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Sonntag, 7. September 2014

242 »Ein totes Pferd und eine Göttin«

Teil 242 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Das rätselhafte Kirchlein von Holzhausen.
Foto Walter-Jörg Langbein

Viele Wege führen von München aus in das idyllische Straßlach-Holzhausen. Man kann ein kleines Stück auf der A95 Richtung Garmisch fahren, dann auf der Landstraße via Schäftlarn  nach Holzhausen. Eine andere Möglichkeit ist die A8 Richtung Salzburg, dann auf die Landstraße:  Hofoldinger Forst – Sauerlach – Endlhausen – Eulenschwang – Holzhausen. Ober man fährt gleich Oberhaching – Deisenhofen – Oberbiberg – Ebertshausen – Holzhausen.

Welchen Weg man auch wählt, das kleine Dörfchen Holzhausen, 30 Kilometer südlich von München gelegen, ist immer eine Reise wert. Hat doch Holzhausen eine echte Sensation zu bieten: die Reste einer Jahrtausende alten Kultanlage. Jahrtausende alt sind die beiden sogenannten »Keltenschanzen«. Beide mögen einst so ausgesehen haben wie die Herlingsburg am Schieder-See. Vom Ferienhof »Zum Dammerbauer« erreicht man die einstmals heilige Stätte »Schanze 2« am Südostrand des Dörfchens in wenigen Minuten.

Der Ferienhof »Zum Dammerbauer«. Foto W-J.Langbein

Wirklich viel erkennt man allerdings nicht. Im Buch mit den offiziellen Grabungsberichten heißt es allerdings (1): »Die Schanze ist nur teilweise erhalten, aber einwandfrei erkennbar.« Erkennbar sind allerdings nur Teile der Schanze, andere Teile kann man nur erahnen und andere wiederum fielen der Flurbereinigung zum Opfer. »Schanze 1«, keine 90 Meter östlich von »Schanze 2« hat unter dem Zahn der Zeit deutlich mehr gelitten als »Schanze 1«. Ich muss zugeben: Ich habe sie bei meinem Besuch nicht gefunden. »Schanze 2« maß in etwa 90 Meter im Quadrat. »Schanze 1« war etwas größer und fünfeckig.

Vor mehr als einem halben Jahrhundert, im Jahre 1957, erhielt der Wissenschaftler Klaus Schwarz den Hinweis, dass ein »Erdwall« bei Holzhausen »teilweise abgetragen« werde. Der Gelehrte Klaus Schwaz reagierte prompt und erschien mit einem Team von Archäologen vor Ort. Nach ersten Untersuchungen war klar: Der Wall war kein Überbleibsel eines alten Viehpferchs oder römischen Gutshofs. Man stand vor einem alten keltischen Heiligtum, vergleichbar mit einem »gallo-römischen Umgangstempel«.

Leicht zu übersehen: Teilstück der Keltenschanze.
Foto Langbein

Sorgsamste Ausgrabungen – über einen Zeitraum von fünf Jahren – ergaben verschiedenen Bauphasen. Am Anfang gab es ein sakrales Gebiet, das von einem mächtigen Holzzaun umgeben war. In der Westecke des so geschützten Areals stand ein hölzerner Tempel, der – wie christliche Dome – so etwas wie einen überdachten Umgang besaß. Bei Domen und Kathedralen spricht man von Kreuzgängen, in denen fromme Mönche gedankenverloren zum Beispiel über Jenseits und Höllenfeuer nachdachten. In Bauphase 2 wollte man wohl den Schutz noch verstärken. Ein Graben wurde ausgehoben, ein Wall aufgeschüttet und dazu kam eine wuchtige Wand aus Pfählen. Der Wall muss einst gewaltig gewesen sein. Noch Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts maß der Wall an den Ecken bis zu 2,50 Meter! Wie hoch mag er 2100 Jahre früher gewesen sein?

Von den Holzpalisaden ist heute – 2100 Jahre später – natürlich nichts mehr übrig geblieben. Auch der einst schützende Erdwall besteht nur noch zum Teil, von hohem Gras überwuchert. Bäume wachsen darauf, landwirtschaftlich genutzt wird, was einst womöglich nur keltischen Priestern und Weisen vorbehalten war. Unter der Grasnarbe allerdings hatte eine geheimnisvolle Unterwelt die Jahrtausende überdauert. Die Archäologen machten drei Schächte aus, sechs, acht und fünfunddreißig Meter tief! Welchem Zweck dienten diese Schächte einst? 

