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Sonntag, 18. Oktober 2020

561. »Von der Magie des göttlichen Namens«

Teil 561 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


»Uns sind die Legenden
ein Quell historischer Erkenntnis.«
Rabbi Judah Bergmann (1)

Foto 1: Buchstabenmagie der Kabbala.

Das kleine Schwarzweißfoto ist verblasst. Eine Ecke fehlt. Zu sehen ist ein kleines Sandsteinhäuschen. An einer Ecke wagt sich zaghaft etwas Efeu empor.  Auf der Rückseite ist, kaum noch leserlich, ein Datum notiert: 10. November 1938. Der vornehme alte, etwas hagere Herr lächelt. Er erzählt vom 10.November 1938, vom Tag nach der »Reichskristallnacht«. Hunderte Synagogen und Betstuben sind in dieser schrecklichen Nacht abgebrannt. Mehrere hundert Juden wurden ermordet.

Die kleine Synagoge, im frühen 18. Jahrhundert in einem Städtchen in Franken gebaut, blieb verschont. Die Männer der SA, so erfahre ich, verzichteten darauf, die Synagoge in Brand zu stecken. Sie befürchteten ein Übergreifen der Flammen auf das Städtchen.

Traurig erzählt mir der alte Herr, immer wieder stockend, dass die SA-Männer die Juden des Orts zwangen, ihre Synagoge leerzuräumen und Schriften, Möbel und alles, was irgendwie abtransportiert werden konnte, auf einer Wiese außerhalb des Städtchens zu verbrennen. In einem Zwischenboden über dem Toraschrein wurde, so flüsterte mir der ehrwürdige alte Herr zu, ein kurzer handschriftlicher Kommentar gefunden. Im Text, da ist sich der einstige Gehilfe eines Rabbi sicher, erklärte »die magische Bedeutung der hebräischen Konsonanten«.

Der Text, bei weitem nicht vollständig, bot keine sensationellen Enthüllungen. Vielmehr behandelte er die seit vielen Jahrhunderten zumindest eingeweihten Kennern des Judentums bekannte magische Wirkung der alten Buchstaben. Einzelne Kombinationen einiger weniger Buchstaben galten in der alten Geheimlehre der Kabbala als besonders starker Zauber. Der alte Mann schweigt. Dann fährt er fort: »Ich weiß, im Zentrum des Textes stand die Erschaffung eines Golem mit Hilfe des Gottesnamens.«

Foto 2: »sefer jezira«
oder »Buch des Lebens« (Cover)
Dr. Julius Judah Bergmann (*1874; †1956) studierte von 1893 bis 1897 am Rabbinerseminar in Wien. Dort legte er das Rabbinerexamen ab. Anno 1897 promovierte er zum Dr. phil. an der Universität Wien. 1919 gehörte er zu den Gründern der »Freien Jüdischen Volkshochschule« von Berlin. 1934 gelang ihm noch rechtzeitig mit seiner Frau und seiner jüngsten Tochter die Flucht nach Palästina. In Jerusalem wurde er Rabbiner am »Hadassah-Hospital« und an der tschechischen Synagoge in Jerusalem. Sein Werk »Die Legenden der Juden« bietet eine erstaunliche Fülle an Material über die zum Teil mysteriösen Überlieferungen der Juden. Über den Golem lesen wir (2):

»Das Höchste, das die kabbalistischen Wundertäter vollbringen konnten, war die Schöpfung lebender Wesen. Der hohe R(abbi) Löw zu Prag schuf ein Gebilde aus Lehm, einen Golem, legte ihm den Gottesnamen in den Mund und hauchte ihm Leben ein. Der Golem wurde der Diener des Rabbi. Jedesmal vor Sabbatbeginn nahm R(abbi) Löw den Gottesnamen aus dem Munde seines Dieners. Einmal vergaß er das zu tun, und der Diener begann, während der Meister im Gotteshause weilte, alles zu zerstören. Darauf eilte R(abbi) Löw aus der Synagoge und nahm den Gottesnamen aus dem Munde seines Dieners. Der Golem war tot und zerfiel zu Staub.«

Rabbi Löw, eigentlich Jehuda ben Bezal’el Löw von Prag (*1512-1525; † 17. September 1609 in Prag), war ein geradezu legendärer Rabbiner, Talmudist, Prediger und Philosoph. Er gilt, so überliefert es die Legende, als der Schöpfer des mythischen Golem von Prag. Auf ihn nimmt Gustav Meyrinks Roman »Der Golem«, 1915 in Leipzig erschienen, Bezug. Der expressionistische deutscher Stummfilmilm »Der Golem, wie er in die Welt kam« von Paul Wegener und Carl Boese erzählt die geheimnisvolle Geschichte von Rabbi Löws künstlichem Monster.

Das alte Herr steckt das vergilbte Schwarzweißfoto der kleinen Synagoge wieder in eine Brusttasche seines Jacketts. »Rabbi Löw war aber der Legende nach nicht der einige, der Golems schuf!«, erklärt er mir. Er hat einiges zu erzählen. Ich lausche gebannt seinen Worten und mache mir Notizen.

Rabbi Elijah Ba'al Shem von Chełm (*1550; †1583) war als Oberrabbiner von Chelm hoch angesehen. Sein Ruf als Kenner der Geheimlehre der Kabbala war legendär. Besonders gründlich soll der Oberrabbiner das »Buch der Schöpfung« studiert haben. Schließlich sei es dem gelehrten Mann gelungen, einen künstlichen Menschen zu schaffen.

Dr. Julius Judah Bergmann schreibt (3): »R(abbi) Jakob Emden berichtet im Namen seines Vaters, R(abbi) Elia aus Cholm habe mit Hilfe des ›Buches der Schöpfung‹ einen Menschen erschaffen. Als der Erschaffene immer größer wurde, fürchtete der Rabbi, sein Geschöpf könne die Welt zerstören. Darum nahm er von der Stirn des Erschaffenen den Gottesnamen und verwandelte sein Geschöpf in Staub.«

Foto 3: Noch ein Druck
von »sefer jezira« (»Buch des Lebens«)
(Cover)
Mit dem »Gottesnamen« konnte, darüber gibt es zahlreiche jüdische Legenden, wirklich Erstaunliches bewirkt werden. Ein frappantes Beispiel: Moses ben Nachman (* 1194; † 1270), auch bekannt als Rabbi Moshe ben Nahman, genoss im Mittelalter einen legendären Ruf als herausragender jüdischer Gelehrter, Arzt, Philosoph und Dichter. Die Überlieferung zeichnet ihn als außerordentlichen Kenner der kabbalistischen Buchstabenmagie. Mit erstaunlichem Erfolg nutzte er die Kraft des Gottesnamens. Manche Sage klingt in unseren Ohren seltsam vertraut. So wie der Golem mit dem Gottesnamen programmiert wurde, so geschah dies auch mit einem Schiff (4): »Von selbst fuhr das Schiff in kurzer Zeit eine weite Strecke in das Meer hinaus und kehrte ebenso schnell in den Hafen zurück, fuhr aufs Land und hielt in der Mitte der Stadt inne. Zur Erinnerung an das wundersame Ereignis erbauten die Bewohner der Stadt an dieser Stelle einen Turm.«

Ein von selbst agierender Golem erinnert uns, am Anfang des dritten Jahrtausends nach Christus, an einen Roboter, der von einem Programm (»heiliger Gottesname«) gesteuert wird. Ein Schiff, dass wie von selbst aufs Meer hinaus fährt und wieder retour kommt, wird ebenfalls vom »Programm heiliger Gottesname« gelenkt. Es kann sogar an Land fahren, wie ein modernes Amphibienfahrzeug. Aus Sicht der »alten Juden« wäre ein Programm, wie es heute in unzähligen Computern zum Einsatz kommt, nichts anderes als geschriebene Buchstabenmagie. Ein Computerprogramm, das einen Roboter oder ein Amphibienfahrzeug steuert, würde ihnen wie wundersamer Zauber erscheinen.

Sir Arthur C. Clarke (*1917;† 2008) hat es in »Profiles of the Future« völlig zutreffend so formuliert, und ich muss noch einmal dieses wichtige Zitat ins Gedächtnis rufen (5): »Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht mehr zu unterscheiden.« Bis heute hielt es niemand für nötig, zum Beispiel die umfangreichen »Legenden der Juden« nach Hinweisen auf unmögliche Technologie zu überprüfen. Damit meine ich modernste Technologie, die es nach herkömmlicher Lehrmeinung zur Zeit der Legendenentstehung natürlich nicht gegeben haben kann, weil es sie noch nicht gegeben haben darf.

Foto 4: »sefer jezira« oder »Buch des Lebens«,
frühes Manuskript (10.- 11. Jahrhundert), Ausschnitt.

Heute, zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus, kommen weltweit »Tunnelbohrmaschinen« zum Einsatz (6): »Eine Tunnelbohrmaschine ist eine Maschine, die zum Bau von Tunneln eingesetzt wird. Sie eignet sich besonders für hartes Gestein. Auch beim Tunnelbau im lockeren Fels, der für Vortrieb mittels Sprengtechnik ungeeignet ist, werden solche Großmaschinen eingesetzt.

