Posts mit dem Label Plato werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Plato werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 2. Juni 2019

489 »Wer ist der kosmische Puppenspieler? Computersimulation 4«


Teil 489 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Edgar Allan Poe (*1809;†1849):
»Dies noch: Unrecht habt ihr kaum,
Die ihr meint, ich lebte Traum;
Schaun und Scheinen ist nur Schaum,
Nichts als Traum in einem Traum?«

»You are not wrong, who deem
That my days have been a dream.
Is all that we see or seem
But a dream within a dream?«

Der Mensch sieht nicht die Wirklichkeit, sondern lediglich ihren Schatten. So lässt sich das berühmte »Höhlengleichnis« des griechischen Philosophen Plato  (*428/ 427: †348/347 v.Chr.) in einem Satz erklären. Der Mensch lebt, so steht es am Anfang von Platons siebten Buches »Politeia«. Er hockt in einer düsteren, ja beklemmenden Höhle. Sein ganzes Leben muss er hier wie ein Gefangener verbringen. Weil er fixiert ist, kann er nur auf eine Wand starren.Weit hinter seinem Rücken lodert ein Feuer. Vor dem Feuer spielt sich das reale Leben ab, das der Höhlenmensch in Platons nur als Schattenbild auf der Wand wahrnimmt.

Foto 1: Das »Höhlengleichnis« (In der Höhle)

Was würde geschehen, so fragt im Gleichnis Sokrates seinen Gesprächspartner namens Glaukon, wenn so ein Höhlenmensch freikäme. Er könnte sich nun dem Ausgang seines Gefängnisses zuwenden. Das Licht des Feuers würde ihn auf schmerzliche Weise blenden. Da der Mensch das bequem-angenehme Bekannte der unangenehmen, schmerzlichen Erkenntnis vorzieht, wird sich der Mensch wieder mit den Schattenbildern an der Wand begnügen und wieder seine gewohnte Position einnehmen.

Freiheit aber wird der Mensch, um im »Höhlengleichnis« zu bleiben, nur finden, wenn er die Höhle verlässt. Die Erkenntnis, dass die Welt außerhalb der Höhle die Wirklichkeit ist und nicht das Schattenbild an der Wand, wird zunächst sehr ungewohnt, ja schmerzlich sein. Dennoch wird er wissbegierig die wirklich Realität erkunden wollen. Die Schattenwand im Gleichnis steht für die Welt der Höhlenmenschen, wie sie Gefangenen mit ihren Sinnen erfassen. Die Trugbilder an der Wand sehen sie als die Realität schlechthin an. Damit geben sie sich zufrieden und versuchen erst gar nicht, die wahre Realität zu ergründen.

Ergeht es uns anders als den Höhlenmenschen im Gleichnis vor fast zweieinhalb Jahrtausenden? Die Höhlenmenschen sind fixiert, können nur die Schattenbilder wahrnehmen, die sie für die Gesamtheit der Wirklichkeit halten. Wenn wir in einer Computersimulation leben, dann sind wir auch »gefesselt« und nehmen nur wahr, was die Computerprogrammierer uns zu sehen, zu riechen, zu schmecken und zu hören gestatten. Sind wir wie »Pu der Bär« aus dem weltberühmten Kinderbuch von Alan Alexander Milne (*1882 in London; †1956 in Hartfield)? Aber Vorsicht: Pu scheint zwar etwas begriffsstutzig zu sein, er versteht die Wirklichkeit aber viel besser als vermeintlich hochintelligente Menschen. Frage: Wenn wir gar nicht wirklich, sondern nur eine computererzeugte Illusion sind, sind wir dann dazu in der Lage, das zu erfassen?

Foto 2: Die Welt vor der Höhle... in Platos »Höhelengleichnis«
 

Mark Twain (*1835; †1910), weltberühmter Verfasser von »Tom Sawyer« und »Huckelberry Finn« konnte sich einen Supercomputer, der den Kosmos als eine Illusion fabrizieren lässt, natürlich nicht vorstellen. 1897 bis 1908 arbeitete er an einem fantastisch anmutenden Roman. Es entstanden unzählige Versionen von ganz unterschiedlicher Länge. Die längste Fassung trug den Titel »No. 44, the Mysterious Stranger« (Etwa: »Nummer 44, der geheimnisvolle Fremde« und umfasste 65.000 Worte. Die kürzeste  Version (»Schoolhose Hill«, etwa »Der Schulhaus Hügel«) war sehr viel kürzer (15.300 Worte). Erst 2012 erschien eine Übersetzung von Oliver Fehn ins Deutsche: »Der geheimnisvolle Fremde«.

