Posts mit dem Label Barbara Walker werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Barbara Walker werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 31. Mai 2015

280 »Die Lichterscheinungen von Lügde und anderswo«

Teil 280 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


»Leuchtende« Kilianskirche bei Nacht.

»An der Stelle, wo sich heute die St. Kilianskirche erhebt, soll in ganz, ganz alter Zeit bei den Heiden einst ein Heiligtum, das ›Ewige Licht‹ geheißen, gewesen sein. Hier soll immer ein Licht gebrannt haben und eine Heilquelle aus der Erde gesprungen sein. Aus allen Landen kamen die Heiden hierher. Es mag sich um ein wichtiges Heiligtum gehandelt haben. Die christlichen Missionare haben dieses Heiligtum dann verschüttet und an dieser Stelle eine Kirche errichtet, dem Heiligen Kilian geweiht. Die verschüttete Quelle versank 898 Meter tief und wartet noch heute auf ihre Wiederentdeckung. Es soll eine Salzquelle sein, die überaus heilsam wirken könne.«  So schreibt Heimatforscher Manfred Willeke in der von ihm herausgegebenen »Lügder Sagen-Sammlung«.


Ermordung St. Kilians

Interessant ist die Herkunft des Namens »Kilian«. Sie ist wohl keltischen Ursprungs. Aus dem keltischen »Ceallach« wurde wohl Kilian. »Ceallach« ist alles andere als christlich und bedeutet »Krieg, Kampf und Kämpfer«. Kam »St. Kilian« wie vermutet, aus dem keltischen Raum, um auch im Raum Lügde zu missionieren? Oder verbirgt sich etwas Heidnisches hinter der christlichen Fassade? 1972 wurde Ausgrabungen vor Ort durchgeführt, die interessante Spuren zutage förderten. So stießen Archäologen auf ein »prähistorisches Kindergrab« (2), aus der Zeit um Christi Geburt und auf eine »Abfallgrube« aus der gleichen Zeit. 

Die Kelten hinterließen eine Vielzahl von Anlagen, zum Beispiel die »Keltenschanzen« von Holzhausen (Bayern) und der »Herlingsburg« (unweit von Lügde). Innerhalb dieser von Erdwällen umgebenen Stätten gab es sehr häufig recht tiefe Schächte, in denen »organisches Material« entdeckt wurden. Offenbar handelte es sich dabei um Opferschächte, in die Gaben für die Götter geworfen wurden. Was manchmal despektierlich als »Abfallgrube« bezeichnet wird, kann sehr wohl auf heidnische Kulte hinweisen.

Dr. Günther Wieland studierte Vor- und Frühgeschichte. Der promovierte Wissenschaftler darf als einer der führenden Experten in Sachen »Keltenschanzen« gelten. In »Keltische Viereckschanzen« versucht er zusammen mit namhaften Kollegen einem uralten Rätsel auf die Spur zu kommen (3). Dr. Wieland schreibt zur Thematik der »Schächte« (4): »Die mehrfach in Viereckschanzen nachgewiesenen Schächte waren eines der Hauptargumente, alle diese Anlagen kultisch zu deuten und werden immer noch kontrovers diskutiert.«

Als ich in Erlangen evangelische Theologie studierte, hielt ich im Hause des »Martin-Luther-Bundes« einen Vortrag über »heidnische Wurzeln christlicher Stätten«. Meine Hinweise darauf, dass es dort, wo heute christliche Wallfahrten enden, einst schon Heiden ihre Kultfeiern zelebrierten, stießen auf wenig Begeisterung. »Sie interpretieren da zu viel hinein, Bruder Langbein!«, ermahnte mich mit strengem Blick ein Professor der Kirchengeschichte. »Verschwenden Sie doch nicht Ihre Zeit mit derlei Überlegungen! Wenn irgendwo im Erdreich Reste von Tieren ausgegraben werden, muss das mit altem heidnischen Brauchtum nichts zu tun gehabt haben. Vielleicht waren das nur Abfälle, die man vergraben hat! Und Sie geheimnissen da Religiöses hinein!« 