Eine der Ecken der Schanze. Foto W-J.Langbein

Der 35 Meter tiefe Schacht war teilweise handwerklich geschickt verschalt worden. Archäologen entdeckten im verschütteten Schacht ein geschnitztes, scheibenförmiges Holzobjekt. Im sechs Meter tiefen Schacht, dem kleinsten, stand einst auf dem Boden ein ins Erdreich getriebener Pfahl. Solche Pfähle versinnbildlichten in »primitiven« Zeiten nicht selten Gottheiten. Zu Zeiten des Alten Testaments, als Jahwe schon längst offizieller Gott war, wurden noch Pfähle angebetet, stellvertretend für Göttinnen. So war das Bild der Göttin Aschera alias Astarte ein Pfahl. Aschera alias Astarte war eine der wichtigsten Fruchtbarkeitsgöttinnen.

Chemische Analysen von Material aus einem der Schächte ergaben ein für den Laien wenig aussagekräftiges Resultat. Eine klumpige Lehmschicht enthielt »Abbauprodukte organischer Substanzen« (2). Martin Bernstein erklärt in seinem Buch »Kultstätten Römerlager und Urwege«: »In den Schacht war also Blut geflossen und Fleisch geworfen worden.« Und weiter: »Jetzt hatten die Wissenschaftler ihre Beweiskette beisammen: künstlich angelegte Schächte, in denen sich Reste von Opfergaben und Kultbildern befanden; einen umfriedeten Platz, der weitgehend unbebaut war und auf dem keinerlei Gegenstände unbeabsichtigt in den Boden gelangt waren; schließlich ein Gebäude mit Umgang, das sich als Vorstufe zu den gallo-römischen Tempeln interpretieren ließ. Die
›Viereckschanze‹ von Holzhausen war ein Heiligtum.«

Bäume auf der Keltenschanze. Foto W-J.Langbein

Von Holzhausen aus habe ich mit zwei lieben Bekannten Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung gemacht. Unzählige kleine Kirchlein konnten wir besuchen. Nicht wenige von ihnen scheinen an Orten errichtet worden zu sein, wo einst schon in vorchristlicher Zeit sogenannte »Heiden« zu ihren Göttinnen und Göttern beteten, zum Beispiel ganz in der Nähe von Quellen. Die Christianisierung erfolgte weit langsamer als Theologen oft gern wahrhaben wollen. Heidnischer Glaube verschwand nicht von heute auf morgen, um dem christlichen Platz zu machen. Vielmehr ist anzunehmen, dass heidnische Kulte und christliche Zeremonien nebeneinander praktiziert wurden. Die Missionare waren häufig keine feingeistig-weltfremden Frömmler. Sie erkannten, dass ihre Schäfchen nicht von den alten Göttern und Göttinnen lassen wollten. Also boten sie ihnen christliche Heilige an, bei denen es sich allerdings um heidnische Götter und Göttinnen im christlichen Gewand handelte.

In Vergessenheit geraten sind die Kulthandlungen, die wohl einst in »Schanze 2« vollzogen wurden. Blutspuren und Reste von Fleisch weisen auf Opferhandlungen hin. Wenn »Mutter Erde« geopfert werden sollte, lag es nahe, die Gaben in einem möglichst tiefen Schacht darzubieten. Ein Pferdeskelett mit abgetrennten Extremitäten gibt Rätsel auf. Gehörte es zum zeremoniellen Ritual, die Gliedmaßen der Opfertiere abzuschlagen, um eine Flucht der toten Tiere zu verhindern?

Prof. Georg Fohrer (*1915, †2002) war »ordentlicher Professor für Alttestamentliche Wissenschaft« in Erlangen. Ich habe manche Vorlesung bei Prof. Fohrer besucht, an einigen seiner Seminare teilgenommen. Je näher seine Emeritierung 1979 rückte, desto offener wurde der Gelehrte auch für »Randfragen«. Im Gespräch (3) erklärte er mir einmal, dass in alten Kulturen, womöglich auch in Israel, die Vorstellung bestand, man müsse Opfertieren die Möglichkeit nehmen im Jenseits zu fliehen. »Ein Pferd sollte womöglich einem Gott als Reittier dienen, oder einem Toten im Jenseits. In himmlischen Gefilden wie im Jenseits war aber eher ein totes Reittier von Nutzen als ein lebendes.

Und es musste zunächst verhindert werden, dass das Tier floh, bevor es vom Gott erstiegen werden konnte.« Wenn man aber einem toten Pferd die Beine abschlug, konnte es im Jenseits zwar nicht fliehen, war aber ja auch als Geisterreittier nicht mehr geeignet. »Sie denken zu logisch!«, rügte mich Prof. Fohrer.