Ein Teenager namens »Satan« enthüllt eine wahrlich bemerkenswerte Sichtweise von der Realität, die stark an das vom schwedischen Philosophen Nick Bostrom entwickelte kosmische Bild. Gewiss, Markt Twain beschreibt nicht die scheinbare Wirklichkeit als Produkt einer Computersimulation, aber sehr wohl als Illusion, als Schein (1):

»›Auch das Leben selbst ist nur ein Traum.‹ Meine Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt. Lieber Gott! Derselbe Gedanke war mir bei meinen Grübeleien schon tausendmal gekommen.›Nichts existiert wirklich, alles ist nur ein Traum. Gott – der Mensch – die Welt – die Sonne, der Mond, die Wildnis der Sterne – ein Traum, alles nur ein Traum. Nichts davon gibt es wirklich. Alles, was existiert, ist leerer Raum – und du!‹« Weiter heißt es (2) bei Mark Twain: »Es gibt keinen Gott, kein Universum, kein Menschengeschlecht, kein irdisches Leben, keinen Himmel, keine Hölle. Es ist alles nur ein Traum.«

Foto 3: Unbedingt lesenswert!
Ist alles nur ein Traum, oder doch eine computergenerierte Scheinwirklichkeit? Die Vorstellung, dass der Kosmos eine Illusion aus einem Superrechner ist, mutet fantastisch und wunderlich an. Aber wie konstatierte Gilbert Keith Chesterton (*1874; † 14. Juni 1936)? »Das Wunderbarste an den Wundern ist, dass sie manchmal wirklich geschehen.« Salvador Dali (*1904; †1989) glaubte an eine künftige, dann sicher erschütternde Erkenntnis (3): »Eines Tages wird man offiziell zugeben müssen, dass das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Traumes.« Ein Wort von Eugène Ionesco (*1909; †1994) kommt mir in den Sinn (4): »Denn sich etwas vorstellen, heißt eine Welt bauen, eine Welt erschaffen.«  Ich muss noch einmal fragen: Ist alles, was wir für Wirklichkeit halten die umgesetzte Imagination künftiger Computerprogrammierer?

Mein Freund und Autorenkollege Peter Hoeft hat zum Thema »Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Leben wir in einer Simulation?« ein außergewöhnliches Buch verfasst (5). Er schreibt (6): »Viele ganz normale Menschen sehen Geister, UFOs und Aliens oder erleben paranormale Dinge. Doch wie real sind diese Erlebnisse? Handelt es sich vielleicht nur um Hologramme und Simulationen? Ist diese Welt möglicherweise nur eine Nachbildung der Wirklichkeit? Leben wir vielleicht in einer Simulation, einem gtigantischen ›Holodeck‹, wie Captain Picard, Data und Co. es immer wieder aufsuchen? Immer mehr Physiker, Kosmologen und Philosophen halten es durchaus für möglich!«

Konrad Ernst Otto Zuse (*1910; †1995 in Hünfeld) war ein deutscher Bauingenieur, Erfinder und Unternehmer. Was vielen Zeitgenossen bis heute leider nicht bekannt ist: Bereits 1941 entwickelte und baute Zuse den »Z3«, den ersten funktionsfähigen,vollautomatischen, funktionstüchtigen, programmgesteuerten und frei programmierbaren Computer der Welt. Und dieser Experte von Rang, so Peter Hoeft (7) »habe sich gefragt, ob vielleicht das Universum wie ein großer Computer funktioniere oder ob vielleicht eine Art kosmische Rechenmaschine kontinuierlich das Universum und alles, was darinnen ist erschafft.«