Tunnelbohrmaschinen gehören zusammen mit den Schildmaschinen zu den Tunnelvortriebsmaschinen. Wichtigster Teil einer Tunnelbohrmaschine ist der Bohrkopf; er hat einen Durchmesser von bis zu 20 Metern und besteht aus einem Meißelträger mit rotierenden Rollenmeißeln, der ausgebrochenes Gestein nach hinten befördert. Die Einrichtung im hinteren Teil des Bohrkopfes hat bei großen Durchmessern eine Länge von bis zu 200 Metern mit Hilfseinrichtungen. Tunnelbohrmaschinen sind Vollschnittmaschinen, das heißt, sie bauen, anders als Teilschnittmaschinen, den gesamten Tunnelquerschnitt in einem Arbeitsschritt ab.«

Eine solche Bohrmaschine erscheint auch uns heute noch wie ein technologisches Meisterwerk von monströsen Ausmaßen. Stellen wir uns so eine Bohrmaschine vor. Versuchen wir sie so zu beschreiben, dass sie in eine der »Legenden der Juden« passen würde: »Gott schickte einen Wurm, der den Berg durchbohrte.« So eine Tunnelbohrmschine ist in der Tat nichts anderes als ein riesiger Wurm, computergesteuert, der sich einen Weg durch Berge bahnt. Wer anders als Gott selbst könnte in einer Legende der Juden so einen Monsterwurm lenken als Gott selbst?

Das Zitat »Gott schickte einen Wurm, der den Berg durchbohrte.« ist keine fiktive sagenhaft klingende Umschreibung einer Tunnelbohrmaschine. Wir finden es in Dr. Julius Judah Bergmanns »Die Legenden der Juden« im Kapitel »Die Lieblinge Gottes« (7). Aber beschreibt die Legende tatsächlich so etwas wie einen riesigen Roboter, der mit erstaunlicher Geschwindigkeit Tunnel durch Erde und Gestein gräbt? Und hat der legendäre Golem tatsächlich existiert, ein Roboter, der Amok laufen konnte?

Foto 5: »sefer jezira« oder »Buch des Lebens«,
jüngeres Exemplar, etwa 14. Jahrhundert. Ausschnitt.

Rabbi Elia aus Cholm, so überliefert es die Legende, soll mit Hilfe des »Buches der Schöpfung«  eine Art Roboter-Menschen erschaffen haben. Die Kreatur bedrohte schließlich, so befürchtete es der Rabbi, die Welt. Rabbi Elia schaltete sein Werk aus, bevor es die Menschheit auslöschen konnte. Die »Golems« an denen heute bereits gearbeitet wird, werden womöglich Nachfolger der Menschheit, so wie wir sie kennen, werden. Dann sind die Tage von uns Jetzt-Menschen gezählt! Warnt die uralte Legende vom Golem vor so einer Entwicklung? Werden wir vom Planeten verschwinden oder von den Golems geduldet ein Dasein als »Haustiere« der Golems fristen?


Fußnoten
(1) Bergmann, Rabbi Judah: »Die Legenden der Juden«, Berlin 1919, Vorwort, Seite 3, 5.+4. Zeile von unten
(2) Ebenda, Seite 42, 15.-25. Zeile von oben

(3) Ebenda, 14.-8. Zeile von unten. Anmerkung: Dr. Julius Judah Bergmann schreibt »Cholm«, heute ist »Chelm« gebräuchlicher.
(4) Ebenda, Seite 39, 20.-25. Zeile von oben. Bergmann nennt als Originalquelle »Schalschelet 43b«.
(5) Clarke, Sir Arthur C: »Profiles of the Future«, zitiert von Weber, Andreas in »Biokapital. Die Versöhnung von Ökonomie, Natur und Menschlichkeit«, Berlin 2008, Seite 57. Originalzitat: »Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.«. Quelle: »Profiles of the future: an inquiry into the limits of the possible«, revidierte Ausgabe 1973, Seite 36
(6) Wikimedia-Artikel »Tunnelbohrmaschine«: https://de.wikipedia.org/wiki/Tunnelbohrmaschine (Stand 05.07.2020)
(7) Bergmann, Rabbi Judah: »Die Legenden der Juden«, Berlin 1919,  Seite 21, 7. Zeile von oben

Zu den Fotos
Foto 1: Buchstabenmagie der Kabbala. Archiv Walter-Jörg Langbein 
Foto 2: »sefer jezira« oder »Buch des Lebens« (Cover). Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Noch ein Druck von »sefer jezira« oder »Buch des Lebens« (Cover). Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: »sefer jezira« oder »Buch des Lebens«, frühes Manuskript (10.- 11. Jahrhundert), Ausschnitt. Archiv Walter-Jörg Langbein

Foto 5: »sefer jezira« oder »Buch des Lebens«, jüngeres Exemplar, etwa 14. Jahrhundert. Ausschnitt.
Archiv Walter-Jörg Langbein


562. »Vom assyrischen Baum des Lebens zum jüdischen ›Buch der Schöpfung‹«,
Teil 562 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 25. Oktober 2020


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Samstag, 26. September 2020

558. »Golem 2120«

Teil 558 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Mini-Golem als Souvenir.
(Foto: wiki commons/ public domain/ Martin Pauer).
Ein Golem in 4 Variationen, farblich verändert.
Original: Foto 1 links oben! Collage: Walter-Jörg Langbein

Schon heute können Roboter präzise und effektiv schnell und fehlerfrei Arbeiten verrichten. Roboter können beispielsweise Autos zusammensetzen, freilich nicht aus eigenem Antrieb. Allerdings müssen sie vorher entsprechend programmiert werden. Erst dann wiederholen sie bestimmte Handgriffe präzise und fehlerfrei. Vollständig überholt sind Lochstreifen, die einen tumben Roboter im wahrsten Sinne am Fließband seine konkret definierte und vorgeschriebene Arbeit verrichten lassen. Kaum moderner ist das Programmieren eines Roboters mit einem auf einer Diskette verewigten Programm.

Der tschechische Autor Karel Čapek (*1890; †1938) gilt als Erfinder des Begriffs »Roboter«. In Čapeks Theaterstück »Rossumovi Univerzální Roboti« (»Rossums Universal Roboter«) tauchen künstliche Maschinenmenschen auf, die gezüchtet werden, um statt den Menschen Arbeiten in der Industrie zu übernehmen.

Foto 2: Meyrinks »Golem« von 1915.

Auch wenn in Gustav Meyrinks »Der Golem«, 1915 in Leipzig erschienen, der Ausdruck »Roboter« nicht vorkommt, so handelt es sich dennoch beim »Golem« um einen Roboter, der programmiert wird. Freilich wird der Vorgang des Programmierens von »Golem« nicht mit technischen Begriffen, sondern mit mysteriöser Magie erklärt.

Tommaso Campanella, eigentlich Giovanni Domenico (*1568; †1639), italienischer Philosoph, Dominikaner, Dichter und Politiker, formulierte überaus weitsichtig: »Alles, was die Wissenschaftler … mit Hilfe einer unbekannten Kunst vollbringen, wird Magie genannt … Denn Technologie wird immer als Magie bezeichnet, bevor sie verstanden wird, und nach einer gewissen Zeit entwickelt sie sich zu einer normalen Wissenschaft.«

Sir Arthur C. Clarke (*1917;† 2008) blies ins gleiche Horn (1): »Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht mehr zu unterscheiden.« Auch Gustav Meyrink bringt Magie ins Spiel (2): »Dann wacht in mir heimlich die Sage von dem gespenstischen Golem, jenem künstlichen Menschen, wieder auf, den einst hier im Ghetto ein kabbalakundiger Rabbiner aus dem Elemente formte und ihn zu einem gedankenlosen automatischen Dasein berief, indem er ihm ein magisches Zahlenwort hinter die Zähne schob.«

Gott schuf nach dem biblischen Schöpfungsbericht den Menschen aus Lehm und hauchte ihm seinen Odem ein. So wurde aus der leblosen Materie der lebendige Mensch. Auch der Golem wird aus Lehm kreiert, doch nicht göttlicher Adam erweckt ihn zum Leben, sondern »ein magisches Zahlenwort«. Der Golem erstarrte freilich wieder (3) »in derselben Stunde …, in der die geheime Silbe des Lebens aus seinem Munde genommen ward.« Der Golem funktioniert also nur so lange er von einem »magischen Zahlenwort« am Leben erhalten wird. Das »magische Zahlwort« entspricht dem Computerprogramm des Roboters unserer Tage.

Gustav Meyrink schien für die Laufbahn eines staubtrockenen Mitglieds der guten Gesellschaft prädestiniert zu sein. 1883 machte er sein Abitur, von 1885 bis 1888 besuchte er die »Handelsakademie in Prag«. 1889 war er zunächst Mitinhaber, dann alleiniger Inhaber des »Prager Bank- und Wechslergeschäfts Meyer & Morgenstern«. Bilanzen und Steuerrecht waren aber nicht die Welt von Gustav Meyrink. Schon 1891 gründete er mit einigen Gesinnungsgenossen die »Loge zum blauen Stern«, als Dependance der 1875 von Helena Petrovna Blavatsky (*1831; †1891) ins Leben gerufenen Theosophischen Gesellschaft. Meiner Meinung nach arbeitete er sich mit Begeisterung in die geheimnisvolle Welt des Mystischen und Mysteriösen ein. Sein Roman »Der Golem« ist meiner Meinung nach eine Fundgrube versteckten Wissens der anderen Art.

Ohne Zweifel war Gustav Meyrink ein Kenner der Kabbala. Die Kabbala (andere Schreibweise Kabbalah), zu Deutsch »das Überlieferte«, ist eine magisch-mystische Lehre des Judentums, deren Wurzeln weit in die Vergangenheit reichen.

Foto 3: »Der Ursprung der Geschichte.. «. Ausriss aus Meyrinks »Golem« von 1915.

Über den Golem lässt Meyrink vernehmen (4): »Der Ursprung der Geschichte reicht wohl ins siebzehnte Jahrhundert zurück, sagt man. Nach verlorengegangenen Vorschriften der Kabbala soll ein Rabbiner da einen künstlichen Menschen – den sogenannten Golem – verfertigt haben.«

Und weiter (5): »Es sei aber doch kein richtiger Mensch daraus geworden und nur ein dumpfes halbbewußtes Vegetieren habe ihn belebt. Wie es heißt, auch nur tagsüber und kraft des Einflusses eines magischen Zettels, der ihm hintern den Zähnen stak.«

Foto 4: »Kein richtiger Mensch«. Ausriss aus Meyrinks »Golem« von 1915.

