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Sonntag, 10. November 2019

512. »Als Adam und Eva Götter waren«

Teil 512 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Wie sah es im Paradies aus? Was spielte sich im Paradies ab? Wer kommt wie ins Paradies und wer nicht? Fragen wie diese versuche ich erst gar nicht zu beantworten.


Adam und Eva
Fotomontage gespiegelt
Links im Bild: Adam nach Lukas Cranach d.Ä.,
In der Mitte: Eva nach Rubens 
Rechts im Bild: Adam nach Dürer
Fotomontage gespiegelt

Stellen wir uns ein riesiges Puzzle vor. Wir wissen: Setzt man alle Einzelteile zusammen, dann entsteht ein Bild von der Vergangenheit unseres Planeten. Nun werden die Einzelheiten aber nicht sorgsam verpackt in einem Karton geliefert. Und wir wissen nicht, wie das fertige Bild aussehen wird. Wir müssen uns die einzelnen Puzzleteilchen mühsam zusammensuchen und hoffen, dass wir ein sinnvolles Bild aufbauen können. Mehr noch: Es soll auch das richtige Gesamtbild entstehen. Das aber ist so einfach nicht.

Sicher, da gibt es Menschen, die uns vorschreiben wollen, wie das Bild am Schluss auszusehen hat. Sie akzeptieren nur solche Puzzles als richtig zusammengesetzt, die ihren Vorstellungen entsprechen. Andere Sichtweisen sind zwar möglich, aber nicht erlaubt.

Erschwerend kommt hinzu, dass viele Puzzleteilchen verlorengegangen sind. Wenn wir »unser« Puzzle zusammenfügen, werden – das ist unumgänglich – Lücken bleiben. Damit nicht genug! Wir werden feststellen, dass es nicht nur ein Bild gibt, das es zu rekonstruieren gilt. Vielmehr werden wir eine Vielzahl von Einzelteilchen finden, die eine ganze Reihe von verschiedenen großen Puzzlebildern ergeben, wobei wir nicht wissen, welches Teilchen in welches Puzzle gehört. Es besteht also die Gefahr, dass wir die falschen Teilchen ins falsche Bild einsetzen. Leicht sind Lücken in einem Bild mit Puzzleteilchen eines anderen Bildes aufgefüllt. Schnell entsteht so ein falsches Bild.

Stellen wir uns ein riesiges Puzzle vor. Es zeigt ein Bild aus frühen Tagen der Menschheit. Wir betrachten das Bild näher und stellen fest, dass große Teile des Bildes dort, wo Teilchen fehlten, mit viel Fantasie ausgemalt wurden.

Unser imaginäres »Bild Nummer 1« zeigt eine Szene aus dem Paradies mit Adam und Eva. Wir erkennen Adam und Eva und natürlich die Schlange. Wir betrachten das Bild und glauben sofort, dass wir die Geschichte kennen, zu der das Bild gehört. Die Schlange verführt Eva, Eva isst von der verbotenen Frucht und verführt nun Adam, der ebenfalls von der verbotenen Frucht isst. Adam und Eva werden aus dem Paradies gejagt. Sie und ihre Nachkommen müssen bis ans Ende der Tage leiden. Eva und ihre weiblichen Nachkommen müssen unter Schmerzen gebären, Adam und seine männlichen Nachkommen müssen bis ans Ende der Zeiten schuften. Ist das die Geschichte? Es ist eine Geschichte, die zum Bild erzählt wird.

Es gibt ein weiteres Bild und dazu eine andere, abweichende Geschichte. Unser imaginäres »Bild Nummer 2« ähnelt dem imaginären »Bild Nummer 1« sehr. Und doch gibt es entscheidende Unterschiede. Eva verführt nicht ihren arglosen Mann Adam. Eva ist nicht die Sünderin, die auch noch ihren Mann Adam ins Verderben reißt. Adam und Eva verstoßen gemeinsam gegen Gottes Verbot. Sie werden aus dem Paradies verbannt. Damit sind sie bestraft genug. Gott verzeiht Adam und Eva. Also kann es in diesem Bild keine Erbsünde geben. Folgerichtig ist auch kein Erlöser nötig.

