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Samstag, 26. September 2020

558. »Golem 2120«

Teil 558 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Mini-Golem als Souvenir.
(Foto: wiki commons/ public domain/ Martin Pauer).
Ein Golem in 4 Variationen, farblich verändert.
Original: Foto 1 links oben! Collage: Walter-Jörg Langbein

Schon heute können Roboter präzise und effektiv schnell und fehlerfrei Arbeiten verrichten. Roboter können beispielsweise Autos zusammensetzen, freilich nicht aus eigenem Antrieb. Allerdings müssen sie vorher entsprechend programmiert werden. Erst dann wiederholen sie bestimmte Handgriffe präzise und fehlerfrei. Vollständig überholt sind Lochstreifen, die einen tumben Roboter im wahrsten Sinne am Fließband seine konkret definierte und vorgeschriebene Arbeit verrichten lassen. Kaum moderner ist das Programmieren eines Roboters mit einem auf einer Diskette verewigten Programm.

Der tschechische Autor Karel Čapek (*1890; †1938) gilt als Erfinder des Begriffs »Roboter«. In Čapeks Theaterstück »Rossumovi Univerzální Roboti« (»Rossums Universal Roboter«) tauchen künstliche Maschinenmenschen auf, die gezüchtet werden, um statt den Menschen Arbeiten in der Industrie zu übernehmen.

Foto 2: Meyrinks »Golem« von 1915.

Auch wenn in Gustav Meyrinks »Der Golem«, 1915 in Leipzig erschienen, der Ausdruck »Roboter« nicht vorkommt, so handelt es sich dennoch beim »Golem« um einen Roboter, der programmiert wird. Freilich wird der Vorgang des Programmierens von »Golem« nicht mit technischen Begriffen, sondern mit mysteriöser Magie erklärt.

Tommaso Campanella, eigentlich Giovanni Domenico (*1568; †1639), italienischer Philosoph, Dominikaner, Dichter und Politiker, formulierte überaus weitsichtig: »Alles, was die Wissenschaftler … mit Hilfe einer unbekannten Kunst vollbringen, wird Magie genannt … Denn Technologie wird immer als Magie bezeichnet, bevor sie verstanden wird, und nach einer gewissen Zeit entwickelt sie sich zu einer normalen Wissenschaft.«

Sir Arthur C. Clarke (*1917;† 2008) blies ins gleiche Horn (1): »Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht mehr zu unterscheiden.« Auch Gustav Meyrink bringt Magie ins Spiel (2): »Dann wacht in mir heimlich die Sage von dem gespenstischen Golem, jenem künstlichen Menschen, wieder auf, den einst hier im Ghetto ein kabbalakundiger Rabbiner aus dem Elemente formte und ihn zu einem gedankenlosen automatischen Dasein berief, indem er ihm ein magisches Zahlenwort hinter die Zähne schob.«

Gott schuf nach dem biblischen Schöpfungsbericht den Menschen aus Lehm und hauchte ihm seinen Odem ein. So wurde aus der leblosen Materie der lebendige Mensch. Auch der Golem wird aus Lehm kreiert, doch nicht göttlicher Adam erweckt ihn zum Leben, sondern »ein magisches Zahlenwort«. Der Golem erstarrte freilich wieder (3) »in derselben Stunde …, in der die geheime Silbe des Lebens aus seinem Munde genommen ward.« Der Golem funktioniert also nur so lange er von einem »magischen Zahlenwort« am Leben erhalten wird. Das »magische Zahlwort« entspricht dem Computerprogramm des Roboters unserer Tage.

