Posts mit dem Label Allegorie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Allegorie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 25. Dezember 2016

362 »Monster in alten Kirchen«

Teil  362 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein    
                  

Foto 1: Hoch oben im Hamelner Münster ...

Monstermauern wurden weltweit errichtet, und das schon in grauer Vorzeit. Monstermauern wurden in unterschiedlichen Kulturen zu unterschiedlichen Zeiten gebaut, und das häufig mit schier unglaublicher Präzision. Tonnenschwere Kolosse wurden mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit millimetergenau aufeinander und ineinander gefügt. Manchmal sind die Fugen zwischen den Steinriesen kaum zu erkennen und so eng, dass selbst eine Rasierklinge nicht dazwischen passt. Wurden zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Regionen immer wieder die gleichen Techniken entwickelt? Wir wissen nicht wirklich, wie gigantische Steinmonster bewegt, bearbeitet, angehoben und ineinander gefügt wurden. Primitiv waren unsere Altvorderen jedenfalls nicht.


Fotos 2 und 3: Fabelwesen im Hamelner Münster

Monsterwesen findet man auf Jahrtausende alten Steinreliefs in fremden Ländern und Kulturen, aber auch bei uns vor der sprichwörtlichen Haustür, wo man sie eigentlich nicht erwartet: in zahlreichen alten Kirchen! Es gibt sie, und man kann sie auch entdecken, so man sie denn auch sucht. Häufig sind sie hoch oben an Säulenkapitellen angebracht, mehr oder minder versteckt vor den Augen der damaligen Menschen. Mit einem guten Teleobjektiv kann man sie aber zum Beispiel im Hamelner  Dom  studieren. Dann staunt man über das wilde Getier, das da – saurierartig – auf Leben und Tod miteinander kämpft.

Foto 4: Die Krypta vom Dom zu Paderborn

Warum wurden hoch oben auf den Säulenkapitellen vom Hamelner Münster derlei Monsterwesen verewigt? In der Krypta des Doms von Paderborn findet sich im Schnitzwerk nicht minder Mysteriöses. Da gibt es zum Beispiel einen Drachen (Foto 5!). Macht er sich für einen Angriff bereit? Oder versucht er, sich für einen größeren Feind so gut es geht unsichtbar zu machen? Die Kreatur kauert geduckt, den Kopf gesenkt, die spitzen Zähne im Maul machen einen gefährlichen Eindruck. Ist dieses Wesen der Fantasie des unbekannten Künstlers entsprungen?

Foto 5: Ein lauernder Drachen in der Krypta

Ein anderes Schnitzwerk (Foto 6) zeigt eine irdischere Szene. Findet da so etwas wie ein Hahnenkampf statt? Hähne von »Bauer Müllers« Hof sind das aber nicht. Es sind irgendwelche kämpferisch veranlagte Vogel-Fabelwesen. Derlei mysteriöse Kreaturen treten seit Jahrtausenden auf unserem Planeten auf, in Stein gemeißelt, in Holz geschnitzt, von München bis Mexico. Natürlich kann man sie alle christlich interpretieren. Quetzalcoatl, der vom Himmel steigt und wieder in den Himmel verschwindet, hat frappierende Ähnlichkeit mit einem Messias, der vom Himmel hoch kam und sich wieder in den Himmel zurück aufmachte. Christliche Interpreten werden auf einen solchen Vergleich mit Empörung reagieren. Das ändert aber nichts daran, dass es schon lange vor der islamischen, christlichen, ja auch vor der jüdischen Zeit Messiasgestalten gab. Sie alle kamen aus dem Himmel, entschwanden wieder im Himmel und versprachen, dereinst wieder auf die Erde zurück zu kommen.

Foto 6: Ein »Hahnenkampf«?

Spätestens seit Erich von Däniken wissen wir, dass derlei »Messiasse« schlicht und einfach kosmische Besucher gewesen sein können, die unsere Vorfahren besuchten, die irgendwann ihre kosmische Reise fortsetzten, nicht ohne ihre Wiederkehr anzukündigen.

Foto 7: »Katze« zwischen »Salamandern«?