Ganz ähnlich fragt auch mein Freund und Kollege, der Wiener Sachbuchautor und Forschungsreisender in Sachen »unerklärliche Phänomene« Reinhard Habeck (*1962) in seinem Werk »Wesen, die es nicht geben dürfte« (8): »Sind wir alle bewege Hologramme, Projektionen aus einem höherdimensionalen Raum?« Meiner Meinung nach müssen die Erschaffer einer gigantischen Computersimulation gar nicht aus einer höheren Dimension stammen. Es könnte sich schlicht und einfach um Computer-Experten der Zukunft handeln, die unzählige Varianten des Universums als künstliche Scheinexistenz programmieren. Bedenkt man, mit welch exorbitanter Geschwindigkeit sich die Computertechnologie entwickelt, dann dürften solche Illusionen schon in relativ naher Zukunft möglich sein. Schon der amerikanische Quantenphysiker David Jopseph Bohm (*1917; †1992), Reinhard Habeck weist darauf hin, hielt es für denkbar (9), »dass die objektive Realität gar nicht existiere, dass das sichtbare Universum letztlich ein Fantasiekonstrukt sei, ein unermesslich komplexes und detailliertes Hologramm.«

Gern wird im Zusammenhang mit einer Welt als Computer-Simulation der Begriff »Hologramm« verwendet. Schon heute können wir Hologramme von Menschen aufbauen, die von realen Menschen optisch nicht zu unterscheiden sind. In einer Computer-Technologie, die aus heutiger Sicht die reinste Magie wäre, wird heute noch Unvorstellbares möglich sein. Wenn wir uns das Universum als riesiges Gehirn vorstellen, dann können in diesem Gehirn Bilder hervorgerufen, die eine physisch nicht existente Welt perfekt simulieren und real erscheinen lassen. Diese Bilder würden von simulierten Wesen als vollkommen real empfunden, so real wie uns ein Gesprächspartner erscheint.

Craig Hogan, »Professor of Astronomy and Physics« an der »University of Chicago« and Direktor des »Fermilab Center« (Schwerpunkte Teilchen- und Astrophysik) spekuliert nicht nur. Er glaubt sogar einen klaren Beweis für die These vom Universum als Simulation entdeckt zu haben (10): »Räumliche Hintergrundgeräusche am Rande des Universums, die mittels Gravitationsdetektoren messbar sind. Die Eigenart dieses ›Rauschens‹, so Hogan, weise auf ein ›holografisches Universum‹ hin. Das könnte bedeuten, dass Informationen aus höheren Dimensionen in niedrigere Dimensionen kodiert worden sind. Anders ausgedrückt: Sollte sich die These bewahrheiten, wären wir Menschen dreidimensionale (mit dem Faktor Zeit vierdimensionale) holografische Schatten – erzeugt durch das Geschehen in einer höher dimensionierten Welt.«

Foto 4: Habecks Faktenthriller
Kehren wir noch einmal zum berühmten »Höhlengleichnis« Platons zurück. Die Höhlenmenschen starren fasziniert auf ihre Wand, auf der ihnen Schattenspiele vorgeführt werden (11). Diverse Gegenstände, Nachbildungen von menschlichen Wesen und Tieren Stein und aus Holz werden so vor der Lichtquelle Feuer getragen, dass sie Bilder an die Wand in der Höhle werfen. Da fragt man sich doch: Was zeigt man uns? Was für »Schattenspiele« werden für uns organisiert, die wir – wie die Höhlenmenschen – für DIE Realität halten. Welche Illusionen gaukelt man uns vor? Ja sind wir selbst nur Illusion, eine Computersimulation?

Und was geschieht, wenn wir wirklich erkennen, dass wir nur eine Illusion in einer Illusion sind? Können wir aus der simulierten Welt in die wirkliche, in die reale Welt gelangen?Und wer ist für die große Illusion verantwortlich? Wer ist der »kosmische Puppenspieler«, der einen Kosmos aus Illusionen erschafft? Wer kreiert die Illusion eines Universums, mit all seinen »Wundern«? Gott? Und warum gaukelt er wem eine Illusion als Wirklichkeit vor? Für wen?

Fußnoten
(1) Twain, Mark: »Der geheimnisvolle Fremde/ Die Abenteuer des jungen Satan«, aus dem Amerikanischen übersetzt  und vervollständigt von Oliver Fehn, Kindle Version, Pandämonium Verlag, 1. Auflage November 2012, Position 2856
(2) ebenda, Position 2897
(3) Dali, Salvador: »So wird man Dali«, Verlag Molden 1974, Seite 158
(4) »Die Zeichen unserer Zeit«, Hohenheim Verlag 2004, Seite 143
(5) Hoeft, Peter: »Geister, UFOs, Aliens/ Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Leben wir in einer Simulation?« Groß Gerau 2018
(6) ebenda, Rückumschlag
(7) ebenda, Seite 8, Zeilen 8-11 von unten
(8) Habeck, Reinhard: »Wesen, die es nicht geben dürfte/ Unheimliche Begegnungen mit Geschöpfen der Anderswelt«, Wien 2012, Seite 111, 10. und 11. Zeile von unten
(9) ebenda, Zeilen 6-8 von unten
(10) Seite 111, 1. Und 2. Zeile von unten und Seite 112, 1-9. Zeile von oben
(11) Platon: »Politeia« 514b–515a.