Imaginäres »Bild Nummer 2« erzählt die Geschichte, so wie sie im Koran steht. Wie im Alten Testament gibt es auch im Koran einen »verbotenen Baum« (1): »Und Wir (Gott) sprachen: ›O Adam, weile du und dein Weib in dem Garten, und esset reichlich von dem Seinigen, wo immer ihr wollt; nur nahet nicht diesem Baume, auf dass ihr nicht Frevler seiet.‹«

Die Verfehlung folgt auf dem Fuß im nächsten Vers (2): »Doch Satan ließ beide daran straucheln und vertrieb sie von dort, worin sie waren. Und Wir (Gott) sprachen: ›Gehet hinweg, einige von euch sind Feinde der anderen, und für euch ist eine Wohnstatt auf Erden und Nießbrauch für eine Weile.« Meiner Meinung wendet sich Gott hier ausschließlich an die Menschen. Nach Vertreibung aus dem Paradies dürfen sie noch weiter, allerdings zeitlich begrenzt, auf der Erde leben.

Übersetzungen des Korans ins Deutsche fallen manchmal relativ unterschiedlich aus. So lesen wir ein einer anderen Übersetzung (3) »›Der eine von euch sei des anderen Feind. Und ihr sollt auf der Erde Wohnstätten und Versorgung auf beschränkte Dauer haben.‹«

Sind nun einige der Menschen Feinde der anderen? Oder ist jeder Mensch des anderen Menschen Feind? In der vielleicht bekanntesten Version des Koran von Rudi Paret wird keine Feindschaft der Menschen untereinander angekündigt, sondern zwischen den Menschen einerseits und dem Satan andererseits (4): »Und wir (Gott) sagten: ›Ihr (d.h. ihr Menschen und der Satan) seid (künftig) einander feind.«

»Adam und Eva«
Fotomontage gespiegelt
Adam rechts und links außen: nach Lukas Cranach d.Ä.
In der Mitte Eva nach Dürer
Fotomontage gespiegelt

Das Paradies scheint sich in der Übersetzung von Paret im Himmel zu befinden. Gott befiehlt den Menschen (5): »Geht (vom Paradies) hinunter auf die Erde)!« Und noch einmal lesen wir bei Paret (6): »Wir (Gott) sagten: ›Geht allesamt von ihm hinunter (auf die Erde).« Auch in der Übersetzung von Simon Abram (7) befiehlt Gott: Raus aus dem Paradies und dann (7): »Geht (vom Paradies) hinunter! ... Geht hinunter von hier allesamt!« Geht –  von wo wohin? Von welchem Ort aus sollen die ersten Menschen zu welchem anderen Ort gehen? Wurden Adam und Eva aus einem Ort im Himmel hinunter auf die Erde geschickt? Konkreter: War das Paradies gar kein Ort auf der Erde, sondern im All? Oder war das Paradies gar kein räumlicher Ort, sondern ein Geisteszustand? So könnte man einen wichtigen Vers in der Koranübersetzung von Paret verstehen (8): »Da veranlaßte sie der Satan, einen Fehltritt zu tun, wodurch sie des Paradieses verlustig gingen, und brachte sie so aus dem (paradiesischen) Zustand heraus, in dem sie sich befunden hatten.« Sollte der Aufenthalt im Paradies lediglich ein »Zustand«, eine Geisteshaltung gewesen sein? Steht der Sündenfall im übertragenen Sinne für eine Abwendung der Menschen vom Glauben?

Nach christlicher Interpretation der Geschichte von Adam und Eva im Paradies verstoßen Adam und Eva gegen göttliches Gebot. Sie werden aus dem Paradies geworfen. Folge der Verfehlung der ersten Menschen ist die Erbsünde, die von nun an alle Menschen bis zum Jüngsten Gericht mit sich schleppen müssen. Erlösung bringt der Opfertod des Messias. Nach muslimischem Glaubensverständnis verzeiht Allah den Menschen unmittelbar nach der Vertreibung aus dem Paradies (9):

»Da empfing Adam von seinem Herrn Worte, worauf Er ihm verzieh; wahrlich, Er ist der Allverzeihende, der Barmherzige.« Eine »Erbsünde« ist im Koran nicht vorgesehen. Das heißt, es muss im Koran auch keinen Erlöser geben, der sich für die Menschen opfert und ermorden lässt.

