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Samstag, 26. Dezember 2020

571. »Jung und schön, wie eine Königin«

Teil 571 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Elise Gleichmann hat uns eine mysteriöse Sage überliefert: Zur Johannisnacht öffnet eine wunderschöne »Ährenkönigin« mit Hilfe von jeweils einer Lilie eine Art Tor im Fels, ein Schloss erscheint, sie schließt das Schlosstor und dann eine Tür zum Schloss auf. Kaum ist sie im Schloss verschwunden, verschwindet auch das Tor im Fels. Eine »goldene Ähre« bleibt zurück. Die Funktion der »goldenen Ähre« bleibt unklar.

Foto 1: Elise Gleichmann,
zeitgenössisches Porträt

Neben Elise Gleichmann hielt auch der Heimatforscher und Schriftsteller Hans Seiffert (* 1894; † 1968) die Sage von der Ährenkönigin fest (2). Natürlich sind beide Versionen nicht Wort für Wort identisch. Sie wurden von Menschen unabhängig voneinander mündlich weiter gereicht. So entstanden zwangsläufig voneinander abweichende Variationen, die aber in den wesentlichen Aussagen übereinstimmen. Auch wenn die verschiedenen Varianten unabhängig voneinander weitererzählt und Unterschiede womöglich verstärkt wurden, so bleibt doch die Sage in ihren wichtigen Kernaussagen erhalten. In der Version von Hans Seifert der Sage von der »Ährenkönigin« heißt es ausdrücklich, dass der junge Mann nach seiner ersten Begegnung mit dem Unfassbaren die »goldene Ähre« an sich nahm (3):

»Als die Königin verschwunden war, fiel das Felsentor wieder zu. Alles war wie zuvor, feierlich und still. Jetzt erst betrat der junge Mann den Waldsteig und wanderte den Weg, den zuvor die Aehrenkönigin gegangen war. Dort, wo die Farne standen, lag eine goldene Aehre. Rasch hob er sie auf und barg sie in seinem Gewand.« Ein Jahr später, so lesen wir bei Seifert, geschah es wieder in der Johannisnacht. Da hatte der junge Mann die »goldene Ähre« wieder dabei. Er hatte die »goldene Ähre« in der Hand (4).

Bei Gleichmann wird beim ersten Erlebnis des jungen Mannes bei der Burg nicht erwähnt, dass er die »goldene Ähre« an sich genommen hat. Wir müssen aber davon ausgehen, dass er das getan hat. Heißt es doch in der Version der Sage bei Gleichmann, dass der junge Mann, bevor er sich ein Jahr später, erneut in der Johannisnacht, zur Burg aufmachte, seinen Angehörigen eine Nachricht hinterlassen hat (5):

»Er lebte bis dahin wie im Traum und schrieb am letzten Tage einen Zettel an seine Angehörigen, worauf er bemerkte, daß er entweder der glücklichste der Menschen werden würde, oder überhaupt nicht mehr leben werde. Er wolle zur Nordeck hinauf, wo das Glück auf ihn warte. Wenn er nicht wiederkehre, solle man das versiegelte Papier in seinem Koffer öffnen und lesen; die darin befindliche Ähre erkläre alles. Diese Worte waren die letzten Lebenszeichen des jungen Mannes. Er blieb verschollen. Nie mehr kehrte er zurück.«

Foto 2: »Die Aehrenkönigin« (1952)
von Hans Seiffert

Nach der Gleichmann-Version muss der junge Mann bei seinem ersten Erlebnis bei der Burgruine die goldene Ähre aufgehoben haben, nachdem die Ährenkönigin verschwunden war. Sonst hätte der junge Mann die seltsame Ähre nicht in seinem Koffer für seine Anverwandten hinterlassen können. So stellt sich die Frage nach der Funktion der »goldenen Ähre«. Und wer oder was war die »Ährenkönigin«? Bei Seifert lesen wir folgende kurze Beschreibung (6):

»Jung und schön, wie eine Königin, schritt sie daher, auf dem Kopfe trug sie ein zierliches Aehrenkrönchen… « Die »Aehrenkönigin«, so lesen wir bei Hans Seiffert, berührt den Felsen mit einer der Lilien. Schon »tat sich ein Felsentor auf«. Genau ein Jahr nach dem ersten wundersamen Geschehen ist der junge Mann wieder am gleichen Ort (7):

»Da – an der gleichen Stelle wie im Vorjahre sah er die Lilien stehen. Er pflückte sie mit zitternder Hand; schritt damit zum Felsen und öffnete ihn. Da hörte er wieder jenes wundersame Lied. Wie im Träume ging er weiter und weiter …. , die Aehrenkönigin erwartete ihn am Schloßtor und führte ihn in ihr Reich, aus dem er nie mehr zurückkam.«

Foto 3: Hier soll der Sage nach
die Ährenkönigin erschienen
sein.

Man erkennt ohne Zweifel in der »Ährenkönigin« – sie lebt in einem Schloss hinter einem Felsentor – eine Erdgöttin oder Naturgöttin in der Umschreibung einer Sage wieder. Die »Ährenkönigin« geht, nach meinen umfangreichen Studien in Sachen »Göttin« ist das so, zurück auf die »große schöpferische Erdmutter«, auf die »Göttin der Fruchtbarkeit und der Getreideernte«, auf die »Göttin von Geburt und Tod« und auf die »Königin der Ernte«. Den sexuellen Aspekt verschweigt die Sage von der »Ährenkönigin« im christlichen Umfeld diskret.

Ihre Urahnin hat womöglich schon in Mesopotamien geherrscht. In Ägypten hatte sie eine mächtige Verwandte: Baba. In Russland verkam sie zu Baba-Yaga, mehr Mütterchen als Göttin. Im Slawischen spukt sie als hübsche Waldfrau umher. Mich wundert es nicht, dass sie Teil einer »Göttinnentriade« ist. Baba Jaga wird auch als das dritte Mitglied einer dreifaltigen Göttin verehrt. Diese Dreifaltigkeit besteht aus der Jungfrau, der Mutter und dem alten Weib. Die Dreifaltigkeit ist für Tod und Wiedergeburt zuständig. In manchen Erzählungen lebt sie mit zwei Schwestern zusammen, die den gleichen Namen tragen. Diese Dreifaltigkeit ergibt die vollständige Göttin: Jungfrau, Mutter und altes Weib.

Vorsicht: Entfernen wir uns gedanklich etwas weit von der »Ährenkönigin«? Nach Sir James George Frazer (*1854; † 1941), einem schottischen Ethnologen und Philologen, darf man die »Ährenkönigin« als »Kornmutter« verstehen. Sir Frazer schreibt (8): »Europäische Völker der Antike und der neueren Zeit sehen mit der Personifizierung des Korns als mütterliche Göttin nicht vereinzelt da. Derselbe einfache Gedanke ist auch ackerbautreibenen Rassen in fernen Weltteilen geläufig und von ihnen auch auf andere Getreidesorten als Gerste und Weizen angewendet worden. Wenn Europa seine Weizen- und Getreidemutter hat, so kennt Amerika eine Maismutter und Ostindien seine Reismutter.«

Die »Getreidemutter« darf mit dem »Vegetationsgeist« (9) identifiziert werden. Der Vegetationsgeist, so Frazier, werde häufig im Frühjahr durch eine Königin dargestellt. In Bulgarien fertigten die Bauern eine Frauengestalt aus Getreidegarben an, steckten sie in Frauenkleidung und trugen das verehrte Wesen ehrfürchtig um ihr Dorf herum. Genannt wurde die Getreidepuppe »Kornmutter« oder »Kornkönigin« (10). In Schweden – um ein weiteres Beispiel aus einer wahren Flut von Sagen und Bräuchen zu zitieren – wurde in manchen Gegenden der »Kornfrau« eine »Ährenkrone« aufgesetzt (11).

