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Sonntag, 30. August 2020

554. »… und ich sah ein großes Licht bis in den sechsten Himmel hinunterscheinen.«

Teil 554 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Apostel Paulus (Ikone)
Nach dem 2. Korintherbrief, wurde Paulus in den 3. Himmel, ins Paradies, entrückt. In der »Apokalypse des Paulus« von Nag Hammadi gelangt Paulus auch in den dritten Himmel, vom Paradies ist da aber nicht die Rede. Paulus passiert den dritten Himmel, was nur in einem Nebensatz erwähnt wird. Dann geht es gleich weiter in den vierten Himmel (1): »Ich sah aber im vierten Himmel die einzelnen Geschlechter: Ich sah die Engel, wie sie Gott glichen;«

Die Zustände im 4. Himmel sind fantasiereich ausgeschmückt worden. Da werden Seelen aus dem Lande der Toten herbeigeschafft und von den Engeln für ihre Sünden ausgepeitscht. Sündige Seelen werden »hinabgeworfen«. Da klingt, meine ich, die Vorstellung einer Reinkarnation an (2): »Als die Seele diese Dinge gehört hatte, blickte sie zu Boden; sie war beschämt. Und dann blickte sie nach oben und wurde hinabgeworfen. Die Seele, die hinabgeworfen wurde, kam in einen Körper, der für sie bereitet worden war.« Diese Vorstellung von Reinkarnation findet sich auch im 4. Buch Esra (3), wird da aber sehr viel ausführlicher geschildert. Das 4. Buch Esra entstand im 1. Jahrhundert n.Chr. Die große Ähnlichkeit der in beiden Schriften verwendeten plastischen Bilder deutet meiner Meinung nach auf eine Entstehung beider Texte in der gleichen Zeit hin. Demnach dürfte es die »Apokalypse des Paulus« bereits im 1. Jahrhundert n.Chr. gegeben haben.

Die himmlische Reise wurde fortgesetzt (4): »Und ich sah einen großen Engel im fünften Himmel, der einen eisernen Stab in seiner Hand hielt; es waren drei weitere Engel bei ihm, und ich blickte in ihre Gesichter. Sie aber wetteiferten miteinander; mit Peitschen in ihren Händen trieben sie die Seelen zum Gericht.«

Vom sechsten Himmel aus sah Paulus etwas (5): »Dann kamen wir hinauf zum sechsten Himmel. … Und ich blickte hinauf zur Höhe und ich sah ein großes Licht bis in den sechsten Himmel hinunterscheinen.«

Foto 2: Auch Paulus wurde »entrückt«
(Illustration aus einer Bibelhandschrift 
um 850 n.Chr., künstlerisch
umgestaltete Collage).


Bei einer solchen Textpassage schlägt natürlich das Herz des Präastronautikers höher. Paulus wird in den Himmel (präastronautisch-modernisiert: ins All) hinauf gebracht. Schließlich erspäht er hoch oben »ein großes Licht«.

Erinnern wir uns an die mysteriöse »Apokalypse des Abraham« (6). Da wird der junge Abraham von zwei himmlischen Besuchern kontaktiert. Abraham ist schockiert. Er weiß gar nicht, wo er hinschauen soll. »Nicht eines Menschen Atem war’s« (7) heißt es von einem der Besucher. Das deutet auf nichtirdisches Leben hin. Weiter heißt es über einen der Fremden (8) »in eines Mannes Ähnlichkeit«. Dieser Besucher (Jaoel, andere Schreibweise: Javel) sah also menschenähnlich aus, war aber doch kein Mensch.

Schließlich wird der junge Abraham »entrückt«, er tritt eine »Luftreise« an (9): »Und es geschah bei Sonnenuntergang, da gab es Rauch wie Rauch aus einem Ofen. … So trug er mich bis an der Feuerflammen Grenzen. Dann stiegen wir hinauf, so wie mit vielen Winden, zum Himmel, der da ob dem Firmament war.«

Der junge Abraham wird also immer höher und höher in den Himmel entrückt, bis er eine fantastisch anmutende Beobachtung macht. Noch einmal lassen wir den Augenzeugen Abraham aus der Abrahamapokalypse zu Wort kommen und vergleichen damit die Aussage der »Apokalypse des Paulus«.

