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Sonntag, 28. Juni 2020

545. »Elohim (Götter) der Himmel«

Teil 545 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Der Turm zu Babel
(Pieter Bruegel der Ältere um 1563).
Adolf Holl (*1930; †23. Januar 2020) war einer der streitbarsten Theologen der Kirchengeschichte. 1954 wurde er zum Priester geweiht. 1955 promovierte er in katholischer Theologie, 1961 in Philosophie. 1963 wurde Dr. Dr. Adolf Holl Dozent an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien. 1971 erschein  sein Werk »Jesus in schlechter Gesellschaft«. Der Bestseller machte ihn weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt und in manchen Kreisen sehr unbeliebt. Als Bestsellerautor zu einer Art Kultfigur geworden, gestand Adolf Holl in einer Fernsehsendung den Bruch des Zölibats. In Folge wurde er 1976 durch den Wiener Erzbischof Kardinal König, für den er auch Reden geschrieben hatte, vom Priesteramt suspendiert. Dies geschah auf Betreiben der »Kongregation für die Glaubenslehre« (Vatikan).

Holls Kritik am gedankenlosen Glauben fiel beißend aus: »Je religiöser ein Mensch, desto mehr glaubt er; je mehr er glaubt, desto weniger denkt er; je weniger er denkt, desto dümmer ist er; je dümmer er ist, desto leichter kann er beherrscht werden. Das gilt für Sektenmitglieder ebenso wie für die Anhänger der großen Weltreligionen mit gewalttätig intolerantem ›Wahrheits‹-Anspruch. Dagegen hilft, auf Dauer, nur Aufklärung.«

Was Holl autoritätsgläubigen religiös »denkenden« Menschen vorwirft, das trifft auch auf wissenschaftsgläubige Menschen zu, die keinen Zweifel an der vermeintlichen wissenschaftlichen Wahrheit aufkommen lassen wollen. Dabei wird geflissentlich übersehen, dass es die wissenschaftliche Wahrheit nur mit Verfallsdatum gibt. Religiöse wie wissenschaftlich orientierte Dogmatiker stellen gern Lehren in den Raum, die nicht angezweifelt werden dürfen. Wirklich ernsthafter Suche nach Antworten auf die großen Fragen stehen Dogmen allerdings im Weg. Wer nach der Wahrheit sucht, muss ungehindert denken dürfen. Denkverbote sind nach dem Geschmack von Dogmatikern, ernsthaft Suchenden stehen sie im Weg.

Was unsere Altvorderen überliefert haben, das mag heute manchmal recht märchenhaft anmuten, scheint aber doch dann und wann einen wahren Kern zu haben. Diese Botschaft alter Überlieferungen gilt es zu suchen und zu verstehen. Theologieprofessor Dr. Hermann Gunkel erklärt zahlreiche biblische Texte zu Märchen. Dabei geht er, scheint mir, willkürlich vor. Wir müssen uns die Frage stellen, welche Schilderungen nun auf Tatsachen beruhen und welche nicht. Dabei ist die literarische Klassifizierung als Märchen nicht wirklich hilfreich. Der Theologe Gunkel definiert zahlreiche Texte als Märchen, die seiner Meinung nach (1) »erdichtete Personen an erfundenen Orten auftreten lassen«.

Ich sehe das anders. Jeder Text, auch jeder biblische oder apokryphe Text, kann auf realen Begebenheiten beruhen, mag er uns auch noch so märchenhaft vorkommen.

Fotos 2 und 3: Tulum, Götter kommen vom Himmel herab.

 Dr. Gunkel schreibt (2): »In der Geschichte vom babylonischen Turmbau … ist märchenhaft der Plan der Menschen, sich einen Turm zu bauen, der so hoch ist, daß seine Spitze in den Himmel reicht.« Der Turm zu Babel ist aber kein Fantasieprodukt aus einem Märchen. Es hat ihn gegeben, lange bevor die Texte des »Alten Testaments« geschrieben wurden. Es gab in Mesopotamien Tempeltürme, Zikkurats genannt, die in der Geschichte vom Turmbau zu Babel verewigt wurden. Die ersten Zikkurats wurden im südlichen Mesopotamien bereits im 5. Jahrtausend vor Christus gebaut.

Im südlichen Irak, etwa 15 km westlich von Nasiriya gelegen, lässt die Ruine einer Zikkurat nur noch erahnen, was für ein monströses Bauwerk hier einst stand. Der Tempelturm wurde vor 4.000 Jahren der Mondgottheit Nanna geweiht, deren »Haus« oben auf der Zikkurat in den Himmel ragte. Als Hohepriesterin von Nanna hatte womöglich nur die Tochter des sumerischen Herrschers von Ur Zugang zum Heiligtum auf der Zikkurat. Da wundert es nicht, dass der patriarchalische Jahwe den Turm von Babel hasste und zerstören ließ. Ob das wirklich geschah, so wie es die Bibel überliefert? Vielleicht beschreibt das biblische »Märchen« nur den Übergang von einem Matriarchat mit einer Hohepriesterin zum Patriarchat Jahwes. Zu hinterfragen bleibt allerdings, ob im »Alten Israel« wirklich nur der göttliche Patriarch Jahwe verehrt wurde. Das ist mehr als zweifelhaft.

Meine Vermutung: Der Mondgott Nanna ist die vermännlichte Form der sumerischen Göttin der Liebe Inanna, die weiblich und männlich in Erscheinung treten konnte. Andere Namen dieser hohen Göttin waren Inana, Innin, Ninanna, Ninsianna und Ninegal. Unter welchem Namen sie auch fungierte, so war sie immer die Göttin der Weiblichkeit schlechthin. Ihr »Stern« war die Venus. Ich halte es für wahrscheinlich, dass die »Ur-Inanna« eine Fruchtbarkeitsgöttin war.

Die Geschichte vom Turmbau zu Babel basiert auf realen Tempelpyramiden. Und sie vermittelt einen Sachverhalt: Gott kam vom Himmel herab. Von Göttern, die vom Himmel herab zur Erde stiegen, hörte ich bei Reisen in den Gefilden der Südsee (Osterinsel und »Temwen Island«, Pohnpei im Archipel der Karolinen, »Föderierte Staaten von Mikronesien«).

Bei meinen Reisen durch Zentralamerika begegneten mir Darstellungen von Göttern, die vom Himmel kamen (3). In der »weißen Mayastadt« Tulum an der Karibikküste von Mexiko im Bundesstaat Quintana Roo, rund 130 Kilometer südlich von Cancún. Hier finden sich sichtbare Hinweise auf einen mysteriösen Gott. Wir kennen seinen Namen nicht mehr. In der Mythologie der Mayas wird er als »herabstürzender Gott« oder »herabsteigender Gott« bezeichnet. War damit »Ah Mucen Cab« gemeint, der göttliche »Honigsammler«? »Ah Muzencab«, wie das mächtige himmlische Wesen auch genannt wurde, war in der Mythenwelt der Mayas ein Bienengott. Und in den heiligen Überlieferungen der Mayas war er ein »herabstürzender Gott«. Die »Chilam Balam«-Bücher preisen ihn als einen der Weltschöpfer. Einer der Tempel von Tulum war ihm, dem »herabstürzenden Gott«, geweiht.


