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Sonntag, 4. Oktober 2020

559. »Jenseits allen Denkens«

Teil 559 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Der Golem als Souvenir. 
Stark verfremdet.
Collage.

27. September 2020, 2 Uhr morgens. Helles Licht weckt mich aus tiefem Schlaf. Es muss der Mond sein, der seine Strahlen durch das Dachfenster über meinem Bett schickt. Aber habe ich nicht am Abend die Jalousie geschlossen? Offenbar nicht. Langsam werde ich wacher, kann klarer denken.

Hoch über mir steht der pralle Vollmond an pechschwarzem Himmel. Und dann beugt sich etwas über mich. Ich sehe ein graues, uraltes Gesicht. Die Augen stehen schräg in faltiger grauer Haut. Nasenlöcher kann ich ausmachen. Es atmet hörbar, laut. Die Nasenlöcher öffnen und schließen sich wie die Nüstern eines schnaubenden Pferdes. Die Nase kommt mir seltsam gerade vor. Der Nasenrücken ist flach, ja platt. Der Mund der Kreatur erinnert an einen mit scharfem Skalpell in ledrige Haut gezogenen Schnitt.

Das Gesicht wirkt wie eine starre Maske, unendlich fremdartig und doch gleichzeitig vertraut. Es kommt mir so vor, als würde ich Es schon seit Jahrtausenden kennen. Es kommt mir vor, als würden wir beide schon ewig leben und uns schon immer kennen: die Kreatur mit den hohen Wangenknochen, den lach anliegenden großen Ohren, den schmalen schräg stehenden Augen und den sich scharf abzeichnenden Wangenknochen.

Foto 2: Meyrinks Golem von 1915
- das Gesicht in meinem Traum.
Originalausgabe von »Golem«,
Leipzig 1915
Und dieses Gesicht wird vom Wechselspiel aus fahlgelbem Mondlicht und wechselnden Schatten und zur rätselhaften Maske, ja zur angsteinflößenden Fratze verzerrt. Das was man nicht sieht, was im Schatten lauert, macht mir Angst. Und dieses Gesicht schwebt über mir, der Leib der Kreatur scheint in einem im Schatten liegenden grauen Mantel zu liegen.

Wirklich Angst macht mir aber ein Wechsel, eine Verwandlung, die ich nicht wirklich in Worte fassen kann. Das Gesicht kommt mir immer näher, scheinbar beugt sich die Gestalt langsam über mich. Je näher mir das Gesicht kommt, desto stärker weicht das seltsame Gefühl der Vertrautheit und macht einer zunehmenden Angst vor völlig andersartigem Fremden. Und plötzlich….

Ein Ruck fährt durch meinen Körper. Gleißendes Licht blendet mich. Erst weiß ich nicht so recht, wo ich bin. Dann habe ich das Gefühl, gleich in homerisches Gelächter ausbrechen zu müssen. Offensichtlich bin ich an meinem Schreibtisch eingeschlafen. Das Licht der Schreibtischlampe blendet mich. Der Monitor flackert und erlischt. Wo sich eben noch unzählige Buchstaben zu einem schier endlos langen Text formierten, da macht sich mattschwarze Dunkelheit breit. Und darin taucht plötzlich wieder das inzwischen noch unheimlichere Gesicht aus meinem Traum auf.

Ich will an eine harmlose Erklärung glauben. Da habe ich wohl mit »ecosia« oder »Google« etwas für meinen Sonntagsblog gesucht. Aber was? Wenn das Gesicht die Antwort auf eine Frage ist, wie lautet dann die Frage? Irgendwie bin offensichtlich in den Weiten des Internets auf ein wenig vertrauenserweckendes Bild, auf dieses seltsame Gesicht gestoßen und eingeschlafen. Das, so wünsche ich mir, muss einfach wahr sein. Je fester ich mir einzureden versuche, dass das Gesicht das Ergebnis einer Internetrecherche sein muss, desto größer wird meine Angst vor dem, was hinter mir steht. Ich weiß, und das mit jeder Faser meines Bewusstseins, dass da eine Kreatur hinter mir ist, die sich mir von hinten nähert.

Ich sehe das Spiegelbild dieser Kreatur auf meinem Monitor meines Rechners. Ich starre weiter auf den Bildschirm, krieche förmlich hinein, aber die Kreatur hinter mir verschwindet nicht aus meinem Bewusstsein. Sie nähert sich mir von hinten. Schon spüre ich ihren eisigen Atem. Und plötzlich: ein grässliches Geräusch lässt mich aufschrecken. Ist es die Stimme der Kreatur?

