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Sonntag, 3. Juli 2016

337 »Dreizehn Schanzen«

Teil 337 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

(Text wurde am 12. Juli leicht ergänzt.)

Foto 1: Lageplan Großeichenhausen
Bad Saulgau, Landkreis Sigmaringen, Oberschwaben: Am Namen des am 1.1.2000 zum Kurort ernannten Städtchens scheiden sich die Geister. Die einen meinen: »Die Ortsbezeichnung Saulgau geht auf die Kelten zurück und lässt sich wohl mit ›Ort der Quellgöttin Sul‹ übersetzen.« Andere widersprechen da energisch. »Anno 819 wird Saulgau als ›Sulaga‹ in einer Urkunde erwähnt. ›Sulaga‹ bedeutet im Althochdeutschen ganz profan ›bei den Wälzlachen‹!«

Verweist nun der Name Saulgau auf eine Quellgöttin? Oder auf die einträgliche schwefelhaltige Thermalquelle, in der sich womöglich schon in graue Vorzeit Wildschweine, später schließlich Kelten und heute heilsuchende Kurgäste suhlen? Vielleicht errichteten die Kelten um 100 v.Chr. der Quellgöttin Sul ein Heiligtum, wo schwefelhaltiges Wasser aus der Erde sprudelte? Tatsächlich beherbergte der Himmel der Kelten zahlreiche Göttinnen, von Andraste, Schutzgöttin der Bären und des Krieges bis Sul, zuständig für Feuer und wärmende Heilquellen.

Die Diskussion um die Bedeutung des Ortsnamens Bad Saulgau verdeutlicht, wie unklar  die Bedeutung von Keltenschanzen ist. Welchem Zweck dienten sie? Wir wissen es nicht wirklich. Das liegt daran, dass Keltenschanzen bis heute so gut wie überhaupt nicht untersucht worden sind. In der Regel beschränkt sich die »Erforschung« einzelner, weniger der mysteriösen Anlagen auf eine mehr oder minder oberflächliche Beschreibung (1). Selbst wer die Schanzen angelegt hat, ist wissenschaftlich nicht erwiesen. Das wurde auf der »14. Niederbayerischen Archäologentagung« (21.-23. April 1995) von Deggendorf deutlich. Archäologische, definitive Beweise für die Kelten als Urheber gibt es nicht. Noch unklarer ist ihr Zweck!

Foto 2: Keltenschanze Großeichenhausen
Waren es Bauernhöfe mit Häusern und Brunnenschächten? Oder waren es doch Kultanlagen mit Tempelchen und Opferschächten? Waren es Viehpferche? Dienten sie als Weiden für Kühe, Pferde, Rinder, Schafe, Schweine und Ziegen? Tatsächlich fanden sich im Bereich von »Keltenschanzen«, die gelegentlich auch den Römern oder den Schweden zugesprochen werden, Tierknochen. Was aber hat das zu bedeuten? Tierknochen können auf kultische Nutzung der Anlagen ebenso hinweisen wie auf landwirtschaftliche Viehhaltung. Oder traten auf Bauernhöfen vor Jahrtausenden dann und wann Viehseuchen auf? Befürchtete man eine Ausdehnung der Seuche durch Ansteckung und hat die befallenen Tiere getötet und die Kadaver in tiefen Löchern vergraben? Andere Interpreten halten die Schächte für ehemalige Brunnen, in die nach und nach Abfall, eben auch Tierknochen, geworfen wurden? Aber müssten dann nicht viel mehr Gebrauchsgegenstände wie Töpfereiwaren in solchen Schächten gefunden werden?

Foto 3: Keltenschanze Großeichenhausen

Nach wie vor wird die »Brunnen-Theorie vertreten (2), »obwohl offensichtlich in einer ganzen Reihe von Schächten niemals Wasser vorhanden war«. Es ist richtig: Brunnen wurden, zum Beispiel in Städten, immer wieder mit Abfall verfüllt. Allerdings hat man in den »Keltenschanzen« offenbar immer wieder wie zu 35 Meter tiefe Schächte ausgehoben, um sie umgehend wieder zuzuschütten. Warum? Brunnen können es dann nicht gewesen sein.