Kehren wir in die Unterwelt der Krypta des Paderborner Doms zurück. Ein weiteres Schnitzwerk (Foto 7!) zeigt in der Mitte ein katzenartiges Wesen, rechts und links davon schlängeln und ringeln sich zwei Salamander (?) oder Schlangen mit Beinen. Beide »Reptilien« attackieren den »Tiger«. Sie beißen von rechts und links das Katzentier. Natürlich gibt es ein schönes Zauberwort zur Erklärung: »allegorische Darstellung«. Das Etikett »Allegorie« ist schnell zur Hand, sobald es gilt, geheimnisvolle Darstellungen zu erklären. Freilich werden auf diese Weise oft Fragen nicht beantwortet, sondern Antworten vermieden. Sobald man ein kurioses Kunstwerk nicht erklären kann, hilft die Etikettierung »Allegorie« über die Notwendigkeit, wirklich nach einer Bedeutung zu suchen, hinweg.

Regelrecht wild geht es auf einem anderen geschnitzten Szenebild in Holz zu. Beim genaueren Hinschauen machen wir gleich sechs kämpfende Wesen aus. Die sechs sind dermaßen ineinander verschlungen. Mir ging es jedenfalls so, dass ich gar nicht so leicht erkennen konnte, wie viele Wesen da im Knäuel der Leiber auszumachen sind. Welche Flügel gehören zu welcher Kreatur gehören? Welcher Kopf gehört zu welchem Leib?

Fotos 8a und 8b: 6 »Monster« an der Kirchenbank

Mischwesen wie ägyptische Sphingen sind meist unschwer zu definieren. Da sitzt zum Beispiel ein menschliches Haupt auf dem Leib eines Tieres. Mischwesen sind in der Regel Mixturen aus verschiedenen real existierenden Lebewesen. Beim Anblick dieses Getümmels von sechs Kreaturen habe ich so meine Schwierigkeiten. Was sind da für Tiere involviert?

Wir alle kennen die Kraft der Fantasie. Man muss nur in den bewölkten Himmel blicken, und schon formieren sich Wilken zu Landschaften oder Gesichtern. Wir bilden aus zufälligen Anordnungen von Wolken konkrete Bilder, die so freilich nur in unserer Vorstellung existieren. Im Fall der Schnitzereien an den Bankenden in der Krypta des Doms zu Paderborn verhält es sich anders. Da sind wirklich von Menschenhand geschaffene Darstellungen von Wesen. Und doch wirkt auch hier unsere Fantasie beim »Erkennen« mit. Wir wissen: Da (Fotos 08a und 08b) wurden Lebewesen verewigt. Was aber wollte der unbekannte Künstler konkret darstellen?

Foto 8c: »Monstersuchbild« an der Kirchenbank

Zentral im Getümmel (Foto 8c!) gelegen ist das Gesicht eines Hominiden, vielleicht eines Affen (Nr.1). Vorne links könnte so etwas wie ein schlecht gelauntes Schwein vom Betrachter aus gesehen nach links blicken. Erkennen wir einen Rüssel? Bei Nr. 3 bietet sich der Vergleich mit einem Hund oder Wolf an.

Auf einem Schlangenleib sitzt ein Tierkopf (Nr. 4). Aber: Was für ein Tier bekam da einen so unpassenden Leib verpasst? Nr. 5 ist noch schwerer einzuschätzen. Hat dieses Wesen nur eine etwas seltsam geformte Nase? Oder ist das ein Schnabel, der nicht so recht zum Gesicht zu passen scheint? Mächtige gefiederte Schwingen verdecken den Leib des Tieres. Wenn es ein vogelartiges Tier sein sollte, das da ins dunkle Holz geschnitzt wurde, macht der Schnabel durchaus Sinn. Zu guter Letzt: Nr.6 hat wiederum Schwingen aufzuweisen.

Bleiben wir kritisch uns selbst gegenüber! Sobald wir uns konkret bestimmte Tiere vorstellen, meinen wir immer mehr Merkmale zu sehen, die just zu unserer Vorstellung passen. Wir sehen, was wir sehen wollen. Experimentieren wir also mit unserer Fantasie. Dann »verändern« sich vor unseren Augen die Tiere, aus einem Schnabel mag ein weit geöffneter Rachen werden, aus dem Kopf einer Echse der eines Vogels.