Foto 3: Meyrinks Golem
verfolgte mich im Traum.
Originalausgabe von »Golem«,
Leipzig 1915
27. September 2020, 2 Uhr und eine Minute. Ich liege in meinem Bett. Es ist stockdunkel. Die Jalousie vor dem Dachfenster über mir ist geschlossen. Das Telefon schreit schrill. Immer noch etwas schlaftrunken, aber dankbar suche ich nach dem schnurlosen Telefon, das neben mir auf dem Nachschränkchen liegen muss. Ich suchte tastend und berühre ein Buch. Es ist eines meiner Lieblingsbücher: Eine gebundene Ausgabe von Gustav Meyrinks »Der Golem«, 1915 im »Kurt Wolff Verlag« zu Leipzig erschienen. Für den Druck des Textes zeichnet »G. Kreysing« verantwortlich. Den Druck der acht herrlichen Lithographien von Hugo Steiner, Prag, besorgte »Meißner & Buch«, Leipzig.

Ich suche weiter und finde endlich das Telefon, das mich aus diesem hässlichen Traum geholt hat. »Ich habe Sie doch nicht etwas geweckt?« fragt gespielt mitfühlend eine mir unbekannte Stimme. Ohne auf eine Antwort zu warten schnattert der unbekannte Anrufer los: »Ich habe gerade ›Golem 2120‹ gelesen!«, erklärt er. »Was hat denn die Zahl 2120 zu bedeuten?« Mir scheint, dass mein Leser noch weitere Fragen abfeuern wird, also falle ich ihm ins Wort. »2120 soll eine Jahreszahl sein. 2120 ist aber nicht als konkrete Jahreszahl gemeint, sondern symbolisch für ›Zukunft‹. Ich bin davon überzeugt, dass in absehbarer Zukunft, morgen, übermorgen oder in 100 Jahren, also 2120, Golems mit künstlicher Intelligenz gebaut werden…«

Schon folgt die nächste Frage: »Und Sie behaupten, dass der Golem von Prag ein Roboter mit künstlicher Intelligenz war! Ernst nehmen kann man das ja wohl nicht!« Gern möchte ich mit einem Zitat von Gustav Meyrink antworten, ich kann es aber nicht wortgetreu wiedergeben. Meiner Meinung nach hatte Meyrink eine mystisch-magische Vorstellung von Zeit. Wenn es gelingt, in die Welt des Unterbewusstseins einzutauchen, dann kann man zumindest in Gedanken in der Zeit reisen. Die Welt, in der Gegenwart und Zukunft ebenso gegenwärtig sind wie die Vergangenheit, liegt – davon bin ich überzeugt – nach Meyrink irgendwo außerhalb unserer vordergründigen Realität und kann über das Traumbewusstsein erreicht werden.

Dann kommt es dazu, dass (1) »eine seelische Explosion ... unser Traumbewußtsein ans Tageslicht peitscht«. In der Welt des Traumbewusstseins gilt für Meyrink offenbar nicht eine linear ablaufende Zeit (2): »Gräm‘ dich nicht, wenn das Wissen kommt, kommt auch die Erinnerung. Wissen und Erinnerung sind dasselbe.« Mit anderen Worten: Wer morgen oder übermorgen zu vermeintlich neuem Wissen kommt, der kann erkennen, dass das Neue schon uralt ist und längst bekannt war. »Erinnerungen an die Zukunft…«

Mein nächtlicher Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung wird spürbar ungeduldig. Ich versuche zu antworten: »Der Golem von Prag war kein realer Roboter. Ich glaube, Gustav Meyrink hat intuitiv eine Realität der Zukunft erfasst, in der es intelligente Golem-Roboter geben wird.«

Der nächtliche Anrufer legt wortlos auf. Jetzt bin ich hellwach. Ich bin überzeugt, irgendwo im »Golem« von Gustav Meyrink von der Möglichkeit von Zeitreisen gelesen zu haben. Jetzt bin ich wirklich hellwach. Ich schalte die Nachttischlampe ein und greife mir mein Exemplar von Gustav Meyrinks »Golem« von 1915. Ich blättere, lese mich immer wieder fest. Vor 105 Jahren wurde »meine« Ausgabe des »Golem« gedruckt, im zweiten Jahr des »Ersten Weltkriegs«. Gedruckt wurde das Werk in – in meinen Augen – wunderschöner »Amts-Fraktur«-Schrift. Besonderes »Kennzeichen«: Das große V sieht dem B zum Verwechseln ähnlich.

