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Sonntag, 27. November 2016

358 »Das Grab des Papstes«

Foto 1: Reliefs am Grab
Teil  358 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Oberfranken ist und bleibt meine Heimat, auch wenn es mich ins Weserbergland verschlagen hat. Bamberg war vor einem halben Jahrhundert eines der beliebtesten Ausflugsziele meiner Eltern. So wurde ich schon als Kind immer wieder in den altehrwürdigen Dom geführt. Besonders beeindruckt hat mich der Bamberger Reiter und das Papstgrab mit seinen Reliefs. Besonders gefallen hat mir als Kind der – in meinen Augen – freundliche Drache. Besonders groß war er ja nicht. Und wieso fasste ihm die Frau in der seltsamen Kutte an den Hals? Gleich daneben war eine weitere Frau. Ich hielt sie für eine Tierärztin, die einem kranken Löwen in den weit geöffneten Rachen schaut.

Andere Darstellungen verstand ich überhaupt nicht. Was hatte ein nackter Mann am Grab eines Papstes zu suchen? Und was machte der Mann? Goss er sich beim Waschen einen großen Krug Wasser über den Leib? Und wer war der Mann mit dem spitzen Hut auf dem Sofa, der sich offenbar mit einem Engel unterhielt? Dann war da noch ein bärtiger Mann mit Schild und Schwert. Warum hantierte eine Person, die mit einem Schwert bewaffnet war, mit einer Waage? Was hatte die Frau mit zwei Krügen vor? Für mich als Kind waren die Reliefs am Papstgrab nichts Religiöses, sondern Teile einer Bildergeschichte, die ich nicht verstand.

Foto 2: Die Tumba des Papstes

Gelernt habe ich im Lauf der Jahre, Kapellen, Kirchen und Kathedralen unvoreingenommen zu erkunden. Entdeckt habe ich dabei immer wieder künstlerische Darstellungen, die nicht so recht in ein christliches Gotteshaus zu passen scheinen. Beispiel: Kloster Corvey. Unter der Westempore des Johanneschores im Westwerk findet sich ein einzigartiges gemaltes Dokument. Es ist etwa1200 Jahre alt. Dank modernster wissenschaftlicher Methoden konnten winzige Farbpartikel entdeck werden, die man mit dem bloßen Auge nicht wahrnimmt. So war es möglich, scheinbar Verschwundenes deutlicher sichtbar werden zu lassen.

Foto 3: Die »Löwenbändigerin« oder »Tierärztin«?

Das Monster von Corvey hat einen spitz zulaufenden Schwanz, der ist steil emporgerichtet. Er wird rasch dicker, windet sich zweimal und geht in einen »menschlichen« Oberkörper über. Die Kreatur reckt einen Arm nach oben, mit dem anderen hat es einen Mann umklammert. Aus der Hüfte des Untiers wachsen drei Vorderteile von Hunden heraus.  Auf dem Schwanz der Bestie steht eine hünenhafte Gestalt, bekleidet mit Lendenschurz, bewaffnet ist mit Schild und Speer. Wahrscheinlich dürfen wir das Monsterwesen als Skylla, vielleicht aber auch als Kerberos identifizieren. Beide wurden in der Antike mit drei Vorderteilen von Hunden und Drachenschwanz dargestellt. Der wackere Kämpfer, der es mit dem Monster aufnimmt, könnte Odysseus sein, wenn die Darstellung des Gemetzels in einem heidnischen Tempel oder einem Palast aus vorchristlichen Zeiten zu finden wäre. Was aber hat Odysseus versus Monster in einem christlichen Gotteshaus zu suchen?

Fotos 4 und 5: Barbusige mit Drachen
Da bringen Theologen gern ein Zauberwort ins Spiel: die Allegorie. Die Allegorie – im Altgriechischen »allegoria«, zu Deutsch »verschleierte Sprache« – ist höchst hilfreich, wenn es gilt, ein heidnisch-mythologisches Bild in einem christlichen Gotteshaus zu erklären. Interpretiert man ein Bild allegorisch, dann bedeutet es etwas ganz anderes als es auf den ersten Blick darzustellen scheint. Aus dem mythologisch-heidnischen Kampf des Odysseus gegen Skylla oder Kerberos wird so der Heiligen Georg versus Satan und wenn man so will Jesus als Sieger über das Böse.

