Posts mit dem Label Malik werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Malik werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 8. Juli 2018

442 »Höllenschlund und Höllenfeuer«


Teil 442 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: St. Jakobus von Urschalling.

In der »St. Johannes Baptist«-Kirche von Neufahrn wirkt ein Fresko für ein christliches Gotteshaus seltsam unpassend. Was aber auf den ersten Blick an ein Monster, vielleicht an einen Drachen erinnert, stellt ein wichtiges christliches Motiv dar: den Höllenschlund. Darin sitzt der Teufel selbst. Er hält so etwas wie eine Säule, die verhindern soll, dass sich das grässliche Maul wieder schließt. Erst will er eine ganze Reihe von Seelen verstorbener Menschen mit einer Kette in sein Reich zerren.

Foto 2: Blick ins Gotteshaus von Urschalling.

Eine verblüffend ähnliche Szene findet sich als Fresko in einer anderen, sehr geheimnisvollen Kirche, in »St. Jakobus von Urschalling« (Fotos 1 und 2).

Zur Erinnerung: Vollendet wurde das äußerlich unscheinbare Gotteshaus Ende des 12. Jahrhunderts. Der Turm dürfte sehr viel älter sein. Er stammt womöglich, zumindest in Teilen, aus der Römerzeit. Später wurde das kleine Kirchenschiff an den Turm gesetzt und eine Verbindung geschaffen. Nicht ganz klar ist, wann genau die ersten frommen Fresken angebracht wurden. Die ältesten sind vielleicht schon acht Jahrhunderte alt. Um 1550 wurden sie jedenfalls alle überputzt und übertüncht. Sie gerieten in Vergessenheit. Die ältesten dürften aus dem 12. Jahrhundert stammen.

Foto 3: Der Höllenschlund von Urschalling.

Auch in Urschalling gibt es einen furchteinflößenden Höllenschlund (Foto 3). Wie in Neufahrn hockt Satan im Maul. Wie in Urschalling wird die Höllenschnauze daran gehindert, zuzuklappen, aber nicht vom Teufel, sondern von Jesus. Mit seinem Stab, an dessen sich ein Kreuz befindet, verabreicht der Erlöser dem Höllentier eine Maulsperre und lässt eine ganze Reihe von Menschen das Reich des Todes verlassen.

Am Rande bemerkt: In Urschalling gibt es noch einen zweiten Teufel, der allerdings auf dem Monsterkopf (Symbol für Hölle) steht. Dieser Satan ist allerdings stark verwittert.

Foto 4
Eine weitere Darstellung der »Hölle« als Monstermaul entdeckte ich in der »Marienkirche« von Bad Segeberg (Foto 4). 1156 erfolgte in Bad Segeberg die Grundsteinlegung des schlichten Gotteshauses. 1199 erwähnt erstmals eine päpstliche Urkunde den Sakralbau, der allerdings erst im dreizehnten Jahrhundert vollendet wurde.

Betritt man die Marienkirche, so wird in dem fast nüchternen Bau der Blick auf den Altar gelenkt. Wer den Schnitzaltar geschaffen hat, ist nicht mit Sicherheit feststellbar. Fakt ist: Er stammt aus dem frühen 16. Jahrhundert. Es könnte sich um ein frühes Werk des Bildhauers und Bildschnitzers Johannes Brüggemann (um 1480 geboren, etwa 1540 in einem Husumer Armenhaus verstorben) handeln (Foto 5).

Foto 5: Blick in die Marienkirche von Bad Segeberg.

Die Höllendarstellung als Monster fällt in Bad Segeberg im Rahmen der Darstellung des Leidensweges Christi sehr klein aus (Foto 6). Den geöffneten Höllenrachen übersieht man bei der Fülle an Darstellungen auf dem Altaraufbau leicht. Auch begnügt sich hier der Teufel mit einer Seele. Wie so oft wird die Seele eines Verstorbenen als nacktes Kleinkind gezeigt (Foto 7).


Foto 6: Leicht zu übersehen ist der Höllenschlund

In Neufahrn, Urschalling und Bad Segeberg wird den Gottesdienstbesuchern im Bild drastisch vorgeführt, welches Schicksal dem Sünder blüht. Heute werden in unseren Gefilden solche Darstellung wohl eher als allenfalls kunsthistorische Kuriosa betrachtet. Oder als Sinnbilder, die nicht wörtlich verstanden werden dürfen. Manche Theologen verstehen es als Hölle, wenn sich der Mensch von Gott entfernt. Einst mögen drastische Höllenbilder die Menschen in Angst und Schrecken versetzt haben. Heute ist das anders. Schon anno 1999 führte »European Values Study« eine Studie zum Thema Hölle durch (1). In Dänemark, Schweden, Tschechien und den Niederlanden glaubte nur jeder Zehnte an die Existenz der Hölle, in Deutschland waren es 15%. Besonders weit verbreitet war der Höllenglauben im katholischen Nordirland. Da gaben immerhin 6 von 10 der Befragten an, dass ihrer Meinung nach die Hölle real ist. In der Türkei, so ergab die Studie, waren die »Ungläubigen« in der Minderheit, nur 1 von 10 Befragten lehnte den Höllenglauben ab, 9 von 10 der Befragten hatten keinen Zweifel, dass es die Hölle wirklich gibt.

Foto 7: Der Höllenschlund von Bad Segeberg.

Kurios, aber wahr: Während meines Studiums der evangelischen Theologie in Erlangen haben muslimische Studenten aus der arabischen Welt versucht, mich zum Islam zu bekehren. Gerade ich als Theologiestudent müsse doch erkennen, dass das Christentum eine Irrlehre sei. Würde ich weiter dem eingeschlagenen Weg folgen, würde er mich direkt in die Hölle führen. Wiederholt wurden mir unvorstellbar schlimme Qualen geschildert, die ich in der Hölle womöglich bis ans Ende der Zeit erleiden würde.

Einige Male zitierte man für mich aus Sure »An-Nisá«: »Die Unseren Zeichen Glauben versagen, die werden Wir bald ins Feuer stoßen. Sooft ihre Haut verbrannt ist, geben Wir ihnen eine andere Haut, damit sie die Strafe auskosten. Wahrlich, Allah ist allmächtig, allweise.«

Etwas hoffnungsvoller klingt da schon Sure 111 (3): »Was nun die betrifft, die unselig sein sollen, so werden sie ins Feuer gelangen, worinnen für sie Seufzen und Schluchzen sein wird; Darin zu bleiben, solange die Himmel und die Erde dauern, es sei denn, daß dein Herr es anders will. Wahrlich, dein Herr bewirkt alles, was Ihm gefällt.«

Unklar war mir, ob ich als Ungläubiger auf alle Zeiten oder nur befristet im Höllenfeuer würde ausharren müssen. Nach Sure 111 würde die Zeit der Qualen und der Schmerzen so lange währen, bis der Herr, also Allah, »es anders will«. In manchen Übersetzungen heißt es in Sure 9 (4):

»Wissen sie denn nicht, dass für den, der Gott und Seinem Gesandten (Muhammad) zuwiderhandelt, das Feuer der Hölle bestimmt ist?  Darin wird er auf ewig bleiben; das ist die große Demütigung.« Von einer solchen Möglichkeit der Beendigung der Schmerzen im Höllenfeuer weiß Sure 5 (5) nichts: »Sie möchten wohl dem Feuer entrinnen, doch sie werden nicht daraus entrinnen können, und ihre Pein wird immerwährend sein.« »Ihre Pein wird immerwährend sein…«, das sind klare Worte.Nach biblischem Verständnis vertrieb Gott Adam und Eva aus dem Paradies, weil sie gegen sein Verbot verstoßen hatten. Dann setzte Gott Engel als Wächter ein, die Adam und Eva die Rückkehr ins Paradies unmöglich machen mussten (6): »Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.«

Im Koran heißt es, dass 19 Engel (7) aufpassen, dass keine Sünder der Hölle entkommen. Ihr Anführer Malik kennt keine Gnade. »Ihr müsst bleiben!« (8), schleudert er den Gepeinigten entgegen, die lieber sterben wollen als weiter das unbeschreibliche Martyrium zu ertragen.

Bis ins kleinste Detail schilderten mir die muslimischen Studienkollegen, was mich alles in der Hölle erwarten würde, es sei denn, ich würde mich zu Islam bekehren lassen. Da ich damals schon die Freuden von Speis‘ und Trank zu schätzen wusste, glaubten die Mitstudenten aus arabischen Ländern wohl mich mit Hinweisen auf höllische Kost in Angst und Schrecken versetzen zu können. Sie versuchten es jedenfalls. Ich staune, wie detailreich das Wissen des Moslem in Sachen in Hölle ist, so er denn den Koran emsig studiert.

Grausamen Hunger würde ich zu erleiden haben. Und als einzige Kost würde es eine Art trockenes Dornengestrüpp geben, das nicht sättigte. Tatsächlich droht solche Kost dem Höllenbewohner (9). Und das bei unvorstellbarer Hitze. Das Höllenfeuer soll 70 Mal so stark sein wie irdisches. Unsäglicher Durst tritt dann natürlich auf, doch es gibt kein kühles Wasser, um ihn zu lindern, sondern nur siedend heißes (10).

»Mehr als dich warnen können wir nicht!«, bekam ich so manches Mal zu hören. »Aber du schlägst ja unsere Mahnungen in den Wind!« Wenn ich dereinst in der Hölle leiden jammern, wehklagen und winseln würde, dann sei es zu spät. »Dann werden dich Engel fragen, ist denn keiner zu dir gekommen um dich zu warnen? Dann wirst du dich an uns erinnern. Du wirst zugeben müssen, dass du erfahren hast, was auf dich wartet. Du aber bist stur geblieben. Dann ist es zu spät!«

Fußnoten
1) Wikipedia-Artikel »Hölle«, Unterkapitel »Umfragen«, aufgerufen Pfingstsonntag, 20. Mai 2018
2) Sure 4, 56. »An-Nisa«, »Die Frauen«
3) Sure 111, 106-10
4) Sure 9, 63, Internetseite »The Religion of Islam«
5) Sure 5, 37
6) 1. Buch Mose Kapitel 3, Vers 24
7) Sure 74, 30
8) Sure 43, 77
9) Sure 88, 6
10) Sure 37, 67
11) Sure 67, 8-10

Zu den Fotos
Foto 1: St. Jakobus von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Blick ins Gotteshaus von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Der Höllenschlund von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: »Marienkirche« von Bad Segeberg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Blick in die Marienkirche von Bad Segeberg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Leicht zu übersehen ist der Höllenschlund. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Der Höllenschlund von Bad Segeberg. Foto Walter-Jörg Langbein

443 »Die goldene Füchsin und die Pyramide«,
Teil 443 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 15.07.2018

Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 15. September 2013

191 »Von Tunneln, Höhlen und Jungfrauen«

Teil 191 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Die Osterinsel - Panoramafoto - Foto: Rivi

Auf der Osterinsel gab es einst Hunderte von seltsamen »Gebäuden«. Viele dieser bunkerartigen Anlagen sind verschwunden, verschüttet oder vergessen. Einige habe ich besuchen können. Oft erkennt man sie kaum, geht achtlos an ihnen vorbei. »Hühnerställe«, so werden sie gewöhnlich genannt. Hühnerställe? Man stelle sich einen Erdhügel vor. Eine schmale, von Steinen umrahmte Öffnung lädt selbst schlanke Menschen nicht wirklich zum Betreten ein.

Von »Betreten« kann man auch nicht wirklich sprechen. Man muss nämlich bäuchlings kriechen. Und zwar durch einen Gang, für dessen Bau kolossale Steinquader verwendet wurden – und zwar meist sowohl für den Boden, die Seiten und die Wände. Das Anlegen dieser Tunnel war ein Meisterwerk.

Wenn man dann gleich direkt hinter dem Eingang eine Räumlichkeit für Gockel, Hennen und Küken vermutet, so erweist sich das rasch als Irrtum. Es folgt nämlich in allen diesen kuriosen Anlagen ein meterlanger, niedriger, schmaler Tunnel. Wenn man sich mutig hindurch windet, gelangt man erst nach Metern in einen niedrigen »Raum«, in den eigentlichen »Hühnerstall«.

Dieser Interpretation der kuriosen »Bauten« kann ich beim besten Willen nicht folgen! Warum sollte man derart unpraktische »Ställe« angelegt haben? Etwa um das liebe Federvieh vor Räubern zu schützen? Raubtiere wie etwa Reineke Fuchs hat es auf der Osterinsel nie gegeben. Raubvögel gab es auch nie. Schwalben nisteten auf der Osterinsel, stellten aber nie eine ernsthafte Gefahr für das Federvieh dar. Wollte man die Hühner vor Entführung vor Dieben auf zwei Beinen bewahren? Eine Verschlussvorrichtung ist an keinem der Eingänge zu erkennen.

Gang zum »Hühnerstall«
Foto: W-J.Langbein
Wer sich mit dem lieben Federvieh auch nur etwas auskennt, weiß, dass die eierlegenden Tierchen nicht so leicht davon zu überzeugen sind, dass sie durch einen meterlangen stockdunklen Tunnel marschieren sollen, um in eine stockdunkle Kammer zu gelangen. Mag sein, dass man sie mit Futter locken kann. Dann muss der menschliche Lockvogel mit Hühnerkost den Tunnel vorankriechen, mit dem schnatternden Gefolge hinterher.

Sollten die langen Tunnel Dieben den Zugriff auf Hühner und Eier erschweren? In der Tat, leicht hat man es eventuellen Räubern nicht gemacht. Nicht minder strapaziös war dann aber auch der Zugriff auf Hühner und Eier für die rechtmäßigen Besitzer. Die mussten sich genauso durch die röhrenartigen Zugänge quälen. Und das  täglich. Ganz zu schweigen vom Reinigen der Ställe ... Auch wer so einen Stall sauber machen wollte, musste erst auf dem Bauch durch den Gang kriechen. Gleiches gilt auch noch für die Fütterungen im »Stall«.

Nun werden heute noch Hühner auf der Osterinsel gehalten. Kein einziger der einst mit enormem Aufwand angelegten »Hühnerställe« wird heute als eben solcher benutzt! Warum nicht? So solide Behausungen für die gackernden Eierlegerinnen, deren Nachwuchs und stolze Hähne wären einmalig! Warum nutzt man sie dann nicht auch heute noch, Hühner gibt es ja auf der Osterinsel! Ich meine, weil diese an Ganggräber erinnernde Anlagen als Hühnerställe vollkommen ungeeignet sind. Richtig ist, dass diese Erklärung von Touristenguides mit ernster Miene vorgetragen wird. Stimmt sie aber auch? Ich habe da meine Zweifel!

Mich erinnern die langen Gänge mit anschließender Kammer an Kulthöhlen. Unser Guide Evelyn berichtete mir: »Vor einigen Jahren war plötzlich eine kranke Frau aus Hanga Roa verschwunden. Die Familienangehörigen wussten, dass sie krank war. Ob sie Selbstmord verübt hatte? Oder hatte sie versucht, auf die winzige Vogelinsel zu gelangen? Das ist selbst für gut trainierte Schwimmer eine Kunst! War sie bei dem Versuch ertrunken? Oder wollte sie sich irgendwo auskurieren?« 

Weiter geht's!
Foto: Ingeborg Diekmann
Schließlich entdeckte man die Vermisste ... Sie war durch einen der längeren Korridore in eine der »Hühnerstallkammern« gekrochen, um dort auf ihren Tod zu warten? Oder um gesund zu werden? Sollte es sich bei den merkwürdigen Anlagen um religiöse Kultanlagen handeln, in denen religiöse Riten vollzogen wurden, die mit Leben und Tod zu tun hatten?


Der antike Philosoph Porphyrios (ursprünglich Malik, syrisch) lebte im dritten Jahrhundert nach Christus. Die meisten seiner Schriften sind verloren gegangen. Porphyrios, einer der großen Universalgelehrten seiner Zeit, beschäftigte sich auch mit den Anfängen von Religion. Nach Porphyrios fanden alle religiösen Riten, bevor es Tempel gab, in Höhlen statt. (1)

John M. Robertson hat sich in seinen Werken kritisch mit der Gestalt des Jesus aus dem »Neuen Testament« beschäftigt. Er setzte sich aber auch intensiv mit den ältesten Religionen der Menschheit auseinander. Dabei betonte er die  Bedeutung von Höhlen in alten Kulten. Wo es keine natürlichen Höhlen gab, wurden künstliche geschaffen, schreibt er. (2) Robertson verweist darauf, dass zum Beispiel bei den »Alten Persern« Höhlen als höchst bedeutsame Orte angesehen wurden. Sie standen für die Unterwelt, in welche die Seelen der Toten hinab stiegen, um dann in der Wiedergeburt wieder an die Oberfläche zurückzukehren. So könnte die Frau auf der Osterinsel auf Gesundung gehofft haben: Sie vollzog einen Ritus. In die Kammer kriechend vollzog sie rituell ihren Tod, wieder heraus kommend ... ihre Auferstehung!

Für unsere Altvorderen waren, so Robertson, die Höhlen den höchsten Göttern geweiht. Zeus, Pan, Dionysos. Auch der Mithras-Kult hatte heilige Stätten in Höhlen. Auferstehung vom Tode wurde in Riten zelebriert: Man stieg in Höhlen und starb symbolisch im Ritus, um wieder ins Leben zurückzukehren. Kein Wunder: Galt doch »Mutter Erde« als Mutter allen Lebens. Dann war es auch naheliegend, Höhlen oder künstlich angelegte Tunnel für religiöse Riten zu verwenden.

Blick in die »Kammer«
am Ende des Ganges
Foto; W-J.Langbein
Ich bin geneigt, die seltsamen Gänge, die zu einem niedrigen Raum führen, in diesem religiösen Zusammenhang zu sehen ... und nicht als »Hühnerställe«.  Fritz Felbermayer bestätigte meine Vermutung. »Das Kriechen in eine Höhle oder einen Korridor symbolisierte den Tod. Man gelangte am Ende der Höhle oder des Ganges in das Totenreich, aus dem man wieder herauskriechen konnte.« So habe man rituell Tod und Wiedergeburt gespielt.

Auf der Osterinsel bestätigte mir ein Geistlicher, dass mit dem Aufkommen des Christentums die Höhlen und künstlich geschaffenen Korridore der Osterinsel noch an Bedeutung gewonnen hätten. »Heidnische Rituale wurden verboten. So wurden die Anhänger des alten Glaubens förmlich in die Unterwelt gedrängt.«

Die Osterinsel ist heute mysteriöser denn je. So schreibt der Osterinselexperte Hartwig E. Steiner (3): »Seit Ende des 19. Jahrhunderts haben mehrere Expeditionen versucht, den Geheimnissen auf der Osterinsel (Rapa Nui) näher zu kommen oder sie im idealen Fall zu entschlüsseln. Je mehr geforscht wurde, umso mehr wurde der immense archäologische Bestand dieser Insel erkennbar. Und umso weniger wurden eindeutige, beweiskräftige Erkenntnisse gewonnen. Dies gilt auch für das von den Einheimischen mündlich überlieferte Ritual des Bleichens auserwählter Jugendlicher. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Höhle »Ana O Keke.« Man nennt sie auch die »Höhle der Jungfrauen« oder »Höhle der Bleichung«. Für diese kurios anmutende Bezeichnung gibt es eine Erklärung: Angeblich wurden Jungfrauen lange in die Höhle gesperrt. Sie wurden, vom Sonnenlicht der Südsee geschützt, angeblich »bleich«.

Aber warum wurde dieses Ritual in der nur sehr schwer zugänglichen Höhle auf der Halbinsel Poike vollzogen? Poike war einst das beliebteste Siedlungsgebiet auf der Osterinsel. Hier gedieh alles am besten. Nirgendwo sonst konnte so erfolgreich Landwirtschaft betrieben werden. Hier wohnte die Elite, der »Adel«. Und hier fand sich auch die wohl geheimnisvollste Höhle, 440 Meter lang.

Blick in einer der Höhlen
Foto: W-J.Langbein
Und in dieser Höhle wurden die »Jungfrauen« durch Fernhalten vom Sonnenlicht »gebleicht«. Warum? Die Osterinselforscherin Katherine Routledge (4) vermeldet, dass bei den Osterinsulanern »weiße Haut bewundert wurde«. Während der zivilisierte Europäer oder Amerikaner sich so lange auf der Sonnenbank rösten lässt, bis seine Haut möglichst braun wird ... mied der vornehme Osterinsulaner die Sonne so gut er nur konnte, um möglichst bleich und hellhäutig zu wirken. Warum wurden die »Jungfrauen« in eine gespenstisch-unheimliche Höhle gesperrt, um sie zu »bleichen«? Aus modischen oder religiösen Erwägungen?

Nicht nur in der »Ana O Keke«-Höhle wurde »gebleicht«, es gab auch spezielle Häuser. Sie dienten besonders hübschen Kindern, Mädchen wie Jungen, als Gefängnis der Schönheit. Die Auserwählten durften die Häuser nicht verlassen, um so vor der Sonne geschützt zu sein ... um schön bleich zu werden und zu bleiben. Spielen mit Kameraden im Freien war verboten.

Der Aufenthalt in der Bleichhöhle für die »Jungfrauen« war ohne Zweifel eine Tortur.  Ich bin in mancher Höhle der Osterinsel herumgekrochen ... angenehme Aufenthaltsorte waren sie nie. Wer ans Ende der Jungfrauenhöhle gelangen will, muss schon eine gewisse Neigung zu Masochismus mit sich bringen und darf keine Platzangst haben. Immer wieder haben Forscher vorzeitig aufgegeben und sind ans Tageslicht zurückgekehrt. Walter Knoche (5) verweist darauf, dass es vor rund 100 Jahren auf der Osterinsel noch einen »Vestalinnen-Kult« gegeben haben. Vestalinnen waren im »Alten Rom« jungfräuliche Priesterinnen, die der Göttin Vesta dienten. Knoche berichtet also von »Priesterinnen«, die auf der Osterinsel zeitlebens in der »Jungfrauenhöhle« gefangen gehalten wurden. Um sie schön erbleichen zu lassen? Oder sollten die »Vestinnen« besonders rein gehalten und vor der Umwelt geschützt werden? Die »Jungfrauen« sollen bei den jungen Männern besonders beliebt gewesen sein. Mancher hat sich, so heißt es, in die Höhle der Jungfrauen eingeschlichen.

Pfeil weist auf Halbinsel Poike.


Welcher Göttin mögen die bleichen Jungfrauen einst gedient haben? Wir wissen es nicht. Wenn es auf der Osterinsel noch Erinnerungen an einen alten Göttinnen-Kult gibt, so wird das als Geheimnis gehütet. Wie lange der alte Kult noch zelebriert wurde, wir wissen es nicht. Angeblich wurde er schon längst nicht mehr ausgeübt, als die Osterinsel von »Entdeckern« heimgesucht wurde. Auch haben Missionare nie über ein derartiges »heidnisches Spektakel« berichtet.

Fußnoten

1 Walker, Barbara: Das geheime Wissen der Frauen, Frankfurt 1993, Seite 403
2 Robertson, John M.: Pagan Christs/ Studies in Comparative Hierology, London
     1903, S. 316
3  Steiner, Hartwig-E.: »Die Jungfrauen-Höhle auf der Osterinsel«, in »Institutm Canarium«, Wien   
     2008, S. 253
4 Routledge, Katherine: The Mystery of Easter Island, 1919, Nachdruck
     Kempton 1998, S. 235
5 Knoche, Walter: »Die Osterinsel/ Eine Zusammenfassung der chilenischen Osterinselexpedition 
     des Jahres 1911«, Concepcion, Chile, 1925, S. 253

»Von dicken Jungfrauen und eingesperrten Jünglingen«,
Teil 192 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 22.09.2013


Die allerbesten Grüße

und Wünsche senden

meine Frau und ich

an unsere Freundin

Nadine Ahrens!



Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Labels

Walter-Jörg Langbein (656) Sylvia B. (105) Osterinsel (79) Tuna von Blumenstein (46) Peru (34) Karl May (27) Nan Madol (27) g.c.roth (27) Maria Magdalena (22) Jesus (21) Karl der Große (19) Make Make (19) Externsteine (18) Für Sie gelesen (18) Bibel (17) Der Tote im Zwillbrocker Venn (17) Rezension (17) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Apokalypse (15) Vimanas (15) Atlantis der Südsee (13) Der hässliche Zwilling (13) Weseke (13) Blauregenmord (12) Nasca (12) Palenque (12) meniere desaster (12) Krimi (11) Pyramiden (11) Malta (10) Serie Teil meniere (10) Ägypten (10) Forentroll (9) Mexico (9) National Geographic (9) Straße der Toten (9) Lügde (8) Briefe an Lieschen (7) Monstermauern (7) Sphinx (7) Tempel der Inschriften (7) Winnetou (7) Lyrik (6) Marlies Bugmann (6) Mord (6) Märchen (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) Mexico City (5) Mord in Genf (5) Satire (5) Thriller (5) Atacama Wüste (4) Cheopspyramide (4) Dan Brown (4) Ephraim Kishon (4) Hexenhausgeflüster- Sylvia B. (4) Leonardo da Vinci (4) Machu Picchu (4) Sacsayhuaman (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Meniere (3) Mondpyramide (3) Mord im ostfriesischen Hammrich (3) Mysterien (3) Sakrileg (3) Shakespeare (3) Bevor die Sintflut kam (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Friedhofsgeschichten (2) Goethe (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Münsterland-Krimi (2) Vincent van Gogh (2) Alphabet (1) Bestatten mein Name ist Tod (1) Hexen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen Hexenhausgeflüster (1) Mord Ostfriesland (1) Mord und Totschlag (1) Münsterland (1) einmaleins lernen (1) meniére desaster (1)