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Samstag, 26. Dezember 2020

571. »Jung und schön, wie eine Königin«

Teil 571 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Elise Gleichmann hat uns eine mysteriöse Sage überliefert: Zur Johannisnacht öffnet eine wunderschöne »Ährenkönigin« mit Hilfe von jeweils einer Lilie eine Art Tor im Fels, ein Schloss erscheint, sie schließt das Schlosstor und dann eine Tür zum Schloss auf. Kaum ist sie im Schloss verschwunden, verschwindet auch das Tor im Fels. Eine »goldene Ähre« bleibt zurück. Die Funktion der »goldenen Ähre« bleibt unklar.

Foto 1: Elise Gleichmann,
zeitgenössisches Porträt

Neben Elise Gleichmann hielt auch der Heimatforscher und Schriftsteller Hans Seiffert (* 1894; † 1968) die Sage von der Ährenkönigin fest (2). Natürlich sind beide Versionen nicht Wort für Wort identisch. Sie wurden von Menschen unabhängig voneinander mündlich weiter gereicht. So entstanden zwangsläufig voneinander abweichende Variationen, die aber in den wesentlichen Aussagen übereinstimmen. Auch wenn die verschiedenen Varianten unabhängig voneinander weitererzählt und Unterschiede womöglich verstärkt wurden, so bleibt doch die Sage in ihren wichtigen Kernaussagen erhalten. In der Version von Hans Seifert der Sage von der »Ährenkönigin« heißt es ausdrücklich, dass der junge Mann nach seiner ersten Begegnung mit dem Unfassbaren die »goldene Ähre« an sich nahm (3):

»Als die Königin verschwunden war, fiel das Felsentor wieder zu. Alles war wie zuvor, feierlich und still. Jetzt erst betrat der junge Mann den Waldsteig und wanderte den Weg, den zuvor die Aehrenkönigin gegangen war. Dort, wo die Farne standen, lag eine goldene Aehre. Rasch hob er sie auf und barg sie in seinem Gewand.« Ein Jahr später, so lesen wir bei Seifert, geschah es wieder in der Johannisnacht. Da hatte der junge Mann die »goldene Ähre« wieder dabei. Er hatte die »goldene Ähre« in der Hand (4).

Bei Gleichmann wird beim ersten Erlebnis des jungen Mannes bei der Burg nicht erwähnt, dass er die »goldene Ähre« an sich genommen hat. Wir müssen aber davon ausgehen, dass er das getan hat. Heißt es doch in der Version der Sage bei Gleichmann, dass der junge Mann, bevor er sich ein Jahr später, erneut in der Johannisnacht, zur Burg aufmachte, seinen Angehörigen eine Nachricht hinterlassen hat (5):

»Er lebte bis dahin wie im Traum und schrieb am letzten Tage einen Zettel an seine Angehörigen, worauf er bemerkte, daß er entweder der glücklichste der Menschen werden würde, oder überhaupt nicht mehr leben werde. Er wolle zur Nordeck hinauf, wo das Glück auf ihn warte. Wenn er nicht wiederkehre, solle man das versiegelte Papier in seinem Koffer öffnen und lesen; die darin befindliche Ähre erkläre alles. Diese Worte waren die letzten Lebenszeichen des jungen Mannes. Er blieb verschollen. Nie mehr kehrte er zurück.«

Foto 2: »Die Aehrenkönigin« (1952)
von Hans Seiffert

Nach der Gleichmann-Version muss der junge Mann bei seinem ersten Erlebnis bei der Burgruine die goldene Ähre aufgehoben haben, nachdem die Ährenkönigin verschwunden war. Sonst hätte der junge Mann die seltsame Ähre nicht in seinem Koffer für seine Anverwandten hinterlassen können. So stellt sich die Frage nach der Funktion der »goldenen Ähre«. Und wer oder was war die »Ährenkönigin«? Bei Seifert lesen wir folgende kurze Beschreibung (6):

»Jung und schön, wie eine Königin, schritt sie daher, auf dem Kopfe trug sie ein zierliches Aehrenkrönchen… « Die »Aehrenkönigin«, so lesen wir bei Hans Seiffert, berührt den Felsen mit einer der Lilien. Schon »tat sich ein Felsentor auf«. Genau ein Jahr nach dem ersten wundersamen Geschehen ist der junge Mann wieder am gleichen Ort (7):

»Da – an der gleichen Stelle wie im Vorjahre sah er die Lilien stehen. Er pflückte sie mit zitternder Hand; schritt damit zum Felsen und öffnete ihn. Da hörte er wieder jenes wundersame Lied. Wie im Träume ging er weiter und weiter …. , die Aehrenkönigin erwartete ihn am Schloßtor und führte ihn in ihr Reich, aus dem er nie mehr zurückkam.«

Foto 3: Hier soll der Sage nach
die Ährenkönigin erschienen
sein.

Man erkennt ohne Zweifel in der »Ährenkönigin« – sie lebt in einem Schloss hinter einem Felsentor – eine Erdgöttin oder Naturgöttin in der Umschreibung einer Sage wieder. Die »Ährenkönigin« geht, nach meinen umfangreichen Studien in Sachen »Göttin« ist das so, zurück auf die »große schöpferische Erdmutter«, auf die »Göttin der Fruchtbarkeit und der Getreideernte«, auf die »Göttin von Geburt und Tod« und auf die »Königin der Ernte«. Den sexuellen Aspekt verschweigt die Sage von der »Ährenkönigin« im christlichen Umfeld diskret.

Ihre Urahnin hat womöglich schon in Mesopotamien geherrscht. In Ägypten hatte sie eine mächtige Verwandte: Baba. In Russland verkam sie zu Baba-Yaga, mehr Mütterchen als Göttin. Im Slawischen spukt sie als hübsche Waldfrau umher. Mich wundert es nicht, dass sie Teil einer »Göttinnentriade« ist. Baba Jaga wird auch als das dritte Mitglied einer dreifaltigen Göttin verehrt. Diese Dreifaltigkeit besteht aus der Jungfrau, der Mutter und dem alten Weib. Die Dreifaltigkeit ist für Tod und Wiedergeburt zuständig. In manchen Erzählungen lebt sie mit zwei Schwestern zusammen, die den gleichen Namen tragen. Diese Dreifaltigkeit ergibt die vollständige Göttin: Jungfrau, Mutter und altes Weib.

Vorsicht: Entfernen wir uns gedanklich etwas weit von der »Ährenkönigin«? Nach Sir James George Frazer (*1854; † 1941), einem schottischen Ethnologen und Philologen, darf man die »Ährenkönigin« als »Kornmutter« verstehen. Sir Frazer schreibt (8): »Europäische Völker der Antike und der neueren Zeit sehen mit der Personifizierung des Korns als mütterliche Göttin nicht vereinzelt da. Derselbe einfache Gedanke ist auch ackerbautreibenen Rassen in fernen Weltteilen geläufig und von ihnen auch auf andere Getreidesorten als Gerste und Weizen angewendet worden. Wenn Europa seine Weizen- und Getreidemutter hat, so kennt Amerika eine Maismutter und Ostindien seine Reismutter.«

Die »Getreidemutter« darf mit dem »Vegetationsgeist« (9) identifiziert werden. Der Vegetationsgeist, so Frazier, werde häufig im Frühjahr durch eine Königin dargestellt. In Bulgarien fertigten die Bauern eine Frauengestalt aus Getreidegarben an, steckten sie in Frauenkleidung und trugen das verehrte Wesen ehrfürchtig um ihr Dorf herum. Genannt wurde die Getreidepuppe »Kornmutter« oder »Kornkönigin« (10). In Schweden – um ein weiteres Beispiel aus einer wahren Flut von Sagen und Bräuchen zu zitieren – wurde in manchen Gegenden der »Kornfrau« eine »Ährenkrone« aufgesetzt (11).

Die »Ährenkönigin« der oberfränkischen Sagenwelt kommt aus ihrem Schloss und wartet auf den jungen Mann. Den holt sich die Königin in ihr Schloss hinter dem mysteriösen Felsentor.

Andrea Senf, Dozentin bei der »Volkshochschule Kulmbach« und der »Schreibstube Franken« ist die wahrscheinlich beste Kennerin von Elisa Gleichmanns Werk. Andrea Senf ist es zu verdanken, dass die von Elise Gleichmann gesammelten fränkischen Sagen nicht in Vergessenheit geraten. So hat sie das wichtige Werk »Billmesschnitzer und Hulzfraala/ Fränkische Sagensammlung von Elise Gleichmann« herausgegeben (12). Ausgangspunkt für das wichtige Sagenbuch waren die handschriftlichen Aufzeichnungen von Elise Gleichmann, die zum Teil mühsam entziffert werden mussten. Der Aufwand hat sich wirklich gelohnt.


Foto 4: »Billmesschnitzer und Hulzfraala/
Fränkische Sagensammlung
von Elise Gleichmann« herausgegeben
von Andrea Senf

Mir scheint, dass in der Sage von der »Ährenkönigin« der jahrtausendealte Kult der »Heiligen Hochzeit« angedeutet wird. In der ältesten Form der »Heiligen Hochzeit« werden eine göttliche Himmelskönigin und ein irdischer Mann zum Paar. Nach dem Vollzug der »Heiligen Hochzeit« stirbt der Bräutigam, wird dann aber von der »Himmelskönigin« wieder aus dem Totenreich in die Welt der Lebenden zurück geholt. Diese magische Handlung hatte Jahr für Jahr ein lebenswichtiges, lebensrettendes Ziel: Die Natur stirbt jedes Jahr, sei es im Winter, sei es in der Trockenzeit. Alles Leben ist bedroht. Werden Pflanzen sterben, Tiere und Menschen verhungern? Steht das Ende alles Lebenden bevor?

Damit das Leben weiter fortbestehen kann, muss die Natur nach der Trockenzeit oder nach dem Winter wieder aus der Todesstarre geholt werden. So steigt dann die »Himmelskönigin« ins Totenreich und holt den Bräutigam wieder zurück ins Leben und zelebriert die Wiederbelebung der Natur. Die Natur erwacht zu neuem Leben.

Bei der Zeremonie de »heiligen Vermählung«, die alljährlich wiederholt wurde,  verkörperten Menschen die »Himmelsgöttin« und den »Himmelsgott«, da die überirdischen Originale offenbar derartigen rituellen Feierlichkeiten fernzubleiben pflegten. Manchmal übernahm ein »priesterlicher König« den Part des göttlichen Bräutigams. Für die Menschen freilich wurden offenbar die agierende Frau zur Himmelsgöttin und der mitwirkende männliche Mensch zum »Himmelsgott«. Mit dem Aufkommen des Patriarchats wird die »Heilige Hochzeit« beibehalten, aber die Himmelskönigin wird durch einen Himmelskönig ersetzt. Zeus, der Himmelsgott, paart sich dann im »Heiligen Akt« mit der göttlichen Hera. Wir erinnern uns: Milch der Hera fällt auf fruchtbaren Boden und Lilien sprießen, die Blumen, die das Felsentor, das Schlosstor und die Schlosstür öffneten.

Wichtige Facebook-Links
»Elise Gleichmann/ Gesellschafts- und Kultur-Website«: https://www.facebook.com/Elise-Gleichmann-2385859241487954
»Schreibstube Franken – Andrea Senf«: https://schreibstube-franken.jimdo.com/ (Stand 11.09.2020)

Fußnoten
(1) »Die Ährenkönigin« in »Von Geistern umwittert – Oberfränkische Volkssagen gesammelt und nacherzählt von Elise Gleichmann, gesichtet und gedeutet von Peter Schneider«, Lichtenfels 1927, Seiten 191-193 (Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(2) Seiffert, Hans: »Die Aehrenkönigin« in »Die Aehrenkönigin«, 2. Auflage, Helmbrechts/ Obfr. 1952, Seiten 33+34. (Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(3) Ebenda, Zeilen 17-21 von oben. (Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(4) Ebenda, 9. Zeile von unten. (Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(5) »Die Ährenkönigin« in »Von Geistern umwittert – Oberfränkische Volkssagen gesammelt und nacherzählt von Elise Gleichmann, gesichtet und gedeutet von Peter Schneider«, Lichtenfels 1927, Seite 192, 4. Zeile von unten bis Seite 193, 6. Zeile von oben. (Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(6) Seiffert, Hans: »Die Aehrenkönigin« in »Die Aehrenkönigin«, 2. Auflage, Helmbrechts/ Obfr. 1952,, Seite 34, Zeilen 7 und 8 von oben. (Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(7) Ebenda, 6.-1. Zeile von unten. (Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(8) Frazer, Sir James George: »Der Goldene Zweig/ Das Geheimnis von Glauben und Sitten der Völker«, Leipzig 1928, S. 600
(9) Ebenda, S. 191, 29.-21. Zeile von unten
(10) Ebenda, S. 590, 10.-12. Zeile von oben
(11) Ebenda, S. 591, 17.-19. Zeile von oben
(12) Senf, Andrea: »Billmesschnitzer und Hulzfraala/ Fränkische Sagensammlung von Elise Gleichmann«, Kulmbach 2019

Zu den Fotos
Foto 1: Elise Gleichmann, zeitgenössisches Porträt. Quelle: Coverfoto von Senf, Andrea (Herausgeberin): »Billmesschnitzer und Hulzfraala/ Fränkische Sagensammlung von Elise Gleichmann«, Kulmbach 2019
Foto 2: »Die Aehrenkönigin von Hans Seiffert«. Siehe Fußnote 2!
Foto 3: Hier soll der Sage nach die »Ährenkönigin« erschienen sein. Foto Buchcover von
»Die Aehrenkönigin von Hans Seiffert«. Siehe Fußnote 2!
Foto 4: »Billmesschnitzer und Hulzfraala/ Fränkische Sagensammlung von Elise Gleichmann« herausgegeben von Andrea Senf.

572. »Burgruinen und Sagenwelten«,
Teil 572 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 03. Januar 2021

Sonntag, 12. Juni 2016

334 »Halloween und der Mord an John F. Kennedy«

Teil 334 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Halloween 1963
Es wird langsam Abend. Dunkelheit legt sich über die Straßen. Nach und nach tauchen grimmige Rundköpfe vor Türen und Fenstern auf. Und Horden von Monstern und Tierwesen erobern nach und nach Stevensville, ein kleines Dörfchen am Michigansee. Stockdunkel ist es, doch die Fratzen der Ballonköpfe sind deutlich zu erkennen.

Manche Menschen haben ihre Jalousien herabgelassen, alle Lichter im Haus gelöscht, Türen und Fenster geschlossen. Es klingelt immer wieder Sturm, aber sie reagieren nicht. Manche sind bewusst und gezielt verreist. Andere schreien durch die geschlossenen Türen, die ungebetenen Besucher mögen abhauen. Andere wieder warten hoffnungsvoll, öffnen bereitwillig. Vor ihnen stehen Kinder, als Monster oder Tiere kostümiert. Viele sind nur fantasievoll geschminkt. Alle sind aufs Gleiche aus. Alle haben es sehr eilig, denn die Konkurrenz ist groß. Je schneller man unterwegs ist, desto mehr Beute kann man einsacken.

Wir schreiben den 31. Oktober 1963. Es ist Halloween. Ich bin mit meinem Bruder und einer Gruppe anderer Kinder unterwegs. Wir eilen von Haus zu Haus, klingeln wie wild. Endlich öffnet jemand. Wir schreien »Trick o‘ treat«, was sich am ehesten mit »Scherz oder Süßes« übersetzen lässt, halten Tüten und Beutel hin, nehmen Naschereien entgegen. Schon geht es weiter. Es muss schnell gehen. Viele Kinder sind unterwegs. Wer keine Süßigkeiten herausrückt, wird »bestraft«. Wir haben Zahnpastatuben dabei. Damit beschmieren wir die Türen jener, die uns unverrichteter Dinge wieder abziehen lassen.

Foto 2: Martin Luther
So lernte ich anno 1963, am 31. Oktober, als Neunjähriger, Halloween kennen. Heute über ein halbes Jahrhundert später, ist »Halloween« auch in Deutschland angekommen, wenn auch nicht überall beliebt. Manche Kritiker wenden ein: »Müssen wir denn jeden Quatsch aus Amerika übernehmen?« In der Tat: »Halloween« kommt aus den Staaten, aber – zurück. »Halloween« hat seinen Ursprung in Europa!

Der Name »Halloween« lässt sich auf »All Hallows‘ Eve« zurückführen. Damit ist der Abend vor Allerheiligen gemeint. Auf das christliche Hochfest »Allerheiligen« (1.November) folgt unmittelbar »Allerseelen« Zu »Allerseelen« gedenken die katholischen Christen ihrer Verstorbenen. 

Nach altem Kirchenglauben kann man für die Verblichenen Gutes tun, besonders für die armen Sünder, deren Seelen im Fegefeuer schmoren. Sünder, die keine Nachkommen haben, sind schlecht dran. Niemand kauft sie frei. Sie müssen bis zum Ende abbüßen. Die Ostkirchen maßen der Lehre vom Fegefeuer nie wirklich große Bedeutung zu, die Kirchen der Reformation haben sie abgeschafft, nur die römisch-katholische Kirche hält bis heute an ihr fest.

Foto 3: Menschen im Fegefeuer


In den  frühen 1970er Jahren erlebte ich als Student in Theologenkreisen der evangelisch-lutherischen Kirche heftige Diskussionen. Der katholischen Kirche gehe es doch nur um schnöden Mammon! Man verbreite Angst, mache den Gläubigen ein schlechtes Gewissen, indem man ihnen gern auf drastische Weise das Leiden und die Qualen ihrer dahingeschiedenen Verwandten im qualvollen Fegefeuer schildere. Dann sei man ja gern dazu bereit, es sich etwas kosten zu lassen, die Seelen lieber Toter vorzeitig aus dem Fegefeuer zu befreien. Natürlich hofft man dann auf ähnliche Hilfen durch die Nachkommenschaft, so man denn dereinst selbst im Fegefeuer schmachtet und leidet. Wie hieß es einst so schön? »Die Seele in den Himmel springt, wenn das Geld im Kasten klingt.«

Foto 4: Noch eine sehr alte Darstellung des Fegefeuers

Seit Jahren werde ich immer wieder gefragt, ob es denn zutreffe, dass der Vatikan das Fegefeuer abgeschafft habe. Manchmal gehe ich in Vorträgen auch auf das Fegefeuer ein, werde dann – nicht selten etwas grob –  »korrigiert«: »Sie sind schlecht informiert! Diesen Ort der Qual gibt es nach neuern Aussagen der katholischen Kirche gar nicht!«

Foto 5: Fegefeuer im Vorraum einer Kirche
Es gibt ihn nach katholischer Glaubenslehre nach wie vor. Abgeschafft wurde nicht das »purgatorium« (zu Deutsch »Reinigungsort«, volkstümlich »Fegefeuer«), sondern der sogenannte »limbus«. Der »limbus« war nach offizieller Lehrmeinung eine Art Warteraum. Die Seelen von ungetauften Babys wanderten nach dem vorzeitigen Tod der kleinen Wesen zunächst in den »limbus«, wo sie bis ans Ende der Zeit ausharren mussten. Nachdem der Vatikan den »limbus« für nicht existent erklärt hat, gelangen die unschuldigen Babyseelen sofort ins Paradies. Nach der mittelalterlichen Vorstellung harrten in diesem Wartezimmer auch jene guten Menschen, die vor Christi Geburt lebten.

Im 1992 veröffentlichten Katechismus der katholischen Kirche suchte man nach dem »limbus« bereits vergeblich. Kardinal Joseph Ratzinger hatte bereits vor seiner Wahl zum Papst (anno 2005) die Vorhölle als »nur eine theologische Hypothese« bezeichnet und empfohlen, den Glauben daran abzulehnen. Ein Gremium von Theologen unter Leitung des Erzbischofs von Dijon Roland Minnerath folgte diesem Ansinnen und erklärte den mittelalterlichen Glauben im Frühjahr 2007 für obsolet. Am 20. April 2007 verkündete Papst Benedikt XVI. das Ende des »limbus«.

Foto 6: Flugblatt in Sachen Luther-Thesen

Zurück zu den Diskussionen in Lutheranerkreisen. Zur Sprache kam auch das damals in Deutschland so gut wie unbekannte »Halloween«. Am 31. Oktober gedenkt man doch der lutherischen Reformation und des heldenhaften Martin Luther, der anno 1517 am Abend vor Allerheiligen seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt hat! Und zwar just zum Themenbereich »Ablass und Buße«. Inzwischen wird in der Wissenschaft die schöne Geschichte von den Thesen an der Kirchentür stark angezweifelt. Und wenn sie tatsächlich erfolgt sein sollte, hat damals die allgemeine Bevölkerung nichts davon mitbekommen. Nur ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung war des Lesens kundig. Und Laien verstanden mit Sicherheit nicht Luthers Ausführungen, denn die waren in Latein verfasst.

Mit Abscheu blickte man auf den »amerikanischen« Brauch »Halloween« herab, der womöglich das altehrwürdige Reformationsfest beschmutzen könne. Damals stand freilich »Halloween« noch nicht vor Deutschlands Türen. Erst anno 1978 kam der Film »Halloween – Die Nacht des Grauens« von John Carpenter bei uns in die Kinos. Das Horrorspektakel war so erfolgreich, das nach und nach eine ganze Filmreihe daraus wurde. Immer wieder wurde auf der Leinwand in der Halloweennacht gemetzelt und gemordet.

Foto 7: John F. Kennedy. Foto Walter Langbein sen.

Was bei meinen lutherischen Mit-Studenten besondere Empörung auslöste, das war der »heidnische Ursprung dieses bösen Spuks«, wie es ein Professor der Kirchengeschichte formulierte. Nicht bedacht hat der gelehrte Mann freilich, dass so manch‘ vermeintlich urchristliches Glaubensgut ersten Ranges heidnische Wurzeln hat. So geht die christliche Lehre der Dreifaltigkeit auf sehr viel ältere und heidnische Götter-, ja gar Göttinnen-Triaden zurück! Woher aber kommt der »Halloween«-Brauch? Hat er auch heidnische Wurzeln?

Der amerikanische Brauch, zum »Halloween«-Fest Kürbisse aufzustellen, geht auf altes Brauchtum in Irland zurück. Allerdings höhlte man da Rüben aus, schnitzte Gesichter hinein und beleuchtet die kleinen Kunstwerke von innen mit einer Kerze. Man stellte sie vor Häuser und Stallungen, um böse Geister abzuschrecken. Irische Auswanderer nahmen den Brauch mit in die USA. Man stieg allerdings von Rüben auf Kürbisse um. In den USA ist »Halloween« längst zum Gaudium ohne tieferen Hintergrund geworden. Evangelikale Christen lehnen entsetzt »Halloween« als okkultes Teufelswerk ab.

James Frazer erklärte, dass sich da (1) »ein altes heidnisches Totenfest unter dünner christlicher Hülle verbirgt«. Sein Opus »The Golden Bough« (»Der Goldene Zweig«) erschien 1906 bis 1915 in zwölf Bänden. Auch die altehrwürdige »Encyclopaedia Britannica« führt das christliche Allerheiligen auf ein heidnisches Halloween zurück. Das »Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens« erkennt ein keltisches Totenfest als Ursprung von »Allerheiligen«.  So verwirrend die vielfältigen Thesen auch sind, mir leuchtet am ehesten ein, dass die Kelten eine Rückkehr der Toten aus der Welt der Geister für möglich hielten, ja befürchteten. Zum Sommerende wurde das Vieh von den Weiden in die heimischen Ställe zurück geholt. Und die Totengeister machten sich auf den Weg zurück in ihre einstigen Heime. Wollten sie nur noch einmal sehen, wo sie zu Lebzeiten gehaust hatten, bevor sie in die jenseitige Welt schritten? Wollten sie nur beobachten? Wollten sie sich still verabschieden oder doch die »lieben Nachkommen« piesacken? Offenbar waren sie keine willkommenen Gäste.

Foto 8: Präsident John F. Kennedy. Foto W. Langbein sen.

Feuer auf Berggipfeln wurden entzündet (2), um  böse Totengeister zu vertreiben. Und wenn sie es doch bis vor die Haustüre schafften? Dann trugen die Menschen Masken und Verkleidungen, um von den Verblichenen nicht erkannt zu werden. Ausgehöhlte Rüben, später Kürbisse mit fratzenhaften Gesichtern, scheinbar glühenden Augen und Mündern – ob sie wirklich Totengeister mit bösen Absichten fernhalten?

Foto 9: Präsident John F. Kennedy. Foto W. Langbein sen.

Ich erinnere mich jedenfalls an den 31. Oktober 1963, an die Halloweenkürbisse der Familie Langbein, an die Verkleidungen von uns Buben, an unsere Halloweenstreiche und reiche Ausbeute an Süßigkeiten. 

Und ich erinnere mich an den 22. November 1963, an den Tag, als der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika an der Dealey Plaza gegen 12 Uhr 30 Ortszeit ermordet wurde. Wenige Monate zuvor war mein Vater im Weißen Haus vom Präsidenten persönlich empfangen worden.

Fußnoten

1) »The New Golden Bough/ A new abridgement of the classic work by Sir James Frazer, edited, and with notes and foreword by Dr. Theodor H. Gaster«, New York 1959, S. 630, Zeilen 15 und 16 von unten. Im englischen Original: »… under a thin Christian cloak conceals an ancient pagan festival of the dead.
2) ebenda, S. 629-632: »Hallowe’en Fires«

Zu den Fotos

Foto 10: Präsident John F. Kennedy. Foto Walter Langbein sen.

Foto 1: Halloween 1963. Rechts im Bild - Verfasser Walter-Jörg Langbein. Links daneben in gestreifter Hose - Volker Langbein. Dahinter: Mutter Herty Langbein.
Foto 2 Martin Luther in einem Gemälde von Lucas Cranach d.Ä. 1528. Foto wiki commons
Foto 3: Fegefeuer-Darstellung,  Marienmünster, Diessen, Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Fegefeuerdarstellung, etwa 1419, Legenda Aurea, Foto wikimedia commons/ Aodh 
Foto 5: Fegefeuerdarstellung im Vorraum der Kirche von Reichersdorf. Foto Heidi Stahl
Foto 6: Flugblatt in Sachen Luther-Thesen, 16. Jahrhundert, Archiv Langbein
Fotos 7-10:  Präsident John F. Kennedy. Foto/copyright Walter Langbein sen./ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Mein Vater Walter Langbein sen. wurde von Präsident John F. Kennedy persönlich empfangen. Foto privat. Copyright Walter-Jörg Langbein

Foto 11: Mein Vater im Garten des Weißen Hauses
335 »Spurensuche«,
Teil 335 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 19.06.2016


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