geschichte. Ihr penibel recherchiertes und fundiert begründetes Werk wurde von der »University of Sheffield«, Fachbereich »Biblische Studien« publiziert. Inzwischen liegt eine zweite Auflage in erweiterter Fassung vor (10).

Urgott Ilu schuf den Götterhimmel, die Erde als Zwischenwelt und die Unterwelt. Das Paradies liegt in der Zwischenwelt. Dor steht auch der »Baum des Lebens«. Im Himmel rebelliert Gott Horranu gegen Gott Kirtu. Der ungehorsame Horranu wird aus dem Himmel geworfen und auf die Erde verbannt.

Horranu will die Götter umbringen. Die Himmlischen müssen regelmäßig vom Baum des Lebens essen, damit sie unsterblich bleiben. Die zahlreichen Götter in himmlischen Gefilden leben also nur so lange sie regelmäßig vom Baum des Lebens naschen können. Zu diesem Zweck steigen sie regelmäßig aus dem Himmel zur Erde hinab.

Horranus perfider Racheplan: Er verwandelt sich in eine Schlange und vergiftet den Baum des Lebens. Die Welt überzieht er mit einem giftigen Nebel.

Gott Adammu, die »Urversion« des Adam, wird von den Göttern zur Erde geschickt. Sie gaben ihm totale Macht über die gesamte Erde, nicht nur über ein Flecken Erde namens Paradies. Er soll die Schlange im Baum des Lebens besiegen, damit die Götter endlich wieder Zugang zu den Früchten der Unsterblichkeit haben. Adammu wird von der Monsterschlange gebissen, verliert so im Kampf gegen den Schlangengott seine Unsterblichkeit und wird sterblicher Mensch. Die Götter machen die Muttergöttin Kubaba zur sterblichen Frau und schicken sie dem Ex-Gott Adammu, damit er nicht mehr einsam ist.

Auch auf unserem imaginären »Bild Nummer 3« sehen wir Adam und Eva. Aber beide werden als Ex-Götter gezeigt, die zu Menschen wurden. In der »Urversion« gibt es keine Schuld von Adam und Eva. Es gibt auch keine von Adam und Eva begangene »Erbsünde«.

Auf den Ugaritischen Tafeln rebelliert Gott Horranu im Himmel gegen Gott Kirtu. Ein anderer Name des Obergottes Kirtu war El. Und El begegnet uns auch im Alten Testament.

»Adam und Eva«
Fotomontage, gespiegelt
Links außen und rechts außen: Adam nach Lukas Cranach d.Ä. 
In der Mitte Eva nach Rubens
Fotomontage, gespiegelt
 


Fußnoten
(1) Sure 2, Vers 36 zitiert nach »Koran. Der Heilige Qur-ân: Arabisch / Deutsch Kindle Ausgabe von Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland KdöR (Autor), Hadhrat Mirza Masroor Ahmad (Herausgeber)«, Frankfurt 2013
(2) ebenda, Sure 2, Vers 37
(3) Sure 2, Vers 38, zitiert nach »Der Koran Muslim Bibel Deutsche Ausgabe«, Kindle-Ausgabe, Simon Abram (Herausgeber/ Übersetzer)
(4) Sure 2, Vers 36, zitiert nach »Der Koran/ Übersetzung von Rudi Paret«, Kindler Ausgabe. Die unterschiedlichen Übersetzungen des Koran weichen in der Verszählung geringfügig voneinander ab.
(5) Ebenda
(6) Bei Paret ist das in Sure 2, Vers 37 zu finden.
(7) Sure 2, Vers 38, zitiert nach »Der Koran Muslim Bibel Deutsche Ausgabe«, Kindle-Ausgabe, Simon Abram (Herausgeber/ Übersetzer), hier Verse 36 und 38
(8) Sure 2, Vers 36, zitiert nach »Der Koran/ Übersetzung von Rudi Paret«, Kindler Ausgabe. Die unterschiedlichen Übersetzungen des Koran weichen in der Verszählung geringfügig voneinander ab. Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen.
(9) Sure 2, Vers 37, zitiert nach »Der Koran Muslim Bibel Deutsche Ausgabe«, Kindle-Ausgabe, Simon Abram (Herausgeber/ Übersetzer)
(10) Korpel, Marjo C. A. und De Moor, Johannes C.: »Adam, Eve, and the Devil: A New Beginning«, 2. erweiterte Auflage,  Sheffield, 20. August 2015


513. »Unser Gott und seine Frau«,
Teil 513 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 17. November 2019



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Sonntag, 6. Oktober 2019

507. »Sündenfall und Vertreibung aus dem Paradies«

Teil 507 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: »Der Garten Eden«.
Lucas Cranach der Ältere, um 1530 (Ausschnitt).
Ist es nicht seltsam? Adam und Eva lebten offensichtlich sorgenfrei im Paradies, im Garten Eden. Offenbar genossen diese beiden ersten Menschen ein Leben in Harmonie mit der Tierwelt. Adam und Eva töteten keine Tiere, um ihr Fleisch zu konsumieren. Auch die Tiere fressen sich nicht gegenseitig. Und Adam und Eva mussten keine Angst haben, von einem wilden Tier getötet und verschlungen zu werden. Kurz, Tier und Mensch leben in Frieden und ernährten sich entsprechend, so wie es Gott befohlen hatte (1):

»Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise. Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben. Und es geschah so. Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.«

Ist es nicht seltsam? Adam, Eva und die Tiere lebten in einem unbeschreiblichen Idyll… und es findet sich keine einzige Zeile über das paradiesische Leben. Erst beim Rausschmiss aus dem Paradies erkennen Adam und Eva, dass sie nackt sind (2). Kein Wort wird darüber verloren, wie denn die Nackedeis im Paradies gelebt haben.

Sicher, zumindest das erfahren wir, Adam war eine Art Gärtner im Garten Eden, von Gott höchstpersönlich mit dieser Aufgabe betraut (3): »Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.« In meiner wortwörtlichen Übersetzung liest sich das so: »Und er, Jahwe, Elohim, nahm den Adam und er setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bearbeite und bewache.«

Wie müssen wir uns Adams Arbeit im sprichwörtlichen Adamskostüm vorstellen? Die wortwörtliche Übersetzung hat einen Nachteil. Sie liest sich alles andere als flüssig. Wir sind gezwungen, den Text langsam und gründlich, Wort für Wort zu erschließen. Und genau das ist der Vorteil der wortwörtlichen Übersetzung: Wir gehen nicht über den Text hinweg, weil wir ja alle Einzelheiten zu kennen meinen. Wir überlesen ohne zu zögern ganz Entscheidendes: Gott (Jahwe Elohim) erlaubt den Verzehr aller Früchte im Garten Eden, die Früchte eines einzigen Baums aber sind Tabu (4): »Aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.«

Foto 2: Adam und Eva,
alte Bibelillustration (1716).
Wem verbietet Gott, die Früchte vom Baum der Erkenntnis zu essen? Wem droht Gott, dass er seine Unsterblichkeit verlieren und sterben wird, so er gegen das Verbot verstößt? Vom Verbot betroffen ist ausschließlich Adam, denn Eva hat zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht existiert! Wieso wird dann Eva nach dem Verzehr der verbotenen Frucht wie Adam bestraft, obwohl sie von dem Verbot gar nichts wissen konnte?

Je gründlicher wir den Bibeltext lesen, desto mehr offene Fragen ergeben sich, die in der Bibel nicht beantwortet werden! Von welchem Baum darf Adam nicht essen: vom Baum des Lebens oder vom Baum der Erkenntnis? Es ist da ganz eindeutig von zwei besonderen Bäumen zu lesen, die Gott im Garten Eden wachsen ließ (5):

»Und er (Gott) brachte zum Sprießen, er, Jahwe, Elohim, aus dem Erdenland die Gesamtheit der Bäume, begehrenswert dem Gesicht und gut hinsichtlich des Geschmackes und den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.« Es wird ganz klar unterschieden zwischen dem »Baum des Lebens« einerseits und dem »Baum der Erkenntnis« andererseits. Von welchem dieser beiden Bäume darf Adam nicht essen?
Eva wird von der Schlange dazu gebracht, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Sie verleitet Adam dazu, ebenfalls von den verbotenen Früchten zu naschen. Beide erkennen, dass sie nackt sind. Gott bestraft Adam, Eva und die Schlange, obwohl er sein Verbot nur gegenüber Adam ausgesprochen hat. Adam und Eva werden aus dem Paradies geworfen. Bewaffnete Cherubim verhindern, dass die beiden Menschen ins Paradies zurückkehren.

Zurück zu meiner wortwörtlichen Übersetzung:

1. Buch Mose Kapitel 3 (Genesis Kapitel 3)

1a) Und die Schlange, sie war klug von allen Lebewesen des Feldes her, die gemacht hat Jahwe, Elohim (=Götter).
1b) Und sie sprach zur Frau: Selbst wenn er gesprochen hat, Gott, nicht sollst du essen von den Früchten der Bäume des Gartens. (Sollte er, Gott, gesprochen haben: Nicht sollst du essen von den Früchten der Bäume des Gartens?)

2) Und sie sprach, die Frau, zur Schlange: Von den Früchten der Bäume des Gartens essen wir.

3) Und von den Früchten des Baumes, welcher in der Mitte des Gartens, sagte Gott, nicht sollt ihr essen von ihm und nicht sollt ihr berühren ihn, damit ihr nicht sterbt!

4) Und es sprach die Schlange zu der Frau: Ein Sterben werdet Ihr nicht sterben!

5) Denn er hat erkannt, Gott, dass am Tag, da ihr gegessen habt davon, sie werden geöffnet, eure Augen und ihr werdet sein wie Gott, Erkennende gut und böse.

