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Sonntag, 1. März 2015

267 »Mumien und eine geheimnisvolle Unterwelt«

Teil 267 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Blick in die »Mumien-Krypta«, etwa 1905
Was haben ein Maya-Tempel in Mexiko und ein romanischer Dom des christlichen Abendlandes gemeinsam?

Der berühmte »Tempel der Inschriften« von Palenque, Mexiko, wurde 690 vollendet. Auf einer Stufenpyramide thront ein Tempel. Unter der Pyramide befindet sich eine Grabkammer, die erst 1952 geöffnet wurde.

Majestätische Dome wie das jener in Bamberg wurden als »Gottesburgen« angelegt. Aber wo? Sehr häufig wählte man Stätten aus, die schon in vorchristlichen Zeiten als »heilig« angesehen wurden. Unter den Gotteshäusern wurden in der Romanik (10./ 11. Jahrhundert) Krypten angelegt, vergleichbar mit der Gruft unter dem Tempel der Inschriften.

Die christlichen unterirdischen Kammern waren streng genommen Kirchen unterhalb von Kirchen. Die Grabkammer von Palenque dürfte bei den Mayas als nicht minder heilig gegolten haben.

Abstieg in die »Unterwelt« von Palenque, Mexiko

In Palenque steigt man auch heute noch in die Krypta unter dem Tempel der Inschriften, so wie man auch in christlichen Gotteshäusern in Krypten gelangt. In Palenque ist klar zu erkennen, dass die unterirdische Kammer als letzte Ruhestätte für König Pakal gedacht war. Dort steht auch heute noch der kolossale Sarg des Herrschers. Die Krypten unter christlichen »Gottesburgen« dienten ursprünglich als geschützter Ort für »heilige Gebeine«. Ein Dom verstärkte durch Reliquien seine besondere Bedeutung – und Kraft. Leider lassen viele Besucher den Respekt vor den sakralen Stätten vermissen, beim Abstieg in die Krypta von Palenque sehr viel mehr als in christlichen Gotteshäusern.

Mit »heiligen Reliquien« wurde zeitweise ein schwunghafter Handel betrieben. Heute kann man Reliquien im Internet erwerben… oder staunend in altehrwürdigen Domen bestaunen. Anno 965, so wird überliefert, kehrte Erzbischof Adaldag von einer sehr erfolgreichen Pilgerreise nach Rom zurück. Vom Papst hatte der Kirchenmann damals sehr begehrte Reliquien zum Geschenk erhalten, nämlich die Knochen der Heiligen Kosmas und Damian. Die beiden christlichen Ärzte sollen im dritten Jahrhundert Wunder bewirkt haben, sehr zum Verdruss der Konkurrenz, und das vollkommen unentgeltlich. Besonders die Transplantation eines Beines soll unzählige Patienten vom christlichen Glauben überzeugt haben. Der römische Präfekt befahl den Tod der beiden Brüder. Sie überlebten ab diverse Versuche, sie hinzurichten. So konnten sie weder ertränkt, noch verbrannt werden. Sie ließen sich weder steinigen noch mit Pfeilen erschießen. Alle diese tödlichen Anschläge auf ihr Leben verpufften wirkungslos, bis sie schließlich enthauptet wurden.

Eingang zur »Unterwelt«

Anno 965, so wird überliefert, kamen die besonderen Reliquien nach Bremen, wurden in der Krypta des Doms eingemauert und offenbar vergessen. Erst 1334 wurden sie auf mysteriös-wundersame Weise wieder entdeckt. Romanische Krypten waren unter Kirchen angelegte Räume zur Aufbewahrung von Reliquien. Nach und nach verloren aber die alten Reliquien an Bedeutung. Der Reliquienkult aber lebte weiter, allerdings verehrte man anstatt der Märtyrer aus frühchristlicher Zeit neuzeitlichere Heilige, und das nicht mehr in den Krypten, sondern im Kirchenschiff selbst. Dort bekamen die »neuen Heiligen« eigene Altäre, in denen oftmals die verehrten Knochen für das Volk der Gläubigen zur Schau gestellt wurden. Damit verloren die Krypten ihre Bedeutung. Sie gerieten teils in Vergessenheit, teils wurden sie für recht weltliche Zwecke missbraucht. In der Ostkrypta des Doms zu Bremen wurden Bleibarren gelagert. Die Bremer waren weitsichtig. Man benötigte das Blei fürs  Domdach. Da Brände oder Stürme regelmäßig das Dach beschädigten oder zerstörten, legte man ein Bleilager in der einstigen Krypta an. Die hieß dann profan nicht mehr Krypta, sondern Bleikeller, Bleikammer oder Bleigewölbe.

An der Decke: Mumifizierte Hühner....
Nach meinen Recherchen wurden die Mumien erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts zufällig entdeckt. Von da an wurde der einstige Bleikeller zum Mumienkeller... und zur Touristenattraktion.  Im frühen 19. Jahrhundert zeigten tüchtige Kaufleute aus Bremen Interesse an der einstigen Bleikammer. Sie wollten sie als Lager für ihre Waren verwenden. Mit brachialer Gewalt wurde von außen ein Eingang in die Krypta geschlagen, um so den Kaufleuten den direkten Zugang zur gemieteten Räumlichkeit  zu ermöglichen. Die Kirche vermietete also den einst von Gebeinen von Heiligen »bewohnten« Raum gegen Bares an Kaufleute. Anno 1823 wurden die Mumien umgesiedelt, sie wurden in die »Kohlenkammer unter dem Konferenzzimmer« geschafft. Anno 1984 wurden die Mumien ein weiteres Mal in ihrer schon lange nicht mehr beschaulichen Ruhe gestört. Weil manche Besucher der Mumien offenbar  die Stille des Gotteshauses  störten, siedelte man die Mumien samt »Bleikeller« ein – bisher – letztes Mal um, nämlich in ein Nebengebäude des Doms.

Heute ist die Ostkrypta wieder ein »Ort der Stille« geworden, was ja dem Charakter des altehrwürdigen Gotteshauses mehr entspricht als ein Gruselkabinett der Mumien. Pietätvoll ist man mit den sterblichen Überresten nicht immer umgegangen. Nach meinen Recherchen sind die Mumien nicht mehr vollständig. Touristen sind ja dafür bekannt, dass sie gern Erinnerungsstücke mit in die Heimat zurück nehmen. So wurden den bedingt durch die geringe Luftfeuchtigkeit eingetrockneneten Toten ganze Haarbüschel ausgerissen und Finger abgebrochen. Einer dieser Finger und eine mumifizierte Kinderhand fanden ihren Weg nach Weimar, ins Goethehaus, als Geschenk für den Dichterfürsten.  Vergeblich hoffte man in Bremen, auf diese Weise die Neugier Goethes zu wecken. Der aber blieb Bremen fern und schenkte die makaberen Gaben seinerseits seinem Sohn August. Erst seit Ende der 1960-er Jahre sind die Mumien vor Zugriffen durch Besucher geschützt, in ihren »Schneewittchen- Särgen«.

Mumien in Särgen, ein Katzenskelett und ein Schädel...

Heute ist die Ostkrypta wieder ein Ort der Andacht geworden. Das ist meiner Meinung nach auch wirklich gut so. Die mysteriöse Krypta war ja auch nie als Ausstellungsraum für Mumien gedacht, sie sollte niemals eine Art Gruselkabinett werden. Unzählige Besucher standen schaudernd vor den offenen Särgen mit den erstarrten Mumien, genossen in gruseliger Atmosphäre frei erfundene Geschichten über die Toten. Dabei wurden die eigentlichen Geheimnisse der Krypta übersehen. Erstaunliche Kunstwerke aus der Zeit der frühen Gotik – 12. Jahrhundert – fanden keine Beachtung. Unter dem Putz warteten die wahrscheinlich ältesten Malereien Bremens darauf, wieder entdeckt und fachgerecht restauriert zu werden. Wurde bis heute wirklich alles Verborgene wieder sichtbar gemacht?

Mumiensärge der Chachapoyas, Peru

Unterwegs zu den großen Mysterien unseres Planeten begegneten mir immer wieder Monstermauern und Mumien. Es scheint so, als hätten alle großen Kulturen in grauer Vorzeit spielerisch mit gewaltigen Steinblöcken umgehen können. Die Kolosse wurden in Peru wie in der Türkei, auf der Osterinsel wie in Ägypten, in Bolivien wie in der Südsee bearbeitet, transportiert und oft wie Bauklötze im Riesenformat zu »Tempeln« oder wahren »Monstermauern« aufeinander getürmt. Nicht selten sehen die Steinriesen wie gegossen aus, so als habe man die Verschalungen eben abgenommen.