Literaturempfehlungen
Folgende Werke empfehle ich wärmstens zur Lektüre! Beide Bücher sind
Spannend und informativ. Beide sind wichtig und regen zum Nachdenken an!
Habeck, Reinhard: »Wesen, die es nicht geben dürfte/ Unheimliche Begegnungen mit Geschöpfen der Anderswelt«, Wien 2012


Hoeft, Peter: »Geister, UFOs, Aliens/ Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Leben wir in einer Simulation?« Groß Gerau 2018


Zu den Fotos
Foto 1: Das »Höhlengleichnis« (In der Höhle). wikimedia commons/ 4edges
Foto 2: Die Welt vor der Höhle... in Platos »Höhelengleichnis« vwikimedia commons/ 4edges
Foto 3: Unbedingt lesenswert! Buchcover Peter Hoeft. Foto Archiv Langbein/ Verlag
Foto 4: Buchcover Reinhard Habeck. Foto Archiv Langbein/ Verlag

490 »Vom Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod«,
Teil 490 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 9. Juni 2019



Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 27. Mai 2018

436 „Zwei Krypten und das Monster am Fluss“

Teil  436 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Der Dom zu Bremen. Ansichtskarte von  1899

Der St.-Petri-Dom zu Bremen hat eine lange, sehr lange Geschichte. Das höchst imposante sakrale Bauwerk von heute ist nicht mehr das „Original“. „Wikipedia“ berichtet unter dem Stichwort „Bremer Dom“: „Der St.-Petri-Dom in Bremen ist ein aus Sandstein und Backstein gestalteter romanischer Kirchenbau, der vom 11. Jahrhundert an über den Fundamenten älterer Vorgängerbauten errichtet und seit dem 13. Jahrhundert im Stil der Gotik umgebaut wurde. Im 14. Jahrhundert gab es Erweiterungen um seitliche Kapellen. 1502 begann die Umgestaltung in eine spätgotische Hallenkirche, die aber über ein neues Nordseitenschiff nicht hinauskam, als die Reformation weitere Ausbauten stoppte.

Im späten 19. Jahrhundert erfolgte eine umfangreiche Renovierung des innen durchaus gepflegten, äußerlich aber schäbig wirkenden Baus, von dem einer der beiden Türme eingestürzt war. Die Gestaltung orientierte sich überwiegend am Vorhandenen und an alten Darstellungen, jedoch verstieg man sich zu einigen Zutaten wie dem neoromanischen Vierungsturm. Das Gotteshaus gehört heute zur evangelisch-lutherischen Domgemeinde St. Petri. Es steht seit 1973 unter Denkmalschutz.“

Foto 2: Blick in die Westkrypta.

Bereits im Jahre 1638 stürzte der Südturm ein, wurde mehr schlecht als recht „restauriert“. Lange Zeit sollte das Provisorium nicht bestehen. Dombaumeister Ernst Erhardt stellt in seinem „Handbuch und Führer“ (1) fest: „Wenige Jahrzehnte später wurden die Spitze des Südturms und ein Teil des Kirchendaches durch Brand zerstört. Seit jener Zeit war die ehemals stolze und stattliche Kathedrale der bremischen Erzbischöfe dem Verfall anheim gegeben, der immer weiter fortschritt und bis in die neuere Zeit dauerte.

Ein Teil der Westseite lag in Trümmern, große Flächen der ehemals fest gefügten Mauern hatte das Wetter arg zerfressen, die Portale waren zerstört, Bildwerke abgemeißelt. So bot im Westen die Kirche in ihrer Verstümmelung und Verwitterung einen unerfreulichen Anblick. Aber auch an den übrigen Seiten schritt der Verfall … fort. .. Im Inneren waren die Gewölbe durch das Ausweichen der Mauern sehr schadhaft geworden, und deckten mehrere Anstriche die alten Malereien. Die vielen Schäden, die das Gebäude in den letzten Jahrhunderten durch Feuer und Menschenhand erlitten hatte, wurden entweder gar nicht oder nur notdürftig beseitigt. Endlich, im Jahre 1888, begann eine großartige Wiederherstellung des Domes in all seinen Teilen.“

Foto 3: Blick in die Ostkrypta.