Margarete Niggemeyer hat einen vorzüglichen Führer zu einer Vielzahl von geheimnisvollen Kreaturen im Paderborner Dom verfasst. »Lob der Schöpfung – Die Tier- und Pflanzenwelt im Hohen Dom zu Paderborn« heißt das empfehlenswerte Werk (1). Leider ist es nur noch antiquarisch erhältlich. Für alle, die das Rätselhafte im Dom zu Paderborn suchen, ist das wichtige Werk der ideale Führer. Unter der Zwischenüberschrift »Fabelwesen an Bänken« schreibt die Autorin (2): »In der Krypta schmücken vielfach Fabeltiere als Ornament die Bankenden. … Diese Fabelwesen verschlingen sich gegenseitig, ihre Köpfe legen sie aneinander, bedecken mit ihren Flügeln den Körper oder stoßen mit ihren Schnäbeln aneinander. Andere wiederum verschlingen ein schlangenartiges Tier.«

Fotos 9 und 10: Teufel im Drogenrausch und springender Drachen

Die Krypta unter dem Dom ist als Ort der Stille und des Gebets gedacht. Natürlich habe ich beim Studium der Schnitzwerke Rücksicht auf Gläubige genommen. Fotografiert habe ich – ohne Blitz – nur, wenn ich allein in der Krypta war. So verbrachte ich manche Stunde im Raum unter dem Dom, der vor einem Jahrtausend vielleicht Reliquienschreine enthielt.

Margarete Niggemeyer macht uns auf noch eine Besonderheit aufmerksam (3): »Die Holztür vor den Orgelpfeifen in der Krypta ist ebenfalls mit Fabelwesen geschmückt.« Es sind zwei Darstellungen in die hölzernen Türen eingefügt worden (Fotos 9 und 10!), die an Laubsägearbeiten erinnern. Ein Teufel sitzt da, das Haupt geneigt, an einer Pflanze saugend. Ob er auf diese Weise ein natürliches Rauschmittel konsumiert? Teile des Teufels sind offenbar abgebrochen. Ich meine aber ein typisches Teufelsmerkmal erkennen zu können, den Bocksfuß.

Daneben ist ein munteres Fabelwesen unterwegs, eine Art Sphinx mit Drachenkopf und dem Leib eines Pferdes. Zacken am Hals des Tieres erinnern an Saurierdarstellungen.

Foto 11: Favelwesen im Handlauf

Besonders leicht übersehen wird am Handlauf der Treppe, die die Unterwelt der Krypta mit dem Kirchenschiff verbindet – natürlich ein Fabelwesen… Fazit: Fabelwesen allenthalten. Was aber mögen sie bedeuten? Sind es die berühmt-berüchtigten Allegorien? Wir fragen uns, wann ein bestimmtes Kunstwerk geschaffen wurde. Wichtiger aber scheint mir aber, wann geheimnisvolle Motive zum ersten Mal aufgetaucht sind und in welcher Form sie über die Jahrhunderte hinweg immer wieder zum Einsatz kamen. Frappierend ist es meiner Meinung nach, dass Drachen- und Monstermotive weltweit in unterschiedlichsten Kulturen zu unterschiedlichsten Zeiten in unterschiedlichsten Ländern auftauchen. Wer hat den Urdrachen wann und wo erfunden?

Foto 12: Raum der Stille, Raum des Gebets

Fußnoten

1) Margarete Niggemeyer: »Lob der Schöpfung – Die Tier- und Pflanzenwelt im Hohen Dom zu Paderborn«, Paderborn 2011
2) ebenda, S. 29 rechts unten
3) ebenda

Zu den Fotos
Foto 1: Hoch oben im Hamelner Münster ...
Fotos 2 und 3: Fabelwesen im Hamelner Münster
Foto 4: Die Krypta vom Dom zu Paderborn
Foto 5: Ein lauernder Drachen in der Krypta
Foto 6: Ein »Hahnenkampf«?
Foto 7: »Katze« zwischen »Salamandern«?
Fotos 8a und 8b: 6 »Monster« an der Kirchenbank
Foto 8c: »Monstersuchbild« an der Kirchenbank
Fotos 9 und 10: Teufel im Drogenrausch und springender Drachen
Foto 11: Fabelwesen im Handlauf
Foto 12: Raum der Stille, Raum des Gebets

363 »Übergang zur Anderswelt«,
Teil  363 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 01.01.2017


Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 27. November 2016

358 »Das Grab des Papstes«

Foto 1: Reliefs am Grab
Teil  358 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Oberfranken ist und bleibt meine Heimat, auch wenn es mich ins Weserbergland verschlagen hat. Bamberg war vor einem halben Jahrhundert eines der beliebtesten Ausflugsziele meiner Eltern. So wurde ich schon als Kind immer wieder in den altehrwürdigen Dom geführt. Besonders beeindruckt hat mich der Bamberger Reiter und das Papstgrab mit seinen Reliefs. Besonders gefallen hat mir als Kind der – in meinen Augen – freundliche Drache. Besonders groß war er ja nicht. Und wieso fasste ihm die Frau in der seltsamen Kutte an den Hals? Gleich daneben war eine weitere Frau. Ich hielt sie für eine Tierärztin, die einem kranken Löwen in den weit geöffneten Rachen schaut.