Wenden wir uns einem dritten imaginären Bild zu! Es ist das älteste, das bislang bekannt wurde. Es hat womöglich jüngeren Bildern (Altes Testament, Koran!) als Vorlage gedient. Die niederländischen Theologen Professorin Marjo C. A. Korpel (*1958) und der emeritierte Theologieprofessor Johannes C. de Moor (*1935) haben dieses dritte »Bild« wieder entdeckt. Es entstand fast ein Jahrtausend vor der Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments und erzählt eine ganz andere Geschichte. Ihr penibel recherchiertes und fundiert begründetes Werk wurde von der »University of Sheffield«, Fachbereich »Biblische Studien« publiziert. Inzwischen liegt eine zweite Auflage in erweiterter Fassung vor (10).

Urgott Ilu schuf den Götterhimmel, die Erde als Zwischenwelt und die Unterwelt. Das Paradies liegt in der Zwischenwelt. Dor steht auch der »Baum des Lebens«. Im Himmel rebelliert Gott Horranu gegen Gott Kirtu. Der ungehorsame Horranu wird aus dem Himmel geworfen und auf die Erde verbannt.

Horranu will die Götter umbringen. Die Himmlischen müssen regelmäßig vom Baum des Lebens essen, damit sie unsterblich bleiben. Die zahlreichen Götter in himmlischen Gefilden leben also nur so lange sie regelmäßig vom Baum des Lebens naschen können. Zu diesem Zweck steigen sie regelmäßig aus dem Himmel zur Erde hinab.

Horranus perfider Racheplan: Er verwandelt sich in eine Schlange und vergiftet den Baum des Lebens. Die Welt überzieht er mit einem giftigen Nebel.

Gott Adammu, die »Urversion« des Adam, wird von den Göttern zur Erde geschickt. Sie gaben ihm totale Macht über die gesamte Erde, nicht nur über ein Flecken Erde namens Paradies. Er soll die Schlange im Baum des Lebens besiegen, damit die Götter endlich wieder Zugang zu den Früchten der Unsterblichkeit haben. Adammu wird von der Monsterschlange gebissen, verliert so im Kampf gegen den Schlangengott seine Unsterblichkeit und wird sterblicher Mensch. Die Götter machen die Muttergöttin Kubaba zur sterblichen Frau und schicken sie dem Ex-Gott Adammu, damit er nicht mehr einsam ist.

Auch auf unserem imaginären »Bild Nummer 3« sehen wir Adam und Eva. Aber beide werden als Ex-Götter gezeigt, die zu Menschen wurden. In der »Urversion« gibt es keine Schuld von Adam und Eva. Es gibt auch keine von Adam und Eva begangene »Erbsünde«.

Auf den Ugaritischen Tafeln rebelliert Gott Horranu im Himmel gegen Gott Kirtu. Ein anderer Name des Obergottes Kirtu war El. Und El begegnet uns auch im Alten Testament.

»Adam und Eva«
Fotomontage, gespiegelt
Links außen und rechts außen: Adam nach Lukas Cranach d.Ä. 
In der Mitte Eva nach Rubens
Fotomontage, gespiegelt
 