Foto 3: Adam und Eva.
Kupferstich von Hieronymus Sperling
(Denn Gott hat erkannt, dass am Tag, da ihr von den Früchten gegessen habt, eure Augen geöffnet werden und ihr wie Gott werdet und Gut und Böse erkennen werdet!)

6) Und sie sah, die Frau, dass gut (oder: schön) der Baum hinsichtlich des Essens und dass schön (auch: gut) er ist den Augen und begehrenswert der Baum des Verstehens. Und so nahm sie von seinen Früchten und sie aß und sie gab auch dem Mann, (der) bei ihr (war), und er aß (auch).

7) Und es wurden geöffnet ihnen beiden die Augen, und sie sahen, dass sie (beide) nackt waren und sie nähten sich Laub vom Feigenbaum und sie machten sich Schürze.

8) Und sie hörten die Stimme, von Jahwe, Elohim , umhergehend in dem Garten im Wind des Abends, und er hielt sich verborgen, der Adam und seine Frau vor dem Angesicht Jahwe, Elohim im Gebüsch (eigentlich: im Baum!) des Gartens.

9) Und er rief, Jahwe, Elohim, dem Adam. Und er sprach: Wo bist du?

10) Und er sprach: deine Stimme - ich hörte (sie) im Garten und ich war ängstlich, da ich nackt bin und mich fürchte!

11) Und er sprach: Wer erzählte dir, dass nackt du, hast du von dem Baum, von dem ich dir befahl, nicht von ihm zu essen, ein Essen davon hast du gegessen?

12) Und er sprach, Adam: die Frau, welche du mir gabst, sie gab ihn mir, weg vom Baum und ich aß.

13) Und er sprach, Jahwe, Elohim, zu der Frau: warum tatest du jenes und sie sprach, die Frau: die Schlange, sie gab mir, verführte mich (oder: täuschte mich) und ich aß.

14) Und er sprach, Jahwe, Elohim, zu der Schlange: weil du tatest solches, ich sondere dich ab von allen Tieren und allen Lebewesen des Feldes, auf dem Bauch du gehst und Staub du isst alle Tage deines Lebens.

15) Und Feindschaft setze ich zwischen dich und zwischen der Frau und zwischen deine Nachkommen und zwischen ihre Nachkommen, er wird zermalmen deinen Kopf (oder: er zermalmt deinen Kopf) und du wirst schnappen (oder: du schnappst) ihm in die Ferse.

16) Der Frau sagte er: ein Großmachen ich mache groß deine Mühsal und deine Schwangerschaft, in Schmerz sollst du gebären Kinder und dein Verlangen wird sein nach deinem Mann und er, er herrscht über dich!

17) Und zu Adam sprach er: weil du hörtest auf die Stimme deiner Frau und du aßest von dem Baum, von dem gilt ich beorderte wie folgt: nicht sollst du essen von ihm, er sei mit einem Fluch belegt der Acker wegen dir und in Mühsal sollst du essen alle Tage deines Lebens!

Foto 4: Eva mit Lebensbaum
und Schlange
(Kilianskirche, Lügde)
18) Und Dornen und Disteln wird er zum Sprießen bringen dir und du wirst essen von den Kräutern des Feldes.

19) Im Schweiße deines Angesichts du wirst essen das Brot bis zu deinem Wiederwerden zu Erde weil weg von ihr bist du genommen worden, denn: Erde du! und zu Erde du wirst zurückkehren.

20) Und er rief, Adam, einen Namen seiner Frau: Chawa, denn sie wurde die Mutter aller Lebenden.

21) Und er machte, Jahwe, Elohim, dem Adam und seiner Frau Kleidung-Fell.

22) Und er sprach, Jahwe, Elohim: siehe, der Mensch entsprechend einem von uns betreffend gut und böse er weiß und nun damit er nicht ausstreckt seine Hand und er nimmt auch von dem Baum des Lebens und er isst und er lebt für alle Zeit.

23) Und er schickte ihn weg, Jahwe, weg aus dem Garten Eden zu bearbeiten den Acker, von welchem er genommen war.

24) Und er vertrieb den Adam, und er ließ wohnen im Osten des Garten Eden die Kerubim und die Klinge des Schwertes, das gezückt zum Bewachen des Weges des Baumes des Lebens.

Foto 5
Fußnoten
(1) 1. Buch Mose, Kapitel 1, Verse 29-31
(2) 1. Buch Mose, Kapitel 3, Vers 7
(3) 1. Buch Mose, Kapitel 2, Vers 1
(4) 1. Buch Mose, Kapitel 2, Vers 17
(5) 1. Buch Mose, Kapitel 2, Vers 9

Zu den Fotos
Foto 1: »Der Garten Eden«. Lucas Cranach der Ältere, um 1530.
Foto 2: Adam und Eva, alte Bibelillustration (1716).
Foto 3: Adam und Eva Kupferstich von Hieronymus Sperling (*1695; †1777).
Foto 4: Eva mit Lebensbaum und Schlange (Kilianskirche Lügde, Decke). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Vertreibung aus dem Paradies, Gemälde von Giovanni di Paolo um 1445 (Ausschnitt).
Foto 6: Aus einer illustrierten hebräischen Bibel (COLLAGE!!!)