Fotos 4- 7: Tulum, Stadt der vom Himmel steigenden Götter.
Fotos Walter-Jörg Langbein

Schon im 1. Buch Mose wird der Gott des Alten Testaments gleich zwei Mal als »Gott des Himmels« oder »Himmelsgott« (4) bezeichnet. Auch bei Jona taucht die direkte Kombination von »Jahwe« und »Gott des Himmels« auf (5): » Er sprach zu ihnen: Ich bin ein Hebräer und fürchte Jahwe, den Gott des Himmels, …«. Nach Esra tituliert auch Perserkönig Kyrus Jahwe, den Gott der Juden genauso (6): »So spricht Kyrus, der König von Persien: Alle Königreiche der Erde hat mir Jahwe, der Gott des Himmels, gegeben, und er hat mir befohlen, ihm ein Haus zu Jerusalem in Juda zu bauen.« Im Buch Nehemia begegnet uns wieder »Jahwe, Gott des Himmels« (7): »Ach, Jahwe, Gott des Himmels, du großer und schrecklicher Gott, der da hält den Bund und die Treue denen, die ihn lieben und seine Gebote halten!« Brisant wird es ein Kapitel später. In der »Luther Bibel 2017« lesen wir (8): »Da betete ich zu dem Gott des Himmels.« Im hebräischen Original freilich steht: »Da betete ich zu (den) Elohim der Himmel.«

Einige Verse später tauchen sie wieder auf (9), die »Elohim der Himmel«. An anderer Stelle wird offenbar »Elohim« im Sinne von Gott (Einzahl) verwendet (10). Zunächst die Version der »Luther Bibel 2017«: »So spricht Kyrus, der König von Persien: Der HERR, der Gott des Himmels, hat mir alle Königreiche der Erde gegeben, und er hat mir befohlen, ihm ein Haus zu bauen zu Jerusalem in Juda. Wer nun unter euch von seinem Volk ist, mit dem sei der HERR, sein Gott, und er ziehe hinauf!« In beiden Fällen steht im hebräischen Original dort »Jahwe, Elohim der Himmel«, wo die Übersetzung »HERR, der Gott des Himmels«. Der Psalmist schließlich bringt im Hebräischen den »El der Himmel«, was in der Regel wieder mit »Gott des Himmels« übersetzt wird.

Prof. Dr. Georg Fohrer (*1915; †2002) wirkte über Jahre am »Fachbereich Altes Testament« an der »Friedrich Alexander Universität Erlangen«. Ich habe einige Vorlesungen und Seminare Fohrers besucht. Der Gelehrte machte mich darauf aufmerksam, dass das »Alte Testament« zwar fast vollständig im altehrwürdigen Bibel-Hebräisch verfasst wurde, dass es aber einige sehr wenige Verse in Aramäisch gibt. In den wenigen Versen in aramäischer Sprache taucht immer wieder das Pendant zum hebräischen Gott des Himmels auf.

Im Hebräischen gibt es immer wieder »Elohim«, eindeutig ein Pluralwort, das man mit »Götter« (Mehrzahl) übersetzen muss. Das Einzahlwort zu »Elohim« (»Götter«) lautet »Eloah« (»Gott«). Als das aramäische Pendant zum hebräischen »Eloah« werden »Elah« beziehungsweise »Elaha« angesehen. Ich vermute, dass sich das arabische »Allah« (»al aliah«, »der aliah«, »der Gott«) aus dem aramäischen »Eloah/ Elah« entwickelt hat.

Im kleinen Buch Daniel des »Alten Testaments« wurde ich bei meiner Suche nach dem »Gott des Himmels« fündig (11): Da sollen Hananja, Mischaël und Asarja »den Gott des Himmels um Gnade« bitten und »Daniel lobte den Gott des Himmels«. Da heißt es (12), dass »der Gott des Himmels« dem »König aller Könige … Königreich, Macht, Stärke und Ehre gegeben hat« und dass »der Gott des Himmels ein Reich aufrichten« werde.


Fußnoten
(1) Gunkel, Hermann: »Das Märchen im Alten Testament«, Tübingen 1921, Seite 9, 19.+20. Zeile von oben. (Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen und nicht nach der Rechtschreibreform »modernisiert«.)
(2) Ebenda, Seite 156, 8.-6. Zeile von unten
(3) Siehe Langbein, Walter-Jörg: »Monstermauern, Mumien und Mysterien«, Band 4, Kapitel 8 »Mysteriöse Tempel an der Karibik-Küste«, 2. Auflage August 2019, Seiten 49-54
(4) 1. Buch Mose Kapitel 24, Verse 3 und 7.
(5) Jona Kapitel 1, Vers 9
(6) Esra Kapitel 1, Vers 2
(7) Nehemia Kapitel 1, Vers 5
(8) Nehemia Kapitel 2, Vers 4
(9) Ebenda, Vers 20
(10) 2. Chroniken Kapitel 36, Vers 23
(11) Daniel Kapitel 2, Verse 18 und 19
(12) Daniel Kapitel 2, Vers 37 und Vers 44

Zu den Fotos
Foto 1: Der Turm zu Babel (Pieter Bruegel der Ältere um 1563). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 2 und 3: Tulum, Götter kommen vom Himmel herab. Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein.
Fotos 4- 7: Tulum, Stadt der vom Himmel steigenden Götter. Fotos Walter-Jörg Langbein.

546. »Herr der Himmel und der Welten«,
Teil 546 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 05. Juli 2020


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Sonntag, 17. Juni 2018

439 »Nichts wird ihnen unmöglich sein!«

Teil 439 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Adam und Eva
Der biblische Prophet Elias, so vermeldet es das »Alte Testament«  wurde mit einem »feurigen Wagen« in den Himmel »entrückt« (1). Im Judentum verbreitete sich rasch der Glaube, Elias sei lebendig in den Himmel entführt worden. Einst werde er als Begleiter aus den himmlischen Gefilden zur Erde zurückkehren. Um Christi Geburt war im »Heiligen Land« die Hoffnung groß, der Messias würde zurückkehren und die Römer vertreiben. Und so flohen die Menschen aus der verhassten Realität in die Hoffnung. Das harte Regiment der Römer wurde erträglicher, je fester man an die Rückkehr von Elias und des Messias glaubte.

Interessant ist die Geschichte vom »feurigen Wagen« auch heute noch. Offenbar war man vor Jahrtausenden im »Heiligen Land« mit »feurigen Himmelswagen« durchaus vertraut. Kurz und bündig heißt es im »Alten Testament«, dass Elias zunächst gar nicht in den Himmel verschleppt werden wollte. Doch der HERR gibt seinen Plan nicht auf und so wird Elias zum Entführungsopfer, vergleichbar mit jenen Menschen, die an Bord von UFOs verschleppt werden, so man das weltweit auftretende Phänomen als etwas Reales akzeptiert). Im 2. Buch der Könige lesen wird (2): »Als aber der HERR Elia im Wettersturm gen Himmel holen wollte, gingen Elia und Elisa von Gilgal weg. Und als sie miteinander gingen und redeten, siehe, da kam ein feuriger Wagen mit feurigen Rossen, die schieden die beiden voneinander. Und Elia fuhr im Wettersturm gen Himmel.«

Jesus, der nach alter Götter Sitte gen Himmel fuhr, verkündete seinen treuen Jüngern (3): »Und nichts wird euch unmöglich sein.« Menschen waren freilich nicht allmächtig, nur Götter waren das. Und nur Göttern war nichts unmöglich, also alles möglich.