Fußnoten
(1) Sure 2, Vers 36 zitiert nach »Koran. Der Heilige Qur-ân: Arabisch / Deutsch Kindle Ausgabe von Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland KdöR (Autor), Hadhrat Mirza Masroor Ahmad (Herausgeber)«, Frankfurt 2013
(2) ebenda, Sure 2, Vers 37
(3) Sure 2, Vers 38, zitiert nach »Der Koran Muslim Bibel Deutsche Ausgabe«, Kindle-Ausgabe, Simon Abram (Herausgeber/ Übersetzer)
(4) Sure 2, Vers 36, zitiert nach »Der Koran/ Übersetzung von Rudi Paret«, Kindler Ausgabe. Die unterschiedlichen Übersetzungen des Koran weichen in der Verszählung geringfügig voneinander ab.
(5) Ebenda
(6) Bei Paret ist das in Sure 2, Vers 37 zu finden.
(7) Sure 2, Vers 38, zitiert nach »Der Koran Muslim Bibel Deutsche Ausgabe«, Kindle-Ausgabe, Simon Abram (Herausgeber/ Übersetzer), hier Verse 36 und 38
(8) Sure 2, Vers 36, zitiert nach »Der Koran/ Übersetzung von Rudi Paret«, Kindler Ausgabe. Die unterschiedlichen Übersetzungen des Koran weichen in der Verszählung geringfügig voneinander ab. Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen.
(9) Sure 2, Vers 37, zitiert nach »Der Koran Muslim Bibel Deutsche Ausgabe«, Kindle-Ausgabe, Simon Abram (Herausgeber/ Übersetzer)
(10) Korpel, Marjo C. A. und De Moor, Johannes C.: »Adam, Eve, and the Devil: A New Beginning«, 2. erweiterte Auflage,  Sheffield, 20. August 2015


513. »Unser Gott und seine Frau«,
Teil 513 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 17. November 2019



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Sonntag, 3. November 2019

511. »Als Adammu vom Himmel stieg«

Teil 511 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Schriftzeichen aus Ugarit


»Er hat die Idee von irgendwo gestohlen, alle Ideen sind gestohlen, denn es gibt so gut wie keine originellen Ideen in der Welt.«, sagte der amerikanische Schauspieler Burt Kwouk (*1930; †2016) im Interview (1). »Alles nur geklaut« heißt ein Lied er Leipziger Band »Die Prinzen« (2). In der christlichen Theologie wird schon sehr lange erforscht, ob uralte fremde Mythen in die Bibel eingeflossen sind. Um es salopp auszudrücken: Die Autoren des Alten Testaments haben sich bei sehr viel älteren Quellen bedient und geklaut.

Freilich empörten sich nicht wenige Theologen ob der Vorstellung, das Alte Testament könnte aus Versatzstücken älterer Kulturen zusammengebaut worden sein.

Ich kann mich an die eine oder die andere Diskussion an der »Friedrich Alexander Universität« zu Erlangen erinnern. Da wurde, besonders von einigen christlichen Theologen aus der arabischen Welt behauptet, die biblischen Texte seien erst einige Jahrtausende mündlich überliefert und erst sehr spät schriftlich festgelegt und in die Bibel aufgenommen worden. Die biblischen mündlichen Überlieferungen seien die ältesten, auch wenn es auf Keilschrifttafeln ältere, vergleichbare Texte gebe. N.D., evangelisch-lutherischer Theologe aus dem Libanon: »Die Beschreibung von der Sintflut im Alten Testament (3) wurde zunächst über Jahrtausende mündlich überliefert, bevor Moses sie schließlich aufgeschrieben. Die Sumerer haben die biblische mündliche Überlieferung gekannt, einfach übernommen und auf ihren Tafeln verewigt.« Mit anderen Worten: Nicht die Verfasser des Alten Testaments haben älteres Gedankengut geklaut, sondern Sumerer und Babylonier hätten fremde mündliche Überlieferung vereinnahmt.

Die niederländischen Theologen Prof. Marjo C. A. Korpel (*1958) und der emeritierte Theologieprofessor Johannes C. de Moor (*1935) kritisierten: »Nach unserer Meinung machten frühere Generationen von Gelehrten einen großen Fehler, wenn sie versuchten, die Bibel gegen die abscheuliche heidnische Welt zu schützen, indem sie  sie in ein wasserdichtes Fach steckten. Immer mehr Parallelen zwischen dem ›Alten Israel‹ und seinen nahöstlichen Nachbarn werden entdeckt.  Es wird vollkommen klar, dass keine Theologie einfach Konzepte, die für eine vollkommen andere Situation gedacht waren, auf unsere Zeit übertragen kann. Die Bibel von ihrer Welt zu isolieren, das führt unweigerlich zu einem weltfremden fundamentalistischen Typus des Glaubens.«

Bevor Gott mit der Schöpfung beginnen konnte musste er erst Rahab besiegen (5): »Durch seine Kraft hat er das Meer erregt, und durch seine Einsicht hat er Rahab zerschmettert.« Was die meisten emsigen Bibelleser nicht wissen: Gott hat, noch bevor er mit seiner Schöpfung begann (beginnen konnte?), das Meer aufgewühlt und »Rahab« getötet. Wer oder was aber war Rahab?

