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Sonntag, 26. April 2020

536. »Und ich sah, und siehe«

Teil 536 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,

Foto 1: Prophet Hesekiel auf einer alten Ikone.

Theologen können mit dem wohl langatmigsten Text der Bibel nicht wirklich etwas anfangen. Wir finden ihn beim Propheten Hesekiel: Kapitel 40 und 41. Eine kleine Kostprobe (1): » Und siehe, es ging eine Mauer außen um das Gotteshaus ringsherum. Und der Mann hatte die Messrute in der Hand; die war sechs Ellen lang – jede Elle war eine Handbreit länger als eine gewöhnliche Elle. Und er maß das Mauerwerk: Es war eine Rute dick und auch eine Rute hoch.«

Da wird also etwas, ein Gebäude, vermessen. Was für ein Gebäude? Ein Tempel! Da scheinen sich die Theologen einig zu sein. Indes, so eindeutig ist die Übersetzung nicht. So ist zum Beispiel in der »Zürcher-Bibel« im zitierten Vers nicht von einem Tempel die Rede (2): »Und sieh, da war eine Mauer, aussen rings um das Haus.« Die »Schlachter 2000«-Bibel geht davon aus, dass es sich bei dem Bauwerk um einen Tempel handelt, sieht sich aber genötigt, den Tempel in Klammern einzufügen, wo im Text lediglich von einem »Haus« die Rede ist (3): »Und siehe, es war eine Mauer außen um das Haus [des Tempels] herum.«

Einigkeit scheint in Theologenkreisen zu herrschen, wenn es um die Frage geht, wo denn der vermeintliche Tempel zu finden sei. Es soll sich um den Tempel von Jerusalem handeln. Ist dem wirklich so?

Foto 2: Hesekiels seltsame Beschreibung
in der Piscator Bibel (1684).

Im Jahre 573/572 vor Christus wurde Hesekiel per »Herrlichkeit des Herrn« zum »Haus« durch die Lüfte verschleppt. Wo befand sich dieses »Haus«? Im Tempelkomplex von Jerusalem war er jedenfalls nicht. Der lag nämlich zu Hesekiels Zeiten noch in Schutt und Asche. Er wurde erst 538 vor Christus wieder aufgebaut. Und doch erwecken heutige Bibelübersetzungen den falschen Eindruck, Hesekiel sei nach Jerusalem verfrachtet worden. Fakt  ist aber: Hesekiel wusste nicht wo er war. Er schreibt von »einem sehr hohen Berg«, ohne einen Namen zu nennen. Er sah »etwas wie eine Stadt«. Wieder beschreibt er ohne einen Namen zu nennen (4): »In göttlichen Gesichten brachte er mich in das Land Israel, und er ließ mich nieder auf einem sehr hohen Berg; auf diesem war etwas wie der Bau einer Stadt, nach Süden hin.«


Foto 3: Hesekiels Zubringerraumschiff im Querschnitt
nach Blumrich.

Was Hesekiel vom »sehr hohen Berg« aus gesehen hat, Jerusalem war’s jedenfalls nicht, sonst hätte Hesekiel die Metropole seines Heimatlandes beim Namen genannt. Und er hätte nicht von »einem sehr hohen Berg« und von »etwas wie der Bau einer Stadt« gesprochen, sondern er hätte die ihm wohl vertrauten Namen und Bezeichnungen benutzt. Die Gefilde in und um Jerusalem waren ihm ja sehr wohl bekannt. Bibelübersetzer und Kommentatoren störten sich daran, dass geographische Begriffe fehlten, weil Hesekiel nicht wusste, wohin er gebracht wurde. Also fügten sie Ausdrücke ein, die im hebräischen Original gar nicht zu finden sind.

Konkretes Beispiel (5): »Und er sprach zu mir: Dies Wasser fließt hinaus in das östliche Gebiet und weiter hinab zum Jordantal und mündet ins Tote Meer.« Im hebräischen Original ist freilich lediglich von »einem Meer« die Rede. Theologe Eichrodt erklärt, man müsse annehmen, dass das »Tote Meer« gemeint sei. Man habe die fehlende Bezeichnung einfach eingefügt. Wie falsch das ist, beweist eine genauere Lektüre des Textes. Da wird der Fischreichtum gepriesen, da werden die üppigen Pflanzen und herrlichen Bäume gelobt. All das gab es in der Wüstenregion des Toten Meeres nicht. Um den Text in Einklang mit der Realität zu bringen, griffen die Übersetzer zu einem Trick. Im Hebräischen gibt es keine Zukunftsform wie in anderen Sprachen. Was Hesekiel als aktuellen Bericht zu Papier brachte, manipulierten sie in eine Vision von übermorgen. Nach dem Theologen Rudolf Smend blickte Hesekiel in die Zukunft, sah er das Israel einer fernen Zukunft.


