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Sonntag, 17. September 2017

400 »Vom Staffelberg nach Birkenstein«

400 »Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«, Teil 2
Teil  400  der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Blick in die Adelgundis-Kapelle, etwa 1900

»Die Wanderkirche«, so lautet eine interessante Sage zur Entstehungsgeschichte der Adelgundiskapelle auf dem Staffelberg. Aufgezeichnet haben sie Elisabeth und Konrad Radunz (1): »Die Adelgundiskapelle auf dem Staffelberg sollte ursprünglich an einem anderen Ort entstehen, auf dem eine Stunde nordöstlich gen Langheim zu gelegenen ›Alten Staffelberg‹. Engel sollen zur nächtlichen Zeit immer wieder das zum Bau Benötigte auf den ›Neuen Staffelberg‹ ob Staffelstein überführt haben. Die heilige Adelgundis habe dadurch ihren Willen kundgeben wollen, die ihr geweihte Kirche an der Stelle errichtet zu sehen, so sie nun steht.«

Meine Urgroßmutter mütterlicherseits, Hedwig Welsch (2), erzählte mir vor vielen Jahren eine andere Version der »Adelgundis-Legende«. Demnach sollte auf dem »Alten Staffelberg« eine Kapelle errichtet werden. Dort begann man auch mit den Bauarbeiten. Man trug Steine zusammen, schaffte Sand auf den »Alten Staffelberg« und sorgte für ausreichend Holz für ein Gerüst. Als man am nächsten Tag die Arbeiten fortsetzen wollte, staunte man nicht schlecht. Alles war verschwunden. Sollten Diebe am Werk gewesen sein? Und so war man gezwungen, wieder neu anzufangen. Doch auch in der zweiten Nacht verschwanden alle Baumaterialien.

Foto 2: Meine Urgroßeltern Hedwig und Lorenz Welsch, etwa 1957

Diebe freilich waren nicht am Werk, sondern Engel. Die himmlischen Gesellen wirkten im Auftrag der heiligen Adelgundis, die ihre Kapelle an anderer Stelle gebaut sehen wollte, nämlich auf dem Staffelberg. Engel waren es, die alles vom »Alten Staffelberg« auf den Staffelberg geschafft hatten.  Als nun die Engel merkten, dass sich die Menschen von ihrem Plan nicht abbringen ließen, griffen sie zu einer List. Sie warteten, bis der Rohbau des kleinen Gotteshauses auf dem »Alten Staffelberg« fertig gestellt war.

Foto 3: Die Adelgundiskapelle vom Staffelberg, historische Aufnahme, vor 1914

Dann schafften sie ihn in einem Stück durch die Lüfte an den heutigen Standort. Jetzt erst begriffen die Menschen, was geschehen war. Sie vollendeten den Rohbau der »Adelgundis-Kapelle« zum ansehnlichen kleinen Gotteshaus. Dabei zeigte ihnen ein Rabe, wo sie den für den Putz benötigten Sand auf dem Staffelberg finden konnten: in einer Höhle im Staffelberg, wo die Querkele, ein fleißiges Zwergenvolk, hausten. Meine Urgroßmutter war sich nicht sicher, ob die Querkele – wohl abgeleitet von Zwergchen – damals noch in der Höhle lebten. Vielleicht halfen sie den Menschen bei der Sandgewinnung, waren die rührigen Zwerge doch stets äußerst hilfsbereit.

Die Legende von der »Wanderkirche« erinnert an eine uralte Überlieferung: da geht es um den Transport der Loreto-Kapelle aus dem Heiligen Land nach Italien. Engel sollen das winzige »Wohnhaus« aus Nazareth nach Italien geschafft haben. Es heißt in der Überlieferung, dass Maria in dieser höchst bescheidenen Bleibe mit Mann Joseph und Sohn Jesus lebte.

Anno 1244, der 5. Kreuzzug war gescheitert, bangte man um die für die Christenheit höchst bedeutsame Stätte. Man befürchtete, dass das »Heilige Haus« Marias von den muslimischen Streitkräften zerstört werden würde. Also musste es in Sicherheit gebracht werden. Einer Überlieferung nach wurde es durch die Lüfte transportiert, und zwar von Engeln. Die Geschichte erinnert an die »Luftreise« der Adelgundis-Kapelle. Freilich war die zurückzulegende Wegstrecke für die Adelgundis-Kapelle deutlich kürzer.

So fantastisch die Rettung des Heiligen Hauses auch anmuten mag, das kleine, im italienischen Loreto hoch verehrte Gebäude muss einst im »Heiligen Land« gestanden haben. Das kann als gesichert gelten! Das »Heilige Haus« von Loreto stand ganz eindeutig einst im Heiligen Land, und zwar vor einer Höhle, die wohl auch als zusätzlicher Wohnraum genutzt wurde.

Fotos 4 und 5: Loreto-Kirche und Heiliges Haus. Foto/copyright Reinhard Habeck

Eine andere Loreto-Kapelle lockt auch heute noch zahlreiche Pilger nach Birkenstein. Birkenstein bei Fischbachau ist ein wirklich mystischer Ort. Die Kapelle Birkenstein, anno 1710 errichtet, ist eine maßstabsgetreue Nachbildung des »Heiligen Hauses« von Nazareth. Johann Mayr der Ältere war der Baumeister der Loreto-Kapelle von Birkenstein. Anno 1735 brach ein Brand aus, das kleine Gotteshaus wurde erheblich beschädigt. Es wurde renoviert und bekam 1760 eine neue, recht prachtvolle Ausstattung. Die Kirchweihe erfolgte erst am 5. August 1786 durch Ludwig Joseph von Welden, dem Fürstbischof von Freising.