Die »Ährenkönigin« der oberfränkischen Sagenwelt kommt aus ihrem Schloss und wartet auf den jungen Mann. Den holt sich die Königin in ihr Schloss hinter dem mysteriösen Felsentor.

Andrea Senf, Dozentin bei der »Volkshochschule Kulmbach« und der »Schreibstube Franken« ist die wahrscheinlich beste Kennerin von Elisa Gleichmanns Werk. Andrea Senf ist es zu verdanken, dass die von Elise Gleichmann gesammelten fränkischen Sagen nicht in Vergessenheit geraten. So hat sie das wichtige Werk »Billmesschnitzer und Hulzfraala/ Fränkische Sagensammlung von Elise Gleichmann« herausgegeben (12). Ausgangspunkt für das wichtige Sagenbuch waren die handschriftlichen Aufzeichnungen von Elise Gleichmann, die zum Teil mühsam entziffert werden mussten. Der Aufwand hat sich wirklich gelohnt.


Foto 4: »Billmesschnitzer und Hulzfraala/
Fränkische Sagensammlung
von Elise Gleichmann« herausgegeben
von Andrea Senf

Mir scheint, dass in der Sage von der »Ährenkönigin« der jahrtausendealte Kult der »Heiligen Hochzeit« angedeutet wird. In der ältesten Form der »Heiligen Hochzeit« werden eine göttliche Himmelskönigin und ein irdischer Mann zum Paar. Nach dem Vollzug der »Heiligen Hochzeit« stirbt der Bräutigam, wird dann aber von der »Himmelskönigin« wieder aus dem Totenreich in die Welt der Lebenden zurück geholt. Diese magische Handlung hatte Jahr für Jahr ein lebenswichtiges, lebensrettendes Ziel: Die Natur stirbt jedes Jahr, sei es im Winter, sei es in der Trockenzeit. Alles Leben ist bedroht. Werden Pflanzen sterben, Tiere und Menschen verhungern? Steht das Ende alles Lebenden bevor?

Damit das Leben weiter fortbestehen kann, muss die Natur nach der Trockenzeit oder nach dem Winter wieder aus der Todesstarre geholt werden. So steigt dann die »Himmelskönigin« ins Totenreich und holt den Bräutigam wieder zurück ins Leben und zelebriert die Wiederbelebung der Natur. Die Natur erwacht zu neuem Leben.

Bei der Zeremonie de »heiligen Vermählung«, die alljährlich wiederholt wurde,  verkörperten Menschen die »Himmelsgöttin« und den »Himmelsgott«, da die überirdischen Originale offenbar derartigen rituellen Feierlichkeiten fernzubleiben pflegten. Manchmal übernahm ein »priesterlicher König« den Part des göttlichen Bräutigams. Für die Menschen freilich wurden offenbar die agierende Frau zur Himmelsgöttin und der mitwirkende männliche Mensch zum »Himmelsgott«. Mit dem Aufkommen des Patriarchats wird die »Heilige Hochzeit« beibehalten, aber die Himmelskönigin wird durch einen Himmelskönig ersetzt. Zeus, der Himmelsgott, paart sich dann im »Heiligen Akt« mit der göttlichen Hera. Wir erinnern uns: Milch der Hera fällt auf fruchtbaren Boden und Lilien sprießen, die Blumen, die das Felsentor, das Schlosstor und die Schlosstür öffneten.

Wichtige Facebook-Links
»Elise Gleichmann/ Gesellschafts- und Kultur-Website«: https://www.facebook.com/Elise-Gleichmann-2385859241487954
»Schreibstube Franken – Andrea Senf«: https://schreibstube-franken.jimdo.com/ (Stand 11.09.2020)

Fußnoten
(1) »Die Ährenkönigin« in »Von Geistern umwittert – Oberfränkische Volkssagen gesammelt und nacherzählt von Elise Gleichmann, gesichtet und gedeutet von Peter Schneider«, Lichtenfels 1927, Seiten 191-193 (Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(2) Seiffert, Hans: »Die Aehrenkönigin« in »Die Aehrenkönigin«, 2. Auflage, Helmbrechts/ Obfr. 1952, Seiten 33+34. (Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(3) Ebenda, Zeilen 17-21 von oben. (Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(4) Ebenda, 9. Zeile von unten. (Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(5) »Die Ährenkönigin« in »Von Geistern umwittert – Oberfränkische Volkssagen gesammelt und nacherzählt von Elise Gleichmann, gesichtet und gedeutet von Peter Schneider«, Lichtenfels 1927, Seite 192, 4. Zeile von unten bis Seite 193, 6. Zeile von oben. (Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(6) Seiffert, Hans: »Die Aehrenkönigin« in »Die Aehrenkönigin«, 2. Auflage, Helmbrechts/ Obfr. 1952,, Seite 34, Zeilen 7 und 8 von oben. (Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(7) Ebenda, 6.-1. Zeile von unten. (Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(8) Frazer, Sir James George: »Der Goldene Zweig/ Das Geheimnis von Glauben und Sitten der Völker«, Leipzig 1928, S. 600
(9) Ebenda, S. 191, 29.-21. Zeile von unten
(10) Ebenda, S. 590, 10.-12. Zeile von oben
(11) Ebenda, S. 591, 17.-19. Zeile von oben
(12) Senf, Andrea: »Billmesschnitzer und Hulzfraala/ Fränkische Sagensammlung von Elise Gleichmann«, Kulmbach 2019

Zu den Fotos
Foto 1: Elise Gleichmann, zeitgenössisches Porträt. Quelle: Coverfoto von Senf, Andrea (Herausgeberin): »Billmesschnitzer und Hulzfraala/ Fränkische Sagensammlung von Elise Gleichmann«, Kulmbach 2019
Foto 2: »Die Aehrenkönigin von Hans Seiffert«. Siehe Fußnote 2!
Foto 3: Hier soll der Sage nach die »Ährenkönigin« erschienen sein. Foto Buchcover von
»Die Aehrenkönigin von Hans Seiffert«. Siehe Fußnote 2!
Foto 4: »Billmesschnitzer und Hulzfraala/ Fränkische Sagensammlung von Elise Gleichmann« herausgegeben von Andrea Senf.