Schon im vielleicht bekanntesten Text der Bibel wird der Mensch in seine Schranken verwiesen. Die Rede ist von einer bemerkenswerten Szene im Paradies. Gott hat Adam erschaffen und ins Paradies gesetzt. Zu Intimitäten freilich kann es nicht kommen, denn Eva ist noch nicht in Adams Leben getreten. Ansonsten darf Adam alles tun, es gibt nur ein Tabu (4): »Und Gott, der HERR, gebot dem Menschen und sprach: Von jedem Baum des Gartens darfst du essen; aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon darfst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon isst, musst du sterben!« Lucas Cranach (*um den 4.10.1472 im oberfränkischen Kronach; †16.10.1553) wusste diese biblischen Szenen herrlich darzustellen.

An dieses Verbot hat sich Adam offenbar gehalten. Dann aber wird Gott wieder schöpferisch aktiv. Eva entsteht aus einer Rippe Adams. Und die wird von der bösen Schlange in Versuchung geführt (5): »Und die Schlange war listiger als alle Tiere des Feldes, die Gott, der HERR, gemacht hatte; und sie sprach zu der Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Von allen Bäumen des Gartens dürft ihr nicht essen? Da sagte die Frau zur Schlange: Von den Früchten der Bäume des Gartens essen wir; aber von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Ihr sollt nicht davon essen und sollt sie nicht berühren, damit ihr nicht sterbt!«

Foto 2: Gott verbietet Adam und Eva die geheimnisvollen Früchte.

Die Schlange macht Eva ein Angebot, das sie nicht ausschlagen kann (6): »Keineswegs werdet ihr sterben! Sondern Gott weiß, dass an dem Tag, da ihr davon esst, eure Augen aufgetan werden und ihr sein werdet wie Gott, erkennend Gutes und Böses.« Mit anderen Worten: Wer von den verbotenen Früchten isst, der wird wie Gott. Die Strafe folgt auf dem Fuß: Adam und Eva werden aus dem Paradies verbannt.

Wenig später wird erneut das Thema »Menschen wollen wie Gott sein« aufgegriffen: in der Episode »Der Turmbau zu Babel« (7). Die Menschen machen sich an die Arbeit. Sie errichten den legendären Turm zu Babel. Gott ist über diese Anmaßung alles andere als erfreut. Nach dem Motto »Wehret den Anfängen!« greift er ein (8): »Siehe, ein Volk sind sie, und eine Sprache haben sie alle, und dies ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts unmöglich sein, was sie zu tun ersinnen.« Gott stoppt das Projekt »Turm zu Babel«. Motiv: Die Menschen dürfen nicht gottgleich werden.

Übrigens: Die von der Bibel angebotene sprachliche Erklärung von »Babel« völlig falsch. »Babel« hat mit dem hebräischen »balal«, zu Deutsch »verwirren« nichts zu tun. Babel leitet sich eindeutig vom Babylonisch-Sumerischen »bab-ili« her, zu Deutsch von »Tor der Götter«. Damit wird auch schon rein sprachlich klar: Vorbild für den Turmbau ist der babylonische Zikkurrat, mehrstufige Türme. Vielleicht dienten sie als Ersatz für heilige Berge rein sakralen Zwecken. Vielleicht wurden sie auch als Observatorien zur Sternbeobachtung benutzt.

Foto 3: Die Schlange verleitet Adam und Eva zur ersten Sünde.

Rund zwei Jahrtausende v. Chr. stand das Vorbild für den biblischen Turm, der »Etemenanki« in Babylon direkt beim Tempel des Gottes Marduk. Errichtet wurde er nicht aus menschlicher Arroganz, nicht zum Hohn, sondern zu Ehren der babylonischen Götter. Hauptgott Marduk stieg nach uralter babylonischer Überlieferung zum Jahresanfang über den Turm vom Himmel zur Erde herab. Dieses Motiv findet sich auch in der Bibel wieder. Auch Jahwe steigt vom Himmel zur Erde herab, ganz wie sein babylonischer Kollege Marduk.

Zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus hat ein neues Projekt »Babel« längst begonnen. Der Mensch verfügt über ein Gehirn, dessen Leistungen im Vergleich zu den ersten Computern atemberaubend sind. Doch das biologische Gehirn wird vom Menschen kaum voll genutzt und ist zudem in seinen Kapazitäten begrenzt. Logische Konsequenz: künstliche Intelligenz wird geschaffen.

Die Vorgehensweise ist vorhersehbar: Phase 1. Durch Einbau von Chips und Computerelementen wird das menschliche Hirn effektiver. Es wird nicht nur leistungsfähiger, es kann immer auf »Höchstleistung« gefahren werden. Phase 2: Die biologischen Anteile des Gehirns werden komplett durch nichtbiologische, künstliche Intelligenz ersetzt. Phase 3: Das nichtbiologische Gehirn erhält einen nichtbiologischen Körper, der dem anfälligen biologischen Körper haushoch überlegen ist. Phase 4: Die künstliche Intelligenz verbessert sich ständig selbst. Der neue, nichtbiologische »Mensch« wird unsterblich und entspricht immer mehr dem, was man bislang als »Gott« bezeichnet hat.

Foto 4: Turm zu Babel von Lucas van Valckenborch  (1535–1597)

Prof. Dr. Raymond Kurzweil (*12.02.1948) verfasste ein bahnbrechendes Werk zum Thema »künstliche Intelligenz« (9). Kurzweil, von Bill Gates als »führender Experte im Bereich der Künstlichen Intelligenz« gepriesen, ist davon überzeugt, dass schon 2030 die künstliche Intelligenz die biologische einholen, ja überholen wird (10): »Obwohl die reinen Kapazitäten biologischer und nicht biolo0gischer Intelligenz dann ungefähr gleich sind, wird die nichtbiologische Intelligenz bereits überlegen sein.« Von da an wird sich die künstliche Intelligenz immer schneller und schneller verbessern, steigern. Für das Jahr 2045 prognostiziert Prof. Dr. Raymond Kurzweil (11): »Die nichtbiologische Intelligenz, die in diesem Jahr geschaffen werden wird, wird eine Milliarde Mal leistungsfähiger sein als die gesamte menschliche Intelligenz heute.«

Die Prognosen von Prof. Dr. Raymond Kurzweil in Sachen künstliche Intelligenz muten kühn an. Sie sind aber präzise belegt. Bill Gates ist fasziniert von den heute noch fantastisch anmutenden Vorhersagen. So mancher Wissenschaftler wird sie strikt ablehnen, für unmöglich erklären. Sir Arthur C. Clarke (12) brachte es auf den Punkt: »Wenn ein … Wissenschaftler sagt, etwas sei möglich, dann hat er ziemlich sicher recht, wenn er aber sagt, es sei unmöglich, dann liegt er höchstwahrscheinlich falsch.« In der Tat, so ist es: So galten in der Welt der Wissenschaft Düsenflugzeuge, die tagtäglich Millionen von Menschen zu allen Orten unseres Planeten schaffen, ursprünglich als »physikalisch unmöglich«.