Gustav Meyrink schien für die Laufbahn eines staubtrockenen Mitglieds der guten Gesellschaft prädestiniert zu sein. 1883 machte er sein Abitur, von 1885 bis 1888 besuchte er die »Handelsakademie in Prag«. 1889 war er zunächst Mitinhaber, dann alleiniger Inhaber des »Prager Bank- und Wechslergeschäfts Meyer & Morgenstern«. Bilanzen und Steuerrecht waren aber nicht die Welt von Gustav Meyrink. Schon 1891 gründete er mit einigen Gesinnungsgenossen die »Loge zum blauen Stern«, als Dependance der 1875 von Helena Petrovna Blavatsky (*1831; †1891) ins Leben gerufenen Theosophischen Gesellschaft. Meiner Meinung nach arbeitete er sich mit Begeisterung in die geheimnisvolle Welt des Mystischen und Mysteriösen ein. Sein Roman »Der Golem« ist meiner Meinung nach eine Fundgrube versteckten Wissens der anderen Art.

Ohne Zweifel war Gustav Meyrink ein Kenner der Kabbala. Die Kabbala (andere Schreibweise Kabbalah), zu Deutsch »das Überlieferte«, ist eine magisch-mystische Lehre des Judentums, deren Wurzeln weit in die Vergangenheit reichen.

Foto 3: »Der Ursprung der Geschichte.. «. Ausriss aus Meyrinks »Golem« von 1915.

Über den Golem lässt Meyrink vernehmen (4): »Der Ursprung der Geschichte reicht wohl ins siebzehnte Jahrhundert zurück, sagt man. Nach verlorengegangenen Vorschriften der Kabbala soll ein Rabbiner da einen künstlichen Menschen – den sogenannten Golem – verfertigt haben.«

Und weiter (5): »Es sei aber doch kein richtiger Mensch daraus geworden und nur ein dumpfes halbbewußtes Vegetieren habe ihn belebt. Wie es heißt, auch nur tagsüber und kraft des Einflusses eines magischen Zettels, der ihm hintern den Zähnen stak.«

Foto 4: »Kein richtiger Mensch«. Ausriss aus Meyrinks »Golem« von 1915.

Wie alt die Urgeschichte vom Golem sein mag? Meyrink lässt eine seiner Hauptpersonen, Zwakh, zugeben (6): »Ich kann freilich nicht wissen, worauf sich die Golemsage zurückführen läßt.« 

Foto 5: »Abends vor dem Nachtgebet...«
Ausriss aus Meyrinks »Golem« von 1915.

Alexander Wöll (*1968), Slawist und Hochschullehrer, seit Anfang 2018 Professor für »Kultur und Literatur Mittel- und Osteuropas« an der Universität Potsdam, fragt (7): »Der Golem. Kommt der erste künstliche Mensch und Roboter aus Prag?« Prof Wöll: »Der Golem steht in Konkurrenz zu Adam. Adama bezeichnet auf hebräisch ›Erde‹, also ein von der Erde genommenes Wesen, dem durch Gottes Hauch Leben und Sprache verliehen wurde. Im Gegensatz dazu meint golem seit dem 12. Jahrhundert einen stummen, minderwertigen Menschen, der ›ohne Zeugungskraft und Trieb zum Weibe‹ – allein mit Hilfe eines sprachmagischen Rituals – künstlich aus einer noch unberührten Elementar-Erde, die vor aller organischen Schöpfung vorhanden ist, erschaffen wird. Als ungefährlicher Automatenmensch in einer arabisch-antiken Erzähltradition ist der Golem ein dienender Knecht und eine Art geistloser Homunculus, der im Gegensatz zum späteren Frankenstein nicht durch naturwissenschaftliche, sondern durch religiös-rituelle Kräfte belebt wird.« Was ist aber ein programmierter Roboter anderes als ein »Automatenmensch«?

Prof. Wöll hat sorgfältiges Quellenstudium betrieben und erkennt das erstaunliche Alter der ursprünglichen Golemsage: »Die Verbindung mit der Erschaffung aus den Buchstaben läßt sich auf drei Berichte aus dem 13. Jahrhundert zurückverfolgen. Diese Quellen beziehen sich ihrerseits auf das 4. Jahrhundert v. Chr. und auf die beiden Personen Jeremiah und seinen Sohn Ben Sira. Diesen ältesten Belegen zufolge wird der Golem durch Buchstabenkombinationen belebt.«

Der Golem von Prag, so ist es überliefert, wurde zur Gefahr für die Menschen, wie Gustav Meyrink in seinem Roman vermeldet (8): »Und als eines Abends vor dem Nachtgebet der Rabbiner das Siegel aus dem Munde des Golem zu nehmen versäumt, da wäre dieser in Tobsucht verfallen, in der Dunkelheit durch die Gassen gerast und hätte zerschlagen, was ihm in den Weg gekommen.