Abraham (10): »Ich sehe in der Luft auf jener Höhe, die wir bestiegen, ein mächtig' Licht, nicht zu beschreiben, und in dem Licht ein mächtig Feuer.«
Paulus: »Und ich blickte hinauf zur Höhe und ich sah ein großes Licht bis in den sechsten Himmel hinunterscheinen.«

Die Vermutung liegt nahe, dass Abraham und Paulus auf ihrer Himmelsreise das gleiche »mächtige Licht« in großer Höhe gesichtet haben. Beide reisen, begleitet von einem Engel begleitet, empor zu diesem mächtigen Licht. Im siebten Himmel wird Abraham von einem alten, weiß gekleideten Mann befragt. Wer war dieser alte Mann? Er saß auf einem Thron, der (11) »war siebenmal heller als die Sonne«.

Foto 3: Paulus
Natürlich kann man mit etwas präastronautischer Fantasie in den Himmeln Raumstationen sehen, von denen Paulus einige besucht hat (12): »Und dann öffnete sich der siebte Himmel und wir kamen hinauf zu der Achtheit. … und wir kamen hinauf in den neunten Himmel. Ich grüßte alle die, die sich im neunten Himmel aufhielten. Und wir kamen hinauf in den zehnten Himmel. Und ich grüßte meine Mitgeister.«

Der Text der »Apokalypse des Paulus« ist Teil der altehrwürdigen Bibliothek von Nag Hammadi. In der »wissenschaftlichen Literatur« wird diese Textsammlung allgemein als »NHC« geführt. Theologen halten es für besonders wissenschaftlich, ihre Texte durch möglichst massiven Gebrauch von Abkürzungen möglichst schwer lesbar zu machen. Wer Abkürzungen, die in theologischen Werken Verwendung finden, im Internet nachschlägt, stellt häufig fest, dass die von Theologen genutzten Abkürzungen eigentlich schon »besetzt« sind. So steht »NHC« zum Beispiel für das »National Hurricane Center«. In diesem Zentrum, ansässig in Miami, Florida, werden tropische Wirbelstürme beobachtet und nach Möglichkeit wird zu berechnen versucht, wie sie sich weiterentwickeln und welche Regionen sie demnächst heimsuchen werden.

»NHC« hat schon manches Leben gerettet. Mancher, der auf einer der Inseln der ostfriesischen Küste Urlaub machte und dringend eines Notarztes bedurfte, wurde von »NHC« gerettet. Jetzt verbirgt sich hinter der Abkürzung »NHC« allerdings das in Emden ansässige Luftfahrtunternehmen »Northern HeliCopter GmbH«, das auch für die Offshore-Windindustrie in Nord- und Ostsee zuständig ist.

Foto 4: Apostel Paulus (Ikone)
Für Theologen allerdings steht »NHC« für »Nag Hammadi Codex«. Die »Apokalypse des Paulus« wird als »NHC V,2« geführt. »NHC V,2« ist ein kurzer Text mit einigen Beschädigungen, aber sehr viel besser als andere Texte aus der Bibliothek, deren Manuskripte ganz erhebliche »Löcher« und somit textliche Lücken aufweisen. Bedingt durch die nicht gerade perfekte unterirdische Lagerung über einen Zeitraum von fast zwei Jahrtausenden sind bei manchem der Texte manche Worte kaum oder gar nicht mehr zu entziffern, was wiederum zu Textlücken führt. »NHC V,2« ist vergleichsweise sehr gut lesbar.