Andere Darstellungen verstand ich überhaupt nicht. Was hatte ein nackter Mann am Grab eines Papstes zu suchen? Und was machte der Mann? Goss er sich beim Waschen einen großen Krug Wasser über den Leib? Und wer war der Mann mit dem spitzen Hut auf dem Sofa, der sich offenbar mit einem Engel unterhielt? Dann war da noch ein bärtiger Mann mit Schild und Schwert. Warum hantierte eine Person, die mit einem Schwert bewaffnet war, mit einer Waage? Was hatte die Frau mit zwei Krügen vor? Für mich als Kind waren die Reliefs am Papstgrab nichts Religiöses, sondern Teile einer Bildergeschichte, die ich nicht verstand.

Foto 2: Die Tumba des Papstes

Gelernt habe ich im Lauf der Jahre, Kapellen, Kirchen und Kathedralen unvoreingenommen zu erkunden. Entdeckt habe ich dabei immer wieder künstlerische Darstellungen, die nicht so recht in ein christliches Gotteshaus zu passen scheinen. Beispiel: Kloster Corvey. Unter der Westempore des Johanneschores im Westwerk findet sich ein einzigartiges gemaltes Dokument. Es ist etwa1200 Jahre alt. Dank modernster wissenschaftlicher Methoden konnten winzige Farbpartikel entdeck werden, die man mit dem bloßen Auge nicht wahrnimmt. So war es möglich, scheinbar Verschwundenes deutlicher sichtbar werden zu lassen.

Foto 3: Die »Löwenbändigerin« oder »Tierärztin«?

Das Monster von Corvey hat einen spitz zulaufenden Schwanz, der ist steil emporgerichtet. Er wird rasch dicker, windet sich zweimal und geht in einen »menschlichen« Oberkörper über. Die Kreatur reckt einen Arm nach oben, mit dem anderen hat es einen Mann umklammert. Aus der Hüfte des Untiers wachsen drei Vorderteile von Hunden heraus.  Auf dem Schwanz der Bestie steht eine hünenhafte Gestalt, bekleidet mit Lendenschurz, bewaffnet ist mit Schild und Speer. Wahrscheinlich dürfen wir das Monsterwesen als Skylla, vielleicht aber auch als Kerberos identifizieren. Beide wurden in der Antike mit drei Vorderteilen von Hunden und Drachenschwanz dargestellt. Der wackere Kämpfer, der es mit dem Monster aufnimmt, könnte Odysseus sein, wenn die Darstellung des Gemetzels in einem heidnischen Tempel oder einem Palast aus vorchristlichen Zeiten zu finden wäre. Was aber hat Odysseus versus Monster in einem christlichen Gotteshaus zu suchen?

Fotos 4 und 5: Barbusige mit Drachen
Da bringen Theologen gern ein Zauberwort ins Spiel: die Allegorie. Die Allegorie – im Altgriechischen »allegoria«, zu Deutsch »verschleierte Sprache« – ist höchst hilfreich, wenn es gilt, ein heidnisch-mythologisches Bild in einem christlichen Gotteshaus zu erklären. Interpretiert man ein Bild allegorisch, dann bedeutet es etwas ganz anderes als es auf den ersten Blick darzustellen scheint. Aus dem mythologisch-heidnischen Kampf des Odysseus gegen Skylla oder Kerberos wird so der Heiligen Georg versus Satan und wenn man so will Jesus als Sieger über das Böse.

Allegorisch seien, so höre ich immer wieder, die Reliefs vom Bamberger Papstgrab zu verstehen. Die südliche Längsseite der Tumba zieren zwei besondere Paare: eine Frau und ein Löwe und eine Frau und ein Drache. »Fortitudo«  – Stärke – sei allegorisch als Frau gezeigt, die einen Löwen besiegt und ihm kraftvoll den Rachen aufreißt.  Diese Interpretation kann ich noch nachvollziehen. »Prudentia« –  zu Deutsch Klugheit – werde allegorisch als Frau und Drache dargestellt. Warum eine junge barbusige Frau, die einem Drachen an den Hals fasst, ein Sinnbild für »Klugheit« sein soll, leuchtet mir nicht so recht ein. Oder wird da ein uraltes religiöses Bild – die Urgöttin in Gestalt eines Drachen zusammen mit ihrer Anhängerin – verchristianisiert?

