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Sonntag, 27. Mai 2018

436 „Zwei Krypten und das Monster am Fluss“

Teil  436 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Der Dom zu Bremen. Ansichtskarte von  1899

Der St.-Petri-Dom zu Bremen hat eine lange, sehr lange Geschichte. Das höchst imposante sakrale Bauwerk von heute ist nicht mehr das „Original“. „Wikipedia“ berichtet unter dem Stichwort „Bremer Dom“: „Der St.-Petri-Dom in Bremen ist ein aus Sandstein und Backstein gestalteter romanischer Kirchenbau, der vom 11. Jahrhundert an über den Fundamenten älterer Vorgängerbauten errichtet und seit dem 13. Jahrhundert im Stil der Gotik umgebaut wurde. Im 14. Jahrhundert gab es Erweiterungen um seitliche Kapellen. 1502 begann die Umgestaltung in eine spätgotische Hallenkirche, die aber über ein neues Nordseitenschiff nicht hinauskam, als die Reformation weitere Ausbauten stoppte.

Im späten 19. Jahrhundert erfolgte eine umfangreiche Renovierung des innen durchaus gepflegten, äußerlich aber schäbig wirkenden Baus, von dem einer der beiden Türme eingestürzt war. Die Gestaltung orientierte sich überwiegend am Vorhandenen und an alten Darstellungen, jedoch verstieg man sich zu einigen Zutaten wie dem neoromanischen Vierungsturm. Das Gotteshaus gehört heute zur evangelisch-lutherischen Domgemeinde St. Petri. Es steht seit 1973 unter Denkmalschutz.“

Foto 2: Blick in die Westkrypta.

Bereits im Jahre 1638 stürzte der Südturm ein, wurde mehr schlecht als recht „restauriert“. Lange Zeit sollte das Provisorium nicht bestehen. Dombaumeister Ernst Erhardt stellt in seinem „Handbuch und Führer“ (1) fest: „Wenige Jahrzehnte später wurden die Spitze des Südturms und ein Teil des Kirchendaches durch Brand zerstört. Seit jener Zeit war die ehemals stolze und stattliche Kathedrale der bremischen Erzbischöfe dem Verfall anheim gegeben, der immer weiter fortschritt und bis in die neuere Zeit dauerte.

Ein Teil der Westseite lag in Trümmern, große Flächen der ehemals fest gefügten Mauern hatte das Wetter arg zerfressen, die Portale waren zerstört, Bildwerke abgemeißelt. So bot im Westen die Kirche in ihrer Verstümmelung und Verwitterung einen unerfreulichen Anblick. Aber auch an den übrigen Seiten schritt der Verfall … fort. .. Im Inneren waren die Gewölbe durch das Ausweichen der Mauern sehr schadhaft geworden, und deckten mehrere Anstriche die alten Malereien. Die vielen Schäden, die das Gebäude in den letzten Jahrhunderten durch Feuer und Menschenhand erlitten hatte, wurden entweder gar nicht oder nur notdürftig beseitigt. Endlich, im Jahre 1888, begann eine großartige Wiederherstellung des Domes in all seinen Teilen.“

Foto 3: Blick in die Ostkrypta.

Wer noch echten „Ur-Dom“ erleben will, der muss in die Unterwelt hinab steigen, und zwar in die Westkrypta. Sie ist der älteste erhaltene Raum Bremens. Geweiht wurde die Westkrypta im Jahre 1066 von Erzbischof Adalbert. Auf der offiziellen Homepage des Doms lesen wir (2): „Ihr beträchtliches Alter ist der Westkrypta auch äußerlich anzumerken: unregelmäßig geschichtetes Mauerwerk, Säulenkapitelle mit eigenartigem steinernem Flechtwerk und Tierdarstellungen unterstreichen den altertümlichen Raumeindruck.“

Das gilt natürlich auch für die Ostkrypta. Erstaunlich offen heißt es auf der Homepage des Bremer Doms (3):

Foto 4: Säulen mit geheimnisvollen Darstellungen um den Altar

„Dieser einheitlich frühsalische Raum ist in seiner ursprünglichen Gestalt unverändert geblieben. Schon Erzbischof Bezelin wird ihn 1042 angelegt und Erzbischof Adalbert die Bauarbeiten fortgesetzt haben. Unter Erzbischof Liemar († 1101) erhielt die Ostkrypta ihre endgültige Gestalt.“ Und weiter: „Besondere Beachtung verdienen die Kapitelle der Säulen im Altarbereich. Heidnisch/germanische Symbole wie der Fenris-Wolf, die Midgardschlange sind hier vermutlich dargestellt. Blüten- und Blumenmotive ergänzen das Bildprogramm. An anderer Stelle sind Pentagramm und Maske zu finden.“

Der Bremer Dom wurde (4) „vom 11. Jahrhundert an über den Fundamenten älterer Vorgängerbauten errichtet“. Es ist also durchaus möglich, dass die Ostkrypta wie die Fundamente von älteren Vorgängerbauten übernommen wurde.

Wen wir uns der Ostkrypta und besonders den mysteriösen Darstellungen an den Säulenkapitellen zu. Sie sind so etwas wie ein Buch in Stein, das eine faszinierende Geschichte erzählt. Und diese Geschichte ist von besonderer Bedeutung für das christliche Deutschland. Es geht um eine spannende Zeit des Übergangs, nämlich vom Heidentum zum Christentum. Nirgendwo sonst wurde so deutlich geschildert, dass das Heidentum keineswegs von heute auf morgen spurlos verschwunden ist, um dem neuen Glauben, dem Christentum, Platz zu machen.


Fotos 5 und 6: Christrose in der Ostkrypta.

Diese Geschichte wird von diversen Darstellungen an Säulenkapitellen in der Ostkrypta erzählt. Man kann die etwa tausendjährigen Steinreliefs wie ein Buch lesen, benötigt dazu keinen Text. Anders als die Säulenkapitelle im Hamelner Münster sind die Steinreliefs in der Bremer Ostkrypta nicht in schwindelnder Höhe, sondern fast in Augenhöhe angebracht.