Teil des Walls einer Keltenschanze (Holzhausen)

In Holzhausen, Raum München, wurden in einer »Keltenschanze« drei Schächte ausfindig gemacht. Der älteste war immerhin ursprünglich 35 Meter tief. Dieser 35 Meter tiefe Schacht war teilweise handwerklich geschickt verschalt worden. Archäologen entdeckten am Grunde des verschütteten Schachts ein geschnitztes, scheibenförmiges Holzobjekt, vermutlich ein Kultobjekt aus heidnischen Zeiten. Im sechs Meter tiefen Schacht von Holzhausen stand einst auf dem Boden ein ins Erdreich getriebener Pfahl. Solche Pfähle versinnbildlichten in »primitiven« Zeiten nicht selten Gottheiten. Zu Zeiten des Alten Testaments, als Jahwe schon längst offizieller Gott war, wurden noch Pfähle angebetet, stellvertretend für Göttinnen. So war das Bild der Göttin Aschera alias Astarte ein Pfahl. Aschera alias Astarte war eine der wichtigsten Fruchtbarkeitsgöttinnen.

Vergeblich suchte ich in der Literatur nach archäologischen Auswertungen der »Abfallgrube« von Lügde aus der Zeit um Christi Geburt. So lässt sich die Frage, ob es sich dabei um Spuren ritueller Kulthandlungen und Opferungen vor rund zwei Jahrtausenden gehandelt hat, nicht mehr beantworten. Manfred Willeke hält es für möglich, dass dort, wo heute die altehrwürdige Kilianskirche zu Lügde steht, schon in vorchristlicher Zeit religiöse Feiern abgehalten wurden. So schreibt er(5): »Wenn es sich dabei tatsächlich um ein Heiligtum der Sachsen (Heiden) gehandelt hat, wäre die Errichtung einer Kirche darüber durchaus möglich, wie uns die Fachliteratur berichtet.«

Maria Licht
 Vor Jahren kam ich in der Kilianskirche zu Lügde mit einem Schweizer Ehepaar aus dem Dörfchen Acladira (Kanton Graubünden, in der Nähe von Trun) ins Gespräch. Interessiert lauschten die sympathischen Eidgenossen meinen Hinweisen auf die Lichterscheinung, die nach der alten Sage zum Bau der ersten Kilianskirche führte. »Unser Kirchlein in Acladira heißt Maria Licht!«, erklärte mir der Mann. Auch hier wird von einer geheimnisvollen Lichterscheinung berichtet. In vorgeschichtlichen Zeiten gab es ein prähistorisches Heiligtum. Ein mächtiger Findling überlebte die »Christianisierung«. Angeblich war der Stein noch im 20. Jahrhundert Ziel christlicher Pilger. Ob es schon zu heidnischen Zeiten das seltsame helle Licht gab? Wurde just dort, wo heute zu »Maria Licht« gebetet wird, eine Göttin verehrt? Am Chorbogen wird die Aufmerksamkeit der Besucher auf ein großes Fresko gelenkt. Es zeigt den »Triumphzug Marias«. Maria wird auf einem Wagen von Benediktinern gezogen.

