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Sonntag, 22. September 2013

192 »Von dicken Jungfrauen und eingesperrten Jünglingen«

Teil 192 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Autor Langbein in einer der Höhlen
im Leib der Osterinsel
Foto: Anne Choulet, Frankreich
Die Jungfrauen der Osterinsel fristeten ein trauriges Los in der Dunkelheit ihrer engen  Höhle. Hunderte Meter weit reichte sie in den felsigen Leib des Eilands. Bei meinen Besuchen auf Rapa Nui lernte ich die friedliche Atmosphäre der Südseeinsel lieben. Aber Rapa Nui hat auch eine finstere, düstere Seite. Damit meine ich nicht die Verbrechen, die an den Insulanern verübt wurden ... von Vertretern der »zivilisierten Welt«.  Fast die gesamte Bevölkerung wurde im 19. Jahrhundert ausgerottet ...

Alfred Métraux schreibt, dass junge Mädchen »von ihren Eltern in Höhlen eingesperrt wurden, in denen sie in völligem Nichtstun lebten.« Die »Jungfrauenhöhle«, aber auch andere »Gefängnishöhlen« für »neru« (1), waren ja so eng, dass man sich darin kaum bewegen konnte. Längere Aufenthalte in diesem Gefängnis müssen unglaublich qualvoll gewesen sein.

Unserem Schönheitsideal entsprachen die Jungfrauen nicht. Wenn wir an holde, liebreizende und sehr feminine Ladies denken, wie sie in Hollywoodfilmen auftreten, machen wir uns vollkommen falsche Gedankenbilder. Die Wirklichkeit sah ganz anders aus ... Ihre Fingernägel wurden »übermäßig lang«. Ernährt, man muss wohl sagen gemästet, wurden die jungen Damen von ihren Eltern. Essen war das einzige »Vergnügen« der eingesperrten Mädchen, die deshalb immer dicker und dicker wurden. Bewegung hatten sie ja keine. An die frische Luft kamen sie, wenn überhaupt, in höchst bescheidenem Maße ... und das nur bei Nacht.

Wiederholt schilderten mir Einheimische das Aussehen der weggesperrten »Jungfrauen«: Überlange, oft verfilzte Haare, überlange Fingernägel, starkes Übergewicht und  Bemalung in Rot. Welche Mädchen wurden in Höhlen weggesperrt? Wir dürfen nicht mit heutigen Wertmaßstäben beurteilen. Vor Jahrhunderten waren es auf der Osterinsel vermutlich nicht gesellschaftliche Benachteiligte, sondern – ganz im Gegenteil – Töchter aus privilegierten Schichten, die in Höhlen hausen durften.

Blick in eine der Osterinselhöhlen
(Ana Kai Tangata)
Foto: Jürgen Huthmann
Wir wissen nichts darüber, wann und wie es zu den uns seltsam vorkommenden Praktiken kam. Wir wissen auch nicht, warum die Mädchen in dauernder Finsternis kaserniert wurden. Wenn wir nur die rätselhaften Felszeichnungen in der Jungfrauenhöhle »Ana O Keke« wie ein Buch lesen könnten. In der wissenschaftlichen Literatur ist zu lesen, dass die langen Aufenthalte in der Finsternis nicht in erster Linie irgendwelchen modischen Vorstellungen dienten, »sondern zur Vorbereitung von Initiationsriten genutzt« wurden.

Man muss demnach davon ausgehen, dass die Jungfrauen auf mysteriöse Rituale von wohl religiöser Bedeutung in der Abgeschiedenheit vorbereitet wurden. Wie diese Rituale ausgesehen haben? Wir wissen es nicht. Ging es um den Übergang vom Kind oder Jugendlichen zum Erwachsenen?
Prof. Hans Schindler-Bellamy, Wien, bezweifelte das: »Solche Riten, die das Erwachsenwerden bewusst betonen, gab es sicher auch. Aber die ›bleichen Jungfrauen‹ wurden wohl auf etwas anderes vorbereitet. Ich kann mir vorstellen, dass es eine eher kleine Zahl von Jungfrauen war, die in den Höhlen auf das Amt der Priesterin vorbereitet wurden!«

Für die künftigen Priesterinnen oder Schamaninnen ging es um die Kernfrage des Lebens, so der Wissenschaftler im Gespräch mit dem Verfasser, um Geburt, Leben, Sterben, Tod und was danach kommt!

