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Dienstag, 30. November 2010

Die letzten Worte von Susanne


Text u Bilder: gcroth / Sprecherin: Sylvia B.

Ich bin nicht gegangen.
Denn ich hatte dir mein Wort gegeben.
Ich habe dich nicht betrogen,
dich nicht belogen und dir nichts verschwiegen.
Ich habe zu dir gehalten.

Auch, nachdem du meine Freunde vertrieben hattest,
... du hast ja keine.
Auch noch, als du meine Kinder mit deiner Lieblosigkeit brechen wolltest,
so, wie du deine Kinder gebrochen hast.
Auch noch, als du mein Bett gemieden hast,
weil dich die kleinen Hände nach Rumänien zogen.
Auch noch, als ich vor Einsamkeit an deiner Seite erfroren bin.

Weißt du noch, als ich dich damals im Scherz fragte, ob du weißt, was du tust?
Nein! Du wusstest nicht was du tust und du weißt es bis heute nicht.
Und du wirst es niemals wissen.
In deiner Wiege lag ein Fluch, der dich bis heute begleitet.
Dich und Deine Söhne, Deine Brüder und Neffen.
Und alle Menschen, die dein Leben streiften und streifen sind mit verflucht.
Du wurdest in diese Welt geworfen,
um anderen Menschen Seelenhölle zu bereiten.
An deiner Seite können nur Tote überleben.

Du schmückst dich mit großen Namen in geschriebenen Worten.
In der Hoffnung, dass ein wenig Glanz auf dich abfärbt.
Aber nichts davon, hat mit dir zu tun.
Denn du selbst bist eisiges Schweigen. Totenstarre.

Hast die Mütter deiner Kinder ausgeraubt und ausgelaugt.
Deine Kinder betrogen um ihre Zukunft, für deine vergnügliche Gegenwart.
Lügen, betrügen, demütigen und den Menschen ein Grab bereiten,
das ist deine Bestimmung. Ignoranz und Rattigkeit sind deine hervorragenden Eigenschaften.

Und wieder hast du eine Blüte gepflückt, um sie zu brechen.
Wie klein du bist.
So klein, dass ich erst jetzt erkenne, weshalb dich all die Jahre panische Angst vor Ratten verfolgt hat.
Sie werden dich finden. Sind schon ganz nah.
Du hast ihnen die lebendigen Köpfe mit bloßen Händen abgerissen, sie werden dich holen ... in jeder Nacht ... wenn du schläfst... werden sie kommen... an dir nagen mit ihren giftigen, gelben Zähnen ... und dich bei lebendigem Leibe fressen. Nacht für Nacht ein wenig mehr, es gibt kein entrinnen.

Dieser Fluch wird dich begleiten, bis ans Ende deiner Zeit. Und er gibt dir die Schmerzen, Verletzungen und Demütigungen, die du Zeit deines Lebens, ohne Reue an die Menschen, die es gut mit dir gemeint haben, ausgeteilt hast, zurück. Von nun an, jede Sekunde, jede Stunde deines restlichen Daseins.

Totenstarrer Totengräber — Dein Name wird nie mehr genannt.

Mehr von Susanne, den Bestattern und Totengräbern lesen Sie in:
"Bestatten, mein Name ist Tod!" Friedhofsgeschichten aus dem Leben gerissen.

Freitag, 30. Oktober 2009

Ausbruch - eine Versuchung

Bärbel tupfte mit dem Küchenpapier sorgfältig die gewaschenen Pilze trocken, bevor sie sie in Viertel schnitt. Die frischen Schnittstellen verströmten ihren betörend erdigen Duft, der sich schnell in der Küche ausbreitete. Sie legte das Messer fort, lächelte versonnen, ging zum Fenster, öffnete es und ließ die kühle Herbstluft herein. Dann stellte sie den Topf mit Wasser auf den Herd und legte sanft die Pilze hinein. Im letzten Oktober hatte sie die Pilze vergeblich gesucht. Sie waren noch schwieriger zu finden als Trüffel und wuchsen nur unter ganz bestimmten Wetterbedingungen. Dieses Jahr hatte sie mehr Glück.

Während das Wasser zu sieden begann, setzte Bärbel sich auf den Stuhl, der seinen Platz am Fenster hatte. Von hier aus konnte sie die Menschen auf der Straße beobachten, ihren immer gleichen Träumen nachhängen und schon von Weitem sehen, wenn er nach Hause kam. Sie kochte gern für Bruno. Vielleicht, weil es das Einzige war, was er an ihr zu schätzen schien. Als sie damals in die gemeinsame Wohnung zogen, war es des Kindes wegen, das sie von ihm erwartete. Eine stürmische Verliebtheit, die schnell verging, nachdem sich der Alltag eingestellt hatte. Sobald das Kind aus dem Gröbsten heraus war, wollte Bärbel wieder arbeiten gehen und sich von Bruno trennen.

Doch irgendwie schien es, als käme das Kind nie aus dem Gröbsten heraus. Immer wieder fand Bärbel, dass der richtige Zeitpunkt noch nicht gekommen war.
„Mich wirst du nie mehr los“, hatte Bruno die ersten Jahre oft zu ihr gesagt, während er sie in den Arm nahm. Bärbel empfand seine Worte als stetige Wiederholung einer Drohung, die sie mehr und mehr einengte, je länger ihre Beziehung dauerte.
Bruno war für sie der ewig kleine Junge, der sich auf den Schaumkronen der Lebenswellen hin- und herwerfen ließ. Er hatte keine Pläne, keine Ziele, keine Ansprüche. Er nahm alles, wie es kam. Sie selbst eingenommen.

Wann immer sie versuchte, Bruno in ihre Träume und Lebenspläne hereinzuholen, wich er ihrem Blick aus und tat, als hörte er ihre Worte nicht. Nie kam ein Ja oder ein Nein. Die Jahre vergingen ohne Höhen und Tiefen, als hätten sie endlos Zeit.

Wie in Trance stand Bärbel auf, ging zum Herd, stellte die Temperatur niedriger und legte den Deckel auf den Topf. Dann hackte sie eine Zwiebel klein, zerdrückte die Knoblauchzehen und gab noch eine Handvoll seiner Lieblingskräuter hinzu. Eine kräftige Mischung, die das herbe Aroma der Pilzsoße ausgleichen sollte. Den Reis vom Vortage erwärmte sie in der Mikrowelle.

Während Bärbel das Kalbsfilet in schmale Streifen schnitt, versuchte sie sich seinen Gesichtsausdruck vorzustellen, wenn sie ihm eröffnen würde, dass sie endlich eine Entscheidung getroffen habe. Sie briet das Fleisch kurz an, löschte es mit der Pilzbrühe ab und legte den Deckel auf die Pfanne. Dann setzte sie sich wieder auf ihren Stuhl ans Fenster.



Ein Glucksen, gefolgt von einem kurzen hysterischen Lacher, entfuhr ihr, während sie sich vorstellte, wie es sein könnte, wenn sie Bruno während des Essens eröffnete:
„Du wirst mich heute verlassen“.
Er würde sicherlich, ohne vom Teller aufzublicken, antworten:
„Du weißt doch, dass du mich nie mehr los wirst! Warum sollte ich dich verlassen?“
„Es ist nicht mehr deine Entscheidung.“
„Ich verstehe dich nicht.“
„Ich weiß.“
„Darf ich wenigstens erfahren, weshalb?“, würde er sie vielleicht noch fragen, während bleierne Müdigkeit ihn überfiele.
„Ich habe es dir fünfzehn Jahre lang erklärt. Jetzt bleibt keine Zeit mehr, das Gift wirkt schon.“

Überschwänglich fischte Bärbel mit der Kelle die Pilze aus dem Kochwasser und warf sie in die Glut des Ofens. Dann dickte sie den Sud im Topf an und fügte Ingwer, Salz und Chili hinzu. Je schärfer die Soße, desto besser schmeckte sie ihm. Sie hasste ihn dafür. Jede noch so fein abgeschmeckte Mahlzeit verdarb er mit seinen scharfen Gewürzen. Heute sollte seine Leidenschaft ihr ein Helfer sein.
Der Reis war fertig. Leise summend deckte sie sorgfältig den Tisch. Als Bruno die Haustür aufschloss, stellte sie gerade die Sauciere vor seinen Teller und setzte sich auf den gegenüberliegenden Platz.

Bruno beugte sich grußlos zu ihr herab, küsste sie kaum spürbar auf die Stirn und setzte sich an den Tisch. Er lud sich den Teller bis zum Rand mit Reis und Fleisch voll. Bärbel hielt den Atem an, als er sich reichlich Soße darüber goss. Noch konnte sie zurück. Noch konnte sie es verhindern. Sie brauchte ihm nur den Teller fortzunehmen und nichts würde geschehen. Aber wie hätte sie das begründen können?

„Bärbel?“ Seine Stimme riss sie - von weit her - wie aus tiefem Schlaf heraus.
„Geht es dir nicht gut?“, fragte Bruno, als er ihr bleiches Gesicht sah. Sie zuckte zusammen und sah ihn einige Sekunden verwundert an, dann schüttelte sie schnell den Kopf.
„Nein, nein, es ist alles in Ordnung“, stotterte sie verwirrt. „Es ist nur – ich, ich habe keine Pfifferlinge im Wald gefunden. Deshalb habe ich Champignons für die Soße genommen, es tut mir leid, ich weiß, dass du sie nicht so gern isst.“
„Das macht nichts, es schmeckt hervorragend! Vielleicht hast du nächstes Mal mehr Glück.“
Bärbel starrte Bruno hilflos an. „Ja – ja“, stammelte sie und senkte den Blick verwirrt auf ihren Teller. Ein schmerzhaftes Gefühl der Enttäuschung durchflutete ihren Körper und mischte sich gleichwohl mit Erleichterung. Wieder war es nur in ihrer Fantasie geschehen. „Das nächste Mal habe ich vielleicht mehr Glück“, wiederholte sie kaum hörbar seine Worte.

Nach dem Essen ging Bruno pfeifend hinunter in seine Werkstatt. Bärbel schaltete das Radio ein. Heiße Tränen fielen ins Abwaschwasser. Schweigend nahm sie die leeren Champignongläser und brachte sie hinaus in den Glascontainer auf dem Hof.

Draußen schien ihr die Herbstsonne warm ins Gesicht. Sie schloss die Augen und atmete tief ein und aus. „Nächstes Mal bestimmt“, flüsterte sie - und langsam kam das Lächeln zurück.

(c) gcroth
Mehr "Glück" hatten andere bei der Umsetzung ihrer Mordpläne ...



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