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Sonntag, 14. Februar 2021

578. »Ein Paradoxon und sieben Welten«

Teil 578 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Adam ( nach Lukas Cranach d.Ä)
 

Das »Enkelparadoxon« wird gern angeführt, um die Unmöglichkeit von Zeitreisen zu beweisen: Ein Mann reist in die Vergangenheit und tötet seinen eigenen Großvater, bevor der ein Kind zeugen konnte. Dann kann der Vater des Zeitreisenden nicht geboren werden und der Zeitreisende selbst kommt nicht zur Welt. Es gibt also folgerichtig den Zeitreisenden gar nicht, der natürlich auch nicht seinen eigenen Großvater ermorden kann. Also wird dann der Vater des Zeitreisenden geboren, der Zeitreisende wird gezeugt, wird geboren und kann seine Reise in die Vergangenheit antreten.

Weniger blutig und aktueller ist ein aktuelleres Beispiel: Ein Wissenschaftler reist in die Vergangenheit und bewahrt den ersten Menschen, der mit dem Covid-19-Virus infiziert wurde, vor der Erkrankung. Der »Patient 0« wird also nicht vom Covid-19-Virus befallen und steckt folgerichtig auch niemanden an. »Covid-19« breitet sich nicht aus. Der Wissenschaftler hat sein Ziel erreicht: Er hat die »Covid-19-Pandemie« verhindert. Wenn es aber erst gar nicht zur »Covid-19-Katastrophe« kommt, dann wird unser Wissenschaftler nicht veranlasst, in die Vergangenheit zu reisen. Dann wird »Patient 0« nicht gerettet, folgerichtig steckt er dann doch andere Menschen an und »Covid-19« verbreitet gemeinsam mit Virologenpäpsten, Medien und Politik weltweit Angst und Schrecken.

Nach einer  angeblich wissenschaftlichen Studie  der »University of Queensland« (Brisbane, Australien) würden bei Zeitreisen derlei Paradoxa gar nicht auftreten (1): »Würde demnach ein Zeitreisender ein Ereignis in der Vergangenheit ändern wollen, wäre das Ergebnis in der Zukunft dennoch grob das gleiche.« Nach den »Berechnungen« von Wissenschaftlern der »University of Queensland« würde sich »die Zeitachse selbst korrigieren«, wenn ein Zeitreisender in der Vergangenheit etwas ändert.  Quintessenz der »wissenschaftlichen Studie«: »Wer die Vergangenheit ändert, bekommt im Grunde ein ähnliches Resultat in der Zukunft.«

Ich muss zugeben: Nachvollziehen kann ich das Konstrukt der Uni-Mathematiker nicht. Und dass sich die »Zeitachse selbst korrigieren« soll, das löst kein Problem, das schafft ein neues. Wer oder was ist diese »Zeitachse«? Und was soll sie wie veranlassen, sich so zu verändern, dass am Schluss immer ein zumindest ähnliches Ergebnis entsteht?

Zurück zum »Enkelparadoxon«. Ein Mann reist in die Vergangenheit und tötet seinen eigenen Großvater, bevor der Nachwuchs zeugen kann. Mit dieser Tat kreiert der Enkel eine Parallelwelt, eine weitere Realität. In der neuen Parallelwelt hat der ermordete Großvater keine Nachkommen, also wird in dieser Welt der Enkel nicht geboren. Parallel dazu tötet der Enkel versehentlich den Falschen. Der Großvater ist gar nicht der Vater des Zeitreisenden, der dann geboren werden und seine Zeitreise antreten kann.

In einer Realität der unendlich vielen Parallelwelten stellen Zeitreisen kein Paradoxon dar. In der Sagenwelt ist es möglich von einer Welt in eine Parallelwelt und wieder retour zu gelangen. Erkannten die Urheber diverser Sagen von »Felstoren« intuitiv die Wirklichkeit besser als sie im herkömmlichen Weltbild beschrieben wird? Ist die Wirklichkeit sehr viel phantastischer als so manche »Science-Fiction-Story«? Besteht sie aus unendlich vielen Welten, in denen alle denkbaren Zeiten und alle denkbaren Varianten zu allen Handlungsabläufen real sind? Dann kann für ein kleines Kind in einer Parallelwelt in einer »Höhle« die Zeit langsam dahin schleichen oder gar stehen, während sie in einer anderen förmlich dahin rast. Was das Ganze so faszinierend macht, das ist, dass nach der Sage eine Mutter ihr kleines Kind aus ihrer Welt in eine Parallelwelt bringt und nach einem Jahr wieder zurück holt.