Foto 4: Hesekiels »Vision«
in einer Bibelillustration (16. Jahrhundert).

Fakt ist aber: Hesekiel beschrieb ein Land, das er nicht kannte, so wie es damals zu seinen Lebzeiten aussah. Wir wissen bis heute nicht, wohin Hesekiel gebracht wurde. Der »Tempel«, den er beschreibt, haben wir bis heute nicht gefunden. Bei dem geheimnisvollen Bauwerk handelte es sich nach der umfangreichen Forschungsarbeit von Ingenieur Hans Herbert Beier (*1929; †2004) nicht um einen Tempel nach biblischem Verständnis, sondern um eine technische Anlage, die zum Beispiel zur Wartung von Flugvehikeln diente. Nach Josef Blumrich (6) und Hans Herbert (7) erlebte Hesekiel keine Vision, keinen Traum, sondern fantastische Realität.

Im Telegrammstil: Nach NASA-Ingenieur Josef Blumrich beschreibt Hesekiel in seinen biblischen Texten ein außerirdisches Raumschiff (konkreter: ein relativ kleines Zubringerraumschiff für erdnahe Reisen). Hesekiel wurde, so Blumrich, mit an Bord genommen. Josef Blumrich rekonstruierte das »Hesekiel-Raumschiff« geradezu penibel. Er kam zu sehr präzisen Detailangaben. Demnach betrugen der Durchmesser des Hauptkörpers von Hesekiels Flugvehikel 18 m, die Rotorenantriebsleistung 70.000 PS, der Durchmesser der Rotoren 18 m, der spezifische Impuls 2.080 sec., das Konstruktionsgewicht 63.300 kg, und das Gewicht des Treibstoffs für den Rückflug zu einem Mutterraumschiff 36.700 kg.


Hans Herbert Beier nahm sich die Tempelbeschreibung bei Hesekiel unabhängig von Blumrich vor. Er kam zum Schluss, dass jedes Detail stimmig und präzise ist. Es ergibt sich, so Beier, baut man die erstaunlich präzise Anleitung nach, so etwas wie ein »Stadion«, das nach oben offen war. Im Zentrum, so Hans Herbert Beier, landete und startete das »Hesekielraumschiff«. Hier wurden Reparaturen und Wartungsarbeiten vorgenommen, hier wurden Routinekontrollen durchgeführt.

Zu kühner Tobak? Was wirklich verblüffen muss: Blumrichs Rekonstruktion vom Flugvehikel passt (exakt wie ein Ei in einen Eierbecher) in den von Hans Herbert Beier penibel nach dem biblischen Text rekonstruierten »Tempel«.  Kann das ein Zufall sein? Die Forschungsarbeiten der Ingenieure Blumrich und Beier ergänzen einander perfekt. Demnach handelte es sich bei dem Tempel um eine technische Anlage zur Wartung von Zubringerraumschiffen. Sie wurde benutzt, um Reparaturarbeiten etwa am atomaren Hauptantrieb des Flugkörpers vorzunehmen. Ein solcher Vorgang wurde, um in der Raumfahrttechnologie zu bleiben, von Hesekiel beobachtet und beschrieben. Lesen wir bei Hesekiel nach,  und zwar in Kapitel 10 (8).