508. »Die Sache mit der Erbsünde«,
Teil 508 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 13. Oktober 2019


Foto 6: Aus einer illustrierten hebräischen Bibel
(COLLAGE!!!)


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Sonntag, 29. September 2019

506. »Die 3. Schöpfungsgeschichte«

Teil 506 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Das »Alte Testament der Bibel« wartet mit drei Schöpfungsgeschichten auf. Man kann auch von Mythen sprechen. Die älteste Schöpfungsgeschichte, die wir im »Alten Testament« lesen können, entstand zwischen 1200 und 900 vor Christus. Wir finden sie im 1. Buch Mose, allerdings nicht am Anfang, wie man vermuten sollte. Die jüngere Schöpfungsgeschichte steht vor der älteren. Die älteste steht hier: 1. Buch Mose Kapitel 2,  Verse 4 bis 25. Sie entstand zwischen 1200 und 900 vor Christus. 

Als sie geschrieben wurde, verließen verschiedene semitische Stämme die Wüste Sinai und wanderten in das Kulturland Kanaan ein. Nach und nach entstand das Volk Israel als eine zusammengehörige Einheit. Die einzelnen Nomadengruppen waren glücklich ob ihres günstigen Schicksals. Sie waren der Wüste entronnen. Das satte Kulturland Kanaan, in das sie mit mehr oder weniger Gewalt drängten, erschien ihnen wie ein Paradies.


Foto 1: Ebstorfer Weltkarte, entstanden um 1300

So entstand die Beschreibung des Garten Eden (1): »Und Gott der Herr pflanzte einen Garten gegen Morgen....und allerlei Bäume, lustig anzusehen...und es ging aus von Eden ein Strom zu wässern den Garten...und das Gold des Landes ist köstlich.«

Die zweite, mittlere Schöpfungsgeschichte finden wir an eigentlich unvermuteter Stelle: bei den Psalmen, exakter: als Psalm 104, der etwa 600 v. Chr. entstand. Seit der ersten Geschichte sind inzwischen Jahrhunderte verstrichen. Inzwischen gibt es längst ein Volk Israel. Der Staat Judäa hat sich gebildet. Israel ist eine völkische Einheit, das Leben wird von religiösem Kult bestimmt. Das Volk empfindet großes Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Zeiten, da verschiedene Nomadengruppen erst noch zueinander finden mussten, ist vorbei.

Die Form des Textes ist sehr wichtig: Er ist als hymnischer Lobpreis gestaltet, was Zeugnis dafür ablegt, dass sich eine stabile religiöse Gemeinschaft gebildet hat. Im Gegensatz zur ersten, ältesten Schöpfungsgeschichte, steht der Mensch jetzt nicht mehr im Zentrum. Die Schöpfung selbst spielt die Hauptrolle schlechthin, in jenem Stück Literatur von Weltrang. Sie wird in ihrer Vielfältigkeit erfasst. Es wird die Weite des Himmels gelobt, die hohen Berge werden ebenso erwähnt wie die tiefen Täler, zahllose Tiere werden genannt.

Die dritte, jüngste Schöpfungsgeschichte schließlich ist die, die die meisten Menschen als die Schöpfungsgeschichte schlechthin verstehen! Sie steht ganz am Anfang des »Alten Testaments« (Siehe Folge 505!)

587 v. Chr. ist der Tempel zerstört worden. Man hat ihn inzwischen wieder aufgebaut. Die geistige Elite des Volkes Israel hat die schlimme Zeit der babylonischen Gefangenschaft hinter sich gebracht. Gerade diese trostlosen Zeiten fern der geliebten Heimat waren von enormem Einfluss auf das Volk Israel.

Während der Gefangenschaft, also in jenen Jahren, da Hesekiel mysteriösen Erlebnisse hatte, kamen viele Israeliten mit einer neuen Denkungsart in Berührung: mit der Wissenschaft. Während im ältesten Schöpfungsmythos der einzelne Mensch Gott gegenübersteht, wird in der zweiten Geschichte, also in Psalm 104, Gott mit der Gemeinschaft der Prediger und der Betenden konfrontiert.

In der dritten Schöpfungsgeschichte finden wir einen universalen Gott, einen Schöpfer, der sich bei Übersetzung des Originaltexts freilich als eine Ansammlung von Göttern entpuppt.

Wir können uns getrost auf die Suche nach dem Paradies machen. Wo mag es gelegen haben?  Das Wort »Paradies« findet sich nicht im Originaltext. »Paradies« lässt sich vom Persischen ableiten, von »pardes«, was so viel wie Garten heißt. Eden ist sumerischen Ursprungs und bedeutet Ebene. Der Text der dritten Schöpfungsgeschichte im Alten Testament lässt vermuten, dass es sich bei dem Paradies um eine Ebene handelt, in der das Grün von Wiesen dominiert. Wo lag dieses Eden? Wo lag das Paradies?