572. »Burgruinen und Sagenwelten«,
Teil 572 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 03. Januar 2021

Sonntag, 9. Juni 2019

490 »Vom Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod«

Teil 490 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


9. Juni 2019. Pfingstsonntag. Was für den Christen Weihnachten bedeutet, das ist auch heute noch im Zeitalter der »Schulstreiks« bekannt. Über Ostern hingegen wissen viele Zeitgenossen recht wenig. Da werden bemalte Eier und Hasen aus Schokolade verzehrt. Mit Jesu Auferstehung indes können immer weniger Zeitgenossen wirklich etwas anfangen. Und Pfingsten? Pfingsten bedeutet der »Fünfzigste«. »Pfingsten« (der »50.«) leitet sich vom griechischen Wort »pentekosté« ab. Über das mittelhochdeutsche »pfingesten« wurde aus dem griechischen Terminus die heutige Bezeichnung »Pfingsten«.

Pfingsten wird der 50. Tag der Osterzeit, 49 Tage nach der »Auferstehung«, gefeiert. Aber warum? Nach der »Apostelgeschichte« (Kapitel 2, Verse 1-41) versammelten sich Jesu Apostel in Jerusalem, um gemeinsam das jüdische Fest »Schawuot« zu feiern. »Schawuot« war ursprünglich wohl eine Art »Erntedankfest«. Aus dem jüdischen »Pessachfest«, das in Erinnerung an den Auszug der Israeliten aus der ägyptischen Gefangenschaft zelebriert wurde, entwickelte sich das christliche »Ostern«. Und aus dem jüdischen »Schawuot« wurde das christliche »Pfingsten«.

Was aber geschah zu »Pfingsten«? Die Apostelgeschichte berichtet Wundersames! In einem »Brausen« kam, mitten in einem »Wind« eine Flut von Feuerflammen über die Apostel, die auf einmal in allen möglichen Sprachen ihren christlichen Glauben verkünden konnten. Rund 3.000 ließen sich, so die Apostelgeschichte, taufen. Zu Pfingsten soll der »Heilige Geist« über die Jünger gekommen sein. Zu Pfingsten soll mit der Taufe von 3.000 Menschen die Geschichte der christlichen Religion seinen Anfang genommen haben.

Im Zentrum der christlichen Lehre steht der Glaube an ein Leben nach dem Tod. Dass es nach dem Ableben weitergeht, davon sind laut SPIEGEL (Nr. 17/ 20.4.2019) noch 40 Prozent der Deutschen überzeugt. Das »Leben nach dem Tod« ist freilich keine christliche Erfindung. Folgen wir dieser Lehre durch Raum und Zeit. Mich fasziniert die Frage der Fragen wie Millionen von Menschen nicht erst seit meinen Studentenzeiten…


In der Stadt von Ur wuchs einst ein gewaltiger Turm in den Himmel, der als Vorbild für den biblischen »Wolkenkratzer« von Babel gedient haben könnte. Auf der Spitze der Zikkurat thronte ein Tempel, in welchem die »Heilige Hochzeit« zwischen einem »Gott« und einer »Königin« zelebriert wurde. Da sich kein leibhaftiger Gott vom Himmel herab bemühte, übernahm ein Mensch die Rolle. Vielleicht wurde auch ein Mensch zum Gott. Und eine Irdische vollzog mit ihm die »Heilige Hochzeit«. Noch älter soll die Version »Göttin – König« gewesen sein. Die Paarung hatte magische Bedeutung: Sie sollte das Weiterleben der Natur bewirken.

Foto 1:  Pieter Bruegel d. Ältere: Der Turm zu Babel. Foto gemeinfrei

Wie sich die Bilder doch gleichen: Auch die Maya-Pyramiden hatten hoch oben einen Tempel, so wie der Turm zu Babel, so wie die Zikkurats in Mesopotamien.

In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts gruben Archäologen im Gebiet des heutigen Irak die uralten Gräber der Stadt Ur aus. Als sie die letzte Ruhestätte von Königin Shubad öffneten, entdeckten sie ein Massenopfer. Vor 4.500 Jahren war die Regentin von 68 Frauen ihres Hofstaats und zahlreichen Soldaten ihrer Leibwache in den Tod begleitet worden. Es fand sich keinerlei Spur von Gewalteinwirkung. Daraus schlossen die Wissenschaftler, dass die Menschen, deren Körper sorgsam in langen Reihen geordnet vorgefunden wurden, freiwillig in den Tod gegangen waren. Vermutlich hatten sie Narkotika oder ein tödliches Gift eingenommen. Die Toten sollten der Königin im Jenseits weiter dienen.

Archäologieprofessor Hans Schindler Bellamy: »Das Massenopfer ist ein Beleg dafür, dass die Menschen vor viereinhalb Jahrtausenden von einem Leben nach dem Tode überzeugt waren. Die Herrscherin musste im Jenseits von Soldaten bewacht, von treuen Dienern umsorgt werden. Ähnliche religiöse Überzeugungen prägten später auch das Leben der Inkas in Südamerika.« Bei den Inkas waren die Herrscher als Götter angesehen. Ihre sterblichen Hüllen wurden einbalsamiert und in rauschenden Festen verabschiedet. Dann, davon waren die Inkas überzeugt, würden die Edlen in eine andere Welt überwechseln. Dort sollten sie von ihren Lieblingsfrauen verwöhnt, von treuen Dienern umsorgt werden. Aus diesem Grunde wurden ihnen rituell getötete Menschen zur Begleitung mit in die Gräber gegeben.

Foto 2: Palenque, Tempel auf Pyramide
Das irdische Leben der Azteken war von ganz ähnlichen Jenseitsvorstellungen geprägt. Genauso wirklich wie das irdische Leben stellte man sich die Existenz nach dem Tode vor. In das paradiesische »Reich der Sonne am Himmel« gelangen die im Kampf getöteten Krieger, die in heiligen Ritualen Geopferten und die im Kindbett ums Leben gekommenen Frauen. In einer anderen nachirdischen Welt wartet Gott Tlaloc. Wer auf Erden etwa ertrank, der durfte danach irgendwo auf fernen Bergen über den Wolken weiterleben. Höchst unerfreulich sah freilich die Zukunft für alle übrigen Menschen aus. Sie kamen in das Unterweltreich Mictlan. Die Vorstellung von verschiedenen Totenreichen war auch bei den Germanen weit verbreitet. Walhall etwa, die »Halle der Gefallenen« war den mutigen Kriegern vorbehalten. Dieser Aufenthaltsort, auch »Gladsheim« genannt, war zugleich auch Versammlungsort der Götter, die unter dem mächtigen Dach aus Speerschäften und Schilden ihre wertvollen Throne hatten.

Jahrtausende lang war das religiöse Leben bei den »Alten Ägyptern« vom Glauben an ein Weiterleben nach dem Tode geprägt. Auf grausige Menschenopfer verzichtete man. Zu reichen Grabbeigaben gehörten naturgetreue, bemalte Figürchen. Sie sollten in der Welt des Jenseits den Herrschern und edlen Fürsten dienen. Das Jenseits der Ägypter war keine feingeistige Welt, sondern höchst handfest. Es galt als greifbarer Raum. Ganz oben im »Jenseits« hatte die Sonne ihren Sitz. Ganz unten hausten grässliche Krokodile und mörderische Nilpferde. Regiert wird die dunkle Seite der Jenseitswelt von Seth, dem Fürsten der Finsternis. Anno 1923 gingen Fotos um die Welt, die Howard Carter bei der Untersuchung der Mumie von Tutanchamun zeigten. Millionen interessierten sich für die Jenseitsvorstellungen der »Alten Ägypter«.