Wie alt die Urgeschichte vom Golem sein mag? Meyrink lässt eine seiner Hauptpersonen, Zwakh, zugeben (6): »Ich kann freilich nicht wissen, worauf sich die Golemsage zurückführen läßt.« 

Foto 5: »Abends vor dem Nachtgebet...«
Ausriss aus Meyrinks »Golem« von 1915.

Alexander Wöll (*1968), Slawist und Hochschullehrer, seit Anfang 2018 Professor für »Kultur und Literatur Mittel- und Osteuropas« an der Universität Potsdam, fragt (7): »Der Golem. Kommt der erste künstliche Mensch und Roboter aus Prag?« Prof Wöll: »Der Golem steht in Konkurrenz zu Adam. Adama bezeichnet auf hebräisch ›Erde‹, also ein von der Erde genommenes Wesen, dem durch Gottes Hauch Leben und Sprache verliehen wurde. Im Gegensatz dazu meint golem seit dem 12. Jahrhundert einen stummen, minderwertigen Menschen, der ›ohne Zeugungskraft und Trieb zum Weibe‹ – allein mit Hilfe eines sprachmagischen Rituals – künstlich aus einer noch unberührten Elementar-Erde, die vor aller organischen Schöpfung vorhanden ist, erschaffen wird. Als ungefährlicher Automatenmensch in einer arabisch-antiken Erzähltradition ist der Golem ein dienender Knecht und eine Art geistloser Homunculus, der im Gegensatz zum späteren Frankenstein nicht durch naturwissenschaftliche, sondern durch religiös-rituelle Kräfte belebt wird.« Was ist aber ein programmierter Roboter anderes als ein »Automatenmensch«?

Prof. Wöll hat sorgfältiges Quellenstudium betrieben und erkennt das erstaunliche Alter der ursprünglichen Golemsage: »Die Verbindung mit der Erschaffung aus den Buchstaben läßt sich auf drei Berichte aus dem 13. Jahrhundert zurückverfolgen. Diese Quellen beziehen sich ihrerseits auf das 4. Jahrhundert v. Chr. und auf die beiden Personen Jeremiah und seinen Sohn Ben Sira. Diesen ältesten Belegen zufolge wird der Golem durch Buchstabenkombinationen belebt.«

Der Golem von Prag, so ist es überliefert, wurde zur Gefahr für die Menschen, wie Gustav Meyrink in seinem Roman vermeldet (8): »Und als eines Abends vor dem Nachtgebet der Rabbiner das Siegel aus dem Munde des Golem zu nehmen versäumt, da wäre dieser in Tobsucht verfallen, in der Dunkelheit durch die Gassen gerast und hätte zerschlagen, was ihm in den Weg gekommen.

Bis der Rabbi sich ihm entgegengeworfen und den Zettel vernichtet habe. Und da sei das Geschöpf leblos niedergestürzt. Nichts blieb von ihm übrig als die zwerghafte Lehmfigur, die heute noch drüben in der Altneusynagoge gezeigt wird.«

In »Hüter des Gesetzes«, Folge 3 der Kultserie »Orion«, übernehmen »Golem-Roboter« das Regiment auf dem Planetoiden Pallas. Sie sperren die menschlichen Bergarbeiter in unterirdische Schächte. Den Arbeitsrobotern des Types Alpha Ce Fe gelingt es schließlich, fast die gesamte Crew der Orion, die nach dem Rechten sehen will, gefangen zu nehmen und ebenfalls in die Unterwelt des Planetoiden zu schaffen.

Roboter, die sich gegen ihre menschlichen Erbauer erheben, werden in »Hüter des Gesetzes« (Erstausstrahlung am Samstag, dem 15. Oktober 1966 um 20:15 Uhr) spannend dargestellt. Aber ist so ein Szenario überhaupt denkbar? Im Film der TV-Kultserie gelingt es, die Roboter im wahrsten Sinne des Wortes auszuschalten, so wie der Rabbi in der Golem-Legende dem Amoklauf des künstlichen Menschen ein Ende setzt. Aber wird der Mensch immer dem Roboter überlegen sein? Das glaube ich nicht.

Roboter von heute lassen sich mühelos abschalten. Das wird auch noch einige Zeit der Fall sein. Sobald aber echte künstliche Intelligenz zum Einsatz kommt, wird es erschreckend schnell gehen, bis der Roboter im Vergleich zum Menschen über geradezu göttlich erscheinende Allmacht verfügen wird.
  
Foto 6: Symbolbild!
Ein »Roboter« in Stein (Tiahuanaco, Bolivien).
Ein und derselbe steinerne »Roboter«
in vier Variationen, farblich bearbeitet.
Collage. Original: Foto links oben und rechts
unten!


Auch wenn es um die Zukunft von Mensch und Golem-Roboter geht, bietet »Unsere Erde wird überleben.« von James Lovelock (*1919) nicht von der Hand zu weisende Überlegungen (9). Lovelock entwickelt ein Szenario, dass manche als puren Horror empfinden müssen. Sieht James Lovelock (*1919) doch tatsächlich den Jetztmenschen als Steigbügelhalter des künftigen Erdenbürgers. Für uns »Normalos« wird es dann keine Zukunft mehr geben, allenfalls – wenn überhaupt – als »Haustiere« der »Cyborgs«. Der »Cyborg«, der »Golem 2120«, wird demnach unser Nachfolger. Oder: Wir sind die Eltern einer Kreation, die keine Eltern braucht.


Fußnoten
(1) Clarke, Sir Arthur C: »Profiles of the Future«, zitiert von Weber, Andreas in »Biokapital. Die Versöhnung von Ökonomie, Natur und Menschlichkeit«, Berlin 2008, Seite 57. Originalzitat: »Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.«. Quelle: »Profiles of the future: an inquiry into the limits of the possible«, revidierte Ausgabe 1973, Seite 36
(2) Meyrink, Gustav: »Der Golem«, Leipzig 1915, Kapitel »Prag«, Seite 32, 6.-2. Zeile von unten (Rechtschreibung von 1915 unverändert übernommen!)
(3) Ebenda, Seite 32, 1. Zeile von unten und Seite 33 1.+2. Zeile von oben (Rechtschreibung von 1915 unverändert übernommen!)
(4) Ebenda, Seite 52, 1.-4. Zeile von oben (Rechtschreibung von 1915 unverändert übernommen!)
(5) Ebenda, 7.-10. Zeile von oben
(6) Ebenda, Seite 53., 4.+5. Zeile von oben
(7) Wöll, Alexander: »Der Golem. Kommt der erste künstliche Mensch und Roboter aus Prag?«, Beitrag zu Marek Nekula et. Al. (Herausgeber.):
»Deutsche und Tschechen. Geschichte - Kultur - Politik.«, München 2001, S. 235-245. (Rechtschreibung unverändert übernommen!)
(8) Meyrink, Gustav: »Der Golem«, Leipzig 1915, Kapitel »Prag«, Seite 52, 12.-21. Zeile von oben (Rechtschreibung von 1915 unverändert übernommen!)
(9) Lovelock, James: »GAIA/ Die Erde ist ein Lebewesen«, Bern 1992

Zu den Fotos
Foto 1: Mini-Golem als Souvenir.(wiki commons public domain Martin Pauer). Ein Golem in 4 Variationen, farblich verändert. Original: Foto 1 links oben! Collage: Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Meyrinks »Golem« von 1915. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: »Der Ursprung der Geschichte.. «. Ausriss aus Meyrinks »Golem« von 1915. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: »Kein richtiger Mensch«. Ausriss aus Meyrinks »Golem« von 1915. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: »Abends vor dem Nachtgebet...« Ausriss aus Meyrinks »Golem« von 1915. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Symbolbild! Ein »Roboter« in Stein (Tiahuanaco, Bolivien). Ein und derselbe steinerne »Roboter« in vier Variationen, farblich bearbeitet. Collage. Original: Foto links oben und rechts unten!

559. »Jenseits allen Denkens«,
Teil 559 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 4. Oktober 2020



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Sonntag, 7. Juni 2020

542. »1.000 Jahre vor Kolumbus«

Teil 542 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: St. Brenadanus auf einer Ikone.
Der italienische Dominikaner Tommaso Campanella (*1568;†1639), eigentlich Giovanni Domenico, setzte sich mit fortschrittlicher Wissenschaft auseinander »Alles, was die Wissenschaftler … mit Hilfe einer unbekannten Kunst vollbringen, wird Magie genannt … Denn Technologie wird immer als Magie bezeichnet, bevor sie verstanden wird, und nach einer gewissen Zeit entwickelt sie sich zu einer normalen Wissenschaft.« Vor fast einem halben Jahrhundert schrieb Sir Arthur C. Clarke (*1917; †2008) (2): »Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht mehr zu unterscheiden.«

Wenn wir gedanklich in die Vergangenheit reisen, wobei wir altehrwürdige Schriften als »Fenster« ins Gestern und Vorgestern nutzen, dann stoßen wir immer wieder auf Schilderungen von seltsamen Ereignissen. Nicht immer können wir eindeutig feststellen, was dichterische Fiktion und was Beschreibung realer Begebenheiten ist. Wie entscheiden wir, was Märchen und was Wahrheit ist? In der Regel wird in Kreisen der Wissenschaft so entschieden: Was ganz und gar nicht in das als richtig definierte Weltbild passt, das wird bestritten.