Foto 2: Der »Garten Eden«,
Hieronymus Bosch,
entstanden etwa 1500 (Ausschnitt)

Die alten Sumerer waren ebenso davon überzeugt, dass es das Paradies, den Garten Eden, wirklich gegeben hat. Die Sumerer beschrieben das Paradies auf Jahrtausende alten Keilschrifttafeln als »Dilmun«. »Dilmun« und »Eden« sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit miteinander identisch.

Das Alte Testament verrät, dass aus jenem Gewässer, das im Paradiese fließt, vier Flüsse werden (2): »Es entspringt aber ein Strom in Eden, den Garten zu bewässern, von da aus teilt er sich in vier Arme: der erste heißt Pischon, das ist der, welcher das ganze Land Chawila umfließt, wo das Gold ist. Und das Gold jenes Landes ist köstlich, auch Balsamerz und Karneolsteine sind dort vorhanden. Der zweite Fluss heißt Gischon: das ist der, welcher das ganze Land Kusch umfließt. Der dritte Fluss heißt Hildekkel, das ist der, welcher östlich von Assur fließt. Der vierte Fluss trägt den Namen Euphrat.«

Laut dem Text des Alten Testaments entspringt im  Paradies ein Fluss, der sich   vierteilt, in vier Flüsse mündet. Diese vier Flüsse hat man schon viele Jahrhunderte lang gesucht. Hildekkel wurde von verschiedenen Paradiesforschern als Tigris-Fluss identifiziert. Übersetzer fügten den Namen, der im hebräischen Original nirgendwo auftaucht, einfach ein, ließen den alten Namen einfach unter den Tisch fallen. War das ein  legitimer Vorgang?

Euphrat und Tigris fließen im Wesentlichen von Norden nach Süden. Wenn die beiden Flüsse einer gemeinsamen Quelle entstammen, dann müsste das Paradies nördlich vom Zweistromland zu finden sein. Andererseits heißt es aber (3), das Paradies habe sich im Osten befunden. In den Osten habe Gott die ersten Menschen gebracht. Andererseits haben sich die Menschen, nachdem sie aus dem Paradies vertrieben worden waren, im Osten niedergelassen. müsste es dann nicht im Westen gelegen haben? (4)

Bevor Sie sich, liebe Leserin und lieber Leser, aufmachen, um das Paradies zu suchen, nehmen Sie sich noch etwas Zeit für meine wortgetreue Übersetzung der 3.Schöpfungsgeschichte! Danke!

1. Buch Mose, Kapitel 2, Verse 4-25

Foto 3: »Der Garten Eden«.
Lukas Cranach der Ältere,
entstanden um 1530 (Ausschnitt).

4) Das sind die Berichte der Schaffung des Himmels und der Erde: ihr Erschaffensein am Tage des Erschaffens, Jahwe, Elohim (=Götter), Erde und Himmel.

5) Und alle Sträucher des freien Feldes noch nicht sie sind auf der Erde und alle Kräuter noch nicht auf dem Felde sprießen sie. Ja, nicht er ließ regnen, Jahwe, Elohim (=Götter), auf die Erde und auf Adam, nicht sein um zu arbeiten auf dem Land.

6) Und Wasserstrom, er steigt auf von dem Lande, er netzte ganz das Antlitz des Ackerlandes.

7) Und er formte, er, Jahwe, Elohim (=Götter), den Adam, Staub von dem Ackerland, und er blies in seine Nasenlöcher den Hauch des Lebens und er wurde, der Mensch, zu einem lebenden Wesen.

8) Und er spannte auf, Jahwe, Elohim, einen Garten in Eden in Richtung Osten und er setzte den Menschen, den er geformt hat, hinein.

9) Und er brachte zu Sprießen, er, Jahwe, Elohim, aus dem Erdenland die Gesamtheit der Bäume, begehrenswert dem Gesicht und gut hinsichtlich des Geschmackes und den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.

10) Und ein Fluss kam heraus aus Eden um zu tränken den Garten und teilt sich dort und er wurde zu vier Häuptern.

11) Der Name des ersten: Pischon, er umfließt das ganze Land Chawilah wo das Gold.

12) Und das Gold des Landes: gut. Dort das Bedellionharz und den Stein Karneol.

13) Und der Name des zweiten Flusses: Gichon, er umgibt das ganze Land Kusch.

14) Und der Name des dritten Flusses: Hidächäl, er fließt östlich von Assyrien, und der Fluss, der vierte, er der Perat.

15) Und er, Jahwe, Elohim, nahm den Adam und er setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bearbeite und bewache.

16) Und er befahl, Jahwe, Elohim, dem Adam, wie folgt: von allen Bäumen des Gartens ein Essen du isst.