Bis der Rabbi sich ihm entgegengeworfen und den Zettel vernichtet habe. Und da sei das Geschöpf leblos niedergestürzt. Nichts blieb von ihm übrig als die zwerghafte Lehmfigur, die heute noch drüben in der Altneusynagoge gezeigt wird.«

In »Hüter des Gesetzes«, Folge 3 der Kultserie »Orion«, übernehmen »Golem-Roboter« das Regiment auf dem Planetoiden Pallas. Sie sperren die menschlichen Bergarbeiter in unterirdische Schächte. Den Arbeitsrobotern des Types Alpha Ce Fe gelingt es schließlich, fast die gesamte Crew der Orion, die nach dem Rechten sehen will, gefangen zu nehmen und ebenfalls in die Unterwelt des Planetoiden zu schaffen.

Roboter, die sich gegen ihre menschlichen Erbauer erheben, werden in »Hüter des Gesetzes« (Erstausstrahlung am Samstag, dem 15. Oktober 1966 um 20:15 Uhr) spannend dargestellt. Aber ist so ein Szenario überhaupt denkbar? Im Film der TV-Kultserie gelingt es, die Roboter im wahrsten Sinne des Wortes auszuschalten, so wie der Rabbi in der Golem-Legende dem Amoklauf des künstlichen Menschen ein Ende setzt. Aber wird der Mensch immer dem Roboter überlegen sein? Das glaube ich nicht.

Roboter von heute lassen sich mühelos abschalten. Das wird auch noch einige Zeit der Fall sein. Sobald aber echte künstliche Intelligenz zum Einsatz kommt, wird es erschreckend schnell gehen, bis der Roboter im Vergleich zum Menschen über geradezu göttlich erscheinende Allmacht verfügen wird.
  
Foto 6: Symbolbild!
Ein »Roboter« in Stein (Tiahuanaco, Bolivien).
Ein und derselbe steinerne »Roboter«
in vier Variationen, farblich bearbeitet.
Collage. Original: Foto links oben und rechts
unten!


Auch wenn es um die Zukunft von Mensch und Golem-Roboter geht, bietet »Unsere Erde wird überleben.« von James Lovelock (*1919) nicht von der Hand zu weisende Überlegungen (9). Lovelock entwickelt ein Szenario, dass manche als puren Horror empfinden müssen. Sieht James Lovelock (*1919) doch tatsächlich den Jetztmenschen als Steigbügelhalter des künftigen Erdenbürgers. Für uns »Normalos« wird es dann keine Zukunft mehr geben, allenfalls – wenn überhaupt – als »Haustiere« der »Cyborgs«. Der »Cyborg«, der »Golem 2120«, wird demnach unser Nachfolger. Oder: Wir sind die Eltern einer Kreation, die keine Eltern braucht.