Foto 6: Zwei Frauen und ein Mann

Wenden wir uns der nördlichen Längsseite zu. Wir sehen zwei Frauen und einen Mann. Links sitzt eine Frau, eine Waage in einer Hand, mit der anderen greift sie nach einem Schwert auf ihrem Rücken. Allegorische Interpretation: das ist »Justitia« mit Waage und Schwert. In der Mitte sitzt eine weitere Frau, wiederum oben ohne wie die Frau mit dem Drachen, mit zwei Krügen. Sie schüttet etwas von einem Krug in den anderen. Allegorische Interpretation: das ist »Temperantia«, also die Mäßigkeit, die Wein mit Wasser verdünnt. Oder ist es doch eine Giftmischerin, die dem Papst einen tödlich wirkenden Trunk zubereitet?

Foto 7: Justitia mit Waage

Spärlich bekleidet ist der Mann rechts außen. Er wendet uns den Rücken zu. Aus einem über die Schulter gehobenen Gefäß fließt Wasser. Allegorische Interpretation: Er ist die Personifikation jenes Stromes, der laut Schöpfungsbericht (1) im Garten Eden entspringt. Soll die Fast-Nacktheit des Mannes auf die Zeit vor dem berühmten Sündenfall hinweisen, als Adam und Eva noch nackt waren? Steht er als allegorische Darstellung für das Paradies, für den Garten Eden, den Gott für abendliche Spaziergänge nach des Tages Hitze nutzte?  Soll der personifizierte  – allegorisch – das Paradies darstellen?

Foto 8: Giftmischerin mit Krügen?

Warum sind »Giftmischerin« und »Drachenfrau« beide barbusig und fast nackt gezeigt? Wurde Papst Clemens II. vergiftet, weil die Mächtigen von Kirche und Staat Angst vor seinen Reformplänen hatten? Einige Reformen hatte er ja bereits durchgesetzt, andere eingeleitet. Eine Rückkehr zu den ursprünglichen Werten des Christentums war für die im Reichtum Schwelgenden alles andere als wünschenswert. Sie genossen Reichtum und Macht, prassten und hatten dabei recht freizügige Vorstellungen von »christlicher Moral«. Steht der gebändigte, zahm wirkende Drache für die mit dem Tod von Papst Clemens II. beseitigte Gefahr?

Foto 9: Allegorische Darstellung des Paradieses?

Jahrzehnte sind seit meinem ersten Besuch im Dom zu Bamberg verstrichen. Auch heute noch fügen sich nach meinem Verständnis die einzelnen »Bilder« am Papstgrab immer noch nicht zu einer Geschichte. Ich befragte Professoren der Theologie, als ich in Erlangen studierte. Schlüssige Antworten erhielt ich keine. Die Faszination lässt nicht nach. Ich forsche weiter. Inzwischen habe ich intensiv in den eher spärlichen Quellen recherchiert. Wirklich befriedigende Antworten habe ich nicht gefunden. Es beruhigte mich ein wenig, als ich erkannte, dass auch für Experten bislang Fragen unbeantwortet bleiben. So konstatiert Dr. phil. Georg Gresser in seinem Werk »Clemens II.« offen und ehrlich (2): »Das Bildprogramm der Tumba ist nicht leicht zu deuten. Seit vielen Jahrzehnten herrschen unterschiedliche Meinungen über die dargestellten Personen und die damit verbundenen Aussagen vor.«

Eines der Reliefs ist in seiner Aussage eindeutig. Es befindet sich am »Fußende« der Tumba, an der Ostseite des Monuments. Zu sehen ist eindeutig Papst Clemens II. auf seinem Sterbelager. Ein Engel mit ausgebreiteten Flügeln deutet mit dem Zeigefinger gen Himmel. Offenbar weist er den Stellvertreter Christi auf Erden auf sein nahendes Ende, auf die Reise ins Jenseits hin. In der anderen Hand hält der Himmelsbote so etwas wie eine Schriftrolle, die vielleicht des Papstes gute und böse Taten auflistet. Es naht ja das himmlische Gericht.

Foto 10: Der sterbende Papst und der Engel

Das Bild an der gegenüberliegenden schmalen Seite der Tumba, an der Westseite, gibt Rätsel auf.  Da sitzt ein bärtiger Mann, der auf den ersten Blick wie ein Krieger aussieht. Er hält Schild und Schwert. Warum fasst er das Schwert nicht am Griff, sondern an der Schneide? Warum berührt er den Schild nicht direkt mit der Hand? Heilige werden fast immer mit dem Werkzeug gezeigt, das zu ihrer Ermordung genutzt wurde. Das Schwert könnte also auf Johannes den Täufer hinweisen, der ja geköpft wurde. Auf dem Schild sehen wir das Kreuzzeichen und das Lamm. Weist Johannes so auf den nahenden Messias (»Lamm Gottes«) hin? Andere Interpreten sehen nicht Johannes, den Täufer, sondern den Messias selbst dargestellt. Das Schwert wird vom Hinrichtungsinstrument zum Zeichen des Weltenrichters, der am Ende der Zeit Recht spricht.