Baumbewachsen ... Teile des Erdwalls. Foto Walter-Jörg Langbein

Oder gibt es eine ganz andere Erklärung für das Pferdeskelett? Bei den Kelten wurde »Epona«, auch »Epana« genannt, als Fruchtbarkeitsgöttin verehrt und angebetet. Gleichzeitig galt sie als mächtige Göttermutter. Die Römer übernahmen »Epona« von den Kelten – als Göttin der Pferde! Weist das Pferdeskelett in »Schanze 2« auf die keltische Fruchtbarkeitsgöttin Epona hin?

Vor 2100 Jahren, als die beiden Keltenschanzen von Holzhausen schon existierten, gab es das Dörfchen Holzhausen noch nicht. Gab es nur die dicht nebeneinander liegenden Kultstätten? Waren es Orte der Wallfahrt für vorchristliche Heiden? Siedelte man sich später, in christlicher Zeit, an, wo uralte heidnische Bräuche ausgeübt wurden? Erinnert gar der Name – das ist reine Spekulation – an die hölzernen Palisaden der »Schanzen«? Das Filialkirchlein »St. Martin« in Holzhausen jedenfalls wurde nur einen Steinwurf von den beiden »Keltenschanzen« entfernt errichtet.

Umstritten ist bis heute, was genau »Keltenschanzen« waren. Die »Schanzen« –  Wallanlagen mit Gräben und Holzpalisaden, dienten sie nur der Verteidigung gegen Angreifer? Was sollte geschützt werden? Waren es sakrale Tempelanlagen für uralte Kulte? Oder handelte es sich um Schutz für keltische Siedlungen, in denen allerdings auch Bauten für religiöse Zwecke gab? Meiner Überzeugung nach waren Keltenschanzen beides. Kleine Areale mit massivem Schutz dürften aber ausschließlich Kultanlagen gewesen sein. Zu diesen zähle ich beide Schanzen von Holzhausen.

Stand hier einst ein Tor? Foto Walter-Jörg Langbein

Im »Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern – Band 18«, herausgegeben vom »Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz«, veröffentlicht im für präzise wissenschaftliche Publikationen bekannten »Verlag Philipp von Zabern« wird die besondere Bedeutung von »Schanze 2« in Holzhausen hervorgehoben: »Was die Ausgrabungen in Holzhausen zur Lösung des Viereckschanzenproblems beitrugen, ist auf wenige Stichworte verkürzt folgendes: Von den bislang für die Viereckschanzen erörterten Deutungsmöglichkeiten konnte die ›Wehrtheorie‹, sowie die ebenfalls erwogene Möglichkeit der landwirtschaftlichen Nutzung (Gutshof, Viehpferch) ausgeschieden werden. Für kultische Zweckbestimmung spricht die Deponierung organischer Substanzen in den ergrabenen Schächten sowie die Aufstellung bearbeiteter Holzgegenstände auf ihrem Grunde, welche – nach römerzeitlichen Analogien aus Gallien – einfache Göttersymbole dargestellt haben könnten.« Weiter weißt das wissenschaftliche Werk daraufhin, dass es in »Keltenschanzen« offensichtlich sakrale Gebäude gab, eine Vorstufe der jüngeren »gallo-römischen« Umgangstempel.

Wie viele »Keltenschanzen« es ursprünglich gegeben haben mag? Wir wissen es nicht. Es müssen allein in Bayern hunderte, wenn nicht gar tausende gewesen sein. Unzählige wurden im Zuge der Christianisierung zerstört, unzählige wurden abgetragen, um Acker- oder Weideland zu gewinnen. Erst durch die Auswertung von Luftbildern, von Flugzeugen aus aufgenommen, können längst verschwundene Anlagen wieder sichtbar gemacht werden. Ihre Grundrisse sind oft noch als Verfärbung im Boden erkennbar…. Spuren von Jahrtausende alten Tempeln, in denen wohl der Fruchtbarkeitsgöttin gehuldigt wurde.