»NHC« bietet wenig konkrete Angaben zur Entrückung des Paulus. Über seine Reise in immer höhere Sphären ist so gut wie nichts Näheres zu erfahren, nur dass es eben immer höher und höher geht. Zwischendurch scheint Paulus seine auf der Erde verbliebenen Mitapostel – wie auch immer – zu sehen. Im Kern besteht der Text der »Apokalypse des Paulus« aus einer Entrückung eines Menschen in immer größere Höhen des Himmels (Weltalls?), angereichert durch theologische Ergüsse. Wir können sie nach fast zwei Jahrtausenden nicht mehr wirklich verstehen.

Foto 5: Buchcover von Dr.
Zürners wichtigem Buch
Dr. Bernhard Zürner (*1931) hat zwei Bücher über Paulus geschrieben (13). In beiden Werken erweist sich als Theologe von Rang, mit zwei Büchern, die es verdient hätten, zum Klassiker zu werden. Mit detektivischem Spürsinn geht Dr. Bernhard Zürner dem historischen Paulus auf den Grund und offenbart Tatsachen, die Theologen oftmals nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Wer sich fundiert mit dem »Neuen Testament« auseinandersetzen will, der kommt an diesen Büchern nicht vorbei. Wer sich seriös über die Geschichte des Christentums informieren will, der muss diese Meilensteine der Theologie lesen. Beide Bücher sind spannend, packend, explosiv und sollten von jedem Theologiestudenten verschlungen werden. Es sind zwei Perlen theologischer Literatur, verfasst von einem Theologen, der keine Angst vor heißen Eisen hat.

Dr. Bernhard Zürner hält schon den kurzen Text über die Himmelsreise des Paulus im »Neuen Testament« (14) für keinen echten Erlebnisbericht. Vielmehr, und da sieht er sich im Konsens mit einschlägigen Forschern, basierten Pauli Entrückungsdaten auf zeitgenössischem Hintergrund. Dr. Bernhard Zürner erkennt (15), dass es diverse Entrückungsberichte diverser Autoren gab, die Paulus beim Abfassen seines Textes als Vorlage dienten. So nennt Dr. Bernhard Zürner eines der wichtigsten Kapitel seines Buches (16) »Himmlisches nach Vorlage«. Er kommt zu einem eindeutigen Ergebnis (17): »Da niemand nach Vorlage erleben kann, muß er das Erlebnis nach Vorlage fingiert haben; nicht nur als Entrückter, auch als Entrückungsliterat hat er sich nicht besonders anstrengen müssen.« Dr. Bernhard Zürner hält die »Apokalypse des Paulus« so schreibt er weiter, ebenso für fiktiv.

Unbekannte Verfasser, so Dr. Bernhard Zürner, hätten (18) »Pauli Paradiesentrückung weiter ausgemalt«. Mit anderen Worten: Paulus griff auf Vorlagen zurück, um seinen kurzen Text zu formulieren. Und andere Autoren schmückten den Text des Paulus noch weiter aus und schufen die »Apokalypse des Paulus«.

Foto 6:  Papyrus 46
mit einigen Versen aus dem
2. Korintherbrief. Foto wiki commons,
gemeinfrei
Ich neige auch zu der Annahme, dass Paulus keine »Entrückung« am eigenen Leibe erfahren hat. Es gab aber meiner Überzeugung Jahrtausende zuvor echte Entrückungen, sei es in ferne Länder, sei es in den Himmel. Auf Beschreibungen solcher Ereignisse hat Paulus oder ein unbekannter Verfasser zurück gegriffen. Darauf weist auch hin, dass im 2. Korintherbrief die Beschreibung der Entrückung in der dritten Person erfolgt, während im restlichen Text der Verfasser in der ersten Person schreibt.
Ich glaube nicht, dass Paulus aus übertriebener Bescheidenheit ein eigenes Erlebnis einem Namenlosen zuschreibt. Paulus trat ja auch sonst nicht gerade bescheiden auf, sondern hat gern seine große Bedeutung für die junge Christenheit unterstrichen.