Der bedeutende Theologe Prof. Dr. Hermann Gunkel (*1862; †1932) bezeichnete ihm allzu fantastisch Erscheinendes als Märchen. Der Wissenschaftler kann als der Entdecker des Märchens als eigene alttestamentliche Gattung angesehen werden. Für die Reihe »Religionsgeschichtliche Volksbücher für die deutsche christliche Gegenwart« verfasste er »Das Märchen im Alten Testament« (3).

Menschliches Wunschdenken, so Prof. Gunkel, führte zu fiktiven Märchen. In diese Kategorie fällt seiner Meinung nach (4) »der Wagen des Hesekiel«. Weiter schreibt er: »Hesekiel hat in seinem berühmten ›Wagengesicht‹ mit barocker Phantastik die Erscheinung Jahves beschrieben. … Auch die Vorstellung von einem fliegenden Wagen kommt im Märchen vor. … Die Märchenreise führt etwa über das tiefe Meer, zum Beispiel in der Erzählung von Gilgamesch, oder durch ein furchtbares Feuer.

Es drängt sich eine Frage auf: Muss ein »Märchen« reine Fiktion sein? Oder kann ein märchenhaft anmutender Text nicht auch wahre Begebenheiten schildern?

In die Kategorie der »Märchenreise« gehört ohne Zweifel auch »Navigatio Sancti Brendani (abbatis)«, »Die Seereise (des Abtes) Sankt Brendan«. Der mysteriöse Text dürfte bereits im 9. Jahrhundert entstanden sein. Im Lauf der Jahrhunderte wurde er in mehrere Sprachen übersetzt. Über 100 Variationen der Geschichte fanden in ganz Europa Verbreitung. Es ist letztlich belanglos, wie man die Schilderung von St. Brendans Reise katalogisiert. Ob man sie als »mythische Reiseerzählung« oder als »märchenhafte Legende« sieht, so ist damit keineswegs der Wahrheitsgehalt geklärt.

Foto 2: Greif greift an und wird selbst angegriffen.

Nach »Navigatio Sancti Brendani (abbatis)« machte sich St. Brendanus zwischen 565 und 573 n. Chr. auf und stach mit zwölf Reisegefährten in See. Die dreizehn Wagemutigen erkundeten in einem »Curragh«-Bötchen den Atlantischen Ozean. Ihr eigentliches Reiseziel war die weit m Westen vermutete Insel »Terra Repromissionis Sanctorum«, das »Verheißene Land der Heiligen«. Sollte damit Amerika gemeint sein?

Brendanus ist eine historische Gestalt. Der Abt eines irischen Klosters wurde anno 484/ 489 im westlichen Irland geboren. Verstorben ist der Gründer mehrerer Klöster etwa 570/ 585. Bestattet wurde er in Clonfert. Dass Brendanus wie viele seiner Glaubensbrüder Seereisen unternommen hat, das ist nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich. Dr. Petra Kehl schreibt in ihrem hochinteressanten Aufsatz »St. Brendan der Seefahrer« (5): »Es gibt also verlässliche historische Zeugnisse für die Seefahrten irischer Mönche bis zum Polarkreis, ja bis nach Grönland. Darüber hinaus ist bekannt, dass die irischen Mönche umfangreiche geographische Kenntnisse besaßen, die geographischen Schriften des Ptolemäus kannten und auch schon wussten, dass die Erde keine Scheibe ist.«

Sollte St. Brendanus bis zum Polarkreis vorgedrungen sein? St. Brendanus erlebt mit seinen Glaubensbrüdern Abenteuer, die Homer nicht hätte spannender beschreiben können. Die dreizehn Männer geraten immer wieder in höchste Gefahr. Da tauchen zwei monströse Meeresungeheuer auf, die bald in einen fürchterlichen Kampf verwickelt sind. Da werden die frommen Mönche in ihrem winzigen Bötchen von einem »furchtbaren (Vogel) Greif« (»horribilis grifa«) angegriffen. Der wollte ganz offensichtlich einen der Mönche rauben. Im lateinischen Text des Originals: »grifa volens aliquem accipere«. Die Lage schien aussichtslos zu sein, doch da tauchte ein »furchtbarer Vogel« (»avis horribilis«) auf und tötete den Greif. Später werden die Mönche auf einer seltsamen Insel von feindlich gesinnten Einwohnern mit glühenden Steinen beworfen.

Gewiss, die Abenteuer der Mönche könnten zu einem Hollywood Blockbuster anregen. Die Männer erlebten Geheimnisvolles. Einmal gerieten sie in schier undurchdringbaren Nebel. Angsterfüllt beteten sie. Schon tauchte aus der Höhe, woher auch immer, ein Licht auf, das den Nebel verschwinden ließ.

Mysteriös ging es auf der Reise zu, vieles bleibt bis heute unverständlich. Aber heißt das, dass sie frei erfunden sind? Bei der gefährlichen Insel könnte es sich um ein vulkanisches Eiland gehandelt haben. Im Reisebericht heißt es, die Einwohner deines Eilands hätten Brendanus und Begleitung mit glühenden Steinen beworfen. Fakt oder Fiktion? Es ist möglich, dass es sich bei der Insel um Island handelte, dass die wagemutigen Entdecker einen Vulkanausbruch erlebten und tatsächlich vor »glühenden Steinen« geflohen sind.

Im Reisebericht begegnet ihnen ein im Meer treibender »Kristallpfeiler« und sie beobachten entsetzt »geronnenes Meer«. Bei dem »treibenden Kristallpfeiler« könnte es sich um einen Eisberg, bei dem »geronnenen Meer« um Treibeis gehandelt haben.

Oder gibt es für das »geronnene Meer« (nach einer anderen Übersetzung »das klebrige Meer«) eine ganz andere Erklärung? Ist damit das Meeresgebiet im Atlantik östlich Floridas, die sogenannte Sargassosee, gemeint? Was als »geronnenes Meer« (»klebriges Meer«) beschrieben wird, damit könnte tatsächlich die Sargasso See sein, wo eine gewaltige Menge von im Wasser schwebenden Braunalgen (Gattung: »Sargassum«) das Meer klebrig und geronnen erscheinen lässt. Sollte St. Brendanus tatsächlich lange vor Kolumbus Amerika entdeckt haben?

Foto 3: Tim Severin baute
St. Brendans Bötchen nach
und bezwang den Atlantik
(Buchcover der Originalausgabe).
Der Ire Timothy Severin (*1940), Historiker, Buchautor und Abenteurer war vom wundersamen Bericht um St. Brendanus fasziniert. Er baute ein »Curragh«-Bötchen nach, wobei er ausschließlich Materialien benutzte, die in »Navigatio Sancti Brendani (abbatis)« beschrieben werden. Die Nussschale von einem Boot aus in Eichenlohe gegerbten und mit Wollfett eingeschmierten Ochsenhäuten war hochseetüchtig. Es überstand auch die Fahrt durch das Packeis. Auch wenn es die »Experten« für ausgeschlossen gehalten hatten, Severin meisterte im Brendanus-Bötchen die erste Etappe seiner Abenteuerreise zu den Färöer Inseln. Weiter ging es über Island und Grönland bis nach Neufundland. Allen Unkenrufen aus der Expertenwelt löste sich das Lederboot nicht auf. Severin gelang das angeblich Unmögliche. Am 26. Juni 1977 erreichte Tim Severin mit seinen wagemutigen Freunden »Peckford Island«, Neufundland. Damit war der Nachweis erbracht, dass St. Brendanus mit seinem Bötchen sehr wohl sehr weite Seereisen unternehmen konnte.

Sachlich schlussfolgert Dr. Petra Kehl (6): »Wie auch immer die Schilderungen der ›Navigatio Sancti Brendani abbatis‹ zu bewerten sind, eines steht nach Severins Reise fest: Die Seereise in einem Lederboot von Irland nach Nordamerika ist den Iren des Frühmittelalters zumindest möglich gewesen.«

Tim Severin ist mit seiner Abenteuerreise auf den Spuren von Mönch St. Brendanus auf eindrucksvolle Weise der Nachweis gelungen, dass Märchenhaft-Mythologisches sehr wohl real gewesen sein kann. Sein Buch über die Seereise der Mönche liest sich spannender als jeder Roman (7).

Foto 4: Die berühmte Weltkarte
von Admiral Piri Reis.
1945 erschien das Buch »St. Brendan the Navigator« in Dublin. Autor Dr. George Aloysius Little kam zur Überzeugung, dass St. Brendanus tatsächlich in seinem Bötchen den Atlantik überquert hat und nach Irland zurückgekehrt ist. Beim oft märchenhaft anmutenden Text »Navigatio Sancti Brendani (abbatis)« handele es sich, so Dr. George Aloysius Little (8), um einen echten Bericht und kein reines Fantasiekonstrukt. Vielmehr werde zumindest eine reale Atlantiküberquerung, die fast ein Jahrtausend vor Kolumbus stattfand, beschrieben, wobei der Bericht allerdings sagenhaft ausgeschmückt wurde. Zum gleichen Ergebnis war Denis O’Donoghue (9) anno 1893 gekommen.

Im Lauf der Jahrhunderte wurde der ursprüngliche Reisebericht immer christlicher. Der historische Entdecker mochte aus Lust auf ferne Gestade aufgebrochen sein. Vielleicht hoffte er auch, in fremden Landen Heiden zum Christentum bekehren zu können, so wie dies 1.000 Jahre vor Kolumbus irische Missionare gerne taten. In jüngeren Fassungen wurde die »Weltreise Brendans« eine Strafe für den skeptischen St. Brendanus, weil er nicht so recht an die Wunder der Schöpfung glauben mochte. So wurde er angeblich auf die harte Tour von der Realität des Wundersamen überzeugt.

