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Sonntag, 27. November 2016

358 »Das Grab des Papstes«

Foto 1: Reliefs am Grab
Teil  358 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Oberfranken ist und bleibt meine Heimat, auch wenn es mich ins Weserbergland verschlagen hat. Bamberg war vor einem halben Jahrhundert eines der beliebtesten Ausflugsziele meiner Eltern. So wurde ich schon als Kind immer wieder in den altehrwürdigen Dom geführt. Besonders beeindruckt hat mich der Bamberger Reiter und das Papstgrab mit seinen Reliefs. Besonders gefallen hat mir als Kind der – in meinen Augen – freundliche Drache. Besonders groß war er ja nicht. Und wieso fasste ihm die Frau in der seltsamen Kutte an den Hals? Gleich daneben war eine weitere Frau. Ich hielt sie für eine Tierärztin, die einem kranken Löwen in den weit geöffneten Rachen schaut.

Andere Darstellungen verstand ich überhaupt nicht. Was hatte ein nackter Mann am Grab eines Papstes zu suchen? Und was machte der Mann? Goss er sich beim Waschen einen großen Krug Wasser über den Leib? Und wer war der Mann mit dem spitzen Hut auf dem Sofa, der sich offenbar mit einem Engel unterhielt? Dann war da noch ein bärtiger Mann mit Schild und Schwert. Warum hantierte eine Person, die mit einem Schwert bewaffnet war, mit einer Waage? Was hatte die Frau mit zwei Krügen vor? Für mich als Kind waren die Reliefs am Papstgrab nichts Religiöses, sondern Teile einer Bildergeschichte, die ich nicht verstand.

Foto 2: Die Tumba des Papstes

Gelernt habe ich im Lauf der Jahre, Kapellen, Kirchen und Kathedralen unvoreingenommen zu erkunden. Entdeckt habe ich dabei immer wieder künstlerische Darstellungen, die nicht so recht in ein christliches Gotteshaus zu passen scheinen. Beispiel: Kloster Corvey. Unter der Westempore des Johanneschores im Westwerk findet sich ein einzigartiges gemaltes Dokument. Es ist etwa1200 Jahre alt. Dank modernster wissenschaftlicher Methoden konnten winzige Farbpartikel entdeck werden, die man mit dem bloßen Auge nicht wahrnimmt. So war es möglich, scheinbar Verschwundenes deutlicher sichtbar werden zu lassen.

Foto 3: Die »Löwenbändigerin« oder »Tierärztin«?

Das Monster von Corvey hat einen spitz zulaufenden Schwanz, der ist steil emporgerichtet. Er wird rasch dicker, windet sich zweimal und geht in einen »menschlichen« Oberkörper über. Die Kreatur reckt einen Arm nach oben, mit dem anderen hat es einen Mann umklammert. Aus der Hüfte des Untiers wachsen drei Vorderteile von Hunden heraus.  Auf dem Schwanz der Bestie steht eine hünenhafte Gestalt, bekleidet mit Lendenschurz, bewaffnet ist mit Schild und Speer. Wahrscheinlich dürfen wir das Monsterwesen als Skylla, vielleicht aber auch als Kerberos identifizieren. Beide wurden in der Antike mit drei Vorderteilen von Hunden und Drachenschwanz dargestellt. Der wackere Kämpfer, der es mit dem Monster aufnimmt, könnte Odysseus sein, wenn die Darstellung des Gemetzels in einem heidnischen Tempel oder einem Palast aus vorchristlichen Zeiten zu finden wäre. Was aber hat Odysseus versus Monster in einem christlichen Gotteshaus zu suchen?

Fotos 4 und 5: Barbusige mit Drachen
Da bringen Theologen gern ein Zauberwort ins Spiel: die Allegorie. Die Allegorie – im Altgriechischen »allegoria«, zu Deutsch »verschleierte Sprache« – ist höchst hilfreich, wenn es gilt, ein heidnisch-mythologisches Bild in einem christlichen Gotteshaus zu erklären. Interpretiert man ein Bild allegorisch, dann bedeutet es etwas ganz anderes als es auf den ersten Blick darzustellen scheint. Aus dem mythologisch-heidnischen Kampf des Odysseus gegen Skylla oder Kerberos wird so der Heiligen Georg versus Satan und wenn man so will Jesus als Sieger über das Böse.