Dr. Bernhard Zürner konstatiert (19): »Das heidnische Muster, das er benutzte und recht genau einhielt, brauchte er nur … abzuändern.« Paulus (oder sein »Ghostwriter«) hat, davon bin ich überzeugt, sehr viel ältere Texte gekannt und deren Muster strikt folgend seinen »Entrückungsbericht« verfasst. Im Gegensatz zu Dr. Zürner, den ich menschlich wie fachlich sehr schätze, glaube ich, dass der fiktiven Entrückung des Paulus sehr viel ältere reale Begebenheiten zugrunde liegen, die wirklich physisch erfolgt sind.


Foto 7: Auch Paulus wurde »entrückt«
(Illustration aus einer Bibelhandschrift um 850 n.Chr.)
Farblich verändert/ Collage/ Montage
Fußnoten
(1) Lüdemann, Gerd und Janßen, Martina: »Bibel der Häretiker/ Die gnostischen Schriften aus Nag Hammadi«, Stuttgart 1997, Seite 285, »Das Seelengericht«
(2) Ebenda, Seite 285, 26.-29. Zeile von oben
(3) 4. Buch Esra Kapitel 7, Verse 75-101
(4) Lüdemann, Gerd und Janßen, Martina: »Bibel der Häretiker/ Die gnostischen Schriften aus Nag Hammadi«, Stuttgart 1997, Seite 286, 1.-5. Zeile von oben
(5) Ebenda, Seite 286, 7., 9. Und 10. Zeile von oben
(6) Philonenko-Sayar, Belkis und Philonenko, Marc: »Die Apokalypse Abrahams«, erschienen als »Band V Lieferung 5« der Buchreihe »Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit«, Gütersloh 1982
Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seiten 13-39
(7) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Ebenda, Seite 20, 10. Kapitel,1+2
(8) Ebenda, Seite 21, X, 5
(9) Ebenda, Seite 25, XV 1, 4 und 5
(10) Ebenda, Seite 25, XV, 6
(11) Lüdemann, Gerd und Janßen, Martina: »Bibel der Häretiker/ Die gnostischen Schriften aus Nag Hammadi«, Stuttgart 1997, Seite 286, 17. Zeile von oben
(12) Ebenda, Site 287, 8.-1 Zeile von oben
(13) Zürner, Dr. Bernhard: »Die Pauluslegende/ Hundert Enthüllungen«, Ulm ohne Jahresangabe
Zürner, Bernhard: »Paulus ohne Gott«, Bonn 1996
(14) 2. Korintherbrief Kapitel 12, Verse 1-6
(15) Zürner, Dr. Bernhard: »Die Pauluslegende/ Hundert Enthüllungen«, Ulm ohne Jahresangabe
(16) Ebenda, »Himmlisches nach Vorlage«, Seiten 93-102
(17) Ebenda, Seite 97, 11.-8. Zeile von unten
(18) Ebenda, 4. Und 3. Zeile von unten
(19) Ebenda, Seite 101, 15.-13. Zeile von unten

Zu den Fotos
Fotos 1,3 und 4: Apostel Paulus war über Jahrhunderte hinweg ein beliebtes Motiv vieler Ikonen. Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Auch Paulus wurde »entrückt« (Illustration aus einer Bibelhandschrift  um 850 n.Chr., künstlerisch umgestaltete Collage). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 5: Buchcover von Dr. Zürners wichtigem Buch. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 6:   Papyrus 46 mit einigen Versen aus dem 2. Korintherbrief. Foto wiki commons, gemeinfrei
Foto 7: Auch Paulus wurde »entrückt« (Illustration aus einer Bibelhandschrift um 850 n.Chr.) Farblich verändert/ Collage/ Montage


555. »Der Kardinal, der Biologe und der liebe Gott«,
Teil 555 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 06. September 2020



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Sonntag, 29. März 2020

532. »Ich sehe in jener Höhe, die wir bestiegen, ein mächtig Licht«

Teil 532 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Abraham als Deckengemälde (Urschalling).