Auf dem Altarbild, so erfuhr ich, sei einst eine »Heimsuchungsszene« zu sehen gewesen. Sollte das Kunstwerk den frommen Christen im 17. Jahrhundert zu anrüchig gewesen sein? Es wurde in den Jahren 1681 bis 1684 »durch eine bekleidete Madonna« (6) ersetzt. Die christliche Weihe erfolgte erst am 4. Juli 1672 durch Bischof Ulrich VI. de Mont zu Ehren der Jungfrau »Maria zum Licht«. Heidnische Weihen dürfte der sakrale Ort schon Jahrtausende früher erhalten haben. Das namensgebende Licht wurde von der christlichen Gemeinde als »göttliche Botschaft« gedeutet. Auch das im 17. Jahrhundert gefertigte Gemälde im Chorhimmel kann als »verchristianisierte« Fassung eines heidnischen Opferrituals gedeutet werden. Da fließen das Blut Jesu und die Milch der Gottesmutter zusammen: in einer Opferschale. Blut und Muttermilch lassen Erinnerungen an einen uralten Kult aus dem Matriarchat aufkommen.

Maria auf der Mondsichel in Lügdes Marienkirche

Zu den ältesten Gottheiten überhaupt gehören mit dem Mond verbundene Göttinnen. Barbara Walker weiß zu berichten (7): »Die Menschen glaubten schon seit ihren frühesten Kulturen, daß die geheimnisvolle Magie der Schöpfung dem Blut innewohne, das Frauen in offensichtlicher Harmonie mit dem Mond von sich gaben.« In »Harmonie mit dem Mond« wird sehr häufig auch in christlicher Sakralkunst Maria, die Gottesmutter, gezeigt. In zahllosen Darstellungen – zum Beispiel in der Marien-Kirche zu Lügde, steht sie auf einer Mondsichel. Die christliche Muttergottes setzt so eine uralte Tradition fort, die irgendwann in grauer Vorzeit ihren Ursprung nahm.  In Mesopotamien zum Beispiel wurde die Muttergöttin Ninhursag verehrt, die Menschen wie der biblische Gott aus Lehm geschaffen haben soll. Diese Kreationen bekamen das »Blut des Lebens« eingetrichtert…. 

»Ägyptische Pharaonen,« so lesen wir im Lexikon »Das geheime Wissen der Frauen« (8), »wurden göttlich, indem sie ›Blut der Isis‹ zu sich nahmen«. Dürfen wir in diesem Zusammenhang an das »Blut Christi« denken, das beim christlichen Abendmahl rituell verabreicht wird?


Maria Eck

Vom Schweizer Acladira zur Wallfahrtskirche Maria Eck im Traunsteiner Land. Das kleine Kirchlein ist auch heute noch, 882 Meter hoch gelegen, eines der beliebtesten Ziele des Chiemgaus. Vor dem Gnadenbild beten Zigtausende. Ob sie alle wissen, dass am Anfang eine mysteriöse Lichterscheinung den Ort heiligte? Auch die Maria der Wallfahrtskirche »Maria Eck« wird seit alters her in frommer Kunst gern wie eine Mondgöttin, also stehend auf der Mondsichel, gezeigt. 100 000 Pilger besuchen jährlich Maria Eck. Wie viele mögen wissen, dass »ihre« Gottesmutter uralten Mondgöttinnen entspricht?

»Mondgöttin« von Maria Eck

Leider fehlt bis heute eine wissenschaftliche theologische Erforschung der vernachlässigten Zusammenhänge: Welche Marienheiligtümer wurden auf heidnischen Kultstätten gebaut? Wo gab es mysteriöse Lichterscheinungen, die solche Orte der Kraft markierten? Bestätigten Lichterscheinungen die richtige Auswahl von Orten für den Bau von Tempeln oder Kirchen? Oder wurden sakrale Bauwerke dort gebaut, wo geheimnisvolle Lichterscheinungen aufgetreten sind?

Maria Locherboden

Ich fürchte, für viele heilige Orte werden sich diese Fragen nicht mehr beantworten lassen, weil das vorchristliche Erbe über Jahrhunderte hinweg negiert, verdrängt und zerstört wurde. So wissen wir von der Wallfahrtskirche Maria Locherboden über dem Inntal am Mieminger Plateau (Österreich), dass bei der christlichen Weihe anno 1901 Lichterscheinungen aufgetreten sein sollen. Aber wann wurde dieses Phänomen zum ersten Mal beobachtet? Fakt ist: Schon bevor die Kirche gebaut wurde, gab es Wallfahrten und – angeblich – Wunderheilungen. Die Kirche Maria Locherboden wurde ja errichtet. Weil just jene Stelle schon seit Jahrhunderten von christlichen Pilgern besucht wurde.