Mumien der Chachapoyas, Peru
 Und immer wieder begegneten mir Mumien, in den Hochanden Perus bei den Chachapoyas, den Wolkenmenschen… in Ägypten. Altehrwürdige Mumien der Chachapoyas waren aus den Begräbnisstätten an nur unter Lebensgefahr erreichbaren Steilwänden geholt worden. Sie warteten in einer Art Lagerraum in Pappkartons auf den letzten »Umzug« in ein Museum.

Die Mumien vom Dom zu Bremen sind im Vergleich dazu würdevoller untergebracht. Vor allem liegen sie nun hinter Glas und sind so vor Berührung durch pietätlose Besucher geschützt. Die Ostkrypta bietet wirklich Rätselhaftes, vor allem auf den Säulenkapitellen! Vorchristliche, also heidnische Symbole finden sich in großer Zahl. Immer wieder sehe ich, besonders im Altarbezirk der Ostkrypta an der Südwand, den Drudenfuß. Für die Druden war er heilig, die Tempelritter haben ihn übernommen und in großen Kathedralen verewigt. Der Drudenfuß – Pentagramm – gilt als magisches Zeichen. Er soll das Böse abwehren. Was ist nur schöne Ornamentik, was Symbolik? Verschmilzt da ein Ewigkeitssymbol mit dem Drudenfuß? Was haben die kleinen maskenhaften Gesichter zu bedeuten, die in Kapitelle neben rätselhafte Symbole in den Sandstein gemeißelt wurden? Sollen die Fratzen das Böse darstellen, das durch den Drudenfuß ferngehalten wird? Oder sind Seelen Verstorbener gemeint?

Schlangendrache gegen Fenriswolf

Mich interessieren besonders seltsame Tierdarstellungen. Da kämpft ein Wolf gegen ein Schlangenwesen. Hilft uns die nordische Mythologie weiter. Der Fenriswolf war das erste Kind des Gottes Loki und der Riesin Angrboda. Ein weiteres Kind war die Midgardschlange. Aus der Midgardschlange wurde ein geflügelter Drache. Was hat es zu bedeuten, dass in der Krypta der Kampf zwischen den Geschwistern Fenriswolf und Midgardschlange gezeigt wird? Stellen sie das Böse da, im Gegensatz zum häufig in der Krypta dargestellten Sonnensymbol? Was hat die doppelköpfige Schlange zu bedeuten?

Die alten Kirchen und Dome Deutschlands mussten im Verlauf der letzten tausend Jahre immer wieder restauriert, oft weitestgehend neu aufgebaut werden. Was Brandkatastrophen und alle möglichen Kriege überstanden hatte, das wurde bis zum Ende des »Zweiten Weltkriegs« Ziel von Angriffen aus der Luft. Alliierte Streitkräfte verwüsteten auch Gotteshäuser. Die unterirdischen Krypten überstehen die sinnlos wütenden Kräfte der Zerstörung seit vielen Jahrhunderten. Die Ostkrypta des Doms zu Bremen sieht heute wohl genauso aus wie vor einem Jahrtausend. In dieser »Unterwelt« atmet man den Geist der Ewigkeit. Könnte man nur die Symbole in dieser Unterwelt wie ein Buch lesen....

Anmerkung

Die Geschichte der »Dom-Mumien« ist teils widersprüchlich überliefert, teils spekulativ oder frei erfunden. Die historischen Hintergründe, die die Geschichte der »Dom-Mumien« immer wieder massiv beeinflusst haben, sind zu komplex, um in einem Artikel hinreichend gewürdigt zu werden. Wirklich exakt-konkretes Wissen über die »Dom-Mumien« gibt es weitestgehend keines. Um die unheimliche Attraktion für Besucher interessanter zu machen, wurde viel erfunden.

Unter dieser Grabplatte ruhte die »Mumie von Palenque«...
Fotos

Blick in die »Mumien-Krypta«, etwa 1905 -
Vermutlich handkolirierte Aufnahme, um
1905. Archiv Walter-Jörg Langbein

Abstieg in die »Unterwelt« von Palenque,
Mexiko - Foto Walter-Jörg Langbein

Eingang zur »Unterwelt« -
Archiv Walter-Jörg Langbein

An der Decke: Mumifizierte Hühner.... Aufnahme um 1900. ArchivWalter-Jörg Langbein

Mumien in Särgen, ein Katzenskelett und ein Schädel...:
historische Aufnahme, Archiv Walter-Jörg Langbein

Mumiensärge der Chachapoyas, Peru - Foto Walter-Jörg Langbein

Mumien der Chachapoyas, Peru - Foto Walter-Jörg Langbein

Schlangendrache gegen Fenriswolf - Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

Unter dieser Grabplatte ruhte die »Mumie von Palenque«... - Foto Walter-Jörg Langbein

268 »Monsterwölfe, Teufel und der Höllenschlund«,
Teil 268 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 08.03.2015


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Sonntag, 10. März 2013

164 »Von einem Gott, der vom Himmel stieg«

Alle Straßen führen nach Cobá«, Teil III
Teil 164 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Tulum, Mayastädtchen am Meer
Foto: W-J. Langbein
Zu den schönsten Ruinenstätten der Mayas gehört die faszinierende Anlage von Tulum. Direkt am Karibikstrand gelegen, lockt Tulum Massentourismus an. Zu günstigsten Pauschalpreisen können Scharen nordamerikanischer Touristen, »ALL INCLUSIVE« sei Dank!, ihre puritanisch-frömmelnde Lebensweise vergessen und sich betrinken. Am kulturellen Erbe der Mayas haben diese Vertreter der »zivilisierten Welt« eher selten Interesse. Dabei bieten einige der im gleißenden Sonnenlicht förmlich strahlenden Tempel ein Geheimnis: In mehreren Varianten steigt da, im Stuck verewigt, ein Gott hernieder. Mit angezogenen Beinen stürzt er kopfüber aus dem Himmel zur Erde.

Eines der sakralen Bauten, ein kleiner, aber feiner Tempel, trägt die Bezeichnung »Templo de los Frescos« (der »Freskentempel«). Seine zentrale Lage in der Ruinenstadt lässt auf eine ganz besondere Bedeutung schließen. Über dem Eingang wurde das Relief des »herabstürzenden Gottes« angebracht. Einen fast identischen Schmuck gibt es am »Castillo«, einem weiteren Tempel. Auch hier findet sich ein Gegenstück zur biblischen Himmelfahrt. Der Maya-Gott strebt nicht dem Himmel entgegen wie weiland Jesus auf so manchem christlichen Gemälde. Er kommt vielmehr aus dem Himmel zur Erde.

Ein ganz ähnliches Motiv findet sich in Cobá. Wer allerdings im Sauseschritt durch die weitläufigen Tempelanlagen hastet, bekommt es nicht zu Gesicht ... Guides weisen in der Regel auch nicht darauf hin.

Im Standardwerk »Das Alte Mexiko« von Hanns J. Prem und Ursula Dyckerhoff lesen wir über die Pyramide »Nohoch Mul« (1): »Letztere mit intaktem Tempel und bemalter Skulptur des Herabstürzenden Gottes«. Mir scheint, die Experten haben nicht die steile Pyramide »Nohoch Mul« erklommen. Sonst wüssten sie, dass dort nicht eine Skulptur des ominösen vom Himmel stürzenden Gottes zu sehen ist ... sondern deren zwei. Und ursprünglich waren es wohl deren drei, also eine Maya-Trinität!

Maya-Treppe in den Himmel
Foto: W-J. Langbein
Man nähert sich der mit einer Höhe von 42 Metern den dichten Urwald überragenden Pyramide. Eine imposante Treppe von zwölf Metern Breite führt empor zum Tempel an der Spitze. Wer dort oben ankommen will, muss 120 steile Treppenstufen überwinden. Wer die »Himmelstreppe«, die teilweise erheblich beschädigt ist, genauer betrachtet, erkennt eine Besonderheit des Bauwerks: Es wurde terrassenförmig angelegt. Wer die Treppe erklimmt, sieht, dass zwölf Plattformen den massiven Leib des »großen künstlichen Hügels« bilden.

In gewisser Weise erinnert das Bauwerk dem ebenfalls steilen »Turm von Babel«, der auch ganz oben auf seiner höchsten Plattform einen Tempel trug ... so wie »Nohoch Mul«, so wie die typische zentralamerikanische Pyramide. Sie diente, anders als etwa die Cheopspyramide, als Sockel für den Tempel, der dem Himmel möglichst nahe sein sollte. Die Pyramide in Mexico – etwa der »Tempel der Inschriften« – ist von untergeordneter Bedeutung. Sie hat einen Tempel zu tragen ... und das möglichst hoch über der Erdoberfläche. Erinnern wir uns: Auch die »Kukulkan-Pyramide« von Chichen Itza hatte diese Funktion!