Im steinernen „Buch“ der Ostkrypta des Doms zu Bremen begegnen christliche und heidnische Symbole einander. Sollten Sie den Dom besuchen, dann empfehle ich ihnen der Ostkrypta möglichst viel Zeit zu widmen. Lassen Sie die Zeichen und Symbole auf sich wirken. Die kuriosen Mumien aus dem einstigen „Bleikeller“ sind gruselige Kuriosa, aber weit weniger wichtig, wie ich meine.


Foto 7: Christus-Rose und der Wotan-Rabe.

Wenn ich in die Ostkrypta des Doms zu Bremen hinabsteige, dann kommt es mir so vor, als würde ich mit jeder Treppenstufe die lärmende Hektik des 21. Jahrhunderts ein Stück weiter hinter mir zurücklassen. In der „Unterwelt“ der Ostkrypta stört mich die Bestuhlung ein wenig. Der niedrige Raum mit den wie aus Stein gewachsenen Säulen wäre in seiner Schlichtheit ohne diese Sitzmöbel aus unseren Tagen noch beeindruckender. Mir wird klar: Jeder von uns trägt zum Lärm, der die Konzentration auf Wichtigeres erschwert, selbst bei. Wir beklagen uns, dass wir „keine Zeit haben“, aber warum nehmen wir uns nicht einfach Zeit, etwa um in der Ostkrypta des Doms zu Bremen einfach nur die Stille auf uns wirken zu lassen? Könnte es sein, dass wir dann die Darstellungen, die vor rund einem Jahrtausend in den Stein gemeißelt wurden, intuitiv verstehen?

Foto 8: Christus-Rose und Wotan-Rabe nebeneinander

Immer wieder taucht an den Säulenkapitellen ein Symbol auf, das uns Wolfgang Oehrl so erklärt (5): „Christus (symbolisiert durch die Rose) verdrängt die Unendlichkeitsspirale und den Wotansraben.“ Die Rose als Symbol für Christus ist mir schon bei meinem ersten Besuch vor Ort aufgefallen. Freilich sehe ich keine Verdrängung. Vielmehr harmonieren die verschiedenen Symbole miteinander. Offenbar existierten vor rund einem Jahrtausend Christentum und Heidentum nebeneinander.

Neben die „Christus-Rose“ wurde ein Rabe gesetzt, Symboltier des Wotan (6). Wotan alias Odin war der mächtige Göttervater, auch Kriegs- und Totengott, der Gott der Dichtung und der Magie. Wer genauer hinsieht, der entdeckt, meist doppelt, Eschenblätter, also Blätter von Yggdrasil, vom „Weltenbaum“. Nach alter Mythologie fand Wotan, in Begleitung von zwei weiteren Göttern, am Strand zwei Baumstämme, nämlich einer Esche und einer Ulme oder Erle (7). Aus der Esche entstand der erste Mann, aus dem anderen Baumstamm die erste Frau. Eschenblätter und Rabe neben der Christus-Rose weisen meiner Meinung nach auf ein Neben- und Miteinander von „heidnischem!“ und „christlichem“ Glauben hin.


Foto 9: Kampf zwischen Schlange und Wolf.

Sehr interessant ist die Darstellung eines Kampfes zwischen einem Wolf und einer Schlange. Wolfgang Oehrl erklärt (8): „Ein Rabe weist auf Wotan, die vielen Eschenblätter auf den Weltenbaum Yggdrasil, der Fenris-Wolf (das Böse) kämpft gegen die Midgardschlange, die den Lebensraum unserer Vorfahren schützen soll.“

In der nordischen Mythologie waren der Fenris-Wolf und die Midgard-Schlange Todfeinde. Die Midgard-Schlange beschützte die Erde vor dem Urozean. So wie ich die Darstellungen in der Ostkrypta des Doms zu Bremen verstehe, kämpfte sie gegen den Fenris-Wolf und sicherte die Christus-Rose. Mit anderen Worten: Die nordische Mythologie muss vor rund einem Jahrtausend noch so mächtig gewesen sein, dass sie von den frühen Christen zumindest teilweise übernommen wurde. Die Menschen waren noch im alten Glauben verwurzelt. Es sollte ihnen leichter gemacht werden, zum neuen Glauben zu wechseln, einfach indem im neuen Glauben Motive aus dem alten Glauben auftauchten.

Foto 10: Abstrakte Dekoration oder mysteriöses Gesicht?

„Panta rhei“ heißt es im Altgriechischen. Heraklit (* um 520 v. Chr.; † um 460 v. Chr.) soll das Wort geprägt haben. Plato (*428/427 v.Chr., †348/347 v.Chr.) zitierte die Formel und Simplikios (etwa 480-490n.Chr., † nach 550 n.Chr.). Die Römer übersetzten das prägnante Wort mit „cuncta fluunt“. Zu Deutsch: „Alles fließt“.

„Alles fließt“… Uralter Glaube verschwindet nicht. Er wird nicht ersatzlos gestrichen, um neuer Religion Platz zu machen. Tief verwurzelte Überzeugungen tauchen in neuem Gewand wieder auf. Für die altnordischen Sagen war der Fenris-Wolf, den die Götter fürchteten, das Böse, den die Götter fürchteten. In der Krypta zu Bremen ist es der Fenris-Wolf, der das Christentum gefährdet. Die Midgard-Schlange schützt nun nicht die Welt vor dem Urozean, sondern den christlichen Messias und kämpft gegen den Fenris-Wolf. Der Fenris-Wolf, auch „Monster am Fluss“ genannt, überlebte jede Religionsreform. Im Aberglauben des Hexenwahns diente er den Hexen als Reittier.