Wer noch echten „Ur-Dom“ erleben will, der muss in die Unterwelt hinab steigen, und zwar in die Westkrypta. Sie ist der älteste erhaltene Raum Bremens. Geweiht wurde die Westkrypta im Jahre 1066 von Erzbischof Adalbert. Auf der offiziellen Homepage des Doms lesen wir (2): „Ihr beträchtliches Alter ist der Westkrypta auch äußerlich anzumerken: unregelmäßig geschichtetes Mauerwerk, Säulenkapitelle mit eigenartigem steinernem Flechtwerk und Tierdarstellungen unterstreichen den altertümlichen Raumeindruck.“

Das gilt natürlich auch für die Ostkrypta. Erstaunlich offen heißt es auf der Homepage des Bremer Doms (3):

Foto 4: Säulen mit geheimnisvollen Darstellungen um den Altar

„Dieser einheitlich frühsalische Raum ist in seiner ursprünglichen Gestalt unverändert geblieben. Schon Erzbischof Bezelin wird ihn 1042 angelegt und Erzbischof Adalbert die Bauarbeiten fortgesetzt haben. Unter Erzbischof Liemar († 1101) erhielt die Ostkrypta ihre endgültige Gestalt.“ Und weiter: „Besondere Beachtung verdienen die Kapitelle der Säulen im Altarbereich. Heidnisch/germanische Symbole wie der Fenris-Wolf, die Midgardschlange sind hier vermutlich dargestellt. Blüten- und Blumenmotive ergänzen das Bildprogramm. An anderer Stelle sind Pentagramm und Maske zu finden.“

Der Bremer Dom wurde (4) „vom 11. Jahrhundert an über den Fundamenten älterer Vorgängerbauten errichtet“. Es ist also durchaus möglich, dass die Ostkrypta wie die Fundamente von älteren Vorgängerbauten übernommen wurde.

Wen wir uns der Ostkrypta und besonders den mysteriösen Darstellungen an den Säulenkapitellen zu. Sie sind so etwas wie ein Buch in Stein, das eine faszinierende Geschichte erzählt. Und diese Geschichte ist von besonderer Bedeutung für das christliche Deutschland. Es geht um eine spannende Zeit des Übergangs, nämlich vom Heidentum zum Christentum. Nirgendwo sonst wurde so deutlich geschildert, dass das Heidentum keineswegs von heute auf morgen spurlos verschwunden ist, um dem neuen Glauben, dem Christentum, Platz zu machen.


Fotos 5 und 6: Christrose in der Ostkrypta.

Diese Geschichte wird von diversen Darstellungen an Säulenkapitellen in der Ostkrypta erzählt. Man kann die etwa tausendjährigen Steinreliefs wie ein Buch lesen, benötigt dazu keinen Text. Anders als die Säulenkapitelle im Hamelner Münster sind die Steinreliefs in der Bremer Ostkrypta nicht in schwindelnder Höhe, sondern fast in Augenhöhe angebracht.

Im steinernen „Buch“ der Ostkrypta des Doms zu Bremen begegnen christliche und heidnische Symbole einander. Sollten Sie den Dom besuchen, dann empfehle ich ihnen der Ostkrypta möglichst viel Zeit zu widmen. Lassen Sie die Zeichen und Symbole auf sich wirken. Die kuriosen Mumien aus dem einstigen „Bleikeller“ sind gruselige Kuriosa, aber weit weniger wichtig, wie ich meine.


Foto 7: Christus-Rose und der Wotan-Rabe.

Wenn ich in die Ostkrypta des Doms zu Bremen hinabsteige, dann kommt es mir so vor, als würde ich mit jeder Treppenstufe die lärmende Hektik des 21. Jahrhunderts ein Stück weiter hinter mir zurücklassen. In der „Unterwelt“ der Ostkrypta stört mich die Bestuhlung ein wenig. Der niedrige Raum mit den wie aus Stein gewachsenen Säulen wäre in seiner Schlichtheit ohne diese Sitzmöbel aus unseren Tagen noch beeindruckender. Mir wird klar: Jeder von uns trägt zum Lärm, der die Konzentration auf Wichtigeres erschwert, selbst bei. Wir beklagen uns, dass wir „keine Zeit haben“, aber warum nehmen wir uns nicht einfach Zeit, etwa um in der Ostkrypta des Doms zu Bremen einfach nur die Stille auf uns wirken zu lassen? Könnte es sein, dass wir dann die Darstellungen, die vor rund einem Jahrtausend in den Stein gemeißelt wurden, intuitiv verstehen?