Im Reiseführer von Marianne Mehling stoßen wir auf den gleichen Fehler, der uns schon bei Prem und Dyckerhoff aufgefallen ist (2): »Dieses ... Heiligtum bewahrt in einer der drei rechteckigen Eingangsnischen die polychrome Skulptur des ›Herabstürzenden Gottes«, der in den archäologischen Stätten am Karibischen Meer häufig auftaucht.«

Tempel auf der Pyramidenspitze
Foto: Wolfgang Sauber,
Creative Commons
Diese Beschreibung ist etwas irreführend: Bei den »rechteckigen Eingangsnischen« handelt es sich vielmehr um Nischen im Dachfries. Zwei davon sind noch recht gut erhalten. Da man davon ausgehen kann, dass das Gebäude symmetrisch war, ist eine dritte Nische zu vermuten. Sie befand sich in jenem Teil des Frieses, das offenbar eingefallen ist und nicht rekonstruiert wurde. Die beiden anderen Nischen über dem schmalen Eingang in den Tempel und im rechten Teil des Frieses sind gut erhalten ... und in jeder von ihnen stürzt der aus Tulum bekannte Gott vom Himmel zur Erde.

Bis heute wurde der »große künstliche Hügel« nur äußerlich untersucht und auch nur zum Teil rekonstruiert.

Archäologen vermuten, dass auch (wie viele andere Maya-Bauten, etwa die »Pyramide des Zauberers«) »Nohoch Mul« in mehreren Etappen gebaut wurde. Vermutlich gab es ein sehr altes Ur-Gebäude, über das nach und nach mehrere Schichten gestülpt wurden. Aus bislang unerfindlichen Gründen scheinen die Mayas ihre religiösen Zentren in regelmäßigen Abständen urplötzlich verlassen zu haben, um auf Wanderschaft zu gehen und an anderer Stelle eine neue Siedlung anzulegen.

So befinden sich – davon kann man wohl ausgehen – im Inneren der Pyramide in ihrer heutigen Form ineinander verschachtelt weitere Pyramiden, vermutlich auch Tempel. Man müsste wie ein Bergmann Tunnel in den Leib der Pyramide treiben, um dort dann die älteren Tempel zu entdecken. Ob sich für diese verlockende Aufgabe finanzielle Mittel locker machen lassen? Ich habe da meine Zweifel. Positiv formuliert: Die Pyramiden im Inneren der Pyramide sind geschützt und weder der auch in Mexiko bedenklichen Umweltverschmutzung, noch den trampelnden Füßen der Touristen ausgesetzt! Auch schreitet die Technologie der praktischen Archäologie voran. Ich bin sicher: Eines Tages wird man Miniaturkameras durch Bohrlöcher in das Innere der Pyramide einführen.

Die beiden erhaltenen Götter
von Cobá
Fotos: Wolfgang Sauber,
Creative Commons
Erinnern wir uns: Der Gott des »Alten Testaments« stieg wütend vom Himmel hernieder, um den »Turm zu Babel« (mit einem Tempel auf der Spitze) zu inspizieren. In Tulum und Cobá sehen wir ebenfalls vom Himmel zur Erde herabsteigende Götter. In Cobá wie in Tulum kannte man sie ... die vom Himmel stürzenden Götter. Man verewigte sie in Skulpturen ...

Die Steinmetze von Cobá waren fleißig. Sie haben an so mancher Treppenstufe empor zum Tempel Symbole angebracht, die an Muscheln erinnern. Und sie haben über dreißig Kunstwerke geschaffen, Stelen aus Stein und steinerne Wandtafeln. Für die Ewigkeit waren diese Bildnisse nicht gedacht. Oder ahnten die Künstler zu Maya-Zeiten nicht, wie rasch der Zahn der Zeit den Platten aus Kalkstein zusetzen würde? Es wurden Maya-Glyphen (im Gegensatz: ägyptische Hieroglyphen) in äußerst porösen Kalkstein gemeißelt.

Sie sind heute so stark verwittert, dass kaum noch etwas von den alten Zeichen entziffert werden kann. »Ach, könnte man sie nur noch wie ein Buch lesen ...« klagte ein Archäologe vor Ort. »Dann wüssten wir mehr von Cobá!« Etwas besser zu erkennen sind die bildhaften Darstellungen auf den Stelen. Da steht ein »Würdenträger« (Herrscher? Fürst? Priester? Krieger?) aufrecht und stolz. Häufig sieht man zu Füßen des Stehenden, auch direkt darunter, einen Liegenden. Manchmal wird der Stehende von zwei demütig Hockenden getragen. Oder sollen nur die betenden Kleinen dargestellt werden, die sich vor dem Großen demütig erniedrigen?

Eine der Stelen
Foto: W-J.Langbein
Ich taste eine Stele ab ... In der Hand hält der Würdenträger einen Stab, der an ein Zepter erinnert. An beiden Enden befinden sich Masken oder Köpfe. Die Bedeutung des Stabs ist umstritten. Vor Ort gab man mir eine Erklärung, die mir einleuchtet... passt sie doch zu den vom Himmel stürzenden Göttern. Oder war nur ein Gott, der vom Himmel kam, der aber mehrfach in Stein gemeißelt wurde. Der untere Kopf steht für Erde/ Unterwelt, der obere bedeutet den Himmel. Der Stab symbolisiert die Verbindung zwischen Himmel und Erde... den Weg, den der herabstürzende Gott aus dem Himmel zur Erde gewählt hat!

Ist dies die Botschaft von Cobá? Erzählen uns Pyramiden und Stelen einen Mythos: Hier kamen göttliche Wesen vom Himmel zur Erde? War Cobá so etwas wie ein Heiligtum, weil sich in längst vergessenen Zeiten Menschen und Götter begegneten? War Cobá eine Begegnungsstätte von Menschen und Göttern, wie das indische Vijayanagara? Schade, dass wir die Glyphen von Cobá nicht mehr wie ein Buch lesen können!

»Das kann schon sein!« pflichtete mir ein Archäologe vor Ort im »Villas Arqueológicas« bei. „Wir wissen sehr viel weniger als wir vorgeben! Selbst wenn Darstellungen auf verwitterten Stelen beschrieben werden, kommt viel Fantasie ins Spiel." Fragen über Fragen ...«

Die ovale Pyramide von Cobá
Foto: W-J.Langbein
Warum wurde die mehrschichtige »Xai-be«-Pyramide als fast ovaler Bau angelegt? Wurde die kuriose Pyramide als Aussichtsplattform benutzt? Warum wurden die Straßen mit einer besonders hellen Schicht überzogen? Waren die Straßen nicht nur profane Verkehrswege, sondern Peillinien? Wiesen sie auf besonders heilige Orte hin?

»Schauen Sie sich vor Ort um!« ermutigte mich »mein« Archäologe. »Und misstrauen Sie den Beschreibungen in wissenschaftlichen Werken! Da werden vermeintliche ›Tatsachen‹ aufgetischt, die einfach nicht stimmen. Da werden Vermutungen als bewiesene Erkenntnisse ausgegeben!«

Ich berichtete dem Archäologen von meiner Begegnung mit dem dicken Uniformierten, der die große Pyramide von Cobá so flott erstieg und der so unrühmlich wieder nach unten kletterte. »Im Volksglauben leben uralte Überlieferungen weiter, die Sie in keinem Buch finden werden!« Ich fragte nach: »Auch von der Göttin?« Mein Gesprächspartner wurde sehr ernst: »Auch von der! Sie wurde schon lange vor der Zeit der Mayas angebetet! Und sie hat noch heute Anhänger, auch in mächtigen Kreisen von Politik und Militär! Die katholische Kirche weiß das. So lange jemand offiziell getaufter katholischer Christ ist ... ist alles in Ordnung! Der Versuch, den uralten Glauben in Vergessenheit geraten zu lassen, wurde längst aufgegeben ... nach Jahrhunderten des Kampfs gegen das "Heidentum", das älter als das der Mayas ist!«

Fußnoten
1: Prem, Hanns J. und Dyckerhoff, Ursula: »Das Alte Mexiko – Geschichte und Kultur der Völker Mesoamerikas««, München 1986, S. 402
2 Mehling, Marianne (Herausgeberin): »Mittelamerika – Die Welt der Maya«, Lizenzausgabe, Augsburg 1998, S. 100

»Nach Indien, der Götter wegen ...«
Teil 165 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysteien«
von Walter-Jörg Langbein
erscheint am 17.03.2013


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Sonntag, 2. Dezember 2012

150 »Von Riesenköpfen und Monsterwesen«

Teil 150 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Einer der Olmekenschädel von
Laventa mit dem Verfasser
(links im Bild)
Foto: Archiv W-J.Langbein
Mannshoch ist der mächtige steinerne Schädel, den ein Farmer um 1850 bei Hueyapan entdeckte. Wer mochte den tonnenschweren Koloss geschaffen haben? Archäologen verirrten sich damals selten in das Städtchen am Popocatépetl im Nordosten des mexikanischen Staates Morelos. Erst anno 1869 publizierte José Maria Melgar y Serrano im Mitteilungsblatt der »Mexikanischen Geographischen und Statistischen Gesellschaft«. Melgar beging einen schlimmen Fauxpas. Er beschrieb das mächtige Haupt so wie es ist, aber eigentlich nicht sein darf. Heute befindet sich der Riesen-Kopf im »La Venta Park« von Villahermosa, Gemeinde Centro, Bundesstaat Tabasco. Wurde der umstrittene Fund tatsächlich in das Freilichtmuseum geschafft? Oder stammen alle Riesenköpfe des Freilichtmuseums aus dem Sumpfland von La Venta? Wie auch immer:

Der Hueyapan-Kopf hat ganz eindeutig negroide Züge: eine breite Base und wulstige Lippen. So konstatierte Melgar anno 1869, der steinerne Kopfe beweise, das in einer sehr frühen Epoche der Menschheitsgeschichte »Neger« in Mexiko gelebt haben müssten!