Im Zentrum der Kapelle steht ein Gnadenbild Marias mit dem Jesuskind. 92 Engel wurden von Künstlerhand verewigt. An den Seitenwänden versammeln sich die zwölf Apostel. Büsten stellen die Verwandten Marias dar. Fast schon erdrückend wirkt die Flut von Votivtafeln aus dem späten 18. Jahrhundert. Sie wurden von Gläubigen gestiftet, die sich auf diese Weise für den himmlischen Beistand in Zeiten der Not bedanken wollten. Viele, sehr viele Gläubige waren und sind davon überzeugt, dass ihnen Maria geholfen hat, als sie in Notsituationen die »Gottesmutter« anriefen. So ist Birkenstein bis heute ein Ort lebender Marienverehrung und der Dankbarkeit.  Noch heute kommen Pilger nach Birkenstein, um gemeinsam mit einem Priester die Heilige Messe zu feiern.

Foto 6: Birkenstein um 1900.
Bei meinem Besuch der Loreto-Kapelle von Birkenstein im Mai 2017 las ein katholischer Priester eine Messe. Dicht gedrängt hatten sich zahlreiche Pilger und Einheimische in dem kleinen Gotteshaus eingefunden. Fromme Choräle erklangen, Gebete wurden gesprochen. Über den Gläubigen breitet sich  in hellen Blautönen der gemalte Nachthimmel aus. Weiße Sterne strahlen vom künstlichen Firmament. Sie formieren sich zu – wie ich meine – fiktiven Sternbildern.  Sterne bilden eine Krone, andere– deutlich zu erkennen – die Buchstaben »IHS«. IH sind griechische Großbuchstaben, gefolgt vom großen lateinischen S.

Diese »Abkürzung« steht für den Namen Jesu in griechischen Großbuchstaben  - Ι Η Σ Ο Υ Σ. 

Zu sehen ist, klar erkennbar, Maria als Himmelskönigin mit Sternenkrone. Neben der Mutter Jesu steht, ja springt munter umher, ein Einhorn. Einhorn wie Maria sind als »Sternbilder« dargestellt. Mir scheint, dass das Einhorn hin zu Maria flieht. Der Überlieferung nach konnte kein Jäger ein Einhorn zur Strecke bringen. Das Fabeltier unterwarf sich nur einer Jungfrau. Zeigt das Himmelsgewölbe in der Kapelle von Birkenstein Jungfrau Maria als Beschützerin des Einhorns? In der christlichen Kunst symbolisiert das mythologische Einhorn die »Reinheit der Jungfrau Maria«.

Freilich ist das Symbol Einhorn älter als das Christentum. Für die Römer stand es für keine Geringere als die Mondgöttin Diana. Diana war aber auch die Göttin der Jagd und der Geburt. Sie wurde als Beschützerin der Frauen und Mädchen verehrt. Sie gehörte zur Crème de la Crème des griechischen Götterhimmels, zu den zwölf wichtigsten Gottheiten. Auf der anderen Seite Marias spielen fischartige Wesen. Sollten das vielleicht Delphine sein, denen nachgesagt wurde, seebrüchige Matrosen ans Rettende Ufer zu schaffen? Immer wieder stellt sich die Frage: Wieso finden sich immer wieder Darstellungen aus heidnischen Mythen in christlichen Kirchen?

Foto 7: »IHS«, Rom, um 1650.

Im Kloster Corvey sah ich Darstellungen, künstlerisch unterschiedlich ausgearbeitet, thematisch aber durchaus verwandt. Allerdings sind die deutlich älteren Malereien von Corvey im Lauf der Jahrhunderte weitestgehend verblasst und mussten mühsam und schonend »rekonstruiert« werden. Dabei verzichtete man bewusst darauf, fehlende Partien zu ergänzen. In Corvey ist mehr zu erahnen als wirklich zu erkennen. Da steht zum Beispiel auf dem Schwanz einer mythologischen Bestie eine hünenhafte Gestalt. Sie ist mit einem Lendenschurz bekleidet, mit Schild und Speer bewaffnet. Der wackere Kämpfer, der es mit dem furchteinflößenden Monster aufnimmt, könnte Odysseus sein. Was aber hat »Odysseus versus Monster« in einem christlichen Gotteshaus zu suchen?

Um heidnische Mythologie in christlichen Gotteshäusern zu erklären, bringen Theologen gern ein hilfreiches Zauberwort ins Spiel, nämlich die Allegorie. Das klingt dann auch so schön wissenschaftlich.  Der Begriff » Allegorie« geht auf das altgriechische »allegoria«, zu Deutsch »verschleierte Sprache«, zurück.

Interpretiert man ein Bild allegorisch, dann bedeutet es etwas ganz anderes als es auf den ersten Blick darzustellen scheint.  Man kann auf diese Weise auch Bilder, die in vorchristlichen Zeiten erschaffen wurden, durchaus christlich interpretieren.

Ja man kann letztlich jede Darstellung nach eigenem Gutdünken verstehen. Warum aber hat man Christliches scheinbar »heidnisch« dargestellt? Warum griff man auf Mythologisches zurück? Warum hat man nicht christliche »Originale« geschaffen? Und wer sollte die Aussagen solcher Bilder verstehen?

Die mythologischen Malereien unter der Westempore des Johanneschores im Westwerk von Corvey sind etwa1200 Jahre alt, die an der Decke der Loreto-Kapelle von Birkenstein sind deutlich jünger. Sie entstanden rund 900 Jahre später.