Jung-Abraham erhält mysteriösen Besuch (1). Jemand verkündet dem jungen Mann (2): Du wirst große Dinge sehen, die du noch nicht gesehen hast.« Was er da erlebt, kann er nicht begreifen. Jung-Abraham ist fassungslos (3): »Und es geschah, als ich die Stimme hörte, die solche Worte zu mir sprach, da schaute ich hierhin und dahin.« Wer oder was sprach da zu ihm? Jung-Abraham erkennt: Wer oder was ihn da auch anredete, ein Mensch war es jedenfalls nicht. Angst packt ihn (4): »Und siehe, da war kein menschlicher Odem, und mein Geist erfüllte sich mit Grauen.« Abrahams Entsetzen war zu viel. Er wurde ohnmächtig (5): »Meine Seele entfloh mir, und ich wurde einem Stein gleich und fiel nieder zu Boden, da ich keine Kraft mehr hatte, aufrecht auf dem Boden zu stehen.«

Paul Rießler teilt den Text etwas anders nach Versen ein, kommt aber in seiner Übersetzung zum gleichen Ergebnis. Abraham erfasst, dass da kein menschliches Wesen zu ihm spricht. Panik erfasst ihn (6): »Und so erschrak mein Geist, und meine Seele floh aus mir. Ich wurde wie ein Stein und fiel zu Boden, weil ich nicht mehr zum Stehen Kraft besaß.«

Jetzt wird klar, dass der Erste im Rang über dem Zweiten steht. Der Erste kommandiert, der Zweite gehorcht (7): »Und als ich noch mit dem Angesicht auf der Erde lag, da hörte ich die Stimme (des Heiligen) sagen: ›Gehe, Jaoel, … richte diesen Mann wieder auf und stärke ihn von seinem Zittern.‹« Dieser Befehlsempfänger wird als Engel beschrieben, der wie ein Mensch aussah, aber keiner war (8): »Und der Engel kam, den er mir in der Gestalt eines Mannes gesandt hatte, und er nahm mich bei der Rechten und stellte mich auf meine Füße.« Noch deutlicher wird dieser Sachverhalt in der Übersetzung von Rießler (9): »Da kommt zu mir der Engel, den Er mir gesandt, in eines Mannes Ähnlichkeit, faßt mich bei meiner Rechten, und stellt mich auf meine Füße.«

Ein kurzer Satz verdeutlicht, dass der »Engel« nicht von dieser Welt ist. So sagt der Himmlische zu Abraham (10): »Um deinetwillen lenkte ich zur Erde meinen Weg.« Noch klarer wird die himmlische Heimat des Engels in der Übersetzung von Belkis Philonenko –Sayar und Marc Philonenko (11): »Und um deinetwillen habe ich den Weg zur Erde eingeschlagen.« Ein »Engel«, »in eines Mannes Ähnlichkeit« oder »in Gestalt eines Mannes« hatte also seinen »Weg zur Erde gelenkt«. Er kam also von außerhalb der Erde.

Schließlich beschreibt Jung-Abraham das Aussehen des »Engels«. Mir scheint, dass der junge Mann etwas so Ungewöhnliches oder gar Phantastisches gesehen hat, dass er gar nicht begreifen konnte, was für ein Wesen ihm da wieder auf die Beine geholfen hatte. Für unser Verständnis kommt noch erschwerend hinzu, dass Abraham Bilder und Vergleiche benutzt, die wir nicht mehr wirklich nachvollziehen können (12): »Und so erhob ich mich; da sah ich den, der mich an meiner Rechten faßte und mich auf meine Füße stellte. Sein Leib glich einem Sayphir, sein Antlitz einem Chrysolith und seines Hauptes Haar dem Schnee und seines Hauptes Diadem dem Regenbogen.«