Bei den Menschen von Ur, aber auch bei den Inkas galt: Ein menschenwürdiges Leben im Jenseits dürfen nur die Vornehmsten der Vornehmen erwarten. Im Lauf der Geschichte Ägyptens vollzog sich ein Wandel. Schließlich wurde jedem Sterblichen eine ewige Seele zugebilligt, die nach dem Tod die letzte Reise vor den Thron von Osiris antreten musste. Dort warten zweiundvierzig Richter, die jede Seele aburteilen würden. Das Herz eines jeden Toten wird, daran glaubte man in Ägypten, auf die »Waage der Gerechtigkeit« gelegt. Dieses Bild vom Weiterleben der Seele findet sich auch in der persischen Religion des Zarathustra. Am vierten Tage nach dem Tode steht jeder Seele eine Bewährungsprobe bevor. Es gilt, eine Brücke in die andere Welt zu überschreiten. Rechtschaffene Menschen können sie problemlos überwinden. Ein liebreizendes junges Mädchen wartet auf der anderen Seite, als Personifizierung der guten Taten des Menschen in seinem zurückliegenden Erdendasein.

Foto 3: Auf einer mächtigen Pyramide ...

Menschen, die sich viel Böses zuschulden hatten kommen lassen, können in dieser Glaubenswelt die entscheidende Brücke nicht überqueren. Versuchen sie es trotzdem, so öffnet sie sich in der Mitte. Die böse Seele stürzt in einen Höllenschlund, ist für immer verloren. Ganz ähnlich lehrt der Koran, das heilige Buch des Islam. Wer hienieden auf Erden ein gottgefälliges Leben führt, der wird ein herrliches Paradies vorfinden, wenn er sein physisches Leben erst einmal beendet hat. Die Guten, von Allah Auserwählten, können ihre müden Glieder auf kostbaren Diwans ausruhen, sich an herrlichsten Speisen laben und werden von liebreizenden Jungfrauen, dunkeläugigen Houris, umsorgt. Vielleicht gelangten aber die »Jungfrauen« durch einen Übersetzungsfehler in den Koran. Es kann sein, dass sich der Verblichene mit Weintrauben begnügen muss. So mancher Gotteskrieger dürfte dann enttäuscht sein.  Und was wartet auf die »Bösen«? Auch die Sünder werden nach Überzeugung des Islam-Gläubigen nach dem Tode weiterleben. Aber wie! Sie sind sie dazu verdammt, in einer fürchterlichen Höllenwelt dahinzuvegetieren. Sie müssen kochendes Wasser trinken und ekelhafter Dreck dient ihnen als widerliche »Speise«.

Im Alten Griechenland gab es nicht die schlechthin gültige Doktrin vom Leben nach dem Tode. Weit verbreitet war der Glaube an eine Reise in die Unterwelt, in den Hades. Dort  vegetieren die Seelen der Verstorbenen eher schlecht als recht dahin. Dieses Reich des Gottes Hades darf aber nicht mit der jüdisch-christlichen Hölle gleichgesetzt werden. Nach der Glaubenswelt der Griechen gab es noch Tartaros, eine Hölle, und die elysischen Felder. Dort leben nur die besten, edelsten Menschen in ewig währendem Frühling. Die Anhänger der Orpheus-Sekte sahen das Jenseits als eine reale Welt an, in der die Toten leben. Ihrer Überzeugung nach bestand die theoretische Möglichkeit, aus jener jenseitigen Welt in irdische Gefilde zurückzukehren. Die christliche Vorstellung vom Leben nach dem Tode ist stark von altjüdischen Glaubenswelten bestimmt. Hölle und Paradies galten im Alten Israel keineswegs als symbolhafte Begriffe, sondern als höchst real existierende, geographische Orte auf unserer Erde.

Der Begriff der Hölle leitet sich von der biblischen »Gehenna« ab. Ursprünglich war das die Bezeichnung eines im Südwesten von Jerusalem gelegenen Tales .In jenem Ge-Henna-Tal, das ursprünglich Ge-Hinnom hieß, wurden vor Jahrtausenden Menschenopfer  dargebracht. Sie sollten den Gott Baal alias Moloch gewogen machen. Die bedauernswerten Geschöpfe wurden in speziell entwickelten Öfen bei lebendigem Leibe verbrannt. Wie viele Opfer auf diese schreckliche Weise dargebracht wurden, das kann heute nicht einmal mehr geschätzt werden. Bei Ausgrabungen im heutigen Tunis wurde ein Baal geweihter Kultplatz gefunden. 6.000 Urnen mit den verkohlten Überresten von Kindern wurden entdeckt.

Foto 4: ... thront der Tempel des Laubenkreuzes.

In die Hölle, Sheol genannt, kommen nach altjüdischer Überzeugung die Menschen, die kein gottgefälliges Leben geführt hatten. She’ol wurde als eine unterirdische Höhle angesehen, wo die »bösen Seelen« in vollkommener Dunkelheit ein jämmerliches Dasein fristen müssen. Die Welten des Diesseits und des Jenseits existieren in der altjüdischen Glaubenslehre, aus der sich das Christentum entwickelte, nebeneinander her. Es besteht die theoretische Möglichkeit, zwischen beiden Reichen zu reisen. Nach dem Buch Hiob verkehren Gott und Teufel fast kollegial miteinander. Schon im »Alten Griechenland« entstand, etwa von Pythagoras gelehrt, der Glaube von der Seelenwanderung. Nach dem physischen Tod löst sich die Seele vom Leib und ist gezwungen, in einem neuen Körper auf die Erde zurückzukehren. Im Hinduismus, etwa in Indien, gilt ebenfalls das Prinzip Wiedergeburt. Jede Seele durchläuft zahlreiche Wiederkehren auf Erden - mit dem Ziel freilich, dereinst mit dem Göttlichen eins zu werden. Aber auch der Hinduismus kennt so etwas wie Höllenwelten, eiskalte oder siedend heiße Gefilde, und himmlische Sphären der Glückseligkeit. Zwischen zwei Wiedergeburten diesen diese so ganz unterschiedlichen Welten den Seelen als Aufenthaltsorte.

Homers »Ilias« und die »Odyssee« zeichnen folgendes Bild von der Welt nach dem Tode. Die Seelen der Verstorbenen gehen in ein Schattenreich ein, in die »Gefilde der Lethe«. So erfreulich ist der Aufenthalt in jener anderen Welt nicht, zumindest nicht aus der Sicht des Menschen unserer Tage. Jeder einzelne Mensch verliert im »Haus der Lethe« seine Individualität, so er nicht in die Geheimnisse des Jenseits eingeweiht ist. Nach seinem Tode findet sich der Verstorbene am Tor zur Anderswelt. Peinigender Durst quält ihn. Da ist es mehr als verlockend, aus der munter plätschernden Quelle der Lethe zu trinken. Die meisten tun dies gierig und verlieren jegliche Erinnerung. Ihr Gedächtnis wird ausgetilgt. Der Eingeweihte freilich verschmäht diesen Trunk. Er weiß, dass es eine zweite, allerdings versteckte und schwer zu findende Quelle gibt. Sie hat ihren Ursprung im Teich der Mnemosyne. Sie ist die Nebengöttin der »Großen Mutter«. Trinkt man von ihrem Wasser, so werden nur die hässlichen, schmerzhaften Erinnerungen ausgetilgt.