Foto 5:
Der Heilige
Abt Brendanus
auf hoher See.
Sankt Brendan taucht in einer weiteren historischen Quelle auf. Der osmanische Piri Reis fertigte im Jahr 1513 eine fantastische »Weltkarte« an, die nach Meinung mancher Experten zumindest Teile der Küste Amerikas zeigt. Professor Dr. Afet Inan, Ankara, sah in der Piri Reis Karte die »älteste Karte Amerikas«. Piri Reis hat seine Karte mit zahlreichen kleineren Bildern und Kommentaren versehen. Besonders interessant ist folgender Vermerk (10): »Man bemerke, daß ein Priester mit Namen Sanvolrandan in vergangenen Tagen die Tour der sieben Meeren machte. Nachdem er auf einem Fisch gelandet war, hielt der Priester diesen für Festland und zündete ein Feuer an. Als der Rücken des Fisches zu brennen begann, tauchte dieser ins Meer, und unsere Männer, die in ein Boot sprangen, flüchteten sich zu dem Schiff.«

Bei dem Priester namens Sanvolrandan handelt es sich, wie unschwer zu erkennen ist, um »Santo Brendan«, den wagemutigen Entdecker. Die kuriose Geschichte, die der türkische Admiral Piri Reis aufzeichnete, findet sich bereits in »Navigatio Sancti Brendani (abbatis)«.

Fußnoten
(1) Briersi, Antonio (Hrsg.): Tommaso Campanella »Del sense dello cose e della magia«, 1925, S. 241/42, zitiert nach Habiger-Tuczay, Christa: »Magie und Magier im Mittelalter«, München 1992, S. 192 (»Die Automaten«)
(2) Zitiert nach Weber, Andreas in »Biokapital. Die Versöhnung von Ökonomie, Natur und Menschlichkeit«, Berlin 2008, Seite 57. Originalzitat: »Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.«, »Profiles of the future: an inquiry into the limits of the possible«, revidierte Ausgabe 1973, Seite 36
(3) Gunkel, Hermann: »Das Märchen im Alten Testament«, Tübingen 1921
(4) Ebenda, Seite 59,b 11. Zeile von oben/ Seite 61, 1. Zeile von unten und Seite 62, 1. Zeile von oben/ Seite 65, 10.-8. Zeile von unten
(5) Kehl, Dr. Petra: »St. Brendan der Seefahrer«, http://www.kath-info.de/brendan.html (Stand: 27.04.2020)
(6) Ebenda (Stand: 27.04.2020)
Siehe auch
Carnac, Pierre: »Geschichte beginnt in Bimini«, Olten 1978 (»Brendan, der Heilige der verlorenen Horizonte«, S. 250-264)
Foto 6: Traktat über St. Brendanus
aus dem Jahr 1897
(7) Severin, Tim(othy): »The Brendan Voyage/ Across the Atlantic in a Leather Boat«, eBook-Ausgabe der Originalversion von 1978, London 2013
Severin, Timothy: »Tausend Jahre vor Kolumbus. Auf den Spuren der irischen Seefahrermönche«, Hamburg 1979
(8) Little, Dr. G(eorge) A(loysius): »St. Brendan the Navigator: An Interpretation«, Dublin 1945
(9) O’Donoghue, D(enis).: »Brendaniana: St. Brendan the Voyager in Story and Legend «, Dublin 1893
(10) Carnac, Pierre: »Geschichte beginnt in Bimini«, Olten 1978, Seite 263, 1. Zeile von unten –Seite 264, 6. Zeile von oben. Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen und nicht der Rechtschreibreform angepasst. Anmerkung: Mir liegt eine englische Übersetzung des Zitats vor, die geringfügig von der Version bei Pierre Carnac abweicht.

Zu den Fotos
Foto 1: St. Brenadanus auf einer Ikone.
Foto 2: Greif greift an und wird selbst angegriffen.
Foto 3: Tim Severin baute St. Brendans Bötchen nach und bezwang den Atlantik (Buchcover der Originalausgabe).
Foto 4: Die berühmte Weltkarte von Admiral Piri Reis.
Foto 5: Der Heilige Abt Brendanus auf hoher See.
Foto 6: Ein Traktat über St. Brendanus aus dem Jahr 1897.
(Mackay, Aeneas J. G.: »St. Brendan of Clonfert and Clonfert-Brendan«, »Blackwood's Edinburgh Magazine«, London, Juli 1897, Seiten 135-146)


543. »Der Tag, an dem Sonne und Mond stillstanden«,
Teil 543 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 14. Juni 2020



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Sonntag, 18. August 2019

500. »Hinter’m Horizont«


Teil 500 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Blick über den Horizont hinaus.

Dogmen sind unwissenschaftlich, denn Wissenschaft muss immer alles hinterfragen. Wirkliche Wissenschaft wird nie behaupten, für alle Ewigkeiten gültige Wahrheiten zu verkünden. Vielmehr ist der wirkliche Wissenschaftler dazu bereit, jede gestern eingenommene Position heute oder morgen aufzugeben. Und jeder ehrliche Wissenschaftler wird zugeben, dass unsere wissenschaftlichen Methoden nur Hilfskonstrukte sind, wenn es darum geht, die Wirklichkeit zu erfassen.

Wir neigen dazu, nur das als wirklich gelten zu lassen, was die Wissenschaft zu erklären vermag. Schnell wird das Nochnicht-Erklärbare für nicht existent gehalten. Und wer sich nicht vorschreiben lässt, was real sein darf und was nicht, der wird schnell als unwissenschaftlicher Scharlatan verlacht. Aber: Nur wer sich nicht an Glaubensdogmen in der Wissenschaft hält, der kann den wissenschaftlichen Horizont erkennen und erweitern. Mir kommen Wissenschaftsgläubige wie Anhänger der »Die Erde ist eine flache Scheibe«-Theorie vor. Sie haben einen engen Horizont, den sie mit Eifer ausbauen und festigen. Ihr Dogma lautet: Jenseits des Horizonts gibt es nichts, weil es da nichts geben darf.

Adolf Holl (*1930), vom Dienst suspendierter katholischer Priester, kritisiert heftig den religiösen Menschen: »Je religiöser ein Mensch, desto mehr glaubt er; je mehr er glaubt, desto weniger denkt er; je weniger er denkt, desto dümmer ist er; je dümmer er ist, desto leichter kann er beherrscht werden. Das gilt für Sektenmitglieder ebenso wie für die Anhänger der großen Weltreligionen mit gewalttätig intolerantem ›Wahrheits‹-Anspruch. Dagegen hilft, auf Dauer, nur Aufklärung.« In einer immer säkularer werdenden Welt wird diese Kritik begeistert geteilt. Vergessen und nicht beachtet wird dabei aber, dass an die Stelle von religiösen Dogmen vermeintlich wissenschaftliche Dogmen treten, die heute ebenso wenig angezweifelt werden dürfen wie früher die religiösen. Adolf Holls Kritik trifft auch auf Wissenschaftsgläubige zu.

In unserer säkularen Welt wird Greta Thunberg (*2003) nach und nach religiös verklärt. An diesem weltlichen Prozess einer alternativen Seligsprechung sind Vertreter der Kirche beteiligt. So verglich Berlins Bischof Heiner Koch (1) »die Bewegung der schwedischen Klimaschutz-Aktivistin Greta Thunberg mit der (von) Jesus Christus«. Da wundert es nicht, wenn Greta Thunberg die wundersame Gabe nachgesagt wird, C02-Moleküle mit bloßem Auge sehen zu können (2). Greta Thunbergs Mutter sagt ihrem Kind eine außergewöhnliche Fähigkeit nach, die eher zu einer Heiligen als zu einem gewöhnlichen Menschen passt (3): »Greta gehört zu den wenigen, die unsere Kohlendioxide mit bloßem Auge erkennen können. Sie sieht, wie die Treibhausgase aus unseren Schornsteinen strömen, mit dem Wind in den Himmel steigen und die Atmosphäre in eine gigantische unsichtbare Müllhalde verwandeln.« DER SPIEGEL (3): »Die Mutter der Klimaaktivistin hat ihr Leben und das ihrer Tochter aufgeschrieben - herausgekommen ist eine moderne Heiligenlegende.«

Foto 2: Unser Horizont, Darstellung 12. Jahrhundert

Oscar Wilde  (*1854; †1900) glaubte an den Fortschritt der Wissenschaft, die religiösen Aberglauben durch handfestes, beweisbares Wissen ersetzt: »Die Wissenschaft ist die Geschichte toter Religionen.« Leider besteht aber in unserer Zeit die Gefahr, dass Aberglaube stirbt, aber im Gewand der »Wissenschaft« wieder auflebt.Wenn es um brennende Fragen wie den Klimaschutz und die Lösung von akuten Fragen geht, dann ist Wissenschaft gefordert, nicht pseudoreligiöse Verklärung.