Allegorisch seien, so höre ich immer wieder, die Reliefs vom Bamberger Papstgrab zu verstehen. Die südliche Längsseite der Tumba zieren zwei besondere Paare: eine Frau und ein Löwe und eine Frau und ein Drache. »Fortitudo«  – Stärke – sei allegorisch als Frau gezeigt, die einen Löwen besiegt und ihm kraftvoll den Rachen aufreißt.  Diese Interpretation kann ich noch nachvollziehen. »Prudentia« –  zu Deutsch Klugheit – werde allegorisch als Frau und Drache dargestellt. Warum eine junge barbusige Frau, die einem Drachen an den Hals fasst, ein Sinnbild für »Klugheit« sein soll, leuchtet mir nicht so recht ein. Oder wird da ein uraltes religiöses Bild – die Urgöttin in Gestalt eines Drachen zusammen mit ihrer Anhängerin – verchristianisiert?

Foto 6: Zwei Frauen und ein Mann

Wenden wir uns der nördlichen Längsseite zu. Wir sehen zwei Frauen und einen Mann. Links sitzt eine Frau, eine Waage in einer Hand, mit der anderen greift sie nach einem Schwert auf ihrem Rücken. Allegorische Interpretation: das ist »Justitia« mit Waage und Schwert. In der Mitte sitzt eine weitere Frau, wiederum oben ohne wie die Frau mit dem Drachen, mit zwei Krügen. Sie schüttet etwas von einem Krug in den anderen. Allegorische Interpretation: das ist »Temperantia«, also die Mäßigkeit, die Wein mit Wasser verdünnt. Oder ist es doch eine Giftmischerin, die dem Papst einen tödlich wirkenden Trunk zubereitet?

Foto 7: Justitia mit Waage

Spärlich bekleidet ist der Mann rechts außen. Er wendet uns den Rücken zu. Aus einem über die Schulter gehobenen Gefäß fließt Wasser. Allegorische Interpretation: Er ist die Personifikation jenes Stromes, der laut Schöpfungsbericht (1) im Garten Eden entspringt. Soll die Fast-Nacktheit des Mannes auf die Zeit vor dem berühmten Sündenfall hinweisen, als Adam und Eva noch nackt waren? Steht er als allegorische Darstellung für das Paradies, für den Garten Eden, den Gott für abendliche Spaziergänge nach des Tages Hitze nutzte?  Soll der personifizierte  – allegorisch – das Paradies darstellen?

Foto 8: Giftmischerin mit Krügen?

Warum sind »Giftmischerin« und »Drachenfrau« beide barbusig und fast nackt gezeigt? Wurde Papst Clemens II. vergiftet, weil die Mächtigen von Kirche und Staat Angst vor seinen Reformplänen hatten? Einige Reformen hatte er ja bereits durchgesetzt, andere eingeleitet. Eine Rückkehr zu den ursprünglichen Werten des Christentums war für die im Reichtum Schwelgenden alles andere als wünschenswert. Sie genossen Reichtum und Macht, prassten und hatten dabei recht freizügige Vorstellungen von »christlicher Moral«. Steht der gebändigte, zahm wirkende Drache für die mit dem Tod von Papst Clemens II. beseitigte Gefahr?

Foto 9: Allegorische Darstellung des Paradieses?

Jahrzehnte sind seit meinem ersten Besuch im Dom zu Bamberg verstrichen. Auch heute noch fügen sich nach meinem Verständnis die einzelnen »Bilder« am Papstgrab immer noch nicht zu einer Geschichte. Ich befragte Professoren der Theologie, als ich in Erlangen studierte. Schlüssige Antworten erhielt ich keine. Die Faszination lässt nicht nach. Ich forsche weiter. Inzwischen habe ich intensiv in den eher spärlichen Quellen recherchiert. Wirklich befriedigende Antworten habe ich nicht gefunden. Es beruhigte mich ein wenig, als ich erkannte, dass auch für Experten bislang Fragen unbeantwortet bleiben. So konstatiert Dr. phil. Georg Gresser in seinem Werk »Clemens II.« offen und ehrlich (2): »Das Bildprogramm der Tumba ist nicht leicht zu deuten. Seit vielen Jahrzehnten herrschen unterschiedliche Meinungen über die dargestellten Personen und die damit verbundenen Aussagen vor.«

Eines der Reliefs ist in seiner Aussage eindeutig. Es befindet sich am »Fußende« der Tumba, an der Ostseite des Monuments. Zu sehen ist eindeutig Papst Clemens II. auf seinem Sterbelager. Ein Engel mit ausgebreiteten Flügeln deutet mit dem Zeigefinger gen Himmel. Offenbar weist er den Stellvertreter Christi auf Erden auf sein nahendes Ende, auf die Reise ins Jenseits hin. In der anderen Hand hält der Himmelsbote so etwas wie eine Schriftrolle, die vielleicht des Papstes gute und böse Taten auflistet. Es naht ja das himmlische Gericht.