Foto 8: Christus-Rose und Wotan-Rabe nebeneinander

Immer wieder taucht an den Säulenkapitellen ein Symbol auf, das uns Wolfgang Oehrl so erklärt (5): „Christus (symbolisiert durch die Rose) verdrängt die Unendlichkeitsspirale und den Wotansraben.“ Die Rose als Symbol für Christus ist mir schon bei meinem ersten Besuch vor Ort aufgefallen. Freilich sehe ich keine Verdrängung. Vielmehr harmonieren die verschiedenen Symbole miteinander. Offenbar existierten vor rund einem Jahrtausend Christentum und Heidentum nebeneinander.

Neben die „Christus-Rose“ wurde ein Rabe gesetzt, Symboltier des Wotan (6). Wotan alias Odin war der mächtige Göttervater, auch Kriegs- und Totengott, der Gott der Dichtung und der Magie. Wer genauer hinsieht, der entdeckt, meist doppelt, Eschenblätter, also Blätter von Yggdrasil, vom „Weltenbaum“. Nach alter Mythologie fand Wotan, in Begleitung von zwei weiteren Göttern, am Strand zwei Baumstämme, nämlich einer Esche und einer Ulme oder Erle (7). Aus der Esche entstand der erste Mann, aus dem anderen Baumstamm die erste Frau. Eschenblätter und Rabe neben der Christus-Rose weisen meiner Meinung nach auf ein Neben- und Miteinander von „heidnischem!“ und „christlichem“ Glauben hin.


Foto 9: Kampf zwischen Schlange und Wolf.

Sehr interessant ist die Darstellung eines Kampfes zwischen einem Wolf und einer Schlange. Wolfgang Oehrl erklärt (8): „Ein Rabe weist auf Wotan, die vielen Eschenblätter auf den Weltenbaum Yggdrasil, der Fenris-Wolf (das Böse) kämpft gegen die Midgardschlange, die den Lebensraum unserer Vorfahren schützen soll.“

In der nordischen Mythologie waren der Fenris-Wolf und die Midgard-Schlange Todfeinde. Die Midgard-Schlange beschützte die Erde vor dem Urozean. So wie ich die Darstellungen in der Ostkrypta des Doms zu Bremen verstehe, kämpfte sie gegen den Fenris-Wolf und sicherte die Christus-Rose. Mit anderen Worten: Die nordische Mythologie muss vor rund einem Jahrtausend noch so mächtig gewesen sein, dass sie von den frühen Christen zumindest teilweise übernommen wurde. Die Menschen waren noch im alten Glauben verwurzelt. Es sollte ihnen leichter gemacht werden, zum neuen Glauben zu wechseln, einfach indem im neuen Glauben Motive aus dem alten Glauben auftauchten.

Foto 10: Abstrakte Dekoration oder mysteriöses Gesicht?

„Panta rhei“ heißt es im Altgriechischen. Heraklit (* um 520 v. Chr.; † um 460 v. Chr.) soll das Wort geprägt haben. Plato (*428/427 v.Chr., †348/347 v.Chr.) zitierte die Formel und Simplikios (etwa 480-490n.Chr., † nach 550 n.Chr.). Die Römer übersetzten das prägnante Wort mit „cuncta fluunt“. Zu Deutsch: „Alles fließt“.

„Alles fließt“… Uralter Glaube verschwindet nicht. Er wird nicht ersatzlos gestrichen, um neuer Religion Platz zu machen. Tief verwurzelte Überzeugungen tauchen in neuem Gewand wieder auf. Für die altnordischen Sagen war der Fenris-Wolf, den die Götter fürchteten, das Böse, den die Götter fürchteten. In der Krypta zu Bremen ist es der Fenris-Wolf, der das Christentum gefährdet. Die Midgard-Schlange schützt nun nicht die Welt vor dem Urozean, sondern den christlichen Messias und kämpft gegen den Fenris-Wolf. Der Fenris-Wolf, auch „Monster am Fluss“ genannt, überlebte jede Religionsreform. Im Aberglauben des Hexenwahns diente er den Hexen als Reittier.