Justus Freiherr von Liebig (*1803; †1873) tastete sich an die vermeintlichen Grenzen von Wissenschaft heran: »Die Wissenschaft fängt eigentlich erst da an, interessant zu werden, wo sie aufhört.« Sir Arthur C. Clarke (*1917; †2008) wagte einen Blick über die Grenzen unseres heutigen Verständnisses von Wissenschaft hinaus (4):»Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht mehr zu unterscheiden.«

Unsere Erde ist keine flache Scheibe, sondern sie ist von kugeliger Gestalt. Der Horizont ist nur eine imaginäre Grenze, nicht das Ende. Denn hinter dem Horizont geht es weiter. Das gilt auch für unseren geistigen Horizont: Auch hinter dieser scheinbar feststehenden Grenze geht es auch weiter. So mancher Wissenschaftler aber vermittelt den falschen Eindruck als ende die Wirklichkeit an den Grenzen eines doch recht engen geistigen Horizonts. Ich darf noch einmal Arthur C. Clarke zitieren: »Wenn ein … Wissenschaftler sagt, etwas sei möglich, dann hat er ziemlich sicher recht, wenn er aber sagt, es sei unmöglich, dann liegt er höchstwahrscheinlich falsch.«

Foto 3: Der Horizont ...
Es stimmt, was Albert Einstein (*1875; †1965) gesagt hat: »Die Wissenschaft, richtig verstanden, heilt den Menschen von seinem Stolz; denn sie zeigt ihm seine Grenzen.«  Richtig verstandene Wissenschaft lässt uns erkennen, dass wir doch nur sehr wenig wirklich wissen. Richtig verstandene Wissenschaft macht uns ernüchternd klar, dass wir uns viel zu viel auf unser ach so großes Wissen einbilden. Thomas Carlyle (*1795; †1881): »Das wäre eine armselige Wissenschaft, die die große, tiefe, geheiligte Unendlichkeit des Nichtwissens vor uns verbergen wollte, über welcher alle Wissenschaft wie bloßer oberflächlicher Nebel schwimmt.«

Falsch verstandene Wissenschaft aber führt zur Einbildung, dass das, was wir verstehen, alles ist, dass es darüber hinaus nichts gibt, schon gar nicht Unverstandenes. Je fester man sich diesen Unsinn einreden lässt, desto schwieriger wird es, zu bahnbrechenden neuen Erkenntnissen zu kommen. Je größer die Angst vor kühn anmutenden Gedanken ist, desto rückständiger bleibt man.Alles Neue liegt hinter dem Horizont. Werner Heisenberg (*1901; †1976): »Wirkliches Neuland in einer Wissenschaft kann wohl nur gewonnen werden, wenn man an einer entscheidenden Stelle bereit ist, den Grund zu verlassen, auf dem die bisherige Wissenschaft ruht, und gewissermaßen ins Leere zu springen.«

Die Urformen des Lebens hausten in den Ozeanen. Gäbe es nicht den Drang, alle Grenzen zu überwinden wäre ein »Landlebewesen Mensch« niemals entstanden. Unsere Vorvorfahren lebten im Wasser. Sie atmeten mit Kiemen, nicht mit Lungen. Das ideale Ambiente dieser unserer Urururahnen war das Wasser. Und dennoch eroberten sie langsam das Land. Dabei mussten sie ein Paradies aufgeben, um in einer Hölle weiterzuleben. Statt wie schwerelos im Wasser zu schweben, musste sie sich schwerfällig an Land dahinschleppen. Hitze versengte ihnen die Haut, Kälte schlug beißende Wunden. Tödliche Gefahren lauerten, die es im Lebensraum Wasser nicht gab, Und doch wurde der Schritt vom gewohnten Lebensraum Meer an Land vollzogen.

Ohne diesen Drang der Expansion hätten sich älteste Lebensform nicht den neuen Gefahren des Landlebens ausgesetzt. Dann wären aber auch niemals Krebse, Vögel und Säugetiere entstanden. Dann wäre das Leben im Wasser geblieben. So strapaziös dieser Umzug auch war, er brachte nicht nur Nachteile. Eine vollkommen neue Welt tat sich für das Leben auf. Empfanden die tierischen »Pioniere«, die an Land krochen, so etwas wie Glück? Hatten sie die Freiheit der Entscheidung? Oder zwang sie das Gesetz der Expansion dazu, die neue Welt der Trockenheit zu erobern? So wie vor Hunderten von Millionen Jahren das Leben aus dem Meer an Land kam, so wird der Mensch Planet Erde verlassen und ins scheinbar unendliche »Meer« des Universums vordringen.

Die Erde ist unsere Wiege. Aber wer möchte schon im Babystadium ausharren? Wir Menschen werden nicht in der Wiege bleiben. Wir werden sie verlassen. Unsere Heimat steht nicht im Zentrum des Universums. Sie ist ein kleiner unbedeutender Planet eines unwichtigen Sonnensystems am »Rande« des Universums. Das Gebot der Expansion wird uns zwingen, so weit wie möglich in die Unendlichkeit vorzudringen. An Bord von riesigen Weltraumstädten kann das Leben von der Erde das All erkunden, auch wenn es Ewigkeiten dauert.Nicht nur wir Menschen folgen diesem Drang der Expansion. Mit anderen Worten: Raumfahrt ist eine natürliche Entwicklungsstufe des Lebens. Dr. Stuhlinger: »Werden die außerirdischen Menschen auch Raumfahrt betreiben? – Zweifellos, sobald sie in ihrer technischen Entwicklung genügend weit fortgeschritten sind.«

Foto 4: Der Horizont, in weiter Ferne und doch so nah!

Eines fernen Tages werden Nachkommen jener Menschen, die einst in riesigen Weltraumstädten die Erde verließen, fremde Planeten erreichen. Was werden sie tun? Das hängt von den Verhältnissen auf den fremden Welten ab. Vielleicht werden sie auf »toten Welten« die Voraussetzungen für Leben schaffen. Vielleicht werden sie primitives Leben kreieren. Vielleicht werden sie primitives Leben intelligent machen. Vielleicht werden sie als Schöpfergötter aus dem All in die Mythen und heiligen Bücher der fernen Welten eingehen. Ihre Geschöpfe werden sich als »Kinder der Götter« verstehen. Irgendwann werden die Götter, deren Urahnen von der Erde kamen, die Reise durchs All fortsetzen. Und irgendwann werden die »Kinder der Götter« ihren Heimatplaneten erforscht haben und den »Göttern« aus dem All ins Universum folgen wollen!

Fußnoten
1) https://www.welt.de/politik/deutschland/article191860105/Berliner-Bischof-Mich-erinnern-die-Freitagsdemos-an-die-biblische-Szene-vom-Einzug-Jesu.html (Stand 30. Mai 2019/ Himmelfahrt)
2) https://www.epochtimes.de/meinung/kommentar/sie-kann-die-co2-molekuele-sehen-greta-thunberg-als-helena-blavatsky-des-21-jahrhunderts-a2872626.html
(Stand 30. Mai 2019/ Himmelfahrt)
3) DER SPIEGEL 2019-05-11
4) Sir Arthur C. Clarke in »Profiles of the Future«, zitiert von Weber, Andreas in »Biokapital. Die Versöhnung von Ökonomie, Natur und Menschlichkeit«, Berlin 2008, Seite 57. Originalzitat: »Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.«,  »Profiles of the future: an inquiry into the limits of the possible«, revidierte Ausgabe 1973, Seite 36 

Zu den Fotos 
Foto 1: Blick über den Horizont hinaus. Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein 
Foto 2: Unser Horizont, Darstellung 12. Jahrhundert, Foto wiki commons/ gemeinfrei
Foto 3: Der Horizont ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Der Horizont, in weiter Ferne und doch so nah! Foto Walter-Jörg Langbein

501. »Bücher voller Geheimnisse«
Teil 501 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 25. August 2019


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Sonntag, 12. Mai 2019

486 »Leben wir in einer Computersimulation?«

Teil 486 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Eine Computersimulation?

Unsere Welt ist nicht real. Wir Menschen sind wie die Welt, in der wir zu leben meinen, eine Computersimulation. Diese verrückt anmutende Theorie vertrat Daniel F. Galouye (*1920; †1976) anno 1964 in seinem packenden Science-Fiction-Roman »Simulacron 3«. Rainer Werner Fassbinder (*1945; †1982) machte im Jahr 1973 aus dem Roman einen zweiteiligen Fernsehfilm: »Welt am Draht«. 1999 wurde der Roman von Daniel F. Galouye ein zweites Mal verfilmt: »The 13th Floor« (Deutscher Titel: »Bist du was du denkst?«).

Die renommierte »WELT« schrieb am 23.09.2016 in ihrer Onlineausgabe (1): »Dass unsere Welt nicht real sein könnte, ist zwar schon damals kein neuer Gedanke gewesen. Dass es sich aber um eine Computersimulation handeln könnte, ist eine Idee, die natürlich erst mit dem Computerzeitalter aufkommen konnte.«

Foto 2: »Welt am Draht«
Die »WELT« erinnert an einen der Großen Science-Fiction-Autoren Philip K. Dick (*1928; †1982), der anno 1977 eine in den Augen wohl der meisten Zeitgenossen völlig absurde Behauptung aufstellte: Er will erkannt haben, dass unsere Welt »eine Simulation ist«. Etwas vorsichtiger drückt sich 42 Jahre später Elon Reeve Musk, Gründer von »Tesla« und »SpaceX« aus. Musk, geboren am 28. Juni 1971 ist davon überzeugt, dass »es eine relativ hohe Wahrscheinlichkeit gibt, dass wir alle nur Sims sind«, sozusagen Simulationen in einem Computerspiel.

Verrückte Spinnerei? Keineswegs! Der schwedische Philosoph Nick Bostrom (*1973), er lehrt an der renommierten »Oxford University«, kam zum gleichen Resultat wie Musk. Im wissenschaftlichen Fachblatt »Philosophical Quaterly« (2) wagte er die kühne Prognose, dass wir bereits in wenigen Jahrzehnten so weit sein können, um eine Welt wie die unsere im Computer entstehen zu lassen. Mit wissenschaftlicher Präzision entwickelte der Gelehrte eine Zukunftsvision (3), die mancher nur als den reinen Horror empfinden mag: 

Nach dem Aussterben der Menschheit »leben« dann nur noch Computersimulationen von Menschheiten. Da werden womöglich riesige Pyramiden gebaut, da kämpfen Ritter gegen Saurier, da fressen außerirdische Monster mit wachsender Gier Menschen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, nur dass die simulierten Menschen in Computersimulationen glauben, sie seien real. Konkreter: Eine künftige irdische Zivilisation entwickelt im Computer fiktive Welten, lässt im Computer die Welt der alten Ägypter, der Mesopotamier oder uns und unsere Welt anno 2019 entstehen.