Aus dem mythologisch-heidnischen Kampf des Odysseus gegen ein monströses Fabelwesen wird so der »Heiligen Georg« versus »Satan« oder Jesus als Sieger über das Böse. Am Himmel von Birken stein hebt ein Krieger sein Schwert zum Schlag gegen einen mächtigen Riesenvogel mit beeindruckenden, weit ausgebreiteten Flügeln.

Fotos 8 und 9: Kloster Corvey, Odysseus im Kampf mit Monstern

Legenden und Sagen – wie die von der Adelgundis-Kapelle vom Staffelberg oder jene vom »Heiligen Haus« Mariens – sind wie Nachrichten aus einer fremden Welt. Sie enthalten gewiss Fantasie, aber auch Fakten. Legenden und Sagen – sie gehören zum Erbe, das uns unsere Vorfahren hinterlassen haben. Wir sollten es schätzen und schützen! Was über Jahrhunderte hinweg mündlich überliefert wurde, darf nicht in Vergessenheit geraten.

Fußnoten
1) Radunz, Elisabeth und Konrad: »Sagen und Legenden des Lichtenfelser
     Landes«, Lichtenfels 1996, S. 63
2) Nach der Erzählung meiner Urgroßmutter Hedwig Welsch, geborene Engel,  
    aufgezeichnet. Sie verstarb am 9.12.1971 im Alter von 90 Jahren. Mein 
    Urgroßvater Lorenz Welsch verstarb bereits m 10.06.1958 im Alter von 79  
    Jahren.

Weiterführende Literatur »Oberfranken«
Abels, Björn-Uwe: Selten und schön/ Archäologische Kostbarkeiten aus der
     Vor- und Frühgeschichte Oberfrankens, Lichtenfels 2007
Dippold, Günter: Kloster Banz/ Natur, Kultur, Architektur, Staffelstein 1991
Lutz, Dominik: Basilika Vierzehnheiligen/ Symphonie in Licht und Farbe, 3.
     Auflage, Staffelstein 1990


Sehr empfehlenswerte Lektüre »Bayern«
Foto 10: Birkenstein um 1903.
Fenzl, Fritz: Wunder in Bayern/ Orte der Kraft und Quellen der Heilung,
     Waldkirchen, 2. Auflage 2004
Fenzl, Fritz: Wunderwege in Bayern/ Magische Stätten und Überlebenspfade,
     München 2002
Fenzl, Fritz: Keltenkulte in Bayern/ Spurensuche an Kraftorten, München 2003
Fenzl, Fritz: Orte der Liebe in Bayern, München 2006
Fenzl, Fritz: Magische Kirchen in München/ Dreiecks-Wege zum Geheimnis/
     Gute und böse Orte, München 2006
Fenzl, Fritz: Magische Wege und Orte in Bayern, München 2007
Fenzl, Fritz: Heilige in Bayern – Himmlische Lebenshilfe, München 2008
Fenzl, Fritz: Heilige Orte in Bayern, München 2008
Fenzl, Fritz: Der Teufelstritt/ Magische Geschichten und Rundgänge zu
     Sagenorten in München, München, Neuauflage 2008
Fenzl, Fritz: Höllensturz/ Magie und Mythos in Bayern, Rosenheim 2009
Fenzl, Fritz: Sagen und Mythen aus Bayern, München 2009

Fenzl, Fritz: Magische Kraftorte in Bayern, Rosenheim 2014



Zu den Fotos
Foto 1: Blick in die Adelgundis-Kapelle, etwa 1900 . Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Urgroßeltern Hedwig und Lorenz Welsch. Foto vermutlich Walter Langbein sen.
Foto 3: Die Adelgundiskapelle vom Staffelberg, historische Aufnahme, vor 1914.  Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 4 und 5: Loreto-Kirche und Heiliges Haus. Foto/copyright Reinhard Habeck
Foto 6: Birkenstein um 1900. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: »IHS«, Rom, um 1650. Foto wikimedia commons
Fotos 8 und 9: Kloster Corvey, Odysseus im Kampf mit Monstern. Original und Nachzeichnung. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Birkenstein um 1903. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein


401 »Hape Kerkeling, falsche Bibelübersetzungen und Birkenstein«,»Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«, Teil 3 
Teil  401  der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 24.09.2017



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Sonntag, 10. Juli 2016

338 »Die Göttin auf dem Berg«

Teil 338 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Blick auf den Staffelberg

Meine ersten Erkundungen führten mich in jugendlichen Jahren zum Staffelberg bei Staffelstein. Als Kind hoffte ich, den einen oder den anderen »Querkeles«-Zwerg beobachten zu können. Aus der eher schmuddeligen und häufig von Besuchern verunreinigten Höhle hatten sich die kleinen Wesen wohl längst zurückgezogen. Meine Urgroßmutter hatte mir so manche Sage erzählt, von den Staffelberg-Zwergen, wie emsig sie einst den Menschen halfen und ihnen schwere Arbeiten abnahmen. In Sagen wird auch überliefert, dass die Querkele heilkundig waren und bei der Pflege von Kranken halfen.

Die Leibspeise der Querkele waren die fränkische Spezialität schlechthin, nämlich rohe Kartoffelklöße. Gelegentlich stibitzten sie den einen oder den anderen Kloß. Die klugen Hausfrauen gingen stillschweigend darüber hinweg. Eine geizige Frau indes versuchte, derlei harmlosen Mundraub zu unterbinden. Das kränkte die Querkele sehr und sie zogen sich aus den Behausungen der Menschen zurück. Ob sie sich noch am Staffelberg aufhielten? 