Foto 11: Augen, Nase, ein Gesicht... oder verschlungene Linien

Wenn Theologen es ernst meinen, versuchen sie Bilder des Glaubens zu ihren Ursprüngen zurück zu verfolgen.


Fußnoten
1) Erhardt, E(rnst): „Der Dom in Bremen/ Handbuch und Führer“, Bremen 1921, Seite 4 (Die Schreibweise wurde nicht der heutigen angepasst, sondern belassen!)
2) http://stpetridom.de/index.php?id=26&L=0
3) http://stpetridom.de/index.php?id=27
4) 1) Erhardt, E(rnst): „Der Dom in Bremen/ Handbuch und Führer“, Bremen 1921, Seite 4
5) Oehrl, Wolfgang: „Glaubenswandel vor 1000 Jahren“, Artikel schienen in „NORDWEST ZEITUNG“ vom 16. Dezember 2017, S. 4
6) Andere Schreibweise: Wodan
7) Der zweite Baum wird als „Embla“ bezeichnet. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Ulme oder Erle.
8) Oehrl, Wolfgang: „Glaubenswandel vor 1000 Jahren“, Artikel schienen in „NORDWEST ZEITUNG“ vom 16. Dezember 2017, S. 4

Foto 12: Beeindruckende, schlichte Kunst aus Stein.

Zu den Fotos

Alle Fotos entstanden am Freitag, den 2. März 2018, am Wochenende des 23. Seminars "Fantastische Phänomene". "Fantastische Phänomene" findet immer am ersten Wochenende im März in  Bremen-Vegesack statt.

Foto 1: Der Dom zu Bremen. Ansichtskarte von  1899.  Foto/ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Blick in die Westkrypta. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Blick in die Ostkrypta. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Säulen mit geheimnisvollen Darstellungen um den Altar. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 5 und 6: Christrose in der Ostkrypta. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Christus-Rose und der Wotan-Rabe. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Christus-Rose und Wotan-Rabe nebeneinander. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Kampf zwischen Schlange und Wolf. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Abstrakte Dekoration oder mysteriöses Gesicht? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Augen, Nase, ein Gesicht... oder verschlungene Linien? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Beeindruckende, schlichte Kunst aus Stein. Foto Walter-Jörg Langbein

437 „Der steinerne Riese von Thelitz“,
Teil  437 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint bereits am 03.06.2018


Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Labels

Walter-Jörg Langbein (656) Sylvia B. (105) Osterinsel (79) Tuna von Blumenstein (46) Peru (34) Karl May (27) Nan Madol (27) g.c.roth (27) Maria Magdalena (22) Jesus (21) Karl der Große (19) Make Make (19) Externsteine (18) Für Sie gelesen (18) Bibel (17) Der Tote im Zwillbrocker Venn (17) Rezension (17) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Apokalypse (15) Vimanas (15) Atlantis der Südsee (13) Der hässliche Zwilling (13) Weseke (13) Blauregenmord (12) Nasca (12) Palenque (12) meniere desaster (12) Krimi (11) Pyramiden (11) Malta (10) Serie Teil meniere (10) Ägypten (10) Forentroll (9) Mexico (9) National Geographic (9) Straße der Toten (9) Lügde (8) Briefe an Lieschen (7) Monstermauern (7) Sphinx (7) Tempel der Inschriften (7) Winnetou (7) Lyrik (6) Marlies Bugmann (6) Mord (6) Märchen (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) Mexico City (5) Mord in Genf (5) Satire (5) Thriller (5) Atacama Wüste (4) Cheopspyramide (4) Dan Brown (4) Ephraim Kishon (4) Hexenhausgeflüster- Sylvia B. (4) Leonardo da Vinci (4) Machu Picchu (4) Sacsayhuaman (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Meniere (3) Mondpyramide (3) Mord im ostfriesischen Hammrich (3) Mysterien (3) Sakrileg (3) Shakespeare (3) Bevor die Sintflut kam (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Friedhofsgeschichten (2) Goethe (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Münsterland-Krimi (2) Vincent van Gogh (2) Alphabet (1) Bestatten mein Name ist Tod (1) Hexen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen Hexenhausgeflüster (1) Mord Ostfriesland (1) Mord und Totschlag (1) Münsterland (1) einmaleins lernen (1) meniére desaster (1)