Wer solche Überlegungen für müßige Fantastereien hält, sollte auf eine nähere Beschäftigung mit Max Tegmarks wissenschaftlichen Arbeiten verzichten. Denn Max Tegmark reist die engen Grenzen unseres Weltbildes ein. Besser gesagt: Er versucht es, denn die wenigsten von uns können seinen bizarr anmutenden Gedanken wirklich folgen. Was wir für die Realität zu halten bereit sind, das ist, so Tegmark, nur ein winziges Teilchen der Realität. Weil wir nur einen kleinen Teil der Wirklichkeit verstehen (können), weigern wir uns über den Rest auch nur nachzudenken. Weil wir uns unsere Ahnungslosigkeit nicht eingestehen wollen, haben wir uns ein überschaubares Weltbild aufgebaut. Es ist wie ein winzig kleines Lummerland, eine Insel mit zwei Bergen, umgeben von einem tiefen weiten Meer. Dieses kleine Eiland soll uns als Realität genügen. Max Tegmark freilich fordert, dass wir unseren engen Horizont sehr viel weiter stecken (2): »Es scheint, als sei das immer tiefere Verständnis unserer Welt damit verbunden, dass wir die Realität immer aufs Neue ausweiten müssen!«

Max Tegmark hat sich auf die Suche nach dem Wesen der Wirklichkeit gemacht und »Unser mathematisches Universum«, so lautet der Titel seines vielleicht wichtigsten Werkes, entdeckt. Ich behaupte: Unsere Vorfahren haben intuitiv schon viel mehr vom Wesen der Wirklichkeit erkannt als der gebildete Mensch des beginnenden 21. Jahrhunderts. Leider belächeln viele Zeitgenossen die alten Beschreibungen einer Wirklichkeit, zu der Parallelwelten gehören, als unglaubwürdige Sagen. Leider können wir nicht erarbeiten, wie viel mysteriöses Wissen über alte Sagen wie über Brücken in unsere Zeit getragen wird. Eine systematische Sammlung der Sagen ist überfällig. Material muss gesammelt werden, systematische Überprüfungen sind erst dann möglich.

Max Tegmark entwirft ein Bild von der Wirklichkeit, das einem den Atem verschlägt. Unser Universum, das uns unvorstellbar groß zu sein scheint, erweiset sich als nur eines von unendlich vielen Paralleluniversen. Wir Menschen sind, gemessen an der Erdgeschichte, nur einen Wimperschlag auf Terra. Und doch haben wir schon viel Wissen erarbeitet. Wir haben unser Land erkundet bis wir am Meer angekommen sind. Wir haben den Ozean überwunden und die Kontinente erforscht. Wir haben erkannt, dass unser Heimatplanet nur ein kleiner Trabant unserer Sonne ist. Schließlich haben wir erfahren, dass unsere Sonne im Chor von Myriaden von Sonnen kaum wahrzunehmen ist. Und dann tauchten vor unserem Bewusstsein unzählige Galaxien auf, die uns als bedeutungslos erscheinen lässt. Mag Tegmark hat keine Angst vor fantastischer Wissenschaft. Er entwickelt eine kühne Kosmologie für unzählige Paralleluniversen, die er in vier Kategorien unterteilt. Die fantastische Realität des Max Tegmark hat Platz für Multiversen auf  Ebene I (4), Ebene II (5), Ebene III (6) und Ebene IV (7).

Von Plutarch (* um 45; † um 125) wissen wir, dass bereits vor rund zweieinhalb Jahrtausenden der Grieche Petron von Himera von der Existenz von Parallelwelten überzeugt war. Nach Petron von Himeras Überlegungen existiert eine endliche Zahl von Parallelwelten zur Erde. Auch wenn von den Schriften von Petron von Himera keine Originale erhalten sind, so hat doch Plutarch interessante Gedanken aus Himeras Kosmologie beschrieben. Erstaunlich modern ist die Vorstellung bei Petron von Himera, dass es aneinandergereihte Parallelwelten gibt, die sich berühren.  Demnach war der griechische Denker von der Existenz vieler Welt überzeugt, aber nicht im Sinne von vielen Planeten in den Weiten des Universums. Diese Welten lagen eng beieinander und berührten einander, auch die Erde. Man konnte aber die anderen Welten nicht sehen. Demnach müssen diese Parallelwelten auf unterschiedlichen Realitätsebenen gelegen haben. Heute würde man sagen, dass sich verschiedene Parallelwelten in unterschiedlichen Dimensionen nah beieinander befinden.