Als Bub durchstöberte ich manches Mal die bewaldeten Hänge des Staffelbergs. Ich kroch durch Gestrüpp, krabbelte manche Böschung hinauf. Ich bekam aber weder irgendwelche Spuren der kleinen Wesen, noch einen Querkele selbst zu sehen. Besonders intensiv erkundete ich die Westflanke des Staffelbergs, dem sich der Würzburger Weihbischof Söllner anno 1654 nur ehrfurchtsvoll zu nähern wagte. »Dieser Berg ist ein heiliger Berg. Ich bin nicht würdig, ihn mit Schuhen zu besteigen.«, soll der Kirchenmann einst gesagt haben.

Besonders interessant fand ich die Erkundung des Staffelbergs von Staffelstein aus. Von der Victor-von-Scheffel-Straße aus ging‘s am Friedhof vorbei, steil hinauf auf den Staffelberg. Leider fand ich kein einziges Querkele. Über die Reste der einstigen Wallanlage, von den Kelten vor rund zwei Jahrtausenden angelegt, kroch ich suchend umher. Eingänge zu Höhlen fand ich keine.

Foto 2: Der Eremit Valentin vom Staffelberg

Auf einer meiner jugendlichen Erkundungstouren begegnete mir ein freundlicher, bärtiger älterer Herr, der mit einer spitzen Metallstange im Boden stocherte. Der Mann hätte wohl Karl May als Vorbild für eine seiner Fantasiegestalten dienen können. Er trug eine Art Kutte, er ähnelte darin Valentin Mühe, der von 1913 bis 1925 als Eremit Valentin auf dem Staffelberg lebte. 1925 erkrankte er schwer und verließ den Staffelberg. Ausschlaggebend für seinen Entschluss, seine bescheidene Klause zu verlassen, mag auch die üble Verschmutzung des einst heiligen Bergs gewesen sein. Besonders an hohen kirchlichen Feiertagen wie Ostern strömten die Menschen in Scharen auf den Berg und Bruder Valentin verzweifelte, weil er seinen Berg nicht ausreichend schützen konnte. 1925 verliert sich jede Spur des frommen Mannes.

Der Mann mit der Kutte erklärte mir, dass er nach einem »Brunnenschacht der Kelten« suche. Er habe schon das »gesamte Plateau« überprüft, aber keinen Hinweis gefunden. Vielleicht habe man ja die Adelgundis-Kapelle über dem Brunnenschacht gebaut. Tatsächlich soll bereits um das Jahr 800 ein kleines Gotteshaus auf den Resten eines »heidnischen Kultbaus« errichtet worden sein. 1419 wird die »Adelgundiskapelle« erstmals urkundlich erwähnt. Ob es sich dabei um die Kapelle aus dem Jahr 800 handelte, bleibt unklar.

Foto 3: Befestigungsmauer Staffelberg.

Sicher ist, dass es vor rund zwei Jahrtausenden auf dem Staffelberg das keltische Oppidum Menosgada gegeben hat, eine stark befestigte Anlage, geschützt durch ein komplexes System aus Wällen, die den gesamten Staffelberg umschlossen. Dank archäologischer Ausgrabungen konnte die Schutzmauer um das Plateau des Staffelbergs in einem kleinen Teilstück rekonstruiert werden, und das bis in kleinste Details! Vermutlich waren es keltische »Adlige«, die im 5. Und 6. Jahrhundert auf der Hochfläche – 350 Meter lang und 125 Meter breit – siedelten. Die imposante Schutzmauer war immerhin fünf Meter breit und drei Meter hoch. Paul und Sylvia Botheroyd merken in ihrem beachtenswerten Werk »Deutschland/ Auf den Spuren der Kelten« an (1): 

»Im Nordosten ließen sie die Mauer sogar doppelt anlegen. Die Häuser der Siedlung waren teilweise an die Mauer angebaut; der Herr hatte den Funden nach Töpfer und Schmiede in seinen Diensten stehen – Keramik, Bronzenadeln und – anhänger und einige sehr hübsche Fibeln, eine als Pferdchen gearbeitet, gehören dazu. Das Eingangstor zu dieser Burg dürfte an der Stelle gelegen haben, wo der moderne Weg das Plateau erreicht.«

Damit nicht genug! Weiter unten am Staffelberg wurde eine weitere Stadtmauer errichtet – 3000 Meter lang. Ein fast fünfzehn Meter breiter Erdwall wurde aufgeschüttet, riesige Mengen Holz wurden für eine sechs Meter hohe Bohlenwand benötigt. Bevor anrückende Feinde Wall und Holzbohlenwand angehen konnten, mussten sie erst einen zehn Meter breiten Graben überwinden. Übrigens war der Graben über weite Strecken nicht einfach nur ausgehoben, sondern in den Fels geschlagen worden. Der Arbeitsaufwand für das Oppidum auf dem Staffelberg war immens!

Darf man davon ausgehen, dass es innerhalb der Keltenstadt auch ein Heiligtum gegeben hat? Konkrete Hinweise oder gar definitive Spuren hat man freilich in der Keltenmetropole auf dem Staffelberg nicht gefunden. Wilfried Menghin weist in seinem empfehlenswerten Werk »Kelten, Römer und Germanen/ Archäologie und Geschichte in Deutschland« darauf hin (2), dass die mysteriösen Viereckschanzen, auch »Keltenschanzen« genannt, wie die Keltenstädte gleichen Einflüssen unterliegen. Er spricht von »religiös-architektonischem Einfluss«.