Foto 5: Gottvater
über den mysteriösen »Hesekielrädern«
(16. Jahrhundert)

Vers 6: »Und als er dem Mann in dem leinenen Gewand geboten hatte: ›Nimm von dem Feuer zwischen dem Räderwerk zwischen den Cherubim‹, ging dieser hinein und trat neben das Rad.
Vers 7: Und der Cherub streckte seine Hand aus der Mitte der Cherubim hin zum Feuer, das zwischen den Cherubim war, nahm davon und gab es dem Mann in dem leinenen Gewand in die Hände; der empfing es und ging hinaus.
Vers 8: Und es erschien an den Cherubim etwas wie eines Menschen Hand unter ihren Flügeln.«

Wir müssen uns vor Augen führen, dass dem biblischen Hesekiel Raumfahrttechnik völlig fremd war. Er konnte allenfalls versuchen, Vorgänge, die er nicht zu verstehen in der Lage war, so gut wie möglich zu beschreiben. Nach Josef Blumrich, den ich wiederholt zu seinem »Hesekiel-Buch« befragen konnte,  näherte sich ein Mann in Schutzkleidung (»in Leinen gekleidet«) dem atomaren Hauptantrieb. Ein Element wurde – offensichtlich mit Hilfe eines mechanischen Greifarms entnommen (»etwas wie eines Menschen Hand«). NASA-Ingenieur Blumrich (9): »Über die brennende Frage nach dem, was sich hier tatsächlich ereignete, kann man immerhin einige Vermutungen anstellen. Vom technischen Standpunkt aus gesehen, ist als einziges sicher, dass ein heißes Element entfernt wurde. Ob dieses ›heiß‹ rein thermisch war oder auch radioaktive Strahlung enthielt, ist unklar.«

Foto 6: Verbotene Texte bei Hesekiel.

Im Gespräch erläuterte mir Josef Blumrich, dass seiner Überzeugung nach womöglich ein radioaktiv strahlendes Element ausgebaut wurde. »Der ›Kommandant« war sich über die Gefährlichkeit des Eingriffs bewusst. Deshalb erteilte er aus der Distanz seine Befehle.«

Theologen können mit Hesekiels »Visionen« seiner Begegnungen mit dem Höchsten nicht wirklich etwas anfangen. Josef Blumrich und Hans Herbert Beier wagen eine ganz andere Interpretation: Ihrer Überzeugung nach war die »Herrlichkeit des Herrn« ein Raumschiff, das sowohl einen atomar betriebenen Raketenantrieb als auch Helikopter-Einheiten nutzen konnte. Blumrich und Beier untersuchten den biblischen Hesekiel mit »Raumfahrerbrille« und kamen dank ihres Ingenieurwissens zu Ergebnissen, die selbst der fleißigste Theologe nicht erreichen kann.

In seiner Bibelübersetzung von 1545 stellte Martin Luther dem Propheten Hesekiel eine »Newe Vorrede« (»Neue Vorrede«) voran. Da heißt es: »S(ankt) Hieronymus und andere mehr schreiben/ Das bey den Jüden verboten gewest/ und noch sey/das forderst vnd hinderst teil im Propheten Hesekiel zu lesen/ ehe denn ein Man dreissig jar alt werde.« Mit anderen Worten: Nur Männer ab 30 durften den vorderen und den hinteren Teil der seltsamen Texte Hesekiels über seine Sichtungen des göttlichen Himmelswagens lesen.

Dann lässt Luther seinem Antisemitismus freien Lauf. Eines solchen Verbots bedürfe es bei den »Jueden« ja sowieso nicht, bliebe doch den »Jueden« die »Heilige Schrift« sowieso verschlossen. Die Juden würden, so Luther, die Schrift mit ihren Auslegungen zerreißen und zermartern wie unflätige Säue einen Lustgarten zerwühlen.

Foto 7: Verbotene Hesekielvisionen.

Auch in der Bibelausgabe des Johannes Endter, im Jahre MDCCLXV (1765) in Nürnberg erschienen, werden dem »Propheten Hesekiel« diese Anmerkungen Luthers vorangestellt: »Sanct Hieronymus und andere mehr schreiben, daß bei den Jueden verboten gewesen, und noch so sey, das voerderste und hinderste Theil vom Propheten Hesekiel zu lesen, ehe denn ein Mann dreyssig Jahr alt werde.« (»Sankt Hieronymus und andere mehr schreiben, dass es bei den Juden verboten gewesen sei und noch ist, den vordersten und den hintersten Teil vom Propheten Hesekiel zu lesen, ehe denn ein Mann dreißig Jahre alt werde.«)

Foto 8: Die beiden Bücher von Blumrich und Beier
über Hesekiel.