Monument Nr.1
Foto: Hajor
Der spektakuläre Fund wurde von wissenschaftlicher Seite mehr als stiefmütterlich behandelt! Nie und nimmer durfte er Zeugnis ablegen für Menschen mit negroiden Zügen, die sehr lange vor Columbus Zentralamerika besucht haben müssten! Diese Behauptung durfte nur falsch sein, also lohne es sich nicht, den Kopf in Augenschein zu nehmen. Erst 1906 stattete der deutsche Forscher Eduard Seler dem Stein des Anstoßes einen Besuch ab. Einen Niederschlag in der wissenschaftlichen Literatur hatte diese Visite nicht zur Folge. Erst 1932 wurde der unmögliche Fund »wissenschaftlich« beschrieben: von Albert Weyerstall.

Der »unmögliche« Riesenfund lässt sich einwandfrei zuordnen seine unzähligen riesengroßen »Brüder« und »Schwestern«, nämlich der Olmeken-Kultur. Die Olmeken betraten vor rund 3200 Jahren die Bühne der Geschichte Zentralamerikas. Um 400 vor Christus erlosch der Stern dieses rätselhaften Volkes. Wenn nun die Olmeken eine riesigen Kopf mit negroiden Zügen schufen, schätzungsweise 30 Tonnen schwer, müssen sie da keinen Kontakt mit Schwarzafrikanern gehabt haben? Und das muss lange vor Columbus gewesen sein! Solch frühe Kontakte über den Atlantik hinweg darf es nach noch gültiger Lehrmeinung aber nicht gegeben haben.

Was nicht sein kann, das darf auch nicht sein. Daran ändern auch nichts die zigtonnenschweren Olmekenköpfe, die man im Sumpfland von La Venta in Küstennähe gefunden hat: und sie alle haben negroide Züge ... wulstige Lippen und breite Nasen! Wenn es nur einen solchen Riesenschädel gäbe ... man könnte von einem Zufall sprechen. Das ist aber nicht der Fall! Es gibt eine Vielzahl solcher Kolossalköpfe, und alle haben diese negroiden Züge. Ein Musterexemplar findet sich im »Museo Nacional de Antropología e Historia«, Mexico. Man sieht heute diese tonnenschweren, wuchtigen Plastiken als typisch für die olmekische Kunst an!

Riesenhaupt im Museum
Foto Maunus
Vor Jahren nahm ich an einer spontanen Diskussion im »Museo Nacional de Antropología e Historia« teil. Es ging um die Frage der Olmekenschädel mit den wulstigen Lippen und der breiten Nase. Ich wurde als »Rassist« beschimpft, als ich zaghaft auf das äußere Erscheinungsbild der Kolossalköpfe hinwies. Ich würde mich beleidigend über die frühen Kulturen Mittelamerikas äußern, hieß es. Ich würde den frühen Völkern Mittelamerikas nicht zubilligen, dass sie ihre alten Hochkulturen Mittelamerikas selbst gegründet haben. Ich würde vielmehr behaupten, sie gingen auf Einwanderer aus einem fernen Kontinent zurück. Eine etwa 50-jährige Amerikanerin mit blau gefärbtem Haar und einem Monokel (tatsächlich!) keifte giftig: »Sie berauben die Völker ihrer ureigensten Historie!«

Was für ein Unsinn! Natürlich wurden die frühen Kulturen Mittelamerikas in Mittelamerika von dort Ansässigen gegründet! Natürlich waren es die ortsansässigen Olmeken, die die grandiosen Riesenskulpturen schufen! Aber wen stellten sie dar? Waren es afrikanische Seefahrer, die lange, lange vor Columbus Amerika entdeckten? Erkundeten afrikanische Pioniere Zentralamerika und wurden von einheimischen Künstlern in Stein verewigt? Erwiesen die Olmeken der fremden Seefahrern auf diese Weise ihren Respekt? Meiner Meinung nach ist es rassistisch zu behaupten, afrikanische Seefahrer seien nicht in der Lage gewesen, bis nach Zentralamerika zu gelangen!

Das parkartige Freilichtmuseum von Villahermosa gehört zu den schönsten der Welt. Man kann heute gemächlich und bequem von Ausstellungsstück zu Ausstellungsstück flanieren ... und mysteriöse Kunstwerke aus Stein aus uralten Zeiten bewundern. Man kann sich kaum vorstellen, welche Strapazen Archäologen auf sich genommen haben, um die Kolossalfiguren aus dem Schlamm von La Venta zu bergen. An den Originalschauplätzen von La Venta ist heute erschreckend wenig zu sehen. Wo sensationelle Ausgrabungen vorgenommen wurden ... hat man später mächtig betoniert ... für die Landebahnen des Flugplatzes. Andere Areale wurden bis heute nicht archäologisch untersucht. Unter Erdhügeln scheinen sich Pyramiden zu verbergen. Wann wird man zum Spaten greifen?

»Altar 4« erinnert den heutigen Besucher am ehesten an einen Schreibtisch, unter dem sich jemand versteckt. Bei näherem Betrachten erkennt man aber das Gesicht und den weit aufgerissenen Rachen eines »Monsters«.

Altar 4 - Foto: Ruben Charles
Häufig wird dieses »Monster« als Jaguar interpretiert. Im Mittelpunkt olmekischer Mythologien – vergleichbar mit den ältesten Texten des »Alten Testaments« – steht ein ganz besonderer Schöpfungsakt: Demnach paarte sich einst ein Jaguar mit einer Frau. So entstand ein Geschlecht von Monstern, vergleichbar mit den Werwölfen, nur dass diese Wesen eben Zwitter aus Mensch und Jaguar waren. Aus diesen Mischwesen sollen später die Regengötter hervorgegangen sein.

»Altar 4« zeigt offenbar einen Jaguar, der seinen mit scharfen Zähnen bewehrten Rachen öffnet. Darin sitzt ein menschliches Wesen. Es könnte sich dabei um einen Priester handeln, der so etwas wie einen Totenkopfschmuck trägt. Verschlingt der Jaguar den »Priester« ... oder spuckt er ihn aus? Stellt der Mensch den Tod dar ... oder jemanden, der den Tod besiegt, der aus dem Rachen des Jaguars steigt? Geht es im Bild um Auferstehung, Wiedergeburt und ewiges Leben?

Niemand vermag mit Sicherheit zu sagen, was der »Schreibtisch« wirklich darstellt. Leider sind uns keine Maya-Hieroglyphen an den Monumenten erhalten, die wir wie ein Buch lesen könnten, um uns die steinernen Denkmäler erklären zu lassen. Gab es Codices, die zum Beispiel den Menschen im Monstermaul erklärten? Wir wissen es nicht. Primitiv waren die Schöpfer dieser Skulpturen nicht! Sicher ist, dass die komplexe Kalenderwissenschaft auf die Olmeken und deren Vorläufer zurückgeht!

Mann mit Totenkopf
Foto: W-J.Langbein
Eine mögliche Erklärung für den »Schreibtisch« lautet so: Dargestellt wird ein Herrscher. Er ergreift mit einer Hand ein Seil. Dieses Seil führt um den Altar herum. An den beiden schmalen Seiten des »Schreibtischs« (im Foto nicht zu sehen) waren ursprünglich zwei Gestalten dargestellt. Die Abbildung auf der rechten Schmalseite (im Bild nicht zu sehen) ist allerdings stark verwittert. Sind es Verstorbene, Vorfahren des Herrschers? Nimmt der Herrscher mit den Totengeistern Kontakt auf, um sich Hilfe von ihnen zu erbitten? Stellt also das Seil die Verbindung unserer Welt mit dem Totenreich dar?

Eine andere Interpretation versteht die vermeintlichen »Verstorbenen« ganz anders, nämlich als Gefangene des Königs. Der Herrscher hat ihr Schicksal in den Händen, entscheidet über Leben und Tod!