Wenn bei einigen wenigen intensiven Grabungen in tiefen Schächten Tierknochen entdeckt wurden, was hat das zu bedeuten? Klaus Schwarz hat sich um die Erfassung der Keltenschanzen in Bayern große Verdienste erworben. Sein »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen dokumentiert, wo es einst Schanzen gab, die längst zerstörten worden und verschwunden sind. Er zeigt weiter auf, wo noch spärliche Reste von derlei Anlagen und wo noch relativ gut erhaltene Schanzen zu finden sind (4). Und er beschreibt genau, was war und was ist (5). Klaus Schwarz war es, der umfangreiche Ausgrabung im Bereich der »Viereckschanze« von Holzhausen, im Münchner Umland, vorgenommen hat. Seiner Überzeugung nach war (6) die Anlage von sakraler Bedeutung. Im Geviert der Schanze befanden sich mindestens ein Tempel und drei Opferschächte, in denen die Knochen von Opfertieren und Kultobjekte gefunden wurden. Er hat keinen Zweifel: Keltenschanzen waren Heiligtümer.

Foto 4: Keltenschanze Großeichenhausen

Unklar ist auch, wie viele »Keltenschanzen« es einst gab. Bis anno 1995 hatte man mit Hilfe der Luftbildarchäologie innerhalb von fünfzehn Jahren 40.000 »Keltenschanzen« ausfindig gemacht, und das allein in Bayern. Bedenkt man diese ungeheuerliche Vielzahl von Anlagen, dann kann man erahnen, was es für gewaltige Anstrengungen bedurfte, sie alle zu bauen. Gigantische Mengen an Erdreich müssen bewegt worden sein, allein schon beim Aushub der Gräben und beim Auftürmen der Wälle. Immer wieder stellt sich die Frage: Wozu geschah das alles? Nach Abwägung einer Fülle von Informationen stellt Gernot L. Geise zutreffend fest (7): »Die Archäologie tappt bezüglich der Schanzen nach wie vor im tiefsten Dunkel, das hat sich bis heute nicht geändert.«

Sehr aufschlussreich ist eine Hinweistafel, die vom Landratsamt München aufgestellt wurde. Überschrift: »Viereckschanze zwischen Großeichenhausen und Gumpertsham«. Der Text: »Im Gegensatz zu den auf freiem Feld liegenden Keltenschanzen /zum Beispiel im Lanzenhaarer Feld bei Deisenhofen) wurde diese Viereckschanze (aus dem letzten Jahrhundert v. Chr. Geburt) später vom Wald überwachsen. Sie ist Teil einer Gruppe von dreizehn Schanzen im Gebiet östlich der Isar zwischen Oberhaching, Eichenhausen und Wolfratshausen.« Keinen Zweifel lässt der Informationstext über Sinn und Zweck der Anlage aufkommen. Wir lesen weiter: »Es handelt sich um einen rechteckigen Kultbezirk von 100 m Länge und 85 m Breite in einem leicht nach Nordosten geneigten Gelände, umgrenzt von einem steil geböschten, 4 m hohen Wall und umlaufenden Spitzgraben. Der Eingang der Schanze liegt in der Mitte der Ostseite. (E.Keller)«

Foto 5: Lageplan der Keltenschanze

Stephan Gröschler schreibt auf seiner vorzüglichen Internetseite »Kraftvolle Orte« (8) : »Auch die Viereckschanze Großeichenhausen ist ein sehr charakteristische Schanze mit deutlichen Überhöhungen, relativ tiefen Gräben außen und einem breiten Tor. Die Nordecke ist sehr zugewachsen und schlecht zu erreichen, aber die entschädigt die restliche Schanze. In der Mitte steht ein Holzklotz, symbolisch für einen kleinen Altar, und die Ausstrahlung ist sehr positiv. Und gerade der Schnee hat diesen Eindruck verstärkt und aus dieser friedlich anmutenden und ruhigen Viereckschanze einen noch schöneren, kraftvollen Ort gemacht.«

Die »Viereckschanze Großeichenhausen« hat zwei »Schächte« aufzuweisen. Nach Geise »hat der erste einen Durchmesser von etwa drei Metern bei 17 Metern Tiefe … Der zweite Schacht hat einen Durchmesser von 2,50 Metern bei elf Metern Tiefe.«

Großeichenhausen ist wirklich einen Besuch wert. Die Viereckschanze erreichen Sie bequem zu Fuß. Fahren Sie von Neukolbing Richtung Gumpertsham und parken Sie am Ortsanfang. Ein Feldweg führt Sie in nördlicher Richtung in den Wald hinein, der Waldweg führt Sie ans Ziel. Linker Hand sehen Sie die Informationstafel und die Viereckschanze.