Foto 5: Turm zu Babel (Pieter Brueghel der Ältere)

Kühne Zukunftsvisionen formulierte einst im frühen 20. Jahrhundert Hermann Oberth (13). Der »Vater der Weltraumfahrt« kam durch ein Werk der Fantasie auf seinen »Mondtrip«. Als Schüler las er »Von der Erde zum Mond« (1865 erschienen) von Jules Vernes und begann zu rechnen. Der italienische Dominikaner Tommaso Campanella, eigentlich Giovanni Domenico (14): »Alles, was die Wissenschaftler … mit Hilfe einer unbekannten Kunst vollbringen, wird Magie genannt … Denn Technologie wird immer als Magie bezeichnet, bevor sie verstanden wird, und nach einer gewissen Zeit entwickelt sie sich zu einer normalen Wissenschaft.«

Fußnoten

(1) 2. Könige Kapitel 2, Verse 1-18
(2) Ebendas Verse 1 unf 11
(3) Evangelium nach Matthäus Kapitel 17, Vers 21
(4) 1. Buch Mose Kapitel 2, Verse 16 und 17
(5) 1. Buch Mose Kapitel 3, Verse 1-3
(6) Ebenda, Verse 4 und 5
(7) 1. Buch Mose Kapitel 11, Verse 1-9
(8) ebenda, Vers 6
(9) Kurzweil, Ray: »Menschheit 2.0/ Die Singularität naht«,  eBook-Ausgabe, 2. Durchgesehene Auflage, Berlin 2014
(10) Ebenda, Pos. 2568
(11) Ebenda, Pos. 2581
(12) *16.12.1917; †19.03.2008
(13) *25. 06.1894; †28. 12. 1989
(14) *5.9.1568; †21.5.1639

Zu den Fotos:
Foto 1: Adam und Eva im Paradies, Hieronymus Bosch  (circa 1450–1516). Wikimedia commons.
Foto 2: Gott verbietet Adam und Eva die geheimnisvollen Früchte. Lucas Cranach der Ältere (*um den 4.10.1472 im oberfränkischen Kronach; †16.10.1553). Wikimedia commons.
Foto 3: Die Schlange verleitet Adam und Eva zur ersten Sünde. Lucas Cranach der Ältere (*um den 4.10.1472 im oberfränkischen Kronach; †16.10.1553). Wikimedia commons.
Foto 4: Turm zu Babel von Lucas van Valckenborch  (1535–1597). Wikimedia commons.
Foto 5: Turm zu Babel, Pieter Brueghel der Ältere  (etwa 1526–1569). Wikimedia commons.

Zur Lektüre empfohlen
Kurzweil, Ray: »The Age of Spiritual Machines/ When Computers Exceed Human Intelligence«, New York 1999

440 „Mit künstlicher Intelligenz in die Apokalypse?“,
Teil 440 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 24.06.2018

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Sonntag, 10. März 2013

164 »Von einem Gott, der vom Himmel stieg«

Alle Straßen führen nach Cobá«, Teil III
Teil 164 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Tulum, Mayastädtchen am Meer
Foto: W-J. Langbein
Zu den schönsten Ruinenstätten der Mayas gehört die faszinierende Anlage von Tulum. Direkt am Karibikstrand gelegen, lockt Tulum Massentourismus an. Zu günstigsten Pauschalpreisen können Scharen nordamerikanischer Touristen, »ALL INCLUSIVE« sei Dank!, ihre puritanisch-frömmelnde Lebensweise vergessen und sich betrinken. Am kulturellen Erbe der Mayas haben diese Vertreter der »zivilisierten Welt« eher selten Interesse. Dabei bieten einige der im gleißenden Sonnenlicht förmlich strahlenden Tempel ein Geheimnis: In mehreren Varianten steigt da, im Stuck verewigt, ein Gott hernieder. Mit angezogenen Beinen stürzt er kopfüber aus dem Himmel zur Erde.

Eines der sakralen Bauten, ein kleiner, aber feiner Tempel, trägt die Bezeichnung »Templo de los Frescos« (der »Freskentempel«). Seine zentrale Lage in der Ruinenstadt lässt auf eine ganz besondere Bedeutung schließen. Über dem Eingang wurde das Relief des »herabstürzenden Gottes« angebracht. Einen fast identischen Schmuck gibt es am »Castillo«, einem weiteren Tempel. Auch hier findet sich ein Gegenstück zur biblischen Himmelfahrt. Der Maya-Gott strebt nicht dem Himmel entgegen wie weiland Jesus auf so manchem christlichen Gemälde. Er kommt vielmehr aus dem Himmel zur Erde.

Ein ganz ähnliches Motiv findet sich in Cobá. Wer allerdings im Sauseschritt durch die weitläufigen Tempelanlagen hastet, bekommt es nicht zu Gesicht ... Guides weisen in der Regel auch nicht darauf hin.

Im Standardwerk »Das Alte Mexiko« von Hanns J. Prem und Ursula Dyckerhoff lesen wir über die Pyramide »Nohoch Mul« (1): »Letztere mit intaktem Tempel und bemalter Skulptur des Herabstürzenden Gottes«. Mir scheint, die Experten haben nicht die steile Pyramide »Nohoch Mul« erklommen. Sonst wüssten sie, dass dort nicht eine Skulptur des ominösen vom Himmel stürzenden Gottes zu sehen ist ... sondern deren zwei. Und ursprünglich waren es wohl deren drei, also eine Maya-Trinität!

Maya-Treppe in den Himmel
Foto: W-J. Langbein
Man nähert sich der mit einer Höhe von 42 Metern den dichten Urwald überragenden Pyramide. Eine imposante Treppe von zwölf Metern Breite führt empor zum Tempel an der Spitze. Wer dort oben ankommen will, muss 120 steile Treppenstufen überwinden. Wer die »Himmelstreppe«, die teilweise erheblich beschädigt ist, genauer betrachtet, erkennt eine Besonderheit des Bauwerks: Es wurde terrassenförmig angelegt. Wer die Treppe erklimmt, sieht, dass zwölf Plattformen den massiven Leib des »großen künstlichen Hügels« bilden.

In gewisser Weise erinnert das Bauwerk dem ebenfalls steilen »Turm von Babel«, der auch ganz oben auf seiner höchsten Plattform einen Tempel trug ... so wie »Nohoch Mul«, so wie die typische zentralamerikanische Pyramide. Sie diente, anders als etwa die Cheopspyramide, als Sockel für den Tempel, der dem Himmel möglichst nahe sein sollte. Die Pyramide in Mexico – etwa der »Tempel der Inschriften« – ist von untergeordneter Bedeutung. Sie hat einen Tempel zu tragen ... und das möglichst hoch über der Erdoberfläche. Erinnern wir uns: Auch die »Kukulkan-Pyramide« von Chichen Itza hatte diese Funktion!

Im Reiseführer von Marianne Mehling stoßen wir auf den gleichen Fehler, der uns schon bei Prem und Dyckerhoff aufgefallen ist (2): »Dieses ... Heiligtum bewahrt in einer der drei rechteckigen Eingangsnischen die polychrome Skulptur des ›Herabstürzenden Gottes«, der in den archäologischen Stätten am Karibischen Meer häufig auftaucht.«

Tempel auf der Pyramidenspitze
Foto: Wolfgang Sauber,
Creative Commons
Diese Beschreibung ist etwas irreführend: Bei den »rechteckigen Eingangsnischen« handelt es sich vielmehr um Nischen im Dachfries. Zwei davon sind noch recht gut erhalten. Da man davon ausgehen kann, dass das Gebäude symmetrisch war, ist eine dritte Nische zu vermuten. Sie befand sich in jenem Teil des Frieses, das offenbar eingefallen ist und nicht rekonstruiert wurde. Die beiden anderen Nischen über dem schmalen Eingang in den Tempel und im rechten Teil des Frieses sind gut erhalten ... und in jeder von ihnen stürzt der aus Tulum bekannte Gott vom Himmel zur Erde.