Foto 11: Augen, Nase, ein Gesicht... oder verschlungene Linien

Wenn Theologen es ernst meinen, versuchen sie Bilder des Glaubens zu ihren Ursprüngen zurück zu verfolgen.


Fußnoten
1) Erhardt, E(rnst): „Der Dom in Bremen/ Handbuch und Führer“, Bremen 1921, Seite 4 (Die Schreibweise wurde nicht der heutigen angepasst, sondern belassen!)
2) http://stpetridom.de/index.php?id=26&L=0
3) http://stpetridom.de/index.php?id=27
4) 1) Erhardt, E(rnst): „Der Dom in Bremen/ Handbuch und Führer“, Bremen 1921, Seite 4
5) Oehrl, Wolfgang: „Glaubenswandel vor 1000 Jahren“, Artikel schienen in „NORDWEST ZEITUNG“ vom 16. Dezember 2017, S. 4
6) Andere Schreibweise: Wodan
7) Der zweite Baum wird als „Embla“ bezeichnet. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Ulme oder Erle.
8) Oehrl, Wolfgang: „Glaubenswandel vor 1000 Jahren“, Artikel schienen in „NORDWEST ZEITUNG“ vom 16. Dezember 2017, S. 4

Foto 12: Beeindruckende, schlichte Kunst aus Stein.

Zu den Fotos

Alle Fotos entstanden am Freitag, den 2. März 2018, am Wochenende des 23. Seminars "Fantastische Phänomene". "Fantastische Phänomene" findet immer am ersten Wochenende im März in  Bremen-Vegesack statt.

Foto 1: Der Dom zu Bremen. Ansichtskarte von  1899.  Foto/ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Blick in die Westkrypta. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Blick in die Ostkrypta. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Säulen mit geheimnisvollen Darstellungen um den Altar. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 5 und 6: Christrose in der Ostkrypta. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Christus-Rose und der Wotan-Rabe. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Christus-Rose und Wotan-Rabe nebeneinander. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Kampf zwischen Schlange und Wolf. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Abstrakte Dekoration oder mysteriöses Gesicht? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Augen, Nase, ein Gesicht... oder verschlungene Linien? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Beeindruckende, schlichte Kunst aus Stein. Foto Walter-Jörg Langbein

437 „Der steinerne Riese von Thelitz“,
Teil  437 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint bereits am 03.06.2018


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Sonntag, 8. März 2015

268 »Monsterwölfe, Teufel und der Höllenschlund«

Teil 268 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Die Krypta von Bremen birgt noch manches Geheimnis...

Auf der offiziellen Internet-Seite des Doms zu Bremen lesen wir (1): »Dieser einheitlich frühsalische Raum ist in seiner ursprünglichen Gestalt unverändert geblieben. Schon Erzbischof Bezelin wird ihn 1042 angelegt und Erzbischof Adalbert die Bauarbeiten fortgesetzt haben. Unter Erzbischof Liemar (†1101) erhielt die Ostkrypta ihre endgültige Gestalt. Im Zuge der zweiten großen Domrestaurierung fand der Altar 1984 seinen Platz wieder am ursprünglichen Ort – direkt unter dem Altar des Hochchors im Dom – im von vier romanischen Säulen getragenen Mitteljoch der Ostkrypta.«

Was sonst gern verschwiegen wird, wird in der Beschreibung eines Rundgangs durch den Dom zu Bremen konkret ausgesprochen (2):

»Besondere Beachtung verdienen die Kapitelle der Säulen im Altarbereich. Heidnisch/germanische Symbole wie der Fenriswolf, die Midgardschlange sind hier vermutlich dargestellt. Blüten- und Blumenmotive ergänzen das Bildprogramm. An anderer Stelle sind Pentagramm und Maske zu finden. Die mit einem Schachbrettmuster versehenen Kämpfer lassen auf lombardischen Einfluss schließen.«

Die Schlange und der Wolf von Bremen.

Der Fenriswolf galt in der nordischen Mythologie als gefährlicher Dämon. Seine Verwandtschaft muss man als illuster bezeichnen: Vater war kein Geringerer als Loki selbst, Mutter die Riesin »Kummerbringerin« (»Angrboda«). Hel und die Midgardschlange waren seine Geschwister. Den Asen-Göttern schließlich soll es gelungen sein, den Fenriswolf zu fesseln… mit List und Tücke. Tyr überzeugte den Fenriswolf von den friedlichen Absichten der Götter, indem er seine Hand ins Maul des Fenriswolfs legte. Das kostete den Gott seine Hand, Fenris allerdings die Freiheit.

Der Fenris-Wolf hat apokalyptische Bedeutung. Der Untergang des mythologischen Kosmos kündigt sich dadurch an, dass es dem furchteinflößenden Dämon gelingt, sich loszureißen und Odin zu töten. Odins Sohn Vidar rächt den Vater und tötet Fenrir, den Fenriswolf. Der Wolf ermordet also Gott-Vater und wird seinerseits von Gott-Sohn umgebracht. Der Fenris-Wolf der Skandinavier entspricht dem  Nordpol-Hund der Philosophenschule der der Kyniker (etwa 500 v.Chr.), die sich das wilde Tier vermutlich bei den Etruskern ausgeliehen haben. Freilich war das mythologische Tier bei den Etruskern noch weiblich. Die Lupa der Etrusker – Pomeroy Brewster weist in seinem Werk über Heilige und Feiertage in der Christlichen Kirche darauf hin (3) – war ein mächtiges, überirdisches Wesen. Zum Ende des Jahres frisst die Wölfin die alte Sonne und bringt deren Inkarnation, die neue Sonne, zur Welt.

Auch die Kirche von Urschalling bietet Geheimnisvolles....