Wenn Sie ein paar Tage Zeit haben, sollten Sie unbedingt auch die Keltenschanze von Holzhausen besuchen. Ein Orientierungspunkt ist Gerblinghausen. In unmittelbarer Umgebung gibt es über zehn Keltenschanzen. Und wenn Sie eine günstig gelegene, gastliche Unterkunft suchen, empfehle ich Ihnen wärmstens den gemütlichen Ferienhof »Zum Dammerbauer« direkt in Holzhausen. Von hier aus erreichen sie zwei Keltenschanzen in wenigen Minuten! (9)

Zu den Fotos: Alle Fotos hat Hedi Stahl, Gerblinghausen, aufgenommen. Ich bedanke mich sehr herzlich für die Genehmigung, ihre Fotos in meinem Blog zu verwenden! DANKE! Copyright für alle Fotos: Heidi Stahl

Fußnoten

1) Siehe hierzu Walter Irlingers Aufsatz »Forschung zu den spätkeltischen
     Viereckschanzen« in »Schöne Heimat, Erbe und Auftrag«, Heft 3/ 1996, 
     Herausgeber ist der Bayerische Landesverein für Heimatpflege e.V.
2) Geise, Gernot L.: »Keltenschanzen und ihre verborgenen Funktionen«,  
    Hohenpeißenberg, 10. Auflage 2014, Seite 112
3) ebenda, Seite 113
4) Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns – Pläne und  
     Karten«, München 1959
5) Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns/
     Textband«, München 2007
6) »Die Ausgrabungen in der Viereckschanze 2 von Holzhausen/ Grabungsberichte
     vom Klaus Schwarz/ Zusammengestellt und kommentiert von Günther
     Wieland«, Rahden/ Westfalen 2005, S. 11
7) Geise, Gernot L.: »Keltenschanzen und ihre verborgenen Funktionen«,  
    Hohenpeißenberg, 10. Auflage 2014, Seite 115
8) »KRAFTVOLLE ORTE Kraftvolle, mystische und geheimnisvolle Orte (in 
     Bayern)« www.kraftvolle-orte.de, siehe »Kelten- und Viereckschanzen  
     Viereckschanze Großeneichenhausen«
(9) Ferienhof »Zum Dammerbauer«, Dinghartinger Straße 3, 
     82064 Strasslach-Holzhausen

Literatur zum Themenkreis »Kelten«
Teil 3

Ritter, Thomas: Spuren ins Dunkel/ Erfahrungen an den Grenzen unseres
Foto 6: Kirchlein von Großeichenhausen