Bis heute wurde der »große künstliche Hügel« nur äußerlich untersucht und auch nur zum Teil rekonstruiert.

Archäologen vermuten, dass auch (wie viele andere Maya-Bauten, etwa die »Pyramide des Zauberers«) »Nohoch Mul« in mehreren Etappen gebaut wurde. Vermutlich gab es ein sehr altes Ur-Gebäude, über das nach und nach mehrere Schichten gestülpt wurden. Aus bislang unerfindlichen Gründen scheinen die Mayas ihre religiösen Zentren in regelmäßigen Abständen urplötzlich verlassen zu haben, um auf Wanderschaft zu gehen und an anderer Stelle eine neue Siedlung anzulegen.

So befinden sich – davon kann man wohl ausgehen – im Inneren der Pyramide in ihrer heutigen Form ineinander verschachtelt weitere Pyramiden, vermutlich auch Tempel. Man müsste wie ein Bergmann Tunnel in den Leib der Pyramide treiben, um dort dann die älteren Tempel zu entdecken. Ob sich für diese verlockende Aufgabe finanzielle Mittel locker machen lassen? Ich habe da meine Zweifel. Positiv formuliert: Die Pyramiden im Inneren der Pyramide sind geschützt und weder der auch in Mexiko bedenklichen Umweltverschmutzung, noch den trampelnden Füßen der Touristen ausgesetzt! Auch schreitet die Technologie der praktischen Archäologie voran. Ich bin sicher: Eines Tages wird man Miniaturkameras durch Bohrlöcher in das Innere der Pyramide einführen.

Die beiden erhaltenen Götter
von Cobá
Fotos: Wolfgang Sauber,
Creative Commons
Erinnern wir uns: Der Gott des »Alten Testaments« stieg wütend vom Himmel hernieder, um den »Turm zu Babel« (mit einem Tempel auf der Spitze) zu inspizieren. In Tulum und Cobá sehen wir ebenfalls vom Himmel zur Erde herabsteigende Götter. In Cobá wie in Tulum kannte man sie ... die vom Himmel stürzenden Götter. Man verewigte sie in Skulpturen ...

Die Steinmetze von Cobá waren fleißig. Sie haben an so mancher Treppenstufe empor zum Tempel Symbole angebracht, die an Muscheln erinnern. Und sie haben über dreißig Kunstwerke geschaffen, Stelen aus Stein und steinerne Wandtafeln. Für die Ewigkeit waren diese Bildnisse nicht gedacht. Oder ahnten die Künstler zu Maya-Zeiten nicht, wie rasch der Zahn der Zeit den Platten aus Kalkstein zusetzen würde? Es wurden Maya-Glyphen (im Gegensatz: ägyptische Hieroglyphen) in äußerst porösen Kalkstein gemeißelt.

Sie sind heute so stark verwittert, dass kaum noch etwas von den alten Zeichen entziffert werden kann. »Ach, könnte man sie nur noch wie ein Buch lesen ...« klagte ein Archäologe vor Ort. »Dann wüssten wir mehr von Cobá!« Etwas besser zu erkennen sind die bildhaften Darstellungen auf den Stelen. Da steht ein »Würdenträger« (Herrscher? Fürst? Priester? Krieger?) aufrecht und stolz. Häufig sieht man zu Füßen des Stehenden, auch direkt darunter, einen Liegenden. Manchmal wird der Stehende von zwei demütig Hockenden getragen. Oder sollen nur die betenden Kleinen dargestellt werden, die sich vor dem Großen demütig erniedrigen?

Eine der Stelen
Foto: W-J.Langbein
Ich taste eine Stele ab ... In der Hand hält der Würdenträger einen Stab, der an ein Zepter erinnert. An beiden Enden befinden sich Masken oder Köpfe. Die Bedeutung des Stabs ist umstritten. Vor Ort gab man mir eine Erklärung, die mir einleuchtet... passt sie doch zu den vom Himmel stürzenden Göttern. Oder war nur ein Gott, der vom Himmel kam, der aber mehrfach in Stein gemeißelt wurde. Der untere Kopf steht für Erde/ Unterwelt, der obere bedeutet den Himmel. Der Stab symbolisiert die Verbindung zwischen Himmel und Erde... den Weg, den der herabstürzende Gott aus dem Himmel zur Erde gewählt hat!

Ist dies die Botschaft von Cobá? Erzählen uns Pyramiden und Stelen einen Mythos: Hier kamen göttliche Wesen vom Himmel zur Erde? War Cobá so etwas wie ein Heiligtum, weil sich in längst vergessenen Zeiten Menschen und Götter begegneten? War Cobá eine Begegnungsstätte von Menschen und Göttern, wie das indische Vijayanagara? Schade, dass wir die Glyphen von Cobá nicht mehr wie ein Buch lesen können!

»Das kann schon sein!« pflichtete mir ein Archäologe vor Ort im »Villas Arqueológicas« bei. „Wir wissen sehr viel weniger als wir vorgeben! Selbst wenn Darstellungen auf verwitterten Stelen beschrieben werden, kommt viel Fantasie ins Spiel." Fragen über Fragen ...«

Die ovale Pyramide von Cobá
Foto: W-J.Langbein
Warum wurde die mehrschichtige »Xai-be«-Pyramide als fast ovaler Bau angelegt? Wurde die kuriose Pyramide als Aussichtsplattform benutzt? Warum wurden die Straßen mit einer besonders hellen Schicht überzogen? Waren die Straßen nicht nur profane Verkehrswege, sondern Peillinien? Wiesen sie auf besonders heilige Orte hin?

»Schauen Sie sich vor Ort um!« ermutigte mich »mein« Archäologe. »Und misstrauen Sie den Beschreibungen in wissenschaftlichen Werken! Da werden vermeintliche ›Tatsachen‹ aufgetischt, die einfach nicht stimmen. Da werden Vermutungen als bewiesene Erkenntnisse ausgegeben!«

Ich berichtete dem Archäologen von meiner Begegnung mit dem dicken Uniformierten, der die große Pyramide von Cobá so flott erstieg und der so unrühmlich wieder nach unten kletterte. »Im Volksglauben leben uralte Überlieferungen weiter, die Sie in keinem Buch finden werden!« Ich fragte nach: »Auch von der Göttin?« Mein Gesprächspartner wurde sehr ernst: »Auch von der! Sie wurde schon lange vor der Zeit der Mayas angebetet! Und sie hat noch heute Anhänger, auch in mächtigen Kreisen von Politik und Militär! Die katholische Kirche weiß das. So lange jemand offiziell getaufter katholischer Christ ist ... ist alles in Ordnung! Der Versuch, den uralten Glauben in Vergessenheit geraten zu lassen, wurde längst aufgegeben ... nach Jahrhunderten des Kampfs gegen das "Heidentum", das älter als das der Mayas ist!«

Fußnoten
1: Prem, Hanns J. und Dyckerhoff, Ursula: »Das Alte Mexiko – Geschichte und Kultur der Völker Mesoamerikas««, München 1986, S. 402
2 Mehling, Marianne (Herausgeberin): »Mittelamerika – Die Welt der Maya«, Lizenzausgabe, Augsburg 1998, S. 100

»Nach Indien, der Götter wegen ...«
Teil 165 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysteien«
von Walter-Jörg Langbein
erscheint am 17.03.2013


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Sonntag, 18. November 2012

148 »Salar de Atacama«

Teil 148 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Bilderbücher im Wüstensand
Foto W-J.Langbein
So trocken wie die Wüste von Atacama, so langweilig war auch der Erdkundeunterricht: Öde Zahlen wurden vom desinteressierten Pädagogen heruntergeleiert. Dabei gehört das staubtrockene Land zu den exotischsten Reisezielen unseres Planeten! Damals, im Schulfach Geographie wäre ich vor Langeweile fast eingeschlafen. Ich hätte nie und nimmer geglaubt, dass ich diese surreale Landschaft einmal leibhaftig erleben würde!