Unschwer ist zu erkennen, dass es sich bei der Urüberlieferung um die Wölfin um eine Erinnerung an uralte Sonnenkulte handelt. Unsere Altvorderen hatten eine zentrale Angst, nämlich dass mit der Eiseskälte des Winters alles Leben sterben würde. In kultisch-magischen Zeremonien wurde das Fortbestehen des Lebens beschworen, vor allem natürlich die Wiederkehr der in der Kälte »gestorbenen« Sonne im Frühjahr.

Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang die nordische Mythologie. Die Götter wissen nach alter Überlieferung, dass große Gefahr vom Fenris-Wolf ausgeht, der die Götter bedroht. Um das prophezeite Desaster zu vermeiden, wird der Wolf übertölpelt. Die Asen wollen unbedingt verhindern, dass der gefräßige Wolf zubeißen kann. Deshalb (4) »fesseln ihn die Asen mit List und sperren ihm den Rachen durch ein Schwert«. Man muss sich also den Fenris-Wolf mit weit aufgerissenem Maul vorstellen, wobei zwischen den Kiefern ein Schwert steckt.

Der Monsterwolf von Urschalling.
Ohne dieses schmerzhafte Utensil im Schlund ist der Fenris-Wolf in der Ostkrypta unter dem Dom zu Bremen dargestellt. Wütend beißt er da auf einem der Säulenkapitelle in einen Schlangendrachen. Mit der göttlichen »Maulsperre« ist das heidnische Tier etwa 1390 von einem unbekannten Künstler dargestellt worden: als Fresko in der kleinen Kirche zu Urschalling am Chiemsee. Idyllisch hebt sich das Weiß des kleinen Gotteshauses vom blauen Himmel Bayerns ab. Betritt man es, erkennt man, dass der zierlich-leichte Eindruck täuscht. Meterdicke Mauern muss man durchschreiten, um dann in den tiefer gelegten Raum zu gelangen. Das romanische Gotteshaus war wohl ursprünglich ein rein weltlicher Bau, eine kleine Burganlage. Sie wurde umgebaut, ein Turm hinzugefügt. Sehr früh – schon im 13. Jahrhundert – wurde mit der Ausmalung begonnen. Nach heutigem Wissenstand entstanden die ersten Freskomalereien spätestens im frühen 13. Jahrhundert. Auf die romanischen Bildwerke folgten Ende des 14. Jahrhundertes, wiederum von unbekannten Künstlern angefertigt, mittelalterliche Kunstwerke sakraler Art.

Kreuzabnahme von Urschalling.

Leider ließ man die einzigartigen Kostbarkeiten bald unter Putz verschwinden. Und als schließlich Fenster eingebaut oder vergrößert wurden, zerstörte man unbeabsichtigt und unwiederbringlich älteste Zeugnisse sakraler Malerei. An der Südwand, zum Beispiel, schlug man eine hässliche Fenster-Lücke in die comicstilartig dargestellte Leidensgeschichte Jesu. Wir erkennen sofort Jesu Einzug in Jerusalem auf einem Esel, Jesus beim Beten auf dem Berg Gethsemane, den Verrat Jesu durch Judas, seine Verhaftung und Kreuzigung bis hin zur Abnahme vom Kreuz und die Sarglegung.
Fritz Fenzl weiß zu berichten (5):

Maria Magdalena von Urschalling
»Die Kirche ist aus der Zeit der Kreuzzüge, birgt damit das Geheimnis der Templer um aufgeladene und für immer versiegelte Kultstätten – und sie ist in anderer schwarz-magisch aufgeladener Zeit nach ihrem Geheimnis befragt worden (1941/42).« Den Tempelrittern wird ja nachgesagt, dass sie über Geheimkenntnisse verfügt haben sollen, die mit der allgemein gültigen Lehrmeinung der katholischen Kirche nicht übereinstimmten. Sie sollen sehr an Maria Magdalena interessiert gewesen sein, auch was eine womöglich erotische Liaison mit Jesus betrifft.

Anno 1220 soll der deutsche hochrangige Tempelritter Hubertus Koch auf der Heimreise aus dem »Heiligen Land« eine bemerkenswerte Vision gehabt haben. Ihm und seinen Reisebegleitern sei unweit der Stadt Ninive im heutigen Irak keine Geringere als Göttin Isais erschienen. Im Auftrag der Göttin, so trug die Himmlische ihm auf, solle er an einem bestimmten heiligen Berg ein Haus errichten. 1221 erreichten Hubertus Koch und sein kleines Gefolge nach abenteuerlicher, lebensgefährlicher Reise ihr Ziel, den mysteriösen Untersberg, auf der Grenze zwischen Bayern und Salzburg. Dort wurde das von der Göttin gewünschte Haus erbaut. Ein zweites Haus folgte.. und in einer der Höhlen der »Isais-Tempel«.

Isais, Schwester der Athene, soll einer Überlieferung zufolge Hubertus Koch den »Heiligen Gral« ausgehändigt haben. Von einer kostbaren Statuette aus Gold, besetzt mit Edelsteinen ist die Rede. Unzählige mysteriöse Überlieferungen mögen reichlich fantastisch anmuten, vielleicht von fantasiereichen Forschern ausgeschmückt und verfälscht. Ich gehe aber davon aus, dass die Templer wirklich intensiv an Maria Magdalena und einer vorchristlichen Göttin interessiert waren. Hatten die Templer bei der Gestaltung der St.-Jakobus-Kirche ihre Hände im Spiel? Brachten sie die Idee von einer »Heiligen Geistin« bei der Ausmalung des kleinen Gotteshauses ein?

In der Tat lässt sich die »Geistin« auf eine der ältesten Göttinnen überhaupt zurückführen, nämlich auf eine Muttergottheit. Erinnern wir uns: Venus war ein Name von vielen, die sich auf die Urgöttin des Lebens und der Fruchtbarkeit bezogen. Und das Symboltier vieler dieser Göttinnen war die Taube. Als Taube stieg nach Überlieferungen des »Neuen Testaments« der »Heilige Geist« vom Himmel.