Fußnoten
(1) Clarke, Sir Arthur C: »Profiles of the Future«, zitiert von Weber, Andreas in »Biokapital. Die Versöhnung von Ökonomie, Natur und Menschlichkeit«, Berlin 2008, Seite 57. Originalzitat: »Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.«. Quelle: »Profiles of the future: an inquiry into the limits of the possible«, revidierte Ausgabe 1973, Seite 36
(2) Meyrink, Gustav: »Der Golem«, Leipzig 1915, Kapitel »Prag«, Seite 32, 6.-2. Zeile von unten (Rechtschreibung von 1915 unverändert übernommen!)
(3) Ebenda, Seite 32, 1. Zeile von unten und Seite 33 1.+2. Zeile von oben (Rechtschreibung von 1915 unverändert übernommen!)
(4) Ebenda, Seite 52, 1.-4. Zeile von oben (Rechtschreibung von 1915 unverändert übernommen!)
(5) Ebenda, 7.-10. Zeile von oben
(6) Ebenda, Seite 53., 4.+5. Zeile von oben
(7) Wöll, Alexander: »Der Golem. Kommt der erste künstliche Mensch und Roboter aus Prag?«, Beitrag zu Marek Nekula et. Al. (Herausgeber.):
»Deutsche und Tschechen. Geschichte - Kultur - Politik.«, München 2001, S. 235-245. (Rechtschreibung unverändert übernommen!)
(8) Meyrink, Gustav: »Der Golem«, Leipzig 1915, Kapitel »Prag«, Seite 52, 12.-21. Zeile von oben (Rechtschreibung von 1915 unverändert übernommen!)
(9) Lovelock, James: »GAIA/ Die Erde ist ein Lebewesen«, Bern 1992

Zu den Fotos
Foto 1: Mini-Golem als Souvenir.(wiki commons public domain Martin Pauer). Ein Golem in 4 Variationen, farblich verändert. Original: Foto 1 links oben! Collage: Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Meyrinks »Golem« von 1915. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: »Der Ursprung der Geschichte.. «. Ausriss aus Meyrinks »Golem« von 1915. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: »Kein richtiger Mensch«. Ausriss aus Meyrinks »Golem« von 1915. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: »Abends vor dem Nachtgebet...« Ausriss aus Meyrinks »Golem« von 1915. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Symbolbild! Ein »Roboter« in Stein (Tiahuanaco, Bolivien). Ein und derselbe steinerne »Roboter« in vier Variationen, farblich bearbeitet. Collage. Original: Foto links oben und rechts unten!

559. »Jenseits allen Denkens«,
Teil 559 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 4. Oktober 2020



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Sonntag, 25. August 2019

501. »Bücher voller Geheimnisse«


Teil 501 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


»Vieles auf Erden ist uns verborgen.
Als Ersatz dafür wurde uns 
ein geheimnisvolles,
heimliches Gefühl zuteil
von unserer pulsierenden Verbindung
mit einer anderen Welt,
einer erhabenen und höheren Welt,
und auch die Wurzeln unserer Gedanken
und Gefühle sind nicht hier,
sondern in anderen Welten.«
Fjodor Michailowitsch Dostojewski
(*11.11.1821, † 09.02.1881)



Die Bibel - Weil dies Buch voller Geheimnisse ist

Johannes Piscator (*1546, †1625), war in elsässischer Theologe. Von 1602 bis 1604 übersetzte er so genau wie möglich die Bibel. Mehr als Luther (*1459; †1530 ) war Johannes Piscator auf philologische Genauigkeit bedacht und weniger auf sprachliche Gefälligkeit. Seine möglichst wortgetreue Übersetzung fordert heutigen Leserinnen und Lesern einiges ab. In Piscators Deutsch verfasst ist sie für die heutige Leserschaft manchmal schwer verständlich. Von den Lutheranern verspottet konnte sich die »Piscator-Bibel« nicht durchsetzen. Sie war in Deutschland zeitweise sogar verboten. Heute ist sie selbst so manchem Theologen allenfalls dem Namen nach bekannt, lesen tut sie kaum noch jemand. Das liegt wohl auch daran, dass Luther dem Volk mehr aufs Maul schaute und eine gefälligere, eingängigere Übersetzung bot, die zudem im Lauf der Jahrhunderte immer wieder dem aktuellen Sprachgebrauch angepasst wurde.