Verschiedene Lutherausgaben der Bibel erklären in Fußnoten, »Rahab« sei »der Drache der Urzeit« gewesen. Tatsächlich umschreibt der biblische Prophet Jesaja Rahab als Drachen. Jesaja Feuert Gott an  (6): »Wach auf, wach auf, zieh’ Macht an, du Arm des Herrn! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt! Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen durchbohrt hat?«

Der bedeutende Theologe Prof. Dr. Hermann Gunkel (*1862; †1932) spürte die Quelle auf, aus der die biblischen Autoren das Material für den »biblischen« Drachen der Urzeit schöpften. In seinem Werk »Schöpfung und Chaos in Urzeit und Endzeit« (7) verfolgt er eine Spur vom biblischen Gott gegen das Meeresmonster Rahab weit, weit zurück in die Vergangenheit. Im babylonischen Schöpfungsmythos »Enūma eliš« wurde er fündig. Ein Exemplar des mysteriösen Epos befand sich vor rund vier Jahrtausenden in der legendären Bibliothek des Aššurbanipal in Ninive.

Was im Alten Testament kurz und bündig abgehandelt wird, das wird im Mythos Jahrtausende früher ausführlich abgehandelt. Es wird in bildhaft-fantastischer Weise geschildert, wie einst die Erde geschaffen wurde. »Der Uranfängliche« (Apsû) und »die, die alle gebar« (Tiamat) sind die Hauptakteure eines vorzeitlichen Dramas. Seltsam: »Tiamat«, »die alle gebar«, war ein Monster, ein Meeresungetüm. In der Bibel ist Eva die, die alles gebar. War also Tiamat aus dem  Schöpfungsmythos »Enūma eliš« die Vorläuferin des Meeresmonsters Rahab und der Göttin Eva?

Wie wäre es mit einem Ausflug in die Welt des Films? Nehmen wir das »Erste Buch Mose« als ein Drehbuch für einen Film über »Die ersten Tage der Menschheit«! Da sind die Hauptakteure schnell aufgezählt: Gott, die »teuflische Schlange«, Adam und Eva. Die Verfilmung eines frommen Buches garantiert heute nicht mehr hohe Einnahmen an den Kinokassen. Lassen wir uns von einem der erfolgreichsten Blockbuster inspirieren! In »Pirates of the Caribbean – Fluch der Karibik 2« (8) kommt ein Riesenmonster zum Einsatz.

In höchst beeindruckender Weise zerlegt der Krake das Segelschiff »Black Pearl« in seine Einzelteile. Ein Seemonster hat das »Alte Testament« ja auch zu bieten: Rahab. Sehr viel actionreicher geht es im babylonischen Schöpfungsmythos »Enūma eliš« zu. Da wagt Göttin Tiamat den Aufstand gegen die mächtige Göttertriade Gottvater Anu, den göttlichen Sohn Ea und den göttlichen Enkel Marduk. Gewaltige Riesenschlangen kämpfen auf der Seite der Göttin. Göttin Tiamat, selbst ein Meeresmonster, wird vom mächtigen Gott Marduk besiegt und getötet. »Enūma eliš« geht ins Detail, bietet eine Fülle von Informationen, aus denen ein guter Drehbuchautor einen an Horroreffekten reichen Blockbuster zimmern kann.