In den Monaten Mai bis Oktober findet immer am 11. Des Monats eine Lichterprozession statt… in Erinnerung an mysteriöse Lichterscheinungen? Ich fürchte, die Zusammenhänge zwischen heidnischen oder/ und christlichen Kultorten und mysteriösen Lichterscheinungen lassen sich in vielen Fällen nicht mehr erforschen. Wir sollten aber endlich die vorhandenen Quellen – Sagen, zum Beispiel – nutzen und auswerten, die Antworten auf just diese Fragen anbieten. Bislang entsteht aber der deutliche Eindruck, dass eine solche Forschung nicht wirklich erwünscht ist. Warum? Weil jeder Gläubige gern davon ausgeht, dass die eigene Religion allein die Fragen des Lebens beantworten kann.

St. Kilian zu Lügde
Leider gibt es aber bisher nicht einmal einen zusammenfassenden Überblick, wo und seit wann denn überall als göttlich angesehene Leuchterscheinungen aufgetreten sind. Ebenso wenig gibt es einen Überblick über alle »heidnischen« Stätten, die von christlichen abgelöst wurden. Die von mir angeführten Beispiele sind nur eine winzige Auswahl… Wie viele mag es insgesamt geben, im christlichen und darüber hinaus überhaupt im religiösen Bereich? Das sind Fragen, die Theologie, die diesen Namen auch verdient, endlich zu beantworten versuchen sollte!


Fußnoten

(1) Willeke, Manfred: »Lügder Sagen-Sammlung/ Sagen und sagenhafte Geschichten aus der Stadt Lügde«, Lügde 1988, S. 81, Orthographie blieb unverändert
(2) ebenda, S. 82
(3) Wieland, Günther (Hrsg.): Keltische Viereckschanzen/ Einem Rätsel auf der Spur, Stuttgart 1999
(4) ebenda, S. 44
(5) , Manfred: »Lügder Sagen-Sammlung/ Sagen und sagenhafte Geschichten aus der Stadt Lügde«, Lügde 1988, S. 81, Orthographie blieb unverändert.
Anmerkung des Verfassers: Meine Schlussfolgerungen sind »auf eigenem Mist gewachsen« und nicht mit Herrn Willeke abgesprochen. Es soll nicht der Eindruck entstehen, als ob meine Vermutungen von Herrn Willeke geteilt werden.
(6) Wikipedia-Artikel zu »Maria Licht«, Stand 14. April 2015
(7) Walker, Barbara: »Das geheime Wissen der Frauen«, Frankfurt 1993, S. 698
(8) ebenda, S. 700

Zu den Fotos:

»Leuchtende« Kilianskirche bei Nacht: Foto Walter-Jörg Langbein
Ermordung St. Kilians:Archiv Walter-Jörg Langbein
Teil des Walls einer Keltenschanze (Holzhausen): Foto Walter-Jörg Langbein
Maria Licht: wiki commons/ Adrian Michael
Maria auf der Mondsichel in Lügdes Marienkirche: Walter-Jörg Langbein
Maria Eck: wiki commons/ Schizoschaft
»Mondgöttin« von Maria Eck: ca 1850, Archiv Walter-Jörg Langbein
Maria Locherboden:wiki commons/ Kries
St. Kilian zu Lügde: Walter-Jörg Langbein

281 »Die verschwundenen Burgen«
Teil 281 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 07.06.2015

Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 15. September 2013

191 »Von Tunneln, Höhlen und Jungfrauen«

Teil 191 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Die Osterinsel - Panoramafoto - Foto: Rivi

Auf der Osterinsel gab es einst Hunderte von seltsamen »Gebäuden«. Viele dieser bunkerartigen Anlagen sind verschwunden, verschüttet oder vergessen. Einige habe ich besuchen können. Oft erkennt man sie kaum, geht achtlos an ihnen vorbei. »Hühnerställe«, so werden sie gewöhnlich genannt. Hühnerställe? Man stelle sich einen Erdhügel vor. Eine schmale, von Steinen umrahmte Öffnung lädt selbst schlanke Menschen nicht wirklich zum Betreten ein.