Allegorisch seien, so höre ich immer wieder, die Reliefs vom Bamberger Papstgrab zu verstehen. Die südliche Längsseite der Tumba zieren zwei besondere Paare: eine Frau und ein Löwe und eine Frau und ein Drache. »Fortitudo«  – Stärke – sei allegorisch als Frau gezeigt, die einen Löwen besiegt und ihm kraftvoll den Rachen aufreißt.  Diese Interpretation kann ich noch nachvollziehen. »Prudentia« –  zu Deutsch Klugheit – werde allegorisch als Frau und Drache dargestellt. Warum eine junge barbusige Frau, die einem Drachen an den Hals fasst, ein Sinnbild für »Klugheit« sein soll, leuchtet mir nicht so recht ein. Oder wird da ein uraltes religiöses Bild – die Urgöttin in Gestalt eines Drachen zusammen mit ihrer Anhängerin – verchristianisiert?

Foto 6: Zwei Frauen und ein Mann

Wenden wir uns der nördlichen Längsseite zu. Wir sehen zwei Frauen und einen Mann. Links sitzt eine Frau, eine Waage in einer Hand, mit der anderen greift sie nach einem Schwert auf ihrem Rücken. Allegorische Interpretation: das ist »Justitia« mit Waage und Schwert. In der Mitte sitzt eine weitere Frau, wiederum oben ohne wie die Frau mit dem Drachen, mit zwei Krügen. Sie schüttet etwas von einem Krug in den anderen. Allegorische Interpretation: das ist »Temperantia«, also die Mäßigkeit, die Wein mit Wasser verdünnt. Oder ist es doch eine Giftmischerin, die dem Papst einen tödlich wirkenden Trunk zubereitet?

Foto 7: Justitia mit Waage

Spärlich bekleidet ist der Mann rechts außen. Er wendet uns den Rücken zu. Aus einem über die Schulter gehobenen Gefäß fließt Wasser. Allegorische Interpretation: Er ist die Personifikation jenes Stromes, der laut Schöpfungsbericht (1) im Garten Eden entspringt. Soll die Fast-Nacktheit des Mannes auf die Zeit vor dem berühmten Sündenfall hinweisen, als Adam und Eva noch nackt waren? Steht er als allegorische Darstellung für das Paradies, für den Garten Eden, den Gott für abendliche Spaziergänge nach des Tages Hitze nutzte?  Soll der personifizierte  – allegorisch – das Paradies darstellen?

Foto 8: Giftmischerin mit Krügen?

Warum sind »Giftmischerin« und »Drachenfrau« beide barbusig und fast nackt gezeigt? Wurde Papst Clemens II. vergiftet, weil die Mächtigen von Kirche und Staat Angst vor seinen Reformplänen hatten? Einige Reformen hatte er ja bereits durchgesetzt, andere eingeleitet. Eine Rückkehr zu den ursprünglichen Werten des Christentums war für die im Reichtum Schwelgenden alles andere als wünschenswert. Sie genossen Reichtum und Macht, prassten und hatten dabei recht freizügige Vorstellungen von »christlicher Moral«. Steht der gebändigte, zahm wirkende Drache für die mit dem Tod von Papst Clemens II. beseitigte Gefahr?

Foto 9: Allegorische Darstellung des Paradieses?

Jahrzehnte sind seit meinem ersten Besuch im Dom zu Bamberg verstrichen. Auch heute noch fügen sich nach meinem Verständnis die einzelnen »Bilder« am Papstgrab immer noch nicht zu einer Geschichte. Ich befragte Professoren der Theologie, als ich in Erlangen studierte. Schlüssige Antworten erhielt ich keine. Die Faszination lässt nicht nach. Ich forsche weiter. Inzwischen habe ich intensiv in den eher spärlichen Quellen recherchiert. Wirklich befriedigende Antworten habe ich nicht gefunden. Es beruhigte mich ein wenig, als ich erkannte, dass auch für Experten bislang Fragen unbeantwortet bleiben. So konstatiert Dr. phil. Georg Gresser in seinem Werk »Clemens II.« offen und ehrlich (2): »Das Bildprogramm der Tumba ist nicht leicht zu deuten. Seit vielen Jahrzehnten herrschen unterschiedliche Meinungen über die dargestellten Personen und die damit verbundenen Aussagen vor.«