Anno 1684 erschien in Bern in offenbar hoher Auflage eine »Piscator-Bibel«, die viele erklärende Anmerkungen zu nicht so ganz klaren oder vordergründig unverständlichen Aussagen bietet. Auch Piscator selbst empfand die Bibel als für den Menschen zu geheimnisvoll, als dass er wirklich alles verstehen könnte. Deshalb sei es erforderlich, vor der Lektüre daran zu bedenken, dass man sich (1) »in ein heiliges Gespraech einlasset mit Gott«. Wer die Bibel liest, der tritt ein in einen Dialog mit Gott. Die Geheimnisse der Bibel, so Piscator weiter, werden unverständlich bleiben, es sei denn man bittet Gott vorher um die notwendige Erleuchtung. Bei Piscator liest sich das in heutigem Deutsch so:

Foto 1:  Einleitung zum Neuen Testament von Piscator, 1771



»Weil dieses Buch (die Bibel) voll großer Geheimnisse ist und der normale Mensch die Dinge, die von Gottes Geist sind, nicht verstehen kann, so lies niemals in diesem Buch, ohne zuvor Gott um die notwendige Erleuchtung gebeten zu haben.«

In Piscators Deutsch (2): »Weilen diß Buch voll hoher Geheimnussen ist, und der natuerliche Mensch nicht fassen kan die Dinge, die des Geistes Gottes sind, so liese niemals hierinn, du habest denn Gott mit Andacht angerufen um die nothwendige Erleuchtung.«

Piscator rät, zur Vorbereitung der Bibellektüre Vers 18 aus Psalm 119 zu sprechen: »Entdecke mir, o mein Gott!, meine Augen, auf daß ich die Wunder sehe in deinem Gesatz.« Man wird also angehalten zu beten, Gott möge einem die Augen öffnen, damit man das Wundersame sehe. Johannes Piscator schlägt ein Gebet vor, das man sprechen soll, damit Gott die Geheimnisse und das Wundersame der Bibel verständlich werden lässt Gleich zu Beginn soll man sich bei Gott bedanken, der in einem Licht wohnt und der »uns in der Finsternuss der Unwissenheit und Irrtum steckende Menschen durch die hell=leuchtende Strahlen« seines seligmachendes Wortes anleuchtet. Solches Licht fehlt heute an allen Ecken und Enden.

Die geheime Lehre

Ende der 1960er Jahre nutzte ich in den Schulferien einen Aufenthalt in London zum Besuch der »British Library«. Die geradezu legendäre »Nationalbibliothek des Vereinigten Königreichs« gilt als eine der bedeutendsten Forschungs- und Universalbibliotheken der Welt. Ehrfürchtig blätterte ich in Originalausgaben »Isis Unveiled« (1. Auflage 1877) und von »The Secret Doctrine« (1. Auflage 1888). Die Autorin Helena Petrovna Blavatsky (*1831; †1891) war ohne Zweifel eine der schillerndsten Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. Mich faszinierte »Cosmic Evolution«, enthalten in »Seven Stanzas translated  from  the Book of Dzyan«. Nach Helena Petrovna Blavatsky handelt es sich dabei um das »älteste Dokument der Welt«. Das bis heute umstrittene »Buch des Dzyan«, auch »Buch Dzyan« genannt, soll von Wissenden, den Eingeweihten einer »geheimen Bruderschaft« in Tibet aufbewahrt und erhalten werden.

Während Skeptiker das Werk »Dzyan« für reine Fiktion halten, sieht die »Theosophical Society« H. P. Blavatsky in wachsendem Maße von der Wissenschaft bestätigt (3): »Vertreter der Physik, Chemie, Biochemie und Biologie wagen es zunehmend, sich etablierten Lehrmeinungen entgegenzustellen und in ihren Forschungen auch philosophisch-geisteswissenschaftliche Aspekte zu berücksichtigen, wie sie in H. P. Blavatskys Werken angedeutet werden. So lehren sie u. a. den unwirklichen und täuschenden Charakter der Materie; die Tatsache, daß die physische Welt auf Energie beruht und von ›Leben‹ erfüllt ist, so daß es wahrhaft nichts Totes gibt; die innere Natur und Zusammensetzung des Atoms und aller Wesenheiten.«