Foto 2: Abraham, etwa 1180

Der »Engel« muss Jung-Abraham sehr beeindruckt haben. Rekonstruieren lässt sich das äußere Erscheinungsbild nicht wirklich. Was ist zum Beispiel gemeint, wenn es im Text heißt »seines Hauptes Diadem« habe »dem Regenbogen« geglichen? In der Übersetzung von Belkis Philonenko –Sayar und Marc Philonenko wird daraus (13): »Und der Turban auf seinem Haupte hatte das Aussehen des Regenbogens.« Irgendetwas war auf oder über dem Gesicht des »Engels«, das bunt schillerte. Was mag das gewesen sein? Der »Engel« hält etwas in seiner rechten Hand. Was? Nach der Übersetzung von Rießler »war … ein golden Zepter in seiner Rechten«, bei Belkis Philonenko –Sayar und Marc Philonenko lesen wir (14): »In der rechten Hand hatte er einen (goldenen) Stab.« Belkis Philonenko –Sayar und Marc Philonenko schreiben in einer Fußnote zunächst von »königlichen Attributen« des »Engels«, erklären dann aber, dass der unverständliche Ausdruck nach anderen Manuskripten »wiederhergestellt« werden musste. Was also hielt der »Engel« in der Rechten? Was hatte er am Kopf, vielleicht auch über dem Gesicht? Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass manchmal schon im Original unzulängliche Vergleiche gewählt wurden, die eventuell durch Beschädigungen des Manuskripts unverständlich waren und »wiederhergestellt« werden mussten.

Der Originaltext der »Apokalypse des Abraham« weist weder Kapiteleinteilungen auf, noch erfolgt eine Verszählung. Paul Rießler fügt Kapitelüberschriften ein, die den Inhalt der folgenden Verse zusammenfassen sollen. Da lesen wir zum Beispiel unter der Überschrift (15) »15. Kapitel: Abrahams Luftreise« (16): »Und es geschah bei Sonnenuntergang, da gab es Rauch wie Rauch aus einem Ofen. … So trug er mich bis an der Feuerflammen Grenzen. Dann stiegen wir hinauf, so wie mit vielen Winden, zum Himmel, der da ob dem Firmament war.«

Nach der »Apokalypse des Abraham« kam es tatsächlich zu einer »Luftreise«. Der junge Mann wird hoch empor getragen. Dort oben erspäht er Seltsames, oder ist der Ausdruck Phantastisches besser gewählt? (17) »Ich sehe in der Luft auf jener Höhe, die wir bestiegen, ein mächtig Licht, nicht zu beschreiben, und in dem Licht ein mächtig Feuer.«

Wagen wir eine moderne Interpretation. Jung-Abraham wird von zwei himmlischen Besuchern (von Außerirdischen) kontaktiert. Abraham weiß gar nicht, wo er hinschauen soll. Er empfindet offensichtlich große Angst. »Nicht eines Menschen Atem war’s« deutet auf nichtirdisches Leben hin. »In eines Mannes Ähnlichkeit« macht deutlich, dass Jaoel (andere Schreibweise: Javel) menschenähnlich aussah, aber doch kein Mensch war.

Spekulieren wir weiter: Jaoel trug so etwas wie einen schützenden Raumanzug. Seines »Hauptes Diadem« glich dem Regenbogen. Jaoel trug etwas in der rechten Hand. Daraus wurde in der Übersetzung ein »Stab«, ein »Zepter«. Was mag es wirklich gewesen sein? Ein Messgerät vielleicht? Jung-Abraham ist alles vollkommen fremd und unheimlich. Besucher im Raumanzug mögen für ihn geradezu monströs gewirkt haben. Kein Wunder, dass Jung-Abraham bei einem solchen Anblick von Panik erfasst wird und ohnmächtig niedersinkt. Jaoel muss ihm wieder auf die Beine helfen.

Können wir uns in einen Menschen des »Alten Testaments« hineinversetzen? Uns sind Bilder und Filme von Astronauten im Raumanzug ebenso vertraut wie von startenden Raketen und von Raumstationen, die die Erde umkreisen. Bezeichnungen für Raumfahrttechnologie gehören für uns mehr oder minder zur Alltagssprache. Derlei Ausdrücke waren dem jungen Abraham vollkommen fremd. Er musste zu Begriffen aus seiner Alltagssprache greifen, um Dinge zu beschreiben, die er nicht begreifen konnte. Stellen wir uns den Helm eines Schutzanzugs eines Astronauten vor. Jung-Abraham erklärt: »eines Hauptes Diadem dem Regenbogen.« Ist es möglich, dass Jung-Abraham ein Wesen in einem Raumanzug beschreibt, wenn da zu lesen steht: »Sein Leib glich einem Sayphir, sein Antlitz einem Chrysolith und seines Hauptes Haar dem Schnee und seines Hauptes Diadem dem Regenbogen.«

Bleiben wir bei unserer Überlegung. Spekulieren wir weiter. Wenn Jung-Abraham so etwas wie eine Rakete vor dem Start gesehen hat, welche Beobachtung würde er schildern? Wie würde er formulieren, was er Unheimliches gesehen hat? In der »Abraham Apokalypse« lesen wir (18): »Da gab es Rauch, wie Rauch aus einem Ofen.« Was hat er beobachtet, wenn er schreibt (19): »Die Engel, … sie stiegen von des rauchenden Ofens Spitze auf.«? Was hat Jung Abraham erlebt? Er umschreibt seine »Luftreise« so (20): »So trug er mich bis an der Feuerflammen Grenzen. Dann stiegen wir hinauf, so, wie mit vielen Winden, zum Himmel. … Ich sehe in der Luft auf jener Höhe, die wir bestiegen, ein mächtig Licht, nicht zu beschreiben.« Sollte er tatsächlich zu einer die Erde umkreisenden Raumstation geschafft worden sein? Dort sieht Abraham, so heißt es weiter im Text »eine Schar, ja eine große Schar von mächtigen Gestalten, die … sich Worte rufen, wie ich sie nicht kannte.« Um im Bild unserer Überlegung zu bleiben: Die Himmlischen unterhielten sich natürlich in ihrer Sprache, die dem jungen Abraham fremd war und die er nicht verstehen konnte.

Foto 3: »In der Höhe ein mächtig Licht..«.

Es stellt sich zwangsläufig eine wirklich wichtige Frage: Wie frei sind wir, wenn es darum geht, einen Text zu verstehen? Können wir einen Text, der unverstanden über lange Zeiträume hinweg überliefert wurde, begreifen? Konkreter: Nehmen wir an, ein Vertreter einer technisch rückständigen Zivilisation hatte eine Begegnung mit einer sehr hoch stehenden Zivilisation. Der Vertreter der rückständigen Zivilisation konnte nicht erfassen, was er da erlebte. Was da real geschah, das konnte in seinen Augen nur Zauberei sein. Sir Arthur C. Clarke (*1917;†2008) konstatierte völlig zutreffend (21): »Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht mehr zu unterscheiden.«

Der Zeuge erlebte für ihn eigentlich Unmögliches. Er war also nicht dazu in der Lage, angemessen und korrekt zu beschreiben, was ihm da begegnete. So sehr er sich auch bemühte, seine Schilderung des Erlebten kann nur ein verfälschtes Abbild der Realität sein. Ist es dann möglich, Jahrhunderte oder gar Jahrtausende später zu rekonstruieren, was einst nur entstellt schriftlich fixiert wurde? Kann dann eine reale Begegnung mit dem Vertreter einer scheinbar magischen Zivilisation noch als wirkliche Begegnung erkannt werden?

Es schließen sich weitere Fragen an: In wieweit lassen wir fantastisch anmutende Antworten überhaupt zu? In wieweit klammern wir zu unrealistisch erscheinende Antworten aus? Wenn wir , basierend auf prinzipiellen Erwägungen, eine mögliche Antwort auf eine Frage kategorisch ausschließen, dann sehen wir erst gar nicht Hinweise auf eben diese mögliche Antwort. Wir sehen nicht alles, was wir sehen könnten, sondern zumindest bevorzugt das, was wir für möglich halten.

Christian Morgenstern (*1871; †1914) dichtete (22): »Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf.«  Morgenstern schildert in humoristischen Reimen wie ein gewisser Palmström bei einem Autounfall ums Leben kommt. Palmström will sich damit nicht abfinden. So entdeckt er dann auch, dass an der Unfallstelle keine Auto hätte fahren dürfen. Also leugnet er seinen eigenen Tod und lebt weiter, »weil nicht sein kann, was nicht sein darf«.

Konkreter: Wenn ich es für absolut ausgeschlossen halte, dass Abraham eine Begegnung mit zwei Außerirdischen hatte, dann sehe ich auch keinen Hinweis, der für eine solche Begegnung spricht. Ich gestatte es mir dann gar nicht, so etwas zu sehen. Wenn man so eine Begegnung aber zumindest in die Überlegungen mit einbezieht, erscheint manche Aussage der  »Abraham Apokalypse« in ganz anderem Licht.

Fußnoten
(1) Philonenko-Sayar, Belkis und Philonenko, Marc: »Die Apokalypse Abrahams«, erschienen als »Band V Lieferung 5« der Buchreihe »Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit«, Gütersloh 1982
Die Zitate wurden unverändert übernommen. Die Rechtschreibreform wurde nicht berücksichtigt.
(2) Ebenda, Seite 429, IX, 5 (Kapitel IX, Vers 5)
(3) Ebenda, Seite 430, X, 1 (Kapitel X, Vers 1)
(4) Ebenda, Seite 430, X, 2 (Kapitel X, Vers 2)
(5) Ebenda, Seite 430, X, 3 (Kapitel X, Vers 3)
(6) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 20, X, 2
(7) Philonenko –Sayar, Belkis und Philonenko, Marc: »Die Apokalypse Abrahams«, erschienen als »Band V Lieferung 5« der Buchreihe »Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit«, Gütersloh 1982, Seite 430, X, 4
(8) Ebenda, Seite 431, X, 5
(9) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 21, X, 5
(10) Ebenda, Seite 21, X, 14
(11) Philonenko –Sayar, Belkis und Philonenko, Marc: »Die Apokalypse Abrahams«, erschienen als »Band V Lieferung 5« der Buchreihe »Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit«, Gütersloh 1982, Seite 432, X, 14
(12) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 22, XI, 1+2
(13) Philonenko –Sayar, Belkis und Philonenko, Marc: »Die Apokalypse Abrahams«, erschienen als »Band V Lieferung 5« der Buchreihe »Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit«, Gütersloh 1982, Seite 432, XI, 2
(14) Die Verseinteilung wurde unterschiedlich vorgenommen. Bei Rießler ist es Kapitel 11, Vers 2, bei Belkis Philonenko –Sayar und Marc Philonenko hingegen ist es Vers 3.
(15) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 25 (Mitte)
(16) Ebenda, Seite 25, XV 1, 4 und 5
(17) Ebenda, Seite 25, XV, 6
(18) Ebenda, XV, 1
(19) Ebenda, XV, 2
(20) Ebenda, XV, 4-6
(21) Sir Arthur C. Clarke in »Profiles of the Future«, zitiert von Weber, Andreas in »Biokapital. Die Versöhnung von Ökonomie, Natur und Menschlichkeit«, Berlin 2008, Seite 57. Originalzitat: »Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.«, »Profiles of the future: an inquiry into the limits of the possible«, revidierte Ausgabe 1973, Seite 36
(22) Morgenstern, Christian: »Die unmögliche Tatsache«

Zu den Fotos
Foto 1: Abraham als Deckengemälde (Urschalling). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Abraham, etwa 1180 (Herrad of Landsberg). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: »In der Höhe ein mächtig Licht..«. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein


533. »Erinnerungen an die Zukunft«,
Teil 533 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 05. April 2020



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