Mich haben die teilweise riesengroßen Scharrzeichnungen in die Gefilde von San Pedro de Atacama gelockt. Von hier aus unternahm ich immer wieder Ausflüge zu den geheimnisvollen Bilderbüchern. Sie wurden vor vielen Jahrhunderten in den Wüstenboden gescharrt ... oder mosaikartig aus Steinbrocken in den Wüstenstaub gelegt. Wer sollte die Bilder sehen, die man oft am besten aus der Luft erkennt, wie den mysteriösen Riesen der Atacama-Wüste?

Immer wieder entdeckte ich eine Kombination von Steinhaufen, die miteinander durch Linien verbunden waren. Oft führte so eine Linie von Steinanhäufung zu Steinanhäufung direkt zu Berggipfeln. Verwiesen diese Wegweiser vor vielen Jahrhunderten auf besonders heilige Ziele, zu denen die Menschen durch die Wüste pilgerten? Legten die Verehrer längst vergessener Göttinnen und Götter die Scharrzeichnungen an, in der Hoffnung, die Himmlischen würden sie wie ein Buch lesen können?

Wegweiser durch die
Wüste - Foto:
W-J.Langbein
Viele Jahrhunderte lang konnte der Zahn der Zeit den uralten Bildnissen nichts anhaben. Heute trampeln neugierige Touristen auf den mysteriösen Wüstenzeichnungen herum, bedrohen die Existenz bis heute unverstandener Botschaften. Werden sie zerstört werden, bevor wir sie verstehen? In Chile hörte ich wiederholt die folgende Erklärung:

»Die weithin sichtbaren Linien führten einst die Wüstenbewohner zu Wasserquellen hin. Die Menschen mussten oft riesige Strecken zu Fuß zurücklegen, um an sauberes Trinkwasser zu kommen. Markierungen wiesen den Menschen den Weg. Am »Straßenrand« hinterließen sie Zeichnungen und Symbole. Mag sein, dass bestimmte Wege von bestimmten Stämmen als Eigentum angesehen wurden, die mit der Bilderschrift ihre Ansprüche verewigten. Mag sein, dass den nachfolgenden Wassersuchern wichtige Hinweise vermittelt wurden, etwa, dass da eine Quelle versiegt sei und dass dort eine andere Quelle wieder Wasser führe.« Beweise für diese These gibt es keine. Mir ist keine einzige Peillinie begegnet, die tatsächlich zu einem Brunnen oder zu einer Quelle führte ...

10.000 vor Christus sollen die ersten Menschen in die bizarre Wüstenregion gekommen sein. Regen gibt es in der Trockenzeit so gut wie keinen. Einzig nennenswerter, sichtbarer Hauptlieferant von Süßwasser ist der Fluss San Pedro. Es soll aber eine ganze Reihe von unterirdischen Zuflüssen geben.

Todeszone Wüste
Foto W-J.Langbein
In rund 2300 Metern Höhe erstreckt sich im Süden von San Pedro de Atacama die Salzwüste »Salar de Atacama« (auch »Solar de Atacama«). 3000 Quadratkilometer groß ist sie ... 3000 Quadratkilometer Planet Erde, die so fremdartig wirken, dass man sich auf einen fernen Planeten versetzt fühlt.

Nur mit kundigem Führer sollte man sich in die Wüste wagen ... und sich auf die Sonne vorbereiten und Sonnencreme mit höchstem Schutzfaktor rechtzeitig dick auftragen! Temperaturen von 50 Grad sind keine Seltenheit. Bei solcher Höllenhitze muss ausreichend getrunken werden. Richtwert: 1 Liter pro Stunde ... wenn man gemächlich schlendert. Schwer arbeitende Einheimische trinken täglich bis zu fünfzehn Liter Wasser!

Sollte man an einem kleinen Lokal vorbeikommen ... in irgendeinem Dörfchen ... dann ist es sehr riskant, Wasser mit Eiswürfeln zu konsumieren. Mag das eigentliche Trinkwasser im Glas noch so sauber sein, die Eiswürfel können aus für den Besucher ungenießbarem Wasser bestehen ... und zu horrendem Durchfall führen. Dieses Leiden kann einen Aufenthalt in der Wüste zur tödlichen Gefahr machen: Dem Körper wird viel zu schnell zu viel Wasser entzogen! Hitzschlag droht!

Wunderwelt Solar de Atacama
Foto: W-J.Langbein
Sportive Radler dürfen nicht einem folgenschweren Irrtum erliegen: Man könnte meinen, der Hitze des Tages in der Nacht entfliehen zu können. Die dann jedoch auftretenden eisigen Temperaturen machen aber das Radfahren nicht zu einem gemütlichen Sonntagsausflug!

Taxis bugsieren den interessierten Touristen zu erschwinglichen Preisen sicher an die interessantesten Plätze. Busse verkehren auch, aber oft gelangt man mit dem öffentlichen Verkehrsmittel nicht direkt ans gewünschte Ziel. Man muss dann oft noch erhebliche Strecken zu Fuß zurücklegen. Nicht unproblematisch ist das Fahrrad als Vehikel. Selbst sportliche Menschen mit guter Kondition können in der Atacama Wüste rasch an die Grenze ihrer Belastbarkeit kommen ... und setzen dann ihre Gesundheit aufs Spiel!

3000 Quadratkilometer groß ist Salar (auch Solar) de Atacama ... die vielleicht weltgrößte natürliche Produktionsanlage von Salz. In der Salar de Atacama sammelt sich stark mineralisches Wasser und verdunstet in der Sonnenglut. So lagert sich an der Oberfläche eine stetig wachsende Salzschicht ab, meist stark mit Lehmanteilen durchsetzt. Streckenweise glänzt das Salz geradezu blendend hell. Häufiger aber hat die Salzkruste gräulich-bräunliche Farbe.

Einsamer Wanderer im Federkleid
Foto: W-J.Langbein
Trinkwasser ist hier absolute Mangelware ... und wird doch aus Profitgier vergeudet. Schlummern doch im Wüstenboden wahre Schätze von unermesslichem Wert, die für die großen Industrienationen unseres Planeten immer kostbarer werden. Es geht großen Konzernen vor allem um Lithium. Fast die Hälfte der Lithiumbatterie unseres Planeten werden in der Atapuerca-Region vermutet. Gewaltige Wassermengen werden an die Erdoberfläche gepumpt und in flachen Becken zum Verdunsten gebracht. Kaliumchlorid und Kaliumsulfat lagern sich ab. Lithium bleibt noch im Wasser gelöst, wird in weiteren Schritten gewonnen. Folge: Der Grundwasserspiegel sinkt und sinkt. Wie schnell der Mensch das Ökosystem Atacama-Wüste zerstört, das ist nicht abzusehen.
Der Sonnenhölle der Atacama-Wüste geht in Soalar de Atacama über ... in eine noch bizarrere Welt, eingebettet in eine wahrhaft fremdartige Kulisse. Die Salzwüste gebiert dieses Ambiente ständig neu ... Wasser steigt auf, verdunstet ... überzieht die Landschaft mit harter Salzkruste. An manchen Stellen durchbricht das unterirdisch Brodelnde der Salz-Lehm-Panzer. Die salzig-schmutzige Lauge quillt glucksend ans Tageslicht. Es entstehen Wasserbecken, die den Flamingos Lebensraum bieten. Die Luft flimmert flirrend über über der Salzbrühe. Man möchte an eine Fatamorgana glauben. Da die Luft extrem trocken ist, reicht der Blick sehr weit. Im Hintergrund erkennt man schneegekrönte Vulkane.