Je mehr Fachliteratur man liest, in der alte Kunstwerke Zentralamerikas interpretiert werden, desto mehr voneinander abweichende Erklärungen werden einem geboten. Es müsste von Seiten der Wissenschaft sehr viel deutlicher gemacht werden, dass bei den »Erklärungen« sehr viel Fantasie im Spiel ist! Und je weniger von einer Skulptur zu erkennen ist, desto mehr Spielraum wird der Vorstellungskraft geboten. Leider werden aber fantasiereiche Vermutungen gern als gesicherte Erkenntnis vorgetragen.

Noch ein Schreibtisch
Foto: Archiv W-J.Langbein
Ein weiterer »Schreibtisch« ist leider stark beschädigt. Große Teile scheinen abgeschlagen worden zu sein. Man erkennt wieder eine menschliche Gestalt. Sie kauert, mit nach vorn gebeugtem Oberkörper und einer »Zipfelmütze« auf dem Kopf, wieder im Schlund eines Monsters.

Die sitzende Gestalt hält etwas in den Armen. Was das ist, man kann es nicht mehr erkennen. Auch hier gibt es keine übereinstimmende Erklärung. Da ist von einem Menschenopfer die Rede. Wird ein Baby oder ein Kleinkind den nach Blut schreienden Göttern dargeboten? Oder genießt das Baby ganz besonderen Schutz der mächtigen Götter? Oder wird etwas ganz anderes dargestellt, nämlich die geistige Entwicklung des Menschen auf spiritueller Ebene vom Baby zum Erwachsenen? Oder schützt der Mensch – womöglich ein Priester – ein kleines Jaguar-Baby?

Ich habe großen Respekt vor den wissenschaftlich arbeitenden Archäologen. Was mich aber sehr stört: Sehr häufig trägt jeder Experte seine ganz persönliche Erklärung für ein bestimmtes Monument als absolut sichere Erkenntnis vor. In Wirklichkeit aber wird häufig nur spekuliert, wiedersprechen die verschiedenen »Erklärungen« einander.

Die Bücher von Walter-Jörg Langbein

»Von Pyramiden und heiligen Bäumen«,
Teil 151 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 09.12.2012


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Sonntag, 2. Januar 2011

50 »Der Astronaut in der Grabkammer«

Teil 50
der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Rätselhaftes Palenque - Foto: Walter-Jörg Langbein
Ein geheimnisvoller Zauber geht von der alten Mayastadt Palenque aus. Imposante Bauwerke fügen sich mit geradezu spielerischer Leichtigkeit in die sattgrüne Urwaldlandschaft. Wuchtige Pyramiden schmiegen sich sanft an Hügel. Es ist, als ob geniale Maya-Architekten eine Pyramidenlandschaft kreiert hätten: als Ergänzung zur Natur, nicht als Sieg der menschlichen Schaffenskraft über die Natur. Es ist, als setze sich die kraftvolle Natur in den steinernen Bauten der Menschen fort.

Das wohl schönste, sicher bekannteste Gebäude der Maya-Stadt im Urwald ist die »Pyramide der Inschriften«. In einer Höhe von 21 Metern thront der Tempel auf einem steinernen Unterbau, der Pyramide, der sich sanft an einen Hügel anschmiegt. Die Pyramide besteht aus acht aufeinandergesetzten Plattformen. Eine gefährlich steile Treppe führt an der Nordseite zum Heiligtum hinauf. Sie wurde nicht gebaut, um Tausende und Abertausende Besucher zu ertragen. Wer die Kalksteintreppe schonen und vor rapider Zerstörung durch Massenansturm bewahren möchte, kann einen anderen, zudem auch noch sicheren Weg wählen: an der Rückseite kann man bequem den kleinen Hügel besteigen und so zum Tempel auf der obersten Plattform gelangen.

Über den bewaldeten Hügel hinter
der Pyramide geht es auch zur Spitze
Foto: Walter-Jörg Langbein
Erst im Jahre 1949 machte der mexikanische Archäologe Dr. Alberto Ruiz Lhuillier im Inneren des imposanten Bauwerks eine Entdeckung. Er fand einen Eingang in die Unterwelt, der bei sämtlichen wissenschaftlichen Untersuchungen zuvor übersehen worden war. Eine wuchtige Bodenplatte aus Stein verschloss einen Treppenschacht. Der aber war bis an den Rand mit Steinbrocken und Geröll zugeschüttet worden. Tonnen von Schutt mussten mühsam weggeräumt werden, bis Lhullier endlich am 15. Juni 1952 vor einer dreieckigen, massiven Steintür stand. Das Portal hatte beachtliche Ausmaße: (1,60 mal 2,45). Es wurde sorgsam geöffnet.

Dr. Alberto Ruiz Lhullier: »Ich betrat einen großen leeren Raum, eine Art Eisgrotte, deren Wände und Decke mir vorkamen wie perfekte Flächen, wie eine aufgegebene Kapelle, von deren Decke ganze Vorhänge von Stalaktiten hingen, als ob es dicke, tropfende Kerzen wären.«

Der mexikanische Archäologe befand sich nun unterhalb der Pyramide. Der Raum (neun Meter lang, vier Meter breit und sieben Meter hoch), barg ein faszinierendes Geheimnis: eine zehn Tonnen schwere Steinplatte (3,80 Meter lang, 2,20 Meter breit und 25 cm dick). Sie verschloss einen steinernen Sarkophag, der auf zwanzig Tonnen geschätzt wird. Die Grabplatte bot einen faszinierenden Anblick: ein geheimnisvolles Relief zierte den mächtigen Stein.

Die geheimnisvolle Steinplatte
Foto Walter-Jörg Langbein
Erich von Däniken war es, der den »Tempel der Inschriften« weltberühmt gemacht hat. Eine zeichnerische Darstellung des Reliefs vom steinernen Sargdeckel aus der Gruft zierte Dänikens Erstling »Erinnerungen an die Zukunft«. Als sich der Mensch anschickte, den Erdtrabanten Mond zu besuchen, trug Erich von Däniken eine raumfahrttechnische Interpretation der Steingravur vor. Die Zeit war reif für Dänikens Gedanken: Der Mensch machte sich daran, ins All vorzudringen. Warum sollten dann nicht alte, fortgeschrittene Zivilisationen auf fremden Welten ebenfalls Raumfahrt entwickelt haben. Sollten fremde Astronauten die Erde bereits vor Jahrtausenden besucht haben?

Das Däniken-Cover löste
weltweit Diskussionen aus
»Da sitzt ein menschliches Wesen mit dem Oberkörper vorgeneigt, in Rennfahrerpose vor uns; sein Fahrzeug wird heute jedes Kind als Rakete identifizieren. Das Vehikel ist vorne spitz, geht über in merkwürdig gerillte Ausbuchtungen, die Ansauglöchern gleichen, wird dann breiter und endet im Rumpf in eine züngelnde Feuerflamme. Das Wesen selbst, vornübergeneigt, bedient mit den Händen eine Reihe unidentifizierter Kontrollgeräte und setzt die Ferse des linken Fußes auf eine Art Pedal. Seine Kleidung ist zweckentsprechend: eine kurze, karierte Hose mit einem breiten Gurt, eine Jacke mit modernem japanischen Halsausschnitt und dicht abschließende Arm- und Beinbänder. Es würde, in Kenntnis korrespondierender Darstellungen, verwundern, wenn der komplizierte Hut fehlen würde. Er ist da, mit Ausbuchtungen und Röhren. Unser so deutlich dargestellter Raumfahrer ist nicht nur durch seine Pose in Aktion - dicht vor seinem Gesicht hängt ein Gerät, das er starrend und aufmerksam beobachtet. Der Vordersitz des Astronauten ist vom hinteren Raum des Fahrzeugs, in dem man gleichmäßig angeordnete Kästen, Kreise und Spiralen sieht, durch Verstrebungen abgetrennt.«

Erich von Dänikens Interpretation wurde weltweit diskutiert. Prof. Dr. Hans Georg Wunderlich ging in seinem Buch »Die Steinzeit ist noch nicht zu Ende« in einem ausführlichen »Intermezzo« (1) auf Dänikens Interpretation ein. Das Kunstwerk aus Mayazeiten stelle, so Prof. Wunderlich keinen Astronauten, sondern eine »Trockenmumie« dar. Wunderlich schreibt (2): »Man hat also den seit längerer Zeit toten und zum Transport als Hockermumie zubereiteten vornehmen Maya-Häuptling oder Edlen zum Zwecke der offiziellen Totenfeier aus seiner Transportverpackung gewickelt und auf den traditionellen Totenstuhl gesetzt... Das Relief zeigt demnach offenbar den bedeutendsten Teil der Maya-Totenzeremonie, nämlich die Verehrung des Verstorbenen auf seinem reich verzierten Thronsessel, dem Totenstuhl.«

Astronaut - oder nicht? - Foto: Walter-Jörg Langbein
Zu einem ganz anderen Ergebnis kommt allerdings das Werk »Die Kunst des Alten Mexiko«. Jacques Soustelle erkennt keine Trockenmumie auf dem traditionellen Totenstuhl. sondern einen jungen Mann (3): »Das Basrelief, das die Platte ganz bedeckt, ist eines der Meisterwerke der Maya-Skulptur. Der Baum des Lebens wächst aus dem Leib eines jungen Mannes, der halb auf dem Lager ausgestreckt ist, welches das Erden-Ungeheuer darstellt. Nach Soustelle legt sich der junge Mann gerade nieder »um zu sterben«.