Foto 4: »So, wie ich zurückfinden könnte..«,
Ausriss aus der Originalausgabe von »Golem«,
Leipzig 1915


Ein klein wenig verklausuliert spricht Gustav Meyrink am Ende des Kapitels »Wach« in seinem »Golem« von Zeitreisen (3): »So, wie ich zurückfinden könnte in die Tage meiner Jugend, wenn ich in der Fibel das Alphabet in verkehrter Folge vornähme von Z bis A, um dort anzulangen, wo ich in der Schule zu lernen begonnen, - so, begriff ich, müßte ich auch wandern können in  die andere ferne Heimat, die jenseits allen Denkens liegt.«

Gibt es jenseits allen Denkens eine parallele Welt, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig präsent sind? Kommt der »Golem« aus dieser anderen Welt? Ist der Golem der Schatten eines künftigen Golem-Roboters, ausgestattet mit künstlicher Intelligenz? Ich suche, ich blättere in der geheimnisvollen Welt des »Golem« von Gustav Meyrink. Und ich erkenne, woher die furchteinflößende Kreatur meines Traums gekommen ist, nämlich aus der illustrierten Ausgabe von »Golem«, 1915 erschienen. In den vergangenen Tagen habe ich mich intensiv mit diesem wunderbaren Buch beschäftigt. Kein Wunder, dass es mich bis in meine Träume verfolgt!

Gustav Meyrink war ein Eingeweihter, der mehr über die großen Geheimnisse der Realität Bescheid wusste als wir zu ahnen wagen. Er muss sich intensiv mit der Magie der Kabbala auseinandergesetzt haben. So verfasste Meyrink das Vorwort zu (4) »Eliphas Lévi: Der große Kabbalist und seine magischen Werke von H. Laarss (Pseudonym von Dr. Richard Hummel). Dieses bemerkenswerte Werk über den Kabbalisten Eliphas Lévi (*1810; †1874) erschien in der Buchreihe  »Romane und Bücher der Magie«, die Gustav Meyrink herausgegeben hat. Ich darf noch einmal Sir Arthur C. Clarke (*1917;† 2008) zitieren (5): »Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht mehr zu unterscheiden.«

Fußnoten
(1) Meyrink, Gustav: »Der Golem«, Leipzig 1915, Kapitel »Punsch«, Seite 57, 16.+17. Zeile von oben (Rechtschreibung von 1915 unverändert übernommen!)
(2) Meyrink, Gustav: »Der Golem«, Leipzig 1915, Kapitel »Wach«, Seite 91, 20.-22. Zeile von oben (Rechtschreibung von 1915 unverändert übernommen!)
(3) Ebenda, Seite 96, 1.-5. Zeile von oben (Rechtschreibung von 1915 unverändert übernommen!)
(4) Laarss, H.: »Eliphas Lévi: Der große Kabbalist und seine magischen Werke«, Wien 1922
(5) Clarke, Sir Arthur C: »Profiles of the Future«, zitiert von Weber, Andreas in »Biokapital. Die Versöhnung von Ökonomie, Natur und Menschlichkeit«, Berlin 2008, Seite 57.

Zu den Fotos

Foto 1: Der Golem als Souvenir.  Stark verfremdet. Collage. Originalfoto Martin Pauer (wiki commons public domain)
Foto 2: Meyrinks Golem von 1915 - das Gesicht in meinem Traum. Originalausgabe von »Golem«, Leipzig 1915
Foto 3: Meyrinks Golem verfolgte mich im Traum. Originalausgabe von »Golem«, Leipzig 1915
Foto 4: »So, wie ich zurückfinden könnte..«, Ausriss aus der Originalausgabe von »Golem«, Leipzig 1915


560. »Gilgamesch und Golem«,
Teil 560 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 11. Oktober 2020


Samstag, 26. September 2020

558. »Golem 2120«

Teil 558 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Mini-Golem als Souvenir.
(Foto: wiki commons/ public domain/ Martin Pauer).
Ein Golem in 4 Variationen, farblich verändert.
Original: Foto 1 links oben! Collage: Walter-Jörg Langbein

Schon heute können Roboter präzise und effektiv schnell und fehlerfrei Arbeiten verrichten. Roboter können beispielsweise Autos zusammensetzen, freilich nicht aus eigenem Antrieb. Allerdings müssen sie vorher entsprechend programmiert werden. Erst dann wiederholen sie bestimmte Handgriffe präzise und fehlerfrei. Vollständig überholt sind Lochstreifen, die einen tumben Roboter im wahrsten Sinne am Fließband seine konkret definierte und vorgeschriebene Arbeit verrichten lassen. Kaum moderner ist das Programmieren eines Roboters mit einem auf einer Diskette verewigten Programm.

