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Sonntag, 15. September 2019

504. »Die Bibel - das Buch der Bücher?«

Teil 504 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Piscator-Bibel 1684

Manch christlicher Theologe missversteht gern den Namen der Bibel. Er spricht salbungsvoll von der Bibel als dem »Buch der Bücher«. Das interpretiert er im Sinne einer qualitativen Bewertung, etwa als »das beste/ wichtigste Buch aller Bücher«. Für solche Theologen ist »Buch der Bücher« ein Superlativ: Es gibt viele Bücher, aber nur das eine, einzige »Buch der Bücher«. Dabei ist der Sachverhalt ein einfacher. »Bibel« leitet sich vom altgriechischen βιβλία, von »biblia«, ab. »Biblia« bedeutet schlicht »Bücher« (Mehrzahl!). Damit soll verdeutlicht werden, dass die Bibel nicht ein Buch, sondern eine Sammlung (unabhängig voneinander entstandener) Bücher ist: vom »Ersten Buch Mose« des »Alten Testaments« bis hin zur »Apokalypse« (1), dem letzten Buch des »Neuen Testaments«.

Kein anderes Buch der Weltgeschichte ist so weit verbreitet wie die Bibel, das »Buch der Bücher«. Die Bibel liegt, ganz oder in Auszügen, in rund 2.000 Sprachen und Dialekten und mindestens drei Milliarden Exemplaren vor. Allein in Japan, dessen Bevölkerung nur zu einem Prozent christlichen Glaubens ist, wurden innerhalb weniger Jahre rund 150 Millionen Bibeln gedruckt. Die Bibel steht heute inzwischen  rund 98 Prozent der Erdbevölkerung zur Verfügung, vor wenigen Jahrhunderten noch durften selbst die meisten Christen das  »Buch der Bücher« nicht selbst lesen.

Foto 2: William Tyndale um 1536
Im 16. Jahrhundert gab es in England nur eine lateinische Übersetzung, die der Priesterschaft vorbehalten war. William Tyndale (*etwa 1494; †1536) wagte es, Teile des Alten Testaments und das gesamte Neue Testament ins Englische zu übersetzen. Damit verstieß er gegen das Gesetz. Der angesehene Gelehrte, er unterrichtete an der Universität von Cambridge, musste seine akademische Laufbahn aufgeben, war lange Jahre auf der Flucht. Schließlich wurde er verhaftet, der Ketzerei angeklagt, zum Tode verurteilt und erdrosselt. Sein Leichnam wurde öffentlich verbrannt.

Die erste deutschsprachige Bibel stammt, allen anders lautenden Gerüchten zum Trotz, nicht von Luther. Wer sie erstmals ins Deutsche übertrug, das ist nicht überliefert. Die vermutlich erste Bibel in deutscher Sprache erschien bereits anno 1466 in Straßburg. Unbekannt sind auch die Namen der Übersetzer von weiteren vierzehn deutschsprachigen Bibelausgaben, die allesamt vor Luther erstellt und gedruckt wurden.

Heute ist die Bibel allgemein zugänglich. Kein anderes Buch wird so viel gedruckt und doch nur so wenig gelesen. In wohl jedem europäischen Haushalt ist mindestens ein Exemplar der Bibel vorhanden. Darin gelesen wird höchst selten. Favorisiert wird das Neue Testament. Zur Weihnachtszeit füllen sich die ansonsten meist leeren Kirchenbänke, erinnern wir uns der Evangelien, blättern vielleicht in der »Weihnachtsgeschichte«. Ansonsten aber bleibt die Bibel meist unbeachtet. Von hundert Bibelbesitzern, so ergab unlängst eine Umfrage in Deutschland,  sind nur fünfzehn auch tatsächlich Bibelleser.

Foto 3: Piscator-Bibel 1684
Die Texte des Alten Testaments wurden in hebräischer und aramäischer Sprache, die des Neuen Testaments in griechischer Sprache verfasst. Sie entstanden in einem Zeitraum von rund eineinhalb Jahrtausenden. Die ältesten Texte entstanden etwa um das Jahr 1200 v. Chr. bis etwa 150 n. Chr. Eine »Urfassung« liegt nicht vor. Heute sind rund 1.700 hebräische Teilmanuskripte der Bibel bekannt. Sie werden als kostbare Schätze in den wissenschaftlichen Bibliotheken unseres Planeten gehütet.

Warum wollte der Klerus bis ins 16. Jahrhundert hinein verhindern, dass der »Mann von der Straße« sich selbst ein Bild von den biblischen Schriften machte? Bangte er um seine Machtposition? Sollte es ausschließlich den Priestern vorbehalten sein, den Menschen zu verkünden, was als »Wort Gottes« zu gelten hatte ?

Vor Jahrtausenden entstanden im »Heiligen Land« unzählige Schrifttexte, die im Verlauf eines langwierigen Prozesses von unzähligen Menschen zu immer größeren Texteinheiten zusammengefügt wurden. Wenn man nun vom »Originaltext« des Alten Testaments spricht, so ist dies in gewisser Hinsicht irreführend. Es gab unzählige einzelne Texte, aus denen der Kanon des Alten Testaments erstellt wurde. 1477 erschien ein Teil des Alten Testaments in hebräischer Sprache in Bologna. 1488 wurde in Soncino, in der Nähe von Mailand, eine erste komplette hebräische Ausgabe des Alten Testaments im Druck vorgelegt.

Foto 4: Piscator-Bibel 1684
1516 und 1517 lag es eine Reihe von »Rabbinerbibeln« vor. Sie enthielten den Text des Alten Testaments in Hebräisch. Dazu gab es sehr ausführliche theologische Kommentare. Diese »Rabbinerbibeln« lassen sich aber nicht  auf eine Urbibel zurückführen. Sie sind vielmehr von theologischen Herausgebern erarbeitete Sammlungen von verschiedenen Handschriften. Wir müssen uns also im Klaren sein: Wenn es je so etwas wie eine »Urbibel« gegeben hat, so kommen wir an den Text heute nicht mehr heran. Müssen wir also frustriert aufgeben, die wir doch eigentlich erfahren wollten, was »wirklich« in der Bibel steht? Sind wir auf deutsche Übersetzungen mit ihren Unzulänglichkeiten angewiesen?

Keineswegs. Wir können uns den wissenschaftlich anerkannten hebräischen Text des Alten Testaments vornehmen, so wie er an allen Universitäten gelesen und studiert wird. Es handelt sich dabei um die »Biblia Hebraica«, die ständig überarbeitet und redigiert wird. Beispielsweise werden Texte von Qum Ran berücksichtigt.

Foto 5: Johannes Piscator
Meine Lieblingsübersetzung der Bibel stammt von Johannes Piscator (*1546; † 1625). Piscator war ein elsässischer reformierter Theologe und Bibelübersetzer. Mit geradezu pedantischer Akribie übertrug er in den Jahren von 1602 bis 1604 die Texte des Alten und des Neuen Testaments aus den Originalsprachen Hebräisch und Griechisch ins Deutsche seiner Zeit. Was seine Übersetzungen so wertvoll macht? Piscator hielt sich sehr viel strikter als Martin Luther an die Vorlagen.

Eine Neuauflage der »Piscator Bibel« zu einem erschwinglichen Preis ist überfällig. Für 2016 war eine eBook-Version der kompletten »Piscator Bibel« angekündigt. Im Mai 2019 war ist diese Version des wichtigen Werkes aber noch nicht erschienen. Der gespannte Bibelleser wurde vertröstet. Es hieß auf der Homepage des Sepher-Verlags, Herborn, sie werde »demnächst« erscheinen.

Leider wird das Projekt »Piscator-Bibel als eBook« so schnell nicht verwirklich werden. Auf der Homepage des Verlags ist nun zu lesen (2): »Weitere Projekte, wie eine ebook-Version oder ein Arbeitsheft sind angedacht.«

Wir kommen dem »Kern« der Bibel näher, wenn wir die »Biblia Hebraica« in biblischem Althebräisch lesen. Im Studium der evangelischen Theologie zu Erlangen habe ich vor vielen Jahren wichtige Passagen aus dieser längst ausgestorbenen Sprache übersetzt. Es freut mich, dass ich Ihnen, lieber Leserin und lieber Leser, daraus einige wichtige Texte vorlegen kann. Ich war beim Übersetzen stets darum bemüht, den Text so ins Deutsche zu übertragen, dass so viel vom Original wie nur möglich erhalten bleibt.

Foto 6: Autor Walter-Jörg Langbein
mit »Endter-Bibel« (1716).
Foto Barbara Kern
Fundamentalistische Theologen haben sehr konkrete Vorstellungen, wie der »wahre Glaube« aussieht. Deshalb sind davon überzeugt, genau zu wissen, was in »ihrem« Glaubensbuch stehen kann und muss und was nicht. Weil für sie ihr ganz konkreter Glaube der einzig mögliche ist, kann für sie im »Heiligen Buch« nichts stehen, was diesem Glauben widerspricht. Denn ihr »Heiliges Buch« ist göttliche Wahrheit pur. Wenn sie nun »ihr Heiliges Buch« in eine moderne Sprache übersetzen, dann hinterfragen sie ihre vorgefasste Meinung natürlich nicht. Das wäre Ketzerei. Sie sind davon überzeugt, die Glaubenswahrheit zu kennen, die darf man nicht hinterfragen. Wer wollte auch die Wahrheit, die allein den Segen bringt, anzweifeln? Fundamentalistische Übersetzer übertragen den altehrwürdigen Text ihres »Heiligen Buchs« unbewusst (?) immer so, dass ihre Glaubenslehren bestätigt werden. Ihre Übersetzung sehen sie dann als Beweis für die Richtigkeit ihres Glaubens an.

Mit meiner Übersetzung von Passagen des »Alten Testaments« verfolge ich keinerlei missionarische Absicht. Ich versuche auch nicht, von einem bestimmten Glauben, einer bestimmten Konfession, einer bestimmten Lehrmeinung oder Weltsicht zu überzeugen.

Ich möchte lediglich versuchen, Originaltexte in  möglichst wortwörtlicher Übersetzung näherzubringen und zum Nachdenken anzuregen.

Fußnoten
(1) »Apokalypse« lässt sich mit »Offenbarung« übersetzen. Jede »Offenbarung« ist eine »Apokalypse«. Eine »Apokalypse« ist also keineswegs grundsätzlich eine Weltuntergangskatastrophe, auch wenn der Begriff heute meist so missverstanden wird.
(2) https://sepher.de/ (Stand 4.9.2019)

Zu den Fotos
Fotos 1, 3 und 4: Piscator-Bibel (1684). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: William Tyndale um 1536. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Johannes Piscator. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Autor Walter-Jörg Langbein mit »Endter-Bibel« (1716). Foto Barbara Kern

505. »Am Anfang«,
Teil 505 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 22. September 2019



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Sonntag, 3. Dezember 2017

411 »Vom Setzling und den Astronautengöttern«

Teil 3 von »Von einem, der auszog, um Pfarrer zu werden«,
Teil  411 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein 

3.12.2017                      

Foto 1: Adam und Eva von Urschalling.

Kurz vor Weihnachten 1968. Bundesweit diskutiert man über Erich von Dänikens »Erinnerungen an die Zukunft«. Kaum eine Unterrichtsstunde vergeht ohne einen Hinweis auf Erich von Däniken. On Mathematik oder Musik, ob Geschichte oder Physik. Besonders angetan von den Theorien des Schweizer Bestsellerautoren ist Musiklehrer Heinz Müller-Beck. Mit Däniken gar nichts anfangen kann unser Religionslehrer, ein behäbiger Pfarrer, mit der Neigung zu drastischer Ausdrucksweise. »Das ist doch alles ein Scheiß!« pflegte der Gottesmann zu sagen, wenn es ihm an Gegenargumenten gebrach.

Foto 2: Adam von Urschalling.

Einmal hielt ich im Religionsunterricht einen kleinen Vortrag über »Erinnerungen an die Zukunft« unter besonderer Berücksichtigung biblischer Texte, von Babel bis Bomben auf Sodom, von Himmelfahrt Jesu bis Hesekiels Raumschiff. »Das ist doch alles ein Scheiß!« ließ der Religionslehrer wieder einmal vernehmen. Auf meine Frage, ob er denn wirklich genau wisse, dass Dänikens Interpretationen falsch seien, kam wieder sein »Das ist doch alles..«, gefolgt von »Ich habe die biblischen Texte in den Originalsprachen gelesen, da kommen keine Außerirdischen drin vor!«

Diese grimmig vorgetragene Äußerung des Geistlichen war mit einer der zentralen Gründe für mich, evangelische Theologie zu studieren. Ich wollte auch die Bibel in den Originalsprachen Hebräisch und Griechisch lesen. Ich wollte selbst herausfinden, ob die Originaltexte nicht vielleicht mehr über die »Astronautengötter« aussagten als die modernen Übersetzungen. Tatsächlich wurde ich fündig!Im Alten Testament schufen »Elohim«, also »Götter« (Mehrzahl) als erste Menschen Adam und Eva.

Foto 3: Eva ...
Laut Genesis (1. Buch Mose Kapitel 2 Vers 21) entstand Eva aus einer Rippe Adams. »Ti«, so heißt im Sumerischen das Zeichen für „Rippe“. Die Grundgedanken des biblischenSchöpfungsberichts basieren auf Überlieferungen aus dem Sumerischen.  »Ti« bedeutet aber gleichzeitig auch »Lebenskraft«. Darf man also übersetzen „Die Götter nahmen von Adams Lebenskraft.“? Wenn die »Elohim« Astronautengötter waren, entstand dann Eva als ein wissenschaftliches Experiment?

Was den Astronautengöttern vor Jahrtausenden möglich war, das mag schon heute klammheimlich in Laboren geschehen.  Täuschen wir uns nicht! Was wissenschaftlich möglich ist, es geschieht auch. Auch wenn viele Wissenschaftler aus ethischen Gründen auf  Experimente verzichten, es wird irgendwo schon längst skrupellose Wissenschaftler geben, die Gott spielen wollen.

Die Lebenskraft hat ihren Sitz in der Zelle. Gene sind Informationsträger der Vererbung. Die Grundinformation liegt bereits im DNS- Molekül. Durch künstlich herbeigeführte  Mutationen in diesem Bereich werden die Erbfaktoren verändert. So dürfte es möglich sein, intelligente »Tiermenschen« zu erschaffen schaffen, die der Sprache mächtig sind. An solchen Kreaturen dürften zum Beispiel Diktatoren interessiert sein. Warum? Sie träumen womöglich von einem Heer von Soldaten, von Wesen ohne Selbsterhaltungstrieb, von idealen Kämpfern ohne Skrupel.

Foto 4: Abel
Foto 5: Kain
Spekulieren wir weiter: Nehmen wir an, ein gentechnisch manipulierter Adam wurde geschaffen. Damit es aber nicht bei diesem einem Individuum bleibt, damit die veränderten Erbanlagen auch weitergegeben werden, muss der mutierte Chromosomensatz einem weiblichen Wesen eingepflanzt werden. Und just dieser Vorgang wird, so scheint mir, im »Schöpfungsbericht« der Bibel beschrieben, was freilich nur das hebräische Original erkennen lässt. Unsere Übersetzungen hingegen lassen die ursprüngliche Aussage nicht mehr auch nur erahnen. Schlagen wir also das 1. Buch Mose Kapitel 4 Vers 25 auf.  Ich wiederhole: Man muss den Text freilich wörtlich aus dem Hebräischen übersetzen, um den eigentlichen Sinn zu erkennen, der den Lesern heutiger, moderner Bibelausgaben fremd bleibt. Wie heißt es in gängigen Übersetzungen?

So lesen wir in der »Luther-Bibel«, Ausgabe 2017: »Adam erkannte
abermals seine Frau, und sie gebar einen Sohn, den nannte sie Set: ›Denn Gott hat mir einen andern Sohn gegeben für Abel, den Kain erschlagen hat.‹« Konsultieren wir die »Elberfelder Bibel«:  »Und Adam erkannte noch einmal seine Frau, und sie gebar einen Sohn und gab ihm den Namen Set: Denn Gott hat mir einen anderen Nachkommen gesetzt anstelle Abels, weil Kain ihn erschlagen hat.« Lassen wir noch die »Schlachter-Bibel« von 1951 zu Wort kommen: »Und Adam erkannte sein Weib abermal; die gebar einen Sohn und nannte ihn Seth; denn Gott hat mir für Abel einen andern Samen gesetzt, weil Kain ihn umgebracht hat.«

Die »Einheitsübersetzung« bemüht sich immerhin um Klärung der Frage, warum denn nun Eva ihren dritten Sohn Seth genannt hat. Des Rätsels Lösung: Der hebräische Name »Seht« (andere Schreibweise ist »Schet«) lässt sich übersetzen. Und diese Übersetzung wird in der »Einheitsübersetzung« in Klammern angegeben: »Adam erkannte noch einmal seine Frau. Sie gebar einen Sohn und nannte ihn Set (Setzling); denn sie sagte: Gott setzte mir anderen Nachwuchs ein für Abel, weil ihn Kain erschlug.«

Foto 6: Adam und Eva, Höxter
Auch diese Übersetzung mutet noch etwas seltsam an. Wie sollen wir den verstehen, dass »Gott« ihr »anderen Nachwuchs« einsetzte? Die Luther-Bibel von 1912 ist genauer in ihrer Übersetzung:  Sie verrät uns, dass Eva ihren 3. Sohn Seth nannte, »denn Gott hat mir, sprach sie, einen andern Samen gesetzt für Abel, den Kain erwürgt hat.« Dem »fremden Samen« begegnen wir auch in der Luther-Bibel von 1545: »Adam erkandte aber mal sein weib / vnd sie gebar einen Son den hies sie Seth / Denn Gott hat mir (sprach sie) einen andern samen gesetzt fur Habel den Kain erwürget hat.«

Die wortwörtliche Wiedergabe, die wortgetreue Übersetzung aus dem hebräischen Original lautet: »Und Adam schwängerte nochmals seine Frau, und sie gebar einen Sohn, den nannte sie Setzling (oder: Eingepflanzter), denn gesetzt haben mir die Elohim (die Götter) fremden Samen für Abel, welchen Kain erschlug.«

Der Vollständigkeit halber: Analysiert man den vorliegenden Satz im Hebräischen gründlich, dann scheint da etwas nicht zu passen. Es gibt nur eine Erklärung! Es wurden offensichtlich zwei Sätze aus verschiedenen Urquellen miteinander verknüpft. Satz 1 berichtet »Und Adam schwängerte nochmals seine Frau und sie gebar.« Satz 2 ist in wörtlicher Rede gefasst und erklärt, warum Eva den Knaben Seth, nämlich Setzling nannte: »Denn gesetzt haben mir »Elohim« die Götter fremden Samen für Abel, welchen der Kain erschlug.« Beide Sätze, wobei der zweite älter sein dürfte, als der erste, wurden miteinander vermengt. Im Hebräischen ist noch zu erkennen ist, dass da zwei Sätze wie zwei nicht wirklich zusammen passende Puzzleteile in ein Bild gepresst wurden, während dieser Sachverhalt in späteren Übersetzungen entstellt wurde.

Demnach war Adam nicht der biologische Vater von Seth, wurde doch der Eva fremder Same »gesetzt«. Warum scheuen Bibelübersetzer davor zurück die Sache mit Seth zu erklären? Wieso vermeiden Bibelübersetzer den Hinweis auf die Bedeutung des Namens Seth? Rühmliche Ausnahme ist Martin Buber.

Foto 7
Wer das »Alte Testament« im Original lesen möchte, muss das biblische Althebräisch beherrschen und kann überprüfen, ob Übersetzungen der Texte korrekt erfolgt sind. Dem Original sehr viel näher als andere kommt die »Verdeutschung« des »Alten Testaments« von Martin Buber und Franz Rosenzweig (1). Buber wählte bewusst den Ausdruck »Verdeutschung«, weil er bemüht war, so viel wie möglich vom Original zu erhalten.

Martin Buber (1925-1978) war ein weltweit geachteter österreichisch-israelischer jüdischer Religionsphilosoph. Intensiv wie kein anderer Gelehrter setzte er sich mit den Schriften des »Tenach«, in unseren Gefilden als »Altes Testament« bekannt, auseinander. Der Philosoph und Schriftkundige war zeitlebens bemüht, die altehrwürdigen Texte so ins Deutsche zu übertragen, dass möglichst alle sprachlichen Besonderheiten erhalten blieben. Wie Buber in einem Interview erklärte, ging es ihm dabei nicht um die Untermauerung einer Lehre oder Theologie. Vielmehr wollte er, sinnbildlich gesprochen, ein Fenster zur Welt des »Tenach« aufstoßen.

Martin Buber gibt Genesis 4, Vers 25 wie folgt wieder (2): »Adam erkannte nochmals sein Weib und sie gebar einen Sohn. Sie rief seinen Namen: Schet, Setzling! Denn gesetzt hat Gott mir einen andern Samen für Habel, weil ihn Kajin erschlug.« Das Einsetzen fremden Samens klingt in meinen Ohren mehr nach außerirdischen Experimentatoren als nach einem biblischen Gott.

Übrigens: Der Sachverhalt des Einpflanzens fremden Samens wird, dies als interessante Ergänzung, auch im altindischen »Nala und Damayanti«, einem Teilstück des altindischen Epos »Mahabharata«, unabhängig vom Alten Testament Jahrtausende zuvor entstanden, gleichfalls beschrieben (2). Da erhält die Frau des Herrschers Bhima von den Göttern, vermittelt von einem Rsi, der zwischen himmlischen und irdischen Gefilden pendelte, Knaben- und Mädchenperlen. Diese werden eingepflanzt, die Königin wird schwanger und gebiert Kinder, just so, wie sie gewünscht worden waren, die Gene waren von den Göttern präpariert worden.

Foto 8: Eva am »Adam und Eva Haus«
Mein Fazit: Der Schöpfungsbericht im Alten Testament ist nicht Wort Gottes, er beschreibt vielmehr die Angelegenheiten der Götter.

Fußnoten
1) »Die Schrift. Aus dem Hebräischen verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig«, 4 Bände, 2688 Seiten, Deutsche Bibelgesellschaft, 1. Auflage, 1992
2) »Nala und Damayanti/ Eine Episode aus dem Mahabharata«, Stuttgart 1965

Zu den Fotos
Foto 1: Adam und Eva von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Adam von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbei
Foto 3: Eva von Urschalling.  Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Abel will Gott opfern. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Kain will Gott opfern. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Adam und Eva am »Adam- und Eva-Haus«, Höxter.
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Adam am »Adam- und Eva-Haus«, Höxter. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Eva am »Adam- und Eva-Haus«, Höxter. Foto Walter-Jörg Langbein


412 »Jakobs Himmelsleiter und das Tor zum Himmel«,
Teil  412 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 10.12.2017


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Sonntag, 26. November 2017

410 »Hesekiels Himmelswagen«

Teil 3 von »Von einem, der auszog, um Pfarrer zu werden«,
Teil  410 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein
                      


Foto 1:  Langbein mit Endter-Bibel von 1716
Die Bibel, die mir schon als Kind wahnsinnig imponierte, ließ sich kaum wie ein normales Buch lesen. Man konnte sie nicht in die Hand nehmen, man benötigte einen stabilen Tisch, um den mächtigen Folianten darauf abzulegen.  Sie war 38 Zentimeter hoch, 25 Zentimeter breit und zwölf Zentimeter dick. Als Verleger zeichneten »Johannes Endters Seel. Sohn und Erben«, gedruckt worden war die altehrwürdige Familienbibel im Jahre MDCCLXV (1765) in Nürnberg. Der Prolog stammte von Martin Luther. So manches Mal blätterte ich staunend in der sperrigen Luther-Bibel und landete immer wieder beim Propheten Hesekiel.

Jene uralte Bibel weckte schon früh mein Interesse am Studium der Theologie. Vieles erschien mir rätselhaft und unverständlich, manches kam mir unsinnig vor. Mehr als rätselhaft war natürlich das Vehikel, das Hesekiel wiederholt beschreibt. Sollte der biblische Gott selbst mit so einem Apparat durch die Gegend brausen? Wieso benötigte er ein fliegendes Fahrzeug, wo er doch, wie der Pfarrer immer wieder predigte, allgegenwärtig war? 

Geradezu unsinnig waren in meinen Augen »Erklärungen« wie die folgende: Etwa 500 vor Christus schilderte Hesekiel eine geradezu furchteinflößende Flugmaschine, die anscheinend von jemand gesteuert wurde. Aber wer war dieser jemand? Nach der Endter-Bibel war es – um 500 v.Chr. – angeblich Jesus. Wie konnte Jesus in einer Flugmaschine auftauchen, die Hesekiel bereits 500 v.Chr. sichtete, also etwa ein halbes Jahrtausend vor Jesu Geburt? Und doch heißt es in der Endter-Bibel:

Foto 2: »Auf dem Saphirnen Stul«. Foto Walter-Jörg Langbein. Endter-Bibel 1716

 »Der Mensch, den im Gesicht Hesekiel erlesen,
auf dem Saphirnen Stul, ist Gottes Sohn gewesen.
Daß dort mein Jesus thront, macht mir sein Wort bekannt:
Er mein Herr, sitzet ja dem HERRN zur rechten Hand.«

In etwas modernere Sprache übersetzt:

»Der Mensch, den Hesekiel in seiner Vision gesehen hat,
auf dem Saphir-Stuhl, das ist Gottes Sohn gewesen.
Dass dort mein Jesus thront, das sagt mir sein Wort:
Er mein Herr, sitzt zur Rechten Gottes.«

Foto 3: »Daß dort mein Jesus thront«. Foto Walter-Jörg Langbein. Endter-Bibel 1716

Sollte Jesus per Zeitreise rund ein halbes Jahrtausend in die Vergangenheit gereist sein, um sich nebst seiner Zeitreisemaschine dem verblüfften Hesekiel zu zeigen? Das ist in der Tat eine kühne These, die rein spekulativ ist. Vor allem lässt sie sich nicht biblisch begründen, denn nirgendwo gibt es bei Hesekiel auch nur den Hauch eines Hinweises, dass die Person im hesekielschen Himmelswagen Jesus war. Mir ist keine einzige Bibelübersetzung bekannt, die im Text auch nur andeutet, dass Hesekiel nicht »Gott«, sondern Jesus gesehen hat.

Um kurz bei der »Zeitreise« zu bleiben: Immer wieder taucht die These auf, bei den Astronautengöttern könne es sich doch ebenso wie bei den Besatzungen von »UFOs« um Reisende aus der Zukunft handeln. Der Gedanke mag interessant sein, ist aber meines Wissens nicht belegbar. Ich kenne keine einzige alte Überlieferung, in der irgendein vom Himmel herabgestiegener »Gott« so etwas sagte wie: »Fürchtet euch nicht! Ich bin ein Mensch wie du! Ich komme aus deiner Zukunft!«
Doch zurück in meine Vergangenheit, zurück in die Vergangenheit eines Menschen, der auszog um Pfarrer zu werden! Was ich da mühsam Buchstabe für Buchstabe entzifferte, es bereitete mir ob der Schrift aus »ferner« Vergangenheit, Schwierigkeiten beim Lesen. Das aber gerade reizte mich. Es war ein wenig, als würde es mir gelingen, eine Geheimschrift zu entziffern. Was mich aber ärgerte: Ich verstand einfach nicht, was ich da las.

Foto 4: Hesekiels »Vision« vom Himmelswagen.

Merkwürdig war die alte Bibelillustration (2). Was zeigte sie? Es war ein Etwas mit merkwürdigen Rädern und Tieren, wobei Räder und Tiere irgendwie ineinander übergingen. Das Ganze spielte sich irgendwie in den Wolken ab, wie auf einem Teppich aus Flammen. Von links pustete zwischen Wolken ein Engel mit Kraft und Ausdauer in seine Tröte. Und auf diesem Etwas aus geflügelten Wesen mit allen möglichen Gesichtern, da thronte so etwas wie ein Mensch, vor dem sich ein demütiger Mensch zu Boden warf. Irgendwie passte das meinem Verständnis nach nicht in eine Bibel. Der über dem mysteriösen Ding thronende trug Krone und Zepter. Sollte das Gott sein, wie der Text Hesekiels nahelegt? Der förmlich am Boden Liegende war am ehesten als Hesekiel zu identifizieren.

Was aber war es, was Hesekiel derart in Angst und Schrecken versetzte? Was schwebte da in der Luft, während Hesekiel am Boden lag? Ich verstand es nicht. Und offensichtlich war die Beschreibung des Himmelswagens bei Hesekiel auch für die Juden, den Nachfahren der Autoren der biblischen Texte, zumindest rätselhaft. Das macht eine kurze Abhandlung Luthers deutlich, die er dem Hesekieltext voranstellt.

Foto 5: Nicht jeder darf es lesen, was Hesekiel über den Himmelswagen schrieb.

In »Ein Unterricht wie das Gesicht Hesekiel vom Wagen Cap. 1 und 10 zu verstehen sey.« findet sich eine interessante Aussage. Luther verweist darauf, dass nach Kirchenvater Sophronius Eusebius Hieronymus (*347, † 420 in Bethlehem) die Beschreibungen des Himmelswagens nicht von jedermann gelesen werden durften. Dazu befugt waren nur Männer über 30. Aber ob die den Text verstehen konnten?

Dann folgt eine der für Luther typischen Hasstiraden der antisemitischen Art: »Denn sie (die Juden) zerreissen und zermartern die Schrift in ihren Auslegungen wie die unstaetigen Sau einen Lustgarten zerwuehlen und umkehren, daß zu wuenschen waere, sie blieben mit der Schrift unverworren.« Nach Luther, der von den evangelisch-lutherische Theologen im Jahr 500 der Reformation wie ein ganz besonders wichtiger Heiliger zelebriert wurde, haben also die Juden keine Ahnung von den von Juden verfassten Schriften des Alten Testaments. Schlimmer noch, sie gehen mit den Texten des Alten Testaments um wie eine Sau, die einen wunderschönen Garten verwüstet. Mit anderen Worten: Die Juden interpretieren die Texte nicht, sie erklären sie nicht, sie zerstören sie.

Foto 6: Christliche Interpretation.

Dann folgt Luthers Interpretation, die er freilich deutlich als seine subjektive Erklärung kennzeichnet: »Das Gesicht aber Hesekiels, im ersten Theil, ist nicht anders, meines Verstands (ein anderer mache es besser)…« Immerhin gibt sich Luther so bescheiden, dass er es durchaus für möglich hält, dass ein anderer den geheimnisvollen Text Hesekiels besser versteht als er. Dann erst folgt Luthers Sicht der Dinge: »Kurz zu sagen, diß Gesicht ist der geistliche Wagen Christi, darauf er faehret hie in der Welt, das ist seine ganze heilige Christenheit.«

Für Luther Erlebte also Hesekiel nicht die Begegnung mit einem mysteriösen Himmelsvehikel, das unter Donner und mit Feuerflammen am Himmel dahin braust. Vielmehr visionierte Hesekiel – so Luther – den ein halbes Jahrtausend später kommenden Jesus, dessen Siegeszug zweieinhalb Jahrtausende später zum weltweite verbreiteten Christentum führt.

Für mich war in jungen Jahren das forschende Entziffern und Schmökern der Endter-Bibel von 1765 ein echtes Abenteuer. Die Auseinandersetzung mit der altehrwürdigen Bibel und Erich von Dänikens Interpretation der Hesekiel-Sichtung als Begegnung mit einem außerirdischen Raumschiff waren für mich wichtige Gründe, warum ich ein Studium der evangelischen Theologie begonnen habe. Und das ausgerechnet in der Martin-Luther-Hochburg Erlangen, an der Friedrich-Alexander-Universität.


Foto 7: Endter-Bibel von 1716
Heute ist für mich die dänikensche Sichtweise die wahrscheinlichste. Ich bin davon überzeugt, dass Hesekiel vor rund 2500 Jahren mehrfach ein außerirdisches Raumschiff sah und auch als Passagier mit an Bord genommen wurde.

Mich haben die Ingenieure Blumrich und Beier (3) überzeugt. NASA-Ing. Josef Blumrich rekonstruierte das Raumschiff des Hesekiel. Ing. Hans Herbert Beier kam nach intensivem Quellenstudium zum Ergebnis, das der bis heute nicht gefundene Tempel des Hesekiel eine Wartungsstation für Hesekiel-Raumschiffe war. Es verblüfft mich nach wie vor, wie präzise das Hesekiel-Raumschiff in die Beiersche Wartungsstation passt!

Hesekiels »Vision« war mit einer der Hauptgründe, meine Reise in Richtung Geistlicher anzutreten. Ich hoffte, dass ich durch das Studium erfahren würde, was Hesekiel wirklich sah. Meine konkreten Arbeiten in Sachen Hesekiel – am hebräischen Originaltext! – machten es mir letztlich nicht möglich, Geistlicher zu werden.


Fußnoten
1) Leider wurde unsere Familienbibel von 1765 im Jahr 2005 gestohlen. Ich beziehe mich jetzt auf eine ältere Ausgabe der Endter-Bibel, die bereits anno 1716 in Nürnberg gedruckt wurde.
2) Die Illustration, die ich für diese meine Abhandlung verwende, stammt aus der Endter-Bibel von 1716. Ich kann nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, ob unsere Familienbibel von 1765 auch diese Illustration als Stich enthielt.
3) Beier, Hans Herbert: »Kronzeuge Ezechiel/ Sein Bericht – sein Tempel – seine
Raumschiffe«, München 1985
Blumrich, Josef F.: »The Spaceships of Ezekiel«, New York, Februar 1974
Blumrich, Josef F.: »Da tat sich der Himmel auf/ Die Raumschiffe des
Propheten Ezechiel und ihre Bestätigung durch modernste Technik«,
Düsseldorf und Wien, März 1973


Foto 8: Das stümperhafte restaurierte Frontispiz der Endter-Bibel von 1716. Ausschnitt.

Zu den Fotos

Foto 1: Autor Langbein mit der Endter-Bibel von 1716. Foto Barbara Kern
Foto 2: »Auf dem Saphirnen Stul«. Foto Walter-Jörg Langbein. Endter-Bibel 1716
Foto 3: »Daß dort mein Jesus thront«. Foto Walter-Jörg Langbein. Endter-Bibel 1716
Foto 4: Hesekiels »Vision« vom Himmelswagen.
Endter-Bibel 1716. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Nicht jeder darf es lesen, was Hesekiel über den Himmelswagen schrieb.
Foto Walter-Jörg Langbein. Endter-Bibel 1716
Foto 6: Christliche Interpretation. Foto Walter-Jörg Langbein. Endter-Bibel 1716
Foto 7: Das stümperhaft restaurierte Frontispiz der Endter-Bibel von 1716. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Das stümperhafte restaurierte Frontispiz der Endter-Bibel von 1716. Ausschnitt. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 9: Endter-Bibel von 1716, »Außenansicht«. Foto Walter-Jörg Langbein


Foto 9: Endter-Bibel von 1716, »Außenansicht«

411 »Vom Setzling und den Astronautengöttern«,
Teil  411 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 03.12.2017



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Sonntag, 19. November 2017

409 »Karl May über das ›Zivilisieren‹ und Luther über Märtyrer«

Teil 2 von »Von einem, der auszog, um Pfarrer zu werden«,
Teil  409 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Und Friede auf Erden
»Es kann mir nicht beikommen, ein einzelnes Land, eine einzelne Nation anzuklagen. Aber ich klage die ganze sich ›zivilisiert‹ nennende Menschheit an, daß sie trotz aller Religionen und trotz einer achttausendjährigen Weltgeschichte noch heutigen Tages nicht wissen will, daß dieses ›Zivilisieren‹ nichts anderes als ein ›Terrorisieren‹ ist!« (1)

Diese Worte stammen aus der Feder von Karl Friedrich May (1842 - 1912), eigentlich Carl Friedrich May. Vor über 113 Jahren kritisierte der berühmte Sachse mit spitzer Feder alle jene, die meinen der wahren Zivilisation weltweit zum Sieg verhelfen zu wollen, die aber Angst und Schrecken verbreiten. »Und Friede auf Erden« erschien bei Ernst Fehsenfeld in der Erstauflage zu 5.000 Exemplaren anno 1904. Die »Reiseerzählung von Karl May« ist natürlich auch heute noch erhältlich. Hier wird man fündig: »Karl Mays Gesammelte Werke«, in der berühmten grünen Ausgabe, Band 30, herausgegeben vom »Karl-May-Verlag Bamberg (2).

Anno 1904 kritisierte Karl May das »Zivilisieren« als »Terrorisieren«. Tatsächlich entstand weltweit immer wieder größtes Elend, wenn man einer fremden »Zivilisation« die eigene aufdrängen wollte. Den »Indianern« Nord Amerikas zum Beispiel brachten die Fremden aus Europa Tod und Verderben. Die »Civilisatoren« – so nennt sie May – gaben gern vor, den vermeintlich unzivilisierten »Wilden« die »wahre« und »segensreiche« Zivilisation zu schenken. Die Weltgeschichte scheint vorwiegend aus Unterwerfung und Kampf gegen Unterwerfung zu bestehen. Die Besiegten können sich zu Siegern entwickeln, die genau so rücksichtslos unterwerfen, just wie sie selbst einst unterworfen worden sind. Dabei sehen sich die Starken und Siegreichen stets als die Guten. Und natürlich ist es immer ein Kampf der angeblichen »Civilisatoren«, gegen die vermeintlich »Primitiven«, denen man huldvoll die Segnungen der Zivilisation schenkt. Und wenn sich die Unterworfenen gegen die Zivilisation wehren? Dann wird eben brachiale Gewalt eingesetzt.

Oder man erklärt sich zum »Rechtgläubigen«, der dem »Ungläubigen« den angeblich »wahren Glauben« bringt. Natürlich ist man auf das Seelenheil der Verlierer bedacht. Würden diese doch in der Hölle schmoren, so man sie nicht vom vermeintlich richtigen Glauben überzeugt.

Was aber ist der »wahre«, der »richtige Glaube«? In der Regel ist es immer der, der die Region dominiert, in die man zufällig hineingeboren wird. Natürlich hält jeder den eigenen Glauben für den einzig wahren. Daraus leitet man gern ab, dass man das Recht dazu hat, dem anderen den eigenen Glauben aufzuzwingen.

Foto 2: Und Friede auf Erden.
Als Student der Theologie regte ich einmal in einem Kreis von Theologiestudenten der Ausrichtung christlich, Unterabteilung evangelisch, Unterunterabteilung evangelisch-lutherisch, eine Diskussion an: Eine außerirdische Zivilisation spioniert mit Minisonden das religiöse Leben auf Planet Erde aus. Schließlich hat man alle Informationen über alle Religionen gesammelt. Welche Schlussfolgerung ziehen die Außerirdischen? Zu welchem Resultat kommt ein Gremium außerirdischer Wissenschaftler? Die Diskussion war kurz und nicht ergiebig. Schließlich stellte ich eine These zur Diskussion: Die Außerirdischen können keine Religion als die richtige erkennen. Abrupt endeten die sowieso schon gereizten Gespräche.

Niemand wollte zugeben, dass sich eine der irdischen Zivilisation haushoch  überlegene Zivilisation womöglich alle irdischen Religionen für schlichten Aberglauben halten könnte. Gar nicht erst diskutiert wurde die Frage, wie denn die Vertreter der unterschiedlichen Religionen auf das Auftauchen von Außerirdischen reagieren würde. Was wäre, wenn sich zeigen würde, dass alle großen Religionen darauf zurückzuführen sind, dass einst Außerirdische zur Erde kamen und für Götter gehalten wurden? Wie werden die Vertreter der Religionen auf eine solche Enthüllung reagieren?

Noch eine Frage: Als was kommen die kosmischen Besucher aus dem All? Vielleicht gar als die »Civilisatoren«, die Karl May so heftig kritisierte? Werden sie die Menschheit unterwerfen? Werden sie mit uns Menschen so umgehen, wie zum Beispiel wir Europäer, die Nord-, Mittel- und Südamerikaner »zivilisierten«? Wenn sie sich so verhalten wie wir Menschen das im Verlauf der Geschichte getan haben, löschen sie dann die Menschheit aus?

Foto 3: Und Friede auf Erden.
Ich darf noch einmal Karl May zitieren (3): »So lange die Erde steht, hat das Heilige dem Unheiligen, die Menschenliebe der Eigensucht, die Zivilisation der Rücksichtslosigkeit als Vorwand gedient.« Während meines Studiums lernte ich keinen Professor kennen, der auch nur zarte Kritik am Verhalten mächtiger »christlicher« Herrscher geübt hätte. Ganz im Gegenteil: Es galt die Lehre des »Heiligen Martin« (gemeint ist Martin Luther, kein bundesweit bekannter Politiker aus den Reihen der SPD): Jeder Mächtige, so hörte ich immer wieder, verdankt seine Position Gott höchstpersönlich.

Für Martin Luther waren die Bauernkriege keine Revolten der maßlos ausgebeuteten Bauern gegen die oft brutale irdische Obrigkeit allein, sondern auch gegen Gott. Da die Obrigkeit von Gott eingesetzt war, war man ihr absoluten Gehorsam schuldig. Natürlich konnte es vorkommen, dass diese Obrigkeit Unrecht tat. Dann stand es aber nur Gott selbst zu, diese Bösewichter zu bestrafen. Sie würden beim jüngsten Gericht zur Rechenschaft gezogen, nicht von Menschen, sondern von Gott.

Die Bauern hatten in den frühen 1520er Jahren gehofft, Luther würde auf ihrer Seite stehen. Luther freilich zeigte deutlich seine Gesinnung (4), als er gegen die »mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern« wetterte und forderte, »man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollwütigen Hund erschlagen muss«. Mir fiel nach dem Studium diverser Texte von Luther auf, dass sich der Reformator erst massiv gegen die Aufständischen wandte, als deren Sache verloren war. Luther unterstützte die mächtigen Sieger der Bauernkriege, gegen die die Bauern keine Chance hatten.

In seiner Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen« hat Martin Luther (1483-1546) in geradezu »essenischer Tradition«,  obwohl der Reformator keine Ahnung von der Glaubensgemeischaft vom Toten Meer gehabt haben dürfte, propagiert: »Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Ding und niemandem untertan.« Und in »Eine treue Vermahnung zu allen Christen« (1522) schrieb er: »Also, die Lügner, die verstockten Tyrannen, magst du wohl hart antasten und frei tun wider ihre Lehre und Werk, denn sie wollen nit hören.« Davon wollte Luther nichts mehr wissen und forderte zum Töten der Aufständischen auf.

Foto 4: Und Friede auf Erden.
Luther vergleicht die Bauernaufstände mit einer Feuersbrunst. So wie jeder gute Christ dazu angehalten sei, alles zu tun, um einen Brand zu löschen, so müsse er auch mit Gewalt gegen die aufständischen Bauern vorgehen. Im Kampf gegen die Bauern sei jedermann »Oberrichter und Scharfrichter« zugleich. Von Mord könne nicht die Rede sein, wenn Bauern getötet würden, das seien vom Teufel Besessene: »Ich mein, dass kein Teufel mehr in der Helle sei, sondern allzumal in die Baurn sind gefahren.«

Nach Luther ist es also die Pflicht der Obrigkeit, die Bauern zu töten. Wer das nicht tut, macht sich seiner Ansicht nach ebenso schuldig wie die aufrührerischen Bauern selbst: »So soll nun die Obrigkeit hie getrost fortdringen und mit gutem Gewissen dreinschlahen (dreinschlagen).«

Luther nahm die Denkungsweise islamischer Fundamentalisten vorweg, die aus Kämpfern gegen die »teuflischen Ungläubigen« Märtyrer machen. Luther: »Also kann’s geschehen, dass, wer auf der Oberkeit Seiten erschlagen wird, ein rechter Märterer (Märtyrer) für Gott sei, so er mit solchem Gewissen streit, denn er geht in göttlichem Wort und Gehorsam. Wiederum, was auf der Bauren Seite umkommt, ein ewiger Hellebrand ist, denn er fuhret das Schwert wider Gottes Wort und Gehorsam und ist ein Teufels Glied.« Mit anderen Worten: Wer für die Fürsten kämpfend stirbt, ist ein Märtyrer, wer auf Seiten der Bauern umkommt, ist des Teufels.

Gelernt habe ich in meinem Studium der evangelisch-lutherischen Theologie vieles. Abgestoßen hat mich vor allem die autoritäre Vermittlung von Glaubensdoktrinen, die widerspruchslos hinzunehmen waren. Je intensiver indoktriniert wurde, desto mehr wandte ich mich von der Theologie ab. Es wurde mir unmöglich, den Beruf des Geistlichen noch weiter anzustreben. So entschloss ich mich, den Sprung ins »kalte Wasser« zu wagen. Statt eine lebenslange Sicherheit im Schoße der evangelisch-lutherischen Kirche wählte ich die sehr viel riskantere Freiheit des unabhängigen Schriftstellers. Zweifel kamen mir manches Mal ob meiner Entscheidung. Ich bin aber überzeugt, dass es die richtige für mich war.

Fortsetzung folgt

Foto 5: Karl-May-Autograph.


Fußnoten
1) May, Karl Friedrich: »Und Friede auf Erden«, Erstveröffentlichung Freiburg 1904, zitiert nach der bei Ernst Fehsenfeld, Freiburg i.Br., erschienenen Erstauflage, 1.-5. Tausend.
2) Das Zitat über die verheerende Wirkung des »Zivilisierens« wurde vom Karl-May-Verlag nicht bearbeitet, sondern buchstabengetreu beibehalten. Es findet sich hier in der berühmten »Bamberger Ausgabe«.  May, Karl: »Und Friede auf Erden«, Karl-May-Verlag Bamberg, 267. Tausend, Bamberg, ohne Jahresangabe Seite 252, Zeilen 10-16 von oben.
3) May, Karl: »Und Friede auf Erden«, Karl-May-Verlag Bamberg, 267. Tausend, Bamberg, ohne Jahresangabe, Seite 127, Zeilen 8-11.
4) Zitate aus Luther, Martin: »Wider die räuberischen und  mörderischen Rotten der Bauern«
Luther, Martin: »Traktate in Bibliothek deutscher Klassiker-Hutten, Müntzer,
Luther«, Band II, Berlin 1989. Zitiert wurde aus: Von der Freiheit eines
Christenmenschen, S. 114-138/ Eine treue Vermahnung zu allen Christen, sich zu hüten vor Aufruhr und Empörung, S. 139- S.153/ Von Kaufshandlung und Wucher, S. 184- 245/ Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern, S. 259- S. 265


Foto 6: Karl-May-Unterschrift auf einer Ansichtskarte.


Zu den Fotos
Foto 1: Und Friede auf Erden, Karl-May-Verlag, Radebeul bei Dresden.
Foto 2: Und Friede auf Erden.
Foto 3: Und Friede auf Erden.
Foto 4: Und Friede auf Erden, modernere »Bamberger Ausgabe«.
Foto 5: Karl-May-Autograph.
Foto 6: Karl-May-Unterschrift auf einer Ansichtskarte.


410 »Hesekiels Himmelswagen«,
Teil 3 von »Von einem, der auszog, um Pfarrer zu werden«,
Teil  410 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 26.11.2017


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Sonntag, 29. März 2015

271 »Hexen und ein Steinerner Mann«

Teil 271 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Der Dom zu Verden. Teilansicht. Foto W-J.Langbein
»Wir stehen hier im Zentrum von Verden an der Aller!«, schwadronierte der wütende Mann. Mir kam er wie ein Lehrer vor, der seiner Klasse beim Schulausflug kruden Unfug erzählte. »Und dieser Felsbrocken hier, das ist der Lögensteen! Man bezeichnet ihn auch als Lugenstein! Warum?« Die Schulkinder kicherten verlegen. »Das habe ich euch doch schon genau erklärt!« Der Lehrer wurde sichtlich ärgerlich. »Ich habe euch doch intensiv auf unseren Besuch hier vorbereitet! Der Steinbrocken trägt den Namen Lugenstein oder Lügenstein, weil…..« Jetzt setzte ein bebrillter Schüler ein: »…weil hier die Heiden gelogen haben!« Die Stimmung des Lehrers hellte sich auf. »So ist es! Die Heiden hatten einen falschen Glauben! Sie versammelten sich hier am Lügenstein und feierten ihre Feste. Ihr Glaube war natürlich die reine Lüge!« Einige Schüler lachten, einige zischten »Streber!«

Dom zu Verden. Innenansicht. Foto W-J.Langbein
Richtig ist, dass es einst im heutigen Verden an der Aller einen »Lugenstein« gab und gibt. Der Name leitet sich aber nicht von der »Lüge« ab, sondern geht über das Sächsische auf den lateinischen Begriff »Lex«, »Gesetz«, zurück. Es gab zu heidnischen Zeiten im heutigen Verden an der Aller einen markanten Stein am Gerichtsplatz, wo in vorchristlichen Zeiten Recht gesprochen wurde. Karl der Große soll dann just an dieser Stelle »Recht« gesprochen haben.  Zutreffender dürfte die bis heute gebräuchliche Bezeichnung »Blutgericht« von Verden sein. 4500 Sachsen, die sich weigerten, zum Christentum zu konvertieren, wurden anno 782 angeblich von Karl dem Großen zum Tode durch Enthaupten verurteilt und hingerichtet. Die Leichen habe man in die Aller geworfen. Das Wasser des Flusses sei vom vielen Blut rot geworden.

1921 gab es in Verden Notgeldscheine zu 25 Pfennig, 50 Pfennig, 75 Pfennig und 1 Mark. Auf dem 1-Mark-Schein wurde der »weltgeschichtlichen Hinrichtung der 4500 Sachsen bei Verden durch Karl den Großen 782« gedacht.

Notgeld von Verden. Archiv Langbein

Ob es sich beim heutigen »Lugenstein« um das Original aus vorchristlichen Zeiten handelt, muss dahingestellt bleiben. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein kurioser Monolith, der vor Jahrzehnten gesprengt und später ins örtliche »Heimat-Museum« geschafft wurde. Es könnte sich dabei um einen Opferstein gehandelt haben. Das, freilich, ist reine Spekulation. In der Schulwissenschaft besteht ja die Neigung, geheimnisvolle Objekte sogleich als »Kultobjekte« zu identifizieren.

Wie viele der rebellischen Sachsen in Verden ihr Leben lassen mussten, ist und bleibt umstritten. Waren es tatsächlich, wie lange allgemein angenommen, 4500 Tote, oder doch nur »einige wenige Dutzend«? Oder waren es zwischen 400 und 500 Hingerichtete?

Fest steht: Es gab einst im heutigen Areal von Verden eine Gerichtsstätte und ein heidnisches Heiligtum. Das heidnische Heiligtum dürfte auf Befehl Karl des Großen zerstört worden sein. Und just dort wurden gleich zwei kleine christliche Kirchen aus Holz gebaut.

Tikal in Guatemala. Foto W-J.Langbein
Während sich die Christen von Verden mit zwei bescheidenen Holzbauten begnügen mussten, ragten in einem anderen Teil der Welt weitaus beeindruckendere Bauten aus Stein in den Himmel. Im nördlichen Guatemala erlebte zu jener Zeit die Mayastadt Tikal einen glanzvollen Höhepunkt.

Allein im zentralen Bereich der Stadt – Fläche etwa 16 Quadratkilometer – gab es mehr als dreitausend Gebäude. Und die größten Stufenpyramiden Mittelamerikas ragten stolz in den Himmel. 100 Stufen mussten erklommen werden, wollte man das Heiligtum von »Ah Cacao« (»Tempel des Jaguars«) erreichen. Die Priesterastronomen waren Experten in Sachen Kalendererstellung. Sie beobachteten mit religiöser Inbrunst den Verlauf der Sonne, richteten die steinernen »Kultbauten« mit unglaublicher Präzision aus. Im späten 9., vielleicht erst im frühen 10. Jahrhundert endete abrupt die Bautätigkeit in Tikal. Die Stadt wurde aufgegeben und verlassen. Der Urwald eroberte die einst so glanzvolle Metropole zurück. Bis heute wurde erst ein kleiner Teil der Stadt von Archäologen ausgegraben. Besonders im riesigen Außenbereich der Stadt wurde erst ein Bruchteil der Bauten freigelegt.

Der Turm des Doms. Foto Langbein
Unklar ist, warum in Verden gleich zwei Holzkirchen in unmittelbarer Nähe gebaut wurden. Waren zwei christliche Gotteshäuser erforderlich, um das weit ältere heidnische Heiligtum zu übertrumpfen? Beide Sakralbauten fielen Bränden zum Opfer, um 850 der erste, um 950 der zweite. Ein erster Bau aus Stein folgte einige Jahrzehnte später, zu Beginn des elften Jahrhunderts. Wieder kam es zu einer Brandkatastrophe. Im späten zwölften Jahrhundert wurde – wieder just dort, wo einst die »Heiden« ihren Göttern gehuldigt hatten - zu Verden ein steinerner Dom gebaut. Lange bestand das Gotteshaus nicht.  Es wurde Ende des dreizehnten Jahrhunderts durch einen Brand zerstört. Die unteren Geschosse des wuchtigen Turms trotzten der Katastrophe und wurden als Basis für den »neuen« Turm genutzt. Vollendet wurde das Gotteshaus 1829.

»Wir stehen hier im Zentrum von Verden an der Aller!«, schwadronierte der Lehrer wieder vor seiner Schulklasse. Er reckte seine Arme prophetengleich gen Himmel. »Gott hat bewiesen, dass nach seinem Willen an dieser Stelle sein Haus stehen sollte! Der Teufel wollte das verhindern! Der Fürst der Finsternis hat alles unternommen, um den Bau des Doms zu verhindern. Zuletzt prozessierte er sogar gegen den Dom… und verlor!« Satan selbst soll gegen den Dom prozessiert haben? Der Pädagoge bezog sich wohl auf einen kuriosen Rechtsstreit, der vor einigen Jahren ausgetragen wurde.

Schon Wilhelm Busch konstatierte: »Musik wird störend oft empfunden, derweil sie mit Geräusch verbunden.«  In diesem Sinne zog eine Dame aus Verden vor den Kadi. Die langjährige Anwohnerin hatte zunächst vor dem Landgericht zu Verden auf Unterlassung des Orgelspiels im Dom geklagt. Was gemeinhin als sakrale Musik empfunden wird, das empfand sie als »unzumutbare Geräuschabsonderung«. Sie unterklag in erster Instanz vor dem Landgericht von Verden und in zweiter Instanz vor dem Oberlandesgericht Celle. Das Urteil der ersten Instanz wurde bestätigt. Die »Lärmimmission« müsse nach dem »Empfinden eines Durchschnittsmenschen« als zumutbar gewertet werden. Weitere Schritte unternahm die Dame offenbar nicht. Zu behaupten, dass der Satan auf dem Wege der gerichtlichen Klage »gegen den Dom« vorgehen wollte, das kann nur als Ausgeburt eines außerhalb jeglicher Vernunft arbeitenden Gehirns bezeichnet werden.

Löwe und Einhorn. Foto Walter-Jörg Langbein

Es lohnt sich allemal, den Dom zu Verden zu besuchen. Sehenswert ist der romanische Taufstein aus der Zeit um 1150. Auf der Nordseite des Domes blieb ein romanischer Kreuzweg aus der gleichen Zeit erhalten. Er gehörte einst zu einem Kloster, von dem ansonsten kein Stein auf dem anderen blieb. Löwe und Einhorn zieren die Tür, die in den Kreuzgang führt. Man kann nur erahnen, wie der einst vierflügelige Kreuzgang ausgesehen haben mag. Er wurde anno 1180 angelegt, ist aber leider nur noch fragmentarisch erhalten. Durchschreitet man den Kreuzgang steht man schließlich vor Skulpturen, die einst Bischof Eberhard von Holle  im 16. Jahrhundert hat anfertigen lassen.


Der »Steinerne Mann«. Foto Walter-Jörg Langbein

Anno 1517 begann in Verden an der Aller die grausame Zeit der Hexenprozesse. Es wurde gefoltert, verurteilt und verbrannt: vor der Reformation und nach der Reformation. Mit Einführung der lutherischen Reformation durch Eberhard von Holle endete der Irrsinn der Hexenprozesse keineswegs. Martin Luther selbst befürwortete das Verbrennen der Hexen.

Auf die Anklage folgte die Folter, die Männern und Frauen absurdeste »Geständnisse“ abtrotzte. Sechs angeklagte Frauen wurden so grausam gemartert, dass sie starben, bevor sie verurteilt werden konnten. Fünf weitere Frauen verstarben in der Haft. 26 Frauen und sechs Männer wurden verurteilt und bei lebendigem Leib verbrannt. Einigen Angeklagten, so vermerken es die Akten, gelang rechtzeitig die Flucht.

In der Dommauer gefangen... Foto Walter-Jörg Langbein

Einst, so wird überliefert, veruntreute ein Küster Dom-Gelder und verprasste alles. Man kam ihm auf die Schliche und forderte Rechenschaft von dem Mann. Frech bestritt er bei einer Anhörung im Dom seine Diebstähle! »Ich habe die Wahrheit gesagt!«, soll er frech ausgerufen haben. »Und wenn ich lüge, soll mich der Teufel holen!« Satan soll daraufhin versucht haben, den Dieb durch das Domgemäuer zu zerren. So sehr er es auch versuchte, es gelang ihm nicht vollends. Der Küster blieb in der Dommauer stecken und wurde zu Stein.


Das ist nicht der »Steinerne Mann«. Foto Walter-Jörg Langbein

Den »Steinernen Mann« übersieht man leicht. Man findet ihn im Innenhof, an einer Ecke des nördlichen Seitenflügels, hoch oben, ein Stück unter dem Dach. Ich selbst hätte die kuriose Steinplastik fast verwechselt… mit einem seltsamen »Steinkreuz« auf dem Dach, das tatsächlich einer menschenähnlichen Gestalt ähnelt. Hat man dieses »Kreuz« erspäht, lässt man den Blick nach unten wandern und findet… den »Steinernen Mann«.

Der Kreuzweg von außen. Foto W-J.Langbein

Der Lugenstein. Foto W-J.Langbein
272 »Die Bremer Stadtmusikanten kamen nie nach Bremen«
Teil 272 der Serie

»Monstermauern, 
Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       

erscheint am 05.04.2015 

Und übernächsten Sonntag geht's um einen
»runden Geburtstag«....


273 »Erich von Däniken zum 80. Geburtstag«,
Teil 273 der Serie 
»Monstermauern, 
Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       

erscheint am 12.04.2015


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