Während der biblische Gott vor der Schöpfung nur Rahab zerschlagen muss, geht im Mythos »Enūma eliš« ein Götterkrieg der Schöpfung voraus. Prof. Dr. Hermann Gunkel informiert uns in seinem Werk »Schöpfung und Chaos in Urzeit und Endzeit« über die Einzelheiten (9): »Dann erzählt der Mythus weiter, wie sich Tiamat, die ›Mutter der Götter‹, sammt den Mächten der Tiefe gegen die ›oberen Götter‹ ›empörte‹. … Im Folgenden wird nun der sich so entspinnende Krieg zwischen Tiamat und den Göttern erzählt.«

Auf der einen Seite kämpfen Anu und seine Getreuen, auf der anderen Seite Göttin Tiamat, einige weitere aufständische Götter und elf Monsterkreaturen, von Tiamat eigens für den Krieg der Götter geschaffen. Die Rebellen werden von Gott Quingu geführt. Götterkriege werden auch in jahrtausendealten Epen Indiens beschrieben. Sie wurden am Himmel ausgefochten, wobei Waffen zum Einsatz kamen, die gut in einen »STARWARS«-Film passen würden.

Seit Jahrtausenden sterben Menschen in unvorstellbarer Zahl in Kriegen. Das »Fußvolk« wird von den Staatsmännern geopfert, die selbst höchst selten im kriegerischen Gemetzel zu sehen sind. Unsägliches Leid bliebe den Menschen erspart, würden sich die irdischen Kriegstreiber so wie Gott Marduk verhalten. Marduk fordert Tiamat zum Duell. Ausgestattet ist er mit einem »Sichelschwert« und einem »Donnerkeil«. Bei dem »Donnerkeil« handelte es sich um einen doppelten Dreizack, vergleichbar mit der fürchterlichen Waffe von Gottvater Zeus. Sein Wagen wird von »furchtbaren Wesen« gezogen. Ob es an seinen Waffen lag, dass Marduk Tiamat besiegen konnte?

Der Gott der Bibel musste erst das Meeresmonster Rahab zerschmettern, um mit dem Akt der Schöpfung beginnen zu können. Genauso erging es Marduk! Erst nachdem das Meeresungeheuer Tiamat besiegt war, konnte er mit der Schöpfung anfangen. (11). Mit seinem »Sichelschwert« spaltete Marduk Tiamats Kopf, ihren Leib zerschnitt er in zwei Hälften. Daraus machte er das Universum. Sterne und Tiere werden geschaffen, da gibt es keine Unterschiede zwischen Enūma eliš und dem Alten Testament. Was aber die Erschaffung der ersten Menschen angeht, so bietet Enūma eliš eine vollkommen andere Story.

Der Anführer der Aufständischen, Gott Quingu, wird zum Hauptschuldigen erklärt und getötet. Aus seinem Blut lässt Marduk die ersten Menschen entstehen. Tafel VI des Enūma eliš lässt keinen Zweifel aufkommen: Die Menschen wurden als Sklaven für die Götter kreiert! Und wo bleibt Adam in der Geschichte? Finden sich Hinweise auf das Paradies in den uralten Texten von Ugarit?

Vor 2.400 Jahren trafen sich im Nordwesten des heutigen Syrien, im Stadtstaat Ugarit, Händler und Schriftkundige. Da wurden heute fantastisch anmutende Mythen erzählt. Ugarit war ein höchst bedeutsames Kulturzentrum. Und so entstand eine Bibliothek aus Keilschrifttafeln, die im Lauf der Jahrtausende verloren und in Vergessenheit gerieten.  Erst 1929, im Geburtsjahr meiner
Mutter Herty Gagel,  entdeckten französische Archäologen bei systematischen Ausgrabungen Keilschrifttafeln, von denen bis heute bei weitem nicht alle entziffert und übersetzt werden konnten. Man vermutet, dass in Ugarit, heute Raʾs Šamra, noch so manche Keilschrifttafel darauf wartet entdeckt zu werden. Was bis heute übersetzt werden konnte, ergibt ein lückenhaftes Mosaik. Wir erfahren eine ganz andere Geschichte von einem »Adammu« und von einem »Paradies« als die Bibel erzählt.