Foto 10: Der sterbende Papst und der Engel

Das Bild an der gegenüberliegenden schmalen Seite der Tumba, an der Westseite, gibt Rätsel auf.  Da sitzt ein bärtiger Mann, der auf den ersten Blick wie ein Krieger aussieht. Er hält Schild und Schwert. Warum fasst er das Schwert nicht am Griff, sondern an der Schneide? Warum berührt er den Schild nicht direkt mit der Hand? Heilige werden fast immer mit dem Werkzeug gezeigt, das zu ihrer Ermordung genutzt wurde. Das Schwert könnte also auf Johannes den Täufer hinweisen, der ja geköpft wurde. Auf dem Schild sehen wir das Kreuzzeichen und das Lamm. Weist Johannes so auf den nahenden Messias (»Lamm Gottes«) hin? Andere Interpreten sehen nicht Johannes, den Täufer, sondern den Messias selbst dargestellt. Das Schwert wird vom Hinrichtungsinstrument zum Zeichen des Weltenrichters, der am Ende der Zeit Recht spricht.

Wer ist nun der Bärtige? Johannes der Täufer oder Jesus, der Richter? Das Relief ist an der westlichen Schmalseite angebracht. Die Ausrichtung nach Westen hin kann sehr wohl als Hinweis auf das »Jüngste Gericht« verstanden werden. Wird also nicht Johannes, sondern Jesus präsentiert, als Richter (Schwert!) und Erlöser (Lamm Gottes mit Kreuz)?

Fotos 11 und 12: Johannes oder Jesus?
Warum aber wird das Grab des Papstes hinter einem protzigen Bischofsstuhl versteckt, so dass man die kostbare Tumba als Dombesucher gar nicht zu Gesicht bekommt? Kapellen, Kirchen und Kathedralen haben so manches Geheimnis aufzuweisen. Die kleinen und großen Gotteshäuser verdienen sehr viel mehr Beachtung als ihnen in unseren Tagen zuteilwird. Da und dort werden Kirchen geschlossen und selbst große christliche Sakralbauten verkommen mehr und mehr zu musealen Zielen für Touristen. Wo man auch steht, ob man Atheist oder Christ ist: Unsere Wurzeln sind christlich. Noch leben wir im christlichen Abendland. Noch ist religiöser Glaube Privatsache.

Fußnoten
1) Siehe 1. Buch Mose Kapitel 2, Vers 10
2) Gresser, Georg: »Clemens II./ Der erste deutsche Reformpapst«, Paderborn 2007, S. 131, Zeilen 18-20 von unten
Zu den Fotos
Foto 1: Reliefs am Grab. Sehr frühe Zeichnung. Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Die Tumba des Papstes. Foto wiki commons Johannes Otto Först
Foto 3: Die »Löwenbändigerin« oder »Tierärztin«? Foto wiki commons Immanuel Giel
Fotos 4 und 5: Barbusige mit Drachen. Fotos wiki commons Johannes Otto Först
Foto 6: Zwei Frauen und ein Mann. Foto wiki commons Johannes Otto Först
Foto 7: Justitia mit Waage. Foto wiki commons Immanuel Giel
Foto 8: »Giftmischerin« mit Krügen. Foto wiki commons Immanuel Giel
Foto 9: Allegorische Darstellung des Paradieses? Foto wiki commons Johannes Otto Först
Foto 10: Der sterbende Papst und der Engel. Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 11 und 12: Johannes oder Jesus?  Foto 11 (oben) Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 12 (unten) wiki commons Johannes Otto Först 

359 »Gruselige Fabeltiere in Gotteshäusern«,
Teil  359 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 04.12.2016

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Sonntag, 21. Dezember 2014

257 »Delphine, Skylla und Odysseus«

Teil 257 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Heiligenverehrung in der Klosterkirche.
Im 9. Jahrhundert nach Christus wurde die steinerne Klosterkirche von Corvey wiederholt umgebaut. Vollendet wurde der Sakralbau schließlich anno 885 mit der Weihe des Westwerks. Alte und älteste Kirchen haben in Deutschland oft viele Jahrhunderte überdauert. Viele alte Sakralbauten, die  im Lauf der Geschichte nicht Brandschatzungen zum Opfer fielen, wurden allerdings im Zweiten Weltkrieg von alliierten Bombern attackiert und häufig weitestgehend zerstört. Mit großem Aufwand mussten die Kostbarkeiten der Baukunst rekonstruiert werden. Das Westwerk der einstigen Klosterkirche von Corvey ist das einzige frühmittelalterliche Baudenkmal dieser Art, das bis heute weitestgehend erhalten geblieben ist!