17) Und der Baum der Erkenntnis (oder des Wissens/ des Könnens/ der Einsicht) des Guten und des Bösen nicht sollst du essen von ihm, denn an dem Tag deines Essens von ihm ein Sterben du sterben wirst.

18) Und er sprach, Jahwe, Elohim, nicht gut zu sein (für?) Adam sein Alleinsein; ich mache ihm einen Helfer, der ihm gegenüber sei.

19) Und er formte, Jahwe, Elohim, aus dem Ackerboden alle Tiere des freien Feldes und alle Vögel des Himmels. Und er brachte sie zum Menschen, damit er (Gott) sehe, wie er (Mensch) sie ruft. Und so wie er sie nennen würde, so sollten sie heißen.

20) Und er rief, der Mensch, die Namen, dem Vieh allem und allen Vögeln des Himmels und allen Wesen des Feldes und dem Adam nicht fand er einen Helfer als passend zu ihm.

Foto 4: »Der Garten Eden«.
Lukas Cranach der Ältere,
entstanden um 1530 (Ausschnitt).

21) Und er ließ fallen, Jahwe, Elohim, Tiefschlaf über den Menschen und er (der Mensch) schlief ein und er (Jahwe, Elohim) nahm eine von seinen Rippen und er verschloss an ihrer Stelle (mit) Fleisch.

22) Und er baute, er, Jahwe, die Rippe, die er genommen hat aus dem Adam, zu einer Frau und er brachte sie Adam.

23) Und er sprach, Adam: das Knochen von meinen Knochen und Fleisch von meinem Fleisch, sie wird genannt Männin, ja! Weg vom Mann eine genommene diese.

24) Deshalb er wird verlassen, er, ein Mann, seinen Vater und seine Mutter und er wird festhalten an seiner Frau und sie werden sein ein Fleisch.

25) Und sie waren, ihre Zweizahl (noch wörtlicher: Und sie waren sie beide, sie zwei) nackt, der Adam und seine Frau und nicht schämten sie sich.

Fußnoten
(1) 1. Buch Mose Kapitel 2 Vers 8 bis Vers 12
(2) 1. Buch Mose Kapitel 2 Verse 10-14
(3) 1. Buch Mose Kapitel 2 Vers 8
(4) »Wo lag das Paradies?«, »Das Neue Zeitalter«, Nr. 39/ 1986

Zu den Fotos

Foto 1: Ebstorfer Weltkarte, entstanden um 1300. Gemeinfrei
Foto 2: Der »Garten Eden«, Hieronymus Bosch, etwa 1500 (Ausschnitt). Gemeinfrei
Fotos 3 und 4: »Der Garten Eden«. Lukas Cranach der Ältere, entstanden um 1530 (Ausschnitt). Gemeinfrei.


507. »Sündenfall und Vertreibung aus dem Paradies«
Teil 507 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 6. Oktober 2019



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Sonntag, 17. Juni 2018

439 »Nichts wird ihnen unmöglich sein!«

Teil 439 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Adam und Eva
Der biblische Prophet Elias, so vermeldet es das »Alte Testament«  wurde mit einem »feurigen Wagen« in den Himmel »entrückt« (1). Im Judentum verbreitete sich rasch der Glaube, Elias sei lebendig in den Himmel entführt worden. Einst werde er als Begleiter aus den himmlischen Gefilden zur Erde zurückkehren. Um Christi Geburt war im »Heiligen Land« die Hoffnung groß, der Messias würde zurückkehren und die Römer vertreiben. Und so flohen die Menschen aus der verhassten Realität in die Hoffnung. Das harte Regiment der Römer wurde erträglicher, je fester man an die Rückkehr von Elias und des Messias glaubte.

Interessant ist die Geschichte vom »feurigen Wagen« auch heute noch. Offenbar war man vor Jahrtausenden im »Heiligen Land« mit »feurigen Himmelswagen« durchaus vertraut. Kurz und bündig heißt es im »Alten Testament«, dass Elias zunächst gar nicht in den Himmel verschleppt werden wollte. Doch der HERR gibt seinen Plan nicht auf und so wird Elias zum Entführungsopfer, vergleichbar mit jenen Menschen, die an Bord von UFOs verschleppt werden, so man das weltweit auftretende Phänomen als etwas Reales akzeptiert). Im 2. Buch der Könige lesen wird (2): »Als aber der HERR Elia im Wettersturm gen Himmel holen wollte, gingen Elia und Elisa von Gilgal weg. Und als sie miteinander gingen und redeten, siehe, da kam ein feuriger Wagen mit feurigen Rossen, die schieden die beiden voneinander. Und Elia fuhr im Wettersturm gen Himmel.«

Jesus, der nach alter Götter Sitte gen Himmel fuhr, verkündete seinen treuen Jüngern (3): »Und nichts wird euch unmöglich sein.« Menschen waren freilich nicht allmächtig, nur Götter waren das. Und nur Göttern war nichts unmöglich, also alles möglich.