     Wissens, Schleusingen 2001
      (Kelten, Keltische Kontakte S. 94 fff.)
Röber, Dr. Ralph (Leitung der Redaktion): Die Welt der Kelten/ Zentren der  
     Macht Kostbarkeiten der Kunst, Ostfildern 2012
Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz (Hrsg.): Rosenheim,
     Chiemsee, Traunstein, Bad Reichenhall, Berchtesgaden/ Führer zu vor- und
     frühgeschichtlichen Denkmälern, 2. Auflage, Mainz 1971
     (Keltenschanzen: Siehe z.B. S. 248ff., 250 ff., 256f., 257 ff., S. 258-283)
Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz (Hrsg.): Rosenheim,
     Chiemsee, Traunstein, Bad Reichenhall, Berchtesgaden/ Führer zu vor- und
     frühgeschichtlichen Denkmälern, 2. Auflage, Mainz 1971
Rohrecker, Georg: Druiden – Wilde Frauen – Andersweltfürsten/ Das keltische
     Erbe in Österreichs Sagen, Wien 2002
     (Sagen zur Verteuflung von Glaube und Lebenseinstellung der Kelten, S.
     165-195)
Rohrecker, Georg: Die Kelten Österreichs/ Auf den Spuren unseres versteckten
     Erbes, Wien 2003
Rohrecker, Georg: Heilige Orte der Kelten in Österreich/ Ein Handbuch, Wien 
     2005
Rohrecker, Georg: Kelten, Götter, Heilige/ Mythologie der Ostalpen, Wien
     2007
Rohrecker, Georg: Die Kelten/ Auf den Spuren unseres versteckten Erbes,
     Wien 2011
Schwarz, Klaus und Wieland, Günther: Die Ausgrabungen in der
     Viereckschanze 2 von Holzhausen, Rahden/ Westf. 2005
Schwarz, Klaus: Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns – Pläne und  
     Karten, München 1959
Schwarz, Klaus: Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband,  
     München 2007
Seabrook, Lochlainn: The book of Kelle/ An Introduction to Goddess-Worship
     and the Great Celtic Mother-Goddess Kelle, Franklin, 2. Auflage, 2010
     Seabrook, Lochlainn: Britannia Rules/ Goddess-Worship in Ancient Anglo-
     Celtic Society, 2. Auflage, Franklin 2010
Sharkey, John: Die Keltische Welt/ Religion und Gesellschaft, Frankfurt 1982 Shiels, Tony 'Doc': Monstrum/ A Wizard's Tale, London 1990
     (Kapitel 6, S.85-93, Celtic Connections)
Spence, Lewis: The Magic Arts in Celtic Britain, North Hollywood 1996
Verhart, Leo: Den Kelten auf der Spur/ Neue archäologische Entdeckungen
     zwischen Nordsee und Rhein, Mainz 2008
Wieland, Günther (Hrsg.): Keltische Viereckschanzen/ Einem Rätsel auf der
     Spur, Stuttgart 1999
Wood, Dr. Phil. Juliette: Die Lebenswelt der Kelten/ Alltag, Kunst und
     Mythen eines sagenhaften Volkes, Augsburg 1998, (Großformat!)

Zu den Fotos: Alle Fotos hat Hedi Stahl, Gerblinghausen, aufgenommen. Ich bedanke mich sehr herzlich für die Genehmigung, ihre Fotos in meinem Blog zu verwenden! DANKE! Copyright für alle Fotos: Heidi Stahl

338 »Die Göttin auf dem Berg«,
Teil 338 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 10.07.2016

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Sonntag, 7. September 2014

242 »Ein totes Pferd und eine Göttin«

Teil 242 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Das rätselhafte Kirchlein von Holzhausen.
Foto Walter-Jörg Langbein

Viele Wege führen von München aus in das idyllische Straßlach-Holzhausen. Man kann ein kleines Stück auf der A95 Richtung Garmisch fahren, dann auf der Landstraße via Schäftlarn  nach Holzhausen. Eine andere Möglichkeit ist die A8 Richtung Salzburg, dann auf die Landstraße:  Hofoldinger Forst – Sauerlach – Endlhausen – Eulenschwang – Holzhausen. Ober man fährt gleich Oberhaching – Deisenhofen – Oberbiberg – Ebertshausen – Holzhausen.

Welchen Weg man auch wählt, das kleine Dörfchen Holzhausen, 30 Kilometer südlich von München gelegen, ist immer eine Reise wert. Hat doch Holzhausen eine echte Sensation zu bieten: die Reste einer Jahrtausende alten Kultanlage. Jahrtausende alt sind die beiden sogenannten »Keltenschanzen«. Beide mögen einst so ausgesehen haben wie die Herlingsburg am Schieder-See. Vom Ferienhof »Zum Dammerbauer« erreicht man die einstmals heilige Stätte »Schanze 2« am Südostrand des Dörfchens in wenigen Minuten.