Von »Betreten« kann man auch nicht wirklich sprechen. Man muss nämlich bäuchlings kriechen. Und zwar durch einen Gang, für dessen Bau kolossale Steinquader verwendet wurden – und zwar meist sowohl für den Boden, die Seiten und die Wände. Das Anlegen dieser Tunnel war ein Meisterwerk.

Wenn man dann gleich direkt hinter dem Eingang eine Räumlichkeit für Gockel, Hennen und Küken vermutet, so erweist sich das rasch als Irrtum. Es folgt nämlich in allen diesen kuriosen Anlagen ein meterlanger, niedriger, schmaler Tunnel. Wenn man sich mutig hindurch windet, gelangt man erst nach Metern in einen niedrigen »Raum«, in den eigentlichen »Hühnerstall«.

Dieser Interpretation der kuriosen »Bauten« kann ich beim besten Willen nicht folgen! Warum sollte man derart unpraktische »Ställe« angelegt haben? Etwa um das liebe Federvieh vor Räubern zu schützen? Raubtiere wie etwa Reineke Fuchs hat es auf der Osterinsel nie gegeben. Raubvögel gab es auch nie. Schwalben nisteten auf der Osterinsel, stellten aber nie eine ernsthafte Gefahr für das Federvieh dar. Wollte man die Hühner vor Entführung vor Dieben auf zwei Beinen bewahren? Eine Verschlussvorrichtung ist an keinem der Eingänge zu erkennen.

Gang zum »Hühnerstall«
Foto: W-J.Langbein
Wer sich mit dem lieben Federvieh auch nur etwas auskennt, weiß, dass die eierlegenden Tierchen nicht so leicht davon zu überzeugen sind, dass sie durch einen meterlangen stockdunklen Tunnel marschieren sollen, um in eine stockdunkle Kammer zu gelangen. Mag sein, dass man sie mit Futter locken kann. Dann muss der menschliche Lockvogel mit Hühnerkost den Tunnel vorankriechen, mit dem schnatternden Gefolge hinterher.

Sollten die langen Tunnel Dieben den Zugriff auf Hühner und Eier erschweren? In der Tat, leicht hat man es eventuellen Räubern nicht gemacht. Nicht minder strapaziös war dann aber auch der Zugriff auf Hühner und Eier für die rechtmäßigen Besitzer. Die mussten sich genauso durch die röhrenartigen Zugänge quälen. Und das  täglich. Ganz zu schweigen vom Reinigen der Ställe ... Auch wer so einen Stall sauber machen wollte, musste erst auf dem Bauch durch den Gang kriechen. Gleiches gilt auch noch für die Fütterungen im »Stall«.

Nun werden heute noch Hühner auf der Osterinsel gehalten. Kein einziger der einst mit enormem Aufwand angelegten »Hühnerställe« wird heute als eben solcher benutzt! Warum nicht? So solide Behausungen für die gackernden Eierlegerinnen, deren Nachwuchs und stolze Hähne wären einmalig! Warum nutzt man sie dann nicht auch heute noch, Hühner gibt es ja auf der Osterinsel! Ich meine, weil diese an Ganggräber erinnernde Anlagen als Hühnerställe vollkommen ungeeignet sind. Richtig ist, dass diese Erklärung von Touristenguides mit ernster Miene vorgetragen wird. Stimmt sie aber auch? Ich habe da meine Zweifel!