Die Vulkane Licancabur – fast 6 000 Meter hoch – und Vulkan Parinacota – 6300Meter hoch – sind atemberaubend schön ... und majestätisch. Sie waren von religiöser Bedeutung ... und sind es für die einheimische Bevölkerung auch heute noch. Noch heute pilgern sie zu den Riesen, die Himmel und Erde miteinander verbinden. Was für christlich geprägte Menschen einst der »Turm zu Babel« war, waren für Einheimische die riesigen Bergkegel der Vulkane. Von der Erde ausgespiene Türme, die Menschen der Welt der Göttinnen und Götter näherbringen können.

Keine Fatamorgana - Flamingos
in der scheinbaren Höhle
Foto: W-J.Langbein
Und durch die salzige Kruste watscheln und schreiten ... Flamingos. Sie filtern mit ihren Schnäbeln winzige Organismen aus dem Wasser. Die Flamingos sind sehr anpassungsfähig. Man trifft sie im Umfeld der Atacama-Wüste in Höhen von bis zu 4.000 Metern an!

Wüstenlandschaft mit fast steinharter Salzkruste ... Vulkane, die bis weit in den Himmel reichen ... in verschiedensten Farben schillernde Salzbrühe, die einen riesigen flachen »See« bildet ... durch den gemächlich-majestätisch Flamingos schreiten, meist mit gesenktem Kopf, Schnabel im Wasser ... Was für eine Szenerie! Sie könnte von einem Hollywoodgenie virtuell am Computer erschaffen worden sein, als Kulisse für einen fantastischen Science-Fiction-Film. Kein Kinofan würde sich über das Auftauchen von Sauriern oder Monstern aus dem All wundern. Oder sieht so die Erde nach der Apokalypse aus? Oder befinden wir uns in der Hölle, wo die Seelen der Sünder umherirren?

Mancher Kinobesucher würde vielleicht monieren, so eine Welt könne es doch in der Realität nicht geben! Das beschrieben Szenario liegt aber nicht auf einem fernen Planeten in den Weiten des Universums ... sondern auf unserem Heimatplaneten Erde, in Chile, an der Grenze zu Bolivien.

Der Grundwasserspiegel sinkt ...
Foto W-J.Langbein
Mit Grausen denke ich an den langweiligen Geographieunterricht vor rund einem halben Jahrhundert. Es war schon wieder fast eine meisterhafte Leistung, uns Schulkindern die faszinierende Welt der Atacama-Wüste mit ihren Bilderbüchern am Boden, den Vulkanen und Flamingos in salzigem Wasserspiegel in so drögem Ton und so langweilig-farblos zu schildern. Ich bin überglücklich, trotz der abschreckenden Schulstunden jene fernen Regionen aufgesucht zu haben!

Und ich bin traurig, weil der Geographieunterricht so spannend hätte sein können wie die Wirklichkeit ...

Buchtipp:

Hermann, Helmut: Traumstrassen - Träume. Romantik und Realität der Panamerikana, Markgröningen 1985

»Laguna Lejia«,
Teil 149 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 25.11.2012


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Sonntag, 21. Oktober 2012

144 »Das geheimnisvolle Tor von Labná«

Teil 144 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Labná von Frederick Catherwood
Archiv: W-J.Langbein
Es waren zwei Abenteurer, die anno 1842 die Ruinen von Labná entdeckten: John Lloyd Stephens (1805-1852) und Frederick Catherwood (1799-1854). Stephens war eigentlich Diplomat und Anwalt ... und von Reisen in ferne Länder begeistert. Catherwood war Architekt von Beruf ... und zeichnete mit großem Enthusiasmus. Seine Zeichnungen und Gemälde führten vor rund 150 Jahren zu einer bald weltweit grassierenden Begeisterung für die alte Kultur der Mayas. Man kann sie wie ein Buch lesen, wie einen Reisebericht ohne Worte.

Frederick Catherwood und John Lloyd Stephens legten den Grundstein der wissenschaftlichen Mayaforschung ... Die beiden Laien machten vor rund eineinhalb Jahrhunderten Entdeckungen, die auch heute von der Wissenschaft noch lange nicht erforscht und verstanden werden.

Labná, im heutigen Yucatán, Mexiko, gelegen, lässt sich mit »altes Haus« übersetzen. Vermutlich bekamen die altehrwürdigen Ruinen diesen Namen erst im 19. Jahrhundert. Wie die Stadt einst hieß ... wir wissen es nicht. Schon um 300 n.Chr. (»Frühklassik«) war Labná besiedelt. Die einst stolzen großen Bauwerke sind, so heißt es, erst um 800 bis 1000 n.Chr. entstanden (»Spätklassik«). Ein eingraviertes Datum entspricht dem Jahr 862 n.Chr. Das Bauwerk kann aber möglicherweise älter sein. Das eingravierte Datum kann durchaus entstanden sein, als das Gebäude schon alt war.

Auferstanden aus Ruinen ...
Foto: Walter-J. Langbein
Wer Labná wann genau erbaut hat ... unbekannt. Es wurde bislang erst ein kleiner Teil der steinernen Gebäude rekonstruiert ... und das wiederum nur teilweise. Vermutet wird, warum auch immer, dass Labná zwar bedeutend, aber nicht selbständig war. Labná sei – lese ich in einem Reiseführer – die Dependance einer größeren, mächtigeren Stadt gewesen. »Die monumentale Architektur lässt ... darauf schließen, dass der Ort eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat, doch vermutlich unter der Herrschaft einer größeren Stadt stand.« (1)

Auch in Labná scheint die Rekonstruktion der alten Bauwerke in Etappen zu erfolgen. Sobald wieder finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, wird wieder etwas gearbeitet. Da ragt der sogenannte »Aussichtsturm« aus einem Schutthügel heraus. Die Bezeichnung »Aussichtsturm« ist willkürlich und falsch gewählt! Bei dem stark zerfallenen Bauwerk handelt es sich um eine steile Pyramide mit einem Tempel oben an der Spitze. Wie beim Turm zu Babel sollte der Tempel dem Himmel so nah wie möglich sein. Gottesdienste wurden hoch über den Normalsterblichen, dem Himmel so nah zelebriert.