Der Ferienhof »Zum Dammerbauer«. Foto W-J.Langbein

Wirklich viel erkennt man allerdings nicht. Im Buch mit den offiziellen Grabungsberichten heißt es allerdings (1): »Die Schanze ist nur teilweise erhalten, aber einwandfrei erkennbar.« Erkennbar sind allerdings nur Teile der Schanze, andere Teile kann man nur erahnen und andere wiederum fielen der Flurbereinigung zum Opfer. »Schanze 1«, keine 90 Meter östlich von »Schanze 2« hat unter dem Zahn der Zeit deutlich mehr gelitten als »Schanze 1«. Ich muss zugeben: Ich habe sie bei meinem Besuch nicht gefunden. »Schanze 2« maß in etwa 90 Meter im Quadrat. »Schanze 1« war etwas größer und fünfeckig.

Vor mehr als einem halben Jahrhundert, im Jahre 1957, erhielt der Wissenschaftler Klaus Schwarz den Hinweis, dass ein »Erdwall« bei Holzhausen »teilweise abgetragen« werde. Der Gelehrte Klaus Schwaz reagierte prompt und erschien mit einem Team von Archäologen vor Ort. Nach ersten Untersuchungen war klar: Der Wall war kein Überbleibsel eines alten Viehpferchs oder römischen Gutshofs. Man stand vor einem alten keltischen Heiligtum, vergleichbar mit einem »gallo-römischen Umgangstempel«.

Leicht zu übersehen: Teilstück der Keltenschanze.
Foto Langbein

Sorgsamste Ausgrabungen – über einen Zeitraum von fünf Jahren – ergaben verschiedenen Bauphasen. Am Anfang gab es ein sakrales Gebiet, das von einem mächtigen Holzzaun umgeben war. In der Westecke des so geschützten Areals stand ein hölzerner Tempel, der – wie christliche Dome – so etwas wie einen überdachten Umgang besaß. Bei Domen und Kathedralen spricht man von Kreuzgängen, in denen fromme Mönche gedankenverloren zum Beispiel über Jenseits und Höllenfeuer nachdachten. In Bauphase 2 wollte man wohl den Schutz noch verstärken. Ein Graben wurde ausgehoben, ein Wall aufgeschüttet und dazu kam eine wuchtige Wand aus Pfählen. Der Wall muss einst gewaltig gewesen sein. Noch Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts maß der Wall an den Ecken bis zu 2,50 Meter! Wie hoch mag er 2100 Jahre früher gewesen sein?

Von den Holzpalisaden ist heute – 2100 Jahre später – natürlich nichts mehr übrig geblieben. Auch der einst schützende Erdwall besteht nur noch zum Teil, von hohem Gras überwuchert. Bäume wachsen darauf, landwirtschaftlich genutzt wird, was einst womöglich nur keltischen Priestern und Weisen vorbehalten war. Unter der Grasnarbe allerdings hatte eine geheimnisvolle Unterwelt die Jahrtausende überdauert. Die Archäologen machten drei Schächte aus, sechs, acht und fünfunddreißig Meter tief! Welchem Zweck dienten diese Schächte einst? 

Eine der Ecken der Schanze. Foto W-J.Langbein

Der 35 Meter tiefe Schacht war teilweise handwerklich geschickt verschalt worden. Archäologen entdeckten im verschütteten Schacht ein geschnitztes, scheibenförmiges Holzobjekt. Im sechs Meter tiefen Schacht, dem kleinsten, stand einst auf dem Boden ein ins Erdreich getriebener Pfahl. Solche Pfähle versinnbildlichten in »primitiven« Zeiten nicht selten Gottheiten. Zu Zeiten des Alten Testaments, als Jahwe schon längst offizieller Gott war, wurden noch Pfähle angebetet, stellvertretend für Göttinnen. So war das Bild der Göttin Aschera alias Astarte ein Pfahl. Aschera alias Astarte war eine der wichtigsten Fruchtbarkeitsgöttinnen.

