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Sonntag, 7. Juni 2020

542. »1.000 Jahre vor Kolumbus«

Teil 542 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: St. Brenadanus auf einer Ikone.
Der italienische Dominikaner Tommaso Campanella (*1568;†1639), eigentlich Giovanni Domenico, setzte sich mit fortschrittlicher Wissenschaft auseinander »Alles, was die Wissenschaftler … mit Hilfe einer unbekannten Kunst vollbringen, wird Magie genannt … Denn Technologie wird immer als Magie bezeichnet, bevor sie verstanden wird, und nach einer gewissen Zeit entwickelt sie sich zu einer normalen Wissenschaft.« Vor fast einem halben Jahrhundert schrieb Sir Arthur C. Clarke (*1917; †2008) (2): »Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht mehr zu unterscheiden.«

Wenn wir gedanklich in die Vergangenheit reisen, wobei wir altehrwürdige Schriften als »Fenster« ins Gestern und Vorgestern nutzen, dann stoßen wir immer wieder auf Schilderungen von seltsamen Ereignissen. Nicht immer können wir eindeutig feststellen, was dichterische Fiktion und was Beschreibung realer Begebenheiten ist. Wie entscheiden wir, was Märchen und was Wahrheit ist? In der Regel wird in Kreisen der Wissenschaft so entschieden: Was ganz und gar nicht in das als richtig definierte Weltbild passt, das wird bestritten.

Der bedeutende Theologe Prof. Dr. Hermann Gunkel (*1862; †1932) bezeichnete ihm allzu fantastisch Erscheinendes als Märchen. Der Wissenschaftler kann als der Entdecker des Märchens als eigene alttestamentliche Gattung angesehen werden. Für die Reihe »Religionsgeschichtliche Volksbücher für die deutsche christliche Gegenwart« verfasste er »Das Märchen im Alten Testament« (3).

Menschliches Wunschdenken, so Prof. Gunkel, führte zu fiktiven Märchen. In diese Kategorie fällt seiner Meinung nach (4) »der Wagen des Hesekiel«. Weiter schreibt er: »Hesekiel hat in seinem berühmten ›Wagengesicht‹ mit barocker Phantastik die Erscheinung Jahves beschrieben. … Auch die Vorstellung von einem fliegenden Wagen kommt im Märchen vor. … Die Märchenreise führt etwa über das tiefe Meer, zum Beispiel in der Erzählung von Gilgamesch, oder durch ein furchtbares Feuer.

Es drängt sich eine Frage auf: Muss ein »Märchen« reine Fiktion sein? Oder kann ein märchenhaft anmutender Text nicht auch wahre Begebenheiten schildern?

In die Kategorie der »Märchenreise« gehört ohne Zweifel auch »Navigatio Sancti Brendani (abbatis)«, »Die Seereise (des Abtes) Sankt Brendan«. Der mysteriöse Text dürfte bereits im 9. Jahrhundert entstanden sein. Im Lauf der Jahrhunderte wurde er in mehrere Sprachen übersetzt. Über 100 Variationen der Geschichte fanden in ganz Europa Verbreitung. Es ist letztlich belanglos, wie man die Schilderung von St. Brendans Reise katalogisiert. Ob man sie als »mythische Reiseerzählung« oder als »märchenhafte Legende« sieht, so ist damit keineswegs der Wahrheitsgehalt geklärt.

Foto 2: Greif greift an und wird selbst angegriffen.

Nach »Navigatio Sancti Brendani (abbatis)« machte sich St. Brendanus zwischen 565 und 573 n. Chr. auf und stach mit zwölf Reisegefährten in See. Die dreizehn Wagemutigen erkundeten in einem »Curragh«-Bötchen den Atlantischen Ozean. Ihr eigentliches Reiseziel war die weit m Westen vermutete Insel »Terra Repromissionis Sanctorum«, das »Verheißene Land der Heiligen«. Sollte damit Amerika gemeint sein?