Unter der Westempore des Johanneschores im Westwerk findet sich ein einzigartiges gemaltes Dokument, rund 1200 Jahre alt. Dank modernster wissenschaftlicher Methoden konnten winzige Farbpartikel entdeck werden, die man mit dem bloßen Auge nicht wahrnimmt. Trotzdem ist eine Rekonstruktion der Malerei, die so gar nicht in eine frühmittelalterliche Kirche passt, immer auch reichlich spekulativ. Ich selbst habe wiederholt die Beobachtung gemacht, dass man  bei längerem Betrachten in Muße mehr zu erkennen vermag als man fotografisch festhalten kann.

Das Drachenwesen, vor rund 1200 Jahren gemalt....

Drachenartige Wesen sind so selten nicht in christlichen Kirchen dargestellt. Das mysteriöse Wesen von Corvey ist leicht als so eine Kreatur zu erkennen. Der spitz zulaufende Schwanz ist steil emporgerichtet, er wird rasch dicker, windet sich zweimal und geht in einen »menschlichen« Oberkörper über. Den rechten Arm reckt das Wesen hoch empor, mit dem linken Arm hat es einen Mann umklammert. Der Gefangene hat offenbar aufgegeben, er versucht nicht mehr zu entkommen. Drei Hundervorderteile, wütend um sich beißend, wachsen aus der Hüftregion heraus.

Zeichnung der mysteriösen Szene.

Auf dem Schwanz des Monsterwesens steht eine hünenhafte Gestalt mit Lendenschurz. Bewaffnet ist sie mit Schild und Speer. Offenbar attackiert die große Gestalt das Drachenwesen, stößt mit dem Speer nach einem der Hundeköpfe. Bei dem Monsterwesen könnte es sich um Skylla, aber auch um Kerberos handeln. Beide mythologischen Fabelwesen wurden in der Antike mit drei Hundeprotomen und Drachenschwanz dargestellt. (Worterklärung Wikipedia zu »Protome«: »Eine Protome ist ein plastisches Kunstwerk, das den vorderen Teil eines Tieres oder Menschen darstellt und meist mit einem anderen Objekt verbunden ist.«)

Gemäldeausschnitt. Deutlich zu erkennen: die Hundeköpfe

Der Mann mit Schild und Speer könnte Odysseus sein, der mutig den Kampf mit der Skylla aufnimmt. Einen seiner Gefährten hat die Skylla bereits gepackt. Der Kämpfer könnte aber auch Herakles sein, der den Kerberos besiegen und aus der Unterwelt holen sollte. Der Sage nach gelang ihm das. Herakles zerrte das Ungeheuer aus der Unterwelt ans Tageslicht. Furchteinflößend klang das metallische Bellen der Kreatur, ihr Speichel war giftig.


Oder hat der unbekannte Künstler vor rund 1200 Jahren doch Odysseus und Skylla dargestellt? Das menschenfressende Ungeheuer Skylla wollte Odysseus und seine Gefährten verschlingen, die mit Mühe der wasserstrudelnden Göttin Charybis ausweichen konnten. Meiner Meinung nach ist es wahrscheinlicher, dass beide vorchristlichen Mythen als Grundlage für das Gemälde dienten.

Es stellt sich die Frage, warum derlei heidnisches Sagengut in einer der wichtigsten Kirchen des Frühmittelalters im Westwerk in Form eines farbenprächtigen Deckengemäldes verewigt wurde. Bei Führungen vor Ort wird der heidnisch-mythologische Hintergrund dieser Malerei betont. Diese Sichtweise wird er von offensichtlich stark christlich orientierten Interpreten strikt abgelehnt.  Ein Besucher wollte mich in Corvey vom Fotografieren abhalten. »Lassen Sie das! Das ist heidnisches Teufelswerk, das den Christen in Versuchung führen soll. Er soll vom Glauben abfallen, sich wieder dem Heidentum zuwenden!« Ich beschwichtigte den Wütenden, versprach ihm, die entsprechenden Bilder nur fest im christlichen Glauben stehenden Zeitgenossen zu zeigen. Der Herr murmelte etwas von »Hopfen und Malz verloren« und entfernte sich, wobei er vor sich hin schimpfte. So konnte ich in Ruhe weiter fotografieren.