Ein weiterer Mayaexperte von Rang, Pierre Ivanoff (4), wiederum sieht keinen jungen Mann, der sich niederlegt, um zu sterben... sondern einen Mann, der in seiner »aufschnellenden Haltung dem entstehenden Leben« gleiche. Ivanoff weiter: »Sein Gesicht erinnert an das des Maisgottes-, er könnte deshalb die Inkarnation der keimenden Natur sein.«


Astronaut oder sterbender Jüngling?
Foto: Walter-Jörg Langbein
Im Verlauf verschiedener Reisen nach Zentralamerika war ich wiederholt in Palenque. So manches Mal saß ich vor dem Eingang und blickte zur nahegelegenen »Universität«, wo himmlische Lehrmeister die verschiedensten Wissenschaften gelehrt haben sollen. Ob diese »Professoren« auch so widersprüchliche Thesen verkündet haben wie die Maya-Experten unserer Tage über die Grabplatte von Palenque?

Im Verlauf verschiedener Reisen besuchte ich wiederholt Palenque und stieg auf den steilen steinernen Treppenstufen hinab in die Unterwelt, unter der Pyramide der Inschriften. Während ich vor dem Original der Grabplatte stand, gingen mir die oft widersprüchlichen Erklärungen der unterschiedlichen Gelehrten zu diesem einzigartigen Kunstwerk durch den Kopf. (5) Was stellten Maya-Künstler vor vielen Jahrhunderten auf der Grabpalatte von Palenque dar? War es doch ein Astronaut? Auch diese These fand in der Welt der Wissenschaft Unterstützung.

Blogautor Walter-Jörg Langbein
in der Unterwelt von Palenque.
Foto: Ingeborg Diekmann
So schrieben Dr. Wolfgang Briegleb und Professor Dr. Siegfried Ruff, beide tätig bei der »Deutschen Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt«, Bonn (6): »Einer der beeindruckendsten optischen Belege für Dänikens Thesen scheint uns die Grabplatte von Palenque zu sein. Man muss sich hier wirklich Gewalt antun, um nicht mit den Augen unserer Tage eine stilisierte Gemini- oder Wostok-Kapsel zu erkennen. Die Körperhaltung der dargestellten menschlichen Gestalt ist eigentlich nur sinnvoll, wenn sie eine Beschleunigung in Richtung Brust-Rücken erhält. Dass der hypothetische Raketenpilot zudem anscheinend hemdsärmelig fliegt, ist uns eine inzwischen vertraute Vorstellung.«

Pierre Ivanoff, Mayaexperte von Rang, gibt zu (7): »Der Tempel der Inschriften bleibt deshalb bis auf weiteres ein Rätsel und eine offene Frage.«


Fußnoten(1) Wunderlich, Hans Georg: »Die Steinzeit ist noch nicht zu Ende/ Eine Archäologie der menschlichen Seele«, Reinbek 1974, S. 201-219
(2) ebenda, S. 210
(3) Soustelle, Jacques: »Die Kunst des Alten Mexiko«, Osnabrück 1968, S. 67
(4) Ivanoff, Pierre: »Monumente großer Kulturen, Luxemburg 1974, S.77
(5) Siehe hierzu Langbein, Walter-Jörg: »2012/ Endzeit und Neuanfang/ Die Botschaft der Mayas«, München 2009, S. 176-186
(6) Briegleb, Wolfgang und Ruff, Siegfried: »Plädoyer für eine unkonventionelle Erforschung unserer Vergangenheit« in »Waren die Götter Astronauten?«, herausgegeben von Ernst von Khuon, Düsseldorf 1970, S. 84 ff.
(7) Ivanoff, Pierre: »Monumente großer Kulturen, Luxemburg 1974, S.77

Wird Palenque immer ein
Geheimnis bleiben?
Foto Walter-Jörg Langbein
»Das Geheimnis der runden Pyramide«,
Teil 51 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 09.01.2011

Sonntag, 21. November 2010

44 »Luzifer der Südsee«

Teil 44 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Es war ein ruhiger Herbstabend in den direkt am Karibikstrand gelegenen Ruinen von Tulum. Die Busse der Touristen waren abgefahren, die mysteriöse Anlage von Tulum war fast menschenleer... Ich kam mit einem amerikanischen Geistlichen ins Gespräch. Seine Vorfahren, bettelarme Weber aus Sachsen, hatten verzweifelt die Heimat verlassen und waren nach Michigan ausgewandert. Dort lebte er in einer kleinen dörflichen Gemeinde am Michigansee... als Geistlicher.

Gab es an Mexikos Karibikküste einst ein ›Babylon‹
wie in der Bibel? Foto: Walter-Jörg Langbein
»Es sind die Trümmer Babylons!« fauchte der ältliche Geistliche und machte mit beiden Armen weit ausladende Bewegungen. »Hier versuchten die Menschen ihren sündhaften Turm zu bauen...« Mit zitternden Fingern holte er eine zerfledderte Bibel aus seinem verschwitzten Jackett und zitierte Kapitel 11 des Buches Genesis:

»Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Da sie nun zogen gen Morgen, fanden sie ein ebenes Land im Lande Sinear, und wohnten daselbst. Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, laß uns Ziegel streichen und brennen! und nahmen Ziegel zu Stein und Erdharz zu Kalk und sprachen: ›Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, des Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen, denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder!‹«

Meine heftigen Zweifel ließ der sich in Rage redende Gottesmann nicht gelten. Der Turm zu Babel, so warf ich ein, stand doch in biblischen Landen... und nicht im mexikanischen Tulum. Wütend ergriff mich der Gottesmann und führte mich zu den Resten des babylonischen Turms zu Tulum.

Der ›babylonische Turm‹ von Tulum?
Foto: Walter-Jörg Langbein
»Diese Treppenstufen stiegen einst die Menschen empor... zu sündigem Treiben hoch oben im satanischen Tempel!« schrie der Geistliche. Wieder zitierte er wutschnaubend aus dem Kapitel 11 des Ersten Buch Mose: »Da fuhr der Herr hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten.« Gott zerstörte den Turm und verwirrte die Menschen, heißt es in der Bibel. Sie verstanden einander nicht mehr, redeten nicht mehr in einer gemeinsamen, sondern in vielen Sprachen.

Die von der Bibel angebotene sprachliche Erklärung ist allerdings vollkommen falsch: Babel hat mit dem hebräischen »balal«, zu Deutsch »verwirren« nichts zu tun. Der Name Babel verweist auf eine recht unbiblische Geschichte. »Babel« leitet sich eindeutig vom Babylonisch-Sumerischen »bab-ili« her. »Bab-ili« heißt zu Deutsch »Tor der Götter«. Das reale Vorbild für den biblischen Bericht vom Turmbau zu Babel ist der babylonische Zikurrat. Zikkurats waren mehrstufige Türme. Ähnlich wie die ältesten Pyramiden dienten sie vermutlich als Ersatz für heilige Berge. Wer die höchsten Gipfel der Berge erklomm, der fühlte sich den kosmischen Göttern näher.

Rund zwei Jahrtausende vor Christus entstand das reale Vorbild für den biblischen Turm, der »Etemenanki«. Er ragte in Babylon direkt beim Tempel des Gottes Marduk hoch in den Himmel. Ganz oben gab es einen Tempel. In diesem Gotteshaus wurde die »Heilige Hochzeit« zelebriert.

Die Priesterin erklomm den Turm gen Himmel, die »Gottheit« kam vom Himmel herab und wartete im Heiligtum auf seine Partnerin. Gemeinsam zelebrierten sie dann die »Heilige Hochzeit« im Tempel.

Allerdings war es nicht der leibhaftige Gott selbst, der ins Brautgemach kam, sondern ein Stellvertreter. Babylonische Städte waren Stadtstaaten, die von einem Priesterkönig geleitet wurden. Der Priesterkönig und die Oberpriesterin vollzogen die »heilige Hochzeit«. Zwei Menschen aus Fleisch und Blut schlüpften in die Rolle von Göttern. Aus Sicht der Jahwepriester war das Blasphemie: Menschen, die sich für die Zeit des Rituals als Götter fühlten. Wenn das keine Gotteslästerung war! Es durfte nur einen Gott, nämlich Jahwe, geben! Und kein Mensch durfte sich wie ein Gott aufführen!