Brendanus ist eine historische Gestalt. Der Abt eines irischen Klosters wurde anno 484/ 489 im westlichen Irland geboren. Verstorben ist der Gründer mehrerer Klöster etwa 570/ 585. Bestattet wurde er in Clonfert. Dass Brendanus wie viele seiner Glaubensbrüder Seereisen unternommen hat, das ist nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich. Dr. Petra Kehl schreibt in ihrem hochinteressanten Aufsatz »St. Brendan der Seefahrer« (5): »Es gibt also verlässliche historische Zeugnisse für die Seefahrten irischer Mönche bis zum Polarkreis, ja bis nach Grönland. Darüber hinaus ist bekannt, dass die irischen Mönche umfangreiche geographische Kenntnisse besaßen, die geographischen Schriften des Ptolemäus kannten und auch schon wussten, dass die Erde keine Scheibe ist.«

Sollte St. Brendanus bis zum Polarkreis vorgedrungen sein? St. Brendanus erlebt mit seinen Glaubensbrüdern Abenteuer, die Homer nicht hätte spannender beschreiben können. Die dreizehn Männer geraten immer wieder in höchste Gefahr. Da tauchen zwei monströse Meeresungeheuer auf, die bald in einen fürchterlichen Kampf verwickelt sind. Da werden die frommen Mönche in ihrem winzigen Bötchen von einem »furchtbaren (Vogel) Greif« (»horribilis grifa«) angegriffen. Der wollte ganz offensichtlich einen der Mönche rauben. Im lateinischen Text des Originals: »grifa volens aliquem accipere«. Die Lage schien aussichtslos zu sein, doch da tauchte ein »furchtbarer Vogel« (»avis horribilis«) auf und tötete den Greif. Später werden die Mönche auf einer seltsamen Insel von feindlich gesinnten Einwohnern mit glühenden Steinen beworfen.

Gewiss, die Abenteuer der Mönche könnten zu einem Hollywood Blockbuster anregen. Die Männer erlebten Geheimnisvolles. Einmal gerieten sie in schier undurchdringbaren Nebel. Angsterfüllt beteten sie. Schon tauchte aus der Höhe, woher auch immer, ein Licht auf, das den Nebel verschwinden ließ.

Mysteriös ging es auf der Reise zu, vieles bleibt bis heute unverständlich. Aber heißt das, dass sie frei erfunden sind? Bei der gefährlichen Insel könnte es sich um ein vulkanisches Eiland gehandelt haben. Im Reisebericht heißt es, die Einwohner deines Eilands hätten Brendanus und Begleitung mit glühenden Steinen beworfen. Fakt oder Fiktion? Es ist möglich, dass es sich bei der Insel um Island handelte, dass die wagemutigen Entdecker einen Vulkanausbruch erlebten und tatsächlich vor »glühenden Steinen« geflohen sind.

Im Reisebericht begegnet ihnen ein im Meer treibender »Kristallpfeiler« und sie beobachten entsetzt »geronnenes Meer«. Bei dem »treibenden Kristallpfeiler« könnte es sich um einen Eisberg, bei dem »geronnenen Meer« um Treibeis gehandelt haben.

Oder gibt es für das »geronnene Meer« (nach einer anderen Übersetzung »das klebrige Meer«) eine ganz andere Erklärung? Ist damit das Meeresgebiet im Atlantik östlich Floridas, die sogenannte Sargassosee, gemeint? Was als »geronnenes Meer« (»klebriges Meer«) beschrieben wird, damit könnte tatsächlich die Sargasso See sein, wo eine gewaltige Menge von im Wasser schwebenden Braunalgen (Gattung: »Sargassum«) das Meer klebrig und geronnen erscheinen lässt. Sollte St. Brendanus tatsächlich lange vor Kolumbus Amerika entdeckt haben?

Foto 3: Tim Severin baute
St. Brendans Bötchen nach
und bezwang den Atlantik
(Buchcover der Originalausgabe).
Der Ire Timothy Severin (*1940), Historiker, Buchautor und Abenteurer war vom wundersamen Bericht um St. Brendanus fasziniert. Er baute ein »Curragh«-Bötchen nach, wobei er ausschließlich Materialien benutzte, die in »Navigatio Sancti Brendani (abbatis)« beschrieben werden. Die Nussschale von einem Boot aus in Eichenlohe gegerbten und mit Wollfett eingeschmierten Ochsenhäuten war hochseetüchtig. Es überstand auch die Fahrt durch das Packeis. Auch wenn es die »Experten« für ausgeschlossen gehalten hatten, Severin meisterte im Brendanus-Bötchen die erste Etappe seiner Abenteuerreise zu den Färöer Inseln. Weiter ging es über Island und Grönland bis nach Neufundland. Allen Unkenrufen aus der Expertenwelt löste sich das Lederboot nicht auf. Severin gelang das angeblich Unmögliche. Am 26. Juni 1977 erreichte Tim Severin mit seinen wagemutigen Freunden »Peckford Island«, Neufundland. Damit war der Nachweis erbracht, dass St. Brendanus mit seinem Bötchen sehr wohl sehr weite Seereisen unternehmen konnte.