Sprachwissenschaftlich betrachtet war aber der »Heilige Geist« eine »Geistin«, so wie im Kirchlein von Urschalling dargestellt.

Der Höllenschlund von Urschalling... mit zwei Teufeln.

Wie dem auch sei…. Betritt man die St.-Jakobus-Kirche von Urschalling, dann fällt der Blick auf ein merkwürdig anmutendes Motiv. Großformatig reißt da ein monströses Wesen seinen gierigen Schlund auf. Einige Menschen entsteigen gerade dem Maul der Kreatur. Ein örtlicher Führer deutete das Wesen als jenen Walfisch, der Jona laut Bibel verschlungen und wieder ausgespien haben soll. Diese Erzählung wird von Theologen gern jesuanisch interpretiert. Jona überlebte im Leib des Wals drei Tage, bevor er vom »Riesenfisch« an Land gespuckt wurde. Das sei ein prophetischer Hinweis auf Jesus, der drei Tage lang im Reich des Todes weilte, bevor er wieder ins Land der Lebenden zurückkehrte. Laut meinem Führer stellt das Bild vom Fabelwesen eben jenen Wal dar, sinnbildlich für das Totenreich. Jesus selbst errettet die vom Tod verschlungenen Menschen, die mit seiner Hilfe aus der Finsternis ins Leben zurückkehren.

Im Kirchenführer von Walter Brugger und Lisa Bahnmüller lesen wir (6): »Ganz besonders gern zeigt die abendländische Ikonographie dieser Zeit die Hölle als großen Tierrachen, dem die Gerechten des Alten Bundes entsteigen, so auch hier in Urschalling, an der Nordwand des Mitteljoches, die ganz der Verherrlichung Christi und seiner Mutter gewidmet ist, gruppiert um das alte vermauerte romanische Portal.  Den Rachen des Ungeheuers, sinnbildlich für Gefangenschaft, hat Christus mit seinem Kreuzstab geöffnet, besser: gesprengt.«

Jesus steht ganz vorne am Maul des Tieres. Nur nach einem Wal sieht das furchteinflößende Wesen ganz und gar nicht aus. Die Reißzähne, Augen und Ohren der Kreatur passen nicht zu einem Wal, auch dann nicht, wenn ein sehr ungeschickter Maler am Werk gewesen sein sollte, der nicht wusste, wie so ein Riesensäuger der Meere ausgesehen hat. Meiner Meinung nach ist da ein Wolf dargestellt, und zwar nicht irgendeiner. Wir erkennen Jesus, der kraftvoll das Wesen daran hindert, sein Maul wieder zu schließen und seine Opfer erneut zu verschlingen.

Er hält so etwas wie eine Lanze in der Hand (Foto rechts!), die ein Schließen des Mauls unmöglich macht. Es könnte aber auch ein stilisiertes Schwert sein, das am oberen Ende dezent als »Kreuz« gestaltet wurde. Präziser: Der kurze Schwert-Griff wurde als Kreuz gestaltet, wobei ja der Handgriff eines jeden Schwerts wie ein Kreuz aussieht. Wenn man Haare spalten möchte, kann man von einem Langschwert sprechen, mit kreuzförmigem, kurzen Griff.

Die christliche Erklärung: Jesus hat den Tod überwunden und für alle Menschen den Tod besiegt. Vermutlich sind es Johannes der Täufer, Adam, dann Eva und weitere Frauen, die dem Schlund des Todes entsteigen. Maul und Schlund wurden im Urschalling als »Hölle« eingesetzt, aus der – dank Jesu Hilfe – Tote steigen.

Links im Bild: Teufel im Maul,
rechts im Bild Teufel auf dem Kopf des Wolfs.

Ein Teufel sitzt auf dem Kopf des Untieres (Foto oben rechts im Bild!). Im Lauf der Jahrhunderte nagte der Zahn der Zeit am Bildnis. Der Teufel ist aber noch gut zu erkennen, inklusive Schwanz am Allerwertesten. Was hält er in seiner Linken? Einen Menschen? Oder ein Tier?

Der zweite Teufel sitzt im Maul des Wolfs (Foto oben, links im Bild!). Geradezu listig lugt er hervor. Ein Horn wächst aus seiner Stirn, die andere Gesichtshälfte ist nicht zu sehen. Beeindruckend ist die klauenbewehrte Pranke, deren Konturen deutlich auszumachen sind. Die Teufel, so scheint es, hausen im Monsterwesen, wo sie die Seelen von Toten gefangen halten. In dieses Reich kommen alle Verstorbenen, nicht nur die Bösen. Auch Johannes der Täufer wurde – wie erwähnt – an jenen Ort verbannt.

Fenriswolf, isländische Darstellung aus dem 17. Jahrhundert.

Rekapitulieren wir: Nach heidnischer Urüberlieferung gab es einst die Fenris-Wölfin, die die sterbende Sonne verschlang, um die neu aufsteigende junge Sonne zu gebären. Die Fenris-Wölfin holte nicht in einem einmaligen Akt der Gnade die Toten aus der Hölle ins Leben zurück. Sie sorgte Jahr für Jahr dafür, dass – ganz heidnisch – der ewige Kreislauf des Lebens nicht unterbrochen wurde, dass auf Winter wieder ein Frühling folgte, dass das erstarrte Leben wieder aufblühte. In kultisch-magischen Zeremonien wurde das Fortbestehen des Lebens beschworen, vor allem natürlich die Wiederkehr der in der Kälte »gestorbenen« Sonne im Frühjahr. Das heidnische Weltbild war zyklisch. Sinnbild für das Leben war das sich ewig drehende Rad, das nie zum Stillstand kommen durfte.