Foto 5: Widmung Prof. Hans Schindler Bellamy

In jenes bessere Jenseits gelangt nicht jeder Verstorbene, sondern nur, wer sich dank eines Goldplättchens mit geheimen Inschriften als »Sohn der Erde und des Himmels, wie die Götter selbst« ausweisen kann. Glücklich ist, wer dieses Privileg genießt. Sterben bedeutet dann nicht Versinken im Vergessen und Eingehen in ein erinnerungsloses Nichts. Tod ist dann Erlösung von bedrückenden negativen Erfahrungen und der Übergang in ein neues Leben. Es ist sogar die Rückkehr auf die Erde, in die Welt der Lebenden, möglich. Dr. Friedrich W. Doucet (2) setzte sich intensiv mit den ältesten Jenseitsvorstellungen auseinander. Er entdeckte erstaunliche Parallelen zwischen der Jenseitsmodellen des Pythagoras und der Alten Inder. Was vordergründig primitiv-naiv anmuten mag, wird als bildliche Umschreibung eines höchst modernen Verständnisses erkennbar. Dr. Friedrich W. Doucet: »Die Welt ist eine Einheit, eine Ganzheit des Lebens, die Kosmos, Mensch und Erde umfasst. Das Seelische ist eine Art Energiefeld, das alles durchdringt und belebt, die tote Materie ebenso wie Pflanze, Tier und Mensch. Demnach bilden auch Körper und Seele des Menschen als Organismus eine Einheit, die als Teil mit dem Ganzen verbunden ist - durch unsichtbare oder übersinnliche Kanäle. Gestaltet, geformt und gesteuert wird dieses Ganze, die Welt, von einer kosmischen Allbewusstheit, die alles verbindet und an der alles Anteil hat. Die materielle Welt in diesem Ganzen, dem Universum, ist nur eine sichtbare Erscheinung kosmisch gestalteter Form und formgestalteter Energie.«


Je komplexer die Glaubenswelt vom Jenseits in bildhaften Darstellungen gezeichnet wird, desto deutlicher wird die Vorstellung von der Wiedergeburt eingebaut: Alles Leben ist Energie. Jeder Mensch ist wie jede Pflanze und jedes Tier Teil dieser Energie. Stirbt ein Mensch, dann geht er im Idealfall wieder in diesen Ursprung zurück. Oder er muss erneut ins reale Leben der individuellen, physischen Art zurückkehren. Diese Erkenntnis soll auch dem Königssohn Siddharta, dem Gründer des Buddhismus, offenbart worden sein - in einem Traum. Das macht eine Aussage Siddhartas mehr als deutlich: »Ich sah, als ich eines Tages meditierend im Schatten eines Feigenbaumes saß mit himmlischer, klarer, übermenschlicher Einsicht, wie die lebenden Wesen vergehen und wieder entstehen. Ich wurde mir der Erlösung bewusst und erkannte, dass der Kreislauf der Geburten sich für mich erschöpft hatte. Das Ziel des heiligen Wandels, sprach ich zu mir, ist erreicht, getan ist, was zu tun war; nicht werde ich in neuer Geburt zu dieser Welt zurückkehren.« (3)

Foto 6: Signatur Prof. Bellamy

Atman ist nach der indischen Weltsicht die persönliche Seele eines jeden menschlichen  Wesen. Atman strebt zum Brahman, zur Weltseeele. Leben ist ein ständiger Kreislauf: Das Individuum stirbt, wird wiedergeboren. Die ewige Seele des Einzelnen bleibt am Leben, auch wenn der Mensch stirbt. Die Seele sucht sich dann einen neuen Körper, eine neue Reinkarnation. Das jüdisch-christlich-muslimische Denken der religiösen Art ist reichlich materialistisch. Das religiöse »Denken« des Islam ist reichlich sexistisch. Oder wie soll man die Erwartung des männlichen Moslem bezeichnen, nach dem Tode von Jungfrauen beglückt zu werden? Für den Inder ist Wiedergeburt in die reale irdische Welt Strafe und Chance. Sie ist Strafe, weil er für böses Tun im früheren Leben bezahlen, sprich leiden muss. Sie ist Chance, weil so alte Sünden abgearbeitet werden können und der Übergang ins göttliche Nichts möglich wird.

Prof. Hans Schindler Bellamy (*1901; †1982), Wien: »Man muss also konstatieren, dass es in allen großen Religionen den festen Glauben an ein Leben nach dem Tode gibt. Die Vorstellungswelten alter Weltkulturen haben ein entscheidendes gemeinsames Merkmal. Die Toten leben in einer anderen Welt weiter. Sie haben letztlich stets die Möglichkeit, aus ihrer jenseitigen Welt in unsere diesseitige Welt vorzudringen. Diese Überzeugung reicht bis in unsere Tage hinein. Der Brauch, Gräber mit schweren Steinen abzudecken ist ein deutlicher Hinweis auf diese Überzeugung. Es sollte auf diese Weise verhindert werden, dass Jenseitige, im Jenseits lebende Tote in die Welt der Lebenden zurückkehren. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden wissenschaftliche Versuche unternommen, Kontakt mit diesen Jenseitigen aufzunehmen. Man hielt auch in Kreisen der Wissenschaft ein Wiederauftauchen von Totengeistern in unserer Welt des Diesseits für möglich.«

Fußnoten
1) Langbein, Walter-Jörg: »Persönliche Aufzeichnungen während des Studiums der evangelischen Theologie«, Erlangen, Sommersemester 1977
2) Doucet, Friedrich W.: »Forschungsprojekt Seele«, München 1971
3) Doucet, Friedrich W.: »Die Toten leben unter uns«, Wien 1979

Zu den Fotos
Foto 1:  Pieter Bruegel d. Ältere: Der Turm zu Babel. Foto gemeinfrei
Foto 2: Palenque, Tempel auf Pyramide. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 3: Hoch oben auf einer mächtigen Pyramide ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: ... thront der Tempel des Laubenkreuzes. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Widmung Prof. Hans Schindler Bellamy. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Signatur Prof. Bellamy. Foto Walter-Jörg Langbein

491 » Das Geheimnis der kopflosen Gestalten«,
Teil 491 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 16. Juni 2019


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Sonntag, 15. Februar 2015

265 »Von der Heiligen Taube zum Schlangenmonster«

Teil 265 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Der Dom zu Bremen. Foto Walter-Jörg Langbein

Es war ein verregneter Nachmittag im November gegen 15 Uhr. Düster hingen pechschwarze Wolken über dem Dom zu Bremen. Düster wirkte auch das massive Mauerwerk. Wie die Monstermauern einer mittelalterlichen Burg aus bösen Zeiten scheinen vor einem Jahrtausend massive Steine bis in den Himmel aufeinander getürmt worden zu sein. Setzten die Bauherren, die im 11. Jahrhundert den Bremer Dom St. Petri errichten ließen, eine alte Tradition fort? Wollten sie, um einige Beispiele zu nennen, so wie die Architekten von Babylon, Indien, Zentralamerika und Ägypten seit Jahrtausenden, Erde und Himmel miteinander verbinden? Wurde der Dom wie einst die Zikkurats von Babylon von christlichen Himmelsstürmern geschaffen?