In so einer simulierten Welt kann beliebig experimentiert werden, kann ausprobiert werden, wie wir Menschen zum Beispiel auf das Auftauchen von »Fliegenden Untertassen« oder von Kreaturen wie Yeti oder Nessie reagieren. Je verrückter die Geschehnisse sind, für die wir keine Erklärung finden können, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir nur in einer Computer-Simulation leben und nicht in DER Realität.

Foto 3: »Bist Du, was Du denkst?«
Der schwedische Philosoph Nick Bostrom glaubt: Die Wahrscheinlichkeit, dass wir in einer Simulation leben, liegt bei 20 bis 50 Prozent. Voraussetzung ist allerdings, dass eine künftige Menschheit über aus heutiger Sicht unvorstellbare Riesencomputer mit unvorstellbaren Kapazitäten verfügt. Bedenken wir, wie schnell der Fortschritt in Sachen Computer ablief. Nur wenige Jahrzehnte liegen zwischen den ersten unförmigen Riesencomputern, die aus heutiger Sicht unglaublich beschränkt und langsam waren, und der Entwicklung von künstlicher Intelligenz. Bedenken wir noch, dass die Computertechnologie in geheimen militärischen Forschungszentren schon sehr viel weiter sein mag als man uns wissen lässt. Wie mögen dann Computer in fünfzig, einhundert oder gar eintausend Jahren aussehen?

Ich darf den heute kaum noch bekannten italienischen Dominikaner Tommaso Campanella, eigentlich Giovanni Domenico (*1568; †1639), zitieren (4): »Alles, was die Wissenschaftler … mit Hilfe einer unbekannten Kunst vollbringen, wird Magie genannt … Denn Technologie wird immer als Magie bezeichnet, bevor sie verstanden wird, und nach einer gewissen Zeit entwickelt sie sich zu einer normalen Wissenschaft.« Sir Arthur C. Clarke (*1917; † 2008) brachte es Jahrhunderte später auf den Punkt (5): »Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht mehr zu unterscheiden.«

Fotos 4 und 5: Dominikaner Tommaso Campanella

Nicht erst seit heute wird fieberhaft an »künstlicher Intelligenz« gearbeitet. Der Computer von morgen oder übermorgen wird dann ohne einen Programmierer auskommen. Er wird sich selbst programmieren. Er wird sich schneller perfektionieren als das menschliche Programmierer können. Menschliche Programmierer stoßen schnell an die Grenzen ihrer Fähigkeiten. Künstliche Intelligenz freilich kommt ohne den störenden Menschen aus.

Welche Ziele verfolgt der Menschmit der Erschaffung künstlicher Intelligenz? Er will zum Beispiel Waffensysteme schaffen, die fehlerfrei arbeiten und den »Feind« vernichten. Eine solche Waffe funktioniert nur dann »perfekt«, wenn sie nicht eingeschränkt wird. Künstliche Intelligenz kommt ohne Moral aus. Herbert Reinecker (*1914; † 2007)  legte bereits vor Jahrzehnten eine sehr nachdenklich stimmende Aussage über die Gefahren der künstlichen Intelligenz dem fiktiven »Prof. Rotheim«, dargestellt von Ernst Schröder (6), in den Mund (7):

»Er (Dr. Römer) arbeitete an Computern, an der Herstellung von künstlicher Intelligenz wie er das nannte, und es erschreckte ihn, dass er keine Grenzen für deren potentielle Möglichkeiten sah. … Er sagte: Wir entwickeln künstliche Intelligent, die keine Moral besitzt. Und Intelligenz ohne Moral wird uns töten.« Wird künstliche Intelligenz den Menschen beseitigen, weil sie sich ohne den Menschen immer weiter und weiter entwickeln kann, ohne je an Grenzen zu stoßen? Wird künstliche Intelligenz spielerisch experimentierend Illusionen von Welten erschaffen, die es gar nicht gibt? Wird sie ganz nach Belieben Simulationen von Welten kreieren, in denen Lebewesen hausen, die sich für real halten? Oder sind  simulierte Welten das Werk künftiger Generationen von Wissenschaftlern, die leidenschaftlich gern experimentieren und Universen erschaffen, in denen sie »Gott« sein können?

Foto 6:Nick Bostrom
Leben wir in einer solchen Welt, als Simulation, die ganz nach dem Gusto unserer Schöpfer gelöscht werden kann? Oder existiert die reale Menschheit schon lange nicht mehr? Der Schwede Nick Bostrom, kein Spinner, sondern Wissenschaftler an der renommierten »Oxford University«, schreibt in seiner Abhandlung (8) von »posthumanen Zivilisationen«. »Leben« wir also in einer Illusion, als Simulationen in simulierten Welten? Existiert unsere Welt ewig weiter, weil es niemanden mehr gibt, der sie abschalten könnte? Oder sind wir auf Gedeih und Verderb Computerexperten der Zukunft ausgeliefert, die das »Experiment Erde« jederzeit beenden können?

Man muss sehr blauäugig sein, um anzunehmen, dass keinerlei Gefahr besteht, weil es nur verantwortungsvolle Wissenschaftler gibt, die niemals eine ethikfreie künstliche Intelligenz zulassen würden. Gewiss, viele Wissenschaftler sind sich ihrer Verantwortung bewusst und handeln nur moralischen Prinzipien folgend. Es wird aber immer auch solche Wissenschaftler geben, die ohne Skrupel wahre Horrorszenarien realisieren, einfach weil das möglich ist, oder weil sie ihren Größenwahn ausleben und Gott spielen möchten.

Fußnoten
(1) https://www.welt.de/kmpkt/article158325548/Wahrscheinlich-leben-wir-in-einer-Simulation.html (Stand: 29.04.2019)
(2) »Are you living in a computer simulation«, »Philosophical Quaterly« 2003, Vol. 53, No. 211, Seiten 243-255
(3) https://www.simulation-argument.com/simulation.html (Stand 29.04.2019)
(4) Briersi, Antonio (Hrsg.): »Tommaso Campanella, Del sense dello cose e della magia«, 1925, S. 241/42. Zitiert nach Habiger-Tuczay, Christa: »Magie und Magier im Mittelalter«, München 1992, S. 192 (»Die Automaten«)

Foto 7: »Superintelligenz«
(5) Clarke,  Sir Arthur C.  in »Profiles of the Future«, zitiert von Weber, Andreas in »Biokapital. Die Versöhnung von Ökonomie, Natur und Menschlichkeit«, Berlin 2008, Seite 57. Originalzitat: »Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.«,  »Profiles of the future: an inquiry into the limits of the possible«, revidierte Ausgabe 1973, Seite 36
(6) Ernst Schröder (* 27. Januar 1915 in Eickel, Westfalen; † 26. Juli 1994 in Berlin) war ein deutscher Schauspieler und Regisseur. Als Ernst Schröder erkrankte an Krebs. So wollte er nicht mehr weiterleben und so setzte er am 26. Juli 1994 seinem Leben ein Ende.
(7) »Dr. Römer und der Mann des Jahres«, »Derrick«, 10. Staffel Folge 108, Erstausstrahlung 30. Dezember 1983
 (8) https://www.simulation-argument.com/simulation.html (Stand 29.04.2019) Zitat: »Posthuman civilizations would have enough computing power to run hugely many ancestor-simulations even while using only a tiny fraction of their resources for that purpose.«


Zusätzliche Literaturempfehlung: »Superintelligenz« von Nick Bostrom



487 »Licht der Unendlichkeit«,
Teil 487 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 19. Mai 2019


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Sonntag, 17. Juni 2018

439 »Nichts wird ihnen unmöglich sein!«

Teil 439 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Adam und Eva
Der biblische Prophet Elias, so vermeldet es das »Alte Testament«  wurde mit einem »feurigen Wagen« in den Himmel »entrückt« (1). Im Judentum verbreitete sich rasch der Glaube, Elias sei lebendig in den Himmel entführt worden. Einst werde er als Begleiter aus den himmlischen Gefilden zur Erde zurückkehren. Um Christi Geburt war im »Heiligen Land« die Hoffnung groß, der Messias würde zurückkehren und die Römer vertreiben. Und so flohen die Menschen aus der verhassten Realität in die Hoffnung. Das harte Regiment der Römer wurde erträglicher, je fester man an die Rückkehr von Elias und des Messias glaubte.

Interessant ist die Geschichte vom »feurigen Wagen« auch heute noch. Offenbar war man vor Jahrtausenden im »Heiligen Land« mit »feurigen Himmelswagen« durchaus vertraut. Kurz und bündig heißt es im »Alten Testament«, dass Elias zunächst gar nicht in den Himmel verschleppt werden wollte. Doch der HERR gibt seinen Plan nicht auf und so wird Elias zum Entführungsopfer, vergleichbar mit jenen Menschen, die an Bord von UFOs verschleppt werden, so man das weltweit auftretende Phänomen als etwas Reales akzeptiert). Im 2. Buch der Könige lesen wird (2): »Als aber der HERR Elia im Wettersturm gen Himmel holen wollte, gingen Elia und Elisa von Gilgal weg. Und als sie miteinander gingen und redeten, siehe, da kam ein feuriger Wagen mit feurigen Rossen, die schieden die beiden voneinander. Und Elia fuhr im Wettersturm gen Himmel.«

Jesus, der nach alter Götter Sitte gen Himmel fuhr, verkündete seinen treuen Jüngern (3): »Und nichts wird euch unmöglich sein.« Menschen waren freilich nicht allmächtig, nur Götter waren das. Und nur Göttern war nichts unmöglich, also alles möglich.