Wer ist nun der Bärtige? Johannes der Täufer oder Jesus, der Richter? Das Relief ist an der westlichen Schmalseite angebracht. Die Ausrichtung nach Westen hin kann sehr wohl als Hinweis auf das »Jüngste Gericht« verstanden werden. Wird also nicht Johannes, sondern Jesus präsentiert, als Richter (Schwert!) und Erlöser (Lamm Gottes mit Kreuz)?

Fotos 11 und 12: Johannes oder Jesus?
Warum aber wird das Grab des Papstes hinter einem protzigen Bischofsstuhl versteckt, so dass man die kostbare Tumba als Dombesucher gar nicht zu Gesicht bekommt? Kapellen, Kirchen und Kathedralen haben so manches Geheimnis aufzuweisen. Die kleinen und großen Gotteshäuser verdienen sehr viel mehr Beachtung als ihnen in unseren Tagen zuteilwird. Da und dort werden Kirchen geschlossen und selbst große christliche Sakralbauten verkommen mehr und mehr zu musealen Zielen für Touristen. Wo man auch steht, ob man Atheist oder Christ ist: Unsere Wurzeln sind christlich. Noch leben wir im christlichen Abendland. Noch ist religiöser Glaube Privatsache.

Fußnoten
1) Siehe 1. Buch Mose Kapitel 2, Vers 10
2) Gresser, Georg: »Clemens II./ Der erste deutsche Reformpapst«, Paderborn 2007, S. 131, Zeilen 18-20 von unten
Zu den Fotos
Foto 1: Reliefs am Grab. Sehr frühe Zeichnung. Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Die Tumba des Papstes. Foto wiki commons Johannes Otto Först
Foto 3: Die »Löwenbändigerin« oder »Tierärztin«? Foto wiki commons Immanuel Giel
Fotos 4 und 5: Barbusige mit Drachen. Fotos wiki commons Johannes Otto Först
Foto 6: Zwei Frauen und ein Mann. Foto wiki commons Johannes Otto Först
Foto 7: Justitia mit Waage. Foto wiki commons Immanuel Giel
Foto 8: »Giftmischerin« mit Krügen. Foto wiki commons Immanuel Giel
Foto 9: Allegorische Darstellung des Paradieses? Foto wiki commons Johannes Otto Först
Foto 10: Der sterbende Papst und der Engel. Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 11 und 12: Johannes oder Jesus?  Foto 11 (oben) Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 12 (unten) wiki commons Johannes Otto Först 

359 »Gruselige Fabeltiere in Gotteshäusern«,
Teil  359 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 04.12.2016

Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 10. Juli 2011

77 »Der 13. Jünger«

Teil 77 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Die Wehrkirche von Kirchbrak
Foto: W-J.Langbein
Man muss nicht in fernste Ecken unserer Welt reisen, um Mysterien zu ergründen. Geheimnisvolles gibt es auch vor der sprichwörtlichen Haustür zu finden.... zum Beispiel in Kirchbrak. Das kleine Gotteshaus besitzt ein höchst ungewöhnliches Altarbild. Es zeigt Jesus und dreizehn Jünger...

Schon vor rund 1200 Jahren um taucht der Name Kirchbrak erstmals in einer amtlichen Urkunde auf. Das Dokument wurde im Kloster Fulda entdeckt. Interessant ist schon der Ortsname. Hans Hölscher bietet eine Erklärung an. Er schreibt in seinem informativen Heftchen »Sankt Michael Kirchbrak im Weserbergland« (1) heißt es: »Es bieten sich dafür an: brak = umgebrochenes Neuland; brach = Brachland; brak = Bruch (sumpfiges Gelände).« Kirchbrak kann also übersetzt werden mit: »Kirche im sumpfigen Brachland«.

Warum wurde eine Kirche in unwirtlicher Region gebaut? Zu vermuten ist, dass es dort ein heidnisches Heiligtum gab, an dessen Stelle ein christliches Gotteshaus errichtet wurde. Häufig wurden uralte Kultplätze von neuen Religionen einfach übernommen. Alte Tempel wurden abgerissen, auf ihren Grundmauern wurden neue Tempel erbaut. Einen heidnischen Vorgängerbau dürfte es auch in Kirchbrak gegeben haben.