Der Übergang vom Kind zum Erwachsenen erlebt jeder Mensch. Weltweit gab es in allen Kulturen Initiationsriten, die diesen natürlichen Wandel begleiteten. Lange Aufenthalte in einer Höhle indes machen den Menschen nicht gerade fit für das Alltagsleben. Und deshalb meinte Prof. Hans Schindler-Bellamy, dass eben nur ein kleiner Kreis von auserwählten Jungfrauen initiiert wurde, eben zur »weisen Frau«, zur »Priesterin« oder »Schamanin«.

Besuch in der Höhle
Ana Te Pahu
Foto: Jürgen Huthmann
1915 starb auf der Osterinsel die angeblich  letzte ehemalige »Jungfrau aus der Bleichhöhle«, die einst in ihrer Kindheit in der Dunkelheit hatte hausen müssen ... als hochbetagte Greisin. Sie soll die letzte Wissende gewesen sein, die das Geheimnis der Kulthöhle kannte. Sie nahm es mit ins Grab. Fast gleichzeitig verstarb damals in einer Lepra-Kolonie, der angeblich letzte Osterinsulaner, der noch die alten Osterinsel-Schriftzeichen wie ein Buch lesen konnte. Katherine Routledge besuchte den Sterbenden. »Es ist besser, dass das uralte Wissen mit mir für immer vergessen wird, als dass ich es einer Fremden anvertraue!«, soll er der großen Osterinselforscherin zugeflüstert haben.

»Ana O Keke«, das wissen wir, war eine uralte Kultstätte. Kurioser Weise soll es auf den Kanaren eine ähnliche Höhle geben, in der ganz ähnliche Petroglyphen wie in der Jungfrauenhöhle der Osterinsel gefunden wurden. In der Kulthöhle der Osterinsel wurde eine Vielzahl von seltsamen Zeichen gefunden, die sonst nirgendwo auf dem Eiland vorkommen. Die Übereinstimmungen zwischen den Höhlen der Osterinsel und auf den Kanaren verblüffen. Hartwig-E. Steiner schreibt (2): »Wer beide Höhlen, die Ana O Keke auf Rapa Nui und die Cueva del Agua auf der Kanaren-Insel El Hierro, besucht und studiert hat, ist von der Vielzahl an Übereinstimmungen überrascht. Die eine Höhle ist ein nahezu spiegelbildliches Abbild der anderen.«

Steiner kommentiert (3):
»Es ist sicher, das die beiden Gesellschaften auf den Kanaren und der Osterinsel keine Verbindung oder Kenntnisse voneinander hatten. Aber es ist durchaus vorstellbar, dass unter selben Bedingungen sich auch gleichartige kulturelle Phänomene, Bräuche, Lebensformen und Techniken entwickeln.«

Erkundung einer Höhle
Foto: Jürgen Huthmann
Ist das die Erklärung für die Übereinstimmungen zwischen der Höhle auf einer Kanaren-Insel im östlichen Zentralatlantik ... und einer Höhle auf der Osterinsel, auf der anderen Seite des Globus, im Pazifik? Ein Kontakt zwischen beiden Inseln vor vielen, vielen Jahrhunderten ... ist eigentlich nicht vorstellbar. Oder doch?

»Ana More Mata Puku« heißt eine weitere Höhle, ebenfalls auf der Halbinsel Poike gelegen. Sie ist im Vergleich zur Bleichhöhle der Jungfrauen geradezu winzig. Die Grundfläche entspricht mit etwa 24 Quadratmetern einem heutigen Zimmer. Die »Höhe« von durchschnittlich nur 1,30 m allerdings gestattet nur ein Sitzen, Hocken oder Liegen.