Hoch oben auf der Spitze des Turms zu Babel begegneten sich vor Jahrtausenden Mensch und Gott. Im Tempel hoch oben zelebrierten Gott und Mensch die »Heilige Hochzeit«. In den ältesten Überlieferungen war es eine Göttin, die vom Himmel kam, um sich einen Irdischen als Gemahl zu erwählen. In christlichen Zeiten wurde eine derartige »heidnische« Überlieferung natürlich verabscheut, als blasphemische Unzucht verurteilt. Übersehen wird dabei allerdings, dass es diese uralte Tradition noch im »Neuen Testament« gibt (1): »Da komm die Taube vom Himmel herab und verbindet sich mit Jesus. Und es begab sich, als alles Volk sich taufen ließ und Jesus auch getauft worden war und betete, da tat sich der Himmel auf, und der Heilige Geist fuhr hernieder auf ihn in leiblicher Gestalt wie eine Taube, und eine Stimme kam aus dem Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.« Bei Markus lesen wir (2): »Und alsbald, als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass sich der Himmel auftat und der Geist wie eine Taube herabkam auf ihn.

Wilhelm II als Karl der Große

Und da geschah eine Stimme vom Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.«  Selbst im Evangelium nach Johannes fehlt der Hinweis auf die himmlische Taube nicht (3): »Und Johannes bezeugte: Ich sah, dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb.«

Die Taube war von Alters her das Sinnbild von Göttinnen wie der Venus. So lässt sich die heute merkwürdig anmutende Szene von der himmlischen Taube, die sich mit Jesus »verbindet« als Reminiszenz an den uralten Mythos der heiligen Hochzeit zwischen Göttin und auserwähltem Menschen verstehen. (4)

Löwe und Spieler. Foto Walter-Jörg Langbein

Tatsächlich fühlt man sich dem Himmel so nah, wenn man die 256 Stufen – vorbei an den vier Glocken des Geläuts – erklommen hat. 99 Meter über dem Boden erscheint einem die Hektik der Menschen weit unten auf dem Marktplatz wie das konfuse Treiben verwirrter Insekten. Anstrengend ist es, den quadratischen Südturm zu besteigen, doch der Blick nach unten und in die Ferne belohnt für die Mühen. Es lohnt sich auch, in den Bleikeller des Doms hinab zu klettern.

Adler und Eitelkeit. Foto W-J.Langbein

Der Name erklärt sich so: Einst wurden im gespenstischen Keller die Bleiplatten gelagert, die man für die Domdächer benötigte. Zufällig stieß man im unheimlichen Gewölbe auf die Mumien von neun (nach anderen Quellen sechs) Menschen. Seit 1984 befindet sich der »Bleikeller« in einem Nebengebäude des Doms zu Bremen.

Da liegt zum Beispiel Georg Bernhard von Engelbrechten (1658 bis 1730), der letzte schwedische Domverwalter. Einst glaubte man annehmen zu dürfen, dass das Gift der Bleiplatten zur Mumifizierung der Toten führte. Inzwischen weiß man aber, dass die Körper der Toten einfach nur auf natürliche Wiese austrockneten. Makaber-unheimlich mutet es an, wie ein Zimmermann, ein schwedischer General, eine schwedische Gräfin, ein englischer Major und ein Student scheinbar den ungebetenen Besucher in ihrer Gruft mustern. Es kommt dem leicht (?) beklommenen Eindringling so vor, als stützen sich die trockenen Mumien ab, um gleich aus den weit geöffneten Särgen zu klettern.

Löwe und Lüsternheit. Foto W-J.Langbein

Eine der Mumien könnte einem heutigen Horrorfilm entsprungen sein. Der männliche Tote hat den Mund wie zu einem Schrei weit aufgerissen. Man nahm lange Zeit an, dass es sich bei dem Mann um einen Dachdecker handelte, der beim Sturz vom Turm zu Tode kam. 1985 wurde die Mumie geröntgt. Es zeigte sich, dass die erstarrte Leiche keinen einzigen Knochenbruch aufwies, wohl aber eine Kugel in der Wirbelsäule. War der vermeintliche »Dachdecker« also ein Soldat, der vor Jahrhunderten erschossen wurde… oder ein Mordopfer?

Ich jedenfalls würde mich zu nächtlicher Stunde auf keinen Fall in jenen unheimlichen Keller wagen. Was dort zu sehen ist, ist wirklich makaber. Die sterblichen Überreste von sechs Menschen wurden in der Unterwelt des Doms zu Bremen gefunden. Wusste man vom natürlichen Mumifizierungsprozess, als man die Toten unter dem Dom beisetzte? Wollte man bewusst diese – etwas pietätlos formuliert –  Konservierung durch Eintrocknung der Leichen herbeiführen? So manche Frage ist bis heute nicht wirklich beantwortet worden! Hat man die Toten, sie stammen aus unterschiedlichen Jahrhunderten –  im Verlauf von Jahrhunderten nach und nach in die »Krypta« geschafft? Oder wurden sie aus Friedhöfen und Krypten geholt und nach und nach unter dem Dom zur letzten Ruhe gebettet?

Blick in den Bleikeller. Foto um 1900. Archiv Langbein

Wurden die Mumien zur Schau gestellt, um die Gläubigen an ihr künftiges Schicksal zu erinnern? Solle der Christ, angesichts der doch erschreckend aussehen Toten an christlichen Lebenswandel erinnert und zur Frömmigkeit angehalten werden?

Völlig unklar ist nach wie vor, wer die Toten auswählte, die in der Gruft unter dem Dom zu Bremen bestattet wurden. Ein System ist nicht zu erkennen. Menschen aus unterschiedlichen Schichten der Bevölkerung kamen auf gruselige Weise zu besonderen »Ehren«. Dahingestellt bleiben muss, ob die Toten alle mit der Zurschaustellung einverstanden wären? Das Problem des pietätvollen Umgangs mit sterblichen Überresten von Menschen ist weltweit nicht gelöst. Genauer gesagt: Menschen, die schon vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden das Zeitliche segneten, finden sich in Vitrinen der unterschiedlichsten Museen, und das weltweit! Die eigene Großmuter oder den eigenen Urgroßvater möchte wohl kaum jemand so zur Schau gestellt sehen.

Und was hat es zu bedeuten, dass auch die Mumien eines Äffchens und einer Katze im Bleikeller von Bremen scheinbar für ewige Zeiten »konserviert« wurden? Der Stubentiger mag sich dort unten zu den Toten verirrt haben und zugrunde gegangen sein. Aber Affen gehörten zu keinem Zeitpunkt zur Population von Bremen. Waren beide Tiere Opfer experimentierfreudiger Menschen? Galt es den natürlichen Mumifizierungsprozess zu studieren? Oder waren Katze und Äffchen einst Haustiere, die seit Jahrhunderten mit ihren Menschen unter dem Dom zu Bremen auf den »Jüngsten Tag« warten?
Stolz, ja majestätisch präsentiert sich heute der Dom zu Bremen. Was viele Zeitgenossen heute nicht wissen:  Wie viele andere Gotteshäuser, so wurde auch der Dom zu Bremen offenbar von den Alliierten als kriegswichtiges Ziel angesehen.