Sachlich schlussfolgert Dr. Petra Kehl (6): »Wie auch immer die Schilderungen der ›Navigatio Sancti Brendani abbatis‹ zu bewerten sind, eines steht nach Severins Reise fest: Die Seereise in einem Lederboot von Irland nach Nordamerika ist den Iren des Frühmittelalters zumindest möglich gewesen.«

Tim Severin ist mit seiner Abenteuerreise auf den Spuren von Mönch St. Brendanus auf eindrucksvolle Weise der Nachweis gelungen, dass Märchenhaft-Mythologisches sehr wohl real gewesen sein kann. Sein Buch über die Seereise der Mönche liest sich spannender als jeder Roman (7).

Foto 4: Die berühmte Weltkarte
von Admiral Piri Reis.
1945 erschien das Buch »St. Brendan the Navigator« in Dublin. Autor Dr. George Aloysius Little kam zur Überzeugung, dass St. Brendanus tatsächlich in seinem Bötchen den Atlantik überquert hat und nach Irland zurückgekehrt ist. Beim oft märchenhaft anmutenden Text »Navigatio Sancti Brendani (abbatis)« handele es sich, so Dr. George Aloysius Little (8), um einen echten Bericht und kein reines Fantasiekonstrukt. Vielmehr werde zumindest eine reale Atlantiküberquerung, die fast ein Jahrtausend vor Kolumbus stattfand, beschrieben, wobei der Bericht allerdings sagenhaft ausgeschmückt wurde. Zum gleichen Ergebnis war Denis O’Donoghue (9) anno 1893 gekommen.

Im Lauf der Jahrhunderte wurde der ursprüngliche Reisebericht immer christlicher. Der historische Entdecker mochte aus Lust auf ferne Gestade aufgebrochen sein. Vielleicht hoffte er auch, in fremden Landen Heiden zum Christentum bekehren zu können, so wie dies 1.000 Jahre vor Kolumbus irische Missionare gerne taten. In jüngeren Fassungen wurde die »Weltreise Brendans« eine Strafe für den skeptischen St. Brendanus, weil er nicht so recht an die Wunder der Schöpfung glauben mochte. So wurde er angeblich auf die harte Tour von der Realität des Wundersamen überzeugt.

Foto 5:
Der Heilige
Abt Brendanus
auf hoher See.
Sankt Brendan taucht in einer weiteren historischen Quelle auf. Der osmanische Piri Reis fertigte im Jahr 1513 eine fantastische »Weltkarte« an, die nach Meinung mancher Experten zumindest Teile der Küste Amerikas zeigt. Professor Dr. Afet Inan, Ankara, sah in der Piri Reis Karte die »älteste Karte Amerikas«. Piri Reis hat seine Karte mit zahlreichen kleineren Bildern und Kommentaren versehen. Besonders interessant ist folgender Vermerk (10): »Man bemerke, daß ein Priester mit Namen Sanvolrandan in vergangenen Tagen die Tour der sieben Meeren machte. Nachdem er auf einem Fisch gelandet war, hielt der Priester diesen für Festland und zündete ein Feuer an. Als der Rücken des Fisches zu brennen begann, tauchte dieser ins Meer, und unsere Männer, die in ein Boot sprangen, flüchteten sich zu dem Schiff.«

Bei dem Priester namens Sanvolrandan handelt es sich, wie unschwer zu erkennen ist, um »Santo Brendan«, den wagemutigen Entdecker. Die kuriose Geschichte, die der türkische Admiral Piri Reis aufzeichnete, findet sich bereits in »Navigatio Sancti Brendani (abbatis)«.