Mich erinnern die langen Gänge mit anschließender Kammer an Kulthöhlen. Unser Guide Evelyn berichtete mir: »Vor einigen Jahren war plötzlich eine kranke Frau aus Hanga Roa verschwunden. Die Familienangehörigen wussten, dass sie krank war. Ob sie Selbstmord verübt hatte? Oder hatte sie versucht, auf die winzige Vogelinsel zu gelangen? Das ist selbst für gut trainierte Schwimmer eine Kunst! War sie bei dem Versuch ertrunken? Oder wollte sie sich irgendwo auskurieren?« 

Weiter geht's!
Foto: Ingeborg Diekmann
Schließlich entdeckte man die Vermisste ... Sie war durch einen der längeren Korridore in eine der »Hühnerstallkammern« gekrochen, um dort auf ihren Tod zu warten? Oder um gesund zu werden? Sollte es sich bei den merkwürdigen Anlagen um religiöse Kultanlagen handeln, in denen religiöse Riten vollzogen wurden, die mit Leben und Tod zu tun hatten?


Der antike Philosoph Porphyrios (ursprünglich Malik, syrisch) lebte im dritten Jahrhundert nach Christus. Die meisten seiner Schriften sind verloren gegangen. Porphyrios, einer der großen Universalgelehrten seiner Zeit, beschäftigte sich auch mit den Anfängen von Religion. Nach Porphyrios fanden alle religiösen Riten, bevor es Tempel gab, in Höhlen statt. (1)

John M. Robertson hat sich in seinen Werken kritisch mit der Gestalt des Jesus aus dem »Neuen Testament« beschäftigt. Er setzte sich aber auch intensiv mit den ältesten Religionen der Menschheit auseinander. Dabei betonte er die  Bedeutung von Höhlen in alten Kulten. Wo es keine natürlichen Höhlen gab, wurden künstliche geschaffen, schreibt er. (2) Robertson verweist darauf, dass zum Beispiel bei den »Alten Persern« Höhlen als höchst bedeutsame Orte angesehen wurden. Sie standen für die Unterwelt, in welche die Seelen der Toten hinab stiegen, um dann in der Wiedergeburt wieder an die Oberfläche zurückzukehren. So könnte die Frau auf der Osterinsel auf Gesundung gehofft haben: Sie vollzog einen Ritus. In die Kammer kriechend vollzog sie rituell ihren Tod, wieder heraus kommend ... ihre Auferstehung!

Für unsere Altvorderen waren, so Robertson, die Höhlen den höchsten Göttern geweiht. Zeus, Pan, Dionysos. Auch der Mithras-Kult hatte heilige Stätten in Höhlen. Auferstehung vom Tode wurde in Riten zelebriert: Man stieg in Höhlen und starb symbolisch im Ritus, um wieder ins Leben zurückzukehren. Kein Wunder: Galt doch »Mutter Erde« als Mutter allen Lebens. Dann war es auch naheliegend, Höhlen oder künstlich angelegte Tunnel für religiöse Riten zu verwenden.

Blick in die »Kammer«
am Ende des Ganges
Foto; W-J.Langbein
Ich bin geneigt, die seltsamen Gänge, die zu einem niedrigen Raum führen, in diesem religiösen Zusammenhang zu sehen ... und nicht als »Hühnerställe«.  Fritz Felbermayer bestätigte meine Vermutung. »Das Kriechen in eine Höhle oder einen Korridor symbolisierte den Tod. Man gelangte am Ende der Höhle oder des Ganges in das Totenreich, aus dem man wieder herauskriechen konnte.« So habe man rituell Tod und Wiedergeburt gespielt.