Auch hier ist vom Unvermögen der Juden die Rede, die Schrift zu verstehen. Auch hier heißt es, dass ein Verbot für Juden, bestimmte Texte der Schrift zu lesen, überflüssig sei, weil die ganze Heilige Schrift den ungläubigen Juden verswiegelt und verschlossen sei. Auch hier werden die Juden mit »unflaetigen Säuen« verglichen, die die Schrift sowieso nicht verstünden und wie unflätige Säue »einen Lustgarten zerwuehlen und umkeren«.

Erstaunlich ist, dass Luther keineswegs seine Interpretation als die allein gültige ausgibt: »Das Gesicht aber Hesekiels, im ersten Theil, ist nichts anders, meines Verstands (ein anderer mache es besser) denn eine Offenbarung des Reichs Christi, im Glauben auf Erden, in allen vier Orten der ganzen Welt. … Aber Alle Stücke zu deuten, ist zu lang in einer Vorrede. Kurz zu sagen, diß Gesicht ist der geistliche Wagen Christi, darauf er faehret hie in der Welt, das ist seine ganze heilige Christenheit.«

Nach Luther ist das Gesicht, die Vision Hesekiels, nichts anderes »denn eine Offenbarung des Reiches Christi auf Erden«. Hesekiel beschreibt, so Luther eine Zukunftsvision: den »geistlichen Wagen Christi, darauf er faehret hie in der Welt«. Luther schränkt aber, ungewöhnlich selbstkritisch und unsicher für den Reformator, ein: so verstehe er den Text, ein anderer mache es besser.

Wer aber macht es besser? Josef Blumrich und Hans Herbert Beier? Auch die Interpretation der Hesekielbeschreibungen als Zukunftsvision schließen eine raumfahrttechnische Sicht keineswegs aus. Fasste Hesekiel in Worte, was er real sah? Oder schilderte er eine Vision künftiger Raumfahrttechnologie?

Meine Meinung: Hesekiels Staunen über das merkwürdige Flugobjekt, seine Beteuerungen, dass das Beschriebene wahr sei, wird im Hebräischen durch »Verdoppelung« zum Ausdruck gebracht: »Und ich sah, und siehe« steht für »ich sah ganz gewiss!«. Sein Staunen, sein Entsetzen, all das ist nur im Hebräischen wirklich erkennbar. Die Übersetzungen sind eigentlich alle bereits Interpretationen und Andeutungen.



Fußnoten
(1) Hesekiel, Kapitel 40, Vers 5, zitiert nach der Luther-Bibel von 2017.
(2) Hesekiel, Kapitel 40, Vers 5, zitiert nach der »Zürcher«.
(3) Hesekiel, Kapitel 40, Vers 5, zitiert nach der »Schlachter 2000«
(4) Hesekiel, Kapitel 40, Vers 2, zitiert nach der Luther-Bibel von 2017
(5) Hesekiel Kapitel 47, Vers 8, zitiert nach der Luther-Bibel von 2017
(6) Blumrich, Josef F.: »The Spaceships of Ezekiel«, New York, Februar 1974
Blumrich, Josef F.: »Da tat sich der Himmel auf/ Die Raumschiffe des Propheten Ezechiel und ihre Bestätigung durch modernste Technik«, Düsseldorf und Wien, März 1973
(7) Beier, Hans Herbert: »Kronzeuge Ezechiel/ Sein Bericht – sein Tempel – seine Raumschiffe«, München 1985
(8) Zitiert nach der Luther-Bibel von 2017
(9) Blumrich, Josef F.: »Da tat sich der Himmel auf/ Die Raumschiffe des Propheten Ezechiel und ihre Bestätigung durch modernste Technik«, Düsseldorf und Wien, März 1973, Seite 129, Zeilen 15-20 von oben
(10) Hesekiel, Kapitel 10, Vers 1 in der »Luther Bibel« 2017: »Und ich sah, und siehe, an der Himmelsfeste über dem Haupt der Cherubim glänzte es wie ein Saphir, und über ihnen war etwas zu sehen wie ein Thron.«

Zu den Fotos
Foto 1: Prophet Hesekiel auf einer alten Ikone. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Hesekiels seltsame Beschreibung in der Piscator Bibel (1684). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Hesekiels Zubringerraumschiff im Querschnitt nach Blumrich. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Hesekiels »Vision« in einer Bibelillustration (16. Jahrhundert). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Gottvater über den mysteriösen »Hesekielrädern« (16. Jahrhundert). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Verbotene Texte bei Hesekiel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Verbotene Hesekielvisionen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Die beiden Bücher von Blumrich und Beier über Hesekiel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Bibelillustration zur Vision des Hesekiel. 16. Jahrhundert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein


Foto 9: Bibelillustration zur Vision des Hesekiel.


