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Sonntag, 22. Februar 2015

266 »Tod und Leben«

Teil 266 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Der Dom anno 1939
Es regnet in Strömen, die Straße glänzt. Eine elegant gekleidete Dame hastet über das Pflaster. Ihr Schirm, den sie aufgespannt hat, wehrt sich wacker gegen den offenbar starken Wind. Im Hintergrund sind man – recht klein – weitere Passanten, die dem Regen trotzen. Rechts vorn steht ein Mann, vielleicht ein Polizist. Er blickt zur Dame. Und links im Bild erkennt man das Portal des Doms zu Bremen.

Die Aufnahme entstand am 16. April 1939. Seit einigen Jahren sind die Nationalsozialisten an der Macht. Noch ist Frieden im »Deutschen Reich«. Japan führte allerdings schon seit Monaten einen erbitterten Krieg gegen die Sowjetunion um den Grenzverlauf. In Asien sterben Soldaten der »Kaiserlich Japanischen Armee« und der »Nationalrevolutionären Armee der Republik China«. Wer den »Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg« ausgelöst hat, das ist bis heute umstritten.

Zurück zum Dom von Bremen. Bereits anno 1638 stürzte der Südturm ein. Dombaumeister Ernst Erhardt stellt in seinem »Handbuch und Führer« (1) fest: »Wenige Jahrzehnte später wurde die Spitze des Südturms und ein Teil des Kirchendaches durch Brand zerstört. Seit jener Zeit war die ehemals stolze und stattliche Kathedrale der bremischen Erzbischöfe dem Verfall anheim gegeben, der immer weiter fortschritt und bis in die neuere Zeit dauerte.

Ein Teil der Westseite lag in Trümmern, große Flächen der ehemals fest gefügten Mauern hatte das Wetter arg zerfressen, die Portale waren zerstört, Bildwerke abgemeißelt. So bot im Westen die Kirche in ihrer Verstümmelung und Verwitterung einen unerfreulichen Anblick. Aber auch an den übrigen Seiten schritt der Verfall … fort. .. Im Inneren waren die Gewölbe durch das Ausweichen der Mauern sehr schadhaft geworden, und deckten mehrere Anstriche die alten Malereien. Die vielen Schäden, die das Gebäude in den letzten Jahrhunderten durch Feuer und Menschenhand erlitten hatte, wurden entweder gar nicht oder nur notdürftig beseitigt. Endlich, im Jahre 1888, begann eine großartige Wiederherstellung des Domes in all seinen Teilen.«

Bis zum Abschluss der Arbeiten im Jahre 1901 mussten astronomische 2 800 000 Mark fast ausschließlich von der Bremer Bürgerschaft aufgebracht werden. Um den Dom zu sichern, mussten intensive Stützungsarbeiten am Fundament vorgenommen werden. Dabei wurden die als »verschollen« geltenden Gebeine von Erzbischof Liemar (verstorben 1101 n.Chr.) wieder entdeckt.

Am 16. April 1939 entstand ein Foto in Bremen. Es zeigt zur Linken den Dom, bevor er Jahre später unmittelbar vor Kriegsende massiv von den Alliierten bombardiert und wieder beschädigt, ja teilweise zerstört wurde. (Foto 1) Man erahnt die Figuren von David, Moses, Petrus und Paulus mehr als dass man sie wirklich erkennt. Und zu ihren Füßen nimmt man die metallenen Fassadenfiguren wahr. Sie stammen aus der Zeit der massiven Renovierungs- und Neubaumaßnahmen am Dom, wurden also gegen Ende des 19. Jahrhunderts geschaffen, und zwar vom Bildhauer Küsthardt (2).

Schlange beißt Adler. Detail. Foto W-J.Langbein

Im Verhältnis zum rund tausendjährigen Dom sind sie also recht jung. Der Künstler, von dem keinerlei erklärende Kommentare zu den mysteriösen Monster- oder Fabeltieren vorliegen, war offensichtlich ein Kenner uralter Mythologie.

So verwendete er Symbole wie die Schlange, die das Christentum von sehr viel älteren Kulturen übernommen hatte. Die Schlange vom Dom zu Bremen ist freilich mehr Drachenmonster als das uns vertraute Reptil. Das Bremer Exemplar hat sogar Zähne im Maul, um bei Angriffen richtig zubeißen zu können. Bildhauer Küsthardt setzte die Schlange als das Symbol für das Böse ein, während die Schlange im Vorderen Orient allgemein sehr angesehen war und als personifizierte Weisheit und Erleuchtung verehrt wurde.

Schlange mit Zähnen. Detail. Foto W-J.Langbein

Die biblische Schlange versprach Adam und Eva die Unsterblichkeit der Götter. In Indien ließ sich der Schlangenkönig Vasuki herab, als Quirl zu dienen, wenn der mythische Milchozean geschlagen werden musste, um den Unsterblichkeitstrank herzustellen. Der Wunsch, wie die Götter zu werden, wurde zum Verhängnis von Adam und Eva. Bestraft wurde die Schlange, weil sie Eva verführt hatte. Gott nahm dem Reptil die Beine. Eva musste von nun an unter Schmerzen gebären und Adam im Schweiße seines Angesichts schuften. In der christlichen Plastik vor dem Dom zu Bremen kämpft der Adler (Symbol für das Christentum) gegen die böse Schlange (Symbol für das Böse). Noch aber ist der Kampf nicht entschieden. Das Reptil ist zwar nieder gerungen, greift aber noch an, verbeißt sich in der Pranke des Adlers.

Das Quirlen mit der Schlange Vasuki

Wenn Sie den Dom zu Bremen besichtigen, nehmen Sie sich Zeit für die von den meisten Besuchern kaum beachteten metallenen Fassadenfiguren, die ebenerdig auf Besucher warten. Ein sehr plastisch dargestellter Kampf ist besonders interessant und rätselhaft. Suchen Sie die mittlere Figur, es ist Karl der Große. Sie finden den Regenten mittig zwischen David und Moses zur linken Seite und Petrus und Paulus zur rechten Seite. Auch Karl der Große steht, so wie seine »Kollegen« rechts und links auf kurzen Sandsteinsäulen. Die Säule von Karl dem Großen steht auf einem Podest mit einem so gar nicht christlich wirkenden Kampfgetümmel. Da ist wieder der Löwe, mit mächtigem, imposantem Haupt. Der König der Tiere hat sich im Hals eines undefinierbaren Monsters verbissen, das einen Schrei ausstößt. Noch ist dieses Wesen mit schuppigem Leib – ein Drache mag es sein – nicht besiegt.

Kampf auf Leben und Tod. Foto W-J.Langbein

Am Boden aber liegt eine seltsame Kreatur mit säulenartigem, zerbrochenem Leib. Mit einer Pranke stützt sich der Löwe auf dem Hals des besiegten und zerstörten Dings auf. Das Haupt des unterlegenen Wesens ist menschlich, doch ist das Gesicht von Stahlen umgeben.

Tür zum Dom. Foto W-J.Langbein
Niemand schien sich für die Portalfiguren zu interessieren, an denen doch jeder Besucher des Doms vorbeigehen muss. Lange Zeit hatte ich vergeblich nach Literatur zu den geheimnisvollen Tierfiguren vor dem Dom gesucht. Ich habe mir Kirchenführer, Reiseführer, Abhandlungen über Kirchen und Dome besorgt. Niemand ging auf die doch recht großen Tierplastiken ein. Nach langem Recherchieren wurde ich endlich fündig. Ich fand in einem Antiquariat »Der Dom in Bremen/ Handbuch und Führer«, 1921 in Bremen erschienen. Ernst Erhardt, Dombaumeister in Bremen von 1897 bis 1901 hat es verfasst. Erhardt geht, wenn auch nur kurz, auf die Metallfiguren ein, auch auf die interessanteste Darstellung an der Domfront (4):

»Die Karl den Großen tragende Säule ruht auf einem den Drachen überwältigenden Löwen, am Boden liegt ein zertrümmertes Götzenbild. Diese Darstellung deutet auf die durch Karl begonnene und durchgeführte Niederwerfung und Bekehrung der heidnischen Sachsen hin.« Ernst Erhardt bezeichnet das zertrümmerte Ding wohl richtig als besiegten Götzen, verzichtet aber auf Vermutungen, um welchen »Götzen« es sich wohl handeln mag. Eine Vermutung liegt mehr als nur nahe. Auf einer verzierten Säule saß einst ein Haupt mit Strahlen. Es dürfte sich bei dem »Götzen« also doch wohl um eine Sonnengottheit handeln.

Sterbendes Monster im Griff des Löwen. Foto W-J.Langbein

Dr. Ingrid Weibezahn fragt (5): »Was hat es aber mit dem Kopf mit Strahlenkranz auf sich, der zu Füßen von Karl dem Großen niedergestreckt liegt, hinter sich ein Ungeheuer, das von einem Löwen an der Kehle gepackt wird? Schon oft wurden wir von Dombesuchern mit Fragen zu dieser Szene bestürmt und konnten bisher nie eine passende Antwort geben.« Sie schildert in ihrem Artikel »Rätsel der Fassadenfiguren gelöst« schließlich, wie sie dank eines Zufalls und mit detektivischem Spürsinn den »Götzen« identifizieren konnte.

Kurz gefasst: Vielleicht diente dem Bildhauer Küsthardt ein Gemälde von Alfred Rethel als Vorlage, das Karl den Großen zeigt, der soeben die Irminsul gestürzt hat. Vielleicht nahm sich der Künstler auch  ein Fresko aus dem Aachener Rathaus zum Vorbild. Wie dem auch sei: Die Irminsul wird als Statue mit einer Säule als Leib und einem Haupt mit Sonnen-Strahlenkranz dargestellt. Sie ist beim Sturz zerbrochen. Das Haupt liegt vor dem Leib, auch einige der »Sonnenstrahlen« sind abgeplatzt.

Zerbrochenes Götzenbild. Foto W-J.Langbein

Alfred Rethel (1816-1859) erinnert Dr. Ingrid Weibezahn an (5) »eine Überlieferung, nach der Karl der Große im Jahr 772 unweit der Eresburg im Sauerland ein Baum(?)heiligtum der Sachsen zerstört haben soll. Hier war nun der lang gesuchte ikonographische Zusammenhang: Ein Löwe als Symbol für die Stärke Karls (oder des Christentums, was hier quasi gleichbedeutend ist) zerfleischt ein heidnisches Ungeheuer, das Götzenbild mit dem Strahlenkranz (ein Bildnis des Germanengottes Baldur??) liegt bereits zerbrochen davor.«


Der Hinweis auf Baldur ist nicht nur interessant, sondern brisant! Baldur, auch Balder genannt, war der Sohn eines Gottes. Der Vater opferte den Sohn. Der Sohn stieg hinab in den Leib der Mutter Hel, in die Unterwelt. Aus der Unterwelt würde der göttliche Sohn zur Götterdämmerung wieder empor auf die Erde steigen. So wie Balders göttlicher Vater Odin, so opferte der biblische Gott-Vater seinen Sohn Jesus. Und so wie Balder hinab ins Totenreich stieg, so fuhr auch Jesus hinab ins Reich der Toten, nur um wieder aufzuerstehen. (6)

Haupt des Sonnengötzen. Foto W-J.Langbein

Ich bin zur Überzeugung gelangt, dass es so etwas wie einen Urglauben gibt, der in mehr oder minder variierenden Versionen zum Grundstock verschiedener Religionen wurde. Es gibt zweifelsohne den immer wieder auftauchenden »Messias«, den Retter. So wie die Natur in der Trocken oder Winterzeit scheinbar »stirbt«, so akzeptiert der »Messias« seine Opferrolle bereitwillig. So wie die Vegetation, und somit die Voraussetzung für jegliches Leben dahinschwindet, so kündigt sich auch der Opfertod des Messias an. Natürlich haben unsere Vorfahren den Zusammenhang zwischen Sonne und Leben in allen möglichen Formen erkannt. Natürlich haben sie den Sonnenzyklus verstanden, sie wussten von den Sommersonnenwenden. Am 21. Juni – zur Sommersonnenwende – steht die Sonne in ihrem Zenit, um dann tagtäglich an Kraft zu verlieren. So ist es kein Zufall, dass Balder als Sonnengott am 21. Juni getötet wird. Zur Wintersonnenwende wächst die Kraft der Sonne wieder, die »Wiederauferstehung« des Lebens – beginnend mit der kleinsten Pflanze – kündigt sich an. So ist es auch kein Zufall, dass fast genau zur Wintersonnenwende die Geburt von Jesus zelebriert wird.

Goldener Glanz der Sonne... Foto Walter-Jörg Langbein

So gab es die Opferung des Messias parallel zum »Sterben« der Natur und die »Auferstehung« des Messias parallel zum Wiedererstehen der Natur. Nach magischem Denken muss der Messias getötet werden, damit er zu neuem Leben erwachen kann… und mit ihm die Natur. Die Opferung des Messias hat seine Auferstehung zur Folge. Die Natur kann – nach magischem Denken – nur zu neuem Leben erwachen, wenn der Messias getötet wird, um wieder aufzuerstehen. Jesu Opfertod, Jesu Abstieg in die Unterwelt und neuerliche Auferstehung sind die christliche Version uralter Kulte um Sonnenkulte. Nach wie vor feiert man im Christentum zyklisch und alle Jahre wieder Geburt Jesu, Leben und Sterben Jesu, Auferstehung Jesu… Dieser Zyklus wiederholt sich immer wieder, Jahr für Jahr, so wie die Natur auch Jahr für Jahr »geboren wird«, »lebt«, »stirbt«, um wieder aufzuerstehen. Allerdings hat man im Christentum die Beziehung zwischen Messias und Natur vergessen oder verdrängt. Es geht offiziell nur noch um Leben und Auferstehung des Menschen, was durch Opfertod und Rückkehr des Messias ins Reich der Lebenden erst möglich wird.


Dank

Dr. Götz Ruempler, wohl einer der besten Kenner des Doms von Bremen, war äußerst hilfreich. Er nannte wichtige Quellen und schickte mir Fotokopien wichtiger Artikel. Ein herzliches Dankeschön geht an Dr. Ruempler! Ich möchte aber betonen, dass meine Gedanken zum Dom nicht mit Dr. Ruempler abgesprochen worden sind.

Paulus am Dom. Foto W-J.Langbein
Zu den Fotos:

(1) Das Foto entstand am 16. April 1939. Fotograf: unbekannt. Auf der Rückseite ist handschriftlich das Datum der Aufnahme vermerkt sowie der Hinweis »Portal des Doms u. Börse in Bremen (regnerisch)«.
(2) Das Quirlen mit der Schlange Vasuki wiki commons/ gemeinfrei

Alle übrigen Fotos stammen vom Verfasser. Das Copyright liegt wie immer bei Walter-Jörg Langbein!

Fußnoten

1) Erhardt, E(rnst): »Der Dom in Bremen/ Handbuch und Führer«, Bremen 1921, Seite 4 (Die Schreibweise wurde nicht der heutigen angepasst, sondern belassen!)
2) Weibezahn, Dr. Ingrid: »Rätsel der Fassadenfiguren gelöst«, »Domnachrichten« Nr. 4/ 2001, S. 10 und 11
3) Weibezahn, Dr. Ingrid: »Rätsel der Fassadenfiguren gelöst«, »Domnachrichten« Nr. 4/ 2001, S. 5
4) Erhardt, E(rnst): »Der Dom in Bremen/ Handbuch und Führer«, Bremen 1921, Seite 5
5) Weibezahn, Dr. Ingrid: »Rätsel der Fassadenfiguren gelöst«, »Domnachrichten« Nr. 4/ 2001, S. 10 und 11
6) Siehe hierzu Waddell, Augustine: »Tibetian Buddhism«, New York 1972

267 »Mumien und eine geheimnisvolle Unterwelt«
Teil 267 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 01.03.2015



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Montag, 1. März 2010

Nicht fassbar und dennoch real

Wer mich ein wenig kennt weiß, dass ich mich gern mit Themen befasse, die zwischen den Zeilen geschrieben stehen, mit Themen, die sich nicht so offen präsentieren, die im Verborgenen wirken und die oftmals schwer zu fassen oder erklärbar sind. Das können unausgesprochene Gedanken sein, die sich hinter verschleierten Worten verstecken, individuelle Erfahrungen mit Vorausahnungen, scheinbar unerklärliche „Zufälle“ und Begegnungen mit Menschen oder Situationen, in die man gerät, die einen in großes Erstaunen versetzen, weil sie Schlüsselfunktionen im Leben haben. Begegnungen und Ereignisse, die Türen mit Leichtigkeit öffnen, um deren Öffnung man vielleicht schon vergeblich viele Jahre mit allen erdenklichen Strategien gekämpft hat. Sie kommen scheinbar aus dem Nichts, völlig unerwartet und dann aus einer Richtung, aus der man sie niemals vermutet hat.

Die größte Faszination geht oft von Träumen aus. Jeder kennt das, wenn Träume am Morgen noch in Erinnerung sind und man das Bedürfnis hat, von ihnen zu erzählen. „Heute Nacht habe ich komische Sachen geträumt.“ Oder: „Ich war die ganze Nacht auf der Flucht. Dann konnte ich plötzlich fliegen.“ Diese Träume stehen in der Regel dafür, dass emotionale Belastungen im Traumgeschehen aufgearbeitet werden. Wer sich selbst nicht ganz fremd ist, ist ohne Hilfe in der Lage, sie zu deuten und herauszufinden, welche Problematik sich da meldet und geklärt werden will. Hilfreich sind sie und wer ihnen Aufmerksamkeit schenkt, kann durch sie herausfinden, wo er in seinem Leben Korrekturen vornehmen kann.

Es gibt noch andere Traumarten. Einer der sehr viel intensiver ist und der in keiner Weise verschlüsselt oder verwirrend daherkommt, ist der sogenannte Klartraum. Er ist sehr viel mehr als eine Verarbeitung bereits erlebter Situationen und präsentiert sich nach dem Aufwachen nicht als verschwommene Erinnerung, dessen Fetzen man sich nur mit Mühe wieder in Erinnerung rufen kann. Klarträume sind nicht an Tages- oder Nachtzeiten gebunden und sie sind schon gar keine Erlebnisse, die man als normalen Traum empfindet.

Die Erinnerung an Klarträume ist von der Qualität her, wie die Erinnerung an reale Geschehnisse. Klarträume enthalten unverschlüsselte Aussagen, die den Träumer während des Träumens nicht emotional belasten. Er ist neutraler Beobachter. Und so mancher Klartraum enthält Bilder und Aussagen, die künftige Ereignisse vorwegnehmen. Das kann bis zum Voraussehen von Todesfällen gehen. Ebenso können aber kleinere, scheinbar banale Dinge im Traum, einige Tage bevor sie geschehen, vorweg erlebt werden. Man bezeichnet diese Art des Träumens als luzides Träumen.

Menschen, die derartige Klarträume haben, ohne sie bewusst hervorzurufen, haben es nicht leicht. Denn sie stellen schnell fest, dass sie, sobald sie von diesen Träumen erzählen, in die Schublade „kleiner Spinner“, gesteckt werden. Tatsächlich aber hat das Klarträumen weder etwas mit Spinnerei noch mit esoterischem Klamauk zu tun. Im Gegenteil, Klarträumen ist eine uralte Technik, die sich gut trainieren lässt. Da diese Träume mit etwas Übung steuerbar sind, können sie zur Leistungssteigerung genutzt werden. Auch Psychotherapeuten nutzen diese Technik des Träumens, um bei Klienten Prozesse in Gang zu bringen, die es erleichtern Probleme und Verhaltensmuster aufzuschlüsseln.

Wer unwillentlich Klarträume hat, empfindet sie erstaunlicherweise nicht als beängstigend, wie man vermuten könnte. Das Erstaunen steht im Vordergrund, wenn man Klarträume erkennt. Während des Klarträumens weiß der Träumer sehr genau, dass er träumt, und ist sich auch bewusst, dass er in dem Augenblick Bilder und Informationen bekommt, die eine Bedeutung für sein reales Leben haben. Ich habe keine Ahnung, wie es möglich ist, dass man zukünftige Geschehnisse vorausträumen kann. Es ist auch müßig, darüber zu theoretisieren oder zu glauben, dass man irgendwelche geheimnisvollen Mächte beherrscht, zu denen nur Auserwählte berufen sind. Im Gegenteil, das Klarträumen ist ein wunderbares reales Werkzeug, mit dessen Hilfe man sich, ohne weitere Hilfsmittel wie Räucherwaren, Zaubersteinen und geheimnisvollen Ritualen, auf schwierige Lebenssituationen vorbereiten kann.

Spontane Klarträume, in denen der Tod von Angehörigen oder Freunden vorausgeträumt wird, treten immer wieder auf. Wer jetzt glaubt, dass man mit diesem Wissen, das Ereignis verhindern kann, muss enttäuscht werden. Denn umgehen oder verhindern, kann man das vorausgeträumte Ereignis nicht. Das wäre ein Widerspruch in sich.

„Wozu dann das Ganze?“, mag man jetzt denken. Das habe ich mich auch lange gefragt, bis mir auffiel, dass zum Beispiel Todesfälle, die das eigene Leben beeinflussen, völlig anders verarbeitet werden und die Wucht des unvorhergesehenen Geschehens, das betroffenen Menschen förmlich den Boden unter den Füßen fortreißt, durch Klarträume abgepuffert wird. Was nicht bedeutet, dass man sich leichten Herzens von lieben Menschen verabschiedet und keine Trauer oder Sehnsucht mehr empfindet. Doch ist der Umgang mit dem Verlust von völlig anderer Qualität. Es gibt viele Beispiele aus der Geschichte, wo Menschen nachweislich ihren eigenen Tod oder den von Freunden und Bekannten vorausgeträumt haben. Abraham Lincoln z.B. hat seine Ermordung vorausgeträumt. Auch die Ermordung John F. Kennedys wurde vorausgeträumt, und noch kurz bevor die Schüsse fielen, warnte eine anonyme Anruferin eindringlich.

Das Band, das das reale Leben zwischen Menschen webt, reißt nach dem Tod nicht ab. Wer die Technik des Klarträumens bewusst anwenden kann, der kann auch mit verstorbenen Freunden und Angehörigen kommunizieren. Dazu benötigt es nicht zwingend spiritistischer Sitzungen oder irgendwelcher Hilfsmittel. Wenngleich bestimmte Zeremonien manchen Menschen helfen können, sich leichter auf die Bewusstseinsebene, auf der Klarträume stattfinden, einzulassen.

Dabei geht es beim Klarträumen durchaus nicht immer um den Tod. In gesteuerten Träumen lassen sich auch positive Ereignisse erkennen und vor allem Lösungen für Alltagsprobleme in Beruf, Schule und Familienleben finden.

Echte Schamanen rufen deshalb seit Menschengedenken die Ahnen als Ratgeber an. Sie sind in der Lage, konkrete Probleme mit ihnen zu „beraten“, indem sie um Hilfe und Hinweise bitten. Ich habe bewusst keine konkreten Beispiele für Klarträume in diesem Artikel aufgeführt, weil ich der Ansicht bin, dass sie lediglich dazu dienen würden, den zweifelhaften Kult um esoterische Geschäftemacherei weiter hochzupuschen. Schamanismus hat leider, dank skrupelloser Scharlatane, die mit zweifelhaften Methoden und Firlefanz, Menschen hinter das Licht führen und ihre Gutgläubigkeit ausnutzen, um sich finanziell an ihnen zu bereichern, einen schlechten Ruf. Das ist sehr bedauerlich, denn tatsächlich ist die Möglichkeit des Klarträumens und des Vorhersehens, einfach ein wunderbares Werkzeug, das Menschen zur Verfügung steht, um ihr Leben besser zu verstehen, mit Schwierigkeiten besser umzugehen und aus ihnen ungeheure Kraft und Zuversicht zu erlangen. Mit dem man Zukunftsängste verlieren kann, Probleme analysieren, Entscheidungen treffen und sich sogar auf Prüfungen und besondere Leistungen vorbereiten kann. Eines aber sind Klarträume nicht: ein Allheilmittel für alles und jeden, und schon gar kein Zaubermittel oder eine magische Technik, die man in teuren Kursen erlernen muss, für die man abtauchen muss, in weltfremde Geistergeschichten und Engelswelten. Im Gegenteil, je selbstverständlicher man die Möglichkeiten des Klarträumens in sein Leben integriert, desto tiefer und müheloser können sie wirken.

Bei kleinen Kindern kann man das Klarträumen sehr oft beobachten. Immer wieder erzählen sie von Begebenheiten, von denen sie eigentlich nichts wissen können, weil sie noch nicht oder auch sehr weit fort stattgefunden haben. Das Erstaunen ist dann bei Eltern oft groß, wenn sich ein oder zwei Tage später genau das Ereignis einstellt, das das Kind zuvor als Traum beschrieben hat. Mit zunehmendem Alter lässt die Anzahl der Klarträume bei den meisten Menschen nach - oder die Erinnerung daran. Dennoch lässt sich diese Fähigkeit jederzeit wieder aktivieren. So kann beispielsweise auch das Autogene Training, sobald man es erlernt hat und regelmäßig praktiziert, in Klarträume und erweiterte Seinszustände führen. Auch andere Entspannungs- und Konzentrationsübungen eignen sich dafür sehr gut. Eine gute Zeit für Übungen, um Klarträume zu haben, ist die Einschlafphase vor einem kurzen Mittagsschlaf oder die Aufwachphase beim morgendlichen Erwachen. Natürlich kann man sich auch abends vor dem Nachtschlaf darin üben, allerdings gleitet man, bedingt durch eventuelle starke Müdigkeit, leicht übergangslos in einen traumlosen Tiefschlaf.

Träume sind ein Bestandteil unseres Daseins. Sie erfüllen einen Zweck und erweitern unsere Handlungsmöglichkeiten. Wer es versteht, sie als Werkzeug einzusetzen, so wie alle anderen körperlichen Fähigkeiten auch, wird schnell spüren, welches Potential in ihnen steckt.

© gcroth
Aktuelles Lesefutter: "Bestatten, mein Name ist Tod!"
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Montag, 28. Dezember 2009

Leseprobe zu "Maskerade des Todes"

Manchmal wird man in eine Geschichte regelrecht hineingezogen, da genügen schon wenige Sätze. Mal sehen ob dies mit diesen doch etwas vermehrt vorhandenen Sätzen ebenfalls gelingt.
Wohlgemerkt, dies ist nicht das gesamte 1. Kapitel. Da kommt noch mehr!




1. Kapitel


Rokokoklänge schwebten durch den Saal, bis hinauf auf die Galerie, die spritzigen Klänge schienen in Form von Lichtspiralen für das menschliche Auge sichtbar zu werden. Gleich fröhlich springenden Lichtpunkten erfüllten sie die duftgeschwängerte Luft. Die in allen Regenbogenfarben schillernden Kristalle des riesigen Lüsters brachen das Licht in tausend strahlende Sterne, die funkelnd an den Wänden tanzten.
Die Stimmung des Maskenballes war bereits auf dem Höhepunkt angekommen. Mitgerissen von Musik und Alkohol taumelte die fröhliche, bunt maskierte Menge losgelöst durch die Nacht. Der Festsaal wurde erfüllt von Lachen und einem undefinierbaren Stimmengewirr. Die Szenerie war berauschend. Venezianische Kostüme, wohin das Auge blickte. Eine farbenfrohe Schar von Gauklern wogte durch die Räume des hochherrschaftlichen Hauses und erging sich in sinnloser Genusssucht.
Eine gewisse Neigung zur Dekadenz konnte man den Anwesenden nicht absprechen. Ohne Hemmungen wurde dem Alkohol zugesprochen, Kaviarhäppchen in nahezu unanständigen Mengen verdrückt und geraucht, was die Lunge aufnehmen konnte.
Die Vielfalt der aufwendigen Kostüme ließ ein Wirrwarr an Eindrücken im Auge des Beobachters entstehen. Es ergab sich manch ungewöhnliche Gruppierung, bestehend aus Personen unterschiedlichster Ausstrahlung, die begründet durch ihr jeweiliges Kostüm an diesem einen Abend einen Lebensstil ausdrücken durften, der ihnen im wahren Leben so fernlag, wie eine fremde Galaxie.
Die kantige Maske des Bauta stand neben dem Dottore mit der Schnabelnase, ebenso gesellte sich die elegante Halbmaske der Comica zum schwarz-weißen Domino. Es tanzten die federgeschmückten Damen mit den Herren, die als langnasige Zanni oder harlekinähnliche Jollone verkleidet waren.
Der Blick über die Balustrade offenbarte Caitlin eine beinahe uneingeschränkte Aussicht auf das feiernde Volk im Saal unter ihr. Ihre hinter einer rot-goldenen Halbmaske funkelnden braunen Augen verfolgten das Geschehen aufmerksam. Sie suchten das Augenscheinliche, das Auffällige, die böse Absicht hinter der Maske des Guten.
In der perfekten Verkleidung als Colombina mischte sie sich ihrem Auftrag getreu an diesem Abend unter die Gäste. Sie hätte eine dezentere Maskerade vorgezogen, doch ihr Auftraggeber ließ ihr das blutrote Kostüm mit dem weiten Rock zukommen und in Ermangelung einer venezianischen Nacht angemessenen Verkleidung ließ sie sich auf das Rokokokostüm ein.
Zu ihrem eigenen Erstaunen war sie in dieser Maskerade tatsächlich kaum noch wiederzuerkennen. Ihre braune Mähne mithilfe eines Lockenstabes zu einer Masse an Korkenzieherlocken in Form gebracht, auf dem Hinterkopf zusammengebunden, wirkte sie wie die leibhaftige Wiedergeburt einer lebensfrohen Dame, die dieser Zeit entsprungen zu sein schien. Die kunstvoll verschnörkelte Maske mit weißen und roten Rauten, umrahmt von goldenen Spitzen und liebevoll detailgetreu verziert mit gemalten Musiknoten gab ihrem Aussehen eine Spur von Verspieltheit. Wer sollte hinter diesem Bildnis reinster Weiblichkeit schon einen bewaffneten Detektiv erwarten?
Und doch befand sich unter dem knöchellangen Rock an ihrer rechten Wade eine kleine jederzeit einsatzbereite Pistole. Sie war nicht zu ihrem Vergnügen hier. Auch wenn sie sich eingestehen musste, dass sie tatsächlich so etwas wie Vergnügen bei diesem Auftrag empfand.
Ganz gegen ihre Erwartung stellte sich die Veranstaltung nicht als überkandidelte Party für reiche Emporkömmlinge dar. Hier versammelte sich der alte Adel mit Familiennamen, die älter waren als das Gebäude, in dem sie sich derzeit befanden. Und das wies immerhin einen Steinquader über dem Türstock auf, der mit der eingemeißelten Inschrift „Anno 1638“ auf sein Entstehungsjahr verwies.
Die wenigen Neureichen waren leicht aus der Menge herauszufiltern. Am besten zu erkennen an den vielen Hinweisen im Verlauf eines Gesprächs auf Besitztum in Form von nahezu unbezahlbaren Kunstgegenständen, Schmuck, Autos, Immobilien. Geradezu eine Einladung an jeden Dieb, sich demnächst einmal in deren Häusern umzusehen.
Angelegentlich ließ sich Caitlin zu Beginn des Abends durch die Menge treiben. Schnappte hier einen Gesprächsfetzen auf und erblickte dort eine lohnende Beute am Hals einer aufwendig herausgeputzten, maskierten Dame. Nach Kurzem gab sie es auf, die Werte, die hier offen zur Schau getragen wurden, hochzurechnen. Kein Wunder, dass der Gastgeber um die Reichtümer seiner Gäste und vor allem um den unbezahlbaren Diamanten seiner Frau fürchtete.
Und genau an diesem Punkt kam sie ins Spiel. Caitlin Napier, Privatdetektivin, in ihrem Berufszweig eine anerkannte Spezialistin für Diebstahls Vor- und Nachsorge sowie die damit verbundene Wiederbeschaffung von Diebesgut.
Mark MacBannister, aktueller Auftraggeber und steinreicher Finanzjongleur kam eines Tages in ihr bescheidenes Büro und verkündete, dass er einen Tipp bekommen hätte. Der Diamantanhänger seiner Frau solle das Ziel eines Raubes werden. Da sich hierfür der venezianische Abend geradezu anbot, bei all dem Trubel, der dann in seinem Haus herrschen würde, kam er zu dem Schluss, dass es das Klügste wäre, eine erfahrene Person als drittes Auge zu engagieren.
Das Erstaunen über die emanzipierte Entscheidung eine Frau für diesen Job zu wählen hielt sich nur sehr kurz. Dann folgte die Erklärung seitens MacBannisters, dass er hoffe, sie könnte sich unauffällig den ganzen Abend, als Freundin der Familie getarnt, an die Fersen seiner Frau heften und ein wachsames Auge auf den Schmuck haben. Für die echte Überwachungsarbeit habe er natürlich ein richtiges Wachunternehmen engagiert, dessen Männer sich an den Ausgängen postieren würden.
In Caitlins Augen eine falsche Entscheidung. Ein geübter Dieb kam niemals auf die Idee, das Gebäude durch eine der Türen zu verlassen. Dass der Diebstahl eines derart auffälligen Stückes nicht lange verborgen blieb, war selbstverständlich. In der allgemeinen Aufregung nach Entdeckung des Verlustes war es für den Dieb wesentlich einfacher durch ein Fenster, oder über das Dach zu entkommen.
Sie beließ den leicht blasiert daherkommenden MacBannister in dem Glauben sie würde den gesamten Abend, gleich einem treuen Schoßhund neben seiner Frau verweilen, und schmiedete währenddessen bereits an einem weitaus besseren Plan.
Und genau diesen setzte sie im Augenblick in die Tat um. Im Vorfeld besorgte sie sich eine Gästeliste und nahm die geladenen Personen genauestens unter die Lupe. Was bei einer Menge von knapp über vierhundert Leuten keine Kleinigkeit war. Aber es kam nicht auf ihren Lebenslauf oder Ähnliches an, sie benötigte einen Blick auf Alter und Gesichter, um später die Möglichkeit zu haben Vergleiche mit den Anwesenden anzustellen. Und sollte da auch nur ein Gesicht auftauchen, das dort nichts zu suchen hatte, war sie fündig geworden und konnte den Dieb festnageln, ehe auch nur Diamantstaub verschwunden war.
Natürlich verfügte sie nicht über ein derart ausgezeichnetes Gedächtnis, sich alle vierhundert Gesichter einprägen zu können. Aber die moderne Technik in Form eines Handys, ausgestattet mit Speicherkarte machte es möglich Fotos jederzeit griffbereit zu haben. Frühzeitig wurden zu alte Personen aus der Liste herausgenommen, die restlichen 280 jüngeren Kandidaten kamen in die engere Auswahl. Von diesen fanden letztendlich nur etwa 75 Personen ihren Weg auf die SD-Karte, da die anderen 205 zur Prominenz der Stadt zählten und es mehr als unwahrscheinlich anmutete, dass einer von ihnen ein professioneller Dieb sein könnte. Immer noch eine fast unkontrollierbare Menge an möglichen Dieben, aber immerhin ein Anfang.
Bereits eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung postierte sich Caitlin unauffällig im Eingangsbereich und wartete auf ihren Einsatz. Mit Eintreffen der ersten Gäste begann der Gedächtnismarathon.
Manche Gesichter erkannte sie ohne Vergleich mit den Handydaten, an anderer Stelle sah sie sich gezwungen auf ihr kleines Hilfsmittel zurückzugreifen. Letztendlich musste sie nach Eintrudeln der letzten geladenen Gäste erkennen, dass sie sich reichlich viel vorgenommen hatte. Zwar war ihr niemand direkt ins Auge gesprungen, aber sie musste nach kurzer Zeit feststellen, dass es ein Ding der Unmöglichkeit darstellte, schnell genug auf jedes Foto zuzugreifen, um einen Vergleich anstellen zu können.
Besonders kompliziert gestaltete sich hierbei die Maskierung. Anhand von Augenpartien, Gesichtsstrukturen und besonderen Kennzeichen, wie Leberflecken und Ähnlichem konnten bestimmte Personen vergleichsweise problemlos herausgefiltert werden. Doch es blieb der überwiegende Rest an Menschen, die an diesem Abend kaum zu unterscheiden waren.
Ein wenig ratlos brachte Caitlin anschließend eine Weile in der unmittelbaren Nähe der Gastgeberin zu, ganz wie es sich der treu sorgende Gatte vorgestellt hatte.
Dieser Zustand war jedoch in ihren Augen untragbar und wenig konstruktiv. Daher kappte sie nach etwa eineinhalb Stunden das selbst auferlegte Schlepptau und bewegte sich unauffällig über die breite Treppe nach oben, zu der Balustrade, die den Saal fasst vollständig umlief. Sie suchte sich eine Stelle, von der aus sie einen guten Rundblick über das Geschehen hatte, und behielt die lilafarben gekleidete Gastgeberin, mit ihrer auffälligen Federmaske im Blick.
Diese schien ihren Schutzengel längst vergessen zu haben und vermisste ihn auch nach einer weiteren Stunde nicht. Wäre die fröhliche Musik im Stile von Rondo Veneziano nicht unablässig ein Begleiter Caitlins gewesen, sie hätte fast so etwas wie Langeweile empfunden. Es war eben doch ein Unterschied, ob man nur stundenlang an einer Balustrade lehnte und das tobende Leben um sich herum ausschließlich beobachtete, oder ob man am Leben aktiv teilnahm.
Das lila Zielobjekt bewegte sich unablässig zwischen Tanzfläche und Gruppen von Gästen hin und her, wogte durch den Raum gleich der Gezeiten des Meeres. Immer in ein unwirkliches Licht getaucht, das der Diamant an ihrem Hals erzeugte. Das elektrische Licht der Kandelaber brach sich in den Prismen des Edelsteines und erzeugte so einen Regenbogeneffekt auf seiner Besitzerin.
Hin und wieder leistete sich Caitlin den Luxus den Blick über die Menge schweifen zu lassen, um nach auffälligen Personen Ausschau zu halten. Dass einzig auffällige blieben jedoch die aufwendigen Kostüme der Gäste. Niemand schien sich in irgendeiner Form verdächtig zu benehmen oder allzu häufig den Kontakt zu der diamantenen Versuchung aufzunehmen.
Der Reigen aus Farben und Düften umschwebte Caitlin lullte ihren wachen Geist jedoch keinen Augenblick des Abends ein. Sie nahm in aller Deutlichkeit wahr, wenn ein Raucher an ihr vorbeiging und eine Duftnote von erkaltetem Rauch hinter sich herzog. Sie sog die verschiedenen sündhaft teuren Damendüfte in ihre empfindliche Nase ein und verdrängte so gut es ging manch ekelerregenden Schweißdunst aus ihrem Gedächtnis. Sie lauschte dem Klirren von aneinander schlagenden Kristallgläsern, vernahm das glockenhelle Lachen mancher Dame und die herben männlichen Lacher.
Plötzlich wurde ihre Aufmerksamkeit auf eine einzelne Person gelenkt, die den Raum von ihr unbemerkt durch eine der Terrassentüren betreten haben musste. Seine Hand ruhte noch auf dem Türgriff, sein Blick glitt suchend über die Menge aus Menschenleibern.
Es war unnötig ihr Handyfotoarchiv zu aktivieren, um einen Vergleich mit dieser Person anzustellen. Dieser Mann war zweifelsohne nicht darin enthalten, sie hätte sich die auffällige Gestalt eindeutig eingeprägt.
Er maß mit Sicherheit an die 1,90 Meter, war breitschultrig und ausgesprochen gut gebaut. Die sportliche Statur fiel vor allem durch die perfekte Körperhaltung auf. Stolz und aufrecht überragte er die meisten der um ihn Herumstehenden.
Sein schwarzes schulterlanges Haar trug er in einem der Zeit seines altertümlichen Kostüms angemessenen im Nacken zusammengefassten Pferdeschwanzes. Von seinem Gesicht war so gut wie nichts zu erkennen. Die geschickt gewählte Maskerade, bestehend aus einer Vollmaske in Gestalt des Volto, in den Farben Gold-grün-schwarz verdeckte sein gesamtes Gesicht. Doch damit nicht genug, er trug einen Dreispitz, den er keck leicht nach hinten geneigt auf seinem Haupt platziert hatte.
So sehr sich Caitlin von ihrem Platz aus auch anstrengte, sie konnte unmöglich einen Eindruck seines Gesichtes gewinnen. Die Augen wurden von jeweils einer grünen und einer schwarzen Raute umspielt, ebenso wie die Kinnpartie der Maske seitenverkehrt jene Rauten aufwies und seinem optischen Versteckspiel damit weiter Vorschub leistete.
Im Gegensatz zu den meisten Kostümen erschien das seine eher unauffällig. Erst auf den zweiten, genaueren Blick hin konnte man erkennen, dass es sich bei der Farbe seiner engen Hosen, die in kniehohen Reiterstiefeln ausliefen, nicht um Schwarz handelte. Sie waren moosgrün, schillerten nur, wenn das Licht sich im richtigen Winkel brach. Die eng anliegende, ebenfalls dunkelgrüne Uniformjacke wurde von goldenen Litzen auf der Brust zusammengehalten. Ein weiter schwarzer Umhang umfloss seine beeindruckende Gestalt als er sich wie es schien nach einer kleinen Ewigkeit in Bewegung setzte und unter das Volk mischte.
Neben ihm wirkten die anderen Gäste trotz ihrer auffälligen Kostüme geradezu blass und nichtssagend. Seine eleganten Bewegungen erweckten den Eindruck, als würde er eher schweben denn gehen. Merkwürdigerweise schien seine imposante Erscheinung keinem der Umstehenden bemerkenswert genug, um auf ihn aufmerksam zu werden. Sie ignorierten seine Gegenwart vollständig.
Wie hypnotisiert verfolgte Caitlin von ihrem Aussichtsposten aus seinen Weg durch die Menge. Es wirkte, als würde er ganz unmotiviert neben dem einen oder anderen Gast stehen bleiben, um ein Weilchen dessen Gespräch zu verfolgen. Nur um sich dann wieder in Bewegung zu setzen und kurz darauf neben einem anderen falschen Venezianer zu verweilen, um das Spiel des Lauschens zu wiederholen.
Konzentriert beobachtete sie jede seiner Bewegungen. Sie erwartete jeden Augenblick einen seiner Arme unter dem Umhang auftauchen zu sehen, um geschickt unbemerkt ein kostbares Schmuckstück von Hals oder Arm seines Besitzers zu entfernen.
Doch nichts dergleichen geschah. Sein Interesse schien ganz und gar den Gesprächen zu gelten.
Wieder verharrte er im Stillstand und beugte den Kopf leicht nach vorne, als wäre diese Unterhaltung von besonderem Interesse für ihn. Dann geschah es in einem Sekundenbruchteil. Seine bisher unsichtbare, schwarz behandschuhte Hand tauchte unter dem Umhang auf.
Bis in die Zehenspitzen gespannt verfolgte Caitlin die Bewegung seiner Hand. Allerdings raubte er nicht etwa die herrlichen Ohrringe der Dame zu seiner Rechten, die wahrlich ein verlockendes Objekt gewesen wären. Nein, seine Hand verweilte für einen kurzen Augenblick in der Luft auf Höhe ihres Hinterkopfes, nur um sich dann zur Faust zu ballen und wieder unter dem Umhang zu verschwinden.
Ähnliche Szenen wiederholten sich noch mehrmals auf seinem Weg durch den Saal. Niemals berührte er eine der Personen, immer schwebte seine Hand etwa zehn Zentimeter über Punkten des Körpers des jeweiligen Gastes, nur um dann ungenutzt wieder unter dem Umhang Schutz zu suchen.
Seine Schritte führten ihn während Caitlins heimlicher Observierung nicht einmal in die Nähe ihres Schutzobjekts. Die Hausherrin hielt sich am anderen Ende des Saales auf und trug weiterhin unangetastet ihren Diamanten.
Trotzdem gab sein Verhalten Caitlin Rätsel auf. Seine fliesenden Bewegungen trugen ihn in Richtung der großen Treppe, dann änderte er unvermutet seinen Weg und verschwand aus ihrem Blickwinkel. Er musste sich nun direkt unterhalb ihres Beobachtungspostens befinden.
Hastig beugte sie sich über die Brüstung und suchte in der wogenden Menge unter sich nach seiner markanten Erscheinung. Von ihrem Platz aus konnte sie nun nur noch seinen Kopf mit dem Dreispitz von oben erkennen. Der Umhang umspielte seinen Körper derart geschickt, dass er aus Caitlins Position vollkommen schwarz geworden zu sein schien. Wenn sie sich nicht auf den Dreispitz konzentrierte verschmolzen seine Konturen unweigerlich mit dem schwarz-weißen Schachbrettmuster des Marmorbodens.
Er wurde umringt von einer Gruppe gackernder, verwöhnter Millionärstöchter, doch keine Einzige schien ihn wahrzunehmen. Sie plapperten weiter, kicherten hinter vorgehaltener Hand und stießen sich scherzhaft in die Rippen. Aber nicht er war der Grund ihrer Heiterkeit. Ein jüngerer Mann, weitaus weniger attraktiv, schien die gesammelte Aufmerksamkeit der Hühner auf sich gelenkt zu haben. Kaum dass er sich ihnen zuwandte, begannen sie ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Nicht eine der aufwendig herausgeputzten Damen nahm den Mann mit dem Dreispitz wahr. Wie war das möglich?
Caitlin beugte sich noch ein wenig weiter über die Balustrade hinaus, um besser sehen zu können.

©Sylvia Seyboth

Meine Romane auf amazon:
Vampir in Untermiete: O`Donaghue-Chroniken Teil 1
Rebellion der Vampire: O`Donaghue-Chroniken - Teil 2
Maskerade des Todes
Seele im Glashaus

Meine Internetseite:
http://www.sylviaseyboth.cms4people.de/

Sonntag, 13. Dezember 2009

Krimi: Elke Müller-Mees stellt sich vor

Ein Gedicht passend zur Jahreszeit:

Kerzenschein und Plätzchenduft,
Weihnachten liegt in der Luft.
Ja, das Christkind kommt nun bald
aus dem weißen Winterwald.
Drum zünden wir die Kerzen an,
damit es uns auch finden kann.


Der Anfang ist das Wichtigste beim Schreiben. Deshalb hier also der Anfang meines Krimis „Blutfährte“. Er verrät natürlich nicht, was folgt, aber …

1. KAPITEL

Kurt Alexi verlangsamte das Tempo, keuchte. Verdammt, nur eine Runde im Nordpark! Er fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirnglatze. Sein Sweatshirt war klitschnass, sein Schweiß roch beißend. Nach Mäusepisse.
Weniger rauchen, dachte er. Aber sein innerer Schweinehund winkte ab. He, und was ist mit den zwei, drei Flaschen Altbier am Abend? Den Chips? Willst du auf die etwa auch verzichten?
Außerdem war es kein Wunder, dass er bei diesem lauen Novemberwetter aus allen Poren schwitzte. Im Schein der Straßenlaternen glänzte das Pflaster. Eine Decke aus feuchtwarmen Schwaden von Nebel und Abgasen lag über der Stadt.
Alexi lief um die Ecke, trabte an den Häuserfronten entlang. Noch hundert Meter, dann hatte er es geschafft. Kurz duschen, dann den Fernseher an und die Füße hoch. Gut, manch einer mochte das langweilig finden. Ihm gefiel das gar nicht so schlecht. Eines Tages würde er ganz groß herauskommen. Dann würden sich alle wundern.
Er überquerte auf Höhe der U-Bahn-Station die Kaiserswerther Straße und bog rechts in die Friedrich-Lau-Straße ein. Das Erste, was er sah, war die Martinslaterne, Sterne und ein dicker Mond. Dann bemerkte er den Schatten auf dem Bürgersteig. Ein Bündel Lumpen, das jemand auf dem Weg zum Container fallen gelassen hatte? Ein Mantel? Alexi zwinkerte. Ein Besoffener. In dieser Gegend? Er lächelte hämisch und verfiel in Schritt.
Blondes Haar, der Rock war hochgerutscht, das linke Bein angewinkelt. Im Ausschnitt der Bluse wohlgeformte Brüste. Das gefiel Alexi. Plötzlich gefror das anzügliche Grinsen auf seinem Gesicht. Er schluckte einmal, zweimal. Er legte den Kopf in den Nacken und starrte nach oben. Vier Stockwerke. Wer von da oben hier unten ankam, konnte nur noch ein Haufen Fleisch, Knochen, Blut und verspritzte Gehirnmasse sein.

Elke Müller-Mees.

Das sei verraten: Ich bin Autorin zahlreicher Bücher und lebe als freie Schriftstellerin in Mülheim an der Ruhr.

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Samstag, 14. November 2009

„Bestatten, mein Name ist Tod!“, Teil II

(Auszug)

- unveröffentlicht -
© gcroth, 13.11.2009


...

Hermann beschloss, die alte Kiste von David, die seit seinem Verschwinden, unberührt in der Ecke des Friedhofbüros stand, mit seinem Spaten aufzubrechen. Zu seinem Erstaunen stellte er fest, dass sie nicht verschlossen war. Modergeruch stieg ihm in die Nase, als er den verstaubten Holzdeckel öffnete. Kein Wunder, unsortiert lagen Knochen, Schlüssel, Zettel, schmutzigen Socken, Fotos, Zigarettenkippen, Tabakreste und leere Rotweinflaschen darin. Ein Dutzend polierte Rattenschädel fischte er angewidert aus dem Durcheinander heraus und legte sie in einer Reihe an die Schreibtischkante.

Hermann hatte sich das Gruseln schnell abgewöhnt, nachdem er Davids Totengräberjob übernommen hatte. Doch beim Anblick vier kleiner Kinderschädel, die unter all dem Gerümpel zum Vorschein kamen, packte ihn das nackte Grausen. Plötzlich hatte er das Gefühl, David würde hinter ihm stehen und ihn jeden Augenblick hinterrücks angreifen. Erschrocken sprang er auf und drehte sich um. Doch da war nichts. Sein Herzschlag raste und der Schweiß brach ihm aus. Hermann wagte kaum zu atmen, während er mit aufgerissenen Augen in die Stille horchte.

„O.K., O.K., David“, Hermann griff nach den Rattenköpfen und warf sie hektisch zurück in die Kiste, „es geht mich ja eigentlich auch nichts an.“ Während er vorsichtig die Kinderschädel zurücklegte, fiel ihm ein Bündel Briefe auf, das unter diversen zerdrückten Farbtuben hervor guckte. Er zögerte, sah sich noch einmal um, ob auch wirklich niemand im Raum war, dann griff er das Bündel, das mit einem schmutzigen Zwirn zusammengehalten war, klappte den Deckel der Kiste zu und schob sie zurück in die Ecke.

„Abschiedsbrief für David“ stand auf dem obersten Cuvert. Hermann setzte sich auf die Pritsche, streifte das Band vom Briefpacken ab und drehte den Brief um. „Susanne, 8. Oktober 1997“ stand dort.
Von einem Abschiedsbrief, den Susanne hinterlassen haben soll, hatte Sieberts ihm nie etwas erzählt. Er öffnete den Brief. Als er das Papier herauszog, fiel ein Ring heraus und rollte über den Boden, quer durch dem Raum und blieb vor der Kiste in der Ecke liegen.

8. Oktober 1997
Hallo David,
wenn du diesen Brief liest, werde ich schon weit fort sein von dir. Weiter noch, als du jemals reisen kannst, in deinem Leben. Ich könnte dir endlose Seiten schreiben und dir erklären, weshalb ich nicht mehr bleiben kann. Aber das alles ist hundertfach gesagt und tausendfach in dir verhallt. Und wenn du, wie schon so oft, sagen wirst, dass du verlassen wurdest, dann soll dieser Brief mein Zeuge sein, dass niemand dich jemals verlassen hat. Denn du bist wie ein Raum ohne Fenster und ohne Türen. Unerreichbar lebst du in einer fremden einsamen Welt, die kein Mensch betreten kann. Du allein könntest diesen Raum verlassen, um Teil des Lebens anderer zu werden, um Freude und Leid teilen zu können, um Freunde und Geborgenheit geben und nehmen zu können. Doch das wird niemals geschehen.

Nein, wenn ich gehe, wirst du genauso einsam sein, wie du es immer warst. Vielleicht wirst du verstehen, dass ich heimlich gehen muss, denn ich möchte nicht das gleiche Schicksal erleiden, wie „die Frau“, die angeblich von einem „Wildtier“ gerissen wurde. Und sei dir gewiss, ich kenne den wahren Grund für ihren Tod. Und eines Tages wird die ganze Wahrheit ans Licht kommen. Das bin ich mir und all denen schuldig, die auf deinem Weg erfroren und verloren gegangen sind.


Totengräber
weinen nicht


Erstickendes Schweigen
der Sprachlosigkeit
eliminiert erbarmungslos
Lebenslust.

Anspruchsloser Ausdruck
der Abwesenheit
vermittelt gnadenlose
Gleichgültigkeit.

Versteckter Schmerz
der Einsamkeit
flieht heimlich
der Welt.

Ausgebremste Wut
der Hilflosigkeit
schleudert abgehackte
Worte.

Verweigernder Rückzug
der Vemeintlichkeit
straft bewegungslos
was Hände reicht.

Alle Mühe war vergebens.

Annehmende Akzeptanz
der Unmöglichkeit
heilt blutende Wunden
der Hoffnungslosigkeit.

Erschöpftes Loslassen
der Ziellosigkeit
erfrischt hoffnungsvoll
zukünftige Zeit.

Einsamkeit
erstarrt.

Leben
bewegt.

Gruß Susanne, die sonnenhungrig nach Leben durstet.


Herrmann war aufgesprungen und lief erregt im Raum hin und her. Seine Gedanken überschlugen sich, immer mehr geriet er in Aufregung, während er die Zeilen wieder und wieder überflog. Das waren doch nicht die letzten Worte einer Selbstmörderin! Abrupt griff er nach seiner Taschenlampe, eilte hinaus in die Dunkelheit, hastete den Kiesweg entlang und blieb atemlos vor Susannes Grab stehen. Er leuchtete den Grabstein ab. Da stand es: Gest. 10. Oktober 1997. Das war zwei Tage, nachdem der Brief geschrieben wurde. Susanne wollte David also verlassen! Sollte der Unfall am Kastanienbaum gar kein Unfall gewesen sein? Wieder und wieder wanderte sein Blick hin und her und verglich das Datum auf dem Stein mit dem Datum des Briefes. Fragen huschten durch seine verwirrten Gedanken. Wo war David geblieben? Warum war er nach Susannes Beerdigung wie vom Erdboden verschluckt? Hatte nichts mitgenommen, außer seinem Motorrad? Er sah sich um. War da ein Geräusch? Er leuchtete mit der Taschenlampe die Umgebung ab und lauschte angestrengt in die Nacht. Eine eigenartige Stimmung lag über dem Friedhof und wieder hatte Hermann das Gefühl, dass etwas Bedrohliches ganz in seiner Nähe war.

© gcroth, 13.11.2009
Fortsetzung im II. Band „Bestatten, mein Name ist Tod!“ Erscheinungstermin: Sommer 2010.
Hier geht es zum Band I, "Bestatten, mein Name ist Tod!"






Freitag, 30. Oktober 2009

Ausbruch - eine Versuchung

Bärbel tupfte mit dem Küchenpapier sorgfältig die gewaschenen Pilze trocken, bevor sie sie in Viertel schnitt. Die frischen Schnittstellen verströmten ihren betörend erdigen Duft, der sich schnell in der Küche ausbreitete. Sie legte das Messer fort, lächelte versonnen, ging zum Fenster, öffnete es und ließ die kühle Herbstluft herein. Dann stellte sie den Topf mit Wasser auf den Herd und legte sanft die Pilze hinein. Im letzten Oktober hatte sie die Pilze vergeblich gesucht. Sie waren noch schwieriger zu finden als Trüffel und wuchsen nur unter ganz bestimmten Wetterbedingungen. Dieses Jahr hatte sie mehr Glück.

Während das Wasser zu sieden begann, setzte Bärbel sich auf den Stuhl, der seinen Platz am Fenster hatte. Von hier aus konnte sie die Menschen auf der Straße beobachten, ihren immer gleichen Träumen nachhängen und schon von Weitem sehen, wenn er nach Hause kam. Sie kochte gern für Bruno. Vielleicht, weil es das Einzige war, was er an ihr zu schätzen schien. Als sie damals in die gemeinsame Wohnung zogen, war es des Kindes wegen, das sie von ihm erwartete. Eine stürmische Verliebtheit, die schnell verging, nachdem sich der Alltag eingestellt hatte. Sobald das Kind aus dem Gröbsten heraus war, wollte Bärbel wieder arbeiten gehen und sich von Bruno trennen.

Doch irgendwie schien es, als käme das Kind nie aus dem Gröbsten heraus. Immer wieder fand Bärbel, dass der richtige Zeitpunkt noch nicht gekommen war.
„Mich wirst du nie mehr los“, hatte Bruno die ersten Jahre oft zu ihr gesagt, während er sie in den Arm nahm. Bärbel empfand seine Worte als stetige Wiederholung einer Drohung, die sie mehr und mehr einengte, je länger ihre Beziehung dauerte.
Bruno war für sie der ewig kleine Junge, der sich auf den Schaumkronen der Lebenswellen hin- und herwerfen ließ. Er hatte keine Pläne, keine Ziele, keine Ansprüche. Er nahm alles, wie es kam. Sie selbst eingenommen.

Wann immer sie versuchte, Bruno in ihre Träume und Lebenspläne hereinzuholen, wich er ihrem Blick aus und tat, als hörte er ihre Worte nicht. Nie kam ein Ja oder ein Nein. Die Jahre vergingen ohne Höhen und Tiefen, als hätten sie endlos Zeit.

Wie in Trance stand Bärbel auf, ging zum Herd, stellte die Temperatur niedriger und legte den Deckel auf den Topf. Dann hackte sie eine Zwiebel klein, zerdrückte die Knoblauchzehen und gab noch eine Handvoll seiner Lieblingskräuter hinzu. Eine kräftige Mischung, die das herbe Aroma der Pilzsoße ausgleichen sollte. Den Reis vom Vortage erwärmte sie in der Mikrowelle.

Während Bärbel das Kalbsfilet in schmale Streifen schnitt, versuchte sie sich seinen Gesichtsausdruck vorzustellen, wenn sie ihm eröffnen würde, dass sie endlich eine Entscheidung getroffen habe. Sie briet das Fleisch kurz an, löschte es mit der Pilzbrühe ab und legte den Deckel auf die Pfanne. Dann setzte sie sich wieder auf ihren Stuhl ans Fenster.



Ein Glucksen, gefolgt von einem kurzen hysterischen Lacher, entfuhr ihr, während sie sich vorstellte, wie es sein könnte, wenn sie Bruno während des Essens eröffnete:
„Du wirst mich heute verlassen“.
Er würde sicherlich, ohne vom Teller aufzublicken, antworten:
„Du weißt doch, dass du mich nie mehr los wirst! Warum sollte ich dich verlassen?“
„Es ist nicht mehr deine Entscheidung.“
„Ich verstehe dich nicht.“
„Ich weiß.“
„Darf ich wenigstens erfahren, weshalb?“, würde er sie vielleicht noch fragen, während bleierne Müdigkeit ihn überfiele.
„Ich habe es dir fünfzehn Jahre lang erklärt. Jetzt bleibt keine Zeit mehr, das Gift wirkt schon.“

Überschwänglich fischte Bärbel mit der Kelle die Pilze aus dem Kochwasser und warf sie in die Glut des Ofens. Dann dickte sie den Sud im Topf an und fügte Ingwer, Salz und Chili hinzu. Je schärfer die Soße, desto besser schmeckte sie ihm. Sie hasste ihn dafür. Jede noch so fein abgeschmeckte Mahlzeit verdarb er mit seinen scharfen Gewürzen. Heute sollte seine Leidenschaft ihr ein Helfer sein.
Der Reis war fertig. Leise summend deckte sie sorgfältig den Tisch. Als Bruno die Haustür aufschloss, stellte sie gerade die Sauciere vor seinen Teller und setzte sich auf den gegenüberliegenden Platz.

Bruno beugte sich grußlos zu ihr herab, küsste sie kaum spürbar auf die Stirn und setzte sich an den Tisch. Er lud sich den Teller bis zum Rand mit Reis und Fleisch voll. Bärbel hielt den Atem an, als er sich reichlich Soße darüber goss. Noch konnte sie zurück. Noch konnte sie es verhindern. Sie brauchte ihm nur den Teller fortzunehmen und nichts würde geschehen. Aber wie hätte sie das begründen können?

„Bärbel?“ Seine Stimme riss sie - von weit her - wie aus tiefem Schlaf heraus.
„Geht es dir nicht gut?“, fragte Bruno, als er ihr bleiches Gesicht sah. Sie zuckte zusammen und sah ihn einige Sekunden verwundert an, dann schüttelte sie schnell den Kopf.
„Nein, nein, es ist alles in Ordnung“, stotterte sie verwirrt. „Es ist nur – ich, ich habe keine Pfifferlinge im Wald gefunden. Deshalb habe ich Champignons für die Soße genommen, es tut mir leid, ich weiß, dass du sie nicht so gern isst.“
„Das macht nichts, es schmeckt hervorragend! Vielleicht hast du nächstes Mal mehr Glück.“
Bärbel starrte Bruno hilflos an. „Ja – ja“, stammelte sie und senkte den Blick verwirrt auf ihren Teller. Ein schmerzhaftes Gefühl der Enttäuschung durchflutete ihren Körper und mischte sich gleichwohl mit Erleichterung. Wieder war es nur in ihrer Fantasie geschehen. „Das nächste Mal habe ich vielleicht mehr Glück“, wiederholte sie kaum hörbar seine Worte.

Nach dem Essen ging Bruno pfeifend hinunter in seine Werkstatt. Bärbel schaltete das Radio ein. Heiße Tränen fielen ins Abwaschwasser. Schweigend nahm sie die leeren Champignongläser und brachte sie hinaus in den Glascontainer auf dem Hof.

Draußen schien ihr die Herbstsonne warm ins Gesicht. Sie schloss die Augen und atmete tief ein und aus. „Nächstes Mal bestimmt“, flüsterte sie - und langsam kam das Lächeln zurück.

(c) gcroth
Mehr "Glück" hatten andere bei der Umsetzung ihrer Mordpläne ...



Donnerstag, 1. Oktober 2009

Tabu und Tod


Auf mein Buch "Bestatten, mein Name ist Tod!" gab es durchaus unterschiedliche Reaktionen. Einige Leser fanden die Storys teilweise recht hart, für andere lagen die Erzählungen noch im akzeptablen Rahmen.

Dass die Meinungen über das Buch auseinandergehen würden, war mir natürlich klar, bevor ich das Buch schrieb. Auch, dass gefragt werden würde, was mich dazu getrieben hat, ein Buch über so schreckliche Todesarten zu schreiben. Die Antwort ist einfach. Weil diese Dinge nun einmal geschehen. Ein altes Markenzeichen meiner Geschichten ist mein Motto: "Meine Geschichten enthalten immer einen wahren Kern. Manche geraten während sie geschehen zu einem Desaster, andere erst, wenn ich sie aufschreibe." Und das gilt natürlich für alle Lebensbereiche. Genauso wie ich heitere Kurzgeschichten über alltägliche Widrigkeiten und Situationskomik schreibe, schreibe ich auch über die vielfältigen Möglichkeiten, dieses Leben wieder zu verlassen.

Es ist leider eine Tatsache, dass nicht jeder Mensch friedlich, des Nachts oder mittags entschlummert. Manch einer muss sich lange quälen bis zur erlösenden Sekunde, mancher muss viel zu früh gehen und gar nicht so selten, bestimmen andere, wann einem die Stunde schlägt. Bestatter und Totengräber erleben diese Situationen immer wieder. Morde geschehen, Unfälle, die keine sind, und Selbstmorde, die nicht selbst entschieden wurden. Der Tod hat nicht nur friedliche Gesichter. Der Tod kann sehr dramatisch daherkommen.

Insgesamt ist das Thema Sterben und Tod noch immer ein großes Tabu. Auch das erleben Bestatter täglich. Verstorbene sollen so schnell wie möglich zu Hause abgeholt werden, weil Angehörige sich vor ihnen fürchten oder ekeln. Und manch einer verzichtet sogar auf das Abschiednehmen am offenen Sarg, die nackte Angst im Nacken, bis endlich die Erde alles verdeckt hat.

Tatsächlich ist aber für die Hinterbliebenen gerade der direkte Kontakt mit dem Verstorbenen eine unglaublich wichtige und tröstliche Erfahrung. Noch einmal die Hand zu halten, über das Haar zu streichen und vielleicht noch ein Wort zu sagen, dass man im Leben, versäumt hat, auszusprechen. Immer wieder hört man anschließend die Menschen sagen: "Sie oder er sah so friedlich aus." Oder: "Es war ganz anders, als ich befürchtet hatte. Es war, als schliefe er oder sie." In der Tat ist der Kontakt mit dem verstorbenen Menschen ein wertvoller Augenblick im eigenen Leben, der einem auch die Angst vor dem eigenen Sterben, der eigenen Endlichkeit nimmt.

Auch unnatürliche, gewaltsame Tode sind tabu- und angstbehaftet, obwohl sie täglich geschehen. Warum sollte man darüber nicht schreiben? Warum sollten diese Dinge nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt werden? Menschen sind grausam zu Menschen. Das darf man sich genauso ehrlich ansehen, wie die heiteren Seiten des Lebens. Welchen Sinn hat es, Dinge aus dem Leben auszublenden? Sind sie dann nicht mehr vorhanden? Doch, sie sind immer noch da und sie geschehen weiterhin. Es sei denn, man lässt solche Geschichten an sich heran, lässt sie wirken, macht sich klar, dass auch das ein Teil des Lebens ist. Vielleicht wird man etwas sensibler im Umgang mit seinem und dem Leben anderer, wenn man spürt, dass die erzählten Geschichten sich an tatsächlichen Ereignissen orientieren. Vielleicht schaut man etwas genauer hin, und vielleicht lässt sich dadurch manches Unglück verhindern und mancher Schmerz vermeiden. Wer in dem Bewusstsein lebt, dass sein Leben zu Ende gehen wird, und niemand weiß, wann und auf welche Weise dies geschehen wird, kann sich versöhnen mit seinem eigenen Tod. Diese Hilfe können nicht die Lebenden geben, sondern nur die Verstorbenen.
Das Erzählen und Aufschreiben von dramatischen Todesfällen und Unfällen ist eine Möglichkeit, mit den Entsetzlichkeiten umzugehen und zu verarbeiten. Nicht zuletzt - und auch da sollte man ehrlich sein - eine Prise Voyeurismus steckt in jedem Menschen. Dramatische Dinge mitzuerleben, ohne selbst direkt betroffen zu sein, ist ein Bedürfnis, das ganz und gar menschlich ist. Man findet die unglaublichsten Geschichten in alten Märchenbüchern oder auch in der Bibel. Selbst in Zeiten, in denen es noch keine Bücher gab, wurden Schlachten, Kämpfe, Waffen-und Giftmorde in Rinden und Felsen geritzt dargestellt.

Und letztlich weiß nur ich, Bestatter Olbers und natürlich der verschwundene Totengräber David, was an meinen Geschichten wahr ist und was nicht. Aber ein Körnchen Wahrheit, aus dem die Storys entstanden sind, steckt in jeder einzelnen Erzählung.

Neulich hörte ich übrigens, dass David auf dem Friedhof gesehen wurde, mitten in der Nacht, bei Vollmond. Wer weiß, vielleicht treffe ich ihn demnächst dort wieder und wer mag, kann wieder ein Buch lesen, mit seinen ungewöhnlichen Erlebnissen.

g.c.roth

Donnerstag, 24. September 2009

Kopflose Liebe


Jan war ein begnadeter Fußballspieler und Trainer der Jugendmannschaft. Sein perfekt proportionierter Körper, die durchtrainierten Muskeln, seine strahlend blauen Augen, die aus seinem stets leicht gebräunten Gesicht stachen, waren eine Augenweide und suggerierten Kraft und Ausdauer. So war es kein Wunder, dass die Zahl seiner weiblichen Fans fast ebenso hoch war, wie die der männlichen. Jan hatte bei aller Disziplin, die er für sein Fußballtraining mühelos aufbrachte, eine große Schwäche für schöne Frauen.

Es lag nahe, dass er neben der Anerkennung für seine sportliche Leistung, von seinen Teamkollegen deshalb auch eine gute Portion berechtigtes Misstrauen entgegengebracht bekam. Wenn auch nicht jede Frau sich ihm gänzlich hingab, so war kaum eine einem Flirt abgeneigt. Besonders bei den regelmäßigen Feiern nach den Fußballspielen verschwand Jan schon mal mit der einen oder anderen weiblichen Begleitung seiner Teamkollegen für ein Weilchen. Jan machte auch nicht Halt vor Julia, der Frau seines Nachbarn Arnold. Dem Mann war unlängst bei einem Unfall der rechte Arm abhandengekommen. Seit dieser Zeit war er ein mürrischer unleidlicher Kerl. Jan war der Ansicht, dass er mit dem Arm auch seinen Status als ganzer Mann verloren hatte und Julia dadurch auf keinen vollwertigen Partner mehr zugreifen konnte.

Julia hingegen hatte seinen Flirtversuchen bisher nicht nachgegeben. Dieser Umstand stachelte Jans Jagdtrieb an. Es gab ihm einen besonders starken Kick, wenn er eine Gelegenheit witterte, Julia ein wenig zu provozieren und ihr mehr oder weniger diskret den Hof zu machen. Im Laufe der Jahre war es eine fixe Idee von ihm geworden, diese hübsche Frau wenigstens ein einziges Mal in Besitz nehmen zu können. Arnold war das nicht entgangen, und schon einige Male hatte er Jan gedroht:
„Wage es ja nicht, meine Frau anzufassen, dann lernst du mich kennen ...“
Jan lachte über die offensichtliche Eifersucht, schlug ihm in so einem Augenblick kumpelhaft auf die armlose Schulter und sagte mit einem ironischen Unterton in der Stimme:
„Mensch, Arnold, mach dir keine Sorgen, es ist doch nur ein Spaß!“
Arnold mochte dieses kumpelhafte Verhalten nicht und schüttelte Jans Hand von seiner Schulter ab und ging ihm nach Möglichkeit aus dem Weg.

Die Grundstücke der beiden Männer waren durch eine zwei Meter hohe, immergrüne Eibenhecke voneinander getrennt. Arnold hatte sie vor Jahren angelegt, als es ihm auf die Nerven ging,dass Jan immer wieder sein Grundstück betrat, um mit fadenscheinigen Argumenten Kontakt zu Julia aufzunehmen. Und das immer zu Zeiten, während Arnold sich außer Haus befand.

Auf einer der sommerlichen Grillpartys, die die Bewohner der Straße abwechselnd reihum veranstalteten, hatte Julia einer Nachbarin freimütig erzählt, dass sie am liebsten völlig unbekleidet in der Sonne liege, um sich zu bräunen und zu entspannen. Jan hatte das Gespräch im Vorbeigehen aufgeschnappt und daraufhin auf seiner Grundstücksseite einige Zweige der Hecke entfernt, sodass er einen ungestörten Blick auf Arnolds Pool hatte. Tatsächlich ergab sich von da an für ihn öfter die Gelegenheit, Julia bei ihren Sonnenanbetungen zu beobachten. Bisweilen beschlich ihn das Gefühl, dass sie ihn bemerkt hatte, wenn sie sich plötzlich aufsetzte und ihr Blick suchend die Hecke entlang glitt. Jan wich in solchen Momenten einen Schritt nach hinten und Julia legte sich nach einer Weile beruhigt wieder auf ihrer Liege zurück.

Es war an einem heißen Sonntagnachmittag im Hochsommer. Durch die Hitze der vorherigen Tage war die Luft stickig und trocken. Wer immer es möglich machen konnte, war ansWasser gefahren. Auch Jan verließ gut gelaunt das Haus, um den Nachmittag am Strand zu verbringen. Er ging pfeifend seine Auffahrt hinunter zu seinem VW-Bus, den er am Abend vorher auf der anderen Straßenseite geparkt hatte.

Natürlich konnte er nicht an der Hecke entlang gehen, ohne nachzusehen, ob Julia es sich eventuell auf ihrer Liege am Pool bequem gemacht hatte. Er blieb an der Stelle stehen,wo er die Eiben gelichtet hatte, schob einige dünne Zweige zur Seite und beugte sich leicht in die Hecke hinein.

Tatsächlich kletterte Julia gerade splitternackt aus dem Schwimmbecken. Jan war begeistert. Ihr schöner Körper faszinierte ihn immer wieder. Jetzt glänzte ihre nasse braun gebrannte Haut in der Sonne und ihr langes schwarzes Haar lag wie eine Stola über ihren Schultern. Mit sanft wiegenden Hüftbewegungen, die ihre straffen Pobacken vibrieren ließen, ging Julia zur Liege, legte sich hin und reckte und streckte sich genüsslich. Hin und wieder stieß sie einen lustvollen Seufzer aus. Jan fragte sich wieder, ob Julia diese Show nicht doch nur für ihn abzog und genau wusste, dass er schmachtend hinter der Hecke stand. Möglicherweise genoss dieses kleine Biest es sogar, sich so vor ihm darzustellen. Das herrliche Wetter, der Anblick dieses perfekten Körpers und die lustvolle Art wie Julia sich bewegte, machten Jan richtig heiß. Er spürte, wie die Geilheit in ihm hochkroch, und dass er, verdammt noch mal, endlich diese Frau flach legen wollte. Er war drauf und dran, sein Versteck preiszugeben und Julia durch die Hecke hindurch zu einem Eiskaffee am Strand einzuladen.

Plötzlich traf ihn ein heftiger Schlag auf seinen linken Oberarm. Jan verlor das Gleichgewicht und stolperte in die Hecke. Sein Arm schmerzte höllisch. Als er verwirrt aufsah, stand breitbeinig und schnaufend Arnold vor ihm. Wutverzerrt sein Gesicht. In seiner linken Hand
hielt er einen Baseballschläger.
„Hab ich dich endlich auf frischer Tat erwischt, du Schwein“, brüllte er außer sich, „ich werd' dich anzeigen wegen Belästigung und sexueller Nötigung, du perverse Sau!“
Jans Arm schmerzte unerträglich. Wut stieg in ihm auf. Nur mit Mühe kam er wieder auf die Beine und hielt sich mit der rechten Hand den schmerzenden Oberarm. Fassungslos schrie er zurück:
„Spinnst du? - Du hättest mich auch am Kopf treffen können! Was soll die
Scheiße?“
„Der nächste Schlag wird auch genau dort landen!“ brüllte Arnold zurück und hob erstaunlich zügig mit seinem linken Arm den schweren Baseballschläger, erneut drohend in die Höhe.
„Lass den Quatsch – du bist doch krank!“, schrie Jan, duckte sich und wich erschrocken zwei Schritte zurück.
„Quatsch?“, wiederholte Arnold hysterisch. Er wurde zusehends wütender.
„Das nennst du Quatsch? Du mieses Arschloch stehst hier hinter der Hecke und geilst Dich an meiner Frau auf! Soll ich dabei vielleicht noch zusehen?“
„Was redest du denn da“, versuchte Jan ihn zu beruhigen, „ich bin auf dem Weg zu meinem Auto, dabei habe ich zufällig einen Blick in deinen Garten geworfen! Das kannst du mir nicht vorwerfen. Kein Mann würde wegsehen bei dem Anblick!“
„Du willst mich wohl verarschen“, brüllte Arnold und ließ wieder den Baseballschläger auf Jan niedersausen. Jan versuchte, sich wegzudrehen. Diesmal traf der Schläger seine rechte Schulter. Noch einmal strauchelte Jan und flog zurück in die Hecke.
„Wenn ich dich noch einmal dabei erwische, dass Du meiner Frau nachstellst,— ich bring dich um!“, brüllte Arnold. Er trat mit dem Fuß nach Jan, der stöhnend in der Hecke lag,drehte sich um und schickte sich an, Jans Grundstück zu verlassen.

Jetzt platzte Jan der Kragen. So hatte ihn noch niemand behandelt ...


Die Fortsetzung und weitere Storys finden Sie in
"Bestatten, mein Name ist Tod!"
Friedhofsgeschichten aus dem Leben gerissen.

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