Fußnoten
(1) Briersi, Antonio (Hrsg.): Tommaso Campanella »Del sense dello cose e della magia«, 1925, S. 241/42, zitiert nach Habiger-Tuczay, Christa: »Magie und Magier im Mittelalter«, München 1992, S. 192 (»Die Automaten«)
(2) Zitiert nach Weber, Andreas in »Biokapital. Die Versöhnung von Ökonomie, Natur und Menschlichkeit«, Berlin 2008, Seite 57. Originalzitat: »Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.«, »Profiles of the future: an inquiry into the limits of the possible«, revidierte Ausgabe 1973, Seite 36
(3) Gunkel, Hermann: »Das Märchen im Alten Testament«, Tübingen 1921
(4) Ebenda, Seite 59,b 11. Zeile von oben/ Seite 61, 1. Zeile von unten und Seite 62, 1. Zeile von oben/ Seite 65, 10.-8. Zeile von unten
(5) Kehl, Dr. Petra: »St. Brendan der Seefahrer«, http://www.kath-info.de/brendan.html (Stand: 27.04.2020)
(6) Ebenda (Stand: 27.04.2020)
Siehe auch
Carnac, Pierre: »Geschichte beginnt in Bimini«, Olten 1978 (»Brendan, der Heilige der verlorenen Horizonte«, S. 250-264)
Foto 6: Traktat über St. Brendanus
aus dem Jahr 1897
(7) Severin, Tim(othy): »The Brendan Voyage/ Across the Atlantic in a Leather Boat«, eBook-Ausgabe der Originalversion von 1978, London 2013
Severin, Timothy: »Tausend Jahre vor Kolumbus. Auf den Spuren der irischen Seefahrermönche«, Hamburg 1979
(8) Little, Dr. G(eorge) A(loysius): »St. Brendan the Navigator: An Interpretation«, Dublin 1945
(9) O’Donoghue, D(enis).: »Brendaniana: St. Brendan the Voyager in Story and Legend «, Dublin 1893
(10) Carnac, Pierre: »Geschichte beginnt in Bimini«, Olten 1978, Seite 263, 1. Zeile von unten –Seite 264, 6. Zeile von oben. Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen und nicht der Rechtschreibreform angepasst. Anmerkung: Mir liegt eine englische Übersetzung des Zitats vor, die geringfügig von der Version bei Pierre Carnac abweicht.

Zu den Fotos
Foto 1: St. Brenadanus auf einer Ikone.
Foto 2: Greif greift an und wird selbst angegriffen.
Foto 3: Tim Severin baute St. Brendans Bötchen nach und bezwang den Atlantik (Buchcover der Originalausgabe).
Foto 4: Die berühmte Weltkarte von Admiral Piri Reis.
Foto 5: Der Heilige Abt Brendanus auf hoher See.
Foto 6: Ein Traktat über St. Brendanus aus dem Jahr 1897.
(Mackay, Aeneas J. G.: »St. Brendan of Clonfert and Clonfert-Brendan«, »Blackwood's Edinburgh Magazine«, London, Juli 1897, Seiten 135-146)


543. »Der Tag, an dem Sonne und Mond stillstanden«,
Teil 543 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 14. Juni 2020



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Sonntag, 1. April 2012

115 »Die mysteriösen Steine der Bretagne«

Teil 115 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Geheimnisvolle Welt der Menhire
Foto W-J.Langbein
»Zu gewissen Zeiten gibt die menschliche Gesellschaft Rätsel auf ...« stellte der große französische Schriftsteller Victor Hugo (1802-1885) in seinem Roman »Dreiundneunzig« fest (1). Zu den großen Geheimnissen unseres Planeten gehören ohne Zweifel die mysteriösen Steine der Bretagne.

1874 erschien Hugos »Dreiundneunzig«. Damals war natürlich Frankreich längst christianisiert ... und doch existierten Katholizismus und »heidnischer« Glaube nebeneinander her. Der bretonische Bauer, so konstatierte Hugo mit leiser Ironie (2), »verehrt am meisten seinen Pflug und danach seine Großmutter, glaubt an die heilige Jungfrau und an die weiße Dame, bückt sich vor dem Altar und auch vor dem geheimnisvollen, aus der Heide ragenden alten Stein.«

Der Respekt vor den uralten Menhiren – zu Deutsch: vor den stehenden Steinen – wurde aber bei weitem nicht von allen Bewohnern der Bretagne geteilt. Godfrey Higgins (1772-1833) bereiste vor rund zwei Jahrhunderten das Land der Menhire und Hinkelsteine. Er versuchte vergeblich zu ergründen, warum Tausende und Abertausende von zum Teil viele Tonnen schweren Steinriesen in manchmal endlos scheinenden Reihen aufgestellt wurden. Der Archäologe erfuhr von einem kurios anmutenden Glauben.