Keltenschanze 2 am Abend. Foto W-J.Langbein

Fußnoten

1) »Die Ausgrabungen in der Viereckschanze 2 von Holzhausen/ Grabungsberichte vom Klaus Schwarz/ Zusammengestellt und kommentiert von Günther Wieland«, Rahden/ Westfalen 2005, S. 11
2) Bernstein, Martin: »Kultstätten Römerlager und Urwege«, München 1996, S. 64
3) Zitat nach Notizen rekonstruiert
4) Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz (Hrsg.): »Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern – Band 18«, 2. Auflage, Main 1971

Siehe auch…

Wieland, Günther (Hrsg.): Keltische Viereckschanzen/ Einem Rätsel auf der Spur, Stuttgart 1999 (21. Holzhausen, Gem. Straßlach-Dingharting, Landkreis München S. 195-198)


»Das Geheimnis der Schatzhöhle,«
Teil 243 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 14.09.2014

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Sonntag, 10. Juli 2011

77 »Der 13. Jünger«

Teil 77 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Die Wehrkirche von Kirchbrak
Foto: W-J.Langbein
Man muss nicht in fernste Ecken unserer Welt reisen, um Mysterien zu ergründen. Geheimnisvolles gibt es auch vor der sprichwörtlichen Haustür zu finden.... zum Beispiel in Kirchbrak. Das kleine Gotteshaus besitzt ein höchst ungewöhnliches Altarbild. Es zeigt Jesus und dreizehn Jünger...

Schon vor rund 1200 Jahren um taucht der Name Kirchbrak erstmals in einer amtlichen Urkunde auf. Das Dokument wurde im Kloster Fulda entdeckt. Interessant ist schon der Ortsname. Hans Hölscher bietet eine Erklärung an. Er schreibt in seinem informativen Heftchen »Sankt Michael Kirchbrak im Weserbergland« (1) heißt es: »Es bieten sich dafür an: brak = umgebrochenes Neuland; brach = Brachland; brak = Bruch (sumpfiges Gelände).« Kirchbrak kann also übersetzt werden mit: »Kirche im sumpfigen Brachland«.

Warum wurde eine Kirche in unwirtlicher Region gebaut? Zu vermuten ist, dass es dort ein heidnisches Heiligtum gab, an dessen Stelle ein christliches Gotteshaus errichtet wurde. Häufig wurden uralte Kultplätze von neuen Religionen einfach übernommen. Alte Tempel wurden abgerissen, auf ihren Grundmauern wurden neue Tempel erbaut. Einen heidnischen Vorgängerbau dürfte es auch in Kirchbrak gegeben haben.

Blick ins Kirchenschiff
Foto: W-J.Langbein
Unklar ist, wann das erste christliche Gotteshaus in Kirchbrak gebaut wurde. Gab es schon im 11. Jahrhundert eine Kapelle? Im 13. Jahrhundert wurde wohl eine erste Wehrkirche errichtet. Sie diente nicht nur als Ort für katholische Gottesdienste, sondern auch als Zufluchtsort für die Bevölkerung im Kriegsfall. Die Sandsteinmauern sind über einen Meter dick. Noch heute macht die Kirche von Kirchbrak einen sehr wehrhaften Eindruck.

Der Eingang lag nicht ebenerdig, sondern einige Meter höher. Der machte das Betreten und Verlassen des Gotteshauses zum mühsamen Unterfangen. Aber im Falle eines feindlichen Angriffs konnten sich die Menschen in die Kirche zurückziehen. Wenige bewaffnete Männer genügten zur Verteidigung. Der ursprüngliche Eingang wurde längst zugemauert, das Gotteshaus kann bequem betreten werden.

Betritt man heute die Kirche durch den Seiteneingang, so beansprucht der schöne farbenfrohe Altar unsere Aufmerksamkeit. Sein herrliches, bunt bemaltes Schnitzwerk lässt uns nähertreten. So wie die Kirche in mehreren Etappen erbaut und erweitert wurde, so entstand der Altar auch nach und nach. Im 13. Jahrhundert gab es den Altar in seiner Urform, um 1750 wurde dann die Kanzel eingefügt. Zu dieser Zeit dürfte die Gruft unter der Kirche längst zugemauert gewesen sein. Damit war ein Geheimgang, der in das unterirdische Gewölbe führte, für immer verschlossen.

Der Altar - Foto: Barbara Kern
Versetzen wir uns in die religiöse Welt des »Heidentums«. Diese vorchristliche Zeit wurde über unvorstellbar lange Zeitepochen hinweg vom Prinzip des Matriarchats bestimmt. So konstatiert Adele Getty in ihrem fundamentalen Werk »Göttin, Mutter des Lebens« (2):

»Die Schöpfungsmythen zahlloser Kulturen legen Zeugnis ab... von der Rolle, die das weibliche Prinzip bei der Gestaltung der Welt spielte, in der wir leben. In der Vorstellung ist die Göttin allgegenwärtig und ewig.« Allgegenwärtig ist die Göttin für einen Heiden auch im Schnitzwerk des Altars von Kirchbrak!