Foto 2: Piscators Neues Testament von 1771

So beginnt Strophe I des Dzyan: »1. Die ewige Mutter, gehüllt in ihre immer unsichtbaren Gewande, hatte wieder einmal während sieben Ewigkeiten geschlummert. 2. Es gab keine Zeit, denn sie lag schlafend in dem unendlichen Schoße der Dauer. 3. Das Universalgemüt war nicht vorhanden, denn es gab keine Ah-hi, es zu erhalten.«

Die »ewige Mutter« war nach dem »Buch Dzyan« der Kosmos. Und der Kosmos schlummerte, weil (noch?) keine Ah-hi, keine »himmlischen Wesen«, (in ihm?) existierten. Sehr präzise formuliert Vers 5 von Strophe I: »Dunkelheit allein erfüllte das unendliche All.« Was hat die Aussage in Vers 8 von Strophe I zu bedeuten (5): » Und das Leben pulsierte unbewusst im Weltenraume.«? (Im englischen Original von Helena Petrovna Blavatsky: »… and life pulsated unconscious in universal space.«)

Ah-hi und Elohim

Und die Ah-hi, wer oder was waren die? Dr. Franz Hartmann (*1838; †1912) kann auch heute noch als führender deutscher Experte auf dem Gebiet der Schriften von Helena Petrovna Blavatsky gelten. Dr. Hartmann gründete im Jahre 1896 die »Deutsche Theosophische Gesellschaft«. Bereits zwei Jahre später, 1898, wurde er von Katherine Tingley,  der Nachfolgerin H. P. Blavatskys, als »Präsident« der Gesellschaft eingesetzt. Sein Werk  (6) »Kurzgefasster Grundriss der Geheimlehre von H.P. Blavatsky« wurde 2015 neu aufgelegt und ist auch als eBook erhältlich.

Foto 3: Piscators Neues Testament von 1771

 Dr. Franz Hartmann bezeichnet darin die Ah-hi als (7) »himmlische Wesen«, als »Inbegriff der geistigen Kräfte und Wesenheiten des Weltalls« und setzt sie mit den Elohim des Alten Testaments gleich, »deren Tätigkeit in der Natur das Rad der Evolution in Bewegung setzt und darin erhält. … Diese geistigen Kräfte oder Engel waren aber vor dem ›Anfange‹ nicht vorhanden.« Vielmehr wurden sie, so Dr. Hartmann, erst von Gott kreiert. Die Elohim der Bibel, so Dr. Hartmann (8), »sind die Erzeuger unserer Körper«. Im Schöpfungsbericht des Alten Testaments sind es bekanntlich die Elohim, zu Deutsch »Götter«.

Der wahrscheinlich bekannteste Satz der Bibel lautet: »Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« So beginnt das Alte Testament. Wenig später (9): »Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen...« Uns? Warum spricht Gott in der Mehrzahl? Lesen wir den Schöpfungsbericht im Hebräischen, so stellen wir fest, dass dieses »uns« keineswegs der einzige Hinweis auf Götter in der Mehrzahlform ist. Der Gott, der im deutschen Text am Anfang Himmel und Erde schuf, verwandelt sich im Hebräischen zum Mehrzahlwort: Elohim. Das »Jerusalemer Bibellexikon« (10) versucht zu klären – und führt den Begriff der »majestätischen Mehrzahl Elohim« ein.

Ist damit das Problem »Gott oder Götter« gelöst? Spricht also Gott (Einzahl) »Lasset uns Menschen machen...«, weil er den Pluralis Majestatis anwendet? War die Mehrzahlform, die europäische Könige und Kaiser angewendet haben, um sich vom niederen Volk zu unterscheiden, bereits im Alten Israel bekannt? Eine wortwörtliche Übersetzung aus dem Hebräischen scheint diese Überlegung zu bestätigen: »Am Anfang schuf Elohim Himmel und Erde.«

Foto 4: Voll hoher Geheimnussen

Elohim heißt wörtlich »Götter«, also Mehrzahl. Buchstabengetreu übersetzt: »Am Anfang schuf Götter Himmel und Erde.« Das Subjekt steht in der Mehrzahl, das Verb aber in der Einzahl. Damit liegt aber kein klassischer Pluralis Majestatis vor, denn da stehen Subjekt und Verb beide im Plural. Wir erlassen ein Gesetz, spricht der König. Wir und erlassen sind beide im Plural.