Bei meinen Besuchen auf der Osterinsel versuchte ich immer wieder, Näheres über sie zu erfahren. Vergeblich! Es sieht so aus, als ob nur sehr wenige Kundige wissen, wo sich die mysteriöse Höhle genau befindet.  Ihr Standort ist nur wenigen Eingeweihten bekannt ... und die schweigen, selbst gegenüber anderen Osterinsulanern, von Fremden ganz zu schweigen. Einige handverlesene Osterinsulaner, so heißt es, haben die mysteriöse Stätte zwei oder drei Mal besucht. Die überwiegende Mehrheit auf dem Eiland hat angeblich noch nie davon gehört. Nach mehreren Besuchen auf der Osterinsel glaube ich herausgefunden zu haben, wo in etwa der Eingang zu finden ist.
»Maunga Parehe« liegt im Nordosten von Vulkan Poike ... ein eher unscheinbarer Hügel. Ob es sich um einen kleinen Nebenkegel des Poike handelt? »Maunga Pehe«, davon bin ich nach intensiven Recherchen überzeugt, muss erklommen werden, um zur mysteriösen Höhle zu gelangen. Der Anstieg ist problemlos, der Abstieg zur Höhle ... lebensgefährlich. Man muss einen gefährlichen Steilabhang meistern ... und genau wissen, wo der versteckte Eingang zu finden ist.

Der Eingang soll früher besser zu erkennen gewesen sein. Im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte lösten sich vom Steilhang immer wieder Gerölllawinen, stürzten teils Lavabrocken von beachtlicher Größe in die Tiefe ... und versperrten den Blick auf den Zugang zur Höhle. Heute soll nur noch ein Spalt von weniger als einem Quadratmeter offen sein.

Ritzzeichnung in der Höhle
der Jünglinge
Foto: Archiv W-J.Langbein
»Ana More Mata Puku« ist das Pendant zu »Ana O Keke«. Hier hausten aber einst keine Jungfrauen ... sondern Jünglinge. Der Name der Höhle - »Ana More Mata Puku« - lässt sich bis heute nicht eindeutig übersetzen. »Ana« bedeutet »Höhle« ... aber was heißt »More Mata Puku«? Ein Einheimischer machte im Gespräch mysteriöse Andeutungen: »More ... Messerwunde, Schmerz, Bestrafung. Mata ... Grausamkeit.« Was geschah in der Höhle der Jünglinge? Und wie viele Jünglinge waren einst kaserniert? Vermutlich waren es nur einige wenige. Wurden mehr Jungfrauen auf mysteriöse Einweihungszeremonien vorbereitet als Jünglinge? Wir wissen es nicht. Unbekannt ist auch, wie die Riten der Jünglinge aussahen. Die Ritzzeichnungen in der Höhle könnten vielleicht Aufschluss geben ... wenn wir sie nur wie ein Buch lesen könnten! (5)

Eine Skizze so einer Ritz-Zeichnung erhielt ich ausgerechnet ... bei einem Gottesdienst in der kleinen Kirche von Rapa Nui. Steiner hat ganz ähnliche veröffentlicht, vermag aber auch nicht zu erklären, was dargestellt ist ...

Die Osterinsel - Panoramafoto; Foto: Rivi


Fußnoten

1 »neru«, Osterinsulanisch für Jungfrau
2  Steiner, Hartwig-E.: »Die Jungfrauen-Höhle auf der Osterinsel«, in »Institutm Canarium«, Wien 2008, S. 286
3 ebenda
4 Meine Informationen decken sich mit den Angaben von Steiner.
5 Meine Angaben basieren weitestgehend auf eigenen Recherchen vor Ort, decken sich weitestgehend mit den Erkenntnissen von Steiner. Siehe hierzu...
Steiner, Hartwig-E.: »Ritual-Höhle für Jünglinge der Osterinsel«, in »Institutm Canarium«, Wien 2012, S. 261-290
6 ebenda S. 284, S. 285 und S. 290

Anmerkung zu den Fotos: Wo keine Fotos von den Originalschauplätzen vorliegen, habe ich möglichst passende, ähnliche Motive ausgewählt.


Mein Dank geht an meine Reisegefährten Ingeborg Diekmann und Jürgen Huthmann,
die mir immer wieder vorzügliche Fotos zur Verfügung gestellt haben!



Ein fliegender Gott, Wolkenmenschen und rätselhafte Figuren ...
Teil 193 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 29.09.2013


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Sonntag, 15. September 2013

191 »Von Tunneln, Höhlen und Jungfrauen«

Teil 191 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Die Osterinsel - Panoramafoto - Foto: Rivi

Auf der Osterinsel gab es einst Hunderte von seltsamen »Gebäuden«. Viele dieser bunkerartigen Anlagen sind verschwunden, verschüttet oder vergessen. Einige habe ich besuchen können. Oft erkennt man sie kaum, geht achtlos an ihnen vorbei. »Hühnerställe«, so werden sie gewöhnlich genannt. Hühnerställe? Man stelle sich einen Erdhügel vor. Eine schmale, von Steinen umrahmte Öffnung lädt selbst schlanke Menschen nicht wirklich zum Betreten ein.