Schon im vielleicht bekanntesten Text der Bibel wird der Mensch in seine Schranken verwiesen. Die Rede ist von einer bemerkenswerten Szene im Paradies. Gott hat Adam erschaffen und ins Paradies gesetzt. Zu Intimitäten freilich kann es nicht kommen, denn Eva ist noch nicht in Adams Leben getreten. Ansonsten darf Adam alles tun, es gibt nur ein Tabu (4): »Und Gott, der HERR, gebot dem Menschen und sprach: Von jedem Baum des Gartens darfst du essen; aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon darfst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon isst, musst du sterben!« Lucas Cranach (*um den 4.10.1472 im oberfränkischen Kronach; †16.10.1553) wusste diese biblischen Szenen herrlich darzustellen.

An dieses Verbot hat sich Adam offenbar gehalten. Dann aber wird Gott wieder schöpferisch aktiv. Eva entsteht aus einer Rippe Adams. Und die wird von der bösen Schlange in Versuchung geführt (5): »Und die Schlange war listiger als alle Tiere des Feldes, die Gott, der HERR, gemacht hatte; und sie sprach zu der Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Von allen Bäumen des Gartens dürft ihr nicht essen? Da sagte die Frau zur Schlange: Von den Früchten der Bäume des Gartens essen wir; aber von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Ihr sollt nicht davon essen und sollt sie nicht berühren, damit ihr nicht sterbt!«

Foto 2: Gott verbietet Adam und Eva die geheimnisvollen Früchte.

Die Schlange macht Eva ein Angebot, das sie nicht ausschlagen kann (6): »Keineswegs werdet ihr sterben! Sondern Gott weiß, dass an dem Tag, da ihr davon esst, eure Augen aufgetan werden und ihr sein werdet wie Gott, erkennend Gutes und Böses.« Mit anderen Worten: Wer von den verbotenen Früchten isst, der wird wie Gott. Die Strafe folgt auf dem Fuß: Adam und Eva werden aus dem Paradies verbannt.

Wenig später wird erneut das Thema »Menschen wollen wie Gott sein« aufgegriffen: in der Episode »Der Turmbau zu Babel« (7). Die Menschen machen sich an die Arbeit. Sie errichten den legendären Turm zu Babel. Gott ist über diese Anmaßung alles andere als erfreut. Nach dem Motto »Wehret den Anfängen!« greift er ein (8): »Siehe, ein Volk sind sie, und eine Sprache haben sie alle, und dies ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts unmöglich sein, was sie zu tun ersinnen.« Gott stoppt das Projekt »Turm zu Babel«. Motiv: Die Menschen dürfen nicht gottgleich werden.

Übrigens: Die von der Bibel angebotene sprachliche Erklärung von »Babel« völlig falsch. »Babel« hat mit dem hebräischen »balal«, zu Deutsch »verwirren« nichts zu tun. Babel leitet sich eindeutig vom Babylonisch-Sumerischen »bab-ili« her, zu Deutsch von »Tor der Götter«. Damit wird auch schon rein sprachlich klar: Vorbild für den Turmbau ist der babylonische Zikkurrat, mehrstufige Türme. Vielleicht dienten sie als Ersatz für heilige Berge rein sakralen Zwecken. Vielleicht wurden sie auch als Observatorien zur Sternbeobachtung benutzt.

Foto 3: Die Schlange verleitet Adam und Eva zur ersten Sünde.

Rund zwei Jahrtausende v. Chr. stand das Vorbild für den biblischen Turm, der »Etemenanki« in Babylon direkt beim Tempel des Gottes Marduk. Errichtet wurde er nicht aus menschlicher Arroganz, nicht zum Hohn, sondern zu Ehren der babylonischen Götter. Hauptgott Marduk stieg nach uralter babylonischer Überlieferung zum Jahresanfang über den Turm vom Himmel zur Erde herab. Dieses Motiv findet sich auch in der Bibel wieder. Auch Jahwe steigt vom Himmel zur Erde herab, ganz wie sein babylonischer Kollege Marduk.

Zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus hat ein neues Projekt »Babel« längst begonnen. Der Mensch verfügt über ein Gehirn, dessen Leistungen im Vergleich zu den ersten Computern atemberaubend sind. Doch das biologische Gehirn wird vom Menschen kaum voll genutzt und ist zudem in seinen Kapazitäten begrenzt. Logische Konsequenz: künstliche Intelligenz wird geschaffen.

Die Vorgehensweise ist vorhersehbar: Phase 1. Durch Einbau von Chips und Computerelementen wird das menschliche Hirn effektiver. Es wird nicht nur leistungsfähiger, es kann immer auf »Höchstleistung« gefahren werden. Phase 2: Die biologischen Anteile des Gehirns werden komplett durch nichtbiologische, künstliche Intelligenz ersetzt. Phase 3: Das nichtbiologische Gehirn erhält einen nichtbiologischen Körper, der dem anfälligen biologischen Körper haushoch überlegen ist. Phase 4: Die künstliche Intelligenz verbessert sich ständig selbst. Der neue, nichtbiologische »Mensch« wird unsterblich und entspricht immer mehr dem, was man bislang als »Gott« bezeichnet hat.

Foto 4: Turm zu Babel von Lucas van Valckenborch  (1535–1597)

Prof. Dr. Raymond Kurzweil (*12.02.1948) verfasste ein bahnbrechendes Werk zum Thema »künstliche Intelligenz« (9). Kurzweil, von Bill Gates als »führender Experte im Bereich der Künstlichen Intelligenz« gepriesen, ist davon überzeugt, dass schon 2030 die künstliche Intelligenz die biologische einholen, ja überholen wird (10): »Obwohl die reinen Kapazitäten biologischer und nicht biolo0gischer Intelligenz dann ungefähr gleich sind, wird die nichtbiologische Intelligenz bereits überlegen sein.« Von da an wird sich die künstliche Intelligenz immer schneller und schneller verbessern, steigern. Für das Jahr 2045 prognostiziert Prof. Dr. Raymond Kurzweil (11): »Die nichtbiologische Intelligenz, die in diesem Jahr geschaffen werden wird, wird eine Milliarde Mal leistungsfähiger sein als die gesamte menschliche Intelligenz heute.«

Die Prognosen von Prof. Dr. Raymond Kurzweil in Sachen künstliche Intelligenz muten kühn an. Sie sind aber präzise belegt. Bill Gates ist fasziniert von den heute noch fantastisch anmutenden Vorhersagen. So mancher Wissenschaftler wird sie strikt ablehnen, für unmöglich erklären. Sir Arthur C. Clarke (12) brachte es auf den Punkt: »Wenn ein … Wissenschaftler sagt, etwas sei möglich, dann hat er ziemlich sicher recht, wenn er aber sagt, es sei unmöglich, dann liegt er höchstwahrscheinlich falsch.« In der Tat, so ist es: So galten in der Welt der Wissenschaft Düsenflugzeuge, die tagtäglich Millionen von Menschen zu allen Orten unseres Planeten schaffen, ursprünglich als »physikalisch unmöglich«.

Foto 5: Turm zu Babel (Pieter Brueghel der Ältere)

Kühne Zukunftsvisionen formulierte einst im frühen 20. Jahrhundert Hermann Oberth (13). Der »Vater der Weltraumfahrt« kam durch ein Werk der Fantasie auf seinen »Mondtrip«. Als Schüler las er »Von der Erde zum Mond« (1865 erschienen) von Jules Vernes und begann zu rechnen. Der italienische Dominikaner Tommaso Campanella, eigentlich Giovanni Domenico (14): »Alles, was die Wissenschaftler … mit Hilfe einer unbekannten Kunst vollbringen, wird Magie genannt … Denn Technologie wird immer als Magie bezeichnet, bevor sie verstanden wird, und nach einer gewissen Zeit entwickelt sie sich zu einer normalen Wissenschaft.«

Fußnoten

(1) 2. Könige Kapitel 2, Verse 1-18
(2) Ebendas Verse 1 unf 11
(3) Evangelium nach Matthäus Kapitel 17, Vers 21
(4) 1. Buch Mose Kapitel 2, Verse 16 und 17
(5) 1. Buch Mose Kapitel 3, Verse 1-3
(6) Ebenda, Verse 4 und 5
(7) 1. Buch Mose Kapitel 11, Verse 1-9
(8) ebenda, Vers 6
(9) Kurzweil, Ray: »Menschheit 2.0/ Die Singularität naht«,  eBook-Ausgabe, 2. Durchgesehene Auflage, Berlin 2014
(10) Ebenda, Pos. 2568
(11) Ebenda, Pos. 2581
(12) *16.12.1917; †19.03.2008
(13) *25. 06.1894; †28. 12. 1989
(14) *5.9.1568; †21.5.1639

Zu den Fotos:
Foto 1: Adam und Eva im Paradies, Hieronymus Bosch  (circa 1450–1516). Wikimedia commons.
Foto 2: Gott verbietet Adam und Eva die geheimnisvollen Früchte. Lucas Cranach der Ältere (*um den 4.10.1472 im oberfränkischen Kronach; †16.10.1553). Wikimedia commons.
Foto 3: Die Schlange verleitet Adam und Eva zur ersten Sünde. Lucas Cranach der Ältere (*um den 4.10.1472 im oberfränkischen Kronach; †16.10.1553). Wikimedia commons.
Foto 4: Turm zu Babel von Lucas van Valckenborch  (1535–1597). Wikimedia commons.
Foto 5: Turm zu Babel, Pieter Brueghel der Ältere  (etwa 1526–1569). Wikimedia commons.

Zur Lektüre empfohlen
Kurzweil, Ray: »The Age of Spiritual Machines/ When Computers Exceed Human Intelligence«, New York 1999

440 „Mit künstlicher Intelligenz in die Apokalypse?“,
Teil 440 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 24.06.2018

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