Jüdischer und christlicher Glaube sind beide streng monotheistische Religionen. Doch während das Christentum (wie auch das heutige Judentum) nur an einen alleinigen Gott glaubt und die Existenz weiterer Götter verneint, war das im Judentum des Alten Testaments anders. Die religiösen Gebote verneinen keineswegs die Existenz anderer Götter. Wer an den neuen Gott Jahwe glaubt, darf allerdings keine weiteren Götter verehren (11): »Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.«

Verboten ist auch die Herstellung von Bildnissen anderer Götter (12). Fremde Götter dürfen auch nicht angefleht werden (13): »Aber die Namen anderer Götter sollt ihr nicht anrufen, und aus euerem Munde sollen sie nicht gehört werden!« Fremde Götter dürfen nicht angebetet werden. Rabiater noch (14): »Du sollst ihre Steinmale umreißen und zerbrechen!«

Die Bibel bietet Geheimnisse. Das Buch Dzyan bietet viele Geheimnisse. Die Götter bieten viele Geheimnisse. Die Welt, unsere Welt, fasziniert mit Geheimnissen aus Worten und solchen aus Stein. Man muss sie nur zur Kenntnis nehmen wollen. Man muss nur den Mut aufbringen, auch das Geheimnisvolle zu sehen.

Wenn das Geheimnisvolle geleugnet wird, ist wissenschaftlicher Fortschritt unmöglich.

Fußnoten
(1) »Das Neue Testament Unsers Herrn und Heilands Jes Christi, Samt beygefuegten Summarien ueber ein jedes Capitel, Verteutscht durch Johann Piscator, BERN, in Hoch=Oberkeitl. Druckery, Anno 1771«, »Bericht an den Leser, wie man mit Nutz das Wort Gottes lesen soll«
(2) ebenda. Die vierseitige Einleitung weist keine Seitenzahlen auf.
(3) Siehe »Helena Petrowna Blavatsky – Eine Lebensskizze« http://www.geheimlehre.de/die_autorin.htm (Stand, Pfingstmontag, 10.6.2019)
(4) Blavatsky, Helena Petrowna: »Die Geheimlehre«, Bd. I-IV, Nachdruck, Denhaag o.J., Zitat aus Band I »Kosmogenesis/ Kosmische Evolution«, Seite 55
(5) ebenda, S. 56
(6) Hartmann, Dr. Franz: »Kurzgefasster Grundriss der Geheimlehre von H.P. Blavatsky«, München 2015
(7) Hartmann, Dr. Franz: »Kurzgefasster Grundriss der Geheimlehre von H.P. Blavatsky«, München 2015, eBook-Version, Positionen 79 und 83
(8) ebenda, Pos. 1033
(9) 1. Buch Mose Kapitel 1, Vers 26
(10) Hennig, Kurt (Herausgeber): »Jerusalemer Bibellexikon«, Neuhausen-Stuttgart 1990, S. 303
(11) 2. Buch Mose Kapitel 20, Vers 3
(12) 2. Buch Mose Kapitel 20, Vers 23
(13) 2. Buch Mose Kapitel 23, Vers 13
(14) 2. Buch Mose Kapitel 23, Vers 24

Zu den Fotos
Foto 1:  Einleitung zum Neuen Testament von Piscator, 1771. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Piscators Neues Testament von 1771. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Piscators Neues Testament von 1771. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Voll hoher Geheimnussen. Foto Walter-Jörg Langbein


502. »Die Kunst der Anamorphose und eine fantastische Realität«
Teil 502 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 1. September 2019


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