537. »Sechzig Myriaden Meilen und fünfhundert Jahresreisen höher«,
Teil 537 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 03. Mai 2020


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Sonntag, 30. November 2014

254 »Ein Menschenfresser und Maria«

»Ein Panoptikum des Schreckens – in der Kirche – Teil 3«

Teil 254 der Serie

»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein



Das Münster zu Hameln. Foto W-J.Langbein

Das Münster zu Hameln kann als Modell eines mythischen Universums gesehen werden. Die Krypta stellt die Unterwelt dar, der Innenraum des Gotteshauses steht für die Welt der Lebenden und die hohen steinernen Säulen tragen das Himmelsgewölbe. Fast identisch war die Vorstellungswelt der Mayas. Die Wurzeln des Ceiba-Baums sind ein Abbild der Unterwelt, die hohen schlanken Stämme versinnbildlichen die Welt von uns Lebenden und die Krone wird mit dem Himmel gleichgesetzt. Diese drei »Etagen« finden wir auch im Münster zu Hameln.

Die Krypta von Hameln. Foto W-J.Langbein

Die Krypta – Unterwelt – wird von so manchem Besucher des Gotteshauses aufgesucht. Die zweite »Etage« wird von zahllosen Besuchern aus aller Herren Länder langsam oder hastig durchschritten. Kaum einer freilich bringt die Krypta mit der Unterwelt oder gar mit der Hölle in Verbindung.

Dabei gibt es auch zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus im »christlichen Abendland« nach wie vor die Vorstellung von der »Hölle«. Man denkt an einen nach Schwefel stinkenden Ort, wo gewaltige Feuer lodern und arme Seelen für ihre Sünden büßen müssen. »Das Handbuch der Bibelkunde« vermeldet (1):

»Die Hölle unseres Begriffs hat im biblischen Sprachgebrauch keine genaue Entsprechung:« Und doch hat es einen realen Ort im Land der Bibel gegeben, der unserer Vorstellung vordergründig zumindest nahe kommt. Um 800 v.Chr. gab es diese »Hölle« im Südwesten Jerusalems.


Im Gehenna-Tal wurden dem assyrischen Gott Moloch (links) Opfer dargebracht. Dann und wann sollen sogar Menschen verbrannt worden sein, um ihn gnädig zu stimmen. Den Jahweanhängern war jene Stätte ein Ort des Grauens. Vermutlich störte sie die Tatsache, dass dort gelegentlich Menschen ihr Leben ließen, nicht sonderlich. Dass aber dort einem fremden König gehuldigt wurde, missfiel ihnen sehr. Deshalb ließ König Josias um 625 v.Chr. das Tal entweihen. Weil es den Anhängern eines fremden Glaubens heilig war, ließ er es in eine stinkende Abfalldeponie verwandeln. Berge von Knochen wurden aufgehäuft und verbrannt. Müll wurde angekarrt und ebenfalls angezündet. Schwefel wurde beigefügt, um die Feuersglut Tag und Nacht nie verlöschen zu lassen. Es entstand ein Ort, der unserer Vorstellung von Hölle recht nahe kommt.

Aus der fremden Kultstätte war ein stinkendes Abfallfeuer geworden. Der Prophet Jesaja nun dachte an die Zukunft. Dort würden jene Juden, die nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes lebten, ihre gerechte Strafe erhalten: im »Glutofen« (2) des Gehenna-Tals. Hier würden dann die vom rechten Glauben abgefallenen Juden auf ewige Zeiten brennen (3):

»Und sie werden hinausgehen und schauen die Leichname derer, die von mir abtrünnig waren. Denn ihr Wurm wird nicht sterben, und ihr Feuer wird nicht verlöschen, und sie werden allem Fleisch ein Gräuel sein.«

Die Hölle ist nach unserer Vorstellung der Wohnort der Teufel, die die Sünder peinigen und quälen. Unsere Hölle ist die Heimat bösartiger Dämonen. Die biblische Gehenna-Hölle ist ein Ort, an dem Gott strafen wird: Und zwar ausschließlich vom Glauben abgefallene »Gottlose«. Teufel sind da nicht vorgesehen.