Blick ins Kirchenschiff
Foto: W-J.Langbein
Unklar ist, wann das erste christliche Gotteshaus in Kirchbrak gebaut wurde. Gab es schon im 11. Jahrhundert eine Kapelle? Im 13. Jahrhundert wurde wohl eine erste Wehrkirche errichtet. Sie diente nicht nur als Ort für katholische Gottesdienste, sondern auch als Zufluchtsort für die Bevölkerung im Kriegsfall. Die Sandsteinmauern sind über einen Meter dick. Noch heute macht die Kirche von Kirchbrak einen sehr wehrhaften Eindruck.

Der Eingang lag nicht ebenerdig, sondern einige Meter höher. Der machte das Betreten und Verlassen des Gotteshauses zum mühsamen Unterfangen. Aber im Falle eines feindlichen Angriffs konnten sich die Menschen in die Kirche zurückziehen. Wenige bewaffnete Männer genügten zur Verteidigung. Der ursprüngliche Eingang wurde längst zugemauert, das Gotteshaus kann bequem betreten werden.

Betritt man heute die Kirche durch den Seiteneingang, so beansprucht der schöne farbenfrohe Altar unsere Aufmerksamkeit. Sein herrliches, bunt bemaltes Schnitzwerk lässt uns nähertreten. So wie die Kirche in mehreren Etappen erbaut und erweitert wurde, so entstand der Altar auch nach und nach. Im 13. Jahrhundert gab es den Altar in seiner Urform, um 1750 wurde dann die Kanzel eingefügt. Zu dieser Zeit dürfte die Gruft unter der Kirche längst zugemauert gewesen sein. Damit war ein Geheimgang, der in das unterirdische Gewölbe führte, für immer verschlossen.

Der Altar - Foto: Barbara Kern
Versetzen wir uns in die religiöse Welt des »Heidentums«. Diese vorchristliche Zeit wurde über unvorstellbar lange Zeitepochen hinweg vom Prinzip des Matriarchats bestimmt. So konstatiert Adele Getty in ihrem fundamentalen Werk »Göttin, Mutter des Lebens« (2):

»Die Schöpfungsmythen zahlloser Kulturen legen Zeugnis ab... von der Rolle, die das weibliche Prinzip bei der Gestaltung der Welt spielte, in der wir leben. In der Vorstellung ist die Göttin allgegenwärtig und ewig.« Allgegenwärtig ist die Göttin für einen Heiden auch im Schnitzwerk des Altars von Kirchbrak!

Stellen wir uns vor: Ein Heide aus vorchristlichen Zeiten betritt die Kirche. Die christliche Lehre ist ihm vollkommen unbekannt. Die zentralen Gestalten des Alten und Neuen Testaments kennt er nicht. Und doch würde sich »unser« Heide durchaus heimisch fühlen....

Hoch oben steht triumphierend – über dem auferstandenen Jesus – eine Göttin: Justicia. Begleitet wird sie von zwei Engeln. Im »Alten Testament« waren Engel noch männliche Boten, die die Botschaften des männlichen Gottes übermittelten. Im »Neuen Testament« sind Engel immer noch Boten zwischen Himmel und Erde. Denken wir an die Weihnachtsgeschichte. Es ist ein Engel, der Maria auf ihre Schwangerschaft aufmerksam macht.... und vom Engel erfährt Maria, wie bedeutsam und segensreich ihre Schwangerschaft ist.

Justitia und zwei Engel - Foto: W-J.Langbein
Die Engel von Kirchbrak sind eindeutig weiblich. Weibliche Engel, so erklärte mir Prof. Dr. Georg Fohrer, Fachbereich Altes Testament, sind die christliche Variante von Göttinnen, die in uralten Zeiten – lange vor Christentum und Judentum – angebetet wurden!

Weitere heilige Frauen nehmen am Altar eine herausragende Position ein. Sie stehen über den vier Aposteln. Es sind die Tapferkeit, die Mäßigkeit, der Glaube, die Hoffnung, die Liebe und die Klugheit. Die Liebe wird als Frau mit zwei Kindern dargestellt. Sie erinnert stark an die Erdmutter auf dem Relief vom Altar des Augustusfriedens aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert.