Chemische Analysen von Material aus einem der Schächte ergaben ein für den Laien wenig aussagekräftiges Resultat. Eine klumpige Lehmschicht enthielt »Abbauprodukte organischer Substanzen« (2). Martin Bernstein erklärt in seinem Buch »Kultstätten Römerlager und Urwege«: »In den Schacht war also Blut geflossen und Fleisch geworfen worden.« Und weiter: »Jetzt hatten die Wissenschaftler ihre Beweiskette beisammen: künstlich angelegte Schächte, in denen sich Reste von Opfergaben und Kultbildern befanden; einen umfriedeten Platz, der weitgehend unbebaut war und auf dem keinerlei Gegenstände unbeabsichtigt in den Boden gelangt waren; schließlich ein Gebäude mit Umgang, das sich als Vorstufe zu den gallo-römischen Tempeln interpretieren ließ. Die
›Viereckschanze‹ von Holzhausen war ein Heiligtum.«

Bäume auf der Keltenschanze. Foto W-J.Langbein

Von Holzhausen aus habe ich mit zwei lieben Bekannten Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung gemacht. Unzählige kleine Kirchlein konnten wir besuchen. Nicht wenige von ihnen scheinen an Orten errichtet worden zu sein, wo einst schon in vorchristlicher Zeit sogenannte »Heiden« zu ihren Göttinnen und Göttern beteten, zum Beispiel ganz in der Nähe von Quellen. Die Christianisierung erfolgte weit langsamer als Theologen oft gern wahrhaben wollen. Heidnischer Glaube verschwand nicht von heute auf morgen, um dem christlichen Platz zu machen. Vielmehr ist anzunehmen, dass heidnische Kulte und christliche Zeremonien nebeneinander praktiziert wurden. Die Missionare waren häufig keine feingeistig-weltfremden Frömmler. Sie erkannten, dass ihre Schäfchen nicht von den alten Göttern und Göttinnen lassen wollten. Also boten sie ihnen christliche Heilige an, bei denen es sich allerdings um heidnische Götter und Göttinnen im christlichen Gewand handelte.

In Vergessenheit geraten sind die Kulthandlungen, die wohl einst in »Schanze 2« vollzogen wurden. Blutspuren und Reste von Fleisch weisen auf Opferhandlungen hin. Wenn »Mutter Erde« geopfert werden sollte, lag es nahe, die Gaben in einem möglichst tiefen Schacht darzubieten. Ein Pferdeskelett mit abgetrennten Extremitäten gibt Rätsel auf. Gehörte es zum zeremoniellen Ritual, die Gliedmaßen der Opfertiere abzuschlagen, um eine Flucht der toten Tiere zu verhindern?

Prof. Georg Fohrer (*1915, †2002) war »ordentlicher Professor für Alttestamentliche Wissenschaft« in Erlangen. Ich habe manche Vorlesung bei Prof. Fohrer besucht, an einigen seiner Seminare teilgenommen. Je näher seine Emeritierung 1979 rückte, desto offener wurde der Gelehrte auch für »Randfragen«. Im Gespräch (3) erklärte er mir einmal, dass in alten Kulturen, womöglich auch in Israel, die Vorstellung bestand, man müsse Opfertieren die Möglichkeit nehmen im Jenseits zu fliehen. »Ein Pferd sollte womöglich einem Gott als Reittier dienen, oder einem Toten im Jenseits. In himmlischen Gefilden wie im Jenseits war aber eher ein totes Reittier von Nutzen als ein lebendes.

Und es musste zunächst verhindert werden, dass das Tier floh, bevor es vom Gott erstiegen werden konnte.« Wenn man aber einem toten Pferd die Beine abschlug, konnte es im Jenseits zwar nicht fliehen, war aber ja auch als Geisterreittier nicht mehr geeignet. »Sie denken zu logisch!«, rügte mich Prof. Fohrer.


Baumbewachsen ... Teile des Erdwalls. Foto Walter-Jörg Langbein

Oder gibt es eine ganz andere Erklärung für das Pferdeskelett? Bei den Kelten wurde »Epona«, auch »Epana« genannt, als Fruchtbarkeitsgöttin verehrt und angebetet. Gleichzeitig galt sie als mächtige Göttermutter. Die Römer übernahmen »Epona« von den Kelten – als Göttin der Pferde! Weist das Pferdeskelett in »Schanze 2« auf die keltische Fruchtbarkeitsgöttin Epona hin?