Foto 4: Oppidum Manching

Die Befestigungsanlagen der Kelten auf Bergen wie dem Staffelberg sind um einiges älter als die »Vierecksschanzen«. So sind keltische Befestigungsanlagen auf dem Staffelberg schon ab etwa 600 v.Chr. nachweisbar. Auch auf dem »flachen Land« schufen die Kelten Oppida. Das Oppidum von Manching (bei München, unweit von Ingolstadt gelegen) wurde einige Jahrhunderte vor den Schanzen gebaut und erreichte enorme Ausmaße für die damalige Zeit. In der zweiten Hälfte des 2. Vorchristlichen Jahrhunderts lebten bis zu 10.000 Menschen in der Anlage. Die mächtige Stadtbefestigung – eine »Monstermauer« mit einer Länge von über sieben Kilometern! Eine Rekonstruktion der zentralen Siedlungsfläche des Oppidums Manching im Keltenmuseum zu Manching lässt staunen, wie zivilisiert die Kelten schon gewesen sein müssen. Ihre Städte waren präzise geplant und wie auf dem Reißbrett gebaut. »Primitive« waren da nicht am Werk!

Foto 5: Das Heidetraenk Oppidum

Das »Heidetränk Oppidum«, bei Oberursel im Taunus gelegen, gilt als eine der wichtigsten Anlagen dieser Art von ganz Europa. Dieses bedeutsame Oppidum, etwas jünger als die wehrhaften Keltensiedlungen vom Staffelberg oder Manching, ist kaum von Keltenschanzen (etwa Herlingsburg!) zu unterscheiden.

Nach Erkundung mehrerer Oppida und Keltenschanzen komme ich zur Überzeugung, dass die mysteriösen »Schanzen« kleinere Abbildungen der älteren Keltenstädte (Oppida) sind. Umstritten ist, ob es sich bei den Keltenschanzen ausschließlich um landwirtschaftliche Höfe von Kelten oder ausschließlich um Tempelanlagen handelte. Vermutlich gibt es für geschätzte 20.000 bis 40.000 Keltenschanzen nicht eine einheitliche Erklärung. Bei manchen mag es sich um kleine befestigte Tempel, bei anderen um ebenfalls befestigte Höfe mit Wohngebäuden, Stallungen und Tempeln gehandelt haben. »Eingefriedete heilige Bezirke« weisen nach Ausgrabungen »tiefe Kultschächte«, »Opferfeuerstellen« und »hölzerne Umgangstempel« auf.

Foto 6: Der Staffelberg...

Der Mann mit Kutte, der mir an einem Steilhang des Staffelbergs begegnete, stocherte mit einer Metallstange im Boden herum. Warum er das tat? Ich fragte natürlich. Auf diese Weise wolle er, erklärte er mir geduldig, die verfüllte Öffnung eines »Opferschachts« finden. Vergeblich. Ob es je im Oppidum vom Staffelberg einen »Opferschacht« gegeben hat? Intensive Ausgrabungskampagnen wären erforderlich, doch es fehlt das nötige Geld!

Sollte die Überlieferung der Wahrheit entsprechen, wonach die Adelgundis-Kapelle auf den Resten eines heidnischen Tempels gebaut wurde? Das kleine Gotteshaus ist der Heiligen Adeldgundis geweiht. Die heilige Aldegundis soll tatsächlich gelebt haben (* um 630 in Coulsore, Frankreich; † 684, 695 oder 700). Sie gehört zu den Nothelferinnen und ist für Katholiken himmlische Anlaufstelle bei Krankheit und Todesgefahr. Ihr Gedenktag ist der 30. Januar. Am 1. Februar wird die Heilige Brigitte von Irland gefeiert. Zufall?

Foto 7: Heiligenhäuschen der Adelgundis

»Das Namensfest der hl. Adelgundis liegt in verdächtiger Nähe zum 1. Februar, dem Geburtstag der heiligen Brigitte von Irland, die damit das keltische Fest Imbolc, den Frühlingsanfang, christianisierte. Interessanterweise befindet sich die heilige Brigida unter den 16 Nothelfern, die in der Kapelle mitverehrt werden.«, lesen wir bei Paul und Sylvia Botheroyd (3).

Und jetzt wird es spannend. Weiter: »Die irische Brigid ist ursprünglich eine uralte, vermutlich schon vorkeltisch verehrte Feuer-, Sonnen- und Muttergöttin. Das sonnenüberflutete Bergplateau hoch über dem Maintal wäre an sich ein passender Ort für die Verehrung einer lichten Gottheit.«

Wer also hinauf auf das Plateau des Staffelbergs wandert, der tritt eine weite Reise in die Vergangenheit an: zu den Kelten und zur Göttin auf dem Berg, die schon lange vor den Kelten verehrt wurde.

Verblüffend ist die Ähnlichkeit zwischen der heidnischen Brigid und der christlichen Maria. Die heidnische Göttin gilt auch als die »Lichtjungfrau«, als »die vom Strahlenkranz Umgebene«. Brigid löst als Göttin des Frühlings die Mächte der winterlichen Kälte ab. Und Maria hat am 2. Februar auch einen ganz besonderen, christlichen Feiertag: »Mariä Lichtmess«. Nach mosaischem Gesetz darf ein neugeborener Knabe frühestens nach vierzig Tagen in den Tempel gebracht und vorgezeigt werden. Warum erst nach 40 Tagen? Weil nach dem Gesetz des Alten Testaments eine Frau nach der Geburt eines Buben 40 Tage als unrein galt (4). Durch die Geburt eines Mädchens allerdings wurde sie nach diesem Verständnis mehr beschmutzt, und galt doppelt so lang als »unrein«.