Der Turm zu Babel in seinem Umfeld. Rekonstruktion.
Foto: Archiv Langbein
Die »Heilige Hochzeit« gehörte schon vor vielen Jahrtausenden zum Jahreswechsel wie heutige Sylvesterfeiern mit Sekt und Feuerwerk. Der heilige Sex – Hurerei in den Augen der frommern Jahwe-Anhänger – sollte für ein weiteres Jahr Fruchtbarkeit gewähren: für Land und Leute. Mensch und Tier sollten sich weiter fortpflanzen können und ausreichend Nachwuchs haben. Mutter Erde sollte wieder genügend Nahrung für Mensch und Tier hervorbringen. Das ewige Rad des Lebens sollte sich wieder ein Jahr lang weiter drehen.

Dieser heilige Ritus wurde nicht in Babylon »erfunden«. Er wurde wohl schon Jahrtausende früher importiert und zelebriert: auf heiligen Bergen, deren hohe Gipfel dem Himmel näher waren als der Erde. Die Stufenpyramiden im babylonisch-assyrischen Bereich dürften Nachbildungen der heiligen Berge gewesen sein, errichtet von den Nachkommen der einstigen Ahnen, die aus einem bergreichen Land nach Babylon kamen.

Im heiligen Gemach des Tempels auf dem »Turm zu Babel« feierten der Priesterkönig und die Oberpriesterin das Ritual der »Heiligen Hochzeit«: der Priesterkönig in Vertretung von Gott Marduk, die Oberpriesterin für die Göttin Ischtar. Sollte es weltweit so etwas wie einen Urkult gegeben haben... von einem herabsteigenden Gott?

Gab es weltweit herabsteigende
Götter .. wie in Tulum?
Foto: Walter-Jörg Langbein
Wütend stapfte der empörte Geistliche davon. So abstrus seine Behauptungen auch zu sein schienen.. kann es nicht sein, dass sich in Tulum etwas Ähnliches abspielte? Wurde in sakralen Räumen von Tulum so etwas wie die »heilige Hochzeit« zelebriert.. zwischen dem mächtigen »herabsteigenden Gott« und der Göttin des Lebens Ix-Chel? Wurden im »Ur-Tulum«... lange bevor die Mayas kamen... ein uralter Ritus zelebriert, der das Fortbestehen des Lebens auf Planet Erde gewähren sollte?

Wie sich die Bilder gleichen... Beginnen wir mit der Bibel: Bei Jesaja (1) heißt es über den Sturz des Königs von Babylon: »Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern!« Jesus sagte nach Lukas (2): »Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz.« Die biblische Tradition machte aus dem König von Babylon und dem Teufel, der vom Himmel stürzte... den Oberteufel Satan. In Tulum begegnet uns immer wieder plastisch dargestellt der »herabstürzende Gott«, der auch als »Abendstern« und »Blitz« gedeutet wird. In den Augen der christlichen Geistlichkeit war der »herabsteigende Gott« von Tulum der böse Luzifer.


Ein herabsteigender Luzifer von Tulum?
Foto: Ingeborg Diekmann
Wurde in Tulum ein Kult zelebriert, in dessen Mittelpunkt ein »herabsteigender Gott« stand... ein Kult, der den Fortbestand des Lebens auf Planet Erde gewährleisten sollte?

Wir wissen wenig über Tulum. Wo Wissen fehlt, wird auch von Wissenschaftlern viel spekuliert. Schriftliche Dokumente der Mayas mag es einst gegeben haben. Sie können uns keine Auskunft mehr über Tulum erteilen, wurden doch die Codices der Mayas von der katholischen Geistlichkeit gezielt gesucht und verbrannt. Stumm sind die Gemäuer von Tulum. Die Stuckskulpturen der herabsteigenden Götter sind oft übel zugerichtet und hüten uralte Geheimnisse. Werden wir sie jemals verstehen?

Wenn man aufpasst, dann kann man in Tulum dann und wann eine Begegnung beobachten... zwischen einem herabsteigenden Gott und einer Schwalbe, der Stellvertreterin der Göttin...zwischen dem Luzifer der Südsee und der Göttin....

Eine Schwalbe der Göttin und ein
herabsteigender Gott ... in Tulum.
Foto Ingeborg Diekmann
Fußnoten:(1) Der Prophet Jesaja Kapitel 14, Vers 12
(2) Das Evangelium nach Lukas Kapitel 10, Vers 18

Ich danke Frau Ingeborg Diekmann für die schönen Fotos!


»Das Geheimnis der Maria von Guadalupe«,
Teil 45 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 28.11.2010

Sonntag, 31. Oktober 2010

41 »Die Schlange, die vom Himmel steigt«

Teil 41 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Vielleicht die schönste Pyramide der Welt...
Sie ist für mich eine der schönsten Pyramiden der Welt: »Castillo« nannten sie die Spanier, geweiht war sie dem Gott Kukulkan. Die heute sichtbare Pyramide wurde über eine ältere gebaut. Die »Urpyramide« steckt wie ein Kern in der »neuen«.

Der plündernde »Eroberer« Francisco de Montejo baute hier sein Lager auf... im Zentrum einer einst gewaltigen Metropole. Einst war die Mayastadt mindestens fünfundzwanzig Quadratkilometer groß. Sie ist heute weitestgehend vom Erdboden verschwunden. Weite Teile müssen noch rekonstruiert werden. Wo mögen sich noch Fundamente im Erdreich verborgen finden? Die Spanier haben gewaltig gewütet und unermesslich kostbare Kulturgüter verwüstet und zerstört.

»Heidnischer Glaube« war den Vertretern des christlichen Abendlandes ein Gräuel. Dabei dürften die meist des Lesens unkundigen Europäer, die gen Mittel- und Südamerika zogen wohl kaum wirklich fromm und gottesgläubig gewesen sein! Man muss es immer wieder wiederholen: Zeugnisse der uralten Kulturen Zentralamerikas wurden rücksichtslos vernichtet. Kultstätten wurden verwüstet, fortschrittliche Siedlungen abgefackelt, Menschen wurden gefoltert und ermordet.

Prof. Dr. Hans Georg Wunderlich (1928-1974) bringt es in seinem Standardwerk »Die Steinzeit ist noch nicht zu Ende« (1): »Kolumbus, Cortés, Pizarro und wie sie alle hießen, sie waren nach heutigen Vorstellungen bestenfalls Abenteurer, in der Mehrzahl aber tatsächlich nichts anderes als brutale Erpresser und Killer. »Nach Prof. Wunderlich waren »die Konquisadoren durchweg goldgierige Massenmörder – und das waren sie wirklich«.

Der Kulturphilosoph Egon Friedell (1878-1938) kritisiert mit Recht die Arroganz der Spanier. In seinem geradezu legendären Werk »Kulturgeschichte der Neuzeit« (2) schreibt er: »Als Hernando Cortez im Jahre 1519 den Boden Mexikos betrat, fand er eine hochentwickelte, ja überentwickelte Kultur vor, die der europäischen weit überlegen war; als Weißer und Katholik, verblendet durch den doppelten Größenwahn seiner Religion und seiner Rasse, vermochte er sich jedoch nicht zu dem Gedanken erheben, dass Wesen von anderer Weltanschauung und Hautfarbe ihm auch nur ebenbürtig waren. Es ist tragisch und grotesk, mit welchem Dünkel diese Spanier, Angehörige der brutalsten, abergläubischen und ungebildetsten Nation ihres Weltteils, eine Kultur betrachteten, deren Grundlage sie nicht einmal ahnen konnten.«

Ein Kalender aus Stein
Die Kukulkan-Pyramide beeindruckt nicht durch monumentale Wuchtigkeit, sondern durch schlichte Eleganz und Leichtigkeit. Was mögen die Priesterarchitekten dem sakralen Bauwerk der Mayas
an Wissen anvertraut haben? Haben wir schon das im Stein verewigte Wissen schon vollständig entschlüsselt? Das wage ich zu bezweifeln. Fakt ist: Das Bauwerk des Kukulkan besteht aus neun Plattformen. Vier Treppen führen nach oben zum Kukulkan-Tempel. Insgesamt sind es 364 Stufen. Eine 365. Stufe gewährt Zutritt zum Tempel, Zwei Säulen säumen den Eingang. Gefiederte Schlangen sind zu erkennen.