Der tschechische Autor Karel Čapek (*1890; †1938) gilt als Erfinder des Begriffs »Roboter«. In Čapeks Theaterstück »Rossumovi Univerzální Roboti« (»Rossums Universal Roboter«) tauchen künstliche Maschinenmenschen auf, die gezüchtet werden, um statt den Menschen Arbeiten in der Industrie zu übernehmen.

Foto 2: Meyrinks »Golem« von 1915.

Auch wenn in Gustav Meyrinks »Der Golem«, 1915 in Leipzig erschienen, der Ausdruck »Roboter« nicht vorkommt, so handelt es sich dennoch beim »Golem« um einen Roboter, der programmiert wird. Freilich wird der Vorgang des Programmierens von »Golem« nicht mit technischen Begriffen, sondern mit mysteriöser Magie erklärt.

Tommaso Campanella, eigentlich Giovanni Domenico (*1568; †1639), italienischer Philosoph, Dominikaner, Dichter und Politiker, formulierte überaus weitsichtig: »Alles, was die Wissenschaftler … mit Hilfe einer unbekannten Kunst vollbringen, wird Magie genannt … Denn Technologie wird immer als Magie bezeichnet, bevor sie verstanden wird, und nach einer gewissen Zeit entwickelt sie sich zu einer normalen Wissenschaft.«

Sir Arthur C. Clarke (*1917;† 2008) blies ins gleiche Horn (1): »Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht mehr zu unterscheiden.« Auch Gustav Meyrink bringt Magie ins Spiel (2): »Dann wacht in mir heimlich die Sage von dem gespenstischen Golem, jenem künstlichen Menschen, wieder auf, den einst hier im Ghetto ein kabbalakundiger Rabbiner aus dem Elemente formte und ihn zu einem gedankenlosen automatischen Dasein berief, indem er ihm ein magisches Zahlenwort hinter die Zähne schob.«

Gott schuf nach dem biblischen Schöpfungsbericht den Menschen aus Lehm und hauchte ihm seinen Odem ein. So wurde aus der leblosen Materie der lebendige Mensch. Auch der Golem wird aus Lehm kreiert, doch nicht göttlicher Adam erweckt ihn zum Leben, sondern »ein magisches Zahlenwort«. Der Golem erstarrte freilich wieder (3) »in derselben Stunde …, in der die geheime Silbe des Lebens aus seinem Munde genommen ward.« Der Golem funktioniert also nur so lange er von einem »magischen Zahlenwort« am Leben erhalten wird. Das »magische Zahlwort« entspricht dem Computerprogramm des Roboters unserer Tage.

Gustav Meyrink schien für die Laufbahn eines staubtrockenen Mitglieds der guten Gesellschaft prädestiniert zu sein. 1883 machte er sein Abitur, von 1885 bis 1888 besuchte er die »Handelsakademie in Prag«. 1889 war er zunächst Mitinhaber, dann alleiniger Inhaber des »Prager Bank- und Wechslergeschäfts Meyer & Morgenstern«. Bilanzen und Steuerrecht waren aber nicht die Welt von Gustav Meyrink. Schon 1891 gründete er mit einigen Gesinnungsgenossen die »Loge zum blauen Stern«, als Dependance der 1875 von Helena Petrovna Blavatsky (*1831; †1891) ins Leben gerufenen Theosophischen Gesellschaft. Meiner Meinung nach arbeitete er sich mit Begeisterung in die geheimnisvolle Welt des Mystischen und Mysteriösen ein. Sein Roman »Der Golem« ist meiner Meinung nach eine Fundgrube versteckten Wissens der anderen Art.

Ohne Zweifel war Gustav Meyrink ein Kenner der Kabbala. Die Kabbala (andere Schreibweise Kabbalah), zu Deutsch »das Überlieferte«, ist eine magisch-mystische Lehre des Judentums, deren Wurzeln weit in die Vergangenheit reichen.

Foto 3: »Der Ursprung der Geschichte.. «. Ausriss aus Meyrinks »Golem« von 1915.