Das ist der biblische Ursprung des Fests von Mariae Lichtmess am 2. Februar, als Ersatz für das heidnische Frühlingsfest. Am 2. Februar beginnt nach dem uralten Bauernkalender das neue Jahr. Das erstarrte Leben erwacht wieder. Ist nicht das Ziel jeder Religion, die Angst vor dem Tod zu nehmen, vor der ewigen Kälte eines schwarzen Nichts?

Foto 8: Der heilige Berg bei Staffelstein
Fußnoten

Foto 9
1) Botheroyd, Paul und Sylvia: »Deutschland/ Auf den Spuren der Kelten«, München 1989, Kapitel Staffelstein, S. 193-196, Zitat S. 194
2) Menghin, Wilfried: »Kelten, Römer und Germanen/ Archäologie und Geschichte in Deutschland«, Lizenzausgabe, Augsburg 1994, S. 127
3) Botheroyd, Paul und Sylvia: »Deutschland/ Auf den Spuren der Kelten«, München 1989, Kapitel Staffelstein, S. 193-196, Zitat S. 194
4) 3. Buch Mose Kapitel 12, Verse 2-4: »Sag zu den Israeliten: Wenn eine Frau niederkommt und einen Knaben gebiert, ist sie sieben Tage unrein, wie sie in der Zeit ihrer Regel unrein ist. Am achten Tag soll man die Vorhaut des Kindes beschneiden und dreiunddreißig Tage soll die Frau wegen ihrer Reinigungsblutung zu Hause bleiben. Sie darf nichts Geweihtes berühren und nicht zum Heiligtum kommen, bis die Zeit ihrer Reinigung vorüber ist.«
5) 3. Buch Mose Kapitel 12, Vers 5: »Wenn sie ein Mädchen gebiert, ist sie zwei Wochen unrein wie während ihrer Regel. Sechsundsechzig Tage soll sie wegen ihrer Reinigungsblutung zu Hause bleiben.«



10. Juli 2016: Während ich letzte Vorbereitungen für meine Reise nach Bad Segeberg am 13. Juli 2016 treffe , flattert mir eine hochaktuelle Meldung auf den Schreibtisch: Archäologen haben im Allgäu eine sensationelle Entdeckung gemacht! In Jengen, im Ostallgäu gelegen, wurden 4000 Jahre alte Gräber entdeckt. Bei Ausschachtungen für eine Tiefgarage  stieß man auf mehrere Skelette, Schmuck und Objekte aus Bronze. Unklar ist, wann mit den Bauarbeiten begonnen werden kann. Vorher müssen sorgsame archäologische Untersuchungen vorgenommen werden. Zuständig ist der aus Kaufbeuren stammenden Archäologe Marcus Simm.


 Zu den Fotos

Foto 1: Blick auf den Staffelberg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Eremit Valentin in seiner Klause. Foto Archiv Langbein
Foto 3: Befestigungsmauer Staffelberg. Foto commons Janericloebe
Foto 4: Oppidum Manching. Foto wikimedia commons Mößbauer
Foto 5: Heidetraenk Oppidum. wikimedia commons Rabalotoff
Foto 6: Der Staffelberg... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Heiligenhäuschen der Adelgundis vom Staffelberg. Foto wikipedia commons Janericloebe.
Foto 8: Der heilige Berg bei Staffelstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Rätselhafte keltische Münze, etwa 2.-3. Jahrhundert vor Christus


339 »Karl May und die Pyramide«,
Teil 339 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 17.07.2016


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Sonntag, 7. Juni 2015

281 »Die verschwundenen Burgen«

Teil 281 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Dom zu Verden
»Was da noch alles zu finden wäre…«, murmelt der alte Herr. »Hier, südöstlich von der Altstadt!« Mit ausgestrecktem Arm weist mich der Mann auf eine »verschwundene Burg«. Enttäuscht winkt er ab. »Leider ist ja die alte Burg nicht mehr zu sehen, zumindest überirdisch…« Ob es unterirdisch noch Reste der »Alten Burg« von Verden zu finden gibt, frage ich skeptisch. »Natürlich! Was da noch alles zu finden wäre… Aber das interessiert ja keinen Menschen mehr!«

Einen Kilometer südöstlich von der Altstadt von Verden gab es tatsächlich einst eine »Burg«. Sie lag auf einer Anhöhe. An zwei Seiten schützten steile Abhänge zum Fluss Aller hin vor möglichen Angreifern. Nach Norden hin war mit viel Aufwand ein  voluminöser Wall aufgeschüttet, parallel dazu ein Graben ausgehoben worden. Den Aushub des Grabens nutzte man zum Bau des Walls. Darüber hinaus wurden große Mengen Baumaterial herangeschafft, um den Wall noch zu erhöhen.

Wie lang die »Alte Burg« noch genutzt wurde? Wir wissen es nicht. 1816 wurde das »Burg-Areal« eingeebnet. 1846 benötigte man für den Bau des Baudamms Füllmaterial. Das holten die Bahnarbeiter aus dem Bereich der »Alten Burg«. Besonders begehrt war die »Füllung« des Walls: Kies. Fast zehn Meter Erdreich und Steine wurden damals abgegraben. Doch damit waren, wie sich herausstellen sollte, immer noch nicht alle Spuren der »Alten Burg« verschwunden. Noch 1959 stießen Arbeiter beim Ausheben von  Kanälen im Auftrag der Stadt auf Überbleibsel des Walls und des Grabens.

