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Sonntag, 17. Mai 2015

278 »Karl der Große, Feuerräder und Gebetsuhren«

Teil 278 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Karl der Große, Kilianskirche Lügde
Im achten Jahrhundert entschied sich das Schicksal Europas. Würde das Christentum vom Islam abgelöst werden? Weite Gebiete um das Mittelmeer waren damals Bestandteil eines wachsenden vom Islam bestimmten Imperiums. War das »Imperium Romanum« von christlichen Herrschern »übernommen« worden, so war jetzt die arabische Macht auf militärische Eroberung bedacht. Missionierung erfolgte weniger mit der Kraft des Wortes, sondern mit der Gewalt des Schwertes. Missionierung hatte auch weniger rein religiöse Intentionen, diente vielmehr knallharter Machtpolitik.

Der Islam breitete sich damals mit Vehemenz aus. Wir könnten, müssten heute in einem muslimisch dominierten Europa leben, mit der Scharia als Gerichtsinstanz, wenn die Geschichte damals zufällig (?) anders verlaufen wäre. Doch 732 unterlagen Araber und Mauren dem fränkisch-christlichen Heer Karl Martells. Unter Karl Martells Sohn »Pippin« wuchs wieder der Einfluss des Christentums. Karl der Große setzte – wie seine Gegner aus der islamischen Welt – auf‘s Militär… und das mit Erfolg. Gefahr drohte aus Sicht Karls des Großen auch von den »heidnischen« Wikingern. 800 fand die feierliche Krönung Karls des Großen durch Papst Leo III. zum »Kaiser des römischen Reiches« statt.

Karl der Große war nicht nur ein geschickter Krieger, er soll auch hochgebildet gewesen sein. Angeblich sprach er, der Analphabet, fließend Latein. Karl, der kaum seinen eigenen Namen kritzeln konnte, lud zahlreiche Gelehrte an seinen Hof. Seine Bibliothek wuchs, Karl der Große selbst ließ sich gern aus den Büchern seiner kostbaren Sammlung vorlesen. Großen Wert legte er auf Bildung, die nicht mehr nur einer kleinen Elite vor allem in Rom vermittelt wurde. Der Analphabet förderte die Wissenschaften für das eigene Volk im riesigen Reich der Franken. Mathematik und Astronomie wurden gefördert.

Karl der Große, Dom zu Bremen
Ob er wirklich ein überzeugter Christ war, ist zumindest fraglich. Als Machtmensch setzte der Regent auf das Christentum als die Staatsreligion. In seinem Imperium sollte es nur eine konkurrenzlose Religion geben. Konkurrenz – etwa das Heidentum – wurde bekämpft. Ein Volk mit einer Staatsreligion ließ sich leichter regieren als ein Reich mit konkurrierenden Glaubensrichtungen. 782, davon ging die Wissenschaft lange aus, ließ Karl der Große in Verden an der Aller das ominöse »Blutgericht« anrichten. 4500 Sachsen, die sich weigerten, zum Christentum überzutreten, sollen auf Befehl Karls enthauptet worden sein. Ihr Blut habe die Aller rot gefärbt. Allerdings ist schon seit Jahrzehnten umstritten, ob es die Massenhinrichtung überhaupt gegeben hat.

Karl Bauer, Theologe und Kirchenhistoriker, veröffentlichte schon 1937 in Münster »Die Quellen für das sogenannte Blutbad von Verden«. Nach Bauer wurden die 4500 Sachsen gar nicht enthauptet, sondern umgesiedelt. Ein Abschreibfehler habe aus den »delocati« (»umgesiedelt«) »decollati« (»enthauptet«) gemacht. Die meisten Historiker folgen heute Karl Bauer und sehen Karl den Großen rehabilitiert. Ernst Schubert hält an der alten Lesart fest. In seinem »Lexikon des Mittelalters« (1) beharrt er auf der Richtigkeit der Schreibweise und geht weiter vom blutigen Gemetzel in Verden an der Aller aus. Andere Historiker wiederum wollen die Zahl der Enthaupteten reduziert wissen. Da ist von »wenigen Dutzend« bis zu »vier- oder fünfhundert Opfern« die Rede.

Anno 784, so steht es in den »Fränkischen Reichsannalen«, zelebrierte Karl der Große hier das Weihnachtsfest in der »Villa Liuhidi« unweit der von Heiden gegründeten Wallanlage der Skidrioburg (heute: »Herlingsburg«). Weshalb Karl der Große gerade das unbedeutende Städtchen Lügde für die christliche Feier wählte? Sollte es damals schon einen heidnischen Feuerzauber in Lügde gegeben haben? Heute strömen Jahr für Jahr Zigtausende zur Osterzeit nach Lügde, um am Ostersonntag zu nächtlicher Stunde zu erleben, wie sechs mit Stroh ausgestopfte Eichenholzräder brennend ins Tal rollen.

Feuerräder rollen ins Tal... Ostersonntag in Lügde

Auf der Internetseite der »Stadt der Feuerräder« Lügde lesen wir: »Wie alt dieses Brauchtum ist, lässt sich nicht exakt feststellen. Möglicherweise hat der ›Osterräderlauf‹ seinen Ursprung im heidnisch-germanischen ›Sonnenkult‹. Vor rund 2000 Jahren fühlten sich unsere Vorfahren vom Feuer angezogen. Das Feuer war ihnen geheimnisvoll. Das Feuerrad, als Sinnbild der Sonnenscheibe, weckte Erwartungen auf den kommenden Frühling. Die brennenden Räder symbolisieren das Licht. Das Licht, das über die Dunkelheit des scheidenden Winters triumphiert.

Geschichtlich kann der Räderlauf auch dem sogenannten ›Feuerkult« zugeordnet werden. Bereits Historiker des Altertums berichten über Feuerbräuche. Die Zahl der Feuerrituale war riesig. Alle Feuerrituale aufzuzählen und einzuordnen ist fast unmöglich. Der Lügder Osterräderlauf lässt sich möglicherweise auf das Ritual des Feuerrades zurückführen.«

Hat Karl der Große (links in einer mittelalterlichen Darstellung) versucht, den uralten Brauch des »Feuerräderlaufs« zu verbieten? Unbestreitbar ist die Existenz eines heidnischen »Feuerräderlaufs« schon vor mehr als eineinhalb Jahrtausenden im Raum Agen, Frankreich, wo einst heidnische Gallier einen uralten Brauch zelebrierten. Aus einem hoch gelegenen Tempel, so ist es in einer Lebensbeschreibung des Heiligen Vincent von Agen (4. Jahrhundert) überliefert, soll bei der Zeremonie ein »Flammenrad« aufgetaucht sein, das gen Tal rollte. 

Jenes Rad soll dann auf magische Weise wieder in den Tempel zurückgekehrt und dann erneut brennend ins Tal gesaust sein. Es ist zu vermuten, dass dem staunenden Volk damals nicht ein, sondern mehrere Feuerräder geboten wurden. Gab es damals – oder schon früher – einen ähnlichen Brauch auch in Lügde? Musste Karl der Große erkennen, dass der alte Kult zu stark im Volksglauben verwurzelt war? Ließ sich die Feuerräderfeier nicht verbieten und überlebte sie bis heute in »christlicher« Form?

Wann der »heidnische Brauch« der Osterräder erstmals verboten wurde, lässt sich nicht nachweisen. Erhalten ist ein Verbot aus dem Jahr 1743. Das Dokument befindet sich heute im Archiv des Paderborner Generalvikariats (Band XIVa, Blatt 255).

Wo genau Karl der Große anno 784 Weihnachten feierte, wir wissen es nicht. Die Kilianskirche jedenfalls gab es damals noch nicht in ihrer heutigen Form, wahrscheinlich aber einen höchst bescheidenen »Vorgängerbau« aus Holz. Erst um 1100 gab es einen steinernen Bau, wahrscheinlich als erweiterte Version eines karolingischen Saals. Um 1100 wurde ein steinerner Kirchturm angefügt, der um 1200 aufgestockt wurde. Der Kirchturm überstand die Jahrhunderte bis heute.

Die Kilianskirche zu Lügde

Der massive Steinbau der Kilians-Kirche hatte einen großen Nachteil! Er stand zu weit entfernt vom Stadtzentrum. So konnte die altehrwürdige Kirche auch nicht von der mächtigen Stadtmauer geschützt werden. Die Gottesdienstbesucher fühlten sich in der Kilianskirche auch alles andere als sicher vor militärischen Truppen und anderen Räuberbanden. Es musste eine »richtige« Stadtkirche her, im Zentrum der Stadt! Bis ins 13. Jahrhundert hinein war die Kilianskirche die Stadtkirche. Im 14. Jahrhundert wurde die Marien- oder Stadtkirche gebaut. Eine in den Stein gemeißelte Inschrift an der rechten Seite des Turmeingangs lässt vermuten, dass sie anno 1353 »gefertigt« oder »bereitet« wurde.

Am 13. September 1797 wütete ein großer Stadtbrand in Lügde. Fast die gesamte Stadt wurde ein Opfer der Katastrophe, fast alle Gebäude wurden ein Raub der Flammen oder unbewohnbar. Die Marienkirche wurde stark beschädigt. Der Kirchturm brannte im oberen Teil vollständig ab. Durch die Höllenglut schmolzen die Glocken. 1798 wurde das Gotteshaus notdürftig repariert. 

Anno 1845 bat der Kirchenvorstand , die alte Stadtkirche weitestgehend abreißen und eine neue Stadtkirche errichten lassen zu dürfen. Die Stadt aber war nicht dazu bereit, die Kosten zu tragen. Erst anno 1894 wurde die Marienkirche abgebrochen, bis auf den Turm. 1895 wurde der »Neubau« eingeweiht. Einschließlich der Aufstockung des altehrwürdigen Turms entstanden Kosten in Höhe von 164 288 Reichsmark.

Obere Gebetsuhr am Turm
Ich muss gestehen, dass mich die Marienkirche zu Lügde lange Zeit überhaupt nicht interessiert hat. Bis ich den Hinweis erhielt, zwei alte Sonnenuhren seien am Gotteshaus zu finden. Begonnen hat meine Recherche mit dem Hinweis auf zwei Sonnenuhren an der Marienkirche, eine im Pfarrgarten und eine im Lügder Heimatmuseum. Eine Anfrage beim Pfarramt blieb ohne Ergebnis. Ein sonst kundiger Heimatforscher wusste überhaupt nichts von Sonnenuhren in Lügde. Ein langjähriger Ex-Mitarbeiter der Kirche erklärte mir: 

Untere Gebetsuhr am Turm
»An der Marienkirche gibt es keine Sonnenuhren. Es handelt sich um Gebetsuhren! Eine dritte Gebetsuhr wurde nach dem Abriss der alten Kirche in den Pfarrgarten geschafft. Dort geriet sie in Vergessenheit. Als man das Heimatmuseum einrichtete, erinnerte man sich an die dritte Uhr und holte sie aus dem Pfarrgarten, brachte sie ins Museum.«

Die Gebetsuhren am Kirchturm der Lügder Marienkirche gehören zum erhaltenen Teil des Gotteshauses von 1353. Einen noch älteren Vorgängerbau hat es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gegeben. Beide Gebetsuhren zeigten einst den Gläubigen an, wann es wieder Zeit zum Beten war. Heute sind sie auch in Lügde kaum noch bekannt und fristen ein eher  trauriges Dasein. Beiden fehlt die Polstange, die einst den Schatten auf das steinerne Zifferblatt warf.

Im Pfarrgarten soll sich tatsächlich eine echte Sonnenuhr befunden haben, die ebenfalls vom alten Kirchengebäude stammte. Ich besuchte sie im kleinen Heimatmuseum. Wenige Schritte davon entfernt hängt eine weitere Sonnenuhr, über deren Herkunft nichts bekannt ist. Vage ist eine Jahreszahl zu erkennen, eingeritzt in den Stein: 1690. (Siehe Foto, gelbes Oval!) Man meint auch römische Ziffern ausmachen zu können. (Siehe Foto, blaue Pfeile!) Klar zu erkennen ist, wo einst der Polstab befestigt war.

Es ist schade, dass die Lügder Gebetsuhren – immerhin 662 Jahre alt – selbst in Lügde so gut wie unbekannt sind. Ein Hinweistäfelchen sollten sie der Stadt schon wert sein… oder der Kirche.

Muttergottesbild von Lügde
Noch älter als die Gebetsuhren ist ein Muttergottesbild. Laut Prof. Alois Fuchs, Paderborn, entstand es im 13. Oder 14. Jahrhundert, ist also 700 bis 800 Jahre alt (2). 

Dargestellt ist die Mutter Gottes als Himmelskönigin. Sie trägt eine goldene Krone auf dem Haupt. Ein großes Zepter – in ihrer rechten Hand –  verdeutlicht ihre Autorität. Auf ihrer linken Seite thront das »Jesus-Kind« in rotem Gewand. Der kleine Jesus hat aber nicht das Aussehen eines Babys, sondern eines Erwachsenen. Jesus hat die rechte Hand segnend erhoben. Seine Mine wirkt alles andere als kindlich.

Dieses Muttergottes-Bild soll einst ein Wunder bewirkt haben... in einem blutigen Krieg.

Fußnoten

(1) Schubert, Ernst: »Lexikon des Mittelalters«,
Artikel »Verden, Blutbad v.«, Band 8, Sp. 1500
und folg., München 1997

(2) Kurte, Andreas (Hrsg.): » St. Marien Lügde
1895 – 1995«, Lügde 1995, S. 30

Fotos:

Karl der Große in mittelalterlicher Darstellung: Archiv Walter-Jörg Langbein.
Alle übrigen Fotos: Walter-Jörg Langbein.

279 »Die Marienwunder von Lügde«
Teil 279 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 24.05.2015

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Sonntag, 29. März 2015

271 »Hexen und ein Steinerner Mann«

Teil 271 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Der Dom zu Verden. Teilansicht. Foto W-J.Langbein
»Wir stehen hier im Zentrum von Verden an der Aller!«, schwadronierte der wütende Mann. Mir kam er wie ein Lehrer vor, der seiner Klasse beim Schulausflug kruden Unfug erzählte. »Und dieser Felsbrocken hier, das ist der Lögensteen! Man bezeichnet ihn auch als Lugenstein! Warum?« Die Schulkinder kicherten verlegen. »Das habe ich euch doch schon genau erklärt!« Der Lehrer wurde sichtlich ärgerlich. »Ich habe euch doch intensiv auf unseren Besuch hier vorbereitet! Der Steinbrocken trägt den Namen Lugenstein oder Lügenstein, weil…..« Jetzt setzte ein bebrillter Schüler ein: »…weil hier die Heiden gelogen haben!« Die Stimmung des Lehrers hellte sich auf. »So ist es! Die Heiden hatten einen falschen Glauben! Sie versammelten sich hier am Lügenstein und feierten ihre Feste. Ihr Glaube war natürlich die reine Lüge!« Einige Schüler lachten, einige zischten »Streber!«

Dom zu Verden. Innenansicht. Foto W-J.Langbein
Richtig ist, dass es einst im heutigen Verden an der Aller einen »Lugenstein« gab und gibt. Der Name leitet sich aber nicht von der »Lüge« ab, sondern geht über das Sächsische auf den lateinischen Begriff »Lex«, »Gesetz«, zurück. Es gab zu heidnischen Zeiten im heutigen Verden an der Aller einen markanten Stein am Gerichtsplatz, wo in vorchristlichen Zeiten Recht gesprochen wurde. Karl der Große soll dann just an dieser Stelle »Recht« gesprochen haben.  Zutreffender dürfte die bis heute gebräuchliche Bezeichnung »Blutgericht« von Verden sein. 4500 Sachsen, die sich weigerten, zum Christentum zu konvertieren, wurden anno 782 angeblich von Karl dem Großen zum Tode durch Enthaupten verurteilt und hingerichtet. Die Leichen habe man in die Aller geworfen. Das Wasser des Flusses sei vom vielen Blut rot geworden.

1921 gab es in Verden Notgeldscheine zu 25 Pfennig, 50 Pfennig, 75 Pfennig und 1 Mark. Auf dem 1-Mark-Schein wurde der »weltgeschichtlichen Hinrichtung der 4500 Sachsen bei Verden durch Karl den Großen 782« gedacht.

Notgeld von Verden. Archiv Langbein

Ob es sich beim heutigen »Lugenstein« um das Original aus vorchristlichen Zeiten handelt, muss dahingestellt bleiben. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein kurioser Monolith, der vor Jahrzehnten gesprengt und später ins örtliche »Heimat-Museum« geschafft wurde. Es könnte sich dabei um einen Opferstein gehandelt haben. Das, freilich, ist reine Spekulation. In der Schulwissenschaft besteht ja die Neigung, geheimnisvolle Objekte sogleich als »Kultobjekte« zu identifizieren.

Wie viele der rebellischen Sachsen in Verden ihr Leben lassen mussten, ist und bleibt umstritten. Waren es tatsächlich, wie lange allgemein angenommen, 4500 Tote, oder doch nur »einige wenige Dutzend«? Oder waren es zwischen 400 und 500 Hingerichtete?

Fest steht: Es gab einst im heutigen Areal von Verden eine Gerichtsstätte und ein heidnisches Heiligtum. Das heidnische Heiligtum dürfte auf Befehl Karl des Großen zerstört worden sein. Und just dort wurden gleich zwei kleine christliche Kirchen aus Holz gebaut.

Tikal in Guatemala. Foto W-J.Langbein
Während sich die Christen von Verden mit zwei bescheidenen Holzbauten begnügen mussten, ragten in einem anderen Teil der Welt weitaus beeindruckendere Bauten aus Stein in den Himmel. Im nördlichen Guatemala erlebte zu jener Zeit die Mayastadt Tikal einen glanzvollen Höhepunkt.

Allein im zentralen Bereich der Stadt – Fläche etwa 16 Quadratkilometer – gab es mehr als dreitausend Gebäude. Und die größten Stufenpyramiden Mittelamerikas ragten stolz in den Himmel. 100 Stufen mussten erklommen werden, wollte man das Heiligtum von »Ah Cacao« (»Tempel des Jaguars«) erreichen. Die Priesterastronomen waren Experten in Sachen Kalendererstellung. Sie beobachteten mit religiöser Inbrunst den Verlauf der Sonne, richteten die steinernen »Kultbauten« mit unglaublicher Präzision aus. Im späten 9., vielleicht erst im frühen 10. Jahrhundert endete abrupt die Bautätigkeit in Tikal. Die Stadt wurde aufgegeben und verlassen. Der Urwald eroberte die einst so glanzvolle Metropole zurück. Bis heute wurde erst ein kleiner Teil der Stadt von Archäologen ausgegraben. Besonders im riesigen Außenbereich der Stadt wurde erst ein Bruchteil der Bauten freigelegt.

Der Turm des Doms. Foto Langbein
Unklar ist, warum in Verden gleich zwei Holzkirchen in unmittelbarer Nähe gebaut wurden. Waren zwei christliche Gotteshäuser erforderlich, um das weit ältere heidnische Heiligtum zu übertrumpfen? Beide Sakralbauten fielen Bränden zum Opfer, um 850 der erste, um 950 der zweite. Ein erster Bau aus Stein folgte einige Jahrzehnte später, zu Beginn des elften Jahrhunderts. Wieder kam es zu einer Brandkatastrophe. Im späten zwölften Jahrhundert wurde – wieder just dort, wo einst die »Heiden« ihren Göttern gehuldigt hatten - zu Verden ein steinerner Dom gebaut. Lange bestand das Gotteshaus nicht.  Es wurde Ende des dreizehnten Jahrhunderts durch einen Brand zerstört. Die unteren Geschosse des wuchtigen Turms trotzten der Katastrophe und wurden als Basis für den »neuen« Turm genutzt. Vollendet wurde das Gotteshaus 1829.

»Wir stehen hier im Zentrum von Verden an der Aller!«, schwadronierte der Lehrer wieder vor seiner Schulklasse. Er reckte seine Arme prophetengleich gen Himmel. »Gott hat bewiesen, dass nach seinem Willen an dieser Stelle sein Haus stehen sollte! Der Teufel wollte das verhindern! Der Fürst der Finsternis hat alles unternommen, um den Bau des Doms zu verhindern. Zuletzt prozessierte er sogar gegen den Dom… und verlor!« Satan selbst soll gegen den Dom prozessiert haben? Der Pädagoge bezog sich wohl auf einen kuriosen Rechtsstreit, der vor einigen Jahren ausgetragen wurde.

Schon Wilhelm Busch konstatierte: »Musik wird störend oft empfunden, derweil sie mit Geräusch verbunden.«  In diesem Sinne zog eine Dame aus Verden vor den Kadi. Die langjährige Anwohnerin hatte zunächst vor dem Landgericht zu Verden auf Unterlassung des Orgelspiels im Dom geklagt. Was gemeinhin als sakrale Musik empfunden wird, das empfand sie als »unzumutbare Geräuschabsonderung«. Sie unterklag in erster Instanz vor dem Landgericht von Verden und in zweiter Instanz vor dem Oberlandesgericht Celle. Das Urteil der ersten Instanz wurde bestätigt. Die »Lärmimmission« müsse nach dem »Empfinden eines Durchschnittsmenschen« als zumutbar gewertet werden. Weitere Schritte unternahm die Dame offenbar nicht. Zu behaupten, dass der Satan auf dem Wege der gerichtlichen Klage »gegen den Dom« vorgehen wollte, das kann nur als Ausgeburt eines außerhalb jeglicher Vernunft arbeitenden Gehirns bezeichnet werden.

Löwe und Einhorn. Foto Walter-Jörg Langbein

Es lohnt sich allemal, den Dom zu Verden zu besuchen. Sehenswert ist der romanische Taufstein aus der Zeit um 1150. Auf der Nordseite des Domes blieb ein romanischer Kreuzweg aus der gleichen Zeit erhalten. Er gehörte einst zu einem Kloster, von dem ansonsten kein Stein auf dem anderen blieb. Löwe und Einhorn zieren die Tür, die in den Kreuzgang führt. Man kann nur erahnen, wie der einst vierflügelige Kreuzgang ausgesehen haben mag. Er wurde anno 1180 angelegt, ist aber leider nur noch fragmentarisch erhalten. Durchschreitet man den Kreuzgang steht man schließlich vor Skulpturen, die einst Bischof Eberhard von Holle  im 16. Jahrhundert hat anfertigen lassen.


Der »Steinerne Mann«. Foto Walter-Jörg Langbein

Anno 1517 begann in Verden an der Aller die grausame Zeit der Hexenprozesse. Es wurde gefoltert, verurteilt und verbrannt: vor der Reformation und nach der Reformation. Mit Einführung der lutherischen Reformation durch Eberhard von Holle endete der Irrsinn der Hexenprozesse keineswegs. Martin Luther selbst befürwortete das Verbrennen der Hexen.

Auf die Anklage folgte die Folter, die Männern und Frauen absurdeste »Geständnisse“ abtrotzte. Sechs angeklagte Frauen wurden so grausam gemartert, dass sie starben, bevor sie verurteilt werden konnten. Fünf weitere Frauen verstarben in der Haft. 26 Frauen und sechs Männer wurden verurteilt und bei lebendigem Leib verbrannt. Einigen Angeklagten, so vermerken es die Akten, gelang rechtzeitig die Flucht.

In der Dommauer gefangen... Foto Walter-Jörg Langbein

Einst, so wird überliefert, veruntreute ein Küster Dom-Gelder und verprasste alles. Man kam ihm auf die Schliche und forderte Rechenschaft von dem Mann. Frech bestritt er bei einer Anhörung im Dom seine Diebstähle! »Ich habe die Wahrheit gesagt!«, soll er frech ausgerufen haben. »Und wenn ich lüge, soll mich der Teufel holen!« Satan soll daraufhin versucht haben, den Dieb durch das Domgemäuer zu zerren. So sehr er es auch versuchte, es gelang ihm nicht vollends. Der Küster blieb in der Dommauer stecken und wurde zu Stein.


Das ist nicht der »Steinerne Mann«. Foto Walter-Jörg Langbein

Den »Steinernen Mann« übersieht man leicht. Man findet ihn im Innenhof, an einer Ecke des nördlichen Seitenflügels, hoch oben, ein Stück unter dem Dach. Ich selbst hätte die kuriose Steinplastik fast verwechselt… mit einem seltsamen »Steinkreuz« auf dem Dach, das tatsächlich einer menschenähnlichen Gestalt ähnelt. Hat man dieses »Kreuz« erspäht, lässt man den Blick nach unten wandern und findet… den »Steinernen Mann«.

Der Kreuzweg von außen. Foto W-J.Langbein

Der Lugenstein. Foto W-J.Langbein
272 »Die Bremer Stadtmusikanten kamen nie nach Bremen«
Teil 272 der Serie

»Monstermauern, 
Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       

erscheint am 05.04.2015 

Und übernächsten Sonntag geht's um einen
»runden Geburtstag«....


273 »Erich von Däniken zum 80. Geburtstag«,
Teil 273 der Serie 
»Monstermauern, 
Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       

erscheint am 12.04.2015


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