Jede Treppenstufe steht für einen Tag. 365 Treppenstufen entsprechen exakt der Dauer eines Jahres von 365 Tagen. Die Mayas waren geradezu besessene Astronomen. Sie beobachteten die Planeten und Sterne. Über Jahrhunderte hinweg notierten sie die Ergebnisse ihrer präzisen Beobachtungen. Sie erkannten das Gesetz der ewigen Wiederkehr. Die Zeit, das wussten die Mayas – und das war die Grundaussage ihrer Philosophie – besteht aus sich ewig wiederholenden Zyklen: seit Anbeginn des Universums drehen sie sich wie die Räder eines genial entworfenen Mechanismus.

Die mystische Schlange
steigt vom Himmel herab
Die Mayas haben ohne Zweifel ihre Erkenntnisse in unzähligen Codices verewigt. Die aber wurden von den barbarischen Eroberern mit Enthusiasmus gesammelt und in gewaltigen Feuern verbrannt. Erhalten geblieben ist ein astronomisches Werk in Stein: die Pyramide des Kukulkan! Alle Jahre wieder bietet sie so etwas wie einen Film, eine »Lichtshow«.. mit der Präzision eines Uhrwerks: immer am 21. März und am 21. September kriecht Gott Kukulkan als Schlange aus Licht vom Himmel herab... und verschwindet wieder ins Himmelreich.

Damit dieses Phänomen Jahr für Jahr pünktlich zu den Sonnwendfeier an 21. März und am 21. September sichtbar werden konnte, waren umfangreichste Berechnungen und präzise Entwürfe erforderlich. Die Kukulkan-Pyramide musste millimetergenau platziert werden, sonst würde nicht seit Jahrhunderten Sonnenlicht und Schatten eine Schlange vom Himmel steigen und wieder entschwinden lassen...

Ich habe diesen »Film« mit einigen Tausend anderen Besuchern am 21. März gesehen. Schon am Morgen hatte ich mich eingefunden. Erst gut anderthalb Stunden vor dem Sonnenuntergang begann’s: die Sonne leuchtete die dem Westen zugeneigte Pyramidenfläche an. Wie unzählige Kegel von Taschenlampen projizieren die Sonnenstrahlen Licht auf die nördliche Pyramidenfront. Dreiecke aus Licht entstehen, wandern von der Spitze der Pyramide nach unten. Ein Schlangenkopf taucht aus dem Schatten auf...

Deutlich ist der Leib der zur Erde kriechende Schlange zu erkennen, von der Schwanzspitze bis zum geöffneten Maul. Die Schlange vollendet ihre Reise: aus dem All zur Erde. Dies geschieht alljährlich am 21. März. Und alljährlich am 21. September kehrt sie wieder in die unendlichen Weiten des Alls zurück!

Ein steinerner Schlangenkopf
Worte vermögen den Zauber nicht wirklich zutreffend zu beschreiben. Es ist ein Mysterium aus Stein, Licht und Schatten.. wir vor den Augen des Betrachters eine Schlange aus Licht entsteht, die sich mit ihrem mächtigen Kopf aus massivem Stein am Boden vereint.

Astronomische Kenntnisse waren Voraussetzung.. ebenso wie perfekte Baukunst! Und Astronomen der Extraklasse waren sie, die Mayas! Über viele Jahrhunderte beobachteten sie Sterne und Planeten. Sie verfügten in Chichen Itza über ein perfektes Observatorium!

In Chichen Itza gab es auch eine »Kirche« der Stern- und Planetenforscher. Das Kultgebäude heißt heute »Caracol«, zu Deutsch »Schneckenhaus« oder »Schneckenturm«. Wie es bei den Mayas hieß, das weiß heute niemand mehr zu sagen ... Deutlich ist der Zweck des Bauwerks zu erkennen: Es war ein Observatorium. Der Name ist leicht erklärt: Im Inneren führt eine Wendeltreppe bis zur höchsten Stufe. Schon aus einiger Distanz fällt die ungewöhnliche Kuppel des astronomisch-sakralen Denkmals auf.

Das Observatorium der Mayas
Auf drei Stufen erhebt sich das Gebäude an der idealen Stelle in der Stadt. Die Maya-Astronomen hatten den perfekten Blick auf die Venus, die sie studierten. Auch Sonnenbeobachtungen wurden mit wissenschaftlicher Akribie durchgeführt. Leider nagte der Zahn der Zeit über die Jahrhunderte am »Caracol«, der aber nichts von seiner majestätischen Aura eingebüßt hat. Leider lässt sich die Ruine nicht mehr exakt genug rekonstruieren. So kann so manches Maß von astronomischer Bedeutung nicht mehr erkannt werden. Und die Manuskripte der Astronomen, die es gegeben haben muss, wurden wohl von den Spaniern mit Eifer verbrannt. Oder ruhen sie noch irgendwo in geheimen Verstecken, die die Plünderer übersehen haben?

Trotzdem muss man auch heute über die Präzision der Baumeister der Mayas staunen. Der Grundriss des Caracol hat ein Seitenverhältnis von 5 zu 8. Auf den ersten Blick erscheint das nicht weiter ungewöhnlich zu sein. Doch entspricht diese Relation exakt dem Verhältnis der Umlaufzeiten von Erde und Venus, 365 zu 584. Wie viele astronomische Daten mögen wohl einst in das Maya-Observatorium eingeflossen sein? Fest steht:

Durch kleine Fensterchen und Luken wurden wichtige Sterne angepeilt. Planeten wurden beobachtet. Ergebnisse wurden notiert. Die Mayas wollten dem Geheimnis des Universums auf die Spur kommen. Sie wollten eruieren, nach welchem Plan sich Sterne und Planeten bewegen.

Die Mayas verfügten über enormes astronomisches Wissen. Sie versuchten Gesetzmäßigkeiten im Zusammenspiel der kosmischen Körper zu erkennen. Hinter den Planeten und Sternen vermuteten sie einen intelligenten Plan.

Tausende bestaunen das Wunder von Chichen Itza
Zurück zur Pyramide von Kukulkan und der Schlange aus Licht ... Das Phänomen lockt auch heute noch Tausende von Maya-Nachkommen, aber auch Touristen, an. Die Schlange, geformt aus Licht und Schatten, wandert von der obersten Tempelplattform nach unten. Sie ringelt sich die steilen Pyramidenstufen hinab....und kehrt auch wieder nach oben zurück.

Wer sich einen guten Platz ergattern möchte, sollte schon frühmorgens bei der Kukulkan-Pyramide erscheinen. Denn bald schon setzt der Massenansturm ein. Das weitläufige Areal wird förmlich von Menschen überflutet ... sehr zum Ärger der katholischen Kirche! Wird doch auf diese Weise – unwissentlich oder nicht – ein uralter Kult der Mayas ... die Anbetung der Schlange, die vom Himmel kommt ... fortgeführt ... Es empfiehlt sich, sich möglichst nah bei den Ruinen eine Unterkunft zu suchen. Auf diese Weise kann man schon frühmorgens die Ruinenanlage betreten, ohne störende Besuchermassen Pyramide, Observatorium, Tempel und Opferbrunnen auf sich wirken lassen.

Im »Buch der Jaguar-Priester« heißt es: »Sie (die Götter, Ergänzung des Verfassers) stiegen von der Straße der Sterne hernieder. Sie sprachen die magische Sprache der Sterne des Himmels. Ihr Zeichen ist unsere Gewissheit, dass sie vom Himmel kamen. Und wenn sie wieder herniedersteigen, dann werden sie neu ordnen, was sie einst schufen.«

Nach Jahrzehnten des Forschens bin ich davon überzeugt: Die Mayas sahen den Ablauf der Geschichte des Universums als ewige Wiederkehr von Zeit-Zyklen. Sie rechneten in astronomischen Zahlen. Sie überblickten wahre Zeitmeere, die sich kein Mensch vorstellen kann. Sie maßen Zeitenläufe nach Milliarden von Jahren. Für die Mayas folgten einander Weltuntergang und Neuanfang immer wieder aufs Neue! Kulturen wurden geboren, Kulturen blühten zu höchstem Niveau, um wieder zu versinken. Doch jedem Ende wohnte bei den Mayas ein Neuanfang inne ...

Leben wir am Vorabend des Jahres 2012 im Angesicht des nächsten Weltuntergangs? Endet im Jahr 2012 wieder ein Zyklus der Mayas? Steigen dann wieder Götter vom Himmel... Astronautengötter? Naht die nächste Apokalypse? (Zu diesem Thema habe ich mich ausführlich in meinem Buch »2012 - Endzeit und Neuanfang« geäußert!)

Astronautengott aus dem All?
Fußnoten(1) Wunderlich, Hans Georg: »Die Steinzeit ist noch nicht zu Ende«, Reinbek bei Hamburg 1977, S. 184

(2) Zitiert von Wunderlich, Hans Georg: : »Die Steinzeit ist noch nicht zu Ende«, Reinbek bei Hamburg 1977, S.186

»Das Geheimnis der fliegenden Männer«,
Teil 42 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 07.11.2010






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