Eines der Reliefs ist in seiner Aussage eindeutig. Es befindet sich am »Fußende« der Tumba, an der Ostseite des Monuments. Zu sehen ist eindeutig Papst Clemens II. auf seinem Sterbelager. Ein Engel mit ausgebreiteten Flügeln deutet mit dem Zeigefinger gen Himmel. Offenbar weist er den Stellvertreter Christi auf Erden auf sein nahendes Ende, auf die Reise ins Jenseits hin. In der anderen Hand hält der Himmelsbote so etwas wie eine Schriftrolle, die vielleicht des Papstes gute und böse Taten auflistet. Es naht ja das himmlische Gericht.

Foto 10: Der sterbende Papst und der Engel

Das Bild an der gegenüberliegenden schmalen Seite der Tumba, an der Westseite, gibt Rätsel auf.  Da sitzt ein bärtiger Mann, der auf den ersten Blick wie ein Krieger aussieht. Er hält Schild und Schwert. Warum fasst er das Schwert nicht am Griff, sondern an der Schneide? Warum berührt er den Schild nicht direkt mit der Hand? Heilige werden fast immer mit dem Werkzeug gezeigt, das zu ihrer Ermordung genutzt wurde. Das Schwert könnte also auf Johannes den Täufer hinweisen, der ja geköpft wurde. Auf dem Schild sehen wir das Kreuzzeichen und das Lamm. Weist Johannes so auf den nahenden Messias (»Lamm Gottes«) hin? Andere Interpreten sehen nicht Johannes, den Täufer, sondern den Messias selbst dargestellt. Das Schwert wird vom Hinrichtungsinstrument zum Zeichen des Weltenrichters, der am Ende der Zeit Recht spricht.

Wer ist nun der Bärtige? Johannes der Täufer oder Jesus, der Richter? Das Relief ist an der westlichen Schmalseite angebracht. Die Ausrichtung nach Westen hin kann sehr wohl als Hinweis auf das »Jüngste Gericht« verstanden werden. Wird also nicht Johannes, sondern Jesus präsentiert, als Richter (Schwert!) und Erlöser (Lamm Gottes mit Kreuz)?

Fotos 11 und 12: Johannes oder Jesus?
Warum aber wird das Grab des Papstes hinter einem protzigen Bischofsstuhl versteckt, so dass man die kostbare Tumba als Dombesucher gar nicht zu Gesicht bekommt? Kapellen, Kirchen und Kathedralen haben so manches Geheimnis aufzuweisen. Die kleinen und großen Gotteshäuser verdienen sehr viel mehr Beachtung als ihnen in unseren Tagen zuteilwird. Da und dort werden Kirchen geschlossen und selbst große christliche Sakralbauten verkommen mehr und mehr zu musealen Zielen für Touristen. Wo man auch steht, ob man Atheist oder Christ ist: Unsere Wurzeln sind christlich. Noch leben wir im christlichen Abendland. Noch ist religiöser Glaube Privatsache.

Fußnoten
1) Siehe 1. Buch Mose Kapitel 2, Vers 10
2) Gresser, Georg: »Clemens II./ Der erste deutsche Reformpapst«, Paderborn 2007, S. 131, Zeilen 18-20 von unten
Zu den Fotos
Foto 1: Reliefs am Grab. Sehr frühe Zeichnung. Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Die Tumba des Papstes. Foto wiki commons Johannes Otto Först
Foto 3: Die »Löwenbändigerin« oder »Tierärztin«? Foto wiki commons Immanuel Giel
Fotos 4 und 5: Barbusige mit Drachen. Fotos wiki commons Johannes Otto Först
Foto 6: Zwei Frauen und ein Mann. Foto wiki commons Johannes Otto Först
Foto 7: Justitia mit Waage. Foto wiki commons Immanuel Giel
Foto 8: »Giftmischerin« mit Krügen. Foto wiki commons Immanuel Giel
Foto 9: Allegorische Darstellung des Paradieses? Foto wiki commons Johannes Otto Först
Foto 10: Der sterbende Papst und der Engel. Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 11 und 12: Johannes oder Jesus?  Foto 11 (oben) Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 12 (unten) wiki commons Johannes Otto Först 