Vor 2100 Jahren, als die beiden Keltenschanzen von Holzhausen schon existierten, gab es das Dörfchen Holzhausen noch nicht. Gab es nur die dicht nebeneinander liegenden Kultstätten? Waren es Orte der Wallfahrt für vorchristliche Heiden? Siedelte man sich später, in christlicher Zeit, an, wo uralte heidnische Bräuche ausgeübt wurden? Erinnert gar der Name – das ist reine Spekulation – an die hölzernen Palisaden der »Schanzen«? Das Filialkirchlein »St. Martin« in Holzhausen jedenfalls wurde nur einen Steinwurf von den beiden »Keltenschanzen« entfernt errichtet.

Umstritten ist bis heute, was genau »Keltenschanzen« waren. Die »Schanzen« –  Wallanlagen mit Gräben und Holzpalisaden, dienten sie nur der Verteidigung gegen Angreifer? Was sollte geschützt werden? Waren es sakrale Tempelanlagen für uralte Kulte? Oder handelte es sich um Schutz für keltische Siedlungen, in denen allerdings auch Bauten für religiöse Zwecke gab? Meiner Überzeugung nach waren Keltenschanzen beides. Kleine Areale mit massivem Schutz dürften aber ausschließlich Kultanlagen gewesen sein. Zu diesen zähle ich beide Schanzen von Holzhausen.

Stand hier einst ein Tor? Foto Walter-Jörg Langbein

Im »Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern – Band 18«, herausgegeben vom »Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz«, veröffentlicht im für präzise wissenschaftliche Publikationen bekannten »Verlag Philipp von Zabern« wird die besondere Bedeutung von »Schanze 2« in Holzhausen hervorgehoben: »Was die Ausgrabungen in Holzhausen zur Lösung des Viereckschanzenproblems beitrugen, ist auf wenige Stichworte verkürzt folgendes: Von den bislang für die Viereckschanzen erörterten Deutungsmöglichkeiten konnte die ›Wehrtheorie‹, sowie die ebenfalls erwogene Möglichkeit der landwirtschaftlichen Nutzung (Gutshof, Viehpferch) ausgeschieden werden. Für kultische Zweckbestimmung spricht die Deponierung organischer Substanzen in den ergrabenen Schächten sowie die Aufstellung bearbeiteter Holzgegenstände auf ihrem Grunde, welche – nach römerzeitlichen Analogien aus Gallien – einfache Göttersymbole dargestellt haben könnten.« Weiter weißt das wissenschaftliche Werk daraufhin, dass es in »Keltenschanzen« offensichtlich sakrale Gebäude gab, eine Vorstufe der jüngeren »gallo-römischen« Umgangstempel.

Wie viele »Keltenschanzen« es ursprünglich gegeben haben mag? Wir wissen es nicht. Es müssen allein in Bayern hunderte, wenn nicht gar tausende gewesen sein. Unzählige wurden im Zuge der Christianisierung zerstört, unzählige wurden abgetragen, um Acker- oder Weideland zu gewinnen. Erst durch die Auswertung von Luftbildern, von Flugzeugen aus aufgenommen, können längst verschwundene Anlagen wieder sichtbar gemacht werden. Ihre Grundrisse sind oft noch als Verfärbung im Boden erkennbar…. Spuren von Jahrtausende alten Tempeln, in denen wohl der Fruchtbarkeitsgöttin gehuldigt wurde.

Keltenschanze 2 am Abend. Foto W-J.Langbein

Fußnoten

1) »Die Ausgrabungen in der Viereckschanze 2 von Holzhausen/ Grabungsberichte vom Klaus Schwarz/ Zusammengestellt und kommentiert von Günther Wieland«, Rahden/ Westfalen 2005, S. 11
2) Bernstein, Martin: »Kultstätten Römerlager und Urwege«, München 1996, S. 64
3) Zitat nach Notizen rekonstruiert
4) Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz (Hrsg.): »Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern – Band 18«, 2. Auflage, Main 1971

Siehe auch…

Wieland, Günther (Hrsg.): Keltische Viereckschanzen/ Einem Rätsel auf der Spur, Stuttgart 1999 (21. Holzhausen, Gem. Straßlach-Dingharting, Landkreis München S. 195-198)


»Das Geheimnis der Schatzhöhle,«
Teil 243 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 14.09.2014

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