Der »Aussichtsturm«
von Labná, Foto:
W-J.Langbein
Tempel in luftiger Höhe waren für Göttinnen und Götter eine Einladung: »Kommt vom Himmel herab! Wir haben euch ein Haus bereitet!« Der biblische Gott indes reagiert mit Zorn ... (2) ... und zerstörte wütend den legendären Turm zu Babel. Sein aggressiver Akt war gegen den heidnischen Kult der »heiligen Hochzeit« gerichtet, die im Tempel in luftiger Höhe zelebriert wurde. Die Pyramiden-Ruine von Labná erinnert mich ... an die Zerstörung von Babel! Allerdings ist der Zerfall in Labná auf den »Zahn der Zeit« zurückzuführen. So sollen am Dachaufsatz – Höhe vier Meter – einst riesenhafte menschliche Gestalten zu sehen gewesen sein. Sie sind fast vollständig verschwunden.

»Wenn ich nur wüsste, wie der ›palacio‹ zu rekonstruieren ist!« vertraute mir ein verzweifelter Archäologe bei einem meiner Besuche in Labná an. »Offensichtlich wurde der ›Palast‹ im Laufe der Zeit immer wieder umgebaut! Es ist sehr schwer zu erkennen, welcher Grundriss der ältere, welcher der neuere ist. Und dann stellt sich die Frage: Soll die Urform des palacio so weit wie möglich wieder hergestellt werden.... oder die letzte, neueste?«

Ein Palast nach unserem Verständnis war der »palacio« nie. Er war kein weltlicher, sondern ein sakraler Bau. Welchem Zweck die vielen Kammern dienten ... wir wissen es nicht. Ein Arbeiter verriet mir: »Die Bauaufsicht wechselt immer wieder. Und dann kann es sein, dass die Richtlinien für den Wiederaufbau ... geändert werden!«

Der »Palacio« von Labná
Foto: W-J.Langbein
Einig scheinen sich alle Archäologen zu sein, dass einstmals in dem großen Bauwerk der Regengott Chaak (Chac u.a. Schreibweisen kommen vor!) verehrt wurde. Es erhebt sich auf einer fast 170 Meter langen Plattform. Im unteren Stockwerk gab es einst vierzig Kammern. Auf einem steinernen Fries reihte sich eine Chaak-Maske an die andere. Auch von diesen sakralen Darstellungen ist kaum noch etwas zu erkennen.

Erstaunlich gut hat eine ungewöhnliche Chaak-Skulptur dem Zahn er Zeit widerstanden. Chaak wirkt hier nicht roboterhaft-kantig wie sonst. Er hat ein recht menschliches Gesicht ... und blickt aus dem weit aufgerissenen Maul einer Schlange. Eine ähnliche Darstellung hat auch das »Nonnenviereck« vom Uxmal aufzuweisen. Ein Reiseführer beschreibt den »Schlangenkopf« von Labná so (3): »Bemerkenswert ist eine ungewöhnliche Chac-Maske an der Südostecke des Gebäudes, der Außenecke von Kammer 18. Sie zeigt einen Menschenkopf, der aus dem aufgesperrten Rachen einer Schlange herausschaut: Eine Darstellung, die auch im ungleich berühmteren Nonnenviereck von Uxmal zu finden ist.«

Ich habe beide Chaaks fotografiert ... wenn es denn wirklich Chaaks sind. Gibt es doch eine ganz andere Interpretation des »Menschenkopfes im Schlangenmaul«. In der Ikonographie versucht man, bildliche Darstellungen zu interpretieren.

»Menschenkopf im Schlangenmaul« wird häufig als »visionärer Kontakt mit dem Jenseits« verstanden! Es sind nach dieser Deutung die Häupter von Verstorbenen, die aus dem Schlangenschlund schauen und sprechen.

Der Chaak von Labná (links),
der Chaak von Uxmal (rechts),
Fotos: W-J.Langbein
Im Zentrum von Labná steht – unweit des »Aussichtsturms« – ein imposanter Torbogen, der aber kein Tor ist. Wer ihn durchschreitet, gelangt nicht ein ein Gebäude, kommt nicht auf einen Platz. Der »Arco« ist kein Ein- oder Ausgang. Er ist ein eigenständiges Bauwerk. Ist der Bogen ein Denkmal, das zu Ehren eines triumphalen Siegers in einem vergessenen Krieg errichtet wurde? Oder hatte der »Arco« einst mythisch-religiöse Bedeutung: etwa als Verbindung zwischen den Welten des Diesseits und des Jenseits? In diesen Zusammenhang würde die Visionsschlange passen, aus deren Maul die Toten zu den Lebenden sprechen.

Linda Schele und David Freidel, zwei internationale Mayaexperten, erklären in ihrem fulminanten Opus »Die unbekannte Welt der Maya« (4): »Die Kommunikation zwischen Diesseits und Jenseits wurde in den tiefgründigsten Sinnbildern des Maya-Königtums symbolisiert: in der Visionsschlange und dem doppelköpfigen Schlangenstab.« Die Visionen wurden auf in wahrstem Sinne des Wortes blutigem Wege erreicht: Man nahm bei sich selbst einen kräftigen Aderlass vor, ließ das eigene Blut fließen und erlebte dann ... bei womöglich schwindenden Sinnen ... geheimnisvolle Bilder.

Linda Schele und David Freidel (5) sprechen von einem »Portal ins Jenseits«, das als »Rachen der Unterwelt in Gestalt einer bärtigen Riesenschlange mit skelettierten Riesenbacken« dargestellt werden kann. Ist da die Vermutung so abwegig, dass das imposante Tor – lichte Höhe der Toröffnung immerhin fünf Meter! – eben jenes mythologische Portal ins Jenseits darstellte? Wurde es von Auserwählten durchschritten, um ihre Visionen auszulösen? Man stelle sich vor: durch selbst beigefügte Verwundungen – Durchstechen der Zunge mit Pflöcken – floss das Blut in Strömen. Torkelten die Auserwählten mit schwindenden Sinnen durch das mächtige Tor? Wurden ihnen Visionen zuteil?

Das mysteriöse Tor von Labná.
Vorder- und Rückseite.
Fotos: W-J.Langbein.
Zeichnung von Catherwood.
Frederick Catherwood jedenfalls war vom Tor fasziniert. Seine Darstellung könnte aus unserer Zeit stammen, ist aber rund 170 Jahre alt!

Fußnoten


1 Mehling, Marianne (Herausgeberin): »Mittelamerika – Die Welt der Maya«, Lizenzausgabe, Augsburg 1998, S. 182
2 Das 1. Buch Mose Kapitel 11, Verse 1-9
3 Mehling, Marianne (Herausgeberin): »Mittelamerika – Die Welt der Maya«, Lizenzausgabe, Augsburg 1998, S. 182 unten und S. 183 oben
4 Schele, Linda und Freidel, David: »Die unbekannte Welt der Maya/ Das Geheimnis ihrer Kultur entschlüsselt«, Lizenzausgabe, Augsburg 1994, S. 57
5 ebenda





Literaturhinweise

Eine kleine Auswahl wichtiger Maya-Literatur
Adams, Richard: »The Origins of the Maya-Civilization«, Albuquerque, New Mexiko 1977
Benson, Elizabeth (Hrsg.): »City-states of the Maya«, Denver 1986
Coe, Michael: »Die Maya«, Bergisch-Gladbach 1977
Eggebrecht, Eva und Grube, Arne: »Die Welt der Maya«, Mainz 1992
Maler, Teobert: »Auf den Spuren der Maya«, Graz 1992
Wilhelmy, Herbert: »Welt und Umwelt der Maya«, München 1990

Buchtipp: 2012 - Endzeit und Neuanfang, von Walter-Jörg Langbein

»Von Rädern, Zahnrädern und Spielzeug«,
Teil 145 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 28.10.2012


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