Historische Aufnahme um 1910
Foto: Archiv W-J.Langbein
Angeblich wurde einst ein gewaltiger Schatz vergraben ... und die Stelle mit einem imposanten Menhir gekennzeichnet (3). Ganz so leicht wollte man es Schatzsuchern aber nicht machen ... und so versteckte man den steinernen Hinkelstein mit den Kostbarkeiten von unvorstellbarem Wert ... in einem Wald von Tausenden und Abertausenden von riesigen Steinen. Ein geheimer Plan soll dem Suchenden verraten, wo er den Spaten anzusetzen hat, um fündig zu werden.

So unglaubwürdig diese »Erklärung« auch ist ... ohne Zweifel brachte man Jahrhunderte lang die Menhire der Bretagne mit verborgenen Schätzen in Verbindung. Und so wurden unzählige der Hinkelsteine.... wer kennt sie nicht aus »Asterix und Obelix« ... umgestürzt und zerschlagen. Gold oder andere Schätze fanden sich bislang nicht. Religiösen Eiferern galten die Monumente aus der Steinzeit als heidnisches Zauberwerk von bösen Geistern, Hexen oder gar des Teufels selbst. Und so galt es für fanatische Christen geradezu als christliche Pflicht, möglichst viele der Zeugnisse aus uralten Zeiten zu zerstören.

Carnac um 1829, alter Stich
Foto Archiv W-J.Langbein
Aus weiteren Gründen wurden die »Hinkelsteine« dezimiert: Sie standen oft den Landwirten im Weg, behinderten sie beim Anlegen von Feldern. Also mussten sie weichen. Man benutzte die Steinmonster zudem gern als »Steinbrüche«. So wurden unzählige der Steinnadeln umgeworfen und in handliche Stücke zerschlagen. Und die wurden beim Straßen-, Brücken-, Häuser und Kirchenbau eingesetzt. Für so manchen Geistlichen war es ein besonderer Genuss, die alten Kulturdenkmäler verwüsten und zerschlagen zu lassen. Und wenn dann die Brocken als Fundament für ein christliches Gotteshaus benutzt wurden, frohlockte man über den siegreichen neuen Glauben.

Als die Straße D781 von Erdeven nach Quiberon gebaut wurde, standen die stolzen Menhire von Kerzerho, Gemeinde Erdeven, im Weg. Ursprünglich war der Menhir-Komplex zwei Kilometer lang und 65 Meter breit. Ohne Rücksicht auf Verluste wurde das uralte Erbe verwüstet und zerstört. Die Straße hatte Vorrang ... und die zertrümmerten Menhire eigneten sich doch bestens als Schottermaterial!

Wie viele Menhire einst – vor Jahrtausenden – in den Himmel der Bretagne ragten ... wir wissen es nicht. Im Laufe der gut dreißig Jahre, die ich mich schon mit dem Geheimnis der Bretagne beschäftige, begegneten mir die unterschiedlichsten Zahlenangaben.

Mein Vater lehrte Englisch und Französisch an einem Gymnasium in Oberfranken. Um Land und Leute besser kennenzulernen, unterrichtete er zeitweise auch an Schulen in den USA und in Frankreich. Mit meinem Vater war ich vor rund einem halben Jahrhundert in der Bretagne ... bei Carnac. Ich erinnere mich an einige geheimnisvolle abendliche Stunden. Die Menhire waren damals frei zugänglich, während sie heute offenbar vor dem Vandalismus von Besuchern geschützt werden müssen. Während wir zwischen den mysteriösen Steinen umhergingen, erzählte mir mein Vater von seltsamen örtlichen Legenden ... von einem Heer heidnischer Soldaten, das dank der Gebete frommer Christen in Stein verwandelt wurde. Zunächst seien die versteinerten Soldaten wie sorgsam gearbeitete Statuen deutlich als Menschen zu erkennen gewesen. Die Jahrtausende aber hätten ihnen die menschlichen Umrisse genommen.


Abendstimmung
Foto: W-J.Langbein
»Weil ihre Herzen kalt wie Stein waren ... blieben letztlich nur Steine von den Soldaten übrig!« Ein katholischer Geistlicher erzählte meinem Vater eine ganz andere Version. Demnach krochen nächtens böse Geister und Teufel aus der Erde: um die Menschen zu peinigen, um sie in Versuchung zu führen oder um ihre Seelen zu rauben. Gar manches Mal habe der Teufel selbst Menschen zu Macht und Reichtum verholfen ... zum Preis ihrer Seele! Dank frommer Christenmenschen sei die höllische Gefahr erkannt worden. Ihre Gebete, ihre Bitten um Schutz vor den höllischen Peinigern sei erhört worden. Und so wurden die Besucher aus der Unterwelt in Steine verwandelt. Sie sollten bis in alle Ewigkeit den Menschen als Warnung dienen.

Derartige frömmelnde Geschichtchen belegen nur eines: das Unwissen über Bedeutung und Herkunft der Menhire. Ich lauschte damals fasziniert den Worten meines Vaters, während wir zwischen den sich schier endlos durch die abendliche Landschaft schlängelnden Steinreihen schlenderten. Irgendwie war es dort doch gespenstisch, besonders als die untergehende Abendsonne die bizarren Steinformen zum Glühen zu bringen schien. »Das seltsame Licht soll von der Sehnsucht der versteinerten Soldaten nach Erlösung herrühren ...« erzählte mir damals mein Vater. Das hatte ihm mit erhobenem Zeigefinger ein örtlicher Priester erzählt.

Der Autor vor einem kleinen
Menhir - Foto: Ilse Pollo
Bis heute gibt es keine verlässliche Angabe über die Menhire, die heute noch erhalten sind. Damit meine ich noch stehende, aber auch liegende Kolosse. Allein in Südfrankreich dürften es noch vier bis fünf Tausend sein. Besonders imposant ist der Menhir Kergadiou von Carnac.. über zehn Meter lang! Wurde er umgeworfen... oder hat er nie gestanden? Der vermutlich größte Koloss ist wohl der »Grand Menhir Brisé« von Locmariaquer. Er war der Wolkenkratzer unter den Hinkelsteinen.... 21 Meter hoch und 300, vielleicht sogar 350 Tonnen schwer. Schon vor rund sieben Jahrtausenden soll er mit reiner Menschenkraft aufgerichtet.... und wenige Jahrhunderte später umgeworfen worden sein. Beim Aufprall zerbrach er in vier Teile.

Stehende Steine prägen das Bild der Bretagne. Bei Kermario zum Beispiel hat man weit über Tausend Menhire in zehn Reihen aufmarschieren lassen. Heute sind noch 1029 der steinernen Riesen erhalten: auf einem Areal von 1120 Metern Länge und 100 Metern Breite. Was mag es bedeuten, dass die Menhire von Ost nach West der Größe nach ansteigen? Sollen die Steinreihen den Besucher an bestimmte Orte führen? Wenn ja, dann ist uraltes Wissen in Vergessenheit geraten.

Menhire von Ménec
Foto Steffen Heilfort
Bei Manio zum Beispiel bilden die Steinreihen imaginäre Straßen, die einst über einen künstlich angehäuften Tumulus führten. Auf dem mysteriösen Plateau von Manio dominiert ein drei Meter hoher Menhir das geheimnisvolle Bild. Vor Jahrtausenden wurden in den tonnenschweren Koloss Schlangen eingraviert. Mehrere Steinbeile wurden in unmittelbarer Nähe ausgegraben.

Bei Ménec, Carnac, Departement Morbihan, formieren sich 1099 Menhire zu elf Kolonnen ... auf einem Areal von 1167 Metern Länge und 100 Metern Breite. Sie sind – warum auch immer – nach Südwest/ Nordost ausgerichtet. An den Enden der Reihen formieren steinerne »Wächter« je einen Halbkreis. Immerhin vier Meter hoch ist der größte Menhir von Ménec.

Fußnoten
1 Hugo, Victor: »Dreiundneunzig«, Leipzig, 2. Auflage 1949, S. 162
2 ebenda
3 Higgins, Godfrey, Esq.: »The Celtic Druids«, 1. Auflage, London 1829, Bildteil »Carnac«


»Geheimnisvolles Gavrinis«,
Teil 116 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 08.04.2012


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