Stellen wir uns vor: Ein Heide aus vorchristlichen Zeiten betritt die Kirche. Die christliche Lehre ist ihm vollkommen unbekannt. Die zentralen Gestalten des Alten und Neuen Testaments kennt er nicht. Und doch würde sich »unser« Heide durchaus heimisch fühlen....

Hoch oben steht triumphierend – über dem auferstandenen Jesus – eine Göttin: Justicia. Begleitet wird sie von zwei Engeln. Im »Alten Testament« waren Engel noch männliche Boten, die die Botschaften des männlichen Gottes übermittelten. Im »Neuen Testament« sind Engel immer noch Boten zwischen Himmel und Erde. Denken wir an die Weihnachtsgeschichte. Es ist ein Engel, der Maria auf ihre Schwangerschaft aufmerksam macht.... und vom Engel erfährt Maria, wie bedeutsam und segensreich ihre Schwangerschaft ist.

Justitia und zwei Engel - Foto: W-J.Langbein
Die Engel von Kirchbrak sind eindeutig weiblich. Weibliche Engel, so erklärte mir Prof. Dr. Georg Fohrer, Fachbereich Altes Testament, sind die christliche Variante von Göttinnen, die in uralten Zeiten – lange vor Christentum und Judentum – angebetet wurden!

Weitere heilige Frauen nehmen am Altar eine herausragende Position ein. Sie stehen über den vier Aposteln. Es sind die Tapferkeit, die Mäßigkeit, der Glaube, die Hoffnung, die Liebe und die Klugheit. Die Liebe wird als Frau mit zwei Kindern dargestellt. Sie erinnert stark an die Erdmutter auf dem Relief vom Altar des Augustusfriedens aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert.

Göttin der Liebe
Foto: W-J.Langbein
Diverse Darstellungen am Altar von Kirchbrak als »heidnisch« zu bezeichnen, das wird sicher den Widerspruch christlicher Interpreten auslösen. Es handele sich doch um allegorische Darstellungen! Warum aber erscheinen wichtige Gestalten an einem christlichen Altar in heidnischem Gewand? Warum wird die personifizierte »Hoffnung« als überaus attraktive Frau in Begleitung einer Taube gezeigt? Die Taube war das Symboltier der vorchristlichen Göttin, etwa der Venus!

Für einen vorchristlichen Heiden ist die attraktive Lady mit der Taube... die Göttin der Liebe, die Venus! Und »unser« Heide wird seine Sichtweise bestätigt finden: Gibt es doch unzählige Muscheln am Altar von Kirchbrak, wunderbar geschnitzt und in der Regel – was auf ihre besondere Bedeutung hinweist – golden angemalt! Mich schockiert »Heidnisches« in »christlichem Gewand« oder »Christliches« in »heidnischem Gewand« überhaupt nicht! Ganz im Gegenteil! Wir leben in einer Zeit, in der – auch und gerade in Deutschland – verstärkt unterschiedlichste Glaubensformen auf immer engerem Raum begegnen werden. Anstatt nun die trennenden Momente zu betonen, die uns voneinander unterscheiden... sollten wir erkennen: Unterschiedliche Religionen suchen nach der Wahrheit. Da es nur eine Wahrheit gibt, können unterschiedliche Religionen doch eben diese eine Wahrheit im Blick haben, allen scheinbaren Unterschieden zum Trotz!

Hoffnung oder Venus
Foto: W-J.Langbein

Mein Rat: Wenn es Ihnen möglich ist, besuchen Sie doch einmal das Kirchlein von Kirchbrak! Von Bodenwerder kommend müssen Sie die Bundesstraße 240 verlassen und der ländlichen Kreisstraße folgen. Schon nach wenigen Kilometern werden sie das von waldigen Höhen umgebene Kirchbrak erblicken. Besuchen Sie die Kirche... gehen Sie zum Altar. Zählen Sie die Jünger auf dem Abendmahlsbild... Sie werden dreizehn, nicht zwölf Jünger sehen! Wer aber ist der 13. Jünger?

Fußnoten
1 Hölscher, Hans: »Sankt Michael im Weserbergland«, Kirchbrak, 2. Auflage 1984, S.1
2 Getty, Adele: »Göttin, Mutter des Lebens«, München 1993, S.5

Buchtipp:
Maria Magdalena - Die Wahrheit über die Geliebte Jesu von Walter-Jörg Langbein




»Maria Magdalena und das Abendmahl«,
Teil 78 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 17.7.2011



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