Von »Betreten« kann man auch nicht wirklich sprechen. Man muss nämlich bäuchlings kriechen. Und zwar durch einen Gang, für dessen Bau kolossale Steinquader verwendet wurden – und zwar meist sowohl für den Boden, die Seiten und die Wände. Das Anlegen dieser Tunnel war ein Meisterwerk.

Wenn man dann gleich direkt hinter dem Eingang eine Räumlichkeit für Gockel, Hennen und Küken vermutet, so erweist sich das rasch als Irrtum. Es folgt nämlich in allen diesen kuriosen Anlagen ein meterlanger, niedriger, schmaler Tunnel. Wenn man sich mutig hindurch windet, gelangt man erst nach Metern in einen niedrigen »Raum«, in den eigentlichen »Hühnerstall«.

Dieser Interpretation der kuriosen »Bauten« kann ich beim besten Willen nicht folgen! Warum sollte man derart unpraktische »Ställe« angelegt haben? Etwa um das liebe Federvieh vor Räubern zu schützen? Raubtiere wie etwa Reineke Fuchs hat es auf der Osterinsel nie gegeben. Raubvögel gab es auch nie. Schwalben nisteten auf der Osterinsel, stellten aber nie eine ernsthafte Gefahr für das Federvieh dar. Wollte man die Hühner vor Entführung vor Dieben auf zwei Beinen bewahren? Eine Verschlussvorrichtung ist an keinem der Eingänge zu erkennen.

Gang zum »Hühnerstall«
Foto: W-J.Langbein
Wer sich mit dem lieben Federvieh auch nur etwas auskennt, weiß, dass die eierlegenden Tierchen nicht so leicht davon zu überzeugen sind, dass sie durch einen meterlangen stockdunklen Tunnel marschieren sollen, um in eine stockdunkle Kammer zu gelangen. Mag sein, dass man sie mit Futter locken kann. Dann muss der menschliche Lockvogel mit Hühnerkost den Tunnel vorankriechen, mit dem schnatternden Gefolge hinterher.

Sollten die langen Tunnel Dieben den Zugriff auf Hühner und Eier erschweren? In der Tat, leicht hat man es eventuellen Räubern nicht gemacht. Nicht minder strapaziös war dann aber auch der Zugriff auf Hühner und Eier für die rechtmäßigen Besitzer. Die mussten sich genauso durch die röhrenartigen Zugänge quälen. Und das  täglich. Ganz zu schweigen vom Reinigen der Ställe ... Auch wer so einen Stall sauber machen wollte, musste erst auf dem Bauch durch den Gang kriechen. Gleiches gilt auch noch für die Fütterungen im »Stall«.

Nun werden heute noch Hühner auf der Osterinsel gehalten. Kein einziger der einst mit enormem Aufwand angelegten »Hühnerställe« wird heute als eben solcher benutzt! Warum nicht? So solide Behausungen für die gackernden Eierlegerinnen, deren Nachwuchs und stolze Hähne wären einmalig! Warum nutzt man sie dann nicht auch heute noch, Hühner gibt es ja auf der Osterinsel! Ich meine, weil diese an Ganggräber erinnernde Anlagen als Hühnerställe vollkommen ungeeignet sind. Richtig ist, dass diese Erklärung von Touristenguides mit ernster Miene vorgetragen wird. Stimmt sie aber auch? Ich habe da meine Zweifel!

Mich erinnern die langen Gänge mit anschließender Kammer an Kulthöhlen. Unser Guide Evelyn berichtete mir: »Vor einigen Jahren war plötzlich eine kranke Frau aus Hanga Roa verschwunden. Die Familienangehörigen wussten, dass sie krank war. Ob sie Selbstmord verübt hatte? Oder hatte sie versucht, auf die winzige Vogelinsel zu gelangen? Das ist selbst für gut trainierte Schwimmer eine Kunst! War sie bei dem Versuch ertrunken? Oder wollte sie sich irgendwo auskurieren?« 

Weiter geht's!
Foto: Ingeborg Diekmann
Schließlich entdeckte man die Vermisste ... Sie war durch einen der längeren Korridore in eine der »Hühnerstallkammern« gekrochen, um dort auf ihren Tod zu warten? Oder um gesund zu werden? Sollte es sich bei den merkwürdigen Anlagen um religiöse Kultanlagen handeln, in denen religiöse Riten vollzogen wurden, die mit Leben und Tod zu tun hatten?