Zur Erinnerung: Nach Prof. Markolf H. Niemz sind Raum und Zeit Illusion. Alles geschieht gleichzeitig im Jetzt. Und der Raum hat keine Ausdehnung. Hat Petron von Himera intuitiv ein ganz ähnliches Weltbild beschrieben? Sein Bild von den einander berührenden Welten erinnert mich jedenfalls sehr stark an die Kosmologie von Prof. Niemz. 

Reisen von Parallelwelt zu Parallelwelt setzen eine Raumfahrt voraus, die sich von unserer heutigen Technologie grundlegend unterscheiden muss! Folgerichtig erscheinen auch alte Texte über Reisen von Welt zu Welt in einem ganz anderen Licht. Mir kommen die »Legenden der Juden« in den Sinn, die Louis Ginzberg (*1873; †1953) mit akribischer Sorgfalt gesammelt und publiziert hat. Band 1 von Ginzbergs  magnum opus »Legends of the Jews« wurde 1909 von »The Jewish Publication Society of America« in Philadelphia publiziert (8).


                                                            Foto 2: Adam ( nach Dürer).

Louis Ginzberg hat im Alleingang eine Art Konglomerat des Wissens unzähliger Weiser aus ganz unterschiedlichen Quellen geschöpft und in einem einzigartigen Sammelwerk veröffentlicht,  das vielfältige geistige Erbe seiner Vorfahren, das  im Verlauf von Jahrtausenden zusammengetragenen worden ist. Erst wurde der Schatz mündlich weitergereicht, später wurde es da und dort schriftlich festgehalten. 

Unser Heimatplanet, den wir »Erde« nennen, ist nicht die erste von Gott geschaffene Welt. Lesen wir nach bei Ginzberg (9): »Auch ist diese Welt, die der Mensch bewohnt, nicht eines der ersten Dinge, die Gott schuf. Er machte einige andere Welten vor der unseren, aber er zerstörte sie alle, weil ihm keine gefiel, bevor er die unsere schuf.« Auch Planet Erde wäre von Gott zerstört worden, hätte er nicht Gnade vor Recht ergehen lassen. »Terra« ist eine von sieben Welten (10), heißt »heled«. Die Namen der anderen Welten waren »erez«, »adamah«, »arka«, »harabah«, »yabbashah« und »tebel«. Ein eigenes Kapitel hat Louis Ginzberg den (11) »Bewohnern der sieben Erden (Welten)« gewidmet.

Liest man die »Legenden der Juden«, so stößt man zwischen theologischen Erörterungen und religiösen Ergänzungen zum »Alten Testament« immer wieder auf Hinweise auf fremde Welten, auf Parallelwelten, zwischen denen hin und her gereist wird. So heißt es, dass Adam von Planet »erez« (finster und unbewohnt) auf Planet »adamah« geschafft wurde. Die dort hausenden Lebewesen (12) »verlassen ihre eigene Erde, um sich auf die von Menschen bewohnte (Erde) zu begeben«.

Nach den »Legenden der Juden« herrschte reges Treiben auf den verschiedenen Parallelwelten. Da ermordete zum Beispiel Kain seinen Bruder Abel auf dem Planeten »adamah«. Das durfte nicht ungesühnt bleiben. Zur Strafe wurde Kain auf den Planeten »erez« verbannt. Offenbar wurde er von Gott genau beobachtet, vergleichbar einem Strafgefangenen, der auf Hafterleichterung hoffen darf.  Aber erst als Kain Reue zeigt, bringt ihn Gott auf eine andere Welt. So kommt er vom kosmischen Gefängnisplanet auf Planet »arka«. Über »arka« erfahren wir aus den »Legenden der Juden«, dass das Leben dort etwas angenehmer war als auf der unbewohnten Welt »erez«. »Erez« war der Sonne offensichtlich näher. So wird »erez« als die Welt beschrieben, (13) »die etwas Licht von der Sonne empfängt«. Die Welt »erez« war offensichtlich sehr viel weiter von ihrer Sonne entfernt, deshalb war es dort dunkel. Auf »arka« lebten die »Kainiten«, die das Land bebauten. Weizen, so heißt es, kannten sie nicht. In den »Legenden der Juden« wird überliefert (14): »Einige der Kainiten sind Riesen, einige von ihnen sind Zwerge.«