359 »Gruselige Fabeltiere in Gotteshäusern«,
Teil  359 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 04.12.2016

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Sonntag, 26. April 2015

275 »Ein mysteriöses Kompendium in Stein«

Teil 275 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Das »lebende Kreuz« von Verden, Foto W-J.Langbein

Die geheimnisvolle »Gestalt« auf dem mysteriösen Sakralbau von Verden…. Sie wirkt wie ein lebendes Kreuz, wie eine lebende Pflanzenkreatur, wie ein Mischwesen aus uralten Zeiten. Albert Einstein äußerte sich wie folgt: »Der intuitive Verstand ist ein heiliges Geschenk und der rationale Verstand ist ein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.« Ich halte es für wichtig, dass wir wieder das »heilige Geschenk des intuitiven Verstands« achten und als Werkzeug des Denkens einsetzen. Bemerkenswert ist ja, dass Einstein Intuition und Logik nicht als unvereinbare Gegensätze ansieht. Vielmehr ordnet er Intuition auch dem weiten Feld des Verstandes zu.

Die Gestalt in Stein.
Uralte Sakralbaten des christlichen Abendlandes bieten eine Fülle von Kunstwerken, die – so habe ich in unzähligen Kirchen von örtlichen Führern gehört – vor allem für die große Masse der Menschen gedacht waren, die vor Jahrhunderten eben nicht ein Buch lesen konnten! Viele religiöse Darstellungen, wie wir sie aus Kirchen kennen, bieten Geschichte, die jeder Christ sofort versteht. Das Jesuskind in der Krippe, umringt von Maria und Joseph, den »Heiligen Drei Königen« und Ochs‘ und Esel, bedarf keiner weiteren Erklärung. Auch wenn das fromme Idyll meist eher in einen Stall aus dem rustikalen Bayernland als ins »Heilige Land« verlegt wird… die Geschichte von der Geburt Jesus im Stall von Bethlehem erkennt wohl jeder Zeitgenosse, der jemals die Weihnachtsgeschichte vernommen hat.

Andere sakrale Darstellungen allerdings sind sehr mysteriös. Nicht immer passt die offizielle Erklärung, wie sie beispielsweise in Führern suggeriert wird, wirklich zu den religiösen Kunstwerken. Oft ist Spekulation gefragt, wenn man die Botschaft der religiösen Darstellungen verstehen will. Das trifft in besonderem Maße für die Basilika von Vézelay zu, die man mit zahllosen Halbreliefs über dem Haupteingang bis hin zu den Säulenkapitellen überreich ausgestattet hat. Als Kind empfand ich diese Kunstwerke nicht als märchenhaft oder gar erbaulich, sondern als oftmals geradezu furchteinflößend!

Vézelay... auf dem »Heiligen Hügel«

Schon die Basilika von Vézelay selbst empfand ich als bedrohlich auf einer Anhöhe über dem kleinen Dörfchen Vézelay thronend, wie eine riesige Verschachtelung von Monstermauern, die wohl Mumien und Mysterien bieten würden. Unheimlich war ein kurzer Besuch in der Krypta, beim schwachen Schein einzelner Glühbirnen, war unheimlich wie ein alter Stummfilm über das »Phantom der Oper«. Spinnen hatten wohl schon vor Ewigkeiten ihre Netze aufgegeben, in denen sich längst keine Insekten mehr verfingen. Von irgendwo her kamen Geräusche von tropfendem Wasser. Ob es noch weitere, bislang unentdeckte Räume gab, hinter dicken steinernen Mauern? Würde man dort die Gebeine verschmachteter Gefangener finden, die irgendwo lebendig eingemauert worden waren?

Die Basilika von Vézelay
Hier in der Krypta wurden einst angeblich die Gebeine der Maria Magdalena bestattet. Der Glaube an diese ganz besondere Reliquie machte Vézelay zum vielleicht wichtigsten Pilgerziel Europas! Der Legende nach erreichte Maria Magdalena nach Jesu Tod am Kreuz auf dem Seeweg über das Mittelmeer Saintes-Maries-de-la-Mer in der Provence. Dort habe sie, als Apostelin der Apostel, das Christentum gepredigt und sei schließlich in der Fremde, fern der Heimat, gestorben. Ein Mönch, so besagt es die Legende weiter, schaffte die Gebeine der Maria Magdalena, die nach den Schriften des Neuen Testaments übrigens keine Prostituierte war, nach Burgund. Vézelay galt allgemein als besonders gesegnet… durch die Gebeine der Heiligen Maria Magdalena.

