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Sonntag, 8. Juli 2018

442 »Höllenschlund und Höllenfeuer«


Teil 442 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: St. Jakobus von Urschalling.

In der »St. Johannes Baptist«-Kirche von Neufahrn wirkt ein Fresko für ein christliches Gotteshaus seltsam unpassend. Was aber auf den ersten Blick an ein Monster, vielleicht an einen Drachen erinnert, stellt ein wichtiges christliches Motiv dar: den Höllenschlund. Darin sitzt der Teufel selbst. Er hält so etwas wie eine Säule, die verhindern soll, dass sich das grässliche Maul wieder schließt. Erst will er eine ganze Reihe von Seelen verstorbener Menschen mit einer Kette in sein Reich zerren.

Foto 2: Blick ins Gotteshaus von Urschalling.

Eine verblüffend ähnliche Szene findet sich als Fresko in einer anderen, sehr geheimnisvollen Kirche, in »St. Jakobus von Urschalling« (Fotos 1 und 2).

Zur Erinnerung: Vollendet wurde das äußerlich unscheinbare Gotteshaus Ende des 12. Jahrhunderts. Der Turm dürfte sehr viel älter sein. Er stammt womöglich, zumindest in Teilen, aus der Römerzeit. Später wurde das kleine Kirchenschiff an den Turm gesetzt und eine Verbindung geschaffen. Nicht ganz klar ist, wann genau die ersten frommen Fresken angebracht wurden. Die ältesten sind vielleicht schon acht Jahrhunderte alt. Um 1550 wurden sie jedenfalls alle überputzt und übertüncht. Sie gerieten in Vergessenheit. Die ältesten dürften aus dem 12. Jahrhundert stammen.

Foto 3: Der Höllenschlund von Urschalling.

Auch in Urschalling gibt es einen furchteinflößenden Höllenschlund (Foto 3). Wie in Neufahrn hockt Satan im Maul. Wie in Urschalling wird die Höllenschnauze daran gehindert, zuzuklappen, aber nicht vom Teufel, sondern von Jesus. Mit seinem Stab, an dessen sich ein Kreuz befindet, verabreicht der Erlöser dem Höllentier eine Maulsperre und lässt eine ganze Reihe von Menschen das Reich des Todes verlassen.

Am Rande bemerkt: In Urschalling gibt es noch einen zweiten Teufel, der allerdings auf dem Monsterkopf (Symbol für Hölle) steht. Dieser Satan ist allerdings stark verwittert.

Foto 4
Eine weitere Darstellung der »Hölle« als Monstermaul entdeckte ich in der »Marienkirche« von Bad Segeberg (Foto 4). 1156 erfolgte in Bad Segeberg die Grundsteinlegung des schlichten Gotteshauses. 1199 erwähnt erstmals eine päpstliche Urkunde den Sakralbau, der allerdings erst im dreizehnten Jahrhundert vollendet wurde.

Betritt man die Marienkirche, so wird in dem fast nüchternen Bau der Blick auf den Altar gelenkt. Wer den Schnitzaltar geschaffen hat, ist nicht mit Sicherheit feststellbar. Fakt ist: Er stammt aus dem frühen 16. Jahrhundert. Es könnte sich um ein frühes Werk des Bildhauers und Bildschnitzers Johannes Brüggemann (um 1480 geboren, etwa 1540 in einem Husumer Armenhaus verstorben) handeln (Foto 5).

Foto 5: Blick in die Marienkirche von Bad Segeberg.

Die Höllendarstellung als Monster fällt in Bad Segeberg im Rahmen der Darstellung des Leidensweges Christi sehr klein aus (Foto 6). Den geöffneten Höllenrachen übersieht man bei der Fülle an Darstellungen auf dem Altaraufbau leicht. Auch begnügt sich hier der Teufel mit einer Seele. Wie so oft wird die Seele eines Verstorbenen als nacktes Kleinkind gezeigt (Foto 7).


Foto 6: Leicht zu übersehen ist der Höllenschlund

In Neufahrn, Urschalling und Bad Segeberg wird den Gottesdienstbesuchern im Bild drastisch vorgeführt, welches Schicksal dem Sünder blüht. Heute werden in unseren Gefilden solche Darstellung wohl eher als allenfalls kunsthistorische Kuriosa betrachtet. Oder als Sinnbilder, die nicht wörtlich verstanden werden dürfen. Manche Theologen verstehen es als Hölle, wenn sich der Mensch von Gott entfernt. Einst mögen drastische Höllenbilder die Menschen in Angst und Schrecken versetzt haben. Heute ist das anders. Schon anno 1999 führte »European Values Study« eine Studie zum Thema Hölle durch (1). In Dänemark, Schweden, Tschechien und den Niederlanden glaubte nur jeder Zehnte an die Existenz der Hölle, in Deutschland waren es 15%. Besonders weit verbreitet war der Höllenglauben im katholischen Nordirland. Da gaben immerhin 6 von 10 der Befragten an, dass ihrer Meinung nach die Hölle real ist. In der Türkei, so ergab die Studie, waren die »Ungläubigen« in der Minderheit, nur 1 von 10 Befragten lehnte den Höllenglauben ab, 9 von 10 der Befragten hatten keinen Zweifel, dass es die Hölle wirklich gibt.

Foto 7: Der Höllenschlund von Bad Segeberg.

Kurios, aber wahr: Während meines Studiums der evangelischen Theologie in Erlangen haben muslimische Studenten aus der arabischen Welt versucht, mich zum Islam zu bekehren. Gerade ich als Theologiestudent müsse doch erkennen, dass das Christentum eine Irrlehre sei. Würde ich weiter dem eingeschlagenen Weg folgen, würde er mich direkt in die Hölle führen. Wiederholt wurden mir unvorstellbar schlimme Qualen geschildert, die ich in der Hölle womöglich bis ans Ende der Zeit erleiden würde.

Einige Male zitierte man für mich aus Sure »An-Nisá«: »Die Unseren Zeichen Glauben versagen, die werden Wir bald ins Feuer stoßen. Sooft ihre Haut verbrannt ist, geben Wir ihnen eine andere Haut, damit sie die Strafe auskosten. Wahrlich, Allah ist allmächtig, allweise.«

Etwas hoffnungsvoller klingt da schon Sure 111 (3): »Was nun die betrifft, die unselig sein sollen, so werden sie ins Feuer gelangen, worinnen für sie Seufzen und Schluchzen sein wird; Darin zu bleiben, solange die Himmel und die Erde dauern, es sei denn, daß dein Herr es anders will. Wahrlich, dein Herr bewirkt alles, was Ihm gefällt.«

Unklar war mir, ob ich als Ungläubiger auf alle Zeiten oder nur befristet im Höllenfeuer würde ausharren müssen. Nach Sure 111 würde die Zeit der Qualen und der Schmerzen so lange währen, bis der Herr, also Allah, »es anders will«. In manchen Übersetzungen heißt es in Sure 9 (4):

»Wissen sie denn nicht, dass für den, der Gott und Seinem Gesandten (Muhammad) zuwiderhandelt, das Feuer der Hölle bestimmt ist?  Darin wird er auf ewig bleiben; das ist die große Demütigung.« Von einer solchen Möglichkeit der Beendigung der Schmerzen im Höllenfeuer weiß Sure 5 (5) nichts: »Sie möchten wohl dem Feuer entrinnen, doch sie werden nicht daraus entrinnen können, und ihre Pein wird immerwährend sein.« »Ihre Pein wird immerwährend sein…«, das sind klare Worte.Nach biblischem Verständnis vertrieb Gott Adam und Eva aus dem Paradies, weil sie gegen sein Verbot verstoßen hatten. Dann setzte Gott Engel als Wächter ein, die Adam und Eva die Rückkehr ins Paradies unmöglich machen mussten (6): »Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.«

Im Koran heißt es, dass 19 Engel (7) aufpassen, dass keine Sünder der Hölle entkommen. Ihr Anführer Malik kennt keine Gnade. »Ihr müsst bleiben!« (8), schleudert er den Gepeinigten entgegen, die lieber sterben wollen als weiter das unbeschreibliche Martyrium zu ertragen.

Bis ins kleinste Detail schilderten mir die muslimischen Studienkollegen, was mich alles in der Hölle erwarten würde, es sei denn, ich würde mich zu Islam bekehren lassen. Da ich damals schon die Freuden von Speis‘ und Trank zu schätzen wusste, glaubten die Mitstudenten aus arabischen Ländern wohl mich mit Hinweisen auf höllische Kost in Angst und Schrecken versetzen zu können. Sie versuchten es jedenfalls. Ich staune, wie detailreich das Wissen des Moslem in Sachen in Hölle ist, so er denn den Koran emsig studiert.

Grausamen Hunger würde ich zu erleiden haben. Und als einzige Kost würde es eine Art trockenes Dornengestrüpp geben, das nicht sättigte. Tatsächlich droht solche Kost dem Höllenbewohner (9). Und das bei unvorstellbarer Hitze. Das Höllenfeuer soll 70 Mal so stark sein wie irdisches. Unsäglicher Durst tritt dann natürlich auf, doch es gibt kein kühles Wasser, um ihn zu lindern, sondern nur siedend heißes (10).

»Mehr als dich warnen können wir nicht!«, bekam ich so manches Mal zu hören. »Aber du schlägst ja unsere Mahnungen in den Wind!« Wenn ich dereinst in der Hölle leiden jammern, wehklagen und winseln würde, dann sei es zu spät. »Dann werden dich Engel fragen, ist denn keiner zu dir gekommen um dich zu warnen? Dann wirst du dich an uns erinnern. Du wirst zugeben müssen, dass du erfahren hast, was auf dich wartet. Du aber bist stur geblieben. Dann ist es zu spät!«

Fußnoten
1) Wikipedia-Artikel »Hölle«, Unterkapitel »Umfragen«, aufgerufen Pfingstsonntag, 20. Mai 2018
2) Sure 4, 56. »An-Nisa«, »Die Frauen«
3) Sure 111, 106-10
4) Sure 9, 63, Internetseite »The Religion of Islam«
5) Sure 5, 37
6) 1. Buch Mose Kapitel 3, Vers 24
7) Sure 74, 30
8) Sure 43, 77
9) Sure 88, 6
10) Sure 37, 67
11) Sure 67, 8-10

Zu den Fotos
Foto 1: St. Jakobus von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Blick ins Gotteshaus von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Der Höllenschlund von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: »Marienkirche« von Bad Segeberg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Blick in die Marienkirche von Bad Segeberg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Leicht zu übersehen ist der Höllenschlund. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Der Höllenschlund von Bad Segeberg. Foto Walter-Jörg Langbein

443 »Die goldene Füchsin und die Pyramide«,
Teil 443 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 15.07.2018

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Sonntag, 17. Mai 2015

278 »Karl der Große, Feuerräder und Gebetsuhren«

Teil 278 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Karl der Große, Kilianskirche Lügde
Im achten Jahrhundert entschied sich das Schicksal Europas. Würde das Christentum vom Islam abgelöst werden? Weite Gebiete um das Mittelmeer waren damals Bestandteil eines wachsenden vom Islam bestimmten Imperiums. War das »Imperium Romanum« von christlichen Herrschern »übernommen« worden, so war jetzt die arabische Macht auf militärische Eroberung bedacht. Missionierung erfolgte weniger mit der Kraft des Wortes, sondern mit der Gewalt des Schwertes. Missionierung hatte auch weniger rein religiöse Intentionen, diente vielmehr knallharter Machtpolitik.

Der Islam breitete sich damals mit Vehemenz aus. Wir könnten, müssten heute in einem muslimisch dominierten Europa leben, mit der Scharia als Gerichtsinstanz, wenn die Geschichte damals zufällig (?) anders verlaufen wäre. Doch 732 unterlagen Araber und Mauren dem fränkisch-christlichen Heer Karl Martells. Unter Karl Martells Sohn »Pippin« wuchs wieder der Einfluss des Christentums. Karl der Große setzte – wie seine Gegner aus der islamischen Welt – auf‘s Militär… und das mit Erfolg. Gefahr drohte aus Sicht Karls des Großen auch von den »heidnischen« Wikingern. 800 fand die feierliche Krönung Karls des Großen durch Papst Leo III. zum »Kaiser des römischen Reiches« statt.

Karl der Große war nicht nur ein geschickter Krieger, er soll auch hochgebildet gewesen sein. Angeblich sprach er, der Analphabet, fließend Latein. Karl, der kaum seinen eigenen Namen kritzeln konnte, lud zahlreiche Gelehrte an seinen Hof. Seine Bibliothek wuchs, Karl der Große selbst ließ sich gern aus den Büchern seiner kostbaren Sammlung vorlesen. Großen Wert legte er auf Bildung, die nicht mehr nur einer kleinen Elite vor allem in Rom vermittelt wurde. Der Analphabet förderte die Wissenschaften für das eigene Volk im riesigen Reich der Franken. Mathematik und Astronomie wurden gefördert.

Karl der Große, Dom zu Bremen
Ob er wirklich ein überzeugter Christ war, ist zumindest fraglich. Als Machtmensch setzte der Regent auf das Christentum als die Staatsreligion. In seinem Imperium sollte es nur eine konkurrenzlose Religion geben. Konkurrenz – etwa das Heidentum – wurde bekämpft. Ein Volk mit einer Staatsreligion ließ sich leichter regieren als ein Reich mit konkurrierenden Glaubensrichtungen. 782, davon ging die Wissenschaft lange aus, ließ Karl der Große in Verden an der Aller das ominöse »Blutgericht« anrichten. 4500 Sachsen, die sich weigerten, zum Christentum überzutreten, sollen auf Befehl Karls enthauptet worden sein. Ihr Blut habe die Aller rot gefärbt. Allerdings ist schon seit Jahrzehnten umstritten, ob es die Massenhinrichtung überhaupt gegeben hat.

Karl Bauer, Theologe und Kirchenhistoriker, veröffentlichte schon 1937 in Münster »Die Quellen für das sogenannte Blutbad von Verden«. Nach Bauer wurden die 4500 Sachsen gar nicht enthauptet, sondern umgesiedelt. Ein Abschreibfehler habe aus den »delocati« (»umgesiedelt«) »decollati« (»enthauptet«) gemacht. Die meisten Historiker folgen heute Karl Bauer und sehen Karl den Großen rehabilitiert. Ernst Schubert hält an der alten Lesart fest. In seinem »Lexikon des Mittelalters« (1) beharrt er auf der Richtigkeit der Schreibweise und geht weiter vom blutigen Gemetzel in Verden an der Aller aus. Andere Historiker wiederum wollen die Zahl der Enthaupteten reduziert wissen. Da ist von »wenigen Dutzend« bis zu »vier- oder fünfhundert Opfern« die Rede.

Anno 784, so steht es in den »Fränkischen Reichsannalen«, zelebrierte Karl der Große hier das Weihnachtsfest in der »Villa Liuhidi« unweit der von Heiden gegründeten Wallanlage der Skidrioburg (heute: »Herlingsburg«). Weshalb Karl der Große gerade das unbedeutende Städtchen Lügde für die christliche Feier wählte? Sollte es damals schon einen heidnischen Feuerzauber in Lügde gegeben haben? Heute strömen Jahr für Jahr Zigtausende zur Osterzeit nach Lügde, um am Ostersonntag zu nächtlicher Stunde zu erleben, wie sechs mit Stroh ausgestopfte Eichenholzräder brennend ins Tal rollen.

Feuerräder rollen ins Tal... Ostersonntag in Lügde

Auf der Internetseite der »Stadt der Feuerräder« Lügde lesen wir: »Wie alt dieses Brauchtum ist, lässt sich nicht exakt feststellen. Möglicherweise hat der ›Osterräderlauf‹ seinen Ursprung im heidnisch-germanischen ›Sonnenkult‹. Vor rund 2000 Jahren fühlten sich unsere Vorfahren vom Feuer angezogen. Das Feuer war ihnen geheimnisvoll. Das Feuerrad, als Sinnbild der Sonnenscheibe, weckte Erwartungen auf den kommenden Frühling. Die brennenden Räder symbolisieren das Licht. Das Licht, das über die Dunkelheit des scheidenden Winters triumphiert.

Geschichtlich kann der Räderlauf auch dem sogenannten ›Feuerkult« zugeordnet werden. Bereits Historiker des Altertums berichten über Feuerbräuche. Die Zahl der Feuerrituale war riesig. Alle Feuerrituale aufzuzählen und einzuordnen ist fast unmöglich. Der Lügder Osterräderlauf lässt sich möglicherweise auf das Ritual des Feuerrades zurückführen.«

Hat Karl der Große (links in einer mittelalterlichen Darstellung) versucht, den uralten Brauch des »Feuerräderlaufs« zu verbieten? Unbestreitbar ist die Existenz eines heidnischen »Feuerräderlaufs« schon vor mehr als eineinhalb Jahrtausenden im Raum Agen, Frankreich, wo einst heidnische Gallier einen uralten Brauch zelebrierten. Aus einem hoch gelegenen Tempel, so ist es in einer Lebensbeschreibung des Heiligen Vincent von Agen (4. Jahrhundert) überliefert, soll bei der Zeremonie ein »Flammenrad« aufgetaucht sein, das gen Tal rollte. 

Jenes Rad soll dann auf magische Weise wieder in den Tempel zurückgekehrt und dann erneut brennend ins Tal gesaust sein. Es ist zu vermuten, dass dem staunenden Volk damals nicht ein, sondern mehrere Feuerräder geboten wurden. Gab es damals – oder schon früher – einen ähnlichen Brauch auch in Lügde? Musste Karl der Große erkennen, dass der alte Kult zu stark im Volksglauben verwurzelt war? Ließ sich die Feuerräderfeier nicht verbieten und überlebte sie bis heute in »christlicher« Form?

Wann der »heidnische Brauch« der Osterräder erstmals verboten wurde, lässt sich nicht nachweisen. Erhalten ist ein Verbot aus dem Jahr 1743. Das Dokument befindet sich heute im Archiv des Paderborner Generalvikariats (Band XIVa, Blatt 255).

Wo genau Karl der Große anno 784 Weihnachten feierte, wir wissen es nicht. Die Kilianskirche jedenfalls gab es damals noch nicht in ihrer heutigen Form, wahrscheinlich aber einen höchst bescheidenen »Vorgängerbau« aus Holz. Erst um 1100 gab es einen steinernen Bau, wahrscheinlich als erweiterte Version eines karolingischen Saals. Um 1100 wurde ein steinerner Kirchturm angefügt, der um 1200 aufgestockt wurde. Der Kirchturm überstand die Jahrhunderte bis heute.

Die Kilianskirche zu Lügde

Der massive Steinbau der Kilians-Kirche hatte einen großen Nachteil! Er stand zu weit entfernt vom Stadtzentrum. So konnte die altehrwürdige Kirche auch nicht von der mächtigen Stadtmauer geschützt werden. Die Gottesdienstbesucher fühlten sich in der Kilianskirche auch alles andere als sicher vor militärischen Truppen und anderen Räuberbanden. Es musste eine »richtige« Stadtkirche her, im Zentrum der Stadt! Bis ins 13. Jahrhundert hinein war die Kilianskirche die Stadtkirche. Im 14. Jahrhundert wurde die Marien- oder Stadtkirche gebaut. Eine in den Stein gemeißelte Inschrift an der rechten Seite des Turmeingangs lässt vermuten, dass sie anno 1353 »gefertigt« oder »bereitet« wurde.

Am 13. September 1797 wütete ein großer Stadtbrand in Lügde. Fast die gesamte Stadt wurde ein Opfer der Katastrophe, fast alle Gebäude wurden ein Raub der Flammen oder unbewohnbar. Die Marienkirche wurde stark beschädigt. Der Kirchturm brannte im oberen Teil vollständig ab. Durch die Höllenglut schmolzen die Glocken. 1798 wurde das Gotteshaus notdürftig repariert. 

Anno 1845 bat der Kirchenvorstand , die alte Stadtkirche weitestgehend abreißen und eine neue Stadtkirche errichten lassen zu dürfen. Die Stadt aber war nicht dazu bereit, die Kosten zu tragen. Erst anno 1894 wurde die Marienkirche abgebrochen, bis auf den Turm. 1895 wurde der »Neubau« eingeweiht. Einschließlich der Aufstockung des altehrwürdigen Turms entstanden Kosten in Höhe von 164 288 Reichsmark.

Obere Gebetsuhr am Turm
Ich muss gestehen, dass mich die Marienkirche zu Lügde lange Zeit überhaupt nicht interessiert hat. Bis ich den Hinweis erhielt, zwei alte Sonnenuhren seien am Gotteshaus zu finden. Begonnen hat meine Recherche mit dem Hinweis auf zwei Sonnenuhren an der Marienkirche, eine im Pfarrgarten und eine im Lügder Heimatmuseum. Eine Anfrage beim Pfarramt blieb ohne Ergebnis. Ein sonst kundiger Heimatforscher wusste überhaupt nichts von Sonnenuhren in Lügde. Ein langjähriger Ex-Mitarbeiter der Kirche erklärte mir: 

Untere Gebetsuhr am Turm
»An der Marienkirche gibt es keine Sonnenuhren. Es handelt sich um Gebetsuhren! Eine dritte Gebetsuhr wurde nach dem Abriss der alten Kirche in den Pfarrgarten geschafft. Dort geriet sie in Vergessenheit. Als man das Heimatmuseum einrichtete, erinnerte man sich an die dritte Uhr und holte sie aus dem Pfarrgarten, brachte sie ins Museum.«

Die Gebetsuhren am Kirchturm der Lügder Marienkirche gehören zum erhaltenen Teil des Gotteshauses von 1353. Einen noch älteren Vorgängerbau hat es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gegeben. Beide Gebetsuhren zeigten einst den Gläubigen an, wann es wieder Zeit zum Beten war. Heute sind sie auch in Lügde kaum noch bekannt und fristen ein eher  trauriges Dasein. Beiden fehlt die Polstange, die einst den Schatten auf das steinerne Zifferblatt warf.

Im Pfarrgarten soll sich tatsächlich eine echte Sonnenuhr befunden haben, die ebenfalls vom alten Kirchengebäude stammte. Ich besuchte sie im kleinen Heimatmuseum. Wenige Schritte davon entfernt hängt eine weitere Sonnenuhr, über deren Herkunft nichts bekannt ist. Vage ist eine Jahreszahl zu erkennen, eingeritzt in den Stein: 1690. (Siehe Foto, gelbes Oval!) Man meint auch römische Ziffern ausmachen zu können. (Siehe Foto, blaue Pfeile!) Klar zu erkennen ist, wo einst der Polstab befestigt war.

Es ist schade, dass die Lügder Gebetsuhren – immerhin 662 Jahre alt – selbst in Lügde so gut wie unbekannt sind. Ein Hinweistäfelchen sollten sie der Stadt schon wert sein… oder der Kirche.

Muttergottesbild von Lügde
Noch älter als die Gebetsuhren ist ein Muttergottesbild. Laut Prof. Alois Fuchs, Paderborn, entstand es im 13. Oder 14. Jahrhundert, ist also 700 bis 800 Jahre alt (2). 

Dargestellt ist die Mutter Gottes als Himmelskönigin. Sie trägt eine goldene Krone auf dem Haupt. Ein großes Zepter – in ihrer rechten Hand –  verdeutlicht ihre Autorität. Auf ihrer linken Seite thront das »Jesus-Kind« in rotem Gewand. Der kleine Jesus hat aber nicht das Aussehen eines Babys, sondern eines Erwachsenen. Jesus hat die rechte Hand segnend erhoben. Seine Mine wirkt alles andere als kindlich.

Dieses Muttergottes-Bild soll einst ein Wunder bewirkt haben... in einem blutigen Krieg.

Fußnoten

(1) Schubert, Ernst: »Lexikon des Mittelalters«,
Artikel »Verden, Blutbad v.«, Band 8, Sp. 1500
und folg., München 1997

(2) Kurte, Andreas (Hrsg.): » St. Marien Lügde
1895 – 1995«, Lügde 1995, S. 30

Fotos:

Karl der Große in mittelalterlicher Darstellung: Archiv Walter-Jörg Langbein.
Alle übrigen Fotos: Walter-Jörg Langbein.

279 »Die Marienwunder von Lügde«
Teil 279 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 24.05.2015

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