Dreifaltigkeit von Urschalling.
In der Mitte: Heilige Geistin

Es fällt dem unvoreingenommenen Erforscher ältester Glaubenswelten auf, dass uralter heidnischer Glaube bis in unsere Tage in »christianisierter« Form fortlebt. So symbolisierten die heidnisch-keltischen Göttinnen Ambet, Borbet und Wildbet den Kreislauf des Lebens von Geborenwerde, Leben und Sterben. Ambet war in vorchristlicher Zeit die jungfräuliche Erdgöttin, Borbet eine mütterliche Sonnengottheit und Wilbet eine Mond- und Glücksgöttin. Verchristianisiert wurden die Drei zu Einbeth, Warbeth und Wilbeth. Im südlichen Tirol sind sie noch heute als die »drei Saligen« bekannt. Darüber hinaus existieren noch weitere Namensvarianten. Selbst die »Heiligen drei Könige« könnten als die christianisierte Form der drei einstigen Göttinnen verstanden werden.

Albert Einstein äußerte sich wie folgt: »Der intuitive Verstand ist ein heiliges Geschenk und der rationale Verstand ist ein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.« Wir können versuchen, uns an das »Geschenk« der Intuition zu erinnern, wenn wir uns darum bemühen, die Aussagen uralter Kunstwerke zu verstehen. Ich bin davon überzeugt, dass die alten Künstler ihre Werke bewusst so geschaffen haben, dass sie die Intuition der Betrachtenden ansprechen würden. Bedenken wir, dass vor wenigen Jahrhunderten auch in unseren Gefilden die Kunst des Lesens nur von wenigen Menschen beherrscht wurde. Konnten unsere Altvorderen die alten Meisterwerke intuitiv wie ein Buch lesen und verstehen?

Jesus betet, Jesus wird verhört.
Urschalling.

Ich bin davon überzeugt, dass so manches christliche Kunstwerk uraltes Wissen in abgewandelter Form zeigt, das sehr viel älter als das Christentum ist. Die alten heidnischen Darstellungen wurden vom Christentum übernommen, allerdings mehr oder minder um-interpretieren. Zum konkreten Fall: Auffällig ist, dass die Asen-Götter dem Fenris-Wolf das Maul genauso aufsprengen wie Jesus dem höllischen Untier von Urschalling! Der Fenris-Wolf »lebt« seit Jahrtausenden, wandert von Mythos zu Religion. Zu Beginn des dritten nachchristlichen Jahrtausends beschränkt er sich nicht mehr auf seinen kultischen »Lebensraum«. Wer sich noch nie mit theologischen Fragen auseinandergesetzt hat, kennt ihn aus der Romanreihe »Geisterjäger John Sinclair«.  Im Hörspiel soll er für wohliges Gruseln sorgen, in Folge 55 der Reihe, betitelt »Fenris, der Götterwolf«.


Fußnoten

(1): http://www.stpetridom.de
(2): ebenda
(3): Brewster, Pomeroy: »Saints and Festivals of the Christian Church«, New York 1904
(4): Brunner, Hellmut, Flessel, Klaus et.al.: »Lexikon Alte Kulturen«, Band 1, Mannheim, Wien, Zürich., S. 688, rechte Spalte, Artikel »Fenrir« (Fenriswolf)
(5): Fenzl, Fritz: »Orte der Liebe in Bayern/ An magischen Plätzen die Liebe entdecken«, München 2006, S. 115
(6): Brugger, Walter und Bahnmüller, Lisa: »Urschalling«, 4. Auflage 2012, S. 28

Zu den Fotos...

»Die Krypta von Bremen birgt noch manches Geheimnis...« - historische Aufnahme, Archiv Langbein

»Die Schlange und der Wolf von Bremen.« - historische Aufnahme, Archiv Langbein
Anmerkung: Es könnte sich auch um einen Drachen handeln, oder um einen Schlangendrachen.

»Fenriswolf, isländische Darstellung aus dem 17. Jahrhundert.« - historische Aufnahme, Archiv Langbein

Alle übrigen Fotos: Walter-Jörg Langbein

269 »Von Mäusen, Schlangen und Drachen - Teil 1«
Teil 269 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 15.03.2015

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Sonntag, 1. März 2015

267 »Mumien und eine geheimnisvolle Unterwelt«

Teil 267 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Blick in die »Mumien-Krypta«, etwa 1905
Was haben ein Maya-Tempel in Mexiko und ein romanischer Dom des christlichen Abendlandes gemeinsam?

Der berühmte »Tempel der Inschriften« von Palenque, Mexiko, wurde 690 vollendet. Auf einer Stufenpyramide thront ein Tempel. Unter der Pyramide befindet sich eine Grabkammer, die erst 1952 geöffnet wurde.

Majestätische Dome wie das jener in Bamberg wurden als »Gottesburgen« angelegt. Aber wo? Sehr häufig wählte man Stätten aus, die schon in vorchristlichen Zeiten als »heilig« angesehen wurden. Unter den Gotteshäusern wurden in der Romanik (10./ 11. Jahrhundert) Krypten angelegt, vergleichbar mit der Gruft unter dem Tempel der Inschriften.

Die christlichen unterirdischen Kammern waren streng genommen Kirchen unterhalb von Kirchen. Die Grabkammer von Palenque dürfte bei den Mayas als nicht minder heilig gegolten haben.

Abstieg in die »Unterwelt« von Palenque, Mexiko

In Palenque steigt man auch heute noch in die Krypta unter dem Tempel der Inschriften, so wie man auch in christlichen Gotteshäusern in Krypten gelangt. In Palenque ist klar zu erkennen, dass die unterirdische Kammer als letzte Ruhestätte für König Pakal gedacht war. Dort steht auch heute noch der kolossale Sarg des Herrschers. Die Krypten unter christlichen »Gottesburgen« dienten ursprünglich als geschützter Ort für »heilige Gebeine«. Ein Dom verstärkte durch Reliquien seine besondere Bedeutung – und Kraft. Leider lassen viele Besucher den Respekt vor den sakralen Stätten vermissen, beim Abstieg in die Krypta von Palenque sehr viel mehr als in christlichen Gotteshäusern.