Der antike Philosoph Porphyrios (ursprünglich Malik, syrisch) lebte im dritten Jahrhundert nach Christus. Die meisten seiner Schriften sind verloren gegangen. Porphyrios, einer der großen Universalgelehrten seiner Zeit, beschäftigte sich auch mit den Anfängen von Religion. Nach Porphyrios fanden alle religiösen Riten, bevor es Tempel gab, in Höhlen statt. (1)

John M. Robertson hat sich in seinen Werken kritisch mit der Gestalt des Jesus aus dem »Neuen Testament« beschäftigt. Er setzte sich aber auch intensiv mit den ältesten Religionen der Menschheit auseinander. Dabei betonte er die  Bedeutung von Höhlen in alten Kulten. Wo es keine natürlichen Höhlen gab, wurden künstliche geschaffen, schreibt er. (2) Robertson verweist darauf, dass zum Beispiel bei den »Alten Persern« Höhlen als höchst bedeutsame Orte angesehen wurden. Sie standen für die Unterwelt, in welche die Seelen der Toten hinab stiegen, um dann in der Wiedergeburt wieder an die Oberfläche zurückzukehren. So könnte die Frau auf der Osterinsel auf Gesundung gehofft haben: Sie vollzog einen Ritus. In die Kammer kriechend vollzog sie rituell ihren Tod, wieder heraus kommend ... ihre Auferstehung!

Für unsere Altvorderen waren, so Robertson, die Höhlen den höchsten Göttern geweiht. Zeus, Pan, Dionysos. Auch der Mithras-Kult hatte heilige Stätten in Höhlen. Auferstehung vom Tode wurde in Riten zelebriert: Man stieg in Höhlen und starb symbolisch im Ritus, um wieder ins Leben zurückzukehren. Kein Wunder: Galt doch »Mutter Erde« als Mutter allen Lebens. Dann war es auch naheliegend, Höhlen oder künstlich angelegte Tunnel für religiöse Riten zu verwenden.

Blick in die »Kammer«
am Ende des Ganges
Foto; W-J.Langbein
Ich bin geneigt, die seltsamen Gänge, die zu einem niedrigen Raum führen, in diesem religiösen Zusammenhang zu sehen ... und nicht als »Hühnerställe«.  Fritz Felbermayer bestätigte meine Vermutung. »Das Kriechen in eine Höhle oder einen Korridor symbolisierte den Tod. Man gelangte am Ende der Höhle oder des Ganges in das Totenreich, aus dem man wieder herauskriechen konnte.« So habe man rituell Tod und Wiedergeburt gespielt.

Auf der Osterinsel bestätigte mir ein Geistlicher, dass mit dem Aufkommen des Christentums die Höhlen und künstlich geschaffenen Korridore der Osterinsel noch an Bedeutung gewonnen hätten. »Heidnische Rituale wurden verboten. So wurden die Anhänger des alten Glaubens förmlich in die Unterwelt gedrängt.«

Die Osterinsel ist heute mysteriöser denn je. So schreibt der Osterinselexperte Hartwig E. Steiner (3): »Seit Ende des 19. Jahrhunderts haben mehrere Expeditionen versucht, den Geheimnissen auf der Osterinsel (Rapa Nui) näher zu kommen oder sie im idealen Fall zu entschlüsseln. Je mehr geforscht wurde, umso mehr wurde der immense archäologische Bestand dieser Insel erkennbar. Und umso weniger wurden eindeutige, beweiskräftige Erkenntnisse gewonnen. Dies gilt auch für das von den Einheimischen mündlich überlieferte Ritual des Bleichens auserwählter Jugendlicher. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Höhle »Ana O Keke.« Man nennt sie auch die »Höhle der Jungfrauen« oder »Höhle der Bleichung«. Für diese kurios anmutende Bezeichnung gibt es eine Erklärung: Angeblich wurden Jungfrauen lange in die Höhle gesperrt. Sie wurden, vom Sonnenlicht der Südsee geschützt, angeblich »bleich«.