Auf der Osterinsel bestätigte mir ein Geistlicher, dass mit dem Aufkommen des Christentums die Höhlen und künstlich geschaffenen Korridore der Osterinsel noch an Bedeutung gewonnen hätten. »Heidnische Rituale wurden verboten. So wurden die Anhänger des alten Glaubens förmlich in die Unterwelt gedrängt.«

Die Osterinsel ist heute mysteriöser denn je. So schreibt der Osterinselexperte Hartwig E. Steiner (3): »Seit Ende des 19. Jahrhunderts haben mehrere Expeditionen versucht, den Geheimnissen auf der Osterinsel (Rapa Nui) näher zu kommen oder sie im idealen Fall zu entschlüsseln. Je mehr geforscht wurde, umso mehr wurde der immense archäologische Bestand dieser Insel erkennbar. Und umso weniger wurden eindeutige, beweiskräftige Erkenntnisse gewonnen. Dies gilt auch für das von den Einheimischen mündlich überlieferte Ritual des Bleichens auserwählter Jugendlicher. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Höhle »Ana O Keke.« Man nennt sie auch die »Höhle der Jungfrauen« oder »Höhle der Bleichung«. Für diese kurios anmutende Bezeichnung gibt es eine Erklärung: Angeblich wurden Jungfrauen lange in die Höhle gesperrt. Sie wurden, vom Sonnenlicht der Südsee geschützt, angeblich »bleich«.

Aber warum wurde dieses Ritual in der nur sehr schwer zugänglichen Höhle auf der Halbinsel Poike vollzogen? Poike war einst das beliebteste Siedlungsgebiet auf der Osterinsel. Hier gedieh alles am besten. Nirgendwo sonst konnte so erfolgreich Landwirtschaft betrieben werden. Hier wohnte die Elite, der »Adel«. Und hier fand sich auch die wohl geheimnisvollste Höhle, 440 Meter lang.

Blick in einer der Höhlen
Foto: W-J.Langbein
Und in dieser Höhle wurden die »Jungfrauen« durch Fernhalten vom Sonnenlicht »gebleicht«. Warum? Die Osterinselforscherin Katherine Routledge (4) vermeldet, dass bei den Osterinsulanern »weiße Haut bewundert wurde«. Während der zivilisierte Europäer oder Amerikaner sich so lange auf der Sonnenbank rösten lässt, bis seine Haut möglichst braun wird ... mied der vornehme Osterinsulaner die Sonne so gut er nur konnte, um möglichst bleich und hellhäutig zu wirken. Warum wurden die »Jungfrauen« in eine gespenstisch-unheimliche Höhle gesperrt, um sie zu »bleichen«? Aus modischen oder religiösen Erwägungen?

Nicht nur in der »Ana O Keke«-Höhle wurde »gebleicht«, es gab auch spezielle Häuser. Sie dienten besonders hübschen Kindern, Mädchen wie Jungen, als Gefängnis der Schönheit. Die Auserwählten durften die Häuser nicht verlassen, um so vor der Sonne geschützt zu sein ... um schön bleich zu werden und zu bleiben. Spielen mit Kameraden im Freien war verboten.

Der Aufenthalt in der Bleichhöhle für die »Jungfrauen« war ohne Zweifel eine Tortur.  Ich bin in mancher Höhle der Osterinsel herumgekrochen ... angenehme Aufenthaltsorte waren sie nie. Wer ans Ende der Jungfrauenhöhle gelangen will, muss schon eine gewisse Neigung zu Masochismus mit sich bringen und darf keine Platzangst haben. Immer wieder haben Forscher vorzeitig aufgegeben und sind ans Tageslicht zurückgekehrt. Walter Knoche (5) verweist darauf, dass es vor rund 100 Jahren auf der Osterinsel noch einen »Vestalinnen-Kult« gegeben haben. Vestalinnen waren im »Alten Rom« jungfräuliche Priesterinnen, die der Göttin Vesta dienten. Knoche berichtet also von »Priesterinnen«, die auf der Osterinsel zeitlebens in der »Jungfrauenhöhle« gefangen gehalten wurden. Um sie schön erbleichen zu lassen? Oder sollten die »Vestinnen« besonders rein gehalten und vor der Umwelt geschützt werden? Die »Jungfrauen« sollen bei den jungen Männern besonders beliebt gewesen sein. Mancher hat sich, so heißt es, in die Höhle der Jungfrauen eingeschlichen.