Schon im vielleicht bekanntesten Text der Bibel wird der Mensch in seine Schranken verwiesen. Die Rede ist von einer bemerkenswerten Szene im Paradies. Gott hat Adam erschaffen und ins Paradies gesetzt. Zu Intimitäten freilich kann es nicht kommen, denn Eva ist noch nicht in Adams Leben getreten. Ansonsten darf Adam alles tun, es gibt nur ein Tabu (4): »Und Gott, der HERR, gebot dem Menschen und sprach: Von jedem Baum des Gartens darfst du essen; aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon darfst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon isst, musst du sterben!« Lucas Cranach (*um den 4.10.1472 im oberfränkischen Kronach; †16.10.1553) wusste diese biblischen Szenen herrlich darzustellen.

An dieses Verbot hat sich Adam offenbar gehalten. Dann aber wird Gott wieder schöpferisch aktiv. Eva entsteht aus einer Rippe Adams. Und die wird von der bösen Schlange in Versuchung geführt (5): »Und die Schlange war listiger als alle Tiere des Feldes, die Gott, der HERR, gemacht hatte; und sie sprach zu der Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Von allen Bäumen des Gartens dürft ihr nicht essen? Da sagte die Frau zur Schlange: Von den Früchten der Bäume des Gartens essen wir; aber von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Ihr sollt nicht davon essen und sollt sie nicht berühren, damit ihr nicht sterbt!«

Foto 2: Gott verbietet Adam und Eva die geheimnisvollen Früchte.

Die Schlange macht Eva ein Angebot, das sie nicht ausschlagen kann (6): »Keineswegs werdet ihr sterben! Sondern Gott weiß, dass an dem Tag, da ihr davon esst, eure Augen aufgetan werden und ihr sein werdet wie Gott, erkennend Gutes und Böses.« Mit anderen Worten: Wer von den verbotenen Früchten isst, der wird wie Gott. Die Strafe folgt auf dem Fuß: Adam und Eva werden aus dem Paradies verbannt.

Wenig später wird erneut das Thema »Menschen wollen wie Gott sein« aufgegriffen: in der Episode »Der Turmbau zu Babel« (7). Die Menschen machen sich an die Arbeit. Sie errichten den legendären Turm zu Babel. Gott ist über diese Anmaßung alles andere als erfreut. Nach dem Motto »Wehret den Anfängen!« greift er ein (8): »Siehe, ein Volk sind sie, und eine Sprache haben sie alle, und dies ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts unmöglich sein, was sie zu tun ersinnen.« Gott stoppt das Projekt »Turm zu Babel«. Motiv: Die Menschen dürfen nicht gottgleich werden.

Übrigens: Die von der Bibel angebotene sprachliche Erklärung von »Babel« völlig falsch. »Babel« hat mit dem hebräischen »balal«, zu Deutsch »verwirren« nichts zu tun. Babel leitet sich eindeutig vom Babylonisch-Sumerischen »bab-ili« her, zu Deutsch von »Tor der Götter«. Damit wird auch schon rein sprachlich klar: Vorbild für den Turmbau ist der babylonische Zikkurrat, mehrstufige Türme. Vielleicht dienten sie als Ersatz für heilige Berge rein sakralen Zwecken. Vielleicht wurden sie auch als Observatorien zur Sternbeobachtung benutzt.

Foto 3: Die Schlange verleitet Adam und Eva zur ersten Sünde.

Rund zwei Jahrtausende v. Chr. stand das Vorbild für den biblischen Turm, der »Etemenanki« in Babylon direkt beim Tempel des Gottes Marduk. Errichtet wurde er nicht aus menschlicher Arroganz, nicht zum Hohn, sondern zu Ehren der babylonischen Götter. Hauptgott Marduk stieg nach uralter babylonischer Überlieferung zum Jahresanfang über den Turm vom Himmel zur Erde herab. Dieses Motiv findet sich auch in der Bibel wieder. Auch Jahwe steigt vom Himmel zur Erde herab, ganz wie sein babylonischer Kollege Marduk.

Zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus hat ein neues Projekt »Babel« längst begonnen. Der Mensch verfügt über ein Gehirn, dessen Leistungen im Vergleich zu den ersten Computern atemberaubend sind. Doch das biologische Gehirn wird vom Menschen kaum voll genutzt und ist zudem in seinen Kapazitäten begrenzt. Logische Konsequenz: künstliche Intelligenz wird geschaffen.

Die Vorgehensweise ist vorhersehbar: Phase 1. Durch Einbau von Chips und Computerelementen wird das menschliche Hirn effektiver. Es wird nicht nur leistungsfähiger, es kann immer auf »Höchstleistung« gefahren werden. Phase 2: Die biologischen Anteile des Gehirns werden komplett durch nichtbiologische, künstliche Intelligenz ersetzt. Phase 3: Das nichtbiologische Gehirn erhält einen nichtbiologischen Körper, der dem anfälligen biologischen Körper haushoch überlegen ist. Phase 4: Die künstliche Intelligenz verbessert sich ständig selbst. Der neue, nichtbiologische »Mensch« wird unsterblich und entspricht immer mehr dem, was man bislang als »Gott« bezeichnet hat.