Aber warum wurde dieses Ritual in der nur sehr schwer zugänglichen Höhle auf der Halbinsel Poike vollzogen? Poike war einst das beliebteste Siedlungsgebiet auf der Osterinsel. Hier gedieh alles am besten. Nirgendwo sonst konnte so erfolgreich Landwirtschaft betrieben werden. Hier wohnte die Elite, der »Adel«. Und hier fand sich auch die wohl geheimnisvollste Höhle, 440 Meter lang.

Blick in einer der Höhlen
Foto: W-J.Langbein
Und in dieser Höhle wurden die »Jungfrauen« durch Fernhalten vom Sonnenlicht »gebleicht«. Warum? Die Osterinselforscherin Katherine Routledge (4) vermeldet, dass bei den Osterinsulanern »weiße Haut bewundert wurde«. Während der zivilisierte Europäer oder Amerikaner sich so lange auf der Sonnenbank rösten lässt, bis seine Haut möglichst braun wird ... mied der vornehme Osterinsulaner die Sonne so gut er nur konnte, um möglichst bleich und hellhäutig zu wirken. Warum wurden die »Jungfrauen« in eine gespenstisch-unheimliche Höhle gesperrt, um sie zu »bleichen«? Aus modischen oder religiösen Erwägungen?

Nicht nur in der »Ana O Keke«-Höhle wurde »gebleicht«, es gab auch spezielle Häuser. Sie dienten besonders hübschen Kindern, Mädchen wie Jungen, als Gefängnis der Schönheit. Die Auserwählten durften die Häuser nicht verlassen, um so vor der Sonne geschützt zu sein ... um schön bleich zu werden und zu bleiben. Spielen mit Kameraden im Freien war verboten.

Der Aufenthalt in der Bleichhöhle für die »Jungfrauen« war ohne Zweifel eine Tortur.  Ich bin in mancher Höhle der Osterinsel herumgekrochen ... angenehme Aufenthaltsorte waren sie nie. Wer ans Ende der Jungfrauenhöhle gelangen will, muss schon eine gewisse Neigung zu Masochismus mit sich bringen und darf keine Platzangst haben. Immer wieder haben Forscher vorzeitig aufgegeben und sind ans Tageslicht zurückgekehrt. Walter Knoche (5) verweist darauf, dass es vor rund 100 Jahren auf der Osterinsel noch einen »Vestalinnen-Kult« gegeben haben. Vestalinnen waren im »Alten Rom« jungfräuliche Priesterinnen, die der Göttin Vesta dienten. Knoche berichtet also von »Priesterinnen«, die auf der Osterinsel zeitlebens in der »Jungfrauenhöhle« gefangen gehalten wurden. Um sie schön erbleichen zu lassen? Oder sollten die »Vestinnen« besonders rein gehalten und vor der Umwelt geschützt werden? Die »Jungfrauen« sollen bei den jungen Männern besonders beliebt gewesen sein. Mancher hat sich, so heißt es, in die Höhle der Jungfrauen eingeschlichen.

Pfeil weist auf Halbinsel Poike.


Welcher Göttin mögen die bleichen Jungfrauen einst gedient haben? Wir wissen es nicht. Wenn es auf der Osterinsel noch Erinnerungen an einen alten Göttinnen-Kult gibt, so wird das als Geheimnis gehütet. Wie lange der alte Kult noch zelebriert wurde, wir wissen es nicht. Angeblich wurde er schon längst nicht mehr ausgeübt, als die Osterinsel von »Entdeckern« heimgesucht wurde. Auch haben Missionare nie über ein derartiges »heidnisches Spektakel« berichtet.

Fußnoten

1 Walker, Barbara: Das geheime Wissen der Frauen, Frankfurt 1993, Seite 403
2 Robertson, John M.: Pagan Christs/ Studies in Comparative Hierology, London
     1903, S. 316
3  Steiner, Hartwig-E.: »Die Jungfrauen-Höhle auf der Osterinsel«, in »Institutm Canarium«, Wien   
     2008, S. 253
4 Routledge, Katherine: The Mystery of Easter Island, 1919, Nachdruck
     Kempton 1998, S. 235
5 Knoche, Walter: »Die Osterinsel/ Eine Zusammenfassung der chilenischen Osterinselexpedition 
     des Jahres 1911«, Concepcion, Chile, 1925, S. 253

»Von dicken Jungfrauen und eingesperrten Jünglingen«,
Teil 192 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 22.09.2013


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