Hilde Claussen und Anna Skriver versuchen, heidnische Mythologie und christliche Sagenwelt zu vereinen. Sie s in ihrem opulenten, hervorragenden Werk »Die Klosterkirche Corvey« (1):

Zum Vergleich: antike Skylla aus
dem »Archäologischen Museum von Neapel«

 »Daß der Prototyp des Corveyer Skyllakämpfers auf einer uns unbekannten literarischen Überlieferung basiert, ist kaum anzunehmen. Die christlichen Drachenkämpfer, die Sieger über Teufel und teuflische Dämonen boten sich an. Der Überwinder des Ungeheuers Skylla wurde so mit diesen christlichen Helden in eine Reihe gerückt. Zum Vergleich mit dem Corveyer Odysseus … bieten sich vor allem Darstellungen des heiligen Michael auf dem Drachen an, dessen nur symbolischer Lanzenstoß in den Rachen des Teufelsdrachen bereits einen Sieg anzeigt.«

Dieser christlichen Interpretation kann ich nicht zustimmen. Zu mythologisch-heidnisch ist die Darstellung, die Handschrift der malenden Mönche ist nicht zu erkennen. Hier wurde ein Bild aus alter griechischer Sagenwelt übernommen. Wie viele solcher Gemälde mag es einst gegeben haben? Wurde die Sage um Skylla oder Kerberos in einem Bilderzyklus erzählt, von dem nur ein Einzelbild – und das sehr bruchstückhaft und undeutlich – erhalten geblieben ist? Wurden die Darstellungen weitestgehend zerstört, weil sie wütenden Bilderstürmern zu unchristlich waren?


 Weitere Fragmente im Westwerk zu Corvey zeigen mehr Mythologisches. Direkt rechts neben der Skylla: eine Protome, bestehend aus dem  Oberkörper einer Frau, der die langen Haare bis zu den Hüften reichen. Das (nackte?) Oberteil ist einem Vogelkörper aufgesetzt. Die Dame mit dem Vogelleib spielt ein Instrument, das an eine Harfe erinnert. Handelt es sich um die Darstellung einer Sirene? Dank modernster Methoden konnten Farbspuren sichtbar gemacht werden, so dass recht klar ist, wie die mit bloßem Auge kau wahrzunehmende Figur einst ausgesehen haben muss.

Rechts davon meine ich eine Art Kentaur ausmachen zu können. Die Vorderbeine sind wie bei einem Pferd in weit ausgreifendem Galopp dargestellt, der Hinterleib ist schlangenartig gewunden, ähnlich wie bei der Skylla nebenan. Mit viel Fantasie ist ein menschlicher Oberkörper – wie bei einem Kentauren – zu erahnen. Hilde Claussen und Anna Skriver vermuten (2):

»Die Silhouette von Kopf, Hals und Brust nebst Ansatz von Vorderbeinen deutet auf ein Meerwesen hin, das, zumindest mit seinem Vorderteil,  der Gattung der Huftiere entstammt.« Sie vermuten die Darstellung eines »Meerbocks«, was auch immer das sein mag!

Kentaur? Oder sonstiges Mischwesen? Fotos W-J.Langbein

Was man nun in einem christlichen Gotteshaus nicht erwartet, das sind Delfine! Delfine, so scheint es, waren bei den Malern von Corvey vor rund 1200 besonders beliebt. Wie viele Delfine sich einst an den Wänden im Westwerk getummelt haben mögen? Wir wissen es nicht. Delfine sind heute noch in einigen Resten der Wandmalereien zu erkennen. Sie dienten als Reittiere oder begleiteten einen Reiter auf einem Monster. Monsterwesen mögen der Fantasie der Künstler entsprungen sein. Aber recht realistische Darstellungen von Delfinen sind ohne Zweifel von Künstlern geschaffen worden, die wussten, wie so ein Delfin aussieht.  Wo hatten sie Delfine gesehen? Auf Reisen zum Mittelmehr vielleicht?

Ein Delfin als Reittier.
Sorgsame zeichnerische Rekonstruktion.

Fotos

»Zum Vergleich: antike Skylla aus dem ›Archäologischen Museum von Neapel‹«,
Foto »Naples Archaeology Museum«/ wiki commons/ Magnus Manske

Alle übrigen Fotos stammen vom Verfasser. Copyright bei Walter-Jörg Langbein

Alle meine Sonntagsbeiträge bieten eine Fülle von Fotos, die ich weitestgehend selbst aufgenommen habe. Das Copyright liegt für alle diese Fotos bei mir (Walter-Jörg Langbein)

Fußnoten

1) Harzenetter, Markus (Hrsg): »Die Klosterkirche Corvey/ Band 2: Wandmalerei  
     und Stuck aus karolingischer Zeit«, Mainz 2007, S. 172
     (Rechtschreibung des Zitats übernommen.)
2) ebenda, S. 160


258»Tod im Turm«,
Teil 258 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«,                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 28.12.2014

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