Foto 2: Lageplan »Alte Burg«

Es war zu befürchten, dass die Kanalisierungsarbeiten auch diese Überreste der alten Anlage jetzt restlos zerstören würden. Es kam zu überstürzt angeordneten archäologischen Untersuchungen. Die Wissenschaftler kamen zum Ergebnis, dass anno 1816 der Wall der »Alten Burg« noch über fünf Meter hoch  und insgesamt über fünfzehn Meter breit war. Auch die Ausmaße des Grabens wurden ermittelt.  Er war einst vierzehn Meter breit und immerhin über vier Meter tief. Das durch Wall und Graben gesicherte Grundstück der Burg war zweieinhalb Hektar groß. Ob die »Alte Burg« je von feindlichen Angreifern erobert wurde? Darüber ist nichts bekannt.

»Was da noch alles zu finden wäre…«, murmelt der alte Herr. »Hier, südöstlich von der Altstadt!«, wiederholt der alte Herr seufzend. »Mein Vater war 1959 dabei, als die Gräben für die Kanalisation ausgehoben wurden! Mein Vater hat auch für die Archäologen gearbeitet! Ich weiß noch, wie er geflucht hat, als er mit mehreren Kumpels dicke Steine, die einst zum Wall gehörten, für die Archäologen ausgraben und abtransportieren musste!« Er selbst sei als Kind dabei gewesen als »in fast fünf Metern Tiefe« ein »Armbrustbolzen aus Eisen« ans Tageslicht kam. Spärlich waren die Überreste des einst massiven Walls. Im Wall hatten Holzbohlen rund ein Jahrtausend überdauert. Sie wurden mit Hilfe der C-14-Methode auf die Zeit von 895 bis 1045 nach Christus datiert. Älter war ein »Henkelkrug« aus der Zeit um 750 nach Christus.

Fotos 3 und 4: »Olle Scherben« aus der »Alten Burg«

Der alte Herr lacht. »Ich durfte damals als Kind in den Löchern herumkrabbeln, die mein Vater und seine Kumpels im ehemaligen Burghof gebuddelt haben. Die Archäologen hetzten meinen Vater und die anderen Männer ganz schön! Sie hatten Angst, dass durch die Kanalisation alles zerstört werden würde!« Wertvolles wie Gold und Silber habe man leider nicht gefunden, nur »olle Scherben« Er selbst habe gehört, wie einer der Archäologen zu einem Kollegen sagte, die Bruchstücke seien wohl dem »Neoklyptikum« zuzurechnen. Es war wohl von »Neolithikum« die Rede. Demnach waren die »ollen Scherben« mindestens vier bis sechstausend Jahre alt.

Hellhörig machte mich der Hinweis des alten Herrn auf eine »alte Abfallgrube« innerhalb der »Burganlage«. Handelte es sich ja offenbar bei der »Burg« nicht um eine Burg im herkömmlichen Sinne, sondern um eine Anlage á la Keltenschanze. Die Keltenschanzen, wie die »Herlingsburg« unweit von Lügde, waren durch Wall und Graben geschützte Einfriedungen.

Nicht entschieden ist die Streitfrage, ob diese »Keltenschanzen« ausschließlich sakrale Bedeutung hatten... oder ob es sich um weltliche Siedlungen mit integrierten Tempeln gehandelt hat. Im Kommentar zu den Ausgrabungen im Bereich der Viereckschanzen von Holzhausen (München) lesen wir über die dortige Wallanlage (1): »Wegen der Grundrißgestaltung lag es nahe, dieses Gebäude als Vorläufer der späteren gallorömischen Umgangstempel zu sehen. Aufgrund von Forschungen der letzten Jahre sind die Viereckschanzen als ein Charakteristikum des ländlichen Siedelwesens der Spätlatenzeit (2) zu sehen. Ihre Funktion kann vielfältige Aspekte aus dem kultischen und profanen Bereich umfaßt haben. Dies im Denken des vorgeschichtlichen Menschen eng verflochtenen Bereiche heute im Einzelbefund sicher zu trennen, bereitet größte Schwierigkeiten.«

Foto 5: Moderne Verkehrswege im Konflikt
mit einst heiligen Bergen...

Die »Alte Burg« von Verden an der Aller ist vollkommen von der Erdoberfläche verschwunden. Wegen der Einebnung des Areals und tiefgreifender Abtragung des Erdreichs dürfte es auch unterirdisch keine Spuren mehr geben. Eine Datierung der »Alten Burg« ist nicht mehr möglich. Auch diverse Funde erlauben keine halbwegs sichere zeitliche Einschätzung des Alters der Anlage, an die heute nur noch Straßennamen erinnern: Die »Alte Burg« beginnt im »Burgfeld« und hat die Seitenstraße »Alter Ringwall«.  Eine »Alte Burg« wurde vermutlich um das Jahr 800 gebaut. Sie hatte aber Vorgänger, die – wann auch immer – auf der von der Natur vorgegebenen Anhöhe errichtet worden sind. Zwei schroff abfallende Hänge erleichterten den Bau der Anlage. So musste nur ein Teil des Areals  mit einer Wall-Graben-Kombination gesichert werden. Es ist durchaus möglich, dass schon jener Ort die Menschen angelockt hat und schon vor Jahrtausenden für sakrale Handlungen genutzt wurde. Antworten gibt es wenige, Fragen bleiben viele offen.

Unklar ist, ob die Wallanlage von Verden von den Kelten geschaffen wurde oder nicht. Vom Aufbau erinnert sie allerdings sehr an die »Viereckschanzen« der Kelten. Bestimmte Orte wurden über Jahrtausende hinweg immer wieder von Menschen aufgesucht und besiedelt. Längst sind alle Spuren der Vergangenheit verschwunden. Sie wichen Feldern und Wiesen, wurden zuletzt von Straßen, Wohnhäuser und Gärtchen verdrängt

Foto 6: Blick vom Staffelberg ins Tal.

Besondere Plätze werden immer wieder und das seit Jahrtausenden genutzt. Ein Beispiel von vielen ist der Staffelberg im schönen Oberfranken. Vor Jahrzehnten hieß die idyllische Region dort noch mit Recht »Gottesgarten«. Eine autobahnartige Rennstrecke aber hat das Maintal inzwischen wie mit einem Messer durchschnitten. Der 539 Meter hohe Berg war wiederholt besiedelt – von der Jungsteinzeit (etwa 5 000 v.Chr.) bis zur »Römischen Kaiserzeit« (bis etwa 420 n.Chr.). Auf Steinzeitmenschen folgten die Kelten, die auf dem Plateau eine Wehranlage mit Wall und Graben bauten. 

Foto 7: Adelgundiskapelle auf dem Staffelberg

Seit 1653 dient die Adelgundiskapelle an just jener exponierten Stelle als Ziel von Wallfahrern und Pilgern. In meiner Jugend stieg ich oft mit meinem Vater auf den Staffelberg, besuchte die Adelgundiskapelle und nahm eine Brotzeit in der einstigen Einsiedlerklause ein. Wir blickten schweigend hinab ins Maintal und spürten die besondere Atmosphäre eines uralten Kultorts.

Eine Felsgrotte – leider von respektlosen Besuchern vermüllt – erinnerte uns an Sagen um den Staffelberg, die von Schätzen in seinem Inneren erzählen und von Zwergen (»Querkele« genannt), die einst von bösen Menschen vertrieben wurden. Wer zum rechten Zeitpunkt vor Ort war, so heißt es, konnte in das Innere des Berges gelangen, aber auch für hundert Jahre gefangen bleiben, wenn er ihn nicht rechtzeitig verlassen hatte. 

Ganz offensichtlich gibt es auf unserem Planeten Orte, die warum auch immer geradezu magisch anziehend auf uns Menschen wirken. Das gilt auch für Verden an der Aller.

So hatte der mächtige steinerne Dom zu Verden bescheidene hölzerne Vorgänger. Gleich zwei einfache Kirchlein sollen bereits im achten Jahrhundert Christen als Orte der Andacht und des Gebets gedient haben.  Der Platz ist nicht willkürlich gewählt worden! Die allererste Holzkirche machte einer heidnischen Kult- und Gerichtsstätte Konkurrenz. Mittelpunkt der heidnischen Zusammenkünfte war der Lugenstein (3), nur wenige Meter vom heutigen Dom entfernt. Und der altehrwürdige Dom zu Verden war von einer »Domburg« umgeben, die wie die »Alte Burg« seit Jahrhunderten verschwunden ist.

Fotos 8, 9 und 10: Der Lugenstein aus verschiedenen Blickwinkeln

Fußnoten

(1) Wieland, Günther: »Die Ausgrabungen in der Viereckschanze 2 von Holzhausen/ Grabungsberichte von Klaus Schwarz zusammengestellt und kommentiert von Günther Wieland«, Rahden/ Westf. 2005, Orthografie wurde nicht der heutigen Schreibweise angepasst (Rechtschreibreform), sondern
Buchstabengetreu übernommen.

(2) Latenzeit, etwa 450 v.Chr. bis um Christi Geburt

(3) Der Name »Lugenstein« leitet sich nicht etwa von der »Lüge« ab, sondern geht über das Sächsische auf den lateinischen Begriff »Lex«, also »Gesetz«, zurück. Es gab zu heidnischen Zeiten im heutigen Verden an der Aller einen markanten Stein am Gerichtsplatz. Karl der Große soll dann just an dieser Stelle »Recht« gesprochen haben.


Foto 11: Blick auf den Dom zu Verden

Zu den Fotos:


Foto 1) Dom zu Verden: Man erkennt den Turm des Doms. Der Turm ist das älteste Stück des Doms. Foto: Walter-Jörg Langbein

Foto 2) Lageplan »Alte Burg«: Archiv Langbein. Vom Verfasser leicht bearbeitet.

Fotos 3 und 4) »Olle Scherben« aus der »Alten Burg«: Foto Sammlung Langbein

Foto 5) Moderne Verkehrswege im Konflikt mit einst heiligen Bergen...: Im Hintergrund sieht man den Staffelberg. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 6) Blick vom Staffelberg ins Tal: Historische Ansichtskarte. Archiv Walter-Jörg Langbein

Foto 7) Adelgundiskapelle auf dem Staffelberg: Historische Ansichtskarte. Archiv Walter-Jörg Langbein

Fotos 8, 9 und 10) Der Lugenstein aus verschiedenen Blickwinkeln: Fotos Walter-Jörg Langbein

Foto 11) Blick auf den Dom zu Verden. Foto (aufgenommen Anfang März 2015) Walter-Jörg Langbein

282 »Mönch und Monster«,
Teil 282 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 14.06.2015


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