Mit »heiligen Reliquien« wurde zeitweise ein schwunghafter Handel betrieben. Heute kann man Reliquien im Internet erwerben… oder staunend in altehrwürdigen Domen bestaunen. Anno 965, so wird überliefert, kehrte Erzbischof Adaldag von einer sehr erfolgreichen Pilgerreise nach Rom zurück. Vom Papst hatte der Kirchenmann damals sehr begehrte Reliquien zum Geschenk erhalten, nämlich die Knochen der Heiligen Kosmas und Damian. Die beiden christlichen Ärzte sollen im dritten Jahrhundert Wunder bewirkt haben, sehr zum Verdruss der Konkurrenz, und das vollkommen unentgeltlich. Besonders die Transplantation eines Beines soll unzählige Patienten vom christlichen Glauben überzeugt haben. Der römische Präfekt befahl den Tod der beiden Brüder. Sie überlebten ab diverse Versuche, sie hinzurichten. So konnten sie weder ertränkt, noch verbrannt werden. Sie ließen sich weder steinigen noch mit Pfeilen erschießen. Alle diese tödlichen Anschläge auf ihr Leben verpufften wirkungslos, bis sie schließlich enthauptet wurden.

Eingang zur »Unterwelt«

Anno 965, so wird überliefert, kamen die besonderen Reliquien nach Bremen, wurden in der Krypta des Doms eingemauert und offenbar vergessen. Erst 1334 wurden sie auf mysteriös-wundersame Weise wieder entdeckt. Romanische Krypten waren unter Kirchen angelegte Räume zur Aufbewahrung von Reliquien. Nach und nach verloren aber die alten Reliquien an Bedeutung. Der Reliquienkult aber lebte weiter, allerdings verehrte man anstatt der Märtyrer aus frühchristlicher Zeit neuzeitlichere Heilige, und das nicht mehr in den Krypten, sondern im Kirchenschiff selbst. Dort bekamen die »neuen Heiligen« eigene Altäre, in denen oftmals die verehrten Knochen für das Volk der Gläubigen zur Schau gestellt wurden. Damit verloren die Krypten ihre Bedeutung. Sie gerieten teils in Vergessenheit, teils wurden sie für recht weltliche Zwecke missbraucht. In der Ostkrypta des Doms zu Bremen wurden Bleibarren gelagert. Die Bremer waren weitsichtig. Man benötigte das Blei fürs  Domdach. Da Brände oder Stürme regelmäßig das Dach beschädigten oder zerstörten, legte man ein Bleilager in der einstigen Krypta an. Die hieß dann profan nicht mehr Krypta, sondern Bleikeller, Bleikammer oder Bleigewölbe.

An der Decke: Mumifizierte Hühner....
Nach meinen Recherchen wurden die Mumien erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts zufällig entdeckt. Von da an wurde der einstige Bleikeller zum Mumienkeller... und zur Touristenattraktion.  Im frühen 19. Jahrhundert zeigten tüchtige Kaufleute aus Bremen Interesse an der einstigen Bleikammer. Sie wollten sie als Lager für ihre Waren verwenden. Mit brachialer Gewalt wurde von außen ein Eingang in die Krypta geschlagen, um so den Kaufleuten den direkten Zugang zur gemieteten Räumlichkeit  zu ermöglichen. Die Kirche vermietete also den einst von Gebeinen von Heiligen »bewohnten« Raum gegen Bares an Kaufleute. Anno 1823 wurden die Mumien umgesiedelt, sie wurden in die »Kohlenkammer unter dem Konferenzzimmer« geschafft. Anno 1984 wurden die Mumien ein weiteres Mal in ihrer schon lange nicht mehr beschaulichen Ruhe gestört. Weil manche Besucher der Mumien offenbar  die Stille des Gotteshauses  störten, siedelte man die Mumien samt »Bleikeller« ein – bisher – letztes Mal um, nämlich in ein Nebengebäude des Doms.

Heute ist die Ostkrypta wieder ein »Ort der Stille« geworden, was ja dem Charakter des altehrwürdigen Gotteshauses mehr entspricht als ein Gruselkabinett der Mumien. Pietätvoll ist man mit den sterblichen Überresten nicht immer umgegangen. Nach meinen Recherchen sind die Mumien nicht mehr vollständig. Touristen sind ja dafür bekannt, dass sie gern Erinnerungsstücke mit in die Heimat zurück nehmen. So wurden den bedingt durch die geringe Luftfeuchtigkeit eingetrockneneten Toten ganze Haarbüschel ausgerissen und Finger abgebrochen. Einer dieser Finger und eine mumifizierte Kinderhand fanden ihren Weg nach Weimar, ins Goethehaus, als Geschenk für den Dichterfürsten.  Vergeblich hoffte man in Bremen, auf diese Weise die Neugier Goethes zu wecken. Der aber blieb Bremen fern und schenkte die makaberen Gaben seinerseits seinem Sohn August. Erst seit Ende der 1960-er Jahre sind die Mumien vor Zugriffen durch Besucher geschützt, in ihren »Schneewittchen- Särgen«.

Mumien in Särgen, ein Katzenskelett und ein Schädel...

Heute ist die Ostkrypta wieder ein Ort der Andacht geworden. Das ist meiner Meinung nach auch wirklich gut so. Die mysteriöse Krypta war ja auch nie als Ausstellungsraum für Mumien gedacht, sie sollte niemals eine Art Gruselkabinett werden. Unzählige Besucher standen schaudernd vor den offenen Särgen mit den erstarrten Mumien, genossen in gruseliger Atmosphäre frei erfundene Geschichten über die Toten. Dabei wurden die eigentlichen Geheimnisse der Krypta übersehen. Erstaunliche Kunstwerke aus der Zeit der frühen Gotik – 12. Jahrhundert – fanden keine Beachtung. Unter dem Putz warteten die wahrscheinlich ältesten Malereien Bremens darauf, wieder entdeckt und fachgerecht restauriert zu werden. Wurde bis heute wirklich alles Verborgene wieder sichtbar gemacht?