Der Moloch von Hameln. Foto W-J.Langbein

Durch den griechischen Einfluss auf das »Neue Testament« kam es zu einer Helenisierung des Begriffs »Hölle«.  Offensichtlich entwickelte sich das Bild vom künftigen Ort des Gerichts zu einem »Warteraum« für Tote, in welchem Verstorbene auf die himmlische Justiz warten. Bei Lukas lesen wir (4): »Als er nun (der Reiche) bei den Toten war, hob er seine Augen in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß.« So kommt zum heißen Ort der Qualen im »Neuen Testament« noch eine Art »Himmel« hinzu.

Jesaja weiß nur von einer stinkenden Hölle (5): »Denn vorlängst ist eine Gräuelstätte zugerichtet; auch für den König ist sie bereitet. Tief, weit hat er sie gemacht, ihr Holzstoß hat Feuer und Holz in Menge; wie ein Schwefelstrom setzt der Hauch des Herrn ihn in Brand.« Der »Schwefelstrom« blieb im Volksglauben bis in unsere Zeiten erhalten: Gilt doch nach wie vor bei vielen Gläubigen die Hölle als nach Schwefel stinkender Ort des Grauens. Und der Teufel selbst, Herr der Unterwelt mit vielen Namen, soll ja einen intensiven Schwefelgestank verbreiten!

Menschenfresser Moloch.
Im »Alten Testament« kommt ein Himmel, so wie wir ihn uns heute vorstellen, nicht vor. Das »Alte Testament« kennt lediglich die Himmel als das Firmament, das sich über den Menschen wölbt.

Der modernisierte Terminus »Gehenna« imitiert lautsprachlich das aramäische »Gehanna« und entspricht dem hebräischen »Ge Hinnom«. »Ge Hinnom«  lässt sich das mit »Sohn von Hinnom« übersetzen. Das »Gehenna-Tal« war demnach das »Tal des Sohns von Hinnom« oder – zutreffender –  »Schlucht des Sohns von Hinnom«. Vom stinkenden Höllenschlund zum Teufelsberg. Östlich von Jerusalem wurden auf einem Berg dem Moloch kleine Kinder geopfert (6):

»So sollst du dem Herrn, deinem Gott, nicht dienen; denn sie haben ihren Göttern alles getan, was dem Herrn ein Gräuel ist und was er hasst; denn sie haben ihren Göttern sogar ihre Söhne und Töchter mit Feuer verbrannt.« Es gibt keinen Zweifel, dass da auf grausame Weise dem Gott Moloch gehuldigt wurde: indem Kinder bei lebendigem Leib verbrannt wurden. Hinter dem Namen Moloch verbirgt sich das hebräische Wort für König. Sollte also ein König der Hölle gemeint sein? Oder war er gar ursprünglich ein Bewohner des Himmels, der zum menschenfressenden Monster mutierte? In der Kunst wurde Moloch immer wieder gern als kinderverschlingendes Ungetüm gezeigt. Nur wenige Besucher des Münsters zu Hameln wissen, dass hoch oben auf einer der Säulen Moloch höchstselbst dargestellt sein könnte.

Moloch frisst ein Kind. Fotos W-J.Langbein

Die Säulenkapitelle erlauben den Blick in eine zum Teil albtraumhafte Welt des Grauens. Spärlich beleuchtet scheinen sich die in Stein gemeißelten Abbildungen zu verändern, zu bewegen. Aus  kunstvoll gearbeiteter Ornamentik formieren sich plötzlich Monsterwesen. Da sind zwei schlangenartige, hoch aufgerichtete Kreaturen. Beide blicken zueinander, das heißt…. auf ein Wesen in ihrer Mitte. Ich halte die rätselhafte Darstellung für ein Bildnis des Menschenfressers Moloch.