Ziel alliierter Brandbomben... Foto W-J.Langbein

Anno 1944 wurden Brandbomben auf das altehrwürdige Gotteshaus abgeworfen, die allerdings – zum Glück – nur verhältnismäßig geringen Schaden anrichteten. Es barsten »nur« einige kostbare Scheiben der großen Kirchenfenster. Damit begnügten sich die Angreifer nur vorübergehend. Im März des Jahres 1945, wenige Wochen vor der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 7. Mai 1945, explodierte an der Nordseite des Doms eine Sprengbombe, die große Teile einstürzen ließ. Das gesamte Gebäude war einsturzgefährdet. Schon 1945 wurden gewaltige Anstrengungen unternommen, um die sakrale Kostbarkeit wieder instand zu setzen. Wer denkt schon an diesen Teil der Geschichte Deutschlands, der vor dem Dom zu Bremen steht?

König David mit Harfe. Foto W-J.Langbein

Betrachten wir die Domfassade, dann fallen fünf steinerne Figuren auf. Kann man sie wie ein Buch lesen? Da blicken König David (Kennzeichen: Harfe) und Moses (Kennzeichen Gesetzestafeln und »Hörner«) vom linken Portal herab. Vom rechten Portal grüßen Petrus (Kennzeichen Schlüssel) und Paulus (Kennzeichen Schwert). In der Mitte thront Karl der Große, als steingewordene Propaganda. Bewusst wurde der Sachsenschlächter mit den Gesichtszügen Kaiser Wilhelms II. versehen. Auf diese Weise sollte der Monarch als »wiedergeborener« Karl der Große gepriesen werden.

Moses mit Gesetzestafeln. Foto W-J.Langbein

Zu Füßen der fünf Fassadenfiguren geben fünf Fassadenfiguren Rätsel auf. Die mächtigen Ungeheuer passen auf den ersten Blick nicht so recht zu einem christlichen Gotteshaus. Doch eine christliche Interpretation liegt nahe! Löwe und Adler symbolisieren das Christentum. Da brüllt ein mächtiger Löwe triumphierend über sein Opfer, das er mit mächtigen Pranken hält und zu Boden drückt. Der Mann hält Würfelbecher und Würfel in den Händen. Dargestellt werden soll offensichtlich der Sieg des Christentums über die Sünde der Spielsucht. Als Sieger wird ein Adler mit mächtigen Klauen und gewaltigem Schnabel dargestellt: über eine recht attraktive Frau. Sie hält einen Spiegel, als allegorische Darstellung der Eitelkeit und Zügellosigkeit. Nicht auf Anhieb zu verstehen ist der Löwe als Sieger über einen Bock.

Dr. Ingrid Weibezahn erklärt (5): »Mit dem Mann mit Würfeln und Würfelbecher ist wohl die Spielsucht, mit dem Bockskopf die Lüsternheit, mit der Schlange das Böse schlechthin und bei der Frau mit Spiegel die Eitelkeit gemeint«

Adler und Schlangenmonster. Foto Walter-Jörg Langbein

Ein stolz dreinblickender Adler – Darstellung des siegreichen Christentums – hat eine gewaltige Schlange besiegt. Besiegt? Tatsächlich windet sich das nach wie vor kraftstrotzende Reptil noch in den mächtigen Klauen des Adlers. Es hat den Schlund weit aufgerissen und beißt mit scharfen Zähnen in eine der mächtigen Pranken des Adlers, die eher zu einem Löwen als zu einem Vogel passen. Und das Schlangemonster hat, im Gegensatz zu den in der Natur vorkommenden Artgenossen, Zähne im Maul. Die Schlange – in fast allen alten Kulturen unseres Planeten positives Symbol  – wurde erst im Christentum im sprichwörtlichen Sinne verteufelt.

Ausblick auf Folge 266... Foto W-J.Langbein
Fußnoten

(1) Evangelium nach Lukas, Kapitel 3,
Rätsel gelöst? Foto W-J.Langbein
Verse 21 und 22
(2) Evangelium nach Markus, Kapitel 1,
Verse 10 und 11
(3) Evangelium nach Johannes,
Kapitel 1, Vers 32
(4) Siehe hierzu auch – weniger deutlich –
Evangelium nach Matthäus Kapitel 17, Vers 5.
Der Verfasser des Evangeliums lässt die
ursprünglich heidnische Taube weg.
(5) Weibezahn, Dr. Ingrid:
»Rätsel der Fassadenfiguren gelöst«,
»Domnachrichten« Nr. 4/ 2001, S. 10 und 11

266 »Tod und Leben«
Teil 266 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 22.02.2015

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Sonntag, 6. Januar 2013

155 »Die Treppe der Hieroglyphen«

Teil 155 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Maya-Codices wurden als
vermeintliches Teufelswerk
verbrannt. - Foto:
Archiv W-J.Langbein
»1549, sieben Jahr nach der partiellen Unterwerfung der Maya-Bevölkerung von Yucatán, kam Pater Diego de Landa nach Mérida, der Hauptstadt des Gebietes. Er gab sich alle erdenkliche Mühe, um Glauben und Bräuche des Volkes, unter dem er lebte, auszurotten und es zum Katholizismus zu bekehren. Zu diesem Zweck bediente er sich eines Verfahrens, das er für besonders zweckmäßig hielt: in einem gewaltigen Autodafé ließ er alle Bücher der Eingeborenen verbrennen. Damit waren Geschichte, Kultur und Tradition eines Volkes vernichtet.«

So beschreibt Pierre Ivanoff (1) die generalstabsmäßig durchgeführte, verbrecherische Auslöschung des uralten kulturellen Erbes eines ganzen Volkes. Für Pater Diego de Landa waren die Codices der Mayas Teufelswerk. Also mussten sie in die Flammen riesiger Scheiterhaufen geworfen werden, so wie die vermeintlichen »Hexen«.

Die Mayacodices waren keine Bücher im klassischen Sinn, sondern Schriftrollen. Weich geschlagene Feigenrinde war von Maya-Spezialisten sorgsam mit Harz imprägniert worden. Dann hatten sie eine hauchdünne Schicht gelöschten Kalks aufgetragen und schließlich mit Glyphen in mehreren Farben bemalt. So ein Codex war in der Regel rund fünfundzwanzig Zentimeter breit und mehrere Meter lang. Und zur enthusiastischen Freude krimineller Frömmler brannten sie lichterloh.

Auch heute noch
schlummern
geheimnisvolle
Bauten im
Verborgenen.
Foto: W-J.Langbein
1839 wurden die im sprichwörtlichen »Dornröschenschlaf« schlummernden Maya-Ruinen von Copán entdeckt. Rund einhundert Jahre dauerte es dann, bis sich die ersten Archäologen an die Überreste der einst stolzen Metropole wagten. In schweißtreibender Arbeit, häufig von billigen einheimischen Arbeitskräften erledigt, musste scheinbar undurchdringliches Gestrüpp beseitigt werden. Besonders großes Interesse weckte eine gewaltige Treppe. Die Angaben zu diesem imposanten Bauwerk variieren. Mal ist von »55 Stufen« die Rede, mal sollen es 63 sein. Mal zieren angeblich 2200 Hieroglyphen, mal 2500 Hieroglyphen die erstaunlich gut erhaltene Treppe.

Einigkeit besteht darin, dass der längste erhaltene Text aus Maya-Zeiten in die steinernen Treppenstufen gemeißelt wurde. Was er nun genau beschreibt, darin scheinen sich die Maya-Experten noch nicht einig zu sein. Ursprünglich konnte man diese Mammut-Inschrift wie ein Buch lesen. Dann aber kam es, vermutlich im 16, vielleicht auch im 17. Jahrhundert, zu einem Erdbeben. Nur die ersten fünfzehn Stufen blieben weitestgehend unbeschädigt. Alle übrigen Stufen wurden ein Opfer der gewaltigen Naturkatastrophe. Wie in einer Lawine aus Stein rutschten sie nach unten. So fanden die Archäologen sie vor: als einen ungeordneten Trümmerhaufen. Was meist verschwiegen wird: Bei der Rekonstruktion der Treppe wurden die Stufen oberhalb der fünfzehnten Stufe willkürlich zusammengesetzt, so dass ein Großteil des Textes heute nicht mehr entschlüsselt werden kann.

Die mysteriöse
Hieroglyphentreppe
von Copan - Foto: HJPD
Angeblich ging es im Text nicht mehr um Mythologisches aus dem Maya-Reich, sondern um kriegerische Auseinandersetzungen. Im unteren Bereich, so versicherte mir ein Archäologe vor Ort, gehe es um Astronomisches, um den »Heiligen Kalender« der Mayas. Wird ein wissenschaftlicher Disput zwischen Maya-Priester-Astronomen erörtert? Vergessen wir nicht, dass der größte Teil der Hieroglyphen-Story durch Erdbeben zerstört wurde und wohl nicht mehr rekonstruiert werden kann!

Keinen Zweifel gibt es, was den Zweck der Hieroglyphen-Treppe anbelangt: Sie führte zur Spitze eines pyramidenartigen Tempels empor. Genauer gesagt: Einst gab es einen sehr alten Tempel, der dann – und das scheint typisch für die sakrale Bauweise der Mayas zu sein – von einem jüngeren Tempel überzogen wurde. An der Spitze des pyramidenartigen Unterbaus gab es einen kleinen Tempel, der über die Hieroglyphen-Treppe erreicht wurde.

Heute ist man sehr um die mysteriöse Treppe besorgt. Sie befindet sich in keinem besonders stabilen Zustand. So darf sie nicht mehr von neugierigen Besuchern erklommen werden. Außerdem wird sie seit Jahren durch eine dicke Plane vor Wetterunbilden geschützt. Man muss auch davon ausgehen, dass zu Zeiten der Mayas der Aufgang zum Tempel nicht für das allgemeine Volk gedacht war. Vermutlich durfte nur ein kleiner Kreis Auserwählter jemals in den Tempel hoch oben empor steigen.
Mag sein, dass auf dem Weg nach oben immer wieder inne gehalten wurde, um heilige Texte zu rezitieren. Mag sein, dass bei in die Treppe eingebauten Statuen von Göttern längst vergessene Rituale abgehalten wurden. Was geschah oben im Tempelchen auf dem Hauptbau?

Heute ist die Treppe
der Hieroglyphen
geschützt.
Foto: Peter Andersen
Mich erinnert das zyklische Weltbild der Mayas an den vielleicht ältesten Kult der Menschheit: an die »Heilige Hochzeit«. Die Anhänger der »Heiligen Hochzeit« gingen – wie die Mayas – davon aus, das die Zeit zyklisch verläuft. Die Zeremonie der »Heiligen Hochzeit« wird abgehalten, um auf »magischem« Wege zu bewirken, dass auf das Ende eines Zyklus der Anfang eines neuen folgt. Anders ausgedrückt: Auf den Winter folgt wieder ein neuer Frühling. Und der Frühling wird wieder von Sommer Herbst und Winter abgelöst. Die Natur sollte aber nicht für immer im Winter erstarrt bleiben. Ein neuer Zyklus musste ausgelöst werden.

Diesem Zweck diente das Ritual der »Heiligen Hochzeit«, wie sie im Tempel, hoch oben auf dem legendären, aber realen »Turm zu Babel« zelebriert wurde. Auch der Tempel von Babel wurde über eine steile Treppe erreicht. Geschah ähnliches in jenem Tempel, zu welchem die Hieroglyphen-Treppe führte?

Bei den Mayas gab es – dargestellt in komplexester Mythologie – eine ständige Wiederkehr des Lebens, den Abstieg ins Totenreich, die Rückkehr in die Welt der Lebenden ... den ewigen Zyklus, wie in der Welt der »Heiligen Hochzeit«. Ich wiederhole meine Frage: Diente der Tempel am Ende der Hieroglyphen-Treppe der »Heiligen Hochzeit«? Bei den Ägyptern war die Leiter, aber auch die Treppe ein Symbol der Himmelfahrt. Manfred Lurker fasst in seinem »Lexikon der Götter und Symbole der alten Ägypter« zusammen (2):

Die ägyptische
Djoser-Pyramide ...
Treppe in den Himmel ...
wie die Hieroglyphenpyramide
der Mayas
Foto:
 W-J.Langbein
»Eine frühe Darstellung zeigt Osiris als ›Gott auf dem obersten Ende einer Treppe‹, womit seine Auferstehung nach dem Tode symbolisiert wurde. Wahrscheinlich stellt die Stufenpyramide des Djoser zu Sakkara eine Treppe dar, um so dem verstorbenen König den Aufstieg in den Himmel zu erleichtern. Auch der Urhügel, mit dessen Auftauchen aus dem Urozean die Weltschöpfung einsetzt, konnte als Treppe dargestellt werden. Ein dem Toten mitgegebenes Amulett war die Nachbildung einer Treppe.« Wie sich die Bilder gleichen: Der Maya-Gott Hurakan ließ mittels Magie das Land wieder aus den Fluten der Urflut emporsteigen.

Im zyklischen Weltbild gab es die Wiedergeburt: ein Hin und Her zwischen den Welten der Lebenden wie der Toten. Maya-Gott Chilan vermittelte zwischen »Mitnal« (»Diesseits«) und »Xibalba« (»Jenseits«). Und in Copán war der Aufstieg in den »Himmel« via Hieroglyphen-Treppe eben so möglich wie der Abstieg in die »Unterwelt«. Wie so manches Mal auf meinen Reisen zu den interessantesten Orten unseres Planeten kroch ich auch in Copán in die düstere Welt unter den steinernen Stelen und Pyramiden ...

Mysteriöse Bilder eines
Maya-Codex
Foto: Archiv
Walter-Jörg Langbein
Fußnoten
1 Ivanoff, Pierre: »Monumente großer Kulturen/ Maya«, Luxemburg 1974, S.88 oben
2 Lurker, Manfred: »Lexikon der Götter und Symbole der alten Ägypter«, erweiterte Neuausgabe München 1987, S. 214

»Abstieg in die Unterwelt«,
Teil 156 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 13.01.2013


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