Foto 4: Turm zu Babel von Lucas van Valckenborch  (1535–1597)

Prof. Dr. Raymond Kurzweil (*12.02.1948) verfasste ein bahnbrechendes Werk zum Thema »künstliche Intelligenz« (9). Kurzweil, von Bill Gates als »führender Experte im Bereich der Künstlichen Intelligenz« gepriesen, ist davon überzeugt, dass schon 2030 die künstliche Intelligenz die biologische einholen, ja überholen wird (10): »Obwohl die reinen Kapazitäten biologischer und nicht biolo0gischer Intelligenz dann ungefähr gleich sind, wird die nichtbiologische Intelligenz bereits überlegen sein.« Von da an wird sich die künstliche Intelligenz immer schneller und schneller verbessern, steigern. Für das Jahr 2045 prognostiziert Prof. Dr. Raymond Kurzweil (11): »Die nichtbiologische Intelligenz, die in diesem Jahr geschaffen werden wird, wird eine Milliarde Mal leistungsfähiger sein als die gesamte menschliche Intelligenz heute.«

Die Prognosen von Prof. Dr. Raymond Kurzweil in Sachen künstliche Intelligenz muten kühn an. Sie sind aber präzise belegt. Bill Gates ist fasziniert von den heute noch fantastisch anmutenden Vorhersagen. So mancher Wissenschaftler wird sie strikt ablehnen, für unmöglich erklären. Sir Arthur C. Clarke (12) brachte es auf den Punkt: »Wenn ein … Wissenschaftler sagt, etwas sei möglich, dann hat er ziemlich sicher recht, wenn er aber sagt, es sei unmöglich, dann liegt er höchstwahrscheinlich falsch.« In der Tat, so ist es: So galten in der Welt der Wissenschaft Düsenflugzeuge, die tagtäglich Millionen von Menschen zu allen Orten unseres Planeten schaffen, ursprünglich als »physikalisch unmöglich«.

Foto 5: Turm zu Babel (Pieter Brueghel der Ältere)

Kühne Zukunftsvisionen formulierte einst im frühen 20. Jahrhundert Hermann Oberth (13). Der »Vater der Weltraumfahrt« kam durch ein Werk der Fantasie auf seinen »Mondtrip«. Als Schüler las er »Von der Erde zum Mond« (1865 erschienen) von Jules Vernes und begann zu rechnen. Der italienische Dominikaner Tommaso Campanella, eigentlich Giovanni Domenico (14): »Alles, was die Wissenschaftler … mit Hilfe einer unbekannten Kunst vollbringen, wird Magie genannt … Denn Technologie wird immer als Magie bezeichnet, bevor sie verstanden wird, und nach einer gewissen Zeit entwickelt sie sich zu einer normalen Wissenschaft.«

Fußnoten

(1) 2. Könige Kapitel 2, Verse 1-18
(2) Ebendas Verse 1 unf 11
(3) Evangelium nach Matthäus Kapitel 17, Vers 21
(4) 1. Buch Mose Kapitel 2, Verse 16 und 17
(5) 1. Buch Mose Kapitel 3, Verse 1-3
(6) Ebenda, Verse 4 und 5
(7) 1. Buch Mose Kapitel 11, Verse 1-9
(8) ebenda, Vers 6
(9) Kurzweil, Ray: »Menschheit 2.0/ Die Singularität naht«,  eBook-Ausgabe, 2. Durchgesehene Auflage, Berlin 2014
(10) Ebenda, Pos. 2568
(11) Ebenda, Pos. 2581
(12) *16.12.1917; †19.03.2008
(13) *25. 06.1894; †28. 12. 1989
(14) *5.9.1568; †21.5.1639

Zu den Fotos:
Foto 1: Adam und Eva im Paradies, Hieronymus Bosch  (circa 1450–1516). Wikimedia commons.
Foto 2: Gott verbietet Adam und Eva die geheimnisvollen Früchte. Lucas Cranach der Ältere (*um den 4.10.1472 im oberfränkischen Kronach; †16.10.1553). Wikimedia commons.
Foto 3: Die Schlange verleitet Adam und Eva zur ersten Sünde. Lucas Cranach der Ältere (*um den 4.10.1472 im oberfränkischen Kronach; †16.10.1553). Wikimedia commons.
Foto 4: Turm zu Babel von Lucas van Valckenborch  (1535–1597). Wikimedia commons.
Foto 5: Turm zu Babel, Pieter Brueghel der Ältere  (etwa 1526–1569). Wikimedia commons.

Zur Lektüre empfohlen
Kurzweil, Ray: »The Age of Spiritual Machines/ When Computers Exceed Human Intelligence«, New York 1999

440 „Mit künstlicher Intelligenz in die Apokalypse?“,
Teil 440 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 24.06.2018

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