Spinnweben erinnern an das Ambiente eines Horrorfilms mit Vincent Price. Pflanzenartig wuchern die zwei hässlichen Geschöpfe, deren Augen und Mäuler immer klarer zu erkennen sind, je genauer man hinschaut. Nach und nach gewöhnt sich das menschliche Auge an die ungünstigen Lichtverhältnisse. Nach und nach tritt »mein« Moloch hervor. Durch das lichtstarke 400-Millimeter-Objektiv meiner Kamera erkenne ich Details. Moloch starrt in Richtung Betrachter. Mit festem Griff hat er ein Kind gepackt, sein Kopf hängt nach unten, die Beine sind anscheinend schon im Maul des gefräßigen Kannibalen verschwunden. Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis das arme Geschöpf vollständig im Rachen des Moloch verschwunden sein wird!

Erkennen Sie die mysteriöse Muttergottes? Foto W-J.Langbein

Wenn Ihnen der Moloch zu düster ist, suchen Sie am besten die Darstellung der Gottesmutter. Sie finden sie am südlichen Mittelschiffpfeiler, Nordostecke, entstanden vor etwa 800 Jahren! Es handelt sich um eine rätselhafte Maria mit Lichtscheibe. Hoch oben an einem der Säulenkapitelle – in Gesellschaft von Moloch, Sauriern und anderen mysteriösen Wesen – blickt die Muttergottes auf den Kreuzaltar…

Maria mit der »Lichtscheibe«. Foto W-J.Langbein

Die biblischen Bilder – auch jene von Hölle und Himmel – sind das Ergebnis einer Entwicklung über viele Jahrhunderte hinweg, die vielleicht niemals abgeschlossen ist. Die christlichen Glaubensvorstellungen – etwa von Hölle und Himmel – sind nicht als fertige Gedanken übernommen worden. Sie haben sich nach Beendigung der Arbeit an den biblischen Texten nach und nach entwickelt. Das zeigt, dass Glaube sich seit mehr als zwei Jahrtausenden verändert. Diese Erkenntnis gibt zu Hoffnung Anlass: Auch heute und morgen wird sich Glauben ändern. Nur dann kann er langfristig dem suchenden Menschen Hilfe bieten.

Menschenfressende Monster sollten in keiner Religion mehr zu finden sein. Es gibt sie auch nicht mehr, diese schrecklichen Wesen. Sie sind überflüssig geworden, weil fundamentalistische Fanatiker mit zunehmender Begeisterung die Rolle des mordenden Molochs übernehmen. Sie tun das mit religiöser Inbrunst, wollen den Weg ins Paradies antreten. Sie erreichen aber, dass schon im Hier und Jetzt die Welt zur Hölle wird. Als Teufel bewähren sich dann fanatische Menschen.

Ein Glaube, der einmal stehen bleibt, ist ein Auslaufmodell und verschwindet irgendwann in der Versenkung der Bedeutungslosigkeit. Aber sind die Vertreter der heutigen großen Religionen überhaupt dazu bereit, Glaubenslehren der aktuellen Zeit anzupassen? In einer Zeit der moralischen wie religiösen Ungewissheit droht eine große Gefahr, nämlich dass Fundamentalisten immer mehr Zulauf gewinnen. Warum? Weil immer mehr Menschen Zweifel nicht ertragen können und begeistert jenen folgen, die möglichst lautstark ganz präzise postulieren, was angeblich Gott von uns Menschen fordert.

Fußnoten

Der Ceibabaum der Mayas. Foto W-J. Langbein
 
1) Mertens, Heinrich A.: »Handbuch der Bibelkunde«, 

Düsseldorf  1966, Seite 336
2) Der Prophet Jesaja Kapitel 31, Vers 9
3) Der Prophet Jesaja Kapitel 66, Vers 24
4) Das Evangelium nach Lukas Kapitel 16, Vers 23
5) Jesaja Kapitel 30, Vers 33
6) 5. Buch Mose Kapitel 12, Vers 31

»Ketzerisches von einem Theologen«,

Teil 255 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 07.12.2014
 



Fußnoten

1) Mertens, Heinrich A.: »Handbuch der Bibelkunde«, Düsseldorf  1966, Seite 336
2) Der Prophet Jesaja Kapitel 31, Vers 9
3) Der Prophet Jesaja Kapitel 66, Vers 24
4) Das Evangelium nach Lukas Kapitel 16, Vers 23
5) Jesaja Kapitel 30, Vers 33
6) 5. Buch Mose Kapitel 12, Vers 31


Teil 255 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 07.12.2014

 


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