Göttin der Liebe
Foto: W-J.Langbein
Diverse Darstellungen am Altar von Kirchbrak als »heidnisch« zu bezeichnen, das wird sicher den Widerspruch christlicher Interpreten auslösen. Es handele sich doch um allegorische Darstellungen! Warum aber erscheinen wichtige Gestalten an einem christlichen Altar in heidnischem Gewand? Warum wird die personifizierte »Hoffnung« als überaus attraktive Frau in Begleitung einer Taube gezeigt? Die Taube war das Symboltier der vorchristlichen Göttin, etwa der Venus!

Für einen vorchristlichen Heiden ist die attraktive Lady mit der Taube... die Göttin der Liebe, die Venus! Und »unser« Heide wird seine Sichtweise bestätigt finden: Gibt es doch unzählige Muscheln am Altar von Kirchbrak, wunderbar geschnitzt und in der Regel – was auf ihre besondere Bedeutung hinweist – golden angemalt! Mich schockiert »Heidnisches« in »christlichem Gewand« oder »Christliches« in »heidnischem Gewand« überhaupt nicht! Ganz im Gegenteil! Wir leben in einer Zeit, in der – auch und gerade in Deutschland – verstärkt unterschiedlichste Glaubensformen auf immer engerem Raum begegnen werden. Anstatt nun die trennenden Momente zu betonen, die uns voneinander unterscheiden... sollten wir erkennen: Unterschiedliche Religionen suchen nach der Wahrheit. Da es nur eine Wahrheit gibt, können unterschiedliche Religionen doch eben diese eine Wahrheit im Blick haben, allen scheinbaren Unterschieden zum Trotz!

Hoffnung oder Venus
Foto: W-J.Langbein

Mein Rat: Wenn es Ihnen möglich ist, besuchen Sie doch einmal das Kirchlein von Kirchbrak! Von Bodenwerder kommend müssen Sie die Bundesstraße 240 verlassen und der ländlichen Kreisstraße folgen. Schon nach wenigen Kilometern werden sie das von waldigen Höhen umgebene Kirchbrak erblicken. Besuchen Sie die Kirche... gehen Sie zum Altar. Zählen Sie die Jünger auf dem Abendmahlsbild... Sie werden dreizehn, nicht zwölf Jünger sehen! Wer aber ist der 13. Jünger?

Fußnoten
1 Hölscher, Hans: »Sankt Michael im Weserbergland«, Kirchbrak, 2. Auflage 1984, S.1
2 Getty, Adele: »Göttin, Mutter des Lebens«, München 1993, S.5

Buchtipp:
Maria Magdalena - Die Wahrheit über die Geliebte Jesu von Walter-Jörg Langbein




»Maria Magdalena und das Abendmahl«,
Teil 78 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 17.7.2011



Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Labels

Walter-Jörg Langbein (656) Sylvia B. (105) Osterinsel (79) Tuna von Blumenstein (46) Peru (34) Karl May (27) Nan Madol (27) g.c.roth (27) Maria Magdalena (22) Jesus (21) Karl der Große (19) Make Make (19) Externsteine (18) Für Sie gelesen (18) Bibel (17) Der Tote im Zwillbrocker Venn (17) Rezension (17) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Apokalypse (15) Vimanas (15) Atlantis der Südsee (13) Der hässliche Zwilling (13) Weseke (13) Blauregenmord (12) Nasca (12) Palenque (12) meniere desaster (12) Krimi (11) Pyramiden (11) Malta (10) Serie Teil meniere (10) Ägypten (10) Forentroll (9) Mexico (9) National Geographic (9) Straße der Toten (9) Lügde (8) Briefe an Lieschen (7) Monstermauern (7) Sphinx (7) Tempel der Inschriften (7) Winnetou (7) Lyrik (6) Marlies Bugmann (6) Mord (6) Märchen (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) Mexico City (5) Mord in Genf (5) Satire (5) Thriller (5) Atacama Wüste (4) Cheopspyramide (4) Dan Brown (4) Ephraim Kishon (4) Hexenhausgeflüster- Sylvia B. (4) Leonardo da Vinci (4) Machu Picchu (4) Sacsayhuaman (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Meniere (3) Mondpyramide (3) Mord im ostfriesischen Hammrich (3) Mysterien (3) Sakrileg (3) Shakespeare (3) Bevor die Sintflut kam (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Friedhofsgeschichten (2) Goethe (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Münsterland-Krimi (2) Vincent van Gogh (2) Alphabet (1) Bestatten mein Name ist Tod (1) Hexen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen Hexenhausgeflüster (1) Mord Ostfriesland (1) Mord und Totschlag (1) Münsterland (1) einmaleins lernen (1) meniére desaster (1)