Mumiensärge der Chachapoyas, Peru

Unterwegs zu den großen Mysterien unseres Planeten begegneten mir immer wieder Monstermauern und Mumien. Es scheint so, als hätten alle großen Kulturen in grauer Vorzeit spielerisch mit gewaltigen Steinblöcken umgehen können. Die Kolosse wurden in Peru wie in der Türkei, auf der Osterinsel wie in Ägypten, in Bolivien wie in der Südsee bearbeitet, transportiert und oft wie Bauklötze im Riesenformat zu »Tempeln« oder wahren »Monstermauern« aufeinander getürmt. Nicht selten sehen die Steinriesen wie gegossen aus, so als habe man die Verschalungen eben abgenommen.

Mumien der Chachapoyas, Peru
 Und immer wieder begegneten mir Mumien, in den Hochanden Perus bei den Chachapoyas, den Wolkenmenschen… in Ägypten. Altehrwürdige Mumien der Chachapoyas waren aus den Begräbnisstätten an nur unter Lebensgefahr erreichbaren Steilwänden geholt worden. Sie warteten in einer Art Lagerraum in Pappkartons auf den letzten »Umzug« in ein Museum.

Die Mumien vom Dom zu Bremen sind im Vergleich dazu würdevoller untergebracht. Vor allem liegen sie nun hinter Glas und sind so vor Berührung durch pietätlose Besucher geschützt. Die Ostkrypta bietet wirklich Rätselhaftes, vor allem auf den Säulenkapitellen! Vorchristliche, also heidnische Symbole finden sich in großer Zahl. Immer wieder sehe ich, besonders im Altarbezirk der Ostkrypta an der Südwand, den Drudenfuß. Für die Druden war er heilig, die Tempelritter haben ihn übernommen und in großen Kathedralen verewigt. Der Drudenfuß – Pentagramm – gilt als magisches Zeichen. Er soll das Böse abwehren. Was ist nur schöne Ornamentik, was Symbolik? Verschmilzt da ein Ewigkeitssymbol mit dem Drudenfuß? Was haben die kleinen maskenhaften Gesichter zu bedeuten, die in Kapitelle neben rätselhafte Symbole in den Sandstein gemeißelt wurden? Sollen die Fratzen das Böse darstellen, das durch den Drudenfuß ferngehalten wird? Oder sind Seelen Verstorbener gemeint?

Schlangendrache gegen Fenriswolf

Mich interessieren besonders seltsame Tierdarstellungen. Da kämpft ein Wolf gegen ein Schlangenwesen. Hilft uns die nordische Mythologie weiter. Der Fenriswolf war das erste Kind des Gottes Loki und der Riesin Angrboda. Ein weiteres Kind war die Midgardschlange. Aus der Midgardschlange wurde ein geflügelter Drache. Was hat es zu bedeuten, dass in der Krypta der Kampf zwischen den Geschwistern Fenriswolf und Midgardschlange gezeigt wird? Stellen sie das Böse da, im Gegensatz zum häufig in der Krypta dargestellten Sonnensymbol? Was hat die doppelköpfige Schlange zu bedeuten?

Die alten Kirchen und Dome Deutschlands mussten im Verlauf der letzten tausend Jahre immer wieder restauriert, oft weitestgehend neu aufgebaut werden. Was Brandkatastrophen und alle möglichen Kriege überstanden hatte, das wurde bis zum Ende des »Zweiten Weltkriegs« Ziel von Angriffen aus der Luft. Alliierte Streitkräfte verwüsteten auch Gotteshäuser. Die unterirdischen Krypten überstehen die sinnlos wütenden Kräfte der Zerstörung seit vielen Jahrhunderten. Die Ostkrypta des Doms zu Bremen sieht heute wohl genauso aus wie vor einem Jahrtausend. In dieser »Unterwelt« atmet man den Geist der Ewigkeit. Könnte man nur die Symbole in dieser Unterwelt wie ein Buch lesen....

Anmerkung

Die Geschichte der »Dom-Mumien« ist teils widersprüchlich überliefert, teils spekulativ oder frei erfunden. Die historischen Hintergründe, die die Geschichte der »Dom-Mumien« immer wieder massiv beeinflusst haben, sind zu komplex, um in einem Artikel hinreichend gewürdigt zu werden. Wirklich exakt-konkretes Wissen über die »Dom-Mumien« gibt es weitestgehend keines. Um die unheimliche Attraktion für Besucher interessanter zu machen, wurde viel erfunden.

Unter dieser Grabplatte ruhte die »Mumie von Palenque«...
Fotos

Blick in die »Mumien-Krypta«, etwa 1905 -
Vermutlich handkolirierte Aufnahme, um
1905. Archiv Walter-Jörg Langbein

Abstieg in die »Unterwelt« von Palenque,
Mexiko - Foto Walter-Jörg Langbein

Eingang zur »Unterwelt« -
Archiv Walter-Jörg Langbein

An der Decke: Mumifizierte Hühner.... Aufnahme um 1900. ArchivWalter-Jörg Langbein

Mumien in Särgen, ein Katzenskelett und ein Schädel...:
historische Aufnahme, Archiv Walter-Jörg Langbein

Mumiensärge der Chachapoyas, Peru - Foto Walter-Jörg Langbein

Mumien der Chachapoyas, Peru - Foto Walter-Jörg Langbein

Schlangendrache gegen Fenriswolf - Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

Unter dieser Grabplatte ruhte die »Mumie von Palenque«... - Foto Walter-Jörg Langbein

268 »Monsterwölfe, Teufel und der Höllenschlund«,
Teil 268 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 08.03.2015


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