Im späten 13. Jahrhundert aber, verlor Vézelay schlagartig seine Bedeutung, als die lange angebeteten Gebeine nicht mehr als echt angesehen wurden. Der gewaltige Pilgerstrom, der sonst unzählige Gläubige nach Vézelay geführt hatte, versiegte. Vézelay versank in der Bedeutungslosigkeit. Auch wenn die Reliquien der Maria Magdalena heute nicht mehr als echt gelten, so finden sich auch zu Beginn des dritten nachchristlichen Jahrtausends immer wieder Pilger, die vom Mysterium Maria Magdalena angelockt den Weg nach Vézelay finden. Das Gotteshaus und der Hügel, auf dem die Basilika und die mächtigen Wehranlagen erbaut wurden, wurden 1979 zum »UNESCO-Weltkulturerbe« ernannt.

Ausschlaggebend für den Niedergang Vézelay war Mitte des zwölften Jahrhunderts die Entdeckung neuer Gebeine der Maria Magdalena in St. Maximin, in der Provence. Die angeblich wirklichen Reliquien befinden sich in einer Krypta unter der Basilika »Ste.-Marie-Madeleine de Saint-Maximin-la-Sainte-Baume«. Ich jedenfalls fand den mir riesenhaft erscheinenden Bau als unheimlich und schön zugleich. Er war in meinen Augen so etwas wie mittelalterliche Burg und lichtdurchflutete Kirche zugleich.

Ein wehrhafter Eingang zur Basilika

Ein örtlicher Führer wisperte meinem Vater damals zu, es gebe Geheimgänge von den unterirdischen Gewölben in der Unterwelt, die weit hinab in die einstige Stadt Vézelay führten. Von einer einst Tausenden Menschen Wohnraum schenkenden Stadt war so gut wie nichts mehr erhalten. Ein kleines Dörfchen schmiegte sich an die Anhöhe, auf der sich die Basilika im Lauf der Jahrhunderte breit gemacht hatte. Wo hörte der Sakralbau auf? Was waren steinerne Mauern des Gotteshauses, was Überbleibsel von einst stolzen Häusern reicher Bürger von Vézelay, die so nah wie möglich an der Basilika leben und sterben wollten? Was gehört zur Basilika, was zu den imposanten Schutzmauern?

Die massive Eingangstür des Hauptportals war verschlossen, eine kleine, unscheinbare seitlich versteckte Tür aber ließ sich knarzend öffnen. Noch aber befand man sich nicht im eigentlichen Gotteshaus, sondern in einem beeindruckenden Vorraum. Wie man zu wissen meint, versammelten sich hier wahrscheinlich die Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostella. Hier versammelten sich im Jahr 1190 die Gefolgsleute von König Philipp II August und von König Richard Löwenherz zum Aufbruch. In diesem Jahr ging’s zu dritten Kreuzzug ins »Heilige Land«!

Johannes der Täufer
Wie so oft sind es, zum Beispiel im Hauptschiff,  die Säulenkapitelle, die die Aufmerksamkeit der Besucher verdienen. In zwölf Metern Höhe wurden da Szenen aus dem Leben von Heiligen in den Stein gemeißelt, es wurden aber auch biblische Episoden in Stein verewigt. Leicht zu erkennen ist zum Beispiel Johannes der Täufer. Und es gibt Darstellungen, die nicht leicht zu interpretieren sind. Nach christlichem Verständnis war er der Verkünder von Jesu Bedeutung als Messias. Die steinerne Figur trägt das Lamm vor sich her, als Symbol für Jesus. Das Kreuz soll auf den Opfertod Jesus hinweisen.

Vieles aber bleibt rätselhaft. Der klösterliche Führer, der meinem Vater das »gotische Gotteshaus« erklärte, verwies verschämt auf »heidnische Einflüsse«.