Wir lesen, dass es auf der Erde einst ein Paradies gab, genauer gesagt einen Weingarten oder Weinberg. Adam und Eva lustwandelten aber nicht zwischen den Weinstöcken. Von einem Sündenfall von Adam und Eva ist da auch nicht die Rede. Der Weingarten, auch Weinberg, war vielmehr den großen Göttern vorbehalten. Fast kommt es mir so vor, als wurden gestresste Götter zur Erholung in dieses Refugium geschickt. Offenbar naschten sie dann, um wieder zu Kräften zu kommen, von einem ganz besonderen Baum, den wir allerdings aus der biblischen Paradiesgeschichte kennen. Auch diesem Paradies wuchs der »Baum des Lebens«. Es scheint so, dass eben dieser Baum den Göttern nicht mehr zur Verfügung stand. Da musste eingegriffen werden!

Die Götter wählten einen aus ihren Reihen aus, den sie zur Erde sandten, um den »Baum des Lebens« für die Götter zurückzugewinnen. Der Auserwählte, der eher keine Lust hatte, die ihm gestellte Aufgabe zu meistern, war ein Gott Adammu (Adam?)!

Meine Interpretation bruchstückhafter Texte: Im »Baum des Lebens« hauste eine giftige Schlange. Beim »Baum des Lebens« angekommen, versuchte Gott Adammu, diese Schlange aus dem Baum zu entfernen, den mysteriösen Baum für die Götter wieder zugänglich zu machen. Das misslang gründlich. Adammu versagte. Er wurde von der Schlange gebissen. Unklar ist, ob Adammu starb, oder ob er nur seine Unsterblichkeit verlor. Die Vergiftung hatte, so führen niederländischen Theologen Korpel  und de Moor aus (13) »kosmische Konsequenzen«. So machte sich giftiger (?) Nebel breit, der das Sonnenlicht verdunkelte.

Sollte sich hinter der Mythologie von Adammu, der vom Himmel herab zur Erde stieg, von einer giftigen Schlange gebissen wurde und fast (?) starb und vom Nebel der das Sonnenlicht verdunkelte, eine kosmische Katastrophe verbergen?

Fußnoten
(1) Burt Kwouk im Interview mit Barry Littlechild, »The Cinema Museum«, 18.11.2010. Das Zitat lautet im Original: »He stole the idea from somewhere else, because all ideas are stolen, there are hardly any original ideas in the world.«
Zitat Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=Gl5f3mhkiV0 Stand 27.9.2019
Burt Kwouk, weltberühmter Darsteller des Cato in den »Pink Panther«-Filmen mit dem legendären Peter Sellers (*1925; †1980), bezog sich im Interview auf Blake Edwards (*1922; †2010)
(2) »Alles nur geklaut« ist das dritte Album der Leipziger Band »Die Prinzen« und wurde am 12. November 1993 veröffentlicht.
(3) 1. Buch Mose, Kapitel 7, Verse 10-24 und 1. Buch Mose Kapitel 8, Verse 1-14
(4): Becking, Bob (Herausgeber): »Reflections on the Silence of God: A Discussion with Marjo Korpel and Johannes de Moor«, Leiden 2013, Zitate aus den Seiten 174+175
(5) Hiob Kapitel 26, Vers 12
(6) Jesaja Kapitel 51, Vers 9
(7) Gunkel, Hermann: »Schöpfung und Chaos in Urzeit und Endzeit«, Göttingen 1895
(8) Originaltitel: »Pirates of the Caribbean: Dead Man’s Chest«, etwa »Piraten der Karibik: Des toten Mannes Kiste/ Truhe« (2006)
(9) Gunkel, Hermann: »Schöpfung und Chaos in Urzeit und Endzeit«, Göttingen 1895, Seite 22 (Hinweis: Das Zitat wurde buchstabengetreu übernommen, an der Rechtschreibung wurde nichts verändert.)
(10) Ebenda, Seite 23
(11) »Enūma eliš« IV.137-146
(12) Dietrich, Manfred u.a. (Hrsg.): »Die keilalphabetischen Texte aus Ugarit, Ras Ibn Hani und anderen Orten«, Münster 2013
(13) Korpel, Marjo C. A. und Moor, Johannes C. de: »Adam, Eve, and the Devil: A New Beginning«, 2., erweiterte Auflage, Sheffield 2015,  Seite 16., 13.+14. Zeile von oben


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512. »Als Adam und Eva Götter waren«,
Teil 512der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 10. November 2019


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