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Sonntag, 30. August 2020

554. »… und ich sah ein großes Licht bis in den sechsten Himmel hinunterscheinen.«

Teil 554 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Apostel Paulus (Ikone)
Nach dem 2. Korintherbrief, wurde Paulus in den 3. Himmel, ins Paradies, entrückt. In der »Apokalypse des Paulus« von Nag Hammadi gelangt Paulus auch in den dritten Himmel, vom Paradies ist da aber nicht die Rede. Paulus passiert den dritten Himmel, was nur in einem Nebensatz erwähnt wird. Dann geht es gleich weiter in den vierten Himmel (1): »Ich sah aber im vierten Himmel die einzelnen Geschlechter: Ich sah die Engel, wie sie Gott glichen;«

Die Zustände im 4. Himmel sind fantasiereich ausgeschmückt worden. Da werden Seelen aus dem Lande der Toten herbeigeschafft und von den Engeln für ihre Sünden ausgepeitscht. Sündige Seelen werden »hinabgeworfen«. Da klingt, meine ich, die Vorstellung einer Reinkarnation an (2): »Als die Seele diese Dinge gehört hatte, blickte sie zu Boden; sie war beschämt. Und dann blickte sie nach oben und wurde hinabgeworfen. Die Seele, die hinabgeworfen wurde, kam in einen Körper, der für sie bereitet worden war.« Diese Vorstellung von Reinkarnation findet sich auch im 4. Buch Esra (3), wird da aber sehr viel ausführlicher geschildert. Das 4. Buch Esra entstand im 1. Jahrhundert n.Chr. Die große Ähnlichkeit der in beiden Schriften verwendeten plastischen Bilder deutet meiner Meinung nach auf eine Entstehung beider Texte in der gleichen Zeit hin. Demnach dürfte es die »Apokalypse des Paulus« bereits im 1. Jahrhundert n.Chr. gegeben haben.

Die himmlische Reise wurde fortgesetzt (4): »Und ich sah einen großen Engel im fünften Himmel, der einen eisernen Stab in seiner Hand hielt; es waren drei weitere Engel bei ihm, und ich blickte in ihre Gesichter. Sie aber wetteiferten miteinander; mit Peitschen in ihren Händen trieben sie die Seelen zum Gericht.«

Vom sechsten Himmel aus sah Paulus etwas (5): »Dann kamen wir hinauf zum sechsten Himmel. … Und ich blickte hinauf zur Höhe und ich sah ein großes Licht bis in den sechsten Himmel hinunterscheinen.«

Foto 2: Auch Paulus wurde »entrückt«
(Illustration aus einer Bibelhandschrift 
um 850 n.Chr., künstlerisch
umgestaltete Collage).


Bei einer solchen Textpassage schlägt natürlich das Herz des Präastronautikers höher. Paulus wird in den Himmel (präastronautisch-modernisiert: ins All) hinauf gebracht. Schließlich erspäht er hoch oben »ein großes Licht«.

Erinnern wir uns an die mysteriöse »Apokalypse des Abraham« (6). Da wird der junge Abraham von zwei himmlischen Besuchern kontaktiert. Abraham ist schockiert. Er weiß gar nicht, wo er hinschauen soll. »Nicht eines Menschen Atem war’s« (7) heißt es von einem der Besucher. Das deutet auf nichtirdisches Leben hin. Weiter heißt es über einen der Fremden (8) »in eines Mannes Ähnlichkeit«. Dieser Besucher (Jaoel, andere Schreibweise: Javel) sah also menschenähnlich aus, war aber doch kein Mensch.

Schließlich wird der junge Abraham »entrückt«, er tritt eine »Luftreise« an (9): »Und es geschah bei Sonnenuntergang, da gab es Rauch wie Rauch aus einem Ofen. … So trug er mich bis an der Feuerflammen Grenzen. Dann stiegen wir hinauf, so wie mit vielen Winden, zum Himmel, der da ob dem Firmament war.«

Der junge Abraham wird also immer höher und höher in den Himmel entrückt, bis er eine fantastisch anmutende Beobachtung macht. Noch einmal lassen wir den Augenzeugen Abraham aus der Abrahamapokalypse zu Wort kommen und vergleichen damit die Aussage der »Apokalypse des Paulus«.

Abraham (10): »Ich sehe in der Luft auf jener Höhe, die wir bestiegen, ein mächtig' Licht, nicht zu beschreiben, und in dem Licht ein mächtig Feuer.«
Paulus: »Und ich blickte hinauf zur Höhe und ich sah ein großes Licht bis in den sechsten Himmel hinunterscheinen.«

Die Vermutung liegt nahe, dass Abraham und Paulus auf ihrer Himmelsreise das gleiche »mächtige Licht« in großer Höhe gesichtet haben. Beide reisen, begleitet von einem Engel begleitet, empor zu diesem mächtigen Licht. Im siebten Himmel wird Abraham von einem alten, weiß gekleideten Mann befragt. Wer war dieser alte Mann? Er saß auf einem Thron, der (11) »war siebenmal heller als die Sonne«.

Foto 3: Paulus
Natürlich kann man mit etwas präastronautischer Fantasie in den Himmeln Raumstationen sehen, von denen Paulus einige besucht hat (12): »Und dann öffnete sich der siebte Himmel und wir kamen hinauf zu der Achtheit. … und wir kamen hinauf in den neunten Himmel. Ich grüßte alle die, die sich im neunten Himmel aufhielten. Und wir kamen hinauf in den zehnten Himmel. Und ich grüßte meine Mitgeister.«

Der Text der »Apokalypse des Paulus« ist Teil der altehrwürdigen Bibliothek von Nag Hammadi. In der »wissenschaftlichen Literatur« wird diese Textsammlung allgemein als »NHC« geführt. Theologen halten es für besonders wissenschaftlich, ihre Texte durch möglichst massiven Gebrauch von Abkürzungen möglichst schwer lesbar zu machen. Wer Abkürzungen, die in theologischen Werken Verwendung finden, im Internet nachschlägt, stellt häufig fest, dass die von Theologen genutzten Abkürzungen eigentlich schon »besetzt« sind. So steht »NHC« zum Beispiel für das »National Hurricane Center«. In diesem Zentrum, ansässig in Miami, Florida, werden tropische Wirbelstürme beobachtet und nach Möglichkeit wird zu berechnen versucht, wie sie sich weiterentwickeln und welche Regionen sie demnächst heimsuchen werden.

»NHC« hat schon manches Leben gerettet. Mancher, der auf einer der Inseln der ostfriesischen Küste Urlaub machte und dringend eines Notarztes bedurfte, wurde von »NHC« gerettet. Jetzt verbirgt sich hinter der Abkürzung »NHC« allerdings das in Emden ansässige Luftfahrtunternehmen »Northern HeliCopter GmbH«, das auch für die Offshore-Windindustrie in Nord- und Ostsee zuständig ist.

Foto 4: Apostel Paulus (Ikone)
Für Theologen allerdings steht »NHC« für »Nag Hammadi Codex«. Die »Apokalypse des Paulus« wird als »NHC V,2« geführt. »NHC V,2« ist ein kurzer Text mit einigen Beschädigungen, aber sehr viel besser als andere Texte aus der Bibliothek, deren Manuskripte ganz erhebliche »Löcher« und somit textliche Lücken aufweisen. Bedingt durch die nicht gerade perfekte unterirdische Lagerung über einen Zeitraum von fast zwei Jahrtausenden sind bei manchem der Texte manche Worte kaum oder gar nicht mehr zu entziffern, was wiederum zu Textlücken führt. »NHC V,2« ist vergleichsweise sehr gut lesbar.

»NHC« bietet wenig konkrete Angaben zur Entrückung des Paulus. Über seine Reise in immer höhere Sphären ist so gut wie nichts Näheres zu erfahren, nur dass es eben immer höher und höher geht. Zwischendurch scheint Paulus seine auf der Erde verbliebenen Mitapostel – wie auch immer – zu sehen. Im Kern besteht der Text der »Apokalypse des Paulus« aus einer Entrückung eines Menschen in immer größere Höhen des Himmels (Weltalls?), angereichert durch theologische Ergüsse. Wir können sie nach fast zwei Jahrtausenden nicht mehr wirklich verstehen.

Foto 5: Buchcover von Dr.
Zürners wichtigem Buch
Dr. Bernhard Zürner (*1931) hat zwei Bücher über Paulus geschrieben (13). In beiden Werken erweist sich als Theologe von Rang, mit zwei Büchern, die es verdient hätten, zum Klassiker zu werden. Mit detektivischem Spürsinn geht Dr. Bernhard Zürner dem historischen Paulus auf den Grund und offenbart Tatsachen, die Theologen oftmals nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Wer sich fundiert mit dem »Neuen Testament« auseinandersetzen will, der kommt an diesen Büchern nicht vorbei. Wer sich seriös über die Geschichte des Christentums informieren will, der muss diese Meilensteine der Theologie lesen. Beide Bücher sind spannend, packend, explosiv und sollten von jedem Theologiestudenten verschlungen werden. Es sind zwei Perlen theologischer Literatur, verfasst von einem Theologen, der keine Angst vor heißen Eisen hat.

Dr. Bernhard Zürner hält schon den kurzen Text über die Himmelsreise des Paulus im »Neuen Testament« (14) für keinen echten Erlebnisbericht. Vielmehr, und da sieht er sich im Konsens mit einschlägigen Forschern, basierten Pauli Entrückungsdaten auf zeitgenössischem Hintergrund. Dr. Bernhard Zürner erkennt (15), dass es diverse Entrückungsberichte diverser Autoren gab, die Paulus beim Abfassen seines Textes als Vorlage dienten. So nennt Dr. Bernhard Zürner eines der wichtigsten Kapitel seines Buches (16) »Himmlisches nach Vorlage«. Er kommt zu einem eindeutigen Ergebnis (17): »Da niemand nach Vorlage erleben kann, muß er das Erlebnis nach Vorlage fingiert haben; nicht nur als Entrückter, auch als Entrückungsliterat hat er sich nicht besonders anstrengen müssen.« Dr. Bernhard Zürner hält die »Apokalypse des Paulus« so schreibt er weiter, ebenso für fiktiv.

Unbekannte Verfasser, so Dr. Bernhard Zürner, hätten (18) »Pauli Paradiesentrückung weiter ausgemalt«. Mit anderen Worten: Paulus griff auf Vorlagen zurück, um seinen kurzen Text zu formulieren. Und andere Autoren schmückten den Text des Paulus noch weiter aus und schufen die »Apokalypse des Paulus«.

Foto 6:  Papyrus 46
mit einigen Versen aus dem
2. Korintherbrief. Foto wiki commons,
gemeinfrei
Ich neige auch zu der Annahme, dass Paulus keine »Entrückung« am eigenen Leibe erfahren hat. Es gab aber meiner Überzeugung Jahrtausende zuvor echte Entrückungen, sei es in ferne Länder, sei es in den Himmel. Auf Beschreibungen solcher Ereignisse hat Paulus oder ein unbekannter Verfasser zurück gegriffen. Darauf weist auch hin, dass im 2. Korintherbrief die Beschreibung der Entrückung in der dritten Person erfolgt, während im restlichen Text der Verfasser in der ersten Person schreibt.
Ich glaube nicht, dass Paulus aus übertriebener Bescheidenheit ein eigenes Erlebnis einem Namenlosen zuschreibt. Paulus trat ja auch sonst nicht gerade bescheiden auf, sondern hat gern seine große Bedeutung für die junge Christenheit unterstrichen.

Dr. Bernhard Zürner konstatiert (19): »Das heidnische Muster, das er benutzte und recht genau einhielt, brauchte er nur … abzuändern.« Paulus (oder sein »Ghostwriter«) hat, davon bin ich überzeugt, sehr viel ältere Texte gekannt und deren Muster strikt folgend seinen »Entrückungsbericht« verfasst. Im Gegensatz zu Dr. Zürner, den ich menschlich wie fachlich sehr schätze, glaube ich, dass der fiktiven Entrückung des Paulus sehr viel ältere reale Begebenheiten zugrunde liegen, die wirklich physisch erfolgt sind.


Foto 7: Auch Paulus wurde »entrückt«
(Illustration aus einer Bibelhandschrift um 850 n.Chr.)
Farblich verändert/ Collage/ Montage
Fußnoten
(1) Lüdemann, Gerd und Janßen, Martina: »Bibel der Häretiker/ Die gnostischen Schriften aus Nag Hammadi«, Stuttgart 1997, Seite 285, »Das Seelengericht«
(2) Ebenda, Seite 285, 26.-29. Zeile von oben
(3) 4. Buch Esra Kapitel 7, Verse 75-101
(4) Lüdemann, Gerd und Janßen, Martina: »Bibel der Häretiker/ Die gnostischen Schriften aus Nag Hammadi«, Stuttgart 1997, Seite 286, 1.-5. Zeile von oben
(5) Ebenda, Seite 286, 7., 9. Und 10. Zeile von oben
(6) Philonenko-Sayar, Belkis und Philonenko, Marc: »Die Apokalypse Abrahams«, erschienen als »Band V Lieferung 5« der Buchreihe »Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit«, Gütersloh 1982
Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seiten 13-39
(7) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Ebenda, Seite 20, 10. Kapitel,1+2
(8) Ebenda, Seite 21, X, 5
(9) Ebenda, Seite 25, XV 1, 4 und 5
(10) Ebenda, Seite 25, XV, 6
(11) Lüdemann, Gerd und Janßen, Martina: »Bibel der Häretiker/ Die gnostischen Schriften aus Nag Hammadi«, Stuttgart 1997, Seite 286, 17. Zeile von oben
(12) Ebenda, Site 287, 8.-1 Zeile von oben
(13) Zürner, Dr. Bernhard: »Die Pauluslegende/ Hundert Enthüllungen«, Ulm ohne Jahresangabe
Zürner, Bernhard: »Paulus ohne Gott«, Bonn 1996
(14) 2. Korintherbrief Kapitel 12, Verse 1-6
(15) Zürner, Dr. Bernhard: »Die Pauluslegende/ Hundert Enthüllungen«, Ulm ohne Jahresangabe
(16) Ebenda, »Himmlisches nach Vorlage«, Seiten 93-102
(17) Ebenda, Seite 97, 11.-8. Zeile von unten
(18) Ebenda, 4. Und 3. Zeile von unten
(19) Ebenda, Seite 101, 15.-13. Zeile von unten

Zu den Fotos
Fotos 1,3 und 4: Apostel Paulus war über Jahrhunderte hinweg ein beliebtes Motiv vieler Ikonen. Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Auch Paulus wurde »entrückt« (Illustration aus einer Bibelhandschrift  um 850 n.Chr., künstlerisch umgestaltete Collage). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 5: Buchcover von Dr. Zürners wichtigem Buch. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 6:   Papyrus 46 mit einigen Versen aus dem 2. Korintherbrief. Foto wiki commons, gemeinfrei
Foto 7: Auch Paulus wurde »entrückt« (Illustration aus einer Bibelhandschrift um 850 n.Chr.) Farblich verändert/ Collage/ Montage


555. »Der Kardinal, der Biologe und der liebe Gott«,
Teil 555 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 06. September 2020



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Sonntag, 23. August 2020

553. »Paulus und die Bibliothek von Nag Hammadi«

Teil 553 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Auch Paulus wurde »entrückt«.
Illustration aus einer Bibelhandschrift,
entstanden um 850 n.Chr., für »Monstermauern, Mumien
und Mysterien« künstlerisch umgestaltet.

Von Paulus, da haben die Theologen keinen Zweifel, weiß das »Neue Testament« zu berichten, dass er »in den dritten Himmel entrückt« wurde. Aber steht dies wirklich so im kurzen Text des »Neuen Testaments«, auf den sich alle Theologen beziehen?

Dogmatiker der religiösen wie der wissenschaftlichen Art tun gern so, als seien sie im Besitz DER Wahrheit. Geistliche der drei großen monotheistischen Religionen verkünden mit demonstrativer Selbstsicherheit DIE Wahrheit. Dabei postuliert die Bibel durchaus manchmal nur mögliche Antworten.

Wissen wir wirklich, dass Paulus »entrückt« wurde? Geht das eindeutig aus dem kurzen Text im 2. Korintherbrief hervor?

Im »Neuen Testament« finden wir insgesamt dreizehn Briefe, die Paulus von Tarsus als Verfasser nennen. Nur sieben davon gelten als echt. Demnach hat Paulus den 1. Thessalonicherbrief, den 1. und 2. Korintherbrief, den Galaterbrief, den Römerbrief, den Philipperbrief und den Philemonbrief selbst geschrieben. Umstritten ist, ob der Kolosserbrief, der Epheserbrief und der 2. Thessalonicherbrief von Paulus selbst oder von einem seiner Schüler stammen.

Entstanden sind die Paulusbriefe in den Jahren 48 bis 61 n.Chr. Den 2. Korintherbrief hat Paulus gemeinsam mit seinem Schüler Timotheus im Jahr 56 n.Chr. geschrieben. Lesen wir im 2. Korintherbrief den kurzen Passus über die »Entrückung« (1):

Foto 2: Auch Paulus wurde »entrückt«.
Illustration aus einer Bibelhandschrift,
entstanden um 850 n.Chr., für »Monstermauern, Mumien
und Mysterien« künstlerisch umgestaltet.

»Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es nicht; Gott weiß es –, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es –, der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann.«

Etwas zeitgemäßeres Deutsch bietet die »Elberfelder Bibel«: »Ich kenne einen Menschen, der mit Christus eng verbunden ist. Vor vierzehn Jahren wurde er in den dritten Himmel entrückt. Gott allein weiß, ob dieser Mensch leibhaftig oder mit seinem Geist dort war. Und wenn ich auch nicht verstehe, ob er sich dabei in seinem Körper befand oder außerhalb davon – das weiß allein Gott –, er wurde ins Paradies versetzt und hat dort Worte gehört, die für Menschen unaussprechlich sind.«


Foto 3: Auch Paulus wurde »entrückt«.
Illustration aus einer Bibelhandschrift,
entstanden um 850 n.Chr., für
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
künstlerisch umgestaltet.
Paulus berichtet von einem Menschen, den er angeblich kennt, aber nicht benennt. Dieser Mensch wurde, so Paulus, »vor vierzehn Jahren« entrückt, also wohl im Jahr 42 n.Chr. Wer aber war der Mensch, der da »entrückt« wurde? Die Passage über die »Entrückung« wirkt fast wie ein Fremdkörper im Text. Warum schildert er das Erlebnis eines namenlosen Fremden? Während Paulus sonst immer in der Ich-Form schreibt, formuliert er hier in der dritten Person. Warum? Vielleicht aus Bescheidenheit? Will er sich nicht selbst des Erlebnisses der Entrückung rühmen und schreibt es deshalb einem Dritten zu? So kann man den Vers verstehen, den Paulus der Entrückungsstory voranstellt (2): »Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn.«

Epiphanios von Salamis (* um 315; †403), Bischof von Konstantia (Salamis) auf Zypern, stellte eine Liste von 80 Lehren zusammen, die seiner Meinung nach im Widerspruch zu kirchlich-religiösen Glaubensgrundsätzen stehen. Er veröffentlichte das Ergebnis seines theologischen Sammlerfleißes als »Hausapotheke gegen die Schlangenbisse der Häresie«.

In Kapitel 38 attackiert Epiphanios von Salamis die Sekte der Kainiten, die Brudermörder Kain als ihren »Messias« ansehen. In diesem Kapitel erwähnt er ein (3) »kurzes Werk im Namen des Apostels Paulus, voll unaussprechlicher Gräuel, das die sogenannten Gnostiker verwenden und eine ›Himmelfahrt des Paulus‹ nennen.« In diesem Werk, so lesen wir weiter sei die Aussage des Apostels Paulus zu finden, »er sei in den Himmel aufgestiegen und habe unbeschreibliche Worte vernommen, die der Mensch vielleicht nie spricht.« Epiphanios von Salamis verurteilt »Himmelfahrt des Paulus« als Häresie, als Irrlehre.

Nach dem Kreuzestod Jesu entwickelte sich aus der Anhängerschaft des Mannes aus Nazareth eine kleine jüdisch-christliche Sekte, die sich zur christlichen Glaubensgemeinschaft mauserte. Es entstanden Texte über den jungen Glauben und man stritt heftig, was dem »wahren Glauben« entsprach und was als »böse Ketzerei« anzusehen war. Die Werke der »Ketzer« wurden wohl gezielt vernichtet oder verschwanden irgendwie spurlos. Über viele Jahrhunderte gab es so gut wie keine »ketzerischen« Texte mehr. Nur in den Angriffen auf Denken und Schreiben der »Ketzer« tauchten da und dort, wie im »Panarion des Epiphanius (Epiphanios)«, Zitate auf.

Aber dann fanden Bauern im Dezember 1945 in der Nähe des kleinen ägyptischen Ortes Nag Hammadi dreizehn in Leder gebundenen Papyrus-Kodizes. Die 53 Manuskripte wurden auf die erste Hälfte des 4. nachchristlichen Jahrhunderts datiert, ursprünglich verfasst wurden sie aber bereits im 1. und 2. Jahrhundert n.Chr. Wir wissen bis heute nicht, wer diese Bibliothek zusammengetragen hat. Waren es Anhänger einer jungen Gemeinschaft von Gnostikern? Oder sollten sie den Gegnern der frühen »Ketzer« als Anschauungsmaterial dienen, welche Lehren als Irrlehren zu gelten hatten?

 Vermutlich wussten damals viele Anhänger der jungen christlichen Kirche nicht wirklich, wer nun ein Rechtgläubiger und wer einer ketzerischen Sekte angehörte. Eine deutsche Gesamtübersetzung der Texte von Nag Hammadi liegt inzwischen in einem dickleibigen Band vor (5).

2020 n. Chr. gibt es offensichtlich unterschiedliche Ansichten, wie wahrer christlicher Glaube auszusehen hat. Kardinal Reinhard Marx (*1953) erregte mit seinem Bestseller »Freiheit« (4) in einer immer säkularer werden Welt Aufsehen. Kardinal Marx, bis 2020 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, moniert, dass die Kirche im Laufe ihrer Geschichte nicht immer auf der Seite der Freiheit gestanden habe. Er will »Ballast über Bord werfen«. Für viele Zeitgenossen ist er ein Erneuerer der katholischen Kirche, für viele andere indes zerstört er den »wahren Glauben«.

Während sich Kardinal Marx sicher als getreuer Vertreter des wahren Katholizismus sieht, predigt er für andere eine Abkehr vom Evangelium, ja von Gott. Es wird die Befürchtung laut, dass mit dem Abwurf vermeintlichen »Ballasts« zentrale Lehren der katholischen Kirche aufgegeben werden. Die einen fordern angeblich längst überfällige Neuerungen wie die Abschaffung des Zölibats und die Zulassung der Priesterweihe für Frauen, für die anderen wäre das aber ein populistischer Verzicht auf zentrale Glaubensinhalte und Abkehr vom wahren katholischen Glauben. Meiner Meinung nach wird eine »Erneuerung« aus modisch-populistischen Gründen Kirche keineswegs attraktiver, sondern unglaubwürdiger machen.

Foto 4: Ein Textteilstück
aus der Bibliothek von Nag Hammadi.
In der gnostischen »Bibliothek« von Nag Hammadi fand sich »Die Apokalypse des Paulus« (6). Heute gilt für viele Paulus als der wahre »Vater« des Christentums, Tertullian war da ganz anderer Ansicht. Quintus Septimius Florens Tertullianus, kurz Tertullian (* nach 150; † nach 220), gilt als der erste lateinische Kirchenschriftsteller. In seiner Streitschrift »Adversus Marcionem« teilt er tüchtig gegen Marcion aus. Marcion, geboren im späten 1. Jahrhundert nach Christus, verstorben um 160 n.Chr., war noch im zweiten Jahrhundert ein einflussreicher Theologe, der die Entwicklung des Christentums als Kirche stark hätte beeinflussen können. Doch Marcions Lehren wurden schließlich als ketzerisch und irreführend verworfen. In (7) »Adversus Marcionem« bezeichnet Tertullian Paulus als »haereticoum apostulos«, also als »Apostel der Haeretiker«, als »Apostel der Ketzer« (8).

Ob es sich bei der »Apokalypse des Paulus« von Nag Hammadi um die von Epiphanios von Salamis als häretisch bezeichnete gnostische Schrift »Himmelfahrt des Paulus« handelt? Das mag, muss aber nicht so sein. Gerd Lüdemann und Martina Janßen (9): »Es ist prinzipiell davon auszugehen, daß mehrere verschiedene Paulusapokalypsen im Umlauf gewesen sind.« Ich glaube nicht, dass die »Apokalypse des Paulus« von Nag Hammadi identisch ist mit dem Text »Himmelfahrt des Paulus«, den Epiphanios von Salamis erwähnt. Nach Epiphanios fuhr Paulus hoch in den dritten Himmel, in der Paulusapokalypse die kosmische Reise im dritten Himmel erst richtig in Fahrt kommt und Paulus bis in den zehnten Himmel gelangt.

Im 2. Korintherbrief heißt es, dass ein Mensch (Paulus oder ein anderer) bis in den dritten Himmel entrückt worden sei. Paulus nennt nicht den Namen dieses Entführten und er gibt sich nicht als der Mensch zu erkennen, der »vor vierzehn Jahren« bis in den dritten Himmel geschafft wurde. Dort habe sich das Paradies befunden. Auch in der »Apokalypse des Paulus« geht es zunächst auch bis in den dritten Himmel, dann aber wird die kosmische Reise fortgesetzt (10): »Darauf entrückte der heilige Geist, der mit ihm gesprochen hatte, ihn nach oben bis in den dritten Himmel, und er schritt hindurch zu dem vierten Himmel.«

Fußnoten
(1) 2. Korintherbrief Kapitel 12, Verse 2-4 (»Luther Bibel 2017«)
(2) Ebenda, Vers 1
(3) Williams, Frank: »The Panarion of Epiphanius of Salamis/ Band 1 Sections 1-46«, 2., überarbeitete und erweiterte Ausgabe, Leiden und Boston, Dezember 2009, Seite 270, 38, 2,5
»The Panarion of Epiphanius of Salamis A Treatise Against Eighty Sects in Three Books«,  Buch 1, Sekten 1-46, basierend auf den Übersetzungen ins Englische von Frank Williams 1987-2009
https://think-and-discern.com/2015/02/27/panarion-of-epiphanius-of-salamis-book-1/
(Stand 30.05.2020)
(4) Marx, Reinhard: »Freiheit«, München 2020
(5) Lüdemann, Gerd und Janßen, Martina: »Bibel der Häretiker/ Die gnostischen Schriften aus Nag Hammadi«, Stuttgart 1997
(6) Ebenda, Seiten 281-287
(7) »Tertullian adversus Marcionem« 3,5,4
(8) Literaturempfehlung! Harnack, Adolf von: »Marcion. Das Evangelium vom Fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche. Neue Studien zu Marcion«, Nachdruck, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1985, Ersterscheinung Leipzig 1924
(9) Lüdemann, Gerd und Janßen, Martina: »Bibel der Häretiker/ Die gnostischen Schriften aus Nag Hammadi«, Stuttgart 1997, Seite 281, 20.+21. Zeile von oben. Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen und nicht nach der Rechtschreibeform verschlimmbessert.
(10) Ebenda, Seite 284, 9.-7. Zeile von unten


Zu den Fotos
Fotos 1-3: Auch Paulus wurde »entrückt«. Illustration aus einer Bibelhandschrift, entstanden um 850 n.Chr., für »Monstermauern, Mumien und Mysterien« künstlerisch umgestaltet. Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Ein Textteilstück aus der Bibliothek von Nag Hammadi. Foto wiki commons gemeinfrei.

554. »… und ich sah ein großes Licht bis in den sechsten Himmel hinunterscheinen.«,
Teil 554 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 30. August 2020



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Sonntag, 16. August 2020

552. »Paulus wurde entrückt und altindische Vimanas«

Teil 552 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2:
Auch Paulus wurde »entrückt«
(Illustration aus einer Bibelhandschrift
um 850 n.Chr.).
(Freie künstlerische Gestaltung
der alten Vorlage!)
Von Paulus, da haben die Theologen keinen Zweifel, weiß das »Neue Testament« zu berichten, dass er »in den dritten Himmel entrückt« wurde (1). »Wie viele Himmel gibt es?« fragt Matthias Herrchen in seinem Werk »Das Buch vom Himmel« (2) und geht auf Entrückungen ein: »Eine andere vage Andeutung findet sich in Hebräer (Kapitel) 4, (Vers)14. Dort heißt es, dass unser Hohepriester Jesus die Himmel (Mehrzahl) durchschritten hat. Im Alten Testament steht das Wort für Himmel immer in der Mehrzahl.«

Wenn wir uns mit »Entrückungen« von Menschen in den Himmel (moderner ausgedrückt: Entführungen von Menschen ins All) beschäftigen, dann müssen wir uns vor Augen führen, dass die entsprechenden Texte bereits Interpretationen von wahrscheinlich sehr viel älteren Beschreibungen von mysteriösen Geschehnissen sind. Sie verraten uns Grundsätzliches, nämlich dass Menschen physisch in den Himmel (ins All?) geholt wurden.

In der Welt des »Alten Testaments« scheint die »Himmelfahrt« ein vertrautes Bild gewesen zu sein. Gott, so heißt es da, kam vom Himmel herab, wie es Moses als Augenzeuge beglaubigt: (3): »Da kam der HERR hernieder in einer Wolke und trat daselbst zu ihm. Und er rief aus den Namen des HERRN.« Und da fuhr Gott auch wieder empor in den Himmel, wie der Psalmist schreibt (4): »Gottes Wagen sind vieltausendmal tausend; der Herr ist unter ihnen, der vom Sinai ist im Heiligtum. Du bist aufgefahren zur Höhe…«

Himmelfahrten, so scheint mir, waren den Verfassern des »Alten Testaments« vertrauter als sich selbst Theologen vorstellen können. Mir scheint, dass die Autoren der Schriften des »Alten Testaments« Textfragmente aus älteren Zeitepochen übernahmen und in ihre Texte einfließen ließen, vermutlich ohne sich das Geheimnis einer »Himmelfahrt« vorstellen zu können. Offenbar haben sie diese Texte eingebaut, wenn es darum ging, die Macht und Herrlichkeit Gottes zu beschreiben.

Ich halte es für möglich, dass unbegreifbare Textfragmente dem einen oder anderen Autoren des »Alten Testaments« als besonders geeignet erschienen sind, um die Unfassbarkeit des Allmächtigen zu illustrieren. Sie wollten gewiss, dass ihre Leserinnen und Leser staunten. Das »Buch Daniel« entstand im zweiten Jahrhundert vor Christus, vermutlich während der akuten Verfolgung des Judentums durch Antiochos IV. (167–164 v. Chr.). Auch bei Daniel geht es um eine Himmelfahrt, die so fantastisch anmutete, dass sie der Autor vor über zwei Jahrtausenden nur als »Vision« für möglich und zumutbar halten konnte (5): »Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht.«

Das Thema »Himmelsreisen« ist bis heute nur unzulänglich erforscht. Hinweise auf solche Exkursionen gibt es ganz offensichtlich in sehr viel größerem Umfang als wir ahnen. Da gibt es zum Beispiel die »Himmelsreise der Nonne Anastasija« (6), von der »gegenwärtig mindestens vierzehn südslavische Textzeugen aus dem Zeitraum von 1380 bis 1812« existieren. Diese Texte »sind bislang nicht systematisch studiert worden, und eine Textedition fehlt noch immer«, stellt Julian Petkov fest (7). Die slavische Fassung weicht von byzantinischen Versionen ab und geht auf eine »verloren gegangene Vorlage« zurück. Gar nicht untersucht wurde, wann eine Urfassung der »Himmelsreise« entstanden sein mag, die sich ausschließlich auf die Beschreibung der Exkursion in hohe Gefilde beschränkte und nicht theologisch interpretierte. Auch scheint es keinem theologischen Wissenschaftler je in den Sinn gekommen zu sein, altslavische Texte wie »Der Kampf Michaels mit Satanael« wirklich gründlich zu erforschen.

Fotos 1 und 2:
Auch Paulus wurde »entrückt«
(Illustration aus einer Bibelhandschrift
um 850 n.Chr.).
(Freie künstlerische Gestaltung
der alten Vorlage!)
Da weigert sich Engel Satanael, sich vor dem Ur-Adam niederzuwerfen, so wie Gott das von ihm fordert. Satanaels Opposition gegen Gott wird subversiv. Satanael begnügt sich nicht mit Protest, er will so mächtig werden wie Gott selbst und verlässt mit einer eigenen Engelschar Gottes himmlisches Lager. 40.000 Dämonen schützen Satanael, der im Zentrum seines Lagers thront und eine eigene Schöpfung kreiert. Was ist gemeint, wenn der altslavische Text berichtet, Satanael habe »finstere Himmel« mit »finsteren Sternen« erschaffen? Sollte hier das Wissen um »schwarze Löcher« anklingen, das der Verfasser des altslavischen Textes nicht verstehen konnte?

»Der Kampf Michaels mit Satanael« mutet fantastisch an und bietet viel Material an, über das allenfalls spekuliert werden kann. Wir erfahren, dass Engel Michael gesandt wird, um Satanael zu bekämpfen. Es kommt zum kosmischen Kampf zwischen Michael und Satanael. Satanaels himmlisches Heer muss sich zurückziehen, Satanael allerdings ist nicht geschlagen. Michael gibt vor, sich auf Satanaels Seite zu schlagen und wird mit einem eigenen Thron für seinen vermeintlichen Verrat belohnt.

Gott selbst greift ein (8): »Auf Gottes Anordnung setzt die brennende Sonne das Reich des Antichrist in Brand, Michael wird aber durch eine unsichtbare Wolke beschützt. Beide sehen sich zum fluchtartigen Rückzug zu einem kühlen See gezwungen.« Satanael wir schließlich »mit Hilfe einer Eisdecke gefangengenommen«. Damit ist der kosmische Engelskampf nicht beendet. Satanael gelingt es, sich zu befreien. Er verfolgt Michael, der sich offenbar in himmlische Gefilde zurückzieht. Gott untersagt es Michael, Satanael zu töten.

Mich erinnern die Texte über Himmelsreisen an altindische Mythologien, die freilich sehr viel ausführlicher und konkreter über Himmelsreisen berichten.

Ende 1995 reiste ich mehrere Wochen durch Indien. Ich besuchte verschiedene Bibliotheken, in denen die »heiligen Bücher« des Landes aufbewahrt werden. Zu den interessantesten Texten gehört ohne Zweifel das »Vymaanika Shaastra«, dessen Urfassung nach Überzeugung von Gelehrten wie Professor Dr. Kumar Kanjilal (*1933) »Jahrtausende alt« sein soll.

Foto 3: Ein altindisches »Vimana« (nach Prof. Kanjilal).
Professor Dr. Kumar Kanjilal wurde im »Sanskrit College« von Kalkutta ausgebildet. Er studierte in Oxford und wurde Rektor des hoch angesehenen »Victoria College« von Coochbehar in Westbengalen. Der geachtete Wissenschaftler wurde zum Ehrenmitglied der »Asiatischen Gesellschaft« ernannt und erhielt einen Lehrstuhl an der Universität von Kalkutta. Professor Dr. Dileep Kumar Kanjilal  verfasste ein wichtiges Werk über die Flugapparate im alten Indien: »Vimana in Ancient India«.
    
Ich lernte den stets freundlichen, zierlich wirkenden Wissenschaftler von internationalem Rang erstmals anno 1979 kennen. Damals hielt er, wie auch ich, einen Vortrag auf der Weltkonferenz der »Ancient Astronaut Society« in München. Ich sprach damals über meine Arbeiten im Bereich der wortwörtlichen Übersetzung biblischer Texte.

Viele altindische Texte, so versicherte mir Prof. Kanjilal, berichten immer wieder, dass einst Götter zur Erde kamen, um die Menschen zu studieren. Um nicht aufzufallen, tarnten sie sich dabei als Menschen. Himmelsfahrzeuge,  »Vimanas« genannt,  waren nach den Berichten der alten Texte alles andere als selten. Allein in der Schilderung von Arjunas Reise durch zahlreiche himmlische Regionen und sternenreiche Gefilde des Firmaments wurden Hunderte von Himmelsschiffen gesichtet. Die Götter mit ihren riesigen Himmelsschiffen waren, so lauten uralte Überlieferungen, zumindest zeitweise verfeindet und kämpften mit fantastisch anmutenden Waffen. Klingen im Kampf zwischen Satanael und Michael, in den sich schließlich auch Gott einmischt, an kosmische Kriege vor Ewigkeiten?

Schon vor Jahrtausenden zogen riesige Weltraumstädte, sich um die eigene Achse drehend, durchs Universum. Ganze Völker mögen so die Reise in die Unendlichkeit angetreten haben. War es die Sehnsucht nach den Weiten des Alls, die die Bewohner fremder Welten die Reise antreten ließ? Oder wurden sie zu diesem Schritt gezwungen, weil ihr Heimatplanet durch eine Naturkatastrophe zu einem Atlantis des Weltalls geworden war?

Im altindischen Epos »Krsnayajuveda« wurden um 3000 v. Chr. ältere Textteile zu einem neuen Ganzen verwoben. Niemand weiß, wann die ältesten Vorlagen entstanden. Das »Krsnayajuveda« geht auf den kriegerischen Aspekt der Riesenstädte im All ein.

Mich erinnern die kosmischen Kämpfe zwischen Satanael, Michael und Gott an Kämpfe altindischer Götter, die wie Kriege im Weltall anmuten. So heißt es, dass der Sternenkrieger Rudra seine Geheimwaffe einsetzte, um andere, bis dahin als unüberwindbar geltende Weltraumstädte anderer Götter zu vernichten. Er feuerte einen mächtigen »Pfeil« ab, dem eine ganz besondere Kraft innewohnte. Sie bestand aus der »Hitze des Feuers« und den »Strahlen des Mondes«. Sollte es sich um eine reale (nukleare?) Waffe gehandelt haben? (9)

Selbst kundige Übersetzer der heiligen Sanskrittexte begehen, so Prof. Kanjilal, gravierende Fehler, wenn sie es nicht für möglich halten, dass schon vor Jahrtausenden riesige Weltraumstädte um die Erde kreisten. Prof. Kanjilal monierte, dass dann aus Kämpfen zwischen Weltraumstädten im All leicht Gefechte zwischen Städten auf der Erde werden. Übersetzer, die nichts von der Weltraumtechnologie der alten Götter wissen wollen, machen dann aus »Kämpfen in der Luft mit fliegenden Wagen« irdische »Kämpfe auf den Bergeshöhen mit Wagen«.

Foto 4: Ein weiteres altindisches Vimana
(nach Prof. Kanjilal).
Fußnoten
(1) 2. Korinther Kapitel 12, Verse 2-4, »Luther Bibel 2017«
(2) Herrchen, Matthias: »Das Buch vom Himmel«, Witten 2012, siehe Kapitel »Wie viele Himmel gibt es?«
(3) 2.Buch Mose Kapitel 34, Vers 5, »Luther Bibel 2017«
(4) Psalm 68, Vers 18 und 19, »Luther Bibel 2017«
(5) Daniel Kapitel 7, Verse 9-14, zitiert habe ich Vers 13, »Luther Bibel 2017«
(6) Petkov, Julian: »Altslavische Eschatologie: Texte und Studien zur apokalyptischen Literatur in kirchenslavischer Überlieferung«, Tübingen 2016, Seiten 246 und 247
(7) Ebenda, Seite 246, »Slavische Texte«
(8) Ebenda, Seite 298, »Die Plage der Sonne«
(9) Kanjilal, Prof. Dr. Dileep Kumar: »Vimana in Ancient India. Aeroplanes or Flying Machines in Ancient India«, Übersetzung aus dem Englischen von Julia Zimmermann, Bonn 1991, Privatdruck, Seiten 43 u. 44
Kanjilal, Prof. Dr. Dileep Kumar: »Fliegende Maschinen und Weltraumstädte im antiken Indien« in Fiebag, Johannes und Peter: »Aus den Tiefen des Alls«, Tübingen 1985, S. 127-147

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Auch Paulus wurde »entrückt« (Illustration aus einer Bibelhandschrift um 850 n.Chr.). (Freie künstlerische Gestaltung der alten Vorlage!) Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Ein altindisches »Vimana« (nach Prof. Kanjilal). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Ein weiteres altindisches Vimana (nach Prof. Kanjilal). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein


553. »Paulus und die Bibliothek von Nag Hammadi«,
Teil 553 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 23. August 2020



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Sonntag, 6. November 2016

355 »Kunigundes Kopf«

Teil  355 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2: Das Sonnenloch
Wir stehen vor dem Ostchor des Bamberger Doms. Zu unserer Linken sehen wir die »Adamspforte«, zu unserer Rechten die »Marienpforte«. Betrachten wir die steinerne Wölbung des Ostchors genauer, so fällt uns in der Mitte zwischen zwei »Säulen« eine kreisrunde Öffnung im Mauerwerk auf. Man bezeichnet dieses lukenartige Fensterchen auch als »Sonnenloch«. (Siehe Fotos 1 und 2!) Wikipedia definiert den Ausdruck »Sonnenloch« wie folgt: »Als Sonnenloch wird eine Öffnung in manchen alten Kirchen und Kapellen bezeichnet, die an der Ostseite angebracht ist und durch die zu bestimmten Zeiten des Jahres (meistens ist es die Tagundnachtgleiche im März und September) das Sonnenlicht auf eine bestimmte Stelle der gegenüberliegenden Kirchenwand fällt und dort einen hellen Fleck oder auch ein Kreuz bildet.« Wikipedia illustriert diesen kurzen Artikel mit einem Foto des Sonnenlochs am Bamberger Dom.

Vor Ort erkundigte ich mich bei einem Geistlichen, der eine Gruppe japanischer Touristen führte, nach der Bedeutung des »Sonnenlochs«. Er erklärte mir: »Am 29. Juni, dem Namenstag des heiligen Apostels Petrus« strahlt die Sonne für wenige Minuten durch diese kleine Öffnung und es taucht dann ein gleißender Lichtfleck auf dem Hauptaltar des Paulus im Westflügel auf!« Ich bat den Priester um ein kurzes Interview zum Thema, was er aber vehement ablehnte. Er erklärte mir, immer ärgerlicher werdend, dass »Sonnenlöcher« in christlichen Gotteshäusern für so manchen Theologen ein Tabuthema seien. »Sonnenlöcher werden oft als heidnisch angesehen, als Hinweis auf eine astronomische Ausrichtung der Kirchen, Kapellen und Dome.«

Foto 3: Die Belsener Kirche

So gab es zum Beispiel, wie ich erfuhr, in der Belsener Kirche, auch Belsener Kapelle (1) genannt, ein »Sonnenloch«.  Das rätselhafte kleine Gotteshaus entstand um 1150, und zwar auf den Fundamenten einer wesentlich älteren Kapelle.  Anno 1752 zierten einen Giebel der Kapelle gleich drei Sonnen. Sie sollen die Auferstehung Christi symbolisieren. Anno 1784 erschien in Stuttgart das Buch »Topographische Geschichte des Herzogthums Würtemberg« von Christian Friedrich Sattler. Es enthielt vor Seite 309 eine präzise Zeichnung des Giebels. Freilich wird da die Kapelle als »Tempel« bezeichnet und die merkwürdigen Darstellungen wurden als »Götzenbilder« tituliert.

Unverkennbar ist der Hinweis auf eine ursprünglich heidnische Bedeutung der Darstellungen. Auf der Homepage der »Ev. Kirchengemeine Belsen« lesen wir: »Bekannt ist die jetzige Kirche vor allem durch die geheimnisvollen und viel gedeuteten Reliefs am Westgiebel. Die drei »Sonnen« fielen den Witterungseinflüssen zum Opfer und sind längst verschwunden. Das Sonnenloch selbst wurde von außen geschlossen, von innen ist es aber noch zu erkennen. Computersimulationen bestätigten die Realität der Lichterscheinung. Zur Tag- und Nachtgleiche zauberte es auf der gegenüberliegenden Seite im Westen ein »Kreuz aus Lichtbalken«. Auf heidnische Wurzeln deutet eine keltische Viereckschanze im Süden von Belsen.

Von Belsen zurück nach Bamberg: Nach offizieller Lesart diente das »Sonnenloch« vom Bamberger Dom nicht, wie der Name suggeriert, um Sonnenstrahlen durchzulassen. Ein Reliquienschrein habe sich im Inneren des Doms direkt hinter der Öffnung in der Mauer befunden. Licht konnte also nicht von außen in das Gotteshaus fallen. Vielmehr sollen aus dem Inneren des Gotteshauses ganz besondere »Strahlen« auf Bamberg gefallen sein. Und die gingen nicht von der Sonne aus, sondern kamen aus dem Reliquienschrein, der den Schädel der heiligen Kunigunde beherbergte. Kunigunde, etwa 980 im heutigen Luxemburg geboren, um 1033 verstorben, Gattin Heinrich II., Mitbegründerin des ursprünglichen Doms, wurde im Jahr 1200 von Papst Innozenz III. heiliggesprochen. Erst anno 1513 vollendete kein Geringerer als Tilman Riemenschneider im Dom zu Bamberg das Grabmal des kaiserlichen Paares.

Fotos 4 und 5: Der Kaisersarg
Im Gespräch mit einer Pilgergruppe aus Altötting wurde mir klar, welch großer Beliebtheit sich die Heilige Kunigunde auch heute noch erfreut. Sie überstrahlt ihren bei weitem nicht so verehrten Gatten Heinrich II. (2). Im Lauf der Jahrhunderte rückte sie fast an die Seite der Gottesmutter Maria, als »Königin und Jungfrau« nimmt sie eine ganz besondere Position im Himmel ein. Der Legende nach bezichtigte man die Kaiserin der ehelichen Untreue. Um ihre Unschuld zu beweisen, bestand sie auf einem Gottesurteil. (Siehe Fotos 6 und 7!)

Sie lief, so heißt es, über rotglühende Pflugscharen – und blieb unverletzt. Nach einer Variante der Legende schritt sie nicht über Eisen, sondern über glühende Kohlen.

Im Volksglauben sah man wohl schon früh zwischen der Gottesmutter Maria und Kunigunde Parallelen. Letztere konnte als irdische Herrscherin durchaus ein wenig mit Maria (»Himmelskönigin«) verglichen werden. Ob freilich Kunigunde tatsächlich – wie dem katholischen Glauben nach Maria – ewige Jungfrau blieb, das sei dahingestellt. Kinderlos war die Ehe von Heinrich II. und Kunigunde allerdings. Ob freilich das kaiserlich Ehepaar wirklich aus religiösen Gründen auf Intimitäten verzichtete, oder ob es medizinische Gründe für den fehlenden Nachwuchs gab? Wir wissen es nicht.

Kunigundes Schädel wurde jedenfalls als besonders kraftvolle Reliquie angesehen, die durch das vermeintliche »Sonnenloch«  hindurch segensreichen Einfluss auf die Bewohnerinnen und Bewohner von Bamberg haben sollte. Eine andere Reliquie der Heiligen Kunigunde – vermutlich ein Stück des Oberschenkelknochens – gelangte irgendwann auf unbekanntem Wege nach Florenz und wird im Museum der Medicikapellen  in einem kostbaren Reliquiar aus geschliffenem Bergkristall verwahrt. Vorübergehend stellte das Museum die Reliquie dem Bamberger Dom als »Leihgabe« zur Verfügung.

Fotos 6 und 7: Kunigundes Gottesurteil
Polykarp von Smyrna (etwa 69-155) wird von der katholischen und orthodoxen Kirche als Märtyrer verstanden und als Heiliger verehrt. Nach kirchlicher Überlieferung kannte Polykarp die Jünger Jesu noch persönlich. Wie Jesus war er den Römern suspekt, wurde verhaftet und der grölenden Menge zur Ermordung ausgehändigt. Er sollte auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden, so besagt es die fromme Legende. Als aber die heißen Flammen keinerlei Wirkung bei dem 86-jährigen Greis zeigten, wurde er kurzerhand erstochen. Die sterblichen Überreste Polykarps wurden von der jungen christlichen Gemeinde als heilig angesehen. Sie wurden zu den ersten  Reliquien der Christenheit. Heute befinden sie sich auf dem Hochaltar der Kirche Sant’Ambrogio della Massima.

Luther wetterte 1524 gegen Reliquien in seiner Schrift »Wider den neuen Abgott und alten Teufel«. Auslöser für Luthers Tiraden war die Verehrung, die den Gebeinen des heiliggesprochenen ehemaligen Bischofs Benno von Meißen (1010-1106) zuteilwurden. Derlei Knochen waren für Luther nur »tot Ding« (tote Dinge). Ob Luther nicht bekannt war, dass die segensreiche Wirkung von Reliquien bereits im Alten Testament beschrieben wird? Im 2. Buch Könige (3) lesen wir: »Als aber Elisa gestorben war und man ihn begraben hatte, fielen streifende Rotten der Moabiter ins Land Jahr um Jahr. Und es begab sich, dass man einen Mann zu Grabe trug. Als man aber einige Leute von ihnen sah, warf man den Mann in Elisas Grab. Und als er die Gebeine Elisas berührte, wurde er lebendig und trat auf seine Füße.«

Fotos 8-10: Kunst am Kaisersarg
Im Lauf der Jahrhunderte wurden Reliquien klassifiziert. Als Reliquien erster Klasse gelten die toten Leiber von Heiligen oder Teilstücke davon, zum Beispiel Haare oder Knochen. Reliquien zweiter Klasse sind Gegenstände, die in direkten Kontakt mit lebenden Heiligen hatten, zum Beispiel Gewänder oder Folterinstrumente. Reliquien dritter Klasse sind Objekte, die in Kontakt mit Reliquien erster Klasse gekommen sind. Mit solchen Reliquien wurde zeitweise ein schwunghafter Handel betrieben. Sie konnten beliebig hergestellt werden, indem man – zum Beispiel – Papier-  oder Stoffschnippselchen  kurz auf Knochen eines Heiligen legte. Speziell in Südeuropa werden derlei Reliquien von niederem Rang an Wallfahrtsorten an Pilger – etwa in Verbindung mit Heiligenbildchen – verkauft.

Heilende Wirkung von Reliquien der zweiten Klasse wird im Neuen Testament beschrieben. Ob auch dieser biblische Beleg dem Reformator Luther unbekannt war? Dem Stoff, der mit dem Paulus in Berührung gekommen war, haftete nach frühchristlichem Glauben noch dessen Heiligkeit an und ließ Kranke gesund werden (4): »So hielten sie auch die Schweißtücher und andere Tücher, die er auf seiner Haut getragen hatte, über die Kranken, und die Krankheiten wichen von ihnen und die bösen Geister fuhren aus.«

In Sachen »Heiligenverehrung« unterschied sich die junge christliche Kirche stark von der heidnischen Konkurrenz. Ein Mensch mochte zu Lebzeiten noch so heilig gewesen sein, nach seinem Tod galt für die Menschen der heidnischen Antike sein Leichnam als unrein, ja als gefährlich, und zwar aus Gründen der Hygiene.

Foto 11: Vitus-Reliquiar von Corvey

Mir begegneten Reliquien immer wieder auf meinen Reisen, zum Beispiel in Corvey. In Kairo wurden mir gar mehrere kleine einige Lederfetzen zum Kauf angeboten, die angeblich einst zum Schuhwerk des Apostels Paulus gehörten. Angeblich würden sie Fußbeschwerden jeder Art heilen. Angeblich wurden diese »Reliquien« zuletzt in koptischen Klöstern versteckt. Ich sei doch viel zu Fuß unterwegs, da würden gesundheitliche Probleme unweigerlich auftreten. Die angeblichen »Paulusreliquien« würden aber nicht nur mir gut tun, sondern der Allgemeinheit. »Tun Sie sich das Paulusleder in Ihre Schuhe. Ihre Füße werden niemals schmerzen. Und wo immer Sie entlang gehen, heiligen Sie den Boden, auf dem Sie wandeln!«

Als ich dankend ablehnte, wurden mir – zu erheblich günstigerem Preis – Reste von Cheops Mumie offeriert. »Auch das sind Reliquien! Sie schützen vor Flüchen jeglicher Art! Und sie verleihen die Weisheit des Pyramidenbauers!« Wieder nahm ich Abstand vom Erwerb der »Kostbarkeiten«. Derlei Schätze, so erklärte ich mit todernster Miene, müssten doch unbedingt in Ägypten bleiben.

Foto 12: Klosterkirche Corvey
Fußnoten

1) Belsen ist ein Stadtteil von Mössingen im Landkreis 
Tübingen, Baden-Württemberg , nicht zu verwechseln 
mit dem anderen, weltweit »bekannten« Belsen. 
Im KZ Bergen-Belsen, Kreis Zelle, starben bis zur 
Befreiung durch britische Truppen am 15. April 1945
mindestens 52.000 Häftlinge auf Grund der 
unsäglichen Haftbedingungen.
2) Heinrich II.  wurde bereits 1146 heiliggesprochen.
3) 2. Buch Könige Kapitel 13, Verse 20 und 21
4) Apostelgeschichte Kapitel 19, Vers 12

Zu den Fotos
Foto 13: Klosterkirche Corvey
Fotos 1 und 2: Das Sonnenloch. Der gelbe Pfeil deutet 
auf das Sonnenloch. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Die Belsener Kirche. Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 4 und 5: Der Kaisersarg. Fotos Walter-Jörg Langbein.
Fotos 6 und 7: Kunigundes Gottesurteil. 
Foto 6 Walter-Jörg Langbein. 
Foto 7 wikimedia commons public domain Johannes Otto Först
Fotos 8-10: Kunst am Kaisersarg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Vitus-Reliquiar von Corvey. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Klosterkirche Corvey. Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 13: Klosterkirche Corvey. Foto Walter-Jörg Langbein

356 »Wurde Papst Clemens II. ermordet? Teil I«,
Teil  356 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 13.11.2016

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Sonntag, 28. September 2014

245 »Maria und die Schlange«

Teil 1
Teil 245 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 28.09.2014


Die Doppelmadonna im Dom. Foto W-J.Langbein

Eine Gruppe von Frauen folgt einem Führer, der sie durch den Dom zu Paderborn führt. Ein Murren kommt auf, als der Guide von Maria und dem Sündenfall im Paradies berichtet. »Das richtet sich gegen uns Frauen! An allem Übel sollen wir Frauen schuld sein!« Die streitbare Dame stößt in ihrer Gruppe auf Zustimmung. »Die Schlange hat nun einmal Eva dazu gebracht, den Apfel vom verbotenen Baum zu pflücken. Sie hat ihn Adam gereicht, und der hat abgebissen!« Die Dame schimpft in gedämpftem Ton weiter: »Aber immer sind es wir Frauen, die angeblich die Sünde in die Welt gebracht haben….« Sie fährt fort: »Und wenn ich schon höre.. ›Unbefleckte Empfängnis‹! Empörend! Das heißt doch nichts anderes, als dass bei allen anderen Geburten eine Beschmutzung durch uns Frauen erfolgte!«

Der Führer seufzt. »Aber meine Damen, dies hier ist nur eine Führung durch den Dom. Wir haben wirklich nicht die Zeit, die zentralen theologischen Themen durchzudiskutieren! Ich möchte Ihnen nur kurz aufzeigen, was Sie hier im Dom sehen können!« Murrend folgen die Damen dem Führer. »Herr X von unserem Bibelkreis hat sich doch gut auf den Dom vorbereitet!«, meint eine der Damen anerkennend. »Wir hätten doch lieber einen offiziellen Führer nehmen sollen!«, widerspricht eine andere. Die kritischen Stimmen verstummen. Man will wohl die Führung nicht zu sehr in die Länge ziehen.

Ich folge den Damen und ihrem Führer, der leise flüsternd erklärt, den Dom könne man wie ein Buch lesen. Wirklich? Verstehen wir die Bilder aus Stein oder Farbe wirklich? Oder stülpen wir ihnen nur unser Verständnis von biblischen Schriften über? Lassen wir uns zu sehr von der »amtlichen Theologie« leiten? Von zentraler Bedeutung ist die Mutter Gottes. Die berühmte »Doppelmadonna« hängt hoch über dem Mittelschiff unter dem Schlussstein des Langhausjoches. Das beeindruckende Kunstwerk ist um 1480 entstanden.

Von zentraler Bedeutung ist im christlichen Glauben katholischer wie evangelischer Prägung das Wunder der jungfräulichen Geburt Jesu. So heißt es im großen Credo: »Wir glauben...an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit, gezeugt, nicht geschaffen, hat Fleisch angenommen, durch den Heiligen Geist, von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.« Weniger blumig, aber genauso konkret heißt es im apostolischen Glaubensbekenntnis: »Ich glaube...an Jesus Christus, geboren von der Jungfrau Maria.«

Karl Barth (1886–1968) alles andere als ein schwärmerischer Katholik, sondern protestantischer Theologe aus der Schweiz, stellte in seinem Werk »Die christliche Dogmatik« fest(1): »Die Kirche weiß wohl, was sie getan hat, indem sie dieses Dogma sozusagen als Wache vor die Tür zu dem Geheimnis der Weihnacht stellte. Sie wird als kirchliche Ordnung verkündigen: Es gehört zum wirklichen christlichen Glauben auch die Bejahung der Lehre von der Jungfrauengeburt.«

Katholiken wie Protestanten bekennen auch heute in den Kirchen betend, wovon in Wirklichkeit ganz offensichtlich allenfalls nur noch eine Minderheit der Gläubigen überzeugt ist. 1999 ergab eine Umfrage unter deutschen Katholiken, dass 60 Prozent nicht mehr an das Dogma von der Jungfrauengeburt glauben (2).  Weit höher noch ist vermutlich der Prozentsatz der Christen, die keine Ahnung davon hat, was das Neue Testament über »geboren von der Jungfrau Maria« bekundet.

Die ältesten Dokumente des »Neuen   Testaments«, Jahrzehnte vor den vier Evangelien verfasst, sind die diversen Briefe des Apostel Paulus. Paulus ist somit der früheste Zeuge. Er nennt weder Maria noch Joseph als Eltern Jesu. Der Name der Mutter Jesu ist heute auch bibelunkundigen Zeitgenossen geläufig, weniger den Verfassern der Evangelien des »Neuen   Testaments«. Bei ihnen spielt sie eine eher untergeordnete Rolle. Evangelist Markus erwähnt Jesu Mutter nur am Rande, ohne ihren Namen zu nennen. Jesus behandelt sie aus heutiger Sicht eher geringschätzig (3). Beim Evangelisten Johannes kommt Jesu Mutter nur zweimal vor, in beiden Fällen (4) wird ihr Name nicht genannt.

Anbetung des Neugeborenen im Stall zu Bethlehem. Foto W-J.Langbein

Ein Kuriosum am Rande: Johannes weist darauf hin (5), dass bei Jesu Kreuzigung seine Mutter (deren Name nicht genannt wird) und deren Schwester zugegen waren. Und die hieß angeblich Maria. Sollte Jesu Großmutter ihre beiden Töchter beide Maria genannt haben?

Maria als Name taucht in der Form Mirjam gelegentlich bei Matthäus und bei Lukas auf. Die entsprechenden Verse sind bei Matthäus vielleicht, bei Lukas aber mit großer Wahrscheinlichkeit erst später eingefügt worden.

Es muss gefragt werden, ob Jesu Mutter wirklich »Maria« hieß. Oder handelte es sich ursprünglich gar nicht um einen Eigennamen, sondern um ein höchst bedeutsames Wort oder ein Wortspiel? Um es zu begreifen, benötigt man freilich einige Hintergrundinformationen.

Jesu Mutter war offensichtlich bereits schwanger, bevor Joseph sie ehelichte (6) und zwar, so Matthäus, »vom Heiligen Geist« (7). Aus der Sicht profan denkender damaliger wie heutiger Zeitgenossen musste ein vor-, somit also außerehelicher Geschlechtsverkehr stattgefunden haben. Das aber galt als höchst verwerflich. Denn zu Jesu Zeiten gab es nicht die Unterscheidung zwischen Verlobung und Heirat. Sobald eine Frau einem Mann versprochen war, war sie verlobt mit ihm und musste treu sein. Starb der Mann noch vor der Eheschließung, galt sie als Witwe. So war Jungfräulichkeit selbstverständliche Voraussetzung für die Heirat. War die Frau nicht mehr unberührt, galt dies als Ehebruch.

Maria und ihr toter Sohn. Foto W-J.Langbein

Zurück zu Joseph. Seine Verlobte war schwanger. Wer kam als potenzieller Vater in Frage? Etwa gar Joseph selbst? Er war sich keiner Schuld bewusst und vermutete seinerseits unkeuschen Lebenswandel seiner Verlobten. Er dachte daran, sie zu verlassen (8).War ihm die junge Frau schon vor der Eheschließung untreu geworden? Man bedenke: Es ging nicht nur um Josephs eventuell verletzte Eitelkeit als Mann! Vor-  wie außerehelicher Geschlechtsverkehr wurde mit dem Tod bestraft!

Um Klarheit zu gewinnen, musste in solchen Fällen ein merkwürdiger »Test« durchgeführt werden. Die seltsame Prozedur ist angeblich von Gott selbst ersonnen und seinem Propheten Moses diktiert (9) worden. Demnach wurde die verdächtigte Braut oder Ehefrau vor den örtlichen Priester gezerrt. Der füllte einen irdenen Krug mit Wasser, gab Staub vom Boden der Stiftshütte hinzu und sprach: »Hat kein Mann bei dir gelegen und bist du deinem Mann nicht untreu geworden, dass du dich unrein gemacht hast, so soll dir dies bittere Wasser nicht schaden.« Dann musste die Frau, die der Untreue beschuldigt wurde, die ekelhafte Brühe trinken. Überstand sie das ohne Schaden zu nehmen, galt sie als unschuldig. Die aus heutiger Sicht mehr als merkwürdige Prozedur hieß »mar jam«, bitteres Wasser. Wurde Jesu Mutter in der beschriebenen Weise geprüft? Ist ihr vermeintlicher Name nichts anderes als eine Verballhornung von mar jam – Mirjam?

Wenig Handfestes wissen wir über die Mutter Jesu, die uns in schönen Darstellungen auch im Dom zu Paderborn immer wieder begegnet. Aus der schlichten Maria des »Neuen Testaments« wurde im Verlaufe der Kirchengeschichte die Himmelskönigin. Die hoch unter dem Schlussstein des zweiten Langhausjoches hängende Doppelmadonna wird gerade von zwei Engeln mit goldenen Flügeln gekrönt. Die fliegenden Himmelsboten senken gerade eine mächtige goldene Krone auf das Haupt der Himmelskönigin.

Im Domführer  von Margarete Niggemeyer (10) lesen wir: »Wer durch das Mittelschiff in den Dom hinein- oder wieder herausgeht, hat Maria im Blick: Sie ist Weggefährtin für alle, die auf dem Pilgerweg des Lebens und des Glaubens unterwegs sind. Inmitten der Apostelfiguren an den Pfeilern (des Paradiestores, Ergänzung Langbein) erscheint sie als Königin der Apostel.«

Königin der Apostel. Foto W-J.Langbein

Die Doppelmadonna im Kirchenschiff schwebt über allen Besuchern des Gotteshauses. Ehrfurchtsvoll blickt der Gläubige zur Himmelskönigin empor.

Noch einmal darf ich Margarete Niggemeyer zitieren (11): »Zwei Engel halten eine Krone über dem Haupt Mariens, die auf einer Mondsichel und einer Schlange steht, deren Kopf sie als ›neue Eva‹ zertritt.«

Bei jedem meiner Besuche im Dom zu Paderborn habe ich lange das geheimnisvolle Bildnis der Doppelmadonna sorgsam studiert. Durch mein 400-Millimeter-Teleobjektiv erkenne ich kleinste Einzelheiten, zum Beispiel Risse im Gesicht der Himmelskönigin. Deutlich ist die Mondsichel auszumachen, auf der die Madonna mit einem Fuß steht. Die Mondsichel stellt die christliche Himmelskönigin in eine uralte Tradition von Himmelsköniginnen und Göttinnen, die gern mit der Mondin identifiziert wurden.

Ich erkenne auch die Schlange, die einen menschlichen Kopf hat. Soll die alte Wissensbringerin mit dem Satan gleichgesetzt werden? Nicht erkennen kann ich den zweiten Fuß Mariens, mit dem Maria angeblich den Kopf der Schlange zertritt! Groß und beschuht ist der rechte Fuß Marias, ein zweiter Fuß ist nirgendwo auszumachen, schon gar nicht in der Nähe des Schlangenkopfes!

Marias Fuß auf der Mondsichel. Foto W-J.Langbein

Ein Mönch hastet an mir vorbei. Ich frage ihn nach dem »zweiten Fuß« der Madonna. »Den können Sie von hier unten nicht erkennen!«, erklärt er mir milde. »Suchen Sie die Marienkapelle hier im Dom auf, betrachten Sie sorgsam die Maria an der Tür zur Kapelle. Alle ihre Fragen werden dort Antworten finden!« Dem Rat des Mönchs folgend mache ich mich auf die Suche nach der Marienkapelle. Wenige Minuten später stehe ich vor dem Bildnis an der Tür, auf Holz gemalt. Werde ich wirklich die Antworten auf meine Fragen finden?


Fußnoten

1) Barth, Karl: Die kirchliche Dogmatik, Band I,2, 8. Auflage, Zürich 1990, S. 198
2) Augstein, Rudolf: Jesus Menschensohn, 3. Auflage, Hamburg 1999, S. 50
3) Siehe Das Evangelium nach Markus Kapitel 3, Verse 31-35
4) Das Evangelium nach Johannes Kapitel 2, Verse 1-12 und Kapitel 19, Verse 25-27
5) Das Evangelium nach Johannes Kapitel 2, Vers 25
6) Das Evangelium nach Matthäus Kapitel 1, Vers 18
7) ebenda
8) ebenda, Vers 19
9) Das 4. Buch Mose Kapitel 5, Verse 12-31
10) Niggemeyer, Margarete: »Der Hohe Dom zu Paderborn«, 3. Auflage, Paderborn 2012, S. 23 rechts oben

Tür zur Marienkapelle. Foto W-J.Langbein
Zur Lektüre empfehle ich…

Sorger, Karlheinz: »Was in der Bibel wichtig ist/
Grundthemen des Alten und
     Neuen Testaments«, München 1992
Theissen, Gerd: »Die Entstehung des Neuen Testaments als
     literaturgeschichtliches Problem«, Heidelberg 2007

Alle Fotos wurden vom Verfasser
im Dom zu Paderborn 
aufgenommen.

»Maria und die Schlange«
Teil 2
Teil 246 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       

erscheint am 05.10.2014



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