Offenbar sollten im frühen 12. Jahrhundert auch heidnische Besucher der Basilika von Vézelay angesprochen werden. Ihnen vertraute Bilder sollten den neuen Glauben für sie schmackhafter machen. »Heidnisch ist zum Beispiel das steinerne Halbrelief auf einem der Säulenkapitelle, das Odysseus und die mythologische Sirene zeigt. Ein sehr ähnliches »Duo« sah ich, leider im Stadium der Auflösung befindlich, in der einstigen Kaiserkirche von Kloster-Schloss Corvey an der Weser.

Nicht minder mysteriös ist ein ganz und gar nicht christliches Fabelwesen mit Schwimmhäuten an den Füßen. Vor dem angsteinflößenden »Tier« flieht entsetzt eine Art Vogel. Dieses Monster hat drei Köpfe.  Ganz in der Nähe postiert wurde eine aus der griechischen Mythologie entliehene Sirene (Mischwesen aus Frau und Vogel), versehen mit einer Schlange am »Allerwertesten«.

Der »Vorraum« wurde nachträglich angefügt. Die wuchtigen Kreuzgewölbe, die steinernen Rundbögen und die massiven, vertrauenerweckenden Pfeiler und beeindruckende Emporen lassen den »Vorraum« eher wie eine kleine Kirche vor der großen erscheinen. Eine steinerne Statue des legendären Vorläufers von Jesus gab dem »Vorraum« einen würdevollen Namen: »Kirche des Heiligen Johannes des Täufers«. Johannes trägt das Lamm mit dem Kreuz vor sich her, also das Symbol für den Messias, der nach christlichem Verständnis den Opfertod am Kreuz sterben wird.

Von den vielen Säulenkapitellen ist mir eines besonders im Gedächtnis geblieben: Da öffnet ein gefährlicher Drache seinen Schlund, aus dem so etwas wie ein gewaltiger Strahl schießt… gegen eine Frau. Kein Zweifel, der böse Drache trachtet der Frau nach dem Leben. Nach offizieller theologischer Sicht steht der Drache -  natürlich? –  für den Teufel, die Frau für »Mutter Kirche«. Der Teufel will die Gemeinschaft der Gläubigen vernichten.

Fratze, schreiend, mit Flammenhaar

Aufgefallen sind mir damals beim Besuch mit meinem Vater vor Ort immer wieder  menschliche (?) Gestalten mit sehr eigenartiger Haartracht. Das Haar fällt nicht etwa mähnenartig wallend zu den Schultern herab, es erinnert am ehesten an hoch auflodernde Flammen, die von den Köpfen gen Himmel schießen. Passend zu den schauerlichen Haaren sind oft die Fratzen, die die häufig schmerzhaft verrenkten Gestalten schneiden….

Kann man die unzähligen Reliefs auf den Säulenkapitellen wie ein Buch lesen? Wer die steinernen Rätsel zu entschlüsseln vermag, entdeckt ein ganzes Kompendium, das ohne einen geschriebenen Buchstaben auskommt! In unseren Breiten gibt es zahlreiche Darstellungen von Geschichten aus dem Neuen Testament, die wir auch ohne erklärenden Text sofort verstehen. Krippenszenen, zum Beispiel, sind uns bestens vertraut. Wir verstehen ihre Bedeutung sofort. Zahllose Darstellungen in Vézelay aber sind und bleiben rätselhaft. Hilft uns die intuitive Fantasie beim Verstehenwollen weiter? Was mag die mysteriöse Szene um die Mühle von Vézelay bedeuten? (Fotos weiter unten!)


Fotos

Die »Mühle« von Vézelay...
Das lebende Kreuz von Verden:
Foto Walter-Jörg Langbein

Die Gestalt in Stein:
Foto Walter-Jörg Langbein

Vézelay... auf dem »Heiligen Hügel«:
Foto wiki commons/ amarant

Die Basilika von Vézelay:
Foto wiki commons/ Jean-Pol Grandmont

Ein wehrhafter Eingang zur Basilika:
Foto wiko commons/ pymouss gross

Johannes der Täufer:
Foto wiki commons/ vassil

Fratze, schreiend, mit Flammenhaar:
Foto wiki commons/ vassil

Krippenszene... uns wohlvertraut.
Die »Mühle« von Vézelay...: Foto wiki commons/ vassil

Krippenszene... uns wohlvertraut: Foto
Walter-Jörg Langbein



276 »Adam, Eva und Dämonen«,
Teil 276 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       

erscheint am 03.05.2015

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