Fußnoten
(1) »Mathematiker: Zeitreisen ohne Paradoxon ist möglich«, »futurezone«, https://futurezone.at/science/mathematiker-zeitreisen-ohne-paradoxon-ist-moeglich/401046958?fbclid=IwAR0e47z4mI3k8d6r0nUmdMLcfCRAzE3FZz1Y4jvGf1OHwtRBUnfgdDzLM6s (Stand 30.09.2020)
(2) Grolle, Johann: »Unser Universum, ein Sandkorn am Strand«, »SPIEGEL WISSENSCHAFT«, 21.04.2014
(3) Tegmark, Max: »Unser mathematisches Universum/ Auf der Suche nach dem Wesen der Wirklichkeit«,  Berlin 2015
(4) Ebenda, S.185-203
(5) Ebenda, S. 203-228
(6) Ebenda, Kapitel 8, S. 273-336
(7) Ebenda, Kapitel 12, S. 461-514
(8) Ginzberg, Louis: »The Legends of the Jews: From Creation to Jacob« (zu Deutsch etwa: »Die Legenden der Juden: Von der Schöpfung bis Jakob«)
Printausgabe, Philadelphia 1909
(9) Ebenda, Seite 4, 6.-9. Zeile von oben. Übersetzung Walter-Jörg Langbein.
(10) Ebenda, Seite 10. Übersetzung Walter-Jörg Langbein.
(11) Ebenda, Seiten 113-115: »The inhabitants of the seven earths« (»Die Bewohner der sieben Erden«). Übersetzung Walter-Jörg Langbein.
(12) Seite 113, 3.+4. Zeile von unten: »they leave their own earth and repair to the one inhabited by men,..«. Übersetzung ins Deutsche Walter-Jörg Langbein.
(13) Ebenda, Seite 114, 7.+8. Zeile von oben: »…which receives some light from the sun.« Übersetzung ins Deutsche Walter-Jörg Langbein.
(14) Ebenda, Seite 114, 12. Zeile von oben: »Some of the Cainites are giants, some of them are dwarfs.«
 

Zu den Fotos
Foto 1: Adam ( nach Lukas Cranach d.Ä).
Foto 2: Adam ( nach Dürer).


579. »Sagen, Legenden und die Genschere (Gen-Schere)«,
Teil 579 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 21. Februar 2021

 

Sonntag, 22. April 2012

118 »Geheimnisvolles Gavrinis«

Teil 3: »Licht im Dunkel«,
Teil 118 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Eine Insel ... Foto: Man vyi
Das Inselchen Gavrinis im Golf von Morbihan ist fast so überschaubar wie Lummerland der Augsburger Puppenkiste. Bei einer Länge von 750 Metern und einer Breite von 400 Metern kann man aber auf ein inseleigenes Schienennetz verzichten. Man kann das Inselchen leicht zu Fuß erkunden. Schon vom Strand aus sieht man die steinzeitliche »Kultanlage«.

Jahrtausende alte Bauten mögen noch so geheimnisvoll sein, schnell verpasst man ihnen eine »wissenschaftliche« Benennung ... und schon hat sie den Nimbus des Mysteriösen verloren. Auf Gavrinis muss man in gebückter Haltung einen schmalen, fünfzehn Meter langen Gang eher durchkriechen als durchschreiten, um in eine immerhin 1,80 Meter hohe Kammer zu gelangen. Oder sollte man »Kämmerchen« sagen? Der Raum ist gerade mal 2,70 mal 2,70 Meter groß.

Wohnlich ist die stockdunkle Kammer nicht. Wenn der Bau von Gavrinis keine Behausung für Lebende war ... dann kann er nur Tote beherbergt haben. So mögen Archäologen denken. Und da ein Gang zur Kammer führt, fällt die Titulierung leicht: Vor Jahrtausenden wurde also auf Gavrinis ein Ganggrab gebaut. Wo aber sind die für ein Grab doch unverzichtbaren Toten verblieben? Haben sie sich aus dem Staub gemacht?

WJL in Gavrinis - Foto: Ilse Pollo
Viele Jahrhunderte war der seltsame Hügel von Gavrinis bekannt, wurde aber von der jungen Wissenschaft Archäologie nicht weiter beachtet. Sah man ihn doch als ganz natürliche Erhebung an, auch wenn die örtlichen Bauern von einem künstlichen Bauwerk sprachen. Aber auf solches Geschwätz gab kein seriöser Wissenschaftler etwas ... bis man 1832 den Eingang und den sich anschließenden Gang entdeckte. 1835 erkundete man die Kammer. Vergeblich suchte man nach Grabbeigaben, vergeblich hielt man nach sterblichen Überresten Ausschau. Kein Gold, kein Knöchelchen fand sich. Was auch immer der mysteriöse Bau von Gavrinis war ... ein Grab war er nicht. Und trotzdem hält sich bis in unsere Tage die falsche Bezeichnung »Ganggrab«.

Charles-Tanguy le Roux (1941 geboren) erforschte fast sechs Jahre lang Gang und Kammer. Mit einem Team von Archäologen restaurierte er die Jahrtausende alte Anlage mit geradezu pedantischer Präzision. Er untersuchte jeden einzelnen der gravierten Blöcke. Er studierte die gewaltige Deckenplatte über der Kammer. Es gelang ihm der Nachweis, dass die Bauten von Gavrinis aus älteren, zerstörten Megalith-Anlagen errichtet wurden.

Der Autor im Gang von Gavrinis
Foto: Ilse Pollo
So hat man – wer auch immer! – einen riesigen Hinkelstein – von bis zu 15 Metern Höhe! – umgestürzt. Er zerbrach dabei. Teile davon müssen kilometerweit transportiert, nach Gavrinis geschafft und verbaut worden sein. Warum »recycelte« man vor Jahrtausenden megalithische Steine? War es die Arbeitsersparnis ... schließlich musste kein neuer Stein behauen werden? Warum wurden Steine aus älteren Kultbauten wieder verwendet? Das mag mit der Magie heiliger Steine zu tun haben. Womöglich sollte die Kraft alter Kultorte auf neue übertragen werden?

Der Transport vom Festland der Bretagne auf die Insel Gavrinis muss die Steinzeitmenschen vor erhebliche Probleme gestellt haben! Mag sein, dass damals die Insel noch mit dem Festland verbunden war, die Steine also auf dem Landweg befördert werden konnten. Bewundernswert ist die vollbrachte Leistung dennoch!

Ich vermute, dass man die unzähligen Gravuren in der ersten Bauphase anbrachte: bevor man die Decken-Steine anbrachte, bevor Gang und Kammer in Dunkelheit getaucht wurden. Aber wie sollte man dann die Ritzzeichnungen sehen, erkennen, deuten ... ohne Licht? Richtete man den Gang deshalb genau zum Sonnenaufgang hin aus, damit zu bestimmten Stunden die Strahlen der Sonne in den Gang kriechen und alles in magischem Licht erstrahlen konnte?

Mysteriöse Löcher im Stein
Foto W-J.Langbein
In einem der Monolithen fallen mir in den Stein geschlagene Löcher auf. Es sieht so aus, als ob sie verrußt seien. Steckte man einst Fackeln in die Löcher, um Licht ins Dunkel zu bringen? Mir scheint, dass diese Löcher nachträglich gemeißelt wurden und nicht von den Erbauern von Gavrinis stammten. Einst war auch dieser Stein von Gravuren überzogen, die man so gut wie nicht mehr erkennen kann. Man sieht sie kaum noch, kann sie aber noch ertasten. Ich ließ meine Finger über die Rillen gleiten, vermochte aber kein »Bild« zu erkennen. Die Löcher wurden jedenfalls ohne auf den Verlauf der älteren Rillen zu achten in den Stein gemeißelt.

Immer wieder versetzt mich der Eingang in Erstaunen. Gewaltige Granitblöcke bilden die massiven Seitenwände. Ein noch beeindruckenderer Steinkoloss wird wie die wuchtige Platte eines geradezu monströsen Tisches aus Stein getragen. Da hat man vor Jahrtausenden für die Ewigkeit gebaut. Selbst der Boden besteht aus wuchtigen Steinen.

Immer wieder krieche ich durch den geheimnisvollen Gang, beleuchte die mit Gravuren übersäten Steine mit meiner Taschenlampe. So manches Mal denke ich dabei: Wenn man diese Steinritzungen nur wie ein Buch lesen könnte! Welche Geheimnisse würden sie uns wohl offenbaren? Wenn ich den Lampenschein über die Gravuren wandern lasse, scheinen sie zum Leben zu erwachen. Auf einmal schlängeln sich seltsame Tiere über den Stein, wandern Schlangen zur steinernen Decke empor. Steinbeile und Bumerangs scheint man verewigt zu haben ...


Gravuren
Foto: Athinaios
Wann soll das geschehen sein? Wann entstand das »Ganggrab« von Gavrinis, das kein Grab im herkömmlichen Sinn gewesen sein kann? Wir wissen es nicht genau. Mit Hilfe der berühmten C-14-Methode kann man nicht das Alter von Steinen bestimmen. Wie alt die Steinmonster sind, die in Gavrinis verbaut wurden, ist ja auch uninteressant. Wir wollen wissen, wann die vor Millionen von Jahren entstandenen Steine bearbeitet und verbaut wurden. Mit Hilfe der C-14-Methode können wir das Alter von organischen Stoffen feststellen, zum Beispiel von Holz oder von Knochen. Wir wissen, dank der C-14-Methode, dass das »Ganggrab« zwischen 3480 v. Chr. Und 2950 v. Chr. zugemauert wurde. 

Eine der zahllosen
Gravuren
Foto: W-J.Langbein
Wie erwähnt, wurden beim Bau von Gavrinis Steine recycelt. Gravierte Motive weisen darauf hin, dass diese Steine aus der Gegend von Locmariaquer stammen. Man könnte dank der Steinzeitkunst die in Locmariaquer verbliebenen Steine und jene, die man in Gavrinis verbaute ... wieder zusammensetzen. Die Gravuren würden dann nahtlos ineinander übergehen. Nach Überzeugung der Archäologie wurden die Steine um 4000 v. Chr. entnommen und in Gavrinis wieder verwendet. Das »Ganggrab« wurde also vermutlich frühestens 4000 v. Chr. begonnen und spätestens 2950 v. Chr. vollendet. Somit ist die mysteriöse Kultanlage von Gavrinis älter als die ägyptischen Pyramiden.

Wir wissen, wie alt Gavrinis ist. Können wir aber Licht ins Dunkel bringen ... in Sachen »Kult von Gavrinis«? Welchem Zweck diente Gavrinis? Harald Braem, Direktor eines »Kultur-Instituts für interdisziplinäre Kulturforschung« und Professor für Kommunikation und Design bringt die große Muttergöttin ins Spiel (2):

Eine weitere Gravur
Foto: W-J.Langbein
»Das Denken war also zyklisch ... Entsprechend behandelte man seine Toten, da man für die Menschen einen der Kreislaufbahn der Sonne ähnlichen Zyklus annahm: Geburt, Leben Tod und Reise durchs dunkle Totenreich bis zur nächsten Wiedergeburt. Daher war es vollkommen klar, dass die Verehrung der todbringenden und neues Leben spendenden Großen Göttin im Inneren der Erde stattfinden musste ... Die Große Urmutter – ob sie nun Tara hieß, Ostara, Mara oder Maria, ist dabei eigentlich von untergeordneter Bedeutung.«

Ist das das Geheimnis von Gavrinis? War die Kultanlage der Urgöttin gewidmet? War das »Ganggrab« ein heiliger Ort für die Anhänger der Göttin? Wurden Riten zelebriert ... von Tod und Wiedergeburt? Kroch der Gläubige durch den Gang in die »Grabkammer«, um dann nach dem rituellen Tod wieder neu geboren zu werden? Stellte das »Gangrab« den Schoß von Mutter Erde dar, aus dem alles Leben kam?

Maria ... als »Nachfolgerin« einer steinzeitlichen Göttin, der Urmutter des Lebens – eine Vorstellung, die für fundamentalistische Christen ein Gräuel ist. Es gibt aber keinen Zweifel, dass die Maria des christlichen Glaubens immer mehr göttliche Züge annimmt! Zum Himmel ist sie nach katholischer Glaubenslehre bereits aufgestiegen, wo sie schon jetzt eine Art Trinität bildet, zusammen mit Jesus (Sohn) und Gott (Vater). Die Urgöttin wurde viele Jahrtausende verehrt und angebetet, sehr viel länger als Jesus, Gottvater, der Heilige Geist!

Derlei Gedanken mögen manchem Gläubigen wie ein Sakrileg vorkommen. Doch die Ketzerei von heute kann morgen zum Glaubensgut aller werden. Die Besinnung auf die Urform der Religion ist die Chance eines friedlichen Miteinanders aller Religionen  ...

Fußnoten
1 Charles-Tangay Le Roux: » New excavations at Gavrinis«, »Antiquity« 59 1985, S. 183-187
2 Braem, Harald: »Magische Riten und Kulte/ Das Dunkle Europa«, Stuttgart und Wien 1995, S. 99 u.100



»Hünengräber«,
Teil 119 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 29.04.2012


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