Pfeil weist auf Halbinsel Poike.


Welcher Göttin mögen die bleichen Jungfrauen einst gedient haben? Wir wissen es nicht. Wenn es auf der Osterinsel noch Erinnerungen an einen alten Göttinnen-Kult gibt, so wird das als Geheimnis gehütet. Wie lange der alte Kult noch zelebriert wurde, wir wissen es nicht. Angeblich wurde er schon längst nicht mehr ausgeübt, als die Osterinsel von »Entdeckern« heimgesucht wurde. Auch haben Missionare nie über ein derartiges »heidnisches Spektakel« berichtet.

Fußnoten

1 Walker, Barbara: Das geheime Wissen der Frauen, Frankfurt 1993, Seite 403
2 Robertson, John M.: Pagan Christs/ Studies in Comparative Hierology, London
     1903, S. 316
3  Steiner, Hartwig-E.: »Die Jungfrauen-Höhle auf der Osterinsel«, in »Institutm Canarium«, Wien   
     2008, S. 253
4 Routledge, Katherine: The Mystery of Easter Island, 1919, Nachdruck
     Kempton 1998, S. 235
5 Knoche, Walter: »Die Osterinsel/ Eine Zusammenfassung der chilenischen Osterinselexpedition 
     des Jahres 1911«, Concepcion, Chile, 1925, S. 253

»Von dicken Jungfrauen und eingesperrten Jünglingen«,
Teil 192 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 22.09.2013


Die allerbesten Grüße

und Wünsche senden

meine Frau und ich

an unsere Freundin

Nadine Ahrens!



Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Labels

Walter-Jörg Langbein (656) Sylvia B. (105) Osterinsel (79) Tuna von Blumenstein (46) Peru (34) Karl May (27) Nan Madol (27) g.c.roth (27) Maria Magdalena (22) Jesus (21) Karl der Große (19) Make Make (19) Externsteine (18) Für Sie gelesen (18) Bibel (17) Der Tote im Zwillbrocker Venn (17) Rezension (17) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Apokalypse (15) Vimanas (15) Atlantis der Südsee (13) Der hässliche Zwilling (13) Weseke (13) Blauregenmord (12) Nasca (12) Palenque (12) meniere desaster (12) Krimi (11) Pyramiden (11) Malta (10) Serie Teil meniere (10) Ägypten (10) Forentroll (9) Mexico (9) National Geographic (9) Straße der Toten (9) Lügde (8) Briefe an Lieschen (7) Monstermauern (7) Sphinx (7) Tempel der Inschriften (7) Winnetou (7) Lyrik (6) Marlies Bugmann (6) Mord (6) Märchen (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) Mexico City (5) Mord in Genf (5) Satire (5) Thriller (5) Atacama Wüste (4) Cheopspyramide (4) Dan Brown (4) Ephraim Kishon (4) Hexenhausgeflüster- Sylvia B. (4) Leonardo da Vinci (4) Machu Picchu (4) Sacsayhuaman (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Meniere (3) Mondpyramide (3) Mord im ostfriesischen Hammrich (3) Mysterien (3) Sakrileg (3) Shakespeare (3) Bevor die Sintflut kam (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Friedhofsgeschichten (2) Goethe (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Münsterland-Krimi (2) Vincent van Gogh (2) Alphabet (1) Bestatten mein Name ist Tod (1) Hexen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen Hexenhausgeflüster (1) Mord Ostfriesland (1) Mord und Totschlag (1) Münsterland (1) einmaleins lernen (1) meniére desaster (1)