Über den Golem lässt Meyrink vernehmen (4): »Der Ursprung der Geschichte reicht wohl ins siebzehnte Jahrhundert zurück, sagt man. Nach verlorengegangenen Vorschriften der Kabbala soll ein Rabbiner da einen künstlichen Menschen – den sogenannten Golem – verfertigt haben.«

Und weiter (5): »Es sei aber doch kein richtiger Mensch daraus geworden und nur ein dumpfes halbbewußtes Vegetieren habe ihn belebt. Wie es heißt, auch nur tagsüber und kraft des Einflusses eines magischen Zettels, der ihm hintern den Zähnen stak.«

Foto 4: »Kein richtiger Mensch«. Ausriss aus Meyrinks »Golem« von 1915.

Wie alt die Urgeschichte vom Golem sein mag? Meyrink lässt eine seiner Hauptpersonen, Zwakh, zugeben (6): »Ich kann freilich nicht wissen, worauf sich die Golemsage zurückführen läßt.« 

Foto 5: »Abends vor dem Nachtgebet...«
Ausriss aus Meyrinks »Golem« von 1915.

Alexander Wöll (*1968), Slawist und Hochschullehrer, seit Anfang 2018 Professor für »Kultur und Literatur Mittel- und Osteuropas« an der Universität Potsdam, fragt (7): »Der Golem. Kommt der erste künstliche Mensch und Roboter aus Prag?« Prof Wöll: »Der Golem steht in Konkurrenz zu Adam. Adama bezeichnet auf hebräisch ›Erde‹, also ein von der Erde genommenes Wesen, dem durch Gottes Hauch Leben und Sprache verliehen wurde. Im Gegensatz dazu meint golem seit dem 12. Jahrhundert einen stummen, minderwertigen Menschen, der ›ohne Zeugungskraft und Trieb zum Weibe‹ – allein mit Hilfe eines sprachmagischen Rituals – künstlich aus einer noch unberührten Elementar-Erde, die vor aller organischen Schöpfung vorhanden ist, erschaffen wird. Als ungefährlicher Automatenmensch in einer arabisch-antiken Erzähltradition ist der Golem ein dienender Knecht und eine Art geistloser Homunculus, der im Gegensatz zum späteren Frankenstein nicht durch naturwissenschaftliche, sondern durch religiös-rituelle Kräfte belebt wird.« Was ist aber ein programmierter Roboter anderes als ein »Automatenmensch«?

Prof. Wöll hat sorgfältiges Quellenstudium betrieben und erkennt das erstaunliche Alter der ursprünglichen Golemsage: »Die Verbindung mit der Erschaffung aus den Buchstaben läßt sich auf drei Berichte aus dem 13. Jahrhundert zurückverfolgen. Diese Quellen beziehen sich ihrerseits auf das 4. Jahrhundert v. Chr. und auf die beiden Personen Jeremiah und seinen Sohn Ben Sira. Diesen ältesten Belegen zufolge wird der Golem durch Buchstabenkombinationen belebt.«

Der Golem von Prag, so ist es überliefert, wurde zur Gefahr für die Menschen, wie Gustav Meyrink in seinem Roman vermeldet (8): »Und als eines Abends vor dem Nachtgebet der Rabbiner das Siegel aus dem Munde des Golem zu nehmen versäumt, da wäre dieser in Tobsucht verfallen, in der Dunkelheit durch die Gassen gerast und hätte zerschlagen, was ihm in den Weg gekommen.

Bis der Rabbi sich ihm entgegengeworfen und den Zettel vernichtet habe. Und da sei das Geschöpf leblos niedergestürzt. Nichts blieb von ihm übrig als die zwerghafte Lehmfigur, die heute noch drüben in der Altneusynagoge gezeigt wird.«

In »Hüter des Gesetzes«, Folge 3 der Kultserie »Orion«, übernehmen »Golem-Roboter« das Regiment auf dem Planetoiden Pallas. Sie sperren die menschlichen Bergarbeiter in unterirdische Schächte. Den Arbeitsrobotern des Types Alpha Ce Fe gelingt es schließlich, fast die gesamte Crew der Orion, die nach dem Rechten sehen will, gefangen zu nehmen und ebenfalls in die Unterwelt des Planetoiden zu schaffen.

Roboter, die sich gegen ihre menschlichen Erbauer erheben, werden in »Hüter des Gesetzes« (Erstausstrahlung am Samstag, dem 15. Oktober 1966 um 20:15 Uhr) spannend dargestellt. Aber ist so ein Szenario überhaupt denkbar? Im Film der TV-Kultserie gelingt es, die Roboter im wahrsten Sinne des Wortes auszuschalten, so wie der Rabbi in der Golem-Legende dem Amoklauf des künstlichen Menschen ein Ende setzt. Aber wird der Mensch immer dem Roboter überlegen sein? Das glaube ich nicht.

Roboter von heute lassen sich mühelos abschalten. Das wird auch noch einige Zeit der Fall sein. Sobald aber echte künstliche Intelligenz zum Einsatz kommt, wird es erschreckend schnell gehen, bis der Roboter im Vergleich zum Menschen über geradezu göttlich erscheinende Allmacht verfügen wird.
  
Foto 6: Symbolbild!
Ein »Roboter« in Stein (Tiahuanaco, Bolivien).
Ein und derselbe steinerne »Roboter«
in vier Variationen, farblich bearbeitet.
Collage. Original: Foto links oben und rechts
unten!


Auch wenn es um die Zukunft von Mensch und Golem-Roboter geht, bietet »Unsere Erde wird überleben.« von James Lovelock (*1919) nicht von der Hand zu weisende Überlegungen (9). Lovelock entwickelt ein Szenario, dass manche als puren Horror empfinden müssen. Sieht James Lovelock (*1919) doch tatsächlich den Jetztmenschen als Steigbügelhalter des künftigen Erdenbürgers. Für uns »Normalos« wird es dann keine Zukunft mehr geben, allenfalls – wenn überhaupt – als »Haustiere« der »Cyborgs«. Der »Cyborg«, der »Golem 2120«, wird demnach unser Nachfolger. Oder: Wir sind die Eltern einer Kreation, die keine Eltern braucht.


Fußnoten
(1) Clarke, Sir Arthur C: »Profiles of the Future«, zitiert von Weber, Andreas in »Biokapital. Die Versöhnung von Ökonomie, Natur und Menschlichkeit«, Berlin 2008, Seite 57. Originalzitat: »Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.«. Quelle: »Profiles of the future: an inquiry into the limits of the possible«, revidierte Ausgabe 1973, Seite 36
(2) Meyrink, Gustav: »Der Golem«, Leipzig 1915, Kapitel »Prag«, Seite 32, 6.-2. Zeile von unten (Rechtschreibung von 1915 unverändert übernommen!)
(3) Ebenda, Seite 32, 1. Zeile von unten und Seite 33 1.+2. Zeile von oben (Rechtschreibung von 1915 unverändert übernommen!)
(4) Ebenda, Seite 52, 1.-4. Zeile von oben (Rechtschreibung von 1915 unverändert übernommen!)
(5) Ebenda, 7.-10. Zeile von oben
(6) Ebenda, Seite 53., 4.+5. Zeile von oben
(7) Wöll, Alexander: »Der Golem. Kommt der erste künstliche Mensch und Roboter aus Prag?«, Beitrag zu Marek Nekula et. Al. (Herausgeber.):
»Deutsche und Tschechen. Geschichte - Kultur - Politik.«, München 2001, S. 235-245. (Rechtschreibung unverändert übernommen!)
(8) Meyrink, Gustav: »Der Golem«, Leipzig 1915, Kapitel »Prag«, Seite 52, 12.-21. Zeile von oben (Rechtschreibung von 1915 unverändert übernommen!)
(9) Lovelock, James: »GAIA/ Die Erde ist ein Lebewesen«, Bern 1992

Zu den Fotos
Foto 1: Mini-Golem als Souvenir.(wiki commons public domain Martin Pauer). Ein Golem in 4 Variationen, farblich verändert. Original: Foto 1 links oben! Collage: Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Meyrinks »Golem« von 1915. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: »Der Ursprung der Geschichte.. «. Ausriss aus Meyrinks »Golem« von 1915. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: »Kein richtiger Mensch«. Ausriss aus Meyrinks »Golem« von 1915. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: »Abends vor dem Nachtgebet...« Ausriss aus Meyrinks »Golem« von 1915. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Symbolbild! Ein »Roboter« in Stein (Tiahuanaco, Bolivien). Ein und derselbe steinerne »Roboter« in vier Variationen, farblich bearbeitet. Collage. Original: Foto links oben und rechts unten!

559. »Jenseits allen Denkens«,
Teil 559 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 4. Oktober 2020



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