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Sonntag, 2. Februar 2014

211 »Viracocha«

Teil 211 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

»Viracocha«- ein Name von vielen für den großen Schöpfergott
der peruanischen Anden.
Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein

Bevor Südamerika von christlichen Entdeckern aus Europa heimgesucht wurde, wurde in Peru ein mächtiger Schöpfergott verehrt. Für viele Inkas war er namenlos, trug aber zahlreiche Ehrentitel wie Ilya-Tiqsi Wiraqoca Pacayacaciq. Viracocha mag ein Name sein, der aus einem Ehrentitel entwickelt wurde. Viracocha war nur ein Name von vielen, unter denen der große Schöpfergott in Südamerika bekannt war.

Bei San Pedro im nördlichen Peru wurde Viracocha in einer riesigen Kultanlage verehrt. Sein Tempel dürfte das höchste und größte überdachte Bauwerk Südamerikas gewesen sein. Wie es einst aussah, wir wissen es nicht mehr... so wie wir die ältesten Namen der Schöpfergötter Südamerikas nicht mehr kennen.

Teilweise stümperhafte Rekonstruktion von »Inkamauerwerk«.
Foto Walter-Jörg Langbein

Weltweit gab es einen Wandel in den Glaubenswelten. Alte Religionen wichen »neuen«, alte Götter sollten in Vergessenheit geraten. Sie überlebten aber die Jahrtausende, erhielten nur neue Namen. So ist die heute im Katholizismus verehrte »Himmelskönigin« Maria, die nach neueren Glaubensvorstellungen leibhaftig in den Himmel aufgenommen wurde, kaum zu unterscheiden von ägyptischen oder altperuanischen Muttergottheiten.

Links: Inkamauerwerk, rechts Archäologenpfusch.
Fotos Walter-Jörg Langbein

Die Rekonstruktion der Ruinen von Raqchi mutet teilweise mehr als stümperhaft an. Auf der einen Seite ist nach wie vor »Inkamauerwerk« erhalten, bestehend aus millimetergenau auf- und ineinander gefügten Andesit-Steinen. Wie aber sah das einst riesige Viracocha-Gebäude aus? Hatte es einst ein spitzes Dach, das von einer wahren Monstermauer getragen wurde? Wurde dieses Dach von wuchtigen Steintürmen getragen, deren runde Fundamente noch erhalten sind? Oder hatten diese Türme einst eine ganz andere Funktion? Sie erinnern stark an die »Grabtürme« von Sillustanti (Triticaca-See).


Dachstützen oder Grabtürme? Fotos Walter-Jörg Langbein

Wiederholt sprach ich vor Ort mit Archäologen, die schmunzelnd zugaben, nicht wirklich zu rekonstruieren, sondern ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen. Archäologische Stätten sind nun einmal auch in Peru Anziehungspunkt für Touristen, sprich Einnahmequelle.

Um den immer größer werdenden Besucherströmen etwas bieten zu können, wurden Teile der Tempelanlage »rekonstruiert« - als eine Art »Pfusch am Bau«. Statt exakt zugeschnittene Steine aneinander millimetergenau anzupassen und mörtellos zusammen zu setzen... wurden vergleichsweise primitiv wirkende Mauerteile aus viel Mörtel und wahllos  eingebauten Steinen auf die bewundernswerten originalen Mauerwerkreste gesetzt... Viracocha würde sich mit Grausen wenden.

Die Monstermauer von Raqchi... Foto Walter-Jörg Langbein

Inkabauten... die Originale... überstanden Erdbeben zum Trotz Jahrhunderte. Die teilweise stümperhafte »Rekonstruktion« durch moderne Baumeister wackelt schon nach wenigen Jahrzehnten und droht auch ohne Erdbeben einzustürzen. Primitive Holzstützen sollen das verhindern.

Viracocha wurde auch in der einst gigantischen Kultanlage von Tiahuanaco verehrt. Die mysteriöse Ruinenstätte aus Vorinkazeiten liegt knapp 4 000 Meter über dem Meeresspiegel in der trostlosen Hochebene des Altiplano bei Tiwanacu, Bolivien, im Westen von La Paz (Entfernung 70 Kilometer). Wer von La Paz nach Tiwanacu reist, fühlt sich in eine fremde Welt versetzt, die als Kulisse für einen Science-Fiction-Film dienen könnte. Astronauten könnten im Film die Reste einer uralten Kultur auf einem fernen Planeten untersuchen. Doch die Ruinen von Tiahuanaco und Puma Punku entstanden auf unserem Heimatplaneten, auf der Erde. Sie wurden erst im Jahre 2000 zum Weltkulturerbe der UNESCO ernannt... und nur zu einem kleinen Bruchteil erforscht.

Viracocha, der Erschaffer und Zerstörer vieler Welten, galt als ein Supergott. Viracocha, so heißt es, schuf den ersten Inka, Manco Capac. In Tiahuanaco soll er lange vor dem Anbeginn der Zeit die ersten Menschen  aus Stein geschaffen haben. Die Tiwanaku hausten in den Ruinen von Tiahuanaco, gaben aber nicht vor, die uralten – nur noch bruchstückhaft erhaltenen Bauten – errichtet zu haben. Vielmehr habe Viracocha Riesen kreiert die die gewaltigen Steinmassen bewegten und auftürmten. In einer großen Flut soll Viracocha seine Geschöpfe schließlich vernichtet haben, so wie der Gott der Bibel nach dem Buch der Bibel.

Das Sonnentor mit dem Gott im Steinrelief.
Foto Ingeborg Diekmann

Auf dem berühmten Sonnentor von Tiahuanaco soll Viracocha als zentrale Gestalt im rätselhaften Steinrelief verewigt worden sein. Heute sind nur noch wenig steinerne Riesen erhalten, die einst die gewaltige Anlage von Tiahuanaco geschmückt haben. Sie sollen Viracocha dargestellt haben. Statuen wurden zwischen 1889 und 1920 im Gebiet von Tiahuanaco entdeckt, zum erheblichen Teil im Erdreich versunken. Brien Foerster (1) mutmaßt, dass die Kolosse einst »einem natürlichen Desaster, wie einer Flut aus dickem, schlammigen Wasser« ausgesetzt waren. Beweist das die historische Realität einer Flutkatastrophe im Raum von Tiahuanaco? 


Steinchaos heute (links), Steinchaos anno 1877
(Fotos Walter-Jörg Langbein, links, Squier 1877, rechts)

Tatsächlich wirkt die Umgebung von Tiahuanaco, als liege eine vor Ewigkeiten getrocknete Schlammschicht über allem, aus der monströse Felsbrocken ragen, die scheinbar mit modernen Geräten poliert und geschnitten worden sind. Teilweise wurde diese Schicht abegtragen, um eine Vielzahl präzise bearbeiteter Steinmonster freizulegen. Sie wurden, wie es scheint, einst von unvorstellbaren Naturgewalten durcheinander gewirbelt und im Schlamm begraben. Vereinzelt sind  Reste einstiger Mauerfundamente zu erkennen. Ich halte es für ausgeschlossen, zu rekonstruieren, wie die einst imposanten Gebäude von Tiahuanaco ausgesehen haben.

1833 soll es noch relativ gut erhaltene Steinplatten, Fundament eines mächtigen Bauwerks gegeben haben. War es ein sakraler Bau, ein Tempel zu Ehren des großen Viracocha? Ephraim George Squier vermeldet anno 1877 erschüttert (3): »Seit 1833 aber sind die Verwüster mit neuer Kraft an der Arbeit gewesen. Unfähig, die festen und mächtigen Steine des Fundaments .. zu entfernen, unterhöhlten sie dieselben und sprengten sie mit Schieszpulver, wonach sie sie dann viele der fleißszig und zierlich behauenen Trümmerstücke mitnahmen, um die Kathedrale zu La Paz zu pflastern.«

Tonnenschwere »Reste« der Anlage von Tiahuanaco.
Foto Walter-Jörg Langbein
Die riesige Anlage von Tiahuanaco und Puma Punku diente viele Jahrhunderte als Steinbruch. Die Bewohner des neuzeitlichen Dörfchens Tiwanaku schleppten riesige Mengen von Steinmaterial ab, um die eigenen Behausungen zu verschönern. Ephraim George Squier (4):

»Das erste, was dem Besucher des Dorfes Tiahuanuco auffällt, ist die große Anzahl schön behauener Steine, welche in die rohesten Mauern verbaut worden sind und in dem Pflaster der schmutzigsten Hofräume stecken. Sie sind als Schwellen, Thüren und Fensterpfosten, Sitze, Tische und Wasserbehälter verwendet.

Die Kirche ist durchweg aus solchen Steinen errichtet. Das Kreuz vor derselben steht auf einem Steinsockel, der das von ihm getragene Symbol bei weitem an Geschicklichkeit der Steinmetzarbeit übertrifft. Allenthalben umher finden sich die Spuren des Altertums. Die benachbarten Ruinen sind ein wahrer Steinbruch gewesen, aus welchem man die behauenen Steine nicht nur für Tiahuanuco und alle die Dörfer und Kirchen des Thales, sondern auch zum Bau der Kathedrale in La Paz, der Hauptstadt Boliviens entnommen hat... Die Baudenkmäler der Vergangenheit haben die meisten Materalien für die öffentlichen Gebäude, Brücken und Kunststraszen der Gegenwart geliefert.«

Einer der mysteriösen Steine nach Hans Schindler-Bellamy.
Foto Archiv Walter-Jörg Langbein


Was da an Kostbarkeiten für immer zerstört wurde, das lässt sich nicht einmal erahnen und erschüttert zutiefst. Prof. Hans Schindler-Bellamy stellte mir millimetergenaue Zeichnung von verschonten Steinen zur Verfügung, die erahnen lassen, dass der ursprüngliche Baukomplex von Tiahuanaco-Puma Punku eines der großen Weltwunder unseres Planeten war!

Ephraim George Squier stell bewundernd fest (5): »Ich darf mit voller Erwägung meiner Worte einfür allemal sagen: In keinem Teile der Welt habe ich mit solch mathematischer Genauigkeit und mit so erstaunlicher Geschicklichkeit behauene Steine gesehen, wie in Peru, und in keinem Teile Perus giebt (sic) es deren, welche die über die Fläche bei Tiahuanuco verrstreut liegenden überträfen.«

Die Tempelanlage von Tiahuanaco scheint von einer alten Kultur errichtet worden zu sein, von der wir nichts mehr wissen. Diese Kultur hinterließ Wunderwerke, deren Ruinen noch im 19. Jahrhundert mit barbarischer Konsequenz zerstört wurden.

Anmerkung


Die Rechtschreibung, die in den Zitaten von Squier zur Anwendung kam, blieb unverändert. Beispiele: »sz« statt »ß« und »Tiahuanauco« statt »Tiahuanaco«.

Der Viracocha-Gott vom Sonnentor.
Foto: Ingeborg Diekmann, Bremen
Fußnoten:


1) Brien Foerster: The enigma of Tiwanaku and Puma Punku, Create Space Independent Publishing Platform, ohne Ortsangabe, 2013

2) Ephraim George Squier: »Peru - Incidents and Explorations in the Land of the Incas«, 1877. Mir liegt die Erstauflage der Übersetzung ins Deutsche vor: »Peru - Reise- und Forschungs-Erlebnisse in dem Lande der Incas«,  Leipzig 1883,
Kapitel XV: »Tiahuanuco (sic), das Baalbec der neuen Welt«, S. 337-3723

3) ebenda, Seiten 349 ud 350
4) ebenda, Seite 339
5) ebenda, Seite 345






»Der ›Inka-Tempel‹
und Maria...«,
Teil 212 der Serie
»Monstermauern, Mumien
und Mysterien«                         
von Walter-JörgLangbein,                                                                                              
erscheint am 09.02.2014

Ausblick auf Folge 212. Foto Walter-Jörg Langbein














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Sonntag, 26. Januar 2014

210 »Die Monstermauer von Peru«

Teil 210 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Die Monstermauer ragt wie eine übertriebene Kulisse aus einem Indiana-Jones-Film in den Himmel. Schaut man man genauer hin, erkennt man klaffende Wunden im Mauerwerk. Wie imposant sie einst wirklich war, ist auf der Zeichnung nicht zu erkennen.

Die Monstermauer anno 1877

Wann mag das Bauwerk entstanden sein, an dessen kühne Konstruktion eine präzise Zeichnung nur vage erinnert? Wann mag die Zeichnung entstanden sein? Wer mag sie angefertigt haben? Und wo stand sie wohl einst, die Monstermauer von Peru?

Anfang der 1990-er Jahre steckte mir ein Tourist-Guide im »Royal Inka«, Cuzco, Peru, das zerknitterte, schmutzig-ramponierte Foto einer Zeichnung zu. Für 250 US-Dollar würde er mich zur Monstermauer führen. So verlockend das Angebot auch war, ich musste es ausschlagen. Die nächsten Wochen meiner Reise von Ecuador über Peru, Bolivien bis in den Süden Chiles waren schon präzise verplant. Flüge waren gebucht, Tickets für Bus und Bahn waren gekauft, wichtige Gesprächstermine mit Experten vor Ort waren vereinbart worden....

Zurück in Deutschland konnte ich eruieren, wer die Zeichnung der mysteriösen Mauer-Ruine angefertigt hatte. Sie stammte von Ephraim George Squier, 1821 in Bethlehem (New York, nicht Israel!) geboren, 1888 in New York City verstorben. Mr. Squier, als Sohn eines methodistischen Predigers geboren, startete eine wenig Erfolg versprechende »Karriere« als Herausgeber diverser Zeitungen, ging in die Politik, studierte Ingenieurwissenschaften und erkundete mit wissenschaftlicher Präzision die uralten indianischen Erdpyramiden in den Tälern des Ohio und des Mississippi. 1848 erregte er mit seinem Werk über »Ancient Monuments of the Mississippi Valley« Aufsehen.

George Ephraim Squier,
Foto gemeinfrei

Politik und Diplomatie führten Squier Mitte des 19. Jahrhunderts nach Zentral- und Südamerika. 1863 kam er  als »Kommissar der Unionsstaaten» nach Peru, wo er mit wachsender Begeisterung die ihn faszinierenden mysteriösen Monumente aus uralten Zeiten studierte. 1877 brachte er ein Werk über Peru heraus (1). Bei Squier entdeckte ich... das Original jener Zeichnung von der mysteriösen Monstermauer von Peru!

Die Mauer war einst Teil eines Tempelkomplexes, beim Dörfchen San Pedro de Cacha gelegen... knapp 120 Kilometer südöstlich von Cuzco. Wenige Jahre später war ich wieder in Peru. Von Cuzco aus fuhr ich in jenes fruchtbare Tal des Vilcanota. Nur wenige hundert Meter außerhalb des kolonialen Dörfchens San Pedro stand ich endlich vor der Monstermauer. Genauer gesagt... Ein rostiges Türchen in einem hinfälligen »Zaun« trennte mich vom archäologischen Areal. Das Türchen war verschlossen, doch vom Hüter des Türchens war nichts zu sehen. Wo sollte ich also das »Eintrittsgeld« von drei US-Dollar bezahlen? Ich wartete geduldig, wurde langsam ungeduldig. Als ich schließlich Anstalten machte, über den wackeligen Zaun zu klettern, da erschien der Zerberus von Raqchi.

Seinetwegen, so teilte er mir mit, könne man die Mauer ruhig einreißen. Dann hätte er seine Ruhe. Heute, so schleuderte er mir geradezu wütend entgegen, sei ich schon der dritte Tourist, für den er das Türchen aufschließen müsse. Zum Glück sei in der Woche zuvor »kein einziger Gringo« erschienen. Mein schlechtes Gewissen hielt sich in Grenzen.

Tatsächlich interessierte sich Anfang der 1990er Jahre kaum jemand für die Anlage von Raqchi. 1996 gab es nach der amtlichen Statistik nur 452 Besucher, 2006 waren es immerhin schon 83.334!

Nähert man sich der Anlage von Raqchi, so fällt eine Monstermauer auf. Sie ist 92 Meter lang und knapp über 25 Meter hoch. Tritt man näher, so erkennt man zwei Baustile. Vier Meter hoch ist die »untere« Mauer, sorgsam aus millimetergenau passenden Andesit-Steinen zusammengefügt. Andesit, früher Porphyrit genannt, ist ein sehr feinkörniges Vulkangestein. Die Mauer über den so präzise verbauten Andesit-Steinen besteht aus ganz anderem Material, nämlich aus Lehmziegeln (Adobe), die an der Luft getrocknet worden sind.


Die Monstermauer heute.
Foto Walter-Jörg Langbein

So imposant die Mauer auch heute noch ist, so können wir kaum erahnen, wie sie aussah, als sie noch intakt war. Leider haben die spanischen Eroberer versucht, die riesige Wand zum Einsturz zu bringen, was ihnen aber nur teilweise gelang. So stehen heute nur noch große Teilstücke der Wand, in der unterschiedlich große und breite Lücken klaffen. Archäologen  haben oben auf der Mauer ein schmales Schutzdach angebracht, um das fantastische Denkmal vor dem Zahn der Zeit zu schützen. Was der mutwilligen Zerstörungswut der »zivilisierten« Spanier entgangen ist, soll Jahrhunderte später nicht dem Regen zum Opfer fallen. Die sonnengebrannten Lehmziegeln könnten bei massiven Regenschauern aufgeweicht werden und zerbröckeln.

Fragen über Fragen sind bis heute unbeantwortet. Wie sah die Monstermauer einst aus? Vermutlich war sie einst bemalt, worauf winzige Farbreste hinzuweisen scheinen. War sie die zentrale Stütze eines riesigen Daches? Wahrscheinlich war die gewaltige Mauer einst Teil eines riesigen Tempels. Das genügte den Spaniern als Grund, um zu versuchen, die Mauer zu zerstören. (2)


Zum Tempelkomplex gehörten einst 180 steinerne Rundbauten. Waren das einst Getreidespeicher? Für wen wurden große Mengen Getreide gelagert? Für die umfangreiche Priesterschaft des Tempels und deren Bedienstete? Oder für die »normale« Landbevölkerung? Wurde das Getreide den Göttern geopfert?

Eines der Fenster. Foto Walter-Jörg Langbein

»Türen« und »Fenster« durchbrechen den unteren Andesit-Teil der Mauer. Nischen im Andesitgestein mögen einst Statuetten oder anderen  sakralen Gegenständen Platz geboten haben. Die Durchbrüche beweisen auf eindrucksvolle Weise, wie präzise der feinkörnige Stein bearbeitet wurde.

Einst gab es hier Wohnquartiere, Lagerräume, einen Festplatz und Bäder. Gehörte ein Dorf zum Tempel? Oder war die gesamte Anlage sakraler Natur, für Priester und Pilger? Die Bäder können religiöser Reinigung gedient haben: Priestern wie Pilgern, bevor sie den eigentlichen Tempelbezirk betreten haben. Haben wir es mit einer Art »Vatikan« der Inkas zu tun?

Die steinernen Bauten wurden einst auf sehr fruchtbarem Boden errichtet. Es wurde Landwirtschaft in Perfektionismus betrieben. In Trocken- oder gar Dürrezeiten schaffte man lebensnotwendiges Wasser aus den Bergen heran – in einer unterirdischen Leitung, die offenbar auch heute noch funktioniert. Unklar ist nach wie vor, wann die Tempelanlage von Raqchi gebaut wurde. Die präzise Verarbeitung der Andesitsteine im unteren Teil der Mauer und der obere Teil aus Adobe-Backsteinen lassen auf zumindest zwei Bauphasen schließen. Fanden die Inkas das Fundament einer älteren Anlage vor? Bauten die Inkas »ihre« Lehmziegelmauer auf die ältere Andesitstruktur?


Unten Andesit, darüber Lehmziegeln.
Foto Walter-Jörg Langbein

Die Inkas haben hier, so heißt es Gott Viracocha verehrt und angebetet. (3) Viracocha war der »große Schöpfergott«. Gemeinsam mit seiner Frau Qucha, »Mutter Erde«, hatte er zwei Kinder, Sohn Inti (Sonne) und Tochter Mama Killa (Mond). Wie der biblische Schöpfergott des Alten Testaments  ließ Viracocha eine gewaltige Sintflut ausbrechen. Im Umfeld des Titicacasees wurde alles Leben ausgelöscht. Nach einer uralten Legende überlebten nur zwei Menschen, die aber schließlich alle Zivilisationen der Welt begründeten.

Fußnoten


Millimetergenaue Präzision...
Foto W-J.Langbein
1) Ephraim George Squier: »Peru - Incidents and Explorations in the Land of the Incas«, 1877. Mir liegt die Erstauflage der Übersetzung ins Deutsche vor: »Peru - Reise- und Forschungs-Erlebnisse in dem Lande der Incas«,  Leipzig 1883

2) Hemming, John: The Conquest of the Incas, London 1993
3) Krickeberg, Walter (Hrsg.): Märchen der Azteken und Inkaperuaner, Neuauflage, Düsseldorf 1972




Millimetergenaue Präzisionsarbeit in Stein.
Foto Walter-Jörg Langbein
Die Steine aus feinporigem Andesit wurden millimetergenau zusammengefügt. Im Vergleich dazu ist die Lehmziegelbauweise mehr als primitiv. Waren da zwei »Baumeister« tätig? Wurden die Lehmziegeln später auf die Andesit-Blöcke gesetzt, als die alte Steinmetzkunst in Vergessenheit geraten war? Die verwinkelten Andesitmauern überstanden so manches Erdbeben...





In einer Woche lesen Sie..
»Auf den Spuren eines Gottes...
Viracocha«,
Teil 211 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von
Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 02.02.2014

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Sonntag, 12. August 2012

134 »Noch ein kurioser Stein und der Garten aus Gold!«

Teil 134 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Rückseite von Santo Domingo
mit  Inkamauern
Foto: Håkan Svensson (Xauxa)
Mächtig und wehrhaft wirkt auch heute noch die steinerne Mauer an der Rückseite von Santo Domingo. Sie ist Teil des einstigen Heiligtums »Nr.1« der Inkas und hat schon im Verlauf vieler Jahrhunderte so manches Erdbeben überstanden.
An der Rückseite der Kirche entdeckte ich Hunderte von präzise bearbeiteten Steinen aus den Zeiten der Inkas, von fleißigen Archäologen in der Art einer steinernen »Prozession« aneinandergereiht. Sie stammen wohl vom Coricancha- Tempel. Der von den Spaniern verfälschte Name lautete in Quechua, der Inka-Sprache, »Qoricancha«, zu Deutsch »Goldener Hof«. Aber auch das war wohl nicht der Originalname ... der lautete wohl »Intikancha«, zu Deutsch »Sonnentempel« oder »Sonnenbezirk«.

Auf der Rückseite des stolzen Sakralbaus der katholischen Kirche lagen sie in Massen ... die steinernen Zeugnisse der Inka-Steinmetze. Wie in Tiahuanaco und Puma-Punku hatte ich den Eindruck, dass es so etwas wie genormte Steinformate gab. Und die wurden vor vielen Jahrhunderten wie am Fließband gefertigt, mit welchen Werkzeugen auch immer.

Massenprodukt Stein - Foto W-J.Langbein
Zwischen diesen uralten Bauelementen entdeckte ich zwei steinerne »Motore«... und einen weiteren, länglichen Stein. Genauer gesagt: Es handelt sich um ein Bruchstück eines größeren Steins. Die Bezeichnung »Stein« kommt mir irreführend vor. Auf mich macht das mysteriöse Objekt den Eindruck, als habe man ein technisches Werkstück kopiert, sprich in Stein nachmodelliert. Und von dem merkwürdigen, nachgebauten »Apparat« ist nur noch ein Teil erhalten.

Ich versuche objektiv zu beschreiben, ohne zu interpretieren ... Auf der Oberseite erkennt man präzise in den harten Stein gefräste Rillen, fünf an der Zahl. Am Ende jeder dieser Rillen findet sich ein säuberlich gebohrtes Loch. Die Bohrung führt durch den Stein, tritt an der Seite aus ... mündet wiederum in ein gebohrtes Loch. Darunter befindet sich – aus dem Stein gemeißelt – so etwas wie eine schmale »Leiste«. In diese Leiste wurden – unter den Löchern – wiederum Rillen eingefräs t... und die führen wiederum in sauber gebohrte Löcher, die im Stein verschwinden. Zu welchem Zweck wurden diese millimeterkleinen Löcher gebohrt? Darf man den Stein technisch interpretieren?

Der mysteriöse »Lochstein« (oben),
darunter einige der Bohrungen
Fotos: W-J.Langbein
Wenn ich meiner Fantasie freien Lauf lassen darf: Dieses Werkstück wäre ideal für Kabel, Stromleitungen etwa, geeignet ... nicht für Wasser. Die eingefrästen Rillen sind so schmal, dass sie nur winzigste Wassermengen im Tropfenbereich aufnehmen können. Auch die Bohrungen durch den Stein sind völlig ungeeignet, um eine Flüssigkeit zu befördern. Kleinste Schmutzpartikel würden rasch die Minikanälchen verstopfen.

Die Inkas kannten aber keinen elektrischen Strom. Kabel waren ihnen ebenso unbekannt wie elektronische Bauteile. Könnte es sein, dass Inkas – oder schon ihre Vorfahren – so etwas wie nicht verstandene Technologie sahen und kopierten?

Die Cargo-Kulte verschiedener Südseeinseln beweisen: Naturvölker verstanden vor Jahrzehnten überlegene Technologie nicht. Flugzeuge waren für die »Eingeborenen« rätselhafte Fabelwesen, die sie staunend beobachteten ... Später haben sie diese scheinbar überirdischen Wesen imitiert, nachgebaut ... mit primitiven Mitteln. (1) Wenn wir nicht wüssten, dass diesen künstlerisch ansprechenden Objekten reale Begegnungen mit Flugzeugen zugrunde liegen ... würden wir die aus einfachen Materialien nachgebauten Objekte auch heute noch für imaginäre Fabelwesen halten.

Für Südseeinsulaner war es eine Art Fabelwesen ...
Wir erkennen es als Flugzeug. Foto: W-J.Langbein
Sollten die Inkas ... oder deren Vorläufer ... mit Technologie in Berührung gekommen sein: mit Motoren zum Beispiel? Diese Motoren können dann aber kaum irdischen Ursprungs gewesen sein. Sollten die Inkas Kontakt mit Außerirdischen gehabt haben?
Zurück zu den kuriosen Steinen von Santo Domingo in Cuzco. Ein zweites Mal tauchte der schwäbelnde Geistliche im wehenden Talar auf. »Kennen Sie die Geschichte vom ›Goldenen Garten‹?« Natürlich hatte ich mich auf meine Reise nach Cuzco gut vorbereitet. So war mir der »Goldene Garten« ein Begriff. Ich fasste – mit etwas Stolz – mein Wissen in Sachen Inka-Gold zusammen.

Santo Domingo,
die Inkamauer von innen
Foto: Ingeborg Diekmann
Der legendäre Tupac Capak und seine Nachfolger erbeuteten auf ihren Feldzügen unermessliche Mengen Goldes – bei den Chimú, deren Kunstfertigkeit mehr als meisterhaft war. Und so vereinnahmte Tupac Capak nicht nur das kostbare Metall. Er verschleppte auch die besten Goldschmiede der Chimú, die von nun an für den Inka arbeiten mussten. Chimú-Goldschmiede waren es, die ein riesiges Standbild des Sonnengottes Inti kreierten. Sie fertigten auch – ebenso aus purem Gold – eine gewaltige Sonnenscheibe an: für die religiöse Metropole Cuzco. Vielleicht noch bedeutsamer war eine Statue von »Mama Ocllo«. »Mama Ocllo« war eine jener Urgöttinnen aus den Zeiten des Matriarchats, als Göttinnen die Schicksale der Menschen bestimmten.

»Wenn man nur diese Inka-Mauern wie ein Buch lesen könnte ... « murmelte ich vor mich hin und fotografierte weiter das Mauerwerk an der Rückseite von Santo Domingo. »Was wir dann erfahren könnten ...«

Der katholische Geistliche nickte zustimmend. »Mama Ocllo war so etwas wie eine Urgöttin ... eine Art göttliche Eva. Es gibt verschiedene Überlieferung über die Herkunft von Mama Ocllo. Sie sei die Tochter von Sonnengott Inti und Mama Qilla, heißt es. Nach einer anderen Überlieferung war sie eine Tochter von Viracocha und Mama Cocha.« Mama Qilla galt bei der Inkas als Mondgöttin ... Mama Cocha war die Göttin des Meeres.

Unvorstellbare Schätze fanden die
Spanier im Tempel der Inkas.
Fotos und Collage: W-J.Langbein
Der Geistliche fiel mir ins Wort: »Die Namen der Göttinnen sind nicht so wichtig. Von Bedeutung ist nur, dass in dieser religiösen Mythologie festgehalten wurde, dass es einst eine Herrschaft der Muttergöttin gab ... die die später mächtig werdenden männlichen Götter gebar. Die goldenen Statuen der Göttinnen befanden sich zuletzt in Räumen des Tempels, die noch zum Teil in und unter der Kirche Santo Domingo erhalten sind!«

Ob es denn wirklich diese Goldschätze gab, fragte ich ein wenig provokativ meinen Gesprächspartner. »Natürlich!« schnaubte er wütend. »So wie es auch den ›goldenen Garten‹ gab! Garcilasso de la Vega hat ihn ausführlich beschrieben!«

Auch der »goldene Garten« gehörte zum Superheiligtum Coricancha in Cuzco. Der »goldene Garten« war so etwas wie ein paradiesisches »Eden«. Von üppiger Pracht waren die schönsten Blumen und Pflanzen, die Bäume und Maisfelder mit prallen Kolben an jeder Maispflanze. Mit Sorgfalt ausgewählt waren die den Inkas wohlbekannten Heilpflanzen. An Büschen warteten reife Beeren darauf, geerntet zu werden. Käfer und Eidechsen krabbelten ... Lamas wurden von Hirten beaufsichtigt. Greise passten auf Enkelkinder auf. Bauern kümmerten sich um ihre Felder ... ein naturgetreues Szenario ... und alles aus purem Gold!

Santo Domingo bei Nacht.
Foto: Martin St-Amant
Der berühmte Archäologe und Inka-Kenner Prof. Dr. Miloslav Stingl kommentiert (2): »Dieses Wunder aller Wunder, das wohl auf der ganzen Welt nicht seinesgleichen hatte, ist wahrscheinlich das Werk der in Cuzco lebenden Chimú-Goldschmiede gewesen, die nach der Unterwerfung ihres Reiches in die Hauptstadt der Inka umgesiedelt worden waren. Die Spanier haben, gleich nach der Eroberung der Stadt, diese funkelnde Pracht feiner zisilierter Blumen und Ähren, diesen ganzen Goldenen Garten von Cuzco in ihrer Gier nach dem goldglänzenden Metall zerstört und ausgeraubt, so wie 60 Jahre vorher die Inka die Goldschätze Chan-Chans geplündert hatten.«

Der Hinweis auf die plündernden Inkas ist keine Entschuldigung für das brutale, räuberische Vorgehen der christlichen Spanier ... die auch heute noch – leider – in weiten Teilen Südamerikas als Vertreter einer überlegenen, ja höher stehenden Zivilisation angesehen werden. Sachlich betrachtet waren die Conquisadores nichts anderes als ein goldgieriger Haufen von Räubern, die vor keinem noch so schlimmen Verbrechen zurückschreckten ... wenn nur Gold als Belohnung winkte!

Der seltsame Stein - Foto: W-J.Langbein
Fußnoten
1 Das Foto des nachgebauten Flugzeugs entstand am 29.08.2006 im »Mystery Park« (heute JungfrauPark) bei Interlaken, Schweiz.
2 Stingl, Miloslav: »Auf den Spuren der ältesten Reiche Perus«, Leipzig, Jena, Berlin, 2. Auflage 1990, S. 237

»Gold, Gold ... Gold«,
Teil 135 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 19.08.2012


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Sonntag, 21. August 2011

83 »Die Monstermauer von Ollantaytambo«

Teil 83 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Die Monstermauer von
Ollantaytambo
Foto: W-J.Langbein
Ich stehe vor der »Monstermauer« von Ollantaytambo im südlichen Peru. Tonnenschwere Steinkolosse trotzen seit uralten Zeiten Wind und Wetter. Sintflutartiger Regenschauer macht das Fotografieren schwer. Regennass glänzen die Steinquader. Sie wurden ... davon bin ich überzeugt ... lange vor der Epoche der Inkas zusammengefügt. Von wem? Wann? Warum?

Als Kind versuchte ich herrlich exotische Namen wie »Ollantaytambo« richtig auszusprechen. Sehnsüchtig studierte ich Karten Südamerikas. Ich träumte von Reisen in jene fernen Gefilde ... Jetzt sitze ich hoffnungsvoll im Minibus. Bei strahlendem Sonnenscheint geht’s am Rio Patacancha entlang. Wir erreichen den Urubamba. Am Südufer erkenne ich die kleine Bahnstation von Pachar. Hier macht der Zug von Cuzco nach Machu Picchu Halt.

Das Dörfchen Ollantaytambo hat sich seit meinem letzten Besuch nicht verändert. Lehmhütten stehen auf altehrwürdigen Inka-Mauern. Kaum steige ich aus dem Bus, ziehen sich auch schon Wolken zusammen ... pechschwarze ... und es schüttet vom Himmel. Warum regnet es fast immer, wenn ich nach Ollantaytambo komme?

Ich hole meine Regenjacke aus dem Rucksack, verstaue die beiden Kameras darunter ... und los geht’s. Zügigen Schritts will ich die steinerne Treppe erklimmen. Auf einer Höhe von 2800 Metern über dem Meer komme ich bald in Atemnot ... Weiter ... weiter ... Mir kommt es so vor, als zöge sich der steile Weg entlang der künstlich angelegten Terrassen endlos hin. Sind es zweihundert Stufen oder 2000?

Eine Steinwand mit Nischen - Foto: W-J.Langbein
Ein Weg führt von der Treppe nach links ab. Ich folge ihm und entdecke eine Steinwand mit Nischen. In ihnen sollen einst goldene Statuen von Göttern der Inkas gestanden haben, heißt es. Manche übersetzen den Namen »Ollantaytambo« mit »Speicher meines Gottes«. Ich muss gestehen, eine der Nischen zu einem profanen Zweck missbraucht zu haben ... um die vollen Filme aus meinen beiden Kameras zu nehmen und neue einzusetzen.

Weiter geht es ... zurück zur Treppe ... und nach oben. Plötzlich stehe ich (wieder einmal) vor dieser »Monstermauer«. Die tonnenschweren Steinkolosse sind millimetergenau aufeinander gesetzt worden. Um genau zu sein: Sechs je rund 50 Tonnen schwere Steinkolosse wurden auf der anderen Seite des Urubamba-Flusses von einem Steinbruch am Berg ins Tal geschafft, über den Fluss gebracht und wieder den Berg empor bis an ihren heutigen Platz geschleppt. Sie wurden bearbeitet und millimetergenau angepasst und so zusammengefügt, dass keine Messerklinge zwischen die Steine passt!

Ich schreite die Mauer ab. Sie ist etwas über dreizehn Meter lang. In der Höhe variieren die sechs Porphyr-Kolosse leicht. Der größte hat folgende Ausmaße ... Höhe 3,96 Meter, Breite 2,13 und Tiefe 1,67 Meter. Messen kann ich nur die Dicke des ersten und des sechsten Steines. Die anderen dürften aber ganz ähnliche Maße haben.

Die mysteriöse Mauer
von Ollantaytambo
Foto: W-J.Langbein
Welchem Zweck diente die Mauer? Als Verteidigungswall macht sie keinen Sinn. Vermutlich ist sie Teil eines Tempels, der allerdings nie fertig gestellt wurde. Im Flussbett des Urubamba ruht seit vielen Jahrhunderten ein Steinriese, der jenen der Mauer sehr ähnelt. Er sieht ganz so aus, als habe man ihn irgendwie an die Mauer anfügen wollen. Allerdings ist er wesentlich größer als die schon riesigen Steinquader. Der Stein der Superlative wird auf 250 Tonnen geschätzt. Die Steinmetzen haben ihm vom Steinbruch hinab ins Tal geschafft. Stürzte er beim Überqueren des Flusses in die Fluten und konnte nicht mehr geborgen werden? Oder wurden die Arbeiten urplötzlich abgebrochen?

1536 belagerten die Spanier Cuzco. Wacker hielten die Inkas den Attacken der Europäer stand. Inkaherrscher Manku Qhapaq II. hatte sein Quartier in Ollantaytambo aufgeschlagen. Hernando Pizarro befahl den Angriff auf die Festung. Die Spanier rückten mit 30 Soldaten zu Fuß und 70 zu Pferde an, begleitet von einem großen Kontingent einheimischer Hilfstruppen. Pizarro erinnerte sich später: »Wir fanden die Anlage so gut befestigt vor, so dass es ein entsetzlicher Anblick war!« Der nächtliche Angriff schlug fehl. Fast wären die Spanier vollkommen aufgerieben worden, doch den stark dezimierten Truppen gelang die Flucht.

Schmale Steinstäbe
zwischen den Riesen
Foto: W-J.Langbein
Betrachtet man die massive Steinwand genauer, so fällt ein ungewöhnliches Detail auf. Die genialen Steinmetzen haben die sechs Steinquader sorgsam abgeschliffen, aber nicht direkt aneinandergefügt. Vielmehr setzten sie zwischen jeweils zwei der wuchtigen Steine sehr schmale, ebenso sauber zugeschnittene und polierte Steinstreifen oder Steinstäbe. Bei ausnahmsweise schönem Wetter gelang mir im Herbst 1992 ein schönes Foto dieser Besonderheit. Inkabauweise ist das nicht!

Manche übersetzen »Ollantaytambo« mit »Speicher meines Gottes«. Andere erklären den Namen ganz anders. Einst habe sich ein örtlicher Stammesfürst in eine der Töchter des regierenden Inka verliebt. Die Verbindung sei nicht standesgemäß gewesen, der lokale Regent probte den Aufstand ... und wurde besiegt. Der Name des rebellierenden Verliebten – angeblich hieß er Ollanta – sei in Ollantaytambo verewigt worden. Einleuchtend ist diese Interpretation nicht.

Warum sollte der Zufluchtsort des Inka-Herrschers Manku Qhapaq II. Ausgerechnet nach einem besiegten Aufständischen benannt worden sein? Es sind die Sieger, die die Geschichtsbücher schreiben. Es sind die Sieger, die Städten und Plätzen ihre Namen verleihen. Die Verlierer werden so gut wie möglich vergessen und nicht geehrt ... Schon gar nicht benennt man den Ort, wo die Inka die Spanier schlugen, nach einem verachteten Inka-Rebellen.

Steinkolosse aus Vorinkazeiten
Foto W-J.Langbein
Meine Meinung: Die romantische Liebegeschichte wurde erfunden, um eine »Erklärung« für einen Ortsnamen zu finden ... dessen wirkliche Bedeutung schon vor langer Zeit in Vergessenheit geraten ist!

Gern bezeichneten räuberische Eroberer, die plündernd fremde Kulturen zerstörten, ihre Opfer als »Wilde«. Die eigentlichen »Wilden« aber waren in meinen Augen nicht die Ureinwohner Mittel- und Südamerikas, sondern die »Christen« aus Europa!

Inka-Experten wie John Hemming und Peter Frost (1) gehen davon aus, dass die Inkas »Ollantaytambo« von Vorgängern übernahmen, deren Geschichte gänzlich unbekannt ist. Wenn Touristen nach Ollantaytambo kommen, nehmen sie sich gewöhnlich sehr wenig Zeit.

Wer indes nicht nur einige Minuten vor der wuchtigen Mauer von Ollantaytambo verharrt, sondern die Umgebung – hoch über der Inkastadt Ollantaytambo – erkundet, wird immer wieder auf riesige Steinklötze stoßen, die wohl von den Inkas ... schon vorgefunden wurden! Die Inkas haben einen alten heiligen Ort übernommen. Inka-Mauerwerk ist oft längst schon wieder eingestürzt oder verfallen, während die riesigen Monolithen aus Vorinkubierten nach wie vor den Naturgewalten trotzen! Ich behaupte: Schon die Inkas wussten nichts mit den Steinmonolithen anzufangen ... so wie auch wir heute nach wie vor vor so manchem Rätsel stehen!

Ein Steinriese aus uralten Zeiten
Foto: W-J.Langbein
Wer auch immer wann auch immer mit solch gewaltigen Steinen hantierte, muss erstaunliche Kenntnisse und Fertigkeiten besessen haben. Fakt ist, dass wir mit heutigen technischen Mitteln solche Kolosse kaum an Ort und Stelle schaffen könnten! Gewaltige Kräne und Sattelschlepper wären erforderlich, die im unwegsamen Gelände von Ollantaytambo nicht eingesetzt werden können.

Mir kommt es so vor, als hätten kundige Ingenieure aus uralten Zeiten komplexe Steingebilde anfertigen lassen, die so einem monumentalen Gebäude zusammengefügt werden sollten.

Von »primitiv« kann jedenfalls angesichts so manches Steinwunders nicht gesprochen werden. Warum können wir, zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus, nicht einfach zugeben... dass wir vor einem Rätsel stehen? Lässt das unsere Überheblichkeit nicht zu?

Unverstandene Technologie in Stein
Foto: Walter-Jörg Langbein
Fakt ist: Die Monstermauer von Ollantaytambo kann Naturkatastrophen überstehen, die moderne Bauten zerstören ... Für die Inkas war das so erstaunlich nicht. Glaubten sie doch, die Bauten von Ollantaytambo seien einst unter Anleitung des großen Schöpfergottes Viracocha errichtet worden. Mit anderen Worten: Die Inkas selbst wussten nicht, wer die monumentalen Steinkolosse verbaute. Sie selbst trauten sich diese Kunst nicht zu, deshalb mussten sie einen mächtigen Gott bemühen ...

Fußnoten
1: Frost, Peter: »Exploring Cusco«, Lima 1989, S.100
Siehe auch Hemming, John: »Monuments of the Incas«, New York 1982


»Das Orakel in der Wüste«,
Teil 84 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 28.08.2011

Sonntag, 7. November 2010

42 »Das Geheimnis der fliegenden Männer«

Teil 42 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«

von Walter-Jörg Langbein

Auf einem meiner Rundgänge durch die weitläufige Anlage von Chichen Itza zeigte mir ein tüchtiger Guide eine seltsame, verwaschene Gravur... »Das ist eine der legendären Himmellsschlangen, die einst zur Erde herabstiegen... Göttliche Besucher waren das...« Und dann verwies er mich auf eine uralte Zeremonie, die nur einen Steinwurf entfernt von der Kukulkan-Pyramide zur Aufführung komme: der Flug der Voladores....

Ein geheimnisvoller »Herabsteigender«
Zum ersten Mal erlebte ich die »fliegenden Männer«, die geheimnisvollen »Vogelmenschen«, im Sommer 1964... vor dem Pavillon von Mexico auf der Weltausstellung in New York. Ich war damals neun Jahre alt und staunte über eine wagemutige Demonstration von tollkühnen Akrobaten. Seither ist fast ein halbes Jahrhundert verstrichen, aber ich erinnere mich sehr genau an die unglaubliche Darbietung:

Ein Indio kletterte behände auf einen etwa fünfzig Meter hohen Mast. Dort oben war ein hölzernes quadratisches Viereck angebracht. Es ruhte offenbar auf einem Lager und konnte sich wie ein Rad auf der Spitze des Mastes drehen. Der erste Indio erklomm den Mast. Seine vier Kollegen umkreisten ihn am Boden. Dabei vollführten sie stets einen bestimmten Bewegungsablauf, der sich endlose Male zu wiederholen schien.

Die Männer gingen tänzelnd, sich immer wieder in kurzen Pausen verbeugend, um den Mast. Sie blickten, den Kopf weit in den Nacken geworfen, gen Himmel. Suchten sie etwas? Oben auf der Spitze spielte der erste Indio auf einer kleinen Flöte. Er stampfte mit den Füßen, bewegte sich im Kreis. Mit spielerischer Leichtigkeit erklommen nun die vier Indios die Höhe. Oben angekommen, schlangen sie jeweils ein Seil um ihr rechtes Fußgelenk und hielten kurz inne.

Aufstieg der Voladores
Foto: Walter-Jörg Langbein


Ihr Kollege auf der kleinen Plattform tanzte immer schneller ... die Vier stürzten sich in die Tiefe ... kopfüber. Nun bekann der Tanz der fliegenden Männer. Die Vier streckten ihre Arme weit aus, wie beschwörend, umreisten dabei den Mast ... sich auf weiter werdenden Kreisen gleichmäßig zur Erde bewegend. Ein Aufatmen ging durch die Menge, als die Männer den Flug vollendet hatten. Allein schon, wie die kopfüber hängenden stolzen Nachkommen der Mayas nach der letzten Runde wieder auf die Beine kamen, erforderte akrobatische Fähigkeiten!
Ich erinnere mich noch gut an die prächtige Kleidung der Voladores: rote Hose, weißes Hemd, rote Schärpe um die Schultern, dazu ein edler Federschmuck auf dem Kopf. So sehr mich die Leistung der Voladores auch beeindruckte, so beschlich mich auch ein seltsames Gefühl der Betroffenheit. Da standen wir Nachfahren jener wüsten Eroberer, die die hochstehenden Kulturen Zentral- und Südamerikas ausgelöscht hatten. Und die Nachfahren der Mayas führten zu unserer Erbauung Tänze auf.

Würde Winnetou, der von mir so verehrte Häuptling der Apachen, aus der Fantasiewelt Karl Mays, so für Touristen tanzen? War das mutige Treiben mit der Würde eines uralten Kulturvolkes zu vereinbaren? Im Verlauf der letzten drei Jahrzehnte habe ich die Voladores immer wieder gesehen: in Mexico City zum Beispiel, auch in Tulum, direkt an der Karibikküste Mexikos gelegen. In Details unterschieden sich die Darbietungen. Manchmal spielten die »fliegenden Männer« bei ihrem sausenden Weg nach unten auch noch Flöte. Aber egal wie hoch der Mast auch war, immer benötigten die vier Männer je dreizehn Umrundungen des Masts, bis sie am Boden ankamen. Dreizehn Umdrehungen pro Mann, das ergibt – bei vier Voladores – exakt 52 Umdrehungen.

Gleich stürzen sich die vier Voladores in die Tiefe.
Foto Ingeborg Diekmann


»Vor rund fünf Jahrhunderten entstand der Kult der Voladores!« habe ich in einer vielzitierten Internetquelle gelesen. Was für ein Unsinn: Die Spanier tauchten Ende des 15. Jahrhunderts in Mexiko auf, also vor rund 500 Jahren. Der »Tanz der fliegenden Männer« aber ist sehr viel älter. Er wurde lange vor der Zeit der spanischen Eroberer zelebriert... als Mittelamerika noch nicht »christlich zivilisiert« von den Europäern ausgeraubt worden war.

Der Kult der Voladores hat mit den alten Göttern zu tun, zum Beispiel mit Quetzalcoatl, dem »Morgenstern«. »Quetzalcoatl« lässt sich mit »Grünfederschlange« übersetzen. Quetzalcoatl war nicht die vom Christentum verteufelte Schlange aus dem Paradies-Mythos. Quetzalcoatl wurde nicht von einem Gott zum Herumkriechen verurteilt wie das Reptil der Bibel. Quetzalcoatl war selbst göttlich... und wird mit einer heiligen, fliegenden Schlange in Verbindung gebracht. Prof. Hans Schindler-Bellamy, Erforscher südamerikanischer Mysterien uralter Kulturen, im Interview: »Quetzalcoatl alias Kukulkan war die fliegende Schlange.«

Bildunterschrift: Der Absprung.
Foto: Walter-Jörg Langbein


Seltsam: die biblische Schlange wurde verteufelt. Sie bot den Menschen Wissen an. In der christlichen Glaubenswelt wird der Teufel mit Luzifer gleichgesetzt... mit Venus. Quetzalcoatl wird ebenfalls mit der Venus identifiziert... und der fliegenden Schlange!

Manchen Abend habe ich in den Ruinen von Chichen Itza verbracht und zu Füßen der Pyramide des Kukulkan über die Götter Süd- und Zentralamerikas nachgedacht. Immer wieder wurde mir bewusst, dass – wie zum Beispiel in der europäischen Mythologie – Götter in unterschiedlichen Regionen unterschiedliche Namen tragen. Es waren aber die gleichen Götter, die nur anders tituliert wurden. Manches Mal habe ich diesem geheimnisvollen Ritus beigewohnt. Zu Beginn umtanzen die Voladores den Pfahl, blicken suchend gen Himmel. Dann steigen sie empor und fliegen wie die mythologischen Schlangen zur Erde herab. Erinnern uns die Voladores an den Besuch von »Göttern« aus himmlischen Gefilden? Warteten die Mayas auf die Rückkehr dieser Götter? Offensichtlich! Die Azteken rechneten mit der Rückkehr der Mächtigen... und das wurde ihnen zum Verhängnis. Hielten sie doch zunächst die marodierenden Spanier für Götter, denen man sich als Mensch nicht widersetzen konnte!


Kopfüber geht es in die Tiefe
Foto: Ingeborg Diekmann

Quetzalcoatl, der Gott mit der »fliegenden Schlange«, wurde bei den Azteken verehrt. Die Mayas kannten ihn auch, sie nannten ihn Kukulkan. In anderen Gefilden, in den Anden, lautete sein Name Viracocha. Viracocha alias Quetzalcoatl alias Kukulkan war ein Kulturbringer, der in grauer Vorzeit den Menschen Wissen schenkte. Den Mayas soll er die Geheimnisse ihres komplexen Kalenders, der mit Jahrmilliarden rechnet, anvertraut haben. Als Viracocha kam er in der mythischen Zeit der Finsternis in die mysteriöse Stadt Tiahuanaco (1).

Harold Osborne hat sich intensiv mit der verwirrenden Götterwelt Mittel- und Südamerikas beschäftigt. Sein Werk über die Mythologie Südamerikas ist leider nur in englischer Sprache erhältlich. Ausführlich wird auf göttliche Himmelsschlangen hingewiesen, die den Menschen Kultur schenkten (2).
Viracocha alias Kukulkan brachte den Menschen »die Geschenke des Lichts und der Zivilisation« (3)... so wie der verteufelte Luzifer, dessen Namen Lichtbringer bedeutet!

Die Ursprünge des Kultes um die »fliegenden Männer«, die »Vogelmenschen« verliert sich in uralten Zeiten. Bis heute wird der uralte Ritus zelebriert... sehr zum Ärger der christlichen Kirche. Nachdem der alte Brauch nicht verboten werden konnte, wurde er christianisiert. Mag sein, dass die ersten »Voladores« in Tajin (etwa 300 Kilometer nordöstlich von Mexico-City gelegen) durch die Luft tanzten. Hier siedelten schon vor 6000 Jahren Menschen, Von der riesigen Kultstadt ist bis heute erst ein Zehntel erforscht.

Der Flug der Vogelmenschen
Foto: Walter-Jörg Langbein
In Tajin wird der »Voladores-Ritus« mit besonderer Inbrunst zelebriert. Die spanischen Eroberer sahen ihn als reinen Wettkampf an, ohne religiöse Bedeutung. Nur deshalb schritten sie nicht gegen den alten Brauch ein. Die Missionare der katholische Kirche hatten tatenlos zugesehen, wie die Kultur Mittelamerikas zerstört, wie gemordet und geplündert wurde. Angesichts der »Voladores« entdeckten sie ihr Sorge um das Wohlergehen der Mayas. Sie wollten es den Voladores verbieten, sich von ihrem hohen Mast in die Tiefe zu stürzen. Das sei doch zu gefährlich. In Wirklichkeit wollten sie die Erinnerung an uraltes heidnisches Wissen tilgen. Der Kult erwies sich aber als stärker und überlebte.. bis in unsere Tage.

Anstatt zu verbieten, wird nun von der katholischen Kirche der Kult in christliche Bahnen gelenkt. Alljährlich zum Fronleichnamsfest schweben die Voladores zu Boden. Gefeiert wird die leibhaftige Gegenwart Jesu in der Oblate und im Wein. Vergessen ist längst der wirkliche Ursprung der »Voladores«... so wie die Bedeutung von »Fronleichnam« auch im christlichen Abendland nur noch einer Minderheit bekannt ist.

Ich frage mich: Werden wir je die Wahrheit über die Schlangengötter, die vom Himmel herabstiegen und in den Kosmos zurückkehrten, erfahren?

Noch ein Herabsteigender von Chichen Itza
Foto Walter-Jörg Langbein




Fußnoten(1) Tiahuanaco, Bolivien, gehört zu den mysteriösesten Orten unseres Planeten. Monstersteine unvorstellbarer Größe wurden dort wie Bauklötzchen verbaut. Ich werde in einer kommenden Folge über meine Besuche in der Ruinenstadt berichten!

(2) Osborne, Harold: South American Mythology; London 1968

(3) Osborne, Harold: South American Mythology; London 1968, Seite 74

Hinweis: Die Fotos von den Voladores entstanden bei zwei verschiedenen Aufführungen!

Dank: Ein herzliches Dankeschön an Ingeborg Diekmann, Bremen, für die Genehmigung, ihre Fotos zu publizieren!



»Tempel im Paradies«,
Teil 43 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 14.11.2010

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