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Sonntag, 26. April 2020

536. »Und ich sah, und siehe«

Teil 536 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,

Foto 1: Prophet Hesekiel auf einer alten Ikone.

Theologen können mit dem wohl langatmigsten Text der Bibel nicht wirklich etwas anfangen. Wir finden ihn beim Propheten Hesekiel: Kapitel 40 und 41. Eine kleine Kostprobe (1): » Und siehe, es ging eine Mauer außen um das Gotteshaus ringsherum. Und der Mann hatte die Messrute in der Hand; die war sechs Ellen lang – jede Elle war eine Handbreit länger als eine gewöhnliche Elle. Und er maß das Mauerwerk: Es war eine Rute dick und auch eine Rute hoch.«

Da wird also etwas, ein Gebäude, vermessen. Was für ein Gebäude? Ein Tempel! Da scheinen sich die Theologen einig zu sein. Indes, so eindeutig ist die Übersetzung nicht. So ist zum Beispiel in der »Zürcher-Bibel« im zitierten Vers nicht von einem Tempel die Rede (2): »Und sieh, da war eine Mauer, aussen rings um das Haus.« Die »Schlachter 2000«-Bibel geht davon aus, dass es sich bei dem Bauwerk um einen Tempel handelt, sieht sich aber genötigt, den Tempel in Klammern einzufügen, wo im Text lediglich von einem »Haus« die Rede ist (3): »Und siehe, es war eine Mauer außen um das Haus [des Tempels] herum.«

Einigkeit scheint in Theologenkreisen zu herrschen, wenn es um die Frage geht, wo denn der vermeintliche Tempel zu finden sei. Es soll sich um den Tempel von Jerusalem handeln. Ist dem wirklich so?

Foto 2: Hesekiels seltsame Beschreibung
in der Piscator Bibel (1684).

Im Jahre 573/572 vor Christus wurde Hesekiel per »Herrlichkeit des Herrn« zum »Haus« durch die Lüfte verschleppt. Wo befand sich dieses »Haus«? Im Tempelkomplex von Jerusalem war er jedenfalls nicht. Der lag nämlich zu Hesekiels Zeiten noch in Schutt und Asche. Er wurde erst 538 vor Christus wieder aufgebaut. Und doch erwecken heutige Bibelübersetzungen den falschen Eindruck, Hesekiel sei nach Jerusalem verfrachtet worden. Fakt  ist aber: Hesekiel wusste nicht wo er war. Er schreibt von »einem sehr hohen Berg«, ohne einen Namen zu nennen. Er sah »etwas wie eine Stadt«. Wieder beschreibt er ohne einen Namen zu nennen (4): »In göttlichen Gesichten brachte er mich in das Land Israel, und er ließ mich nieder auf einem sehr hohen Berg; auf diesem war etwas wie der Bau einer Stadt, nach Süden hin.«


Foto 3: Hesekiels Zubringerraumschiff im Querschnitt
nach Blumrich.

Was Hesekiel vom »sehr hohen Berg« aus gesehen hat, Jerusalem war’s jedenfalls nicht, sonst hätte Hesekiel die Metropole seines Heimatlandes beim Namen genannt. Und er hätte nicht von »einem sehr hohen Berg« und von »etwas wie der Bau einer Stadt« gesprochen, sondern er hätte die ihm wohl vertrauten Namen und Bezeichnungen benutzt. Die Gefilde in und um Jerusalem waren ihm ja sehr wohl bekannt. Bibelübersetzer und Kommentatoren störten sich daran, dass geographische Begriffe fehlten, weil Hesekiel nicht wusste, wohin er gebracht wurde. Also fügten sie Ausdrücke ein, die im hebräischen Original gar nicht zu finden sind.

Konkretes Beispiel (5): »Und er sprach zu mir: Dies Wasser fließt hinaus in das östliche Gebiet und weiter hinab zum Jordantal und mündet ins Tote Meer.« Im hebräischen Original ist freilich lediglich von »einem Meer« die Rede. Theologe Eichrodt erklärt, man müsse annehmen, dass das »Tote Meer« gemeint sei. Man habe die fehlende Bezeichnung einfach eingefügt. Wie falsch das ist, beweist eine genauere Lektüre des Textes. Da wird der Fischreichtum gepriesen, da werden die üppigen Pflanzen und herrlichen Bäume gelobt. All das gab es in der Wüstenregion des Toten Meeres nicht. Um den Text in Einklang mit der Realität zu bringen, griffen die Übersetzer zu einem Trick. Im Hebräischen gibt es keine Zukunftsform wie in anderen Sprachen. Was Hesekiel als aktuellen Bericht zu Papier brachte, manipulierten sie in eine Vision von übermorgen. Nach dem Theologen Rudolf Smend blickte Hesekiel in die Zukunft, sah er das Israel einer fernen Zukunft.


Foto 4: Hesekiels »Vision«
in einer Bibelillustration (16. Jahrhundert).

Fakt ist aber: Hesekiel beschrieb ein Land, das er nicht kannte, so wie es damals zu seinen Lebzeiten aussah. Wir wissen bis heute nicht, wohin Hesekiel gebracht wurde. Der »Tempel«, den er beschreibt, haben wir bis heute nicht gefunden. Bei dem geheimnisvollen Bauwerk handelte es sich nach der umfangreichen Forschungsarbeit von Ingenieur Hans Herbert Beier (*1929; †2004) nicht um einen Tempel nach biblischem Verständnis, sondern um eine technische Anlage, die zum Beispiel zur Wartung von Flugvehikeln diente. Nach Josef Blumrich (6) und Hans Herbert (7) erlebte Hesekiel keine Vision, keinen Traum, sondern fantastische Realität.

Im Telegrammstil: Nach NASA-Ingenieur Josef Blumrich beschreibt Hesekiel in seinen biblischen Texten ein außerirdisches Raumschiff (konkreter: ein relativ kleines Zubringerraumschiff für erdnahe Reisen). Hesekiel wurde, so Blumrich, mit an Bord genommen. Josef Blumrich rekonstruierte das »Hesekiel-Raumschiff« geradezu penibel. Er kam zu sehr präzisen Detailangaben. Demnach betrugen der Durchmesser des Hauptkörpers von Hesekiels Flugvehikel 18 m, die Rotorenantriebsleistung 70.000 PS, der Durchmesser der Rotoren 18 m, der spezifische Impuls 2.080 sec., das Konstruktionsgewicht 63.300 kg, und das Gewicht des Treibstoffs für den Rückflug zu einem Mutterraumschiff 36.700 kg.


Hans Herbert Beier nahm sich die Tempelbeschreibung bei Hesekiel unabhängig von Blumrich vor. Er kam zum Schluss, dass jedes Detail stimmig und präzise ist. Es ergibt sich, so Beier, baut man die erstaunlich präzise Anleitung nach, so etwas wie ein »Stadion«, das nach oben offen war. Im Zentrum, so Hans Herbert Beier, landete und startete das »Hesekielraumschiff«. Hier wurden Reparaturen und Wartungsarbeiten vorgenommen, hier wurden Routinekontrollen durchgeführt.

Zu kühner Tobak? Was wirklich verblüffen muss: Blumrichs Rekonstruktion vom Flugvehikel passt (exakt wie ein Ei in einen Eierbecher) in den von Hans Herbert Beier penibel nach dem biblischen Text rekonstruierten »Tempel«.  Kann das ein Zufall sein? Die Forschungsarbeiten der Ingenieure Blumrich und Beier ergänzen einander perfekt. Demnach handelte es sich bei dem Tempel um eine technische Anlage zur Wartung von Zubringerraumschiffen. Sie wurde benutzt, um Reparaturarbeiten etwa am atomaren Hauptantrieb des Flugkörpers vorzunehmen. Ein solcher Vorgang wurde, um in der Raumfahrttechnologie zu bleiben, von Hesekiel beobachtet und beschrieben. Lesen wir bei Hesekiel nach,  und zwar in Kapitel 10 (8).

Foto 5: Gottvater
über den mysteriösen »Hesekielrädern«
(16. Jahrhundert)

Vers 6: »Und als er dem Mann in dem leinenen Gewand geboten hatte: ›Nimm von dem Feuer zwischen dem Räderwerk zwischen den Cherubim‹, ging dieser hinein und trat neben das Rad.
Vers 7: Und der Cherub streckte seine Hand aus der Mitte der Cherubim hin zum Feuer, das zwischen den Cherubim war, nahm davon und gab es dem Mann in dem leinenen Gewand in die Hände; der empfing es und ging hinaus.
Vers 8: Und es erschien an den Cherubim etwas wie eines Menschen Hand unter ihren Flügeln.«

Wir müssen uns vor Augen führen, dass dem biblischen Hesekiel Raumfahrttechnik völlig fremd war. Er konnte allenfalls versuchen, Vorgänge, die er nicht zu verstehen in der Lage war, so gut wie möglich zu beschreiben. Nach Josef Blumrich, den ich wiederholt zu seinem »Hesekiel-Buch« befragen konnte,  näherte sich ein Mann in Schutzkleidung (»in Leinen gekleidet«) dem atomaren Hauptantrieb. Ein Element wurde – offensichtlich mit Hilfe eines mechanischen Greifarms entnommen (»etwas wie eines Menschen Hand«). NASA-Ingenieur Blumrich (9): »Über die brennende Frage nach dem, was sich hier tatsächlich ereignete, kann man immerhin einige Vermutungen anstellen. Vom technischen Standpunkt aus gesehen, ist als einziges sicher, dass ein heißes Element entfernt wurde. Ob dieses ›heiß‹ rein thermisch war oder auch radioaktive Strahlung enthielt, ist unklar.«

Foto 6: Verbotene Texte bei Hesekiel.

Im Gespräch erläuterte mir Josef Blumrich, dass seiner Überzeugung nach womöglich ein radioaktiv strahlendes Element ausgebaut wurde. »Der ›Kommandant« war sich über die Gefährlichkeit des Eingriffs bewusst. Deshalb erteilte er aus der Distanz seine Befehle.«

Theologen können mit Hesekiels »Visionen« seiner Begegnungen mit dem Höchsten nicht wirklich etwas anfangen. Josef Blumrich und Hans Herbert Beier wagen eine ganz andere Interpretation: Ihrer Überzeugung nach war die »Herrlichkeit des Herrn« ein Raumschiff, das sowohl einen atomar betriebenen Raketenantrieb als auch Helikopter-Einheiten nutzen konnte. Blumrich und Beier untersuchten den biblischen Hesekiel mit »Raumfahrerbrille« und kamen dank ihres Ingenieurwissens zu Ergebnissen, die selbst der fleißigste Theologe nicht erreichen kann.

In seiner Bibelübersetzung von 1545 stellte Martin Luther dem Propheten Hesekiel eine »Newe Vorrede« (»Neue Vorrede«) voran. Da heißt es: »S(ankt) Hieronymus und andere mehr schreiben/ Das bey den Jüden verboten gewest/ und noch sey/das forderst vnd hinderst teil im Propheten Hesekiel zu lesen/ ehe denn ein Man dreissig jar alt werde.« Mit anderen Worten: Nur Männer ab 30 durften den vorderen und den hinteren Teil der seltsamen Texte Hesekiels über seine Sichtungen des göttlichen Himmelswagens lesen.

Dann lässt Luther seinem Antisemitismus freien Lauf. Eines solchen Verbots bedürfe es bei den »Jueden« ja sowieso nicht, bliebe doch den »Jueden« die »Heilige Schrift« sowieso verschlossen. Die Juden würden, so Luther, die Schrift mit ihren Auslegungen zerreißen und zermartern wie unflätige Säue einen Lustgarten zerwühlen.

Foto 7: Verbotene Hesekielvisionen.

Auch in der Bibelausgabe des Johannes Endter, im Jahre MDCCLXV (1765) in Nürnberg erschienen, werden dem »Propheten Hesekiel« diese Anmerkungen Luthers vorangestellt: »Sanct Hieronymus und andere mehr schreiben, daß bei den Jueden verboten gewesen, und noch so sey, das voerderste und hinderste Theil vom Propheten Hesekiel zu lesen, ehe denn ein Mann dreyssig Jahr alt werde.« (»Sankt Hieronymus und andere mehr schreiben, dass es bei den Juden verboten gewesen sei und noch ist, den vordersten und den hintersten Teil vom Propheten Hesekiel zu lesen, ehe denn ein Mann dreißig Jahre alt werde.«)

Foto 8: Die beiden Bücher von Blumrich und Beier
über Hesekiel.

Auch hier ist vom Unvermögen der Juden die Rede, die Schrift zu verstehen. Auch hier heißt es, dass ein Verbot für Juden, bestimmte Texte der Schrift zu lesen, überflüssig sei, weil die ganze Heilige Schrift den ungläubigen Juden verswiegelt und verschlossen sei. Auch hier werden die Juden mit »unflaetigen Säuen« verglichen, die die Schrift sowieso nicht verstünden und wie unflätige Säue »einen Lustgarten zerwuehlen und umkeren«.

Erstaunlich ist, dass Luther keineswegs seine Interpretation als die allein gültige ausgibt: »Das Gesicht aber Hesekiels, im ersten Theil, ist nichts anders, meines Verstands (ein anderer mache es besser) denn eine Offenbarung des Reichs Christi, im Glauben auf Erden, in allen vier Orten der ganzen Welt. … Aber Alle Stücke zu deuten, ist zu lang in einer Vorrede. Kurz zu sagen, diß Gesicht ist der geistliche Wagen Christi, darauf er faehret hie in der Welt, das ist seine ganze heilige Christenheit.«

Nach Luther ist das Gesicht, die Vision Hesekiels, nichts anderes »denn eine Offenbarung des Reiches Christi auf Erden«. Hesekiel beschreibt, so Luther eine Zukunftsvision: den »geistlichen Wagen Christi, darauf er faehret hie in der Welt«. Luther schränkt aber, ungewöhnlich selbstkritisch und unsicher für den Reformator, ein: so verstehe er den Text, ein anderer mache es besser.

Wer aber macht es besser? Josef Blumrich und Hans Herbert Beier? Auch die Interpretation der Hesekielbeschreibungen als Zukunftsvision schließen eine raumfahrttechnische Sicht keineswegs aus. Fasste Hesekiel in Worte, was er real sah? Oder schilderte er eine Vision künftiger Raumfahrttechnologie?

Meine Meinung: Hesekiels Staunen über das merkwürdige Flugobjekt, seine Beteuerungen, dass das Beschriebene wahr sei, wird im Hebräischen durch »Verdoppelung« zum Ausdruck gebracht: »Und ich sah, und siehe« steht für »ich sah ganz gewiss!«. Sein Staunen, sein Entsetzen, all das ist nur im Hebräischen wirklich erkennbar. Die Übersetzungen sind eigentlich alle bereits Interpretationen und Andeutungen.



Fußnoten
(1) Hesekiel, Kapitel 40, Vers 5, zitiert nach der Luther-Bibel von 2017.
(2) Hesekiel, Kapitel 40, Vers 5, zitiert nach der »Zürcher«.
(3) Hesekiel, Kapitel 40, Vers 5, zitiert nach der »Schlachter 2000«
(4) Hesekiel, Kapitel 40, Vers 2, zitiert nach der Luther-Bibel von 2017
(5) Hesekiel Kapitel 47, Vers 8, zitiert nach der Luther-Bibel von 2017
(6) Blumrich, Josef F.: »The Spaceships of Ezekiel«, New York, Februar 1974
Blumrich, Josef F.: »Da tat sich der Himmel auf/ Die Raumschiffe des Propheten Ezechiel und ihre Bestätigung durch modernste Technik«, Düsseldorf und Wien, März 1973
(7) Beier, Hans Herbert: »Kronzeuge Ezechiel/ Sein Bericht – sein Tempel – seine Raumschiffe«, München 1985
(8) Zitiert nach der Luther-Bibel von 2017
(9) Blumrich, Josef F.: »Da tat sich der Himmel auf/ Die Raumschiffe des Propheten Ezechiel und ihre Bestätigung durch modernste Technik«, Düsseldorf und Wien, März 1973, Seite 129, Zeilen 15-20 von oben
(10) Hesekiel, Kapitel 10, Vers 1 in der »Luther Bibel« 2017: »Und ich sah, und siehe, an der Himmelsfeste über dem Haupt der Cherubim glänzte es wie ein Saphir, und über ihnen war etwas zu sehen wie ein Thron.«

Zu den Fotos
Foto 1: Prophet Hesekiel auf einer alten Ikone. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Hesekiels seltsame Beschreibung in der Piscator Bibel (1684). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Hesekiels Zubringerraumschiff im Querschnitt nach Blumrich. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Hesekiels »Vision« in einer Bibelillustration (16. Jahrhundert). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Gottvater über den mysteriösen »Hesekielrädern« (16. Jahrhundert). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Verbotene Texte bei Hesekiel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Verbotene Hesekielvisionen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Die beiden Bücher von Blumrich und Beier über Hesekiel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Bibelillustration zur Vision des Hesekiel. 16. Jahrhundert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein


Foto 9: Bibelillustration zur Vision des Hesekiel.


537. »Sechzig Myriaden Meilen und fünfhundert Jahresreisen höher«,
Teil 537 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 03. Mai 2020


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Sonntag, 26. November 2017

410 »Hesekiels Himmelswagen«

Teil 3 von »Von einem, der auszog, um Pfarrer zu werden«,
Teil  410 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein
                      


Foto 1:  Langbein mit Endter-Bibel von 1716
Die Bibel, die mir schon als Kind wahnsinnig imponierte, ließ sich kaum wie ein normales Buch lesen. Man konnte sie nicht in die Hand nehmen, man benötigte einen stabilen Tisch, um den mächtigen Folianten darauf abzulegen.  Sie war 38 Zentimeter hoch, 25 Zentimeter breit und zwölf Zentimeter dick. Als Verleger zeichneten »Johannes Endters Seel. Sohn und Erben«, gedruckt worden war die altehrwürdige Familienbibel im Jahre MDCCLXV (1765) in Nürnberg. Der Prolog stammte von Martin Luther. So manches Mal blätterte ich staunend in der sperrigen Luther-Bibel und landete immer wieder beim Propheten Hesekiel.

Jene uralte Bibel weckte schon früh mein Interesse am Studium der Theologie. Vieles erschien mir rätselhaft und unverständlich, manches kam mir unsinnig vor. Mehr als rätselhaft war natürlich das Vehikel, das Hesekiel wiederholt beschreibt. Sollte der biblische Gott selbst mit so einem Apparat durch die Gegend brausen? Wieso benötigte er ein fliegendes Fahrzeug, wo er doch, wie der Pfarrer immer wieder predigte, allgegenwärtig war? 

Geradezu unsinnig waren in meinen Augen »Erklärungen« wie die folgende: Etwa 500 vor Christus schilderte Hesekiel eine geradezu furchteinflößende Flugmaschine, die anscheinend von jemand gesteuert wurde. Aber wer war dieser jemand? Nach der Endter-Bibel war es – um 500 v.Chr. – angeblich Jesus. Wie konnte Jesus in einer Flugmaschine auftauchen, die Hesekiel bereits 500 v.Chr. sichtete, also etwa ein halbes Jahrtausend vor Jesu Geburt? Und doch heißt es in der Endter-Bibel:

Foto 2: »Auf dem Saphirnen Stul«. Foto Walter-Jörg Langbein. Endter-Bibel 1716

 »Der Mensch, den im Gesicht Hesekiel erlesen,
auf dem Saphirnen Stul, ist Gottes Sohn gewesen.
Daß dort mein Jesus thront, macht mir sein Wort bekannt:
Er mein Herr, sitzet ja dem HERRN zur rechten Hand.«

In etwas modernere Sprache übersetzt:

»Der Mensch, den Hesekiel in seiner Vision gesehen hat,
auf dem Saphir-Stuhl, das ist Gottes Sohn gewesen.
Dass dort mein Jesus thront, das sagt mir sein Wort:
Er mein Herr, sitzt zur Rechten Gottes.«

Foto 3: »Daß dort mein Jesus thront«. Foto Walter-Jörg Langbein. Endter-Bibel 1716

Sollte Jesus per Zeitreise rund ein halbes Jahrtausend in die Vergangenheit gereist sein, um sich nebst seiner Zeitreisemaschine dem verblüfften Hesekiel zu zeigen? Das ist in der Tat eine kühne These, die rein spekulativ ist. Vor allem lässt sie sich nicht biblisch begründen, denn nirgendwo gibt es bei Hesekiel auch nur den Hauch eines Hinweises, dass die Person im hesekielschen Himmelswagen Jesus war. Mir ist keine einzige Bibelübersetzung bekannt, die im Text auch nur andeutet, dass Hesekiel nicht »Gott«, sondern Jesus gesehen hat.

Um kurz bei der »Zeitreise« zu bleiben: Immer wieder taucht die These auf, bei den Astronautengöttern könne es sich doch ebenso wie bei den Besatzungen von »UFOs« um Reisende aus der Zukunft handeln. Der Gedanke mag interessant sein, ist aber meines Wissens nicht belegbar. Ich kenne keine einzige alte Überlieferung, in der irgendein vom Himmel herabgestiegener »Gott« so etwas sagte wie: »Fürchtet euch nicht! Ich bin ein Mensch wie du! Ich komme aus deiner Zukunft!«
Doch zurück in meine Vergangenheit, zurück in die Vergangenheit eines Menschen, der auszog um Pfarrer zu werden! Was ich da mühsam Buchstabe für Buchstabe entzifferte, es bereitete mir ob der Schrift aus »ferner« Vergangenheit, Schwierigkeiten beim Lesen. Das aber gerade reizte mich. Es war ein wenig, als würde es mir gelingen, eine Geheimschrift zu entziffern. Was mich aber ärgerte: Ich verstand einfach nicht, was ich da las.

Foto 4: Hesekiels »Vision« vom Himmelswagen.

Merkwürdig war die alte Bibelillustration (2). Was zeigte sie? Es war ein Etwas mit merkwürdigen Rädern und Tieren, wobei Räder und Tiere irgendwie ineinander übergingen. Das Ganze spielte sich irgendwie in den Wolken ab, wie auf einem Teppich aus Flammen. Von links pustete zwischen Wolken ein Engel mit Kraft und Ausdauer in seine Tröte. Und auf diesem Etwas aus geflügelten Wesen mit allen möglichen Gesichtern, da thronte so etwas wie ein Mensch, vor dem sich ein demütiger Mensch zu Boden warf. Irgendwie passte das meinem Verständnis nach nicht in eine Bibel. Der über dem mysteriösen Ding thronende trug Krone und Zepter. Sollte das Gott sein, wie der Text Hesekiels nahelegt? Der förmlich am Boden Liegende war am ehesten als Hesekiel zu identifizieren.

Was aber war es, was Hesekiel derart in Angst und Schrecken versetzte? Was schwebte da in der Luft, während Hesekiel am Boden lag? Ich verstand es nicht. Und offensichtlich war die Beschreibung des Himmelswagens bei Hesekiel auch für die Juden, den Nachfahren der Autoren der biblischen Texte, zumindest rätselhaft. Das macht eine kurze Abhandlung Luthers deutlich, die er dem Hesekieltext voranstellt.

Foto 5: Nicht jeder darf es lesen, was Hesekiel über den Himmelswagen schrieb.

In »Ein Unterricht wie das Gesicht Hesekiel vom Wagen Cap. 1 und 10 zu verstehen sey.« findet sich eine interessante Aussage. Luther verweist darauf, dass nach Kirchenvater Sophronius Eusebius Hieronymus (*347, † 420 in Bethlehem) die Beschreibungen des Himmelswagens nicht von jedermann gelesen werden durften. Dazu befugt waren nur Männer über 30. Aber ob die den Text verstehen konnten?

Dann folgt eine der für Luther typischen Hasstiraden der antisemitischen Art: »Denn sie (die Juden) zerreissen und zermartern die Schrift in ihren Auslegungen wie die unstaetigen Sau einen Lustgarten zerwuehlen und umkehren, daß zu wuenschen waere, sie blieben mit der Schrift unverworren.« Nach Luther, der von den evangelisch-lutherische Theologen im Jahr 500 der Reformation wie ein ganz besonders wichtiger Heiliger zelebriert wurde, haben also die Juden keine Ahnung von den von Juden verfassten Schriften des Alten Testaments. Schlimmer noch, sie gehen mit den Texten des Alten Testaments um wie eine Sau, die einen wunderschönen Garten verwüstet. Mit anderen Worten: Die Juden interpretieren die Texte nicht, sie erklären sie nicht, sie zerstören sie.

Foto 6: Christliche Interpretation.

Dann folgt Luthers Interpretation, die er freilich deutlich als seine subjektive Erklärung kennzeichnet: »Das Gesicht aber Hesekiels, im ersten Theil, ist nicht anders, meines Verstands (ein anderer mache es besser)…« Immerhin gibt sich Luther so bescheiden, dass er es durchaus für möglich hält, dass ein anderer den geheimnisvollen Text Hesekiels besser versteht als er. Dann erst folgt Luthers Sicht der Dinge: »Kurz zu sagen, diß Gesicht ist der geistliche Wagen Christi, darauf er faehret hie in der Welt, das ist seine ganze heilige Christenheit.«

Für Luther Erlebte also Hesekiel nicht die Begegnung mit einem mysteriösen Himmelsvehikel, das unter Donner und mit Feuerflammen am Himmel dahin braust. Vielmehr visionierte Hesekiel – so Luther – den ein halbes Jahrtausend später kommenden Jesus, dessen Siegeszug zweieinhalb Jahrtausende später zum weltweite verbreiteten Christentum führt.

Für mich war in jungen Jahren das forschende Entziffern und Schmökern der Endter-Bibel von 1765 ein echtes Abenteuer. Die Auseinandersetzung mit der altehrwürdigen Bibel und Erich von Dänikens Interpretation der Hesekiel-Sichtung als Begegnung mit einem außerirdischen Raumschiff waren für mich wichtige Gründe, warum ich ein Studium der evangelischen Theologie begonnen habe. Und das ausgerechnet in der Martin-Luther-Hochburg Erlangen, an der Friedrich-Alexander-Universität.


Foto 7: Endter-Bibel von 1716
Heute ist für mich die dänikensche Sichtweise die wahrscheinlichste. Ich bin davon überzeugt, dass Hesekiel vor rund 2500 Jahren mehrfach ein außerirdisches Raumschiff sah und auch als Passagier mit an Bord genommen wurde.

Mich haben die Ingenieure Blumrich und Beier (3) überzeugt. NASA-Ing. Josef Blumrich rekonstruierte das Raumschiff des Hesekiel. Ing. Hans Herbert Beier kam nach intensivem Quellenstudium zum Ergebnis, das der bis heute nicht gefundene Tempel des Hesekiel eine Wartungsstation für Hesekiel-Raumschiffe war. Es verblüfft mich nach wie vor, wie präzise das Hesekiel-Raumschiff in die Beiersche Wartungsstation passt!

Hesekiels »Vision« war mit einer der Hauptgründe, meine Reise in Richtung Geistlicher anzutreten. Ich hoffte, dass ich durch das Studium erfahren würde, was Hesekiel wirklich sah. Meine konkreten Arbeiten in Sachen Hesekiel – am hebräischen Originaltext! – machten es mir letztlich nicht möglich, Geistlicher zu werden.


Fußnoten
1) Leider wurde unsere Familienbibel von 1765 im Jahr 2005 gestohlen. Ich beziehe mich jetzt auf eine ältere Ausgabe der Endter-Bibel, die bereits anno 1716 in Nürnberg gedruckt wurde.
2) Die Illustration, die ich für diese meine Abhandlung verwende, stammt aus der Endter-Bibel von 1716. Ich kann nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, ob unsere Familienbibel von 1765 auch diese Illustration als Stich enthielt.
3) Beier, Hans Herbert: »Kronzeuge Ezechiel/ Sein Bericht – sein Tempel – seine
Raumschiffe«, München 1985
Blumrich, Josef F.: »The Spaceships of Ezekiel«, New York, Februar 1974
Blumrich, Josef F.: »Da tat sich der Himmel auf/ Die Raumschiffe des
Propheten Ezechiel und ihre Bestätigung durch modernste Technik«,
Düsseldorf und Wien, März 1973


Foto 8: Das stümperhafte restaurierte Frontispiz der Endter-Bibel von 1716. Ausschnitt.

Zu den Fotos

Foto 1: Autor Langbein mit der Endter-Bibel von 1716. Foto Barbara Kern
Foto 2: »Auf dem Saphirnen Stul«. Foto Walter-Jörg Langbein. Endter-Bibel 1716
Foto 3: »Daß dort mein Jesus thront«. Foto Walter-Jörg Langbein. Endter-Bibel 1716
Foto 4: Hesekiels »Vision« vom Himmelswagen.
Endter-Bibel 1716. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Nicht jeder darf es lesen, was Hesekiel über den Himmelswagen schrieb.
Foto Walter-Jörg Langbein. Endter-Bibel 1716
Foto 6: Christliche Interpretation. Foto Walter-Jörg Langbein. Endter-Bibel 1716
Foto 7: Das stümperhaft restaurierte Frontispiz der Endter-Bibel von 1716. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Das stümperhafte restaurierte Frontispiz der Endter-Bibel von 1716. Ausschnitt. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 9: Endter-Bibel von 1716, »Außenansicht«. Foto Walter-Jörg Langbein


Foto 9: Endter-Bibel von 1716, »Außenansicht«

411 »Vom Setzling und den Astronautengöttern«,
Teil  411 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 03.12.2017



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