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Sonntag, 6. Mai 2012

120 »Hünengräber II«

»Riesengräber in Deutschland«,
Teil 120 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Die Gemeinden von Heiden (NRW) und Vauréal (Frankreich) haben etwas gemeinsam ... In ihren Wappen sind rätselhafte Monumente aus der Steinzeit zu sehen ... Hünengräber! Hünengräber?

Sie sehen aus wie von Riesenkindern aus unförmigen Steinquadern aufgetürmte Tische. Wuchtige Steinmonster bilden die »Beine«, ein gewaltiger Brocken stellt die Tischplatte dar. Im Volksmund werden sie seit Jahrhunderten »Hünengräber« genannt. Warum? Hat man riesenhafte Knochen gefunden? Das nicht. Aber die Menschen konnten sich nicht vorstellen, wie die fantastisch anmutenden Steinkonstruktionen mit normalen Kräften zusammengesetzt worden sein sollen. Da mussten Hünen – also Riesen – am Werk gewesen sein. Und da die tonnenschweren Riesensteintische einst unter Erdhügeln lagen ... stellte man sich vor, dass sie einst monströsen Riesen als Gräber gedient haben müssen.

Eines der Königsgräber von
Haaßel - Foto W-J.Langbein
Ich kann mich gut daran erinnern: Meine Frau und ich erkundeten die Lüneburger Heide mit dem Fahrrad. In Bad Bevensen erkundigten wir uns nach den steinzeitlichen »Königsgräbern von Haaßel«. »Die können Sie gar nicht verfehlen ... Halten Sie sich nördlich, fahren Sie nach Altenmedingen ... von dort aus geht es Richtung Niendorf! Sie liegen an der Straße ... Nicht zu übersehen!« Verfahren haben wir uns zunächst erst einmal doch. Und das lag am Begriff »Berg«. Manches Mal hieß es: »Fahren Sie geradeaus ... und dann vor dem nächsten Berg links ab.« Wie weit es wohl bis zu besagtem »Berg« sein würde? »30 Minuten mit dem Rad ...« Nach einer Stunde stellten wir fest, dass wir den vermeintlichen »Berg« unbemerkt überwunden ... ja gar nicht als »Berg« erkannt hatten.

Der Begriff »Hünengräber« ist frei erfunden. Hünen haben ebensowenig mit den steinernen Denkmälern zu tun wie Hühner. Und in den »Königsgräbern von Haaßel« wurden auch keine Könige bestattet. Auch dieser Fantasiename weist nur auf die staunende Bewunderung der Menschen für die gewaltigen Bauten hin. Heute ist es strittig, ob »Hünengräber« überhaupt Gräber waren. Selbst wenn man in ihnen menschliche Knochen gefunden hat, müssen sie nicht von den Erbauern der Denkmäler stammen.

Entstanden sind die »Königsgräber von Haaßel« vor rund 5500 Jahren, also in der Jungsteinzeit. Es erforderte einiges Knowhow, die Steinbrocken von beachtlicher Größe an Ort und Stelle zu schaffen. Da den Steinzeitmensch des vierten Jahrtausends vor Christi Geburt nur primitivstes Werkzeug zur Verfügung gestanden haben kann, muss man die Konstrukteure und Erbauer bewundern. Wie richtete man die Monolithen auf?

Noch ein Königsgrab von Haaßel
Foto: W-J.Langbein
Wie bugsierte man die in der Regel noch viel größere Steinplatte auf die wuchtigen Stützen? Und schließlich müssen riesige Berge von Erdreich bewegt worden sein, um die Steinkonstruktion unter einem künstlichen Hügel verschwinden zu lassen.

Endete der Großstein-Kult irgendwann – vor Jahrtausenden – abrupt? Und wenn ja, warum? Man hat mit großem Aufwand die »Steintische« mit künstlichen Erdhügeln verkleidet. Gerieten die begrabenen Steinkonstruktionen in Vergessenheit? Wie auch immer: Es dauerte Jahrtausende, bis Wind und Wetter die Erdhügel wieder beseitigt hatten, so dass die »Hünengräber« aus Stein wieder zum Vorschein kamen.

So rätselhaft die Hünengräber auch heute noch sind, so bedauerlich ist es ... dass die meisten dieser steinzeitlichen Meisterleistungen unwiederbringlich zerstört und abgetragen worden sind. Man bedenke: um 1850 waren allein im Landkreis Uelzen etwa 250 solcher Steinanlagen bekannt. Heute sind davon kaum mehr als zehn erhalten geblieben. Die übrigen 240 wurden mit zum Teil erheblichen Kraft- und Arbeitsaufwand zerstört und zerschlagen. Man verwendete die zerschlagenen Findlinge beim Bau von Straßen, Mauern und Fundamenten für Häuser. »Praktische« Nutzung als Steinbruch führte zur unwiederbringlichen Vernichtung uralten Kulturguts.

Rätselhafte Hünengräber in der Heide
Foto: W-J.Langbein
Ich habe erhebliche Zweifel an der Theorie, dass die »Hünengräber« als letzte Ruhestätte für besonders wichtige Persönlichkeiten dienten. Tatsache ist: Im zweiten Jahrtausend vor Christus bestattete man vornehme Tote in simplen Holz- oder Steingräbern. Man gönnte ihnen Schmuck, aber auch Waffen ... in ihren höchst bescheidenen unterirdischen Behausungen. Warum soll man Jahrtausende zuvor um ein Vielfaches aufwendigere Konstruktionen errichtet haben, um wichtige Tote in der letzten Ruhestätte zu betten?

Vor rund zwei Jahrtausenden wurde es noch schlichter: Die elbgermanischen »Fürsten« wurden nach ihrem Ableben kremiert. Ihre Asche wurde in Keramikgefäßen bestattet. Darüber wurden als Denkmäler kleine Hügelchen aus Erdreich aufgetürmt. Sollten die »Buckelgräber« der frühen nachchristlichen Zeit tatsächlich die jüngsten Nachfolger der »Hünengräber« sein? Wenn ja, und ich bezweifele das, gab es im Lauf der Jahrtausende keine Höherentwicklung vom Primitiven zum technisch Aufwendigeren, sondern umgekehrt von der Meisterleistung zum Einfachen, geradezu Simplen.

Als die »Hünengräber« vor fünf Jahrtausenden entstanden, bestimmte ein Eichenmischwald das Landschaftsbild. Auf dem nicht besonders fruchtbaren Boden gedieh auch die Birke gut. Die Erbauer der »Hünengräber« – wenn die emsigen Bauern denn wirklich die Erbauer waren – bestellten karge Felder. Ihre bescheidenen Höfe nährten bescheidene, anspruchslose Menschen.

Steintisch ... Grab ... steinzeitliches
Geheimnis - Foto: W-J.Langbein
Die Landschaft der Lüneburger Heide hat vor fünf Jahrtausenden wohl kaum anders als heute ausgesehen. Die Bauern hatten Gerste und Weizen auf ihren Feldern ... und Schafe, Ziege, Schweine und Rinder in den Stallungen.

Die meisten Hünengräber sind in den letzten Jahrhunderten verschwunden. Die jüngeren »Buckelgräber« trifft man noch häufiger an. Sie standen der wachsenden Landgewinnung für die Feldwirtschaft nicht so im Wege.

Wer hat die »Hünengräber« gebaut? Gab es vor Jahrtausenden so etwas wie eine gesamteuropäische Kultur, von der wir nicht erst seit der Finanzkrise weiter denn je entfernt sind? Schriftliche Zeugnisse aus jenen Zeiten gibt es keine. So wissen wir so gut wie Nichts über das Denken der damaligen Menschen. Auch wenn die meisten »Hünengräber« längst wieder verschwunden sind, so wissen wir Erstaunliches: »Hünengräber« wurden vor Jahrtausenden in ganz Europa gebaut: im Mittelmeerraum ebenso wie in den küstennahen Regionen Westeuropas bis hinauf nach Norddeutschland ... und weiter im Norden in Skandinavien!

Mit meiner Frau erkundete ich vor 30 Jahren die »Hünengräber« Norddeutschlands. Mit dem Fahrrad erfuhren wir die wunderschöne Lüneburger Heide, deren Geheimnisse bis heute nicht wirklich erforscht worden sind.

Ein Hünengrab in der Bretagne
Foto: W-J. Langbein
Jahre später kroch ich in den »Hünengräbern« der Bretagne herum ... und bewunderte die mysteriöse Kultanlage von Gavrinis ... einen bunkerartigen, schlauchförmigen Gang in einem pyramidenförmigen, künstlich aufgeschütteten Hügel. Mein Vater besuchte mit mir vor mehr als vierzig Jahren die Bretagne. Ich kann mich gut an einen kühlen Herbstabend erinnern. Mein Vater hatte sich bei einem alten Bauersmann nach dem Weg erkundigt, war ins Gespräch gekommen.

Und plötzlich führte uns der greise Franzose durch einen muffigen Hühnerstall ... durch eine Scheune in einen schmuddeligen Hinterhof. Fast an eines der bäuerlichen Gebäude angelehnt ... sahen wir einen stolzen Bau aus der Steinzeit, ein »Hünengrab« aus uralten Zeiten.

»Die anderen Bauern lachen ... « erklärte uns der alte Mann. »Sie verstehen nicht, warum wir diese Hinkelsteine nicht gesprengt und beim Stallbau vermauert haben!« Der Franzose wurde ernst. »Aber das verbietet doch der Respekt vor den Leistungen unserer Vorfahren! Mein Großvater hat es als Schande angesehen, die alten Bauwerke zu zerstören!«

Zur Erinnerung: Auch Gavrinis (Bretagne) ist so etwas wie ein »Hünengrab« ... das noch im Erdreich steckt. Solche oder ähnliche mysteriöse Hügel gab es einst zu Tausenden in ganz Europa.

Fallingbostel, Holzstich Ende
19. Jahrhundert
Archiv W-J.Langbein
Die »Hünengräber« der Lüneburger Heide – wie jene von Fallingbostel – sind nur noch so etwas wie Skelette der einstigen Sakralbauten. Welchem Zweck sie einst wirklich dienten, wir wissen es nicht. Wenn doch nur einer der Baumeister vor 5.000 Jahren Zeichen in die Megalith-Bauten geritzt hätte, die wir heute wie ein Buch lesen könnten. Es gibt aber keinerlei Aufzeichnungen aus jenen Tagen. So sind wir auf Vermutungen und Spekulationen angewiesen.

Die heutige Form der »Hünengräber« täuscht, führt in die Irre. Wir dürfen nicht vergessen: Sie waren nicht als überirdische Hinkelstein-Bauten gedacht. Sie waren als unterirdische Räume gebaut, als unterirdische »Bunker«. Es waren unterirdische Räume mit tonnenschweren Mauern und Decken ... gebaut für die Ewigkeit ... und keine Gräber im heutigen Sinne.

»Hünengräber III«,
»Höhlen, Hügel, Pyramiden«,
Teil 121 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 13.05.2012



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Sonntag, 22. April 2012

118 »Geheimnisvolles Gavrinis«

Teil 3: »Licht im Dunkel«,
Teil 118 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Eine Insel ... Foto: Man vyi
Das Inselchen Gavrinis im Golf von Morbihan ist fast so überschaubar wie Lummerland der Augsburger Puppenkiste. Bei einer Länge von 750 Metern und einer Breite von 400 Metern kann man aber auf ein inseleigenes Schienennetz verzichten. Man kann das Inselchen leicht zu Fuß erkunden. Schon vom Strand aus sieht man die steinzeitliche »Kultanlage«.

Jahrtausende alte Bauten mögen noch so geheimnisvoll sein, schnell verpasst man ihnen eine »wissenschaftliche« Benennung ... und schon hat sie den Nimbus des Mysteriösen verloren. Auf Gavrinis muss man in gebückter Haltung einen schmalen, fünfzehn Meter langen Gang eher durchkriechen als durchschreiten, um in eine immerhin 1,80 Meter hohe Kammer zu gelangen. Oder sollte man »Kämmerchen« sagen? Der Raum ist gerade mal 2,70 mal 2,70 Meter groß.

Wohnlich ist die stockdunkle Kammer nicht. Wenn der Bau von Gavrinis keine Behausung für Lebende war ... dann kann er nur Tote beherbergt haben. So mögen Archäologen denken. Und da ein Gang zur Kammer führt, fällt die Titulierung leicht: Vor Jahrtausenden wurde also auf Gavrinis ein Ganggrab gebaut. Wo aber sind die für ein Grab doch unverzichtbaren Toten verblieben? Haben sie sich aus dem Staub gemacht?

WJL in Gavrinis - Foto: Ilse Pollo
Viele Jahrhunderte war der seltsame Hügel von Gavrinis bekannt, wurde aber von der jungen Wissenschaft Archäologie nicht weiter beachtet. Sah man ihn doch als ganz natürliche Erhebung an, auch wenn die örtlichen Bauern von einem künstlichen Bauwerk sprachen. Aber auf solches Geschwätz gab kein seriöser Wissenschaftler etwas ... bis man 1832 den Eingang und den sich anschließenden Gang entdeckte. 1835 erkundete man die Kammer. Vergeblich suchte man nach Grabbeigaben, vergeblich hielt man nach sterblichen Überresten Ausschau. Kein Gold, kein Knöchelchen fand sich. Was auch immer der mysteriöse Bau von Gavrinis war ... ein Grab war er nicht. Und trotzdem hält sich bis in unsere Tage die falsche Bezeichnung »Ganggrab«.

Charles-Tanguy le Roux (1941 geboren) erforschte fast sechs Jahre lang Gang und Kammer. Mit einem Team von Archäologen restaurierte er die Jahrtausende alte Anlage mit geradezu pedantischer Präzision. Er untersuchte jeden einzelnen der gravierten Blöcke. Er studierte die gewaltige Deckenplatte über der Kammer. Es gelang ihm der Nachweis, dass die Bauten von Gavrinis aus älteren, zerstörten Megalith-Anlagen errichtet wurden.

Der Autor im Gang von Gavrinis
Foto: Ilse Pollo
So hat man – wer auch immer! – einen riesigen Hinkelstein – von bis zu 15 Metern Höhe! – umgestürzt. Er zerbrach dabei. Teile davon müssen kilometerweit transportiert, nach Gavrinis geschafft und verbaut worden sein. Warum »recycelte« man vor Jahrtausenden megalithische Steine? War es die Arbeitsersparnis ... schließlich musste kein neuer Stein behauen werden? Warum wurden Steine aus älteren Kultbauten wieder verwendet? Das mag mit der Magie heiliger Steine zu tun haben. Womöglich sollte die Kraft alter Kultorte auf neue übertragen werden?

Der Transport vom Festland der Bretagne auf die Insel Gavrinis muss die Steinzeitmenschen vor erhebliche Probleme gestellt haben! Mag sein, dass damals die Insel noch mit dem Festland verbunden war, die Steine also auf dem Landweg befördert werden konnten. Bewundernswert ist die vollbrachte Leistung dennoch!

Ich vermute, dass man die unzähligen Gravuren in der ersten Bauphase anbrachte: bevor man die Decken-Steine anbrachte, bevor Gang und Kammer in Dunkelheit getaucht wurden. Aber wie sollte man dann die Ritzzeichnungen sehen, erkennen, deuten ... ohne Licht? Richtete man den Gang deshalb genau zum Sonnenaufgang hin aus, damit zu bestimmten Stunden die Strahlen der Sonne in den Gang kriechen und alles in magischem Licht erstrahlen konnte?

Mysteriöse Löcher im Stein
Foto W-J.Langbein
In einem der Monolithen fallen mir in den Stein geschlagene Löcher auf. Es sieht so aus, als ob sie verrußt seien. Steckte man einst Fackeln in die Löcher, um Licht ins Dunkel zu bringen? Mir scheint, dass diese Löcher nachträglich gemeißelt wurden und nicht von den Erbauern von Gavrinis stammten. Einst war auch dieser Stein von Gravuren überzogen, die man so gut wie nicht mehr erkennen kann. Man sieht sie kaum noch, kann sie aber noch ertasten. Ich ließ meine Finger über die Rillen gleiten, vermochte aber kein »Bild« zu erkennen. Die Löcher wurden jedenfalls ohne auf den Verlauf der älteren Rillen zu achten in den Stein gemeißelt.

Immer wieder versetzt mich der Eingang in Erstaunen. Gewaltige Granitblöcke bilden die massiven Seitenwände. Ein noch beeindruckenderer Steinkoloss wird wie die wuchtige Platte eines geradezu monströsen Tisches aus Stein getragen. Da hat man vor Jahrtausenden für die Ewigkeit gebaut. Selbst der Boden besteht aus wuchtigen Steinen.

Immer wieder krieche ich durch den geheimnisvollen Gang, beleuchte die mit Gravuren übersäten Steine mit meiner Taschenlampe. So manches Mal denke ich dabei: Wenn man diese Steinritzungen nur wie ein Buch lesen könnte! Welche Geheimnisse würden sie uns wohl offenbaren? Wenn ich den Lampenschein über die Gravuren wandern lasse, scheinen sie zum Leben zu erwachen. Auf einmal schlängeln sich seltsame Tiere über den Stein, wandern Schlangen zur steinernen Decke empor. Steinbeile und Bumerangs scheint man verewigt zu haben ...


Gravuren
Foto: Athinaios
Wann soll das geschehen sein? Wann entstand das »Ganggrab« von Gavrinis, das kein Grab im herkömmlichen Sinn gewesen sein kann? Wir wissen es nicht genau. Mit Hilfe der berühmten C-14-Methode kann man nicht das Alter von Steinen bestimmen. Wie alt die Steinmonster sind, die in Gavrinis verbaut wurden, ist ja auch uninteressant. Wir wollen wissen, wann die vor Millionen von Jahren entstandenen Steine bearbeitet und verbaut wurden. Mit Hilfe der C-14-Methode können wir das Alter von organischen Stoffen feststellen, zum Beispiel von Holz oder von Knochen. Wir wissen, dank der C-14-Methode, dass das »Ganggrab« zwischen 3480 v. Chr. Und 2950 v. Chr. zugemauert wurde. 

Eine der zahllosen
Gravuren
Foto: W-J.Langbein
Wie erwähnt, wurden beim Bau von Gavrinis Steine recycelt. Gravierte Motive weisen darauf hin, dass diese Steine aus der Gegend von Locmariaquer stammen. Man könnte dank der Steinzeitkunst die in Locmariaquer verbliebenen Steine und jene, die man in Gavrinis verbaute ... wieder zusammensetzen. Die Gravuren würden dann nahtlos ineinander übergehen. Nach Überzeugung der Archäologie wurden die Steine um 4000 v. Chr. entnommen und in Gavrinis wieder verwendet. Das »Ganggrab« wurde also vermutlich frühestens 4000 v. Chr. begonnen und spätestens 2950 v. Chr. vollendet. Somit ist die mysteriöse Kultanlage von Gavrinis älter als die ägyptischen Pyramiden.

Wir wissen, wie alt Gavrinis ist. Können wir aber Licht ins Dunkel bringen ... in Sachen »Kult von Gavrinis«? Welchem Zweck diente Gavrinis? Harald Braem, Direktor eines »Kultur-Instituts für interdisziplinäre Kulturforschung« und Professor für Kommunikation und Design bringt die große Muttergöttin ins Spiel (2):

Eine weitere Gravur
Foto: W-J.Langbein
»Das Denken war also zyklisch ... Entsprechend behandelte man seine Toten, da man für die Menschen einen der Kreislaufbahn der Sonne ähnlichen Zyklus annahm: Geburt, Leben Tod und Reise durchs dunkle Totenreich bis zur nächsten Wiedergeburt. Daher war es vollkommen klar, dass die Verehrung der todbringenden und neues Leben spendenden Großen Göttin im Inneren der Erde stattfinden musste ... Die Große Urmutter – ob sie nun Tara hieß, Ostara, Mara oder Maria, ist dabei eigentlich von untergeordneter Bedeutung.«

Ist das das Geheimnis von Gavrinis? War die Kultanlage der Urgöttin gewidmet? War das »Ganggrab« ein heiliger Ort für die Anhänger der Göttin? Wurden Riten zelebriert ... von Tod und Wiedergeburt? Kroch der Gläubige durch den Gang in die »Grabkammer«, um dann nach dem rituellen Tod wieder neu geboren zu werden? Stellte das »Gangrab« den Schoß von Mutter Erde dar, aus dem alles Leben kam?

Maria ... als »Nachfolgerin« einer steinzeitlichen Göttin, der Urmutter des Lebens – eine Vorstellung, die für fundamentalistische Christen ein Gräuel ist. Es gibt aber keinen Zweifel, dass die Maria des christlichen Glaubens immer mehr göttliche Züge annimmt! Zum Himmel ist sie nach katholischer Glaubenslehre bereits aufgestiegen, wo sie schon jetzt eine Art Trinität bildet, zusammen mit Jesus (Sohn) und Gott (Vater). Die Urgöttin wurde viele Jahrtausende verehrt und angebetet, sehr viel länger als Jesus, Gottvater, der Heilige Geist!

Derlei Gedanken mögen manchem Gläubigen wie ein Sakrileg vorkommen. Doch die Ketzerei von heute kann morgen zum Glaubensgut aller werden. Die Besinnung auf die Urform der Religion ist die Chance eines friedlichen Miteinanders aller Religionen  ...

Fußnoten
1 Charles-Tangay Le Roux: » New excavations at Gavrinis«, »Antiquity« 59 1985, S. 183-187
2 Braem, Harald: »Magische Riten und Kulte/ Das Dunkle Europa«, Stuttgart und Wien 1995, S. 99 u.100



»Hünengräber«,
Teil 119 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 29.04.2012


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Sonntag, 15. April 2012

117 »Geheimnisvolles Gavrinis«

Teil 2: Das mysteriöse »Grab«.
Teil 117 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Er-Lannic im Nebel
Foto W-J.Langbein
Bei strahlendem Sonnenschein bin ich von Larmor-Baden mit der Fähre Richtung Gavrinis aufgebrochen. Drei Bauersfrauen halten eine meckernde Ziege im Zaum. Das Töchterchen der Jüngsten der drei Damen erklärt mir in gutem Englisch, dass die Damen eine Ziegenzucht beginnen wollen. Sie sind sich in einer zentralen Frage uneinig. Ist dafür eine amtliche Genehmigung erforderlich? Die offenbar Älteste in der rustikal-femininen Dreifaltigkeit wird wütend: »Schon mein Urgroßvater hat auf Gavrinis eine kleine Ziegenherde gehabt! Natürlich darf ich in die Fußstapfen meiner Vorfahren treten und eine Ziegenherde halten!« Das wolle sie sich von irgendwelchen Bürokraten nicht verbieten lassen!

Tatsächlich lässt sich der Name »Gavrinis« auf das Altbretonische »Gavriniz« zurückführen, auf das französische »ile de la chevre«, zu Deutsch »Ziegeninsel« ... erkläre ich den Damen via Übersetzung durch das Töchterchen: »Einst hatte Gott Kronos Angst, einer seiner Söhne könnte ihn vom Thron stürzen. So beschloss er, seine männlichen Kinder zu verschlingen. Auf Gavrinis. Rhea wandte einen Trick an. Anstatt des kleinen Zeus gab sie dem bösartigen Kronos einen in Windeln eingewickelten Stein zum Fressen. Der verschlang den schweren Klumpen ...«

Vorbei an Er-Lannic ...
Foto W-J.Langbein
Kopfschüttelnd lauschen die Bauersfrauen meinen neunmalklugen Ausführungen. »Und was hat das mit unserer Ziege zu tun?« will die Älteste des Trios schließlich wissen. »Nun, die Kinderfresserei soll auf Gavrinis geschehen sein ... «, antworte ich. »Zeus überlebte dank des Tricks, Kronos verdarb sich den Magen ... und Pan zog den kleinen Zeus auf. Und Pan war halb Mensch, halb Ziege!« Kurz berät sich die weibliche Triade, dann setzt ein keifendes Schimpfen ein. Zögernd erklärt mir das Töchterchen:

»Meine Mutter, meine Oma und meine Urgroßmutter sind sehr verärgert! Sie sind beleidigt ... weil Sie behauptet haben, wir Bewohner von Gavrinis würden kleine Kinder fressen!« Vergeblich versuche ich das mythologische Missverständnis aufzuklären. Aber mir wird kein Gehör geschenkt. Die drei Ladies starren mich nur noch feindselig an, verfallen in energisches Schweigen.

Endlich kommt das winzige Eiland von Er-Lannic in mein Blickfeld. Ich versuche, die aus dem Meer ragenden Menhire zu fotografieren. Ich krame in meinen Unterlagen. Der wahrscheinlich größte Menhir der Bretagne, der »Grande Menhir Brisé« von Locmariaquer – 21 Meter hoch, 300 bis 350 Tonnen schwer – wurde schon vor Jahrtausenden – warum auch immer – umgestürzt. Er zerbrach in vier Teilstücke.
Ein steinzeitliches Kuriosum: Teile von bereits vor Jahrtausenden zerschlagenen Menhiren oder Ganggräbern sollen per Floß nach Gavrinis geschafft und im mysteriösen »Grab« verbaut worden sein ... Offenbar gab es schon vor Jahrtausenden einen besonderen »Secondhand-Handel«. »Gebrauchte« Monstersteine wurden nach der Zerstörung uralter Monumente ... wieder verarbeitet ...

Ein zerbrochener Riese
Foto: W-J.Langbein
Endlich erreichen wir Gavrinis. Die Fähre legt an und nach wenigen Minuten ist das Ziel erreicht: der Tumulus von Gavrinis. Der runde Grabhügel schmiegt sich in die Landschaft. Man könnte ihn für eine natürliche Erhebung halten. Ich schreite den Tumulus ab ... rund 100 Meter beträgt sein Durchmesser. Seltsam: Nach anderen »Messungen« ist sein Durchmesser nur halb so groß.

Der »Hügel« ist künstlich aufgeschüttet ... keine Laune der Natur. Seine Konturen sind kaum zu erkennen, da er vollkommen überwuchert ist. Bevor mich ein aufmerksamer Wächter zurückpfeift, gelingt es mir, ein Stück an dem mysteriösen Gebilde emporzuklettern. Meiner Überzeugung nach hat man da vor Jahrtausenden nicht einfach einen überdimensionalen Maulwurfshügel aufgetürmt. Ich halte die »Kultanlage« von Gavrinis für eine steinerne Stufenpyramide, die unter dem üppig überwucherten Erdreich auf seine Ausgrabung wartet.

Zwischen kleinen Büschen und Bäumen mache ich kurze Gräben aus, die in den »Hügel« gerissen worden sind. Am Boden sind eindeutig bearbeitete Steine zu erkennen. Wer hat da die wahren Umrisse der Pyramide von Gavrinis zu ergründen versucht? Waren es die Wächter vor Ort? Waren es Archäologen ... oder potentielle Diebe? Wie auch immer: Es gelingt meinem Wächter, mich am Fotografieren der Gräben zu hindern.

Der künstliche Pyramidenhügel
von Gavrinis - Foto W-J.Langbein
Mein Führer geleitet mich energisch zum Eingang der Anlage. Hier darf ich fotografieren ... und hier erkennt man die weitestgehend verborgene Struktur des steinzeitlichen Bauwerks: Es ist eine Stufenpyramide!

Jacques Bergier, Bestsellerautor und Kenner der großen Geheimnisse unseres Planeten, erklärte mir im Interview: »Gavrinis entstand in Etappen. Der erste Bauabschnitt war die Errichtung des ›Ganges‹. Die Seitenwände wurden aufgestellt, die Dekorationen wurden angebracht.« Tatsächlich sind die Seitenwände des Ganges mit einer Vielzahl von sorgsam eingeritzten Symbolen übersät. Nachdem die Gravuren bei Tageslicht fertiggestellt waren, deckte man den Gang mit gewaltigen Platten ab. Um den Gang herum ... über dem Gang wurde eine Stufenpyramide errichtet.« Ob man den steinernen Bau von Anfang an mit einem Erdhügel krönte? Jacques Bergier hielt das für denkbar: »Als zusätzlichen Schutz vielleicht ...«

Der Eingang, so weiß ich aus der Literatur, ist präzise zur aufgehenden Sonne hin ausgerichtet. Das »Tor« wirkt wie der Eingang in einen Bunker. Mächtige Steinplatten bilden die Seiten, eine dicke Steinplatte ruht als »Decke« darauf. Für Riesen ist der Eingang nicht gedacht. Er ist nur 1,60 Meter hoch. Gebeugt gehe ich durch die Granit-»Türfassung« ... und stehe vor einem fünfzehn Meter langen Gang.

Eingang von Gavrinis
Foto W-J.Langbein
Die Höhe des Gangs bleibt konstant 1,60 Meter, seine Breite variiert zwischen 1,20 und 1,50 Metern. Ich folge dem gerade verlaufenden Gang. Er führt mich in eine annähernd quadratische Kammer. Der stockdunkle Raum misst zweieinhalb Meter mal zweieinhalb Meter. Als Decke dient ein tonnenschwerer Granit-Monolith. Er soll etwa 2,70 Meter mal 2,70 Meter groß sein!

Keine Frage: Hier haben Meister-Bauwerker ein Denkmal für die Ewigkeit geschaffen, das schon viele Jahrtausende überdauert hat und wohl noch viele Jahrtausende bestehen wird. Ich bin davon überzeugt: Sollte die heutige Zivilisation in einer atomaren Apokalypse untergehen ... werden die modernen Denkmäler unserer Kultur – von der Autobahn bis zum Hochhaus aus Beton – nach Jahrhunderten verschwunden sein. Die Anlage von Gavrinis aber wird auch schlimmste Kataklysmen überstehen. Wenn Beton längst zerbröckelt und zerbröselt sein wird ... wird Gavrinis noch stehen.
Da fragt man sich doch: Wer sind die »Primitiven« der Erdgeschichte?

Baumeister-Genies wie die der Bretagne ... oder die Vertreter unserer Zivilisation, deren »Wunderwerke« keine Jahrhunderte, geschweige den Jahrtausende überdauern werden!

Blick ins Innere - Foto W-J.Langbein
Warum wurde der »Tunnel« genau zum Sonnenaufgang hin ausgerichtet? Sobald ein steinzeitliches Denkmal astronomische Merkmale aufzuweisen scheint ... wird gern die Theorie vom vorzeitlichen »Kalender« aufgebracht. Tonnenschwere Steinkolosse wurden nach komplizierten Berechnungen exakt so aufgestellt, dass – zum Beispiel – zum Frühlingsanfang das Sonnenlicht einen besonders markanten Punk erstrahlen ließ.
Die primitiven Steinzeitmenschen mussten doch wissen, wann das Frühjahr begann, um rechtzeitig mit landwirtschaftlichen Arbeiten zu beginnen. Solchen Thesen stehe ich skeptisch gegenüber. Aussaat und Ernte richten sich nicht nach Terminen wie der Winter- oder der Sommer-Sonnwende, sondern schlicht und einfach nach dem Wetter. Wenn in einem besonders kalten Jahr Eis und Schnee Wochen länger die Natur im eisigen Griff haben ... verschieben sich die landwirtschaftlichen Arbeiten. Gesät und geerntet wird nach Wetterlage ... nicht nach astronomisch feststehenden Terminen!
Wenn der Kultbau von Gavrinis kein »Kalender« war ... was war er dann? Doch wohl eine Grabanlage!


Die Bücher von Walter-Jörg Langbein

»Geheimnisvolles Gavrinis«,
Teil 3: »Licht im Dunkel«,
Teil 118 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein«,
erscheint am 22.04.2012


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Samstag, 7. April 2012

116 »Geheimnisvolles Gavrinis«

Teil 1: Unterwegs zur Insel ...
Teil 116 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Rätselhaft ist die Bretagne mit ihren Tausenden und Abertausenden von Menhiren. Wann wurden sie in die verträumte Landschaft gestellt? Gibt es Vergleichbares in anderen Gefilden unseres Globus?

Mysteriöse Bretagne - Foto W-J.Langbein
1991 machte der Luftbildarchäologe Otto Braasch beim Überfliegen von Goseck in Sachsen-Anhalt ganz zufällig eine interessante Entdeckung: Seltsame Verfärbungen im Boden deuteten auf eine uralte künstliche Struktur hin. Erst 1999 wurden gezielt Luftaufnahmen gemacht. Archäologische Untersuchungen (geomagnetische Messungen) und Ausgrabungen folgten in den nächsten Jahren. Am 21. Dezember 2005 konnte die vollständig freigelegte und mühsam rekonstruierte Anlage von Goseck der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Vor rund sieben Jahrtausenden muss die geheimnisvolle Anlage von Goseck einen wahrhaft imposanten Eindruck gemacht haben. Der Rundbau hatte einen Durchmesser von beachtlichen 75 Metern. Zwei konzentrische Kreise aus Tausenden etwa zweieinhalb Metern hohen wuchtigen Baumstämmen machten einen höchst wehrhaften Eindruck. Der Gesamtkomplex wurde von einem dreieinhalb Meter breiten und eineinhalb Meter tiefen Graben geschützt. Den Abschluss nach außen hin bildete ein massiver Erdwall.

Sollten die »Kreise« von Goseck die älteste Anlage Europas sein? Stonehenge jedenfalls ist jünger! Wesentlich jünger ist Stonehenge: Erst um 3100 v. Chr. entstand ein kreisförmiger Wall mit einem Durchmesser von 110 Meter und Holzbauten in der Mitte, ähnlich wie in Goseck. Erst rund zweieinhalb Jahrtausende später, um 2500 v. Chr. wurden die Holzbauten durch Steinbauten ersetzt. Staunenswerte Leistungen wurden vollbracht. So stammen die eingesetzten Blausteine aus einem etwa 380 Kilometer entfernten Steinbruch in den Preseli Bergen von Wales. Rätselhafter als die erstaunlichen Transporte der Kolossal-Steine von Stonehenge ist die lange Bauzeit. Stonehenge wurde um 3100 v. Chr. begonnen und etwa 1600 v. Chr. vollendet. 1500 Jahre lang wurde an der Anlage gebaut. So komplex wie sie ist, muss von Anfang an ein Bauplan vorgelegen haben. Wer hat ihn erstellt ... und wie? Die »primitiven Steinzeitmenschen« verfügten doch angeblich nicht über eine Schrift!

Mysteriöse Bretagne
Foto W-J.Langbein
Die Suche nach den ältesten Kultbauten Europas ... vielleicht der Welt ... führten mich nach Frankreich, in die Bretagne! Südlich von Kermario in Mirhiban wurde 1863 unter einem »Erdhügel« der Dolmen, das »Hünengrab« von Kercado, entdeckt und archäologisch untersucht. Beeindruckend ist der fast sieben Meter lange Gang in die eigentliche Grabkammer. Tonnenschwere Steinmonster bilden die Wände. Riesige Steinungetüme kamen als Deckenplatten zum Einsatz. Drei mal zwei Meter groß ist der Deckstein der Kammer. Wie mag man diesen Koloss befördert haben? Wie hat man ihn angehoben auf die massiven Wände gesetzt?

Die Anlage von Kercado war kein »Grab« nach unserem heutigen Verständnis. Sie wurde nicht erstellt, um einem einzelnen Menschen als letzte Ruhestätte zu dienen. Kercado war wohl eher so etwas wie ein Versammlungsort oder eine »steinzeitliche Kirche«. Archäologische Untersuchungen ergaben: Rund drei Jahrtausende lang wurde die mysteriöse Anlage genutzt ... für Riten welcher Art auch immer! Wann aber wurde Kercado gebaut? Mir scheint, dass der Kultbau immer älter wird, je gründlicher er untersucht wird. Ohne Zweifel ist Kercado aber deutlich älter als Stonehenge: 5830, vielleicht sogar 6600 Jahre!

Ganggrab von Kercado´
Foto Gerhard Haubold
Offen gesagt: Es stünde der Wissenschaft gut zu Gesicht, zuzugeben ... dass man nicht wirklich weiß, warum und zu welchem Zweck – zum Beispiel – Kercado gebaut wurde. Vorschnell bekommen solche Objekte Etiketten aufgeklebt. Ein steinzeitliches Denkmal kann ja nur einem unbekannten Kult gedient haben ...

Von Larmor-Baden fuhr ich mit der Fähre zum kleinen Inselchen Gavrinis. Dabei passierte ich das winzige, nur ein Zehntel Quadratkilometer »große« Eiland von Er-Lannic. Es birgt eines der vielleicht größten Mysterien unseres Planeten! 1923 entdeckte der Archäologe Zacharie Le Louzic einzelne Menhire auf dem kahlen Fleckchen steiniger Erde im Golf von Morbihan. Unberechenbare Strömungen machten einen Besuch der Steinriesen zum Risiko, Le Louzic aber ließ sich nicht abschrecken.

Mehrere Jahre lang untersuchte er die stehenden Steine von Er-Lannic ... und entdeckte immer mehr von den roh behauenen Steinbrocken. Einige waren wohl schon vor Jahrtausenden umgestürzt. Andere waren im Lauf der Ewigkeiten im Erdboden versunken. Und wieder andere ... standen oder lagen vor der Insel ... auf dem Meeresgrund! Le Louzic machte eine sensationelle Entdeckung: Der »Steinkreis« von Er-Lannic ist in Wirklichkeit eher eine riesige »Acht«, von der nur ein kleiner Teil zu sehen ist. Nur ein knappes Drittel der massiven Steine, die diese Formation (in Gestalt einer 8!) bilden, steht heute auf der Insel ... der Rest auf dem Meeresgrund!

Geheimnisvolles Er-Lannic: Fotos W-J.Langbein
Am Titicaca-See, bei den Sillustani-Türmen (Peru), sah ich im staubigen Wüstensand eine ähnliche Formation. Auch dort formieren zwei Steinkreise eine liegende Acht. Die »Acht« von Er-Lannic besteht aus zwei »Nullen«. Die nördliche hat einen Durchmesser von 65 Metern, die südliche ist geringfügig kleiner (Durchmesser 61 Meter). Der nördliche Kreis wird aus Monolithen von zweieinhalb bis fünf Metern Höhe gebildet. Wo sich beide Kreise der »Acht« berühren, erhob sich einst ein Monolith von immerhin sieben Metern Höhe. Eine archäologische Untersuchung einiger dieser Menhire ergab, das sie in einem Fundament aus kleineren Steinbrocken und Erde aufgestellt wurden ... Die zentrale Frage aber lautet: Wann soll das geschehen sein? Und zu welchem Zweck?

Kultautor Jacques Bergier gab mir schmunzelnd eine Antwort: »Diese ›Achten‹ stellen die Augen der großen Muttergöttin dar!« Auch Harald Braem, Direktor eines »Kultur-Instituts für interdisziplinäre Kulturforschung und Professor für Kommunikation und Design, geht von einer Ur-Kultur der Muttergöttin aus. Er verweist auf die häufig anzutreffende heilige »Acht« (1):

»Die Form der Kultanlage Er-Lannic gleicht aus der Luft gesehen haargenau den achtförmigen Ringwällen von Tara. Später stellte ich fest, dass die Konstruktion von Doppelkreisen kein Zufall ist, sondern wohl einem in der Megalithkultur weit verbreiteten Gestaltungsprinzip entspricht: Die riesigen Steinkreise von Avebury in Südengland, weitere bei Stonehenge und bis nach Schottland hinauf sowie vergleichbare Kultanlagen in Norddeutschland, Frankreich, Spanien und auf den Kanarischen Inseln folgen dem gleichen Prinzip, das manche Wissenschaftler scherzhaft ›die Augen‹ oder die ›Brille der Großen Göttin‹ nennen.«

Sillustani- Steinkreise
Foto W-J.Langbein
Man kann ja davon ausgehen, dass jene Menhire, die heute unter Wasser stehen, nicht von Tauchern aufgestellt wurden. Die »Acht« von Er-Lannic muss also erstellt worden sein, als die kleine Insel größer war ... also als der Meeresspiegel deutlich tiefer lag. Der Meeresspiegel muss sich inzwischen um mindestens fünf Meter gehoben haben! Es ist richtig, dass bei Ebbe der Meeresspiegel tiefer liegt. Dann ist auch mehr von der »Acht« zu erkennen als bei Flut. Aber auch bei Ebbe liegt ein großer Teil der Steine der mysteriösen Formation unter Wasser! Wann also lag der Meeresspiegel tief genug, damit alle Menhire von Er-Lannic im Trockenen aufgestellt werden konnten? Vor 10.000 Jahren? War damals Er-Lannic noch mit dem Festland verbunden? Konnten die Bewohner der Bretagne damals die heutige Insel Er-Lannic trockenen Fußes erreichen? War also das Eiland Teil des Festlandes? Die Menhire der Bretagne und jene von Er-Lannic wurden von den gleichen Baumeistern installiert!

Wir wissen so gut wie nichts über die einstigen Bewohner von Er-Lannic. Archäologen entdeckten auf dem winzigen Eiland einen vorzeitlichen Friedhof und einige »Kultplätze« mit »Altären«. Einst sollen auf ihnen zu Ehren der Götter heilige Feuer entzündet worden sein. Bedenkt man, wie klein die Insel ist, so mutet es verblüffend an, wie viele steinzeitliche Werkzeuge entdeckt wurden. 15.000 Feuersteinsplitter, die eindeutig bearbeitet worden sind, weisen auf emsiges Treiben hin. Dienten sie einst als Schaber oder Messer? Besondere Beachtung verdienen die 421 Steinklingen, 152 glatt polierten Beile (ganz oder bruchstückhaft erhalten) und 150 Mahlsteine, die von sorgsam arbeitenden Archäologen registriert wurden!

Vor Jahrtausenden muss es durch beträchtliche Klimaerwärmung zum Ansteigen des Meeresspiegels gekommen sein. Wie war das möglich, ohne das frevlerische Wirken von C02 erzeugenden Automobilisten unserer Tage?

Fußnote
1 Braem, Harald: »Magische Riten und Kulte/ Das dunkle Europa«, Stuttgart 1995, S. 102

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»Geheimnisvolles Gavrinis«,
Teil 2: Das mysteriös »Grab«
Teil 117 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 15.04.2012


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Sonntag, 1. April 2012

115 »Die mysteriösen Steine der Bretagne«

Teil 115 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Geheimnisvolle Welt der Menhire
Foto W-J.Langbein
»Zu gewissen Zeiten gibt die menschliche Gesellschaft Rätsel auf ...« stellte der große französische Schriftsteller Victor Hugo (1802-1885) in seinem Roman »Dreiundneunzig« fest (1). Zu den großen Geheimnissen unseres Planeten gehören ohne Zweifel die mysteriösen Steine der Bretagne.

1874 erschien Hugos »Dreiundneunzig«. Damals war natürlich Frankreich längst christianisiert ... und doch existierten Katholizismus und »heidnischer« Glaube nebeneinander her. Der bretonische Bauer, so konstatierte Hugo mit leiser Ironie (2), »verehrt am meisten seinen Pflug und danach seine Großmutter, glaubt an die heilige Jungfrau und an die weiße Dame, bückt sich vor dem Altar und auch vor dem geheimnisvollen, aus der Heide ragenden alten Stein.«

Der Respekt vor den uralten Menhiren – zu Deutsch: vor den stehenden Steinen – wurde aber bei weitem nicht von allen Bewohnern der Bretagne geteilt. Godfrey Higgins (1772-1833) bereiste vor rund zwei Jahrhunderten das Land der Menhire und Hinkelsteine. Er versuchte vergeblich zu ergründen, warum Tausende und Abertausende von zum Teil viele Tonnen schweren Steinriesen in manchmal endlos scheinenden Reihen aufgestellt wurden. Der Archäologe erfuhr von einem kurios anmutenden Glauben.

Historische Aufnahme um 1910
Foto: Archiv W-J.Langbein
Angeblich wurde einst ein gewaltiger Schatz vergraben ... und die Stelle mit einem imposanten Menhir gekennzeichnet (3). Ganz so leicht wollte man es Schatzsuchern aber nicht machen ... und so versteckte man den steinernen Hinkelstein mit den Kostbarkeiten von unvorstellbarem Wert ... in einem Wald von Tausenden und Abertausenden von riesigen Steinen. Ein geheimer Plan soll dem Suchenden verraten, wo er den Spaten anzusetzen hat, um fündig zu werden.

So unglaubwürdig diese »Erklärung« auch ist ... ohne Zweifel brachte man Jahrhunderte lang die Menhire der Bretagne mit verborgenen Schätzen in Verbindung. Und so wurden unzählige der Hinkelsteine.... wer kennt sie nicht aus »Asterix und Obelix« ... umgestürzt und zerschlagen. Gold oder andere Schätze fanden sich bislang nicht. Religiösen Eiferern galten die Monumente aus der Steinzeit als heidnisches Zauberwerk von bösen Geistern, Hexen oder gar des Teufels selbst. Und so galt es für fanatische Christen geradezu als christliche Pflicht, möglichst viele der Zeugnisse aus uralten Zeiten zu zerstören.

Carnac um 1829, alter Stich
Foto Archiv W-J.Langbein
Aus weiteren Gründen wurden die »Hinkelsteine« dezimiert: Sie standen oft den Landwirten im Weg, behinderten sie beim Anlegen von Feldern. Also mussten sie weichen. Man benutzte die Steinmonster zudem gern als »Steinbrüche«. So wurden unzählige der Steinnadeln umgeworfen und in handliche Stücke zerschlagen. Und die wurden beim Straßen-, Brücken-, Häuser und Kirchenbau eingesetzt. Für so manchen Geistlichen war es ein besonderer Genuss, die alten Kulturdenkmäler verwüsten und zerschlagen zu lassen. Und wenn dann die Brocken als Fundament für ein christliches Gotteshaus benutzt wurden, frohlockte man über den siegreichen neuen Glauben.

Als die Straße D781 von Erdeven nach Quiberon gebaut wurde, standen die stolzen Menhire von Kerzerho, Gemeinde Erdeven, im Weg. Ursprünglich war der Menhir-Komplex zwei Kilometer lang und 65 Meter breit. Ohne Rücksicht auf Verluste wurde das uralte Erbe verwüstet und zerstört. Die Straße hatte Vorrang ... und die zertrümmerten Menhire eigneten sich doch bestens als Schottermaterial!

Wie viele Menhire einst – vor Jahrtausenden – in den Himmel der Bretagne ragten ... wir wissen es nicht. Im Laufe der gut dreißig Jahre, die ich mich schon mit dem Geheimnis der Bretagne beschäftige, begegneten mir die unterschiedlichsten Zahlenangaben.

Mein Vater lehrte Englisch und Französisch an einem Gymnasium in Oberfranken. Um Land und Leute besser kennenzulernen, unterrichtete er zeitweise auch an Schulen in den USA und in Frankreich. Mit meinem Vater war ich vor rund einem halben Jahrhundert in der Bretagne ... bei Carnac. Ich erinnere mich an einige geheimnisvolle abendliche Stunden. Die Menhire waren damals frei zugänglich, während sie heute offenbar vor dem Vandalismus von Besuchern geschützt werden müssen. Während wir zwischen den mysteriösen Steinen umhergingen, erzählte mir mein Vater von seltsamen örtlichen Legenden ... von einem Heer heidnischer Soldaten, das dank der Gebete frommer Christen in Stein verwandelt wurde. Zunächst seien die versteinerten Soldaten wie sorgsam gearbeitete Statuen deutlich als Menschen zu erkennen gewesen. Die Jahrtausende aber hätten ihnen die menschlichen Umrisse genommen.


Abendstimmung
Foto: W-J.Langbein
»Weil ihre Herzen kalt wie Stein waren ... blieben letztlich nur Steine von den Soldaten übrig!« Ein katholischer Geistlicher erzählte meinem Vater eine ganz andere Version. Demnach krochen nächtens böse Geister und Teufel aus der Erde: um die Menschen zu peinigen, um sie in Versuchung zu führen oder um ihre Seelen zu rauben. Gar manches Mal habe der Teufel selbst Menschen zu Macht und Reichtum verholfen ... zum Preis ihrer Seele! Dank frommer Christenmenschen sei die höllische Gefahr erkannt worden. Ihre Gebete, ihre Bitten um Schutz vor den höllischen Peinigern sei erhört worden. Und so wurden die Besucher aus der Unterwelt in Steine verwandelt. Sie sollten bis in alle Ewigkeit den Menschen als Warnung dienen.

Derartige frömmelnde Geschichtchen belegen nur eines: das Unwissen über Bedeutung und Herkunft der Menhire. Ich lauschte damals fasziniert den Worten meines Vaters, während wir zwischen den sich schier endlos durch die abendliche Landschaft schlängelnden Steinreihen schlenderten. Irgendwie war es dort doch gespenstisch, besonders als die untergehende Abendsonne die bizarren Steinformen zum Glühen zu bringen schien. »Das seltsame Licht soll von der Sehnsucht der versteinerten Soldaten nach Erlösung herrühren ...« erzählte mir damals mein Vater. Das hatte ihm mit erhobenem Zeigefinger ein örtlicher Priester erzählt.

Der Autor vor einem kleinen
Menhir - Foto: Ilse Pollo
Bis heute gibt es keine verlässliche Angabe über die Menhire, die heute noch erhalten sind. Damit meine ich noch stehende, aber auch liegende Kolosse. Allein in Südfrankreich dürften es noch vier bis fünf Tausend sein. Besonders imposant ist der Menhir Kergadiou von Carnac.. über zehn Meter lang! Wurde er umgeworfen... oder hat er nie gestanden? Der vermutlich größte Koloss ist wohl der »Grand Menhir Brisé« von Locmariaquer. Er war der Wolkenkratzer unter den Hinkelsteinen.... 21 Meter hoch und 300, vielleicht sogar 350 Tonnen schwer. Schon vor rund sieben Jahrtausenden soll er mit reiner Menschenkraft aufgerichtet.... und wenige Jahrhunderte später umgeworfen worden sein. Beim Aufprall zerbrach er in vier Teile.

Stehende Steine prägen das Bild der Bretagne. Bei Kermario zum Beispiel hat man weit über Tausend Menhire in zehn Reihen aufmarschieren lassen. Heute sind noch 1029 der steinernen Riesen erhalten: auf einem Areal von 1120 Metern Länge und 100 Metern Breite. Was mag es bedeuten, dass die Menhire von Ost nach West der Größe nach ansteigen? Sollen die Steinreihen den Besucher an bestimmte Orte führen? Wenn ja, dann ist uraltes Wissen in Vergessenheit geraten.

Menhire von Ménec
Foto Steffen Heilfort
Bei Manio zum Beispiel bilden die Steinreihen imaginäre Straßen, die einst über einen künstlich angehäuften Tumulus führten. Auf dem mysteriösen Plateau von Manio dominiert ein drei Meter hoher Menhir das geheimnisvolle Bild. Vor Jahrtausenden wurden in den tonnenschweren Koloss Schlangen eingraviert. Mehrere Steinbeile wurden in unmittelbarer Nähe ausgegraben.

Bei Ménec, Carnac, Departement Morbihan, formieren sich 1099 Menhire zu elf Kolonnen ... auf einem Areal von 1167 Metern Länge und 100 Metern Breite. Sie sind – warum auch immer – nach Südwest/ Nordost ausgerichtet. An den Enden der Reihen formieren steinerne »Wächter« je einen Halbkreis. Immerhin vier Meter hoch ist der größte Menhir von Ménec.

Fußnoten
1 Hugo, Victor: »Dreiundneunzig«, Leipzig, 2. Auflage 1949, S. 162
2 ebenda
3 Higgins, Godfrey, Esq.: »The Celtic Druids«, 1. Auflage, London 1829, Bildteil »Carnac«


»Geheimnisvolles